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Geſchichte der Chalifen.
Nach
handſchriftlichen, größtentheils noch unbenützten
Quellen bearbeitet
von
Dr. Guſtav Weil,
a. 0. Profeſſor der morgenländiſchen Sprachen und Bibliothekar an der Uni—
verſität Heidelberg, Mitgliede der Aſiatiſchen Geſellſchaft zu Paris und der
deutſchen Morgenländiſchen zu Halle — Leipzig.
Erſter Band
vom Tode Mohammeds bis zum Untergange der Omejjaden, mit
Einſchluß der Geſchichte Spaniens, vom Einfalle der Araber bis
zur Trennung vom öſtlichen Chalifate.
433945
14. 1.49
a2 oss0
Mannheim.
Verlag von Friedrih Baffermann,
—
1846,
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Vorrede.
Ermuthigt durch die Anerkennung, welche mein
vor drei Jahren bearbeitetes „Leben Mohammeds“ in
Betreff der gewiſſenhaften Ausbeutung und Sichtung
der Quellen gefunden, übergebe ich den Freunden der
hiſtoriſchen Literatur den erſten Band der Chalifenge—
ſchichte, mit der Verſicherung, daß das mir von
mehreren Seiten geſchenkte Vertrauensvotum keine
andere Wirkung gehabt, als mich in meinen Ar—
beiten noch ängſtlicher und vorſichtiger zu ma—
chen. Uebrigens bitte ich nur den Leſer um die
geneigte Vorausſetzung, daß die mir zugänglichen
Quellen ſorgfältig unterſucht und jede geſchichtlich wich—
tige Thatſache hervorgehoben und treu wiedergegeben
wurde; über die Folgerungen, die ich daraus gezogen,
=
kann er felbjt urtheilen, denn ich habe auch hier, wie
es -in jedem, Fritifcher Vorarbeiten entbehrenvden *)
und aus handferiftlihen Duellen gefhöpften Werfe,
nothmwendig ift, in den Noten, über alle neuen, oder
son meinen Vorgängern abweichenden Facta und An-
fihten, Rechenfchaft abgelegt. Der gelehrte Hiftorifer
wird fich leicht überzeugen, daß auch bei der in dieſem
Bande behandelten Periode, es noch immer fehr ſchwie—
rig bliebe, das durch orientalifhe Phantafie, moham-
medanifche Orthodoxie und politifchen Parteigeift ent-
ftellte Material kritiſch zu fichten und aus dieſem Ge-
webe von Verblendung und Lüge die nackte hiftorifche
Wahrheit herauszufinden. Wagte es doch felbft ver
Ueberfeger des Tabari, ver faft allen fpätern perfifchen
Hiftorifern zum Mufter diente, wie man aus mehreren
in den Anmerfungen zu gegenmwärtigem Bande mitge-
*) Eine gedrängte Darftellung der in diefem Bande bearbeite
ten Geſchichte, von ©. Flügel, findet man in dem 36ten Theil der
Allgem. hiftor, Tafchenbibliothef (S. 14—108). Wenn hier mande
Verſehen gerügt werden, fo geſchah es Feineswegs in der Abficht,
die Verdienfte diefes wackern DOrientaliften zu fchmälern. Es kann
mir überhaupt nicht in den Sinn kommen, dur Berichtigungen, die
ich in die Noten verflechte, eine hyperkritiſche Mädelei an den Tag
legen zu wollen. Es gefhieht nur, um Srrthümer, die aus bekann—
ten Büchern ins größere Publicum gedrungen find, ein für allemal
zu befeitigen.
hi
tbeilten Stellen erfehen Fann, nicht nur Manches, was
ibm unwefentlich fchten, oder in fein Syſtem nicht
paßte, auszulaffen, fondern fogar feinen Autor fürm-
ich zu fälfhen, was mochten ſich erft felbftitändige Hi-
ftorifer erlauben, die unter gar Feiner Controle ftan-
den? Die Sunniten warfen einen dichten Schleier
über alle Mängel, welche an den vier erften Chalifen,
den alten Gefährten und Verwandten des Propheten,
bafteten. Die Schitten ftatten befonders Alt und feine
Nachkommen mit allen erdenklichen Tugenden aus.
Die Anhänger des Haufes Abbas bemühen fih, uns
die Omejjaden als die verworfenften Menfchen darzu—
ftellen. Die frommen Mufelmänner jeder Partei be-
urtheilen die Chalifen nur nah dem Grade ihrer
Srömmigfeit, im rein theologifchen Sinne, fo daß es
nur dur Vergleichung der verſchiedenen Duellen und
Benüsung ihrer Schwächen und Ungefchietheiten, durch
welche fie fih häufig verrathen, möglich wird, einen
fichern gefchichtlichen Boden zu gewinnen,
Außer den bis auf Die nenefte Zeit in Europa
erfehienenen gedruckten Duellen, welche entweder Die
ganze Chalifengefihichte oder einzelne Theile derfelben
behandeln, habe ich folgende Handfchriften benüßt:
a)
b)
c)
a)
b)
c)
d)
a)
a)
1) Aus der herzoglichen Bibliothek zu Gotha:
Dsachirat Alulum wanatidjat alfuhum, (Die
Vorrathskammer der Wiffenfohaft und das Er—
zeugniß des Verftandes) von Bekri (No. 235
des Möller’fchen Catalogs).
Das Buch „„Chamis“ von Hufein Jon Moham—
med Ibn Alhafan Aldiarbefri (No. 326).
Sujuti’s Gefchichte ver Chalifen (No. 321).
2) Aus der Föniglichen Bibliothef zu Paris:
Masudi’s Goldne Wiefen R. B. XH. (No.
1815).
Dfahabt Gefhichte des Islams (No. 626).
Abd Almahafin Albahr Azzahır fi ilm Alaw-
wali walachiri. (Das volle Meer in der Kennt-
niß des Frühern und Spätern No. 659 ?).
Mohammed Ibn Schakir. Ujun Attawa-
rich (Duellen der Geſchichte) mit Gloſſen von
Yon Schaddad und Ibn Athir. (No. 638, II.)
3) Aus der Föniglichen Bibliothek zu Berlin:
Br, 10 — 12 des Urtextes der Chronik des
Tabari.
4) Von Herrn Profeſſor von Ewald:
Abd Errahman Ibn Abd Allah Ibn Abd Alha—
kam. Futuh Missr (Eroberung von Egypten),
M
eine Abſchrift der Pariſer Codd. No. 655 und
785.
Später erhielt ih noch durch die Gefälligfeit des
Hrn. Dr. Möller das Kitab Almaarif von Ibn
Kuteiba (No. 316), fand aber nichts Erhebliches
über die in gegenwärtigem Bande behandelte Periode,
das mir nicht aus andern Quellen bekannt geweſen
wäre. Meine mehrmals ausgeſprochene Vermuthung,
daß manche Hiſtoriker gerne ſpätere ruhmvolle Thaten
frühern Chalifen zuſchreiben, fand ich auch in Betreff
der Eroberung Perſiens beſtätigt, die ſelbſt von Ta—
bari größtentheils unter Omars Chalifat geſetzt wird,
während nach Jon Kuteiba (S. 112 und 190) Rei,
ein Theil von Fars, Kerman, Chorafan, Sedjeftan
und Tabariftan, erft unter Othman befriegt wur—
den. Eben fo wird bei diefem Autor (S. 212) aus-
drücklich geſagt, daß Haddjadi von Medina aus nad
Irak ging, (S. ©. 428.) Auch in feinem Urtheil
über ihn ftimmt ex mit mir überein, indem er (S. 236)
ganz Furz fagt: „er verwaltete Irak 20 Jahre, ver-
befferte es (asslahaha) und vdemüthigte feine Be-
mwohner,
Durd die Handfchrift des Hrn, v, Ewald war
ih im Stande, auch über die Eroberung von Egypten
vm
fowohl, als über die der übrigen mufelmännifchen Pro—
vinzen in Afrifa und Spanien, manches Neue zu bie
ten, denn die andern von mir benüsten Quellen, felbft
Tabari nicht ausgenommen, befaffen fih mehr mit den
Begebenheiten in Syrien, Jraf und Perfien. Auch
die Kriege der Araber in Indien werden nur Furz
erwähnt, daher mir die auf die indifchen Zuftände fich
beziehenden Abfihnitte des Beladori, welche mir
H. Reinaud gleich bei ihrer Veröffentlichung zuzu—
fenden die Güte hatte, nicht minder willfommen waren,
H. Reinaud war auch fo gefällig, mir fein Exemplar
der vor zwei Jahren in Konftantinppel erfchienenen
türfifchen Veberfeßung des Tabari mitzutbeilen, wie er
denn überhaupt während meines Aufenthaltes in Paris
mich in meinen Arbeiten auf der Föniglichen Bibliothef
freundlichſt unterſtützt hat.
Neben den genannten drei Gelehrten muß ich
noch den königlich Preußiſchen und herzoglich Sachſen—
Koburg-Gothaiſchen hohen Regierungen meinen ver—
bindlichſten Dank zollen, da ſie mir gnädigſt geſtattet
haben, ihre höchſt werthvollen und ſeltenen Hand—
ſchriften hier in Heidelberg zu benützen.
Zu beſonderem Danke aber fühle ich mich der
großherzoglich Badiſchen hohen Regierung verpflichtet,
RX
welche mir jede, zur Ausführung dieſer Arbeit nöthige
Unterſtützung, mit der größten Liberalität zu gewähren
geruhte.
Ueber die Art, wie ich arabiſche Wörter in
europäiſcher Schrift wiedergegeben, beziehe ich mich
auf das in der Vorrede zum „Mohammed“ Geſagte
und bemerke nur noch, daß auf dieſem, ohnehin den
meiſten Leſern fremden Gebiete, eine conſequent durch—
geführte Schreibart des Dhamma (u und o) und
Fatha (a und e) fie nur noch in größere Verwirrung
gebracht hätte, Wollte man 3. B. überall ein e ans
nehmen, fo müßte man Beßre ſtatt Baßra fihreiben
und im andern Falle Makka ftatt Mekka. Verſuchte
man es gar, die richtige orientalifche Orthographie
durchgängig beizubehalten, fo müßte man das Publi-
fum an „Dimiſchk“ ftatt „Damask“ gewöhnen,
Nah dem am Schluffe beigegebenen DVerzeichniffe
der Drudfehler und fonftiger Verſehen bitte ich nur
Die umnrichtigen Zahlen vorher zu verbefjern, eben fo
das Seite 60 Zeile 10 von oben finnftörende Wort
„Djaban‘ in „Dſu-l-Hadjib“ zu verwandeln, Einige
Fleinere Berjehen, wie die Verwechslung des a und e,
o und u, f und 3, das überall nach franzöfiicher, fo
wie Das tb nah englifher Weife auszufprechen ift,
%
X
fand ich nicht der Berichtigung werth. Ein vollftän-
diges Regiſter foll mit dem dritten Bande folgen, der
fih bis zum Untergange des Chalifats von Bagdad
erftrerfen wird,
Heidelberg, Mitte Februar 1846,
Der Verfaſſer.
Inhalt.
Seite
a a
Abu Ber. . . . 8
Zieite Hungen
San nn); 20200. 54-148
Drittes Sanpiiie
Sthman . - . . ... .. 149- 189
Viertes Hansi
N ea 777 .. 190260
andre Hanpifii
Hafan und Muamia . . . . » 2000. 261-298
— Danpift .
Se...‘ art 1209-869
Siebentes gepnäc,
Muawia ll... . . 2.20. 840—841
adiee xeupitia
Merwan J... 22. 842—862
Neuntes Ganptftiie
BEE ee 02. 868490
Welid J.
Suleiman . .
Dmar ll .
Sezid I.
Hiſcham
Welid I. .
Sezid IU.
Merwan I. .
2 —
if Haur tu |
| wit Danger :
Breiehutes Danpsiäc
wierzchnies Danger
Bnfgehnte Daupsfäct
Seitens Daupefäe
eb pie Sauptftüe.
©eite
491—553
554—578
. 579—594
595—615
616—657
658— 671
672—679
. 680-702
Erftes Hauptſtück.
Abu Bekr.
Streitigfeiten über die Erbfolge nady dem Tode Mohammeds.
— Abu Beer wird zum Thalifen erwählt. — Uſamas Streifjua ge:
gen die forifche Grenze. — Aufruhr in Arabien. — Kämpfe gegen
die Rebellen in der Nähe von Medina. — Tod des falfchen Pro-
pheten Aswad. — Abu Bekr's Rundfchreiben an die Abtrünnigen. —
Krieg mit Tuleiha und Salma. — Die Prophetin Sadjah und der
Prophet Mufeilama. — Chalids Feldzug gegen Lestern. — Unter:
werfung der Provinzen Bahrein, Oman und Jemen. — Eroberung
der perfiichen Grenzftädte Hira, Anbar und Gin Tamr. — Syriſcher
Feldzug. — Einnahme von Boßra. — Schlaht bei Adjnadein und
am Jarmuk. — Chalid’s Nede vor dem Treffen. — Eroberung von
Damask. — Abu Bekr's Krankheit, letzter Wille und Tod. — Schil—
derung feines Charafters.
Mohammed hatte am fiebenten oder achten Juni 632
das Zeitliche verlaffen, ohne irgend eine Beſtimmung über bie
Nachfolge zu treffen, obihon ihm der Tod keineswegs uner-
wartet gefommen, Männliche Nahfommen hinterließ er nicht,
feine nächſten Verwandten waren: Ali, der Sohn Abu Ta-
libs, der zugleich fein Better und Schwiegerfohn war, und
1
2 Erftes Hauptſtück.
Abu Bekr, der Vater feiner Gattin Aiſcha. Der Grund,
warum Mohammed dem von ihm geftifteten Reiche Fein Ober-
haupt vorſchrieb oder wentgftens anrieth, ift fchwer zu ermit-
teln, Bielleiht wurde er auf dem Kranfenbette von feiner
Umgebung daran verhindert, welche eine ihren Wünfchen nicht
zufagende Verfügung befürchtete, vielleicht ſchwankte er felbit
zwifchen dem Gatten feiner geliebten Tochter, zu dem ihn
fein Herz binzog, und dem Bater Aiſcha's, den ihm feine
Klugheit eingab. Vielleicht vermied er es aber auch abftcht-
lich bis zum Testen Lebenshauche, von feiner Vergänglichkeit
zu Sprechen, denn es kann wenigftens als geſchichtliche That—
ſache angenommen werden, daß viele Araber ihn für unfterb-
ih hielten. Die beiden genannten Prätendenten batten nicht
bloß als Verwandte Mohammeds und als feine älteften Ge—
fährten am meiften Anfprüche auf die Nachfolge, fie wurben
auch noch dadurch begünftigt, daß fie beide dem edlen Ge—
fhlechte Rureifch angehörten. Schon vor Mohammed waren
ihre Ahnen im Beſitze der höchſten Würden und Nemter der
Stadt Meffa gewefen, welche als Wallfahrtsort immer eine
gewilfe Herrfchaft über die ganze arabifche Halbinfel ausge—
übt, Die Meffaner, von denen fich feit dem Gedeihen des
Islams, und befonders feit der Auswanderung Mohammeds,
nach und nach viele in Medina angefiedelt, dachten daher na=
türlich, ſchon aus Borliebe für ihre Stammgenoffen und Lan-
desleute, an Ali oder an Abu Bekr, fobald es fih darum
handelte, Mohammed einen Nachfolger zu geben, Die ältern
Bewohner Medinas hingegen, bie zum Theil feldft dem Pro—
pheten nur ungern gehorcht, wollten nicht länger einem aus
ganz andern Stamme entfproffenen Fremdling geborchen.
Sie befchloffen daher, bald nad Mohammeds Tod, einen Mann
aus ihrer Mitte als Fürften des Islams, oder weniafteng
als ihr Oberhaupt zu wählen.
Wir Haben aber ſchon am Schluffe unfres ) „Leben
1) ©. Mohammed der Prophet, fein Leben und feine Lehre u. ſ. w.
Stuttgart, Mesler, 1848. 8. ©. 334 — 837,
Abu Betr, 3
Mohammeds“ erzählt, dag die Bemühungen der Medinenfer,
fih von fremden Herrfchern zu befreien, fruchtlos blieben,
und dag Abu Bekr noch vor der Beerdigung Mohammed
zu deſſen Nachfolger (Chalife) erwählt worden, Er trat näm—
lich ganz unerwartet mit Omar, Abu Überda und einigen
andern feiner Wartet in das Haus, wo die Medinenfer ich
verfammelt hatten, um ihrem Hauptlinge Saad Ibn Ibade)
die Herrfchaft über das islamitiſche Reich zu übertragen und
fuchte, ſowohl auf Koransftellen, als auf fonftige Ausſprüche
Mohammeds geftügt, Die anmwejenden Mufelmänner zu über-
zeugen, daß das Chalifat einem mit dem Propheten ausge—
wanderten Rureifchiten gebühre und dag nur ein folcher hoffen
fünnte, von ganz Arabien anerkannt zu werden. Er ſchlug
bierauf Abu Ubeida ?) und Omar zu Chalifen sor, aber
1) Diefer ſprach auch, wie Abu Beer, nicht für feine Perfon,
fondern für das Recht der Hülfsgenojjen oder „Anßar,“ wie die
Mufelmäinner Medinas hiegen. Er war Eranf und lieg daher fol-
gende leife gefprochenen Worte von feinem Sohne dem Volke laut
verkünden: „Gemeinde der Hülfsgenoffen! Shr habt einen Vorzug
im Glauben, den euch Fein andrer arabifher Stamm ftreitig machen
kann. Mohammed, über den Heil, lebte über zehn Sahre unter
feinem Bolfe und forderte es zum Dienfte des Barmherzigen und
zur Verabfcheuung der Götzen auf, aber nur wenige von den Sei—
nigen glaubten am ihn, fo daß fie weder ihm zu beſchützen, noch fei-
nen Glauben zu verherrlichen vermochten, ja fie Fonnten nicht ein—
mal von ſich jelbft die Gewalt abwenden, unter der fie fchmachteten.
Als Gott aber euch durch feine Huld auszeichnen wollte, verlieh er
euch den Glauben an ihn und feinen Gefandten und die Macht, ihn
und feine Gefährten zu vertheidigen, ihn und feinen Glauben zu
verherrlichen und feine Feinde zu befriegen. Ihr habt den fchmwerften
Kampf gegen feine Feinde geführt und fie mit mehr Bitterfeit als
eure eignen Feinde verfolgt, bis fich die Araber unter der Herrichaft
Gottes beugten u. f. m.“ Tabari ed. Kofegarten. ‚p. 32.
2) Dem in Conftantinopel gedrudten türfiihen Tabari, Th. IV.
©. 74 zufolge, ſchlug Abu Befr Omar und Ali vor, als aber einige
Medinenjer lestern wählen wollten, ſagte Omar: dies würde zum
Bürgerfriege führen und huldigte dem Abu Ber.
1*
A Erftes Hauptſtück.
Beide erklärten ihn für der Herrfchaft würdiger und brachten
ihm fogleich ihre Huldigung dar Y. Abu Bekr's und feiner
Freunde Beredfamfeit würde indeffen nicht fo leicht den Sieg
davon getragen haben, wenn Alt an dieſen Berhandlungen
Theil genommen hätte, oder wenn die Medinenfer unter fich
felbft einig gewefen wären. Was zuerft diefe angeht, fo hat—
ten fhon, ehe Abu Befr auftrat, einige berfelben gefagt:
„wenn die Rureijchiten mit unfrer Wahl nicht zufrieden find,
fo mögen aud fie einen Emir wählen,” worauf ſogleich Saad
Ibn Fbade antwortete: „Das ift der Anfang der Schwäche 2).”
Später fagte dann ein Aujite, bei dem der alte Haß und
Neid gegen die Chazradjiten, zu denen Saad Jon Ibade ge-
hörte, wieder erwachte 3), oder vielleicht aufgefhürt ward,
zu feinen Stammgenoffen: „Bei Gott! gelangen einmal die
Chazrabjiten zur Herrſchaft, fo ftehen fie für alle Zufunft
über euch und werden fie nie mehr mit euch theilen, darum
huldiget Tieber Abu Befr 2)!" Was aber den Yängern Wi-
derftand der Anhänger Saads vollfommen unmöglich machte,
1) ©. Abu Befr’s Nede im Leben Mohammeds, ©. 335.
2) Tabarı p. 34. Omar war befanntlich der eifrigfte Verfechter
der Anfprühe Abu Bekr's und behauptete jogar, die ganze Nede
Abu Bekr's auf der Zunge gehabt zu haben. Offenbar war es ihm
alfo, wenn er wenige Stunden vorher behauptete: Mohammed fei
unfterblich, nur darum zu thun, deſſen Tod jo lange zu verheimlichen,
bis er die nothwendigen Vorfehrungen getroffen, um die Nachfolge
feinem Freunde Abu Beer zu fihern. ©. Leben Mohammeds ©. 333
u. 337. Bei Sujuti (S. 74) beißt es in einer bis auf Mohammed,
dem Sohne Abu Befr’s, zurückgehenden Tradition: „Abu Bekr fagte
zu Omar: ftredfe deine Hand aus, daß wir dir huldigen! Dmar ei:
wiederte: du bit beſſer als ih. Darauf verfegte Abu Bekr: du bift
ftärfer als ih. Nun, fagte Omar, fo wird ſich meine Stärfe mit
deinen andern Vorzügen vereinen, und fo huldigte er ihm.“
3) Die Stimme Aus und Chazradj bildeten den Kern der Be:
völferung von Medina und hatten vor Mohammeds Flucht aus
Mekka manche blutige Händel unter einander,
4) 9.0.9.6, 88.
Abu Ber. 5
war das Herbeiftrömen der mit den Kureiſchiten verwandten
und verbündeten Aslamiten, welche alle Zugänge verfperrten
und fogleih Abu Befr zum Chalifen ausriefen ). Saab
jelbit fol indeffen, nad den zuverläfligften Berichten, die
Huldigung hartnädig verweigert und Abu Bekr es für Flüger
gefunden haben, ihn unangefochten zu laſſen, als durch deſſen
Hinrichtung, auf die Omar drang, fih in einen blutigen
Kampf mit deffen ganzer Familie und fämmtlichen Stamm:
genoffen einzulaffen 2).
Was Alt anbetrifft, der, wenn die Vermwandtfchaft mit
Mohammed bei der Chalifenwahl entſcheiden follte, als deffen
Schwiegerfohn und Better, nähere Anfprühe als Abu Bekr
hatte, jo war er während der Berathungen mit den Vorbe—
reitungen zu Mohammeds Beftattung und nad) einigen Be—
richten auch mit Sammlung der Koransfragmente befchäftigt,
und die Stimmen der Medinenfer, die fi zu feinen Gunften
vernehmen. liegen, fanden ſchon darum wenig Anklang, weil
er an den Kriegen Mohammeds gegen die Ungläubigen zu
thätigen Antheil genommen, als daß er bei manden rach—
fügtigen Stämmen, unter denen er Blut vergoffen, möglich
D 4 a. O. ©. 38: Hiſcham berichtet nah Abu Muhnif, der
ed von Abu Bekr Sbn Mohammed dem Chozaiten gehört: Die As:
famiten ftrömten in folber Muffe herbei, daß ihnen die Zugänge zu
eng wurden und huldigten dem Abu Bekr. Auch jagte Omar: fo:
bald ich die Aslamiten fah, war ich des Sieges gemiß.
2) A. a. O. ©. 40, mo noch hinzugefest wird: Saad betete
dann nicht mehr mit der Gemeinde, nahm an ihren Berfammlungen
feinen Antheil mehr, pilgerte nicht mehr mit ihnen und fchloß fi
ihren Zügen von Arafat nicht an, bis zum Tode Abu Bekr's.“ Weber
den Zug der Pilger von Arafat nad) Mekka f. Leb. Mob. ©. 298.
Daraus fieht man, daß die Bande der Vermwandtihaft und Stamm:
genoffenjchaft unter den Arabern noch mächtiger waren als die des
Selamd; „wirft du Saad mit dem Tode beftrafen,” faate deffen Bet:
ter zu Abu Befr, „jo mußt du auch feine ganze Familie und einen
großen Theil feiner Stammgenoffen ausrotten.“
6 Erſtes Hauptſtück.
geweſen wäre 1). Als er das Reſultat der Wahl vernahm,
war er, oder fühlte er ſich zu ſchwach, mit dem Schwerdte
in der Hand ſein Recht zu behaupten, obgleich Abu Sofian
und einige andere Verwandte (Haſchimiten) ihm ihren Bei—
ftand zuſagten ?) und Abu Bekr ihn ſogar der ihm als Erbe
zufommenden Güter beraubte 3). Doch ließ er fi von Omar,
der ihm brobte, er würde fein Haus über ihm anzünden, nicht
einſchüchtern und protejtirte ſtillſchweigend big zu feiner Gattin
Fatima Tod. Erft als diefe nad ſechs Monaten ftarb, er—
fannte er fürmlih Abu Bekr als Chalifen an. Abu Softan
aber, der ihn zum Widerfiande gereizt und felbft die Hulbi-
gung verfagt hatte, ward einer ber eifrigften Anhänger Abu
Befr’s, fobald fein Sohn Jezid, der ältere Bruder Muawias,
1) Schahreftant ed. Cureton, T. I. S. 116,
2) Zubeir ging Omar mit gejogenem Schwerdte entgegen, als
Alt aufgefordert ward, Abu Befr zu hufdigen, aber er ftolperte, das
Schwerdt entfiel ihm und Omar zerbrah es. A. a. O. S. 8
3) A. a. O. ©. 14. Der Güter von Fadaf und Cheibar näm—
fh, welhe Mohammeds Privateigenthbum waren. ©. Leben Mo:
hammeds ©. 186. Als Fatima, Ali's Gattin, darauf Anfpruch
machte, verweigerte fie ihr Abu Bekr unter dem Vorwande: Mo:
hammed habe einft gejagt: „was wir hinterlaffen, werde als Almo-
fen vertheilt.“ Tabari ©. 14 u. 16. u. Sujuti ©. 78. Bei legterem
heißt es ausdrüdlih: man jtritt über Mohammeds GErbtheil und
Niemand wußte Befheid Darüber zu geben, bis Abu Bekr
fagte, er habe von Mohammed gehört, die Hinterlaffenfchaft der
Propheten gehöre den Armen. An derfelben Stelle heißt es auch:
man ftritt über den Drt, wo Mohammed begraben werden follte,
und Niemand wußte etwas darüber, bis Abu Bekr jagte, er habe
von Mohammed gehört: jeder Prophet ſollte unter feinem Kranken:
bette begraben werden.” Thun wir Abu Bekr Unrecht, wenn wir
glauben, daß der eine Ausſpruch Ali's Einfluß ſchwächen und der
andere das Anfehen feiner Tochter Aifcha, in deren Wohnung Mo—
hammed geftorben, und der Reſidenz Medina erheben follte, da
mande den Leichnam des Propheten nah Mekka bringen wollten?
— Bon ihm rührt aud) Mohammeds Ausfage her: „die Herrichaft
gebührt dem Stamme Kureiich.“ Sujuti ©. 9.
Abu Ber 7
an die Spise einer Truppenabtheilung als Feldherr geftellt
ward,
Abu Bekr's erfter Negierungsact war, den in Djurf, in
der Nähe von Medina, gelagerten Truppen, welche noch bei
Mohammeds Leben zu einem Sireifzuge nad) der Örenze von
Paläftina verfammelt worden waren, den Befehl zum Auf
bruch zu ertheilen ). Zwar ftellten fie ihm vor, ev follte bet
dem vorauszufebenden Abfall vieler arabifger Stämme, welche
nur vor Mohammeds Namen gezittert, feine im Glauben er:
probten Soldaten in feiner Nähe behalten; ev erwieberte aber
darauf: „Bei Gott, in deſſen Hand Abu Bekr's Seele ift,
glaubte ich auch, dag mic) wilde Thiere zerreißen würden, fo
fönnte mich dies nicht abhalten, den vom Geſandten Gottes
angeoroneten Zug auszuführen, felbft wenn ich allein hier zu—
rücbleiben müßte.” Diefer Entſchluß, aus weldem gewöhn—
lich Abu Bekr's unbegrenzte Pietät gegen feinen Vorgänger
gefolgert wird, mochte indeffen auch einen politifchen Grund
haben, und aus den bei der Chalifenwahl vorgefallenen Strei-
tigfeiten zwijchen den Ausgewanderten und den Hülfsgenoſſen
hervorgegangen fein. Diefe Truppen beftanden nämlich größ-
tentheils aus Bewohnern Medinas und der in der Nähe die—
fer Stadt haufenden, mit ihnen befreundeten Beduinenftämme ?),
1) Abulfeda ©. 208 u. Tabari ©, 42 und folgende, nicht wie
bei Flügel (Gefhichte der Araber 2. Th.) ©. 20: „Oſama, des Zeid
Sohn, der furz vor dem Tode des Propheten mit 700 Mann einen
Einfall in Paläſtina gethan, hatte die Oſtrömer gejchlagen und
kehrte unter Abu Ber zurück.” Nur den Befehl zu diefem Streif-
zuge hatte er von Mohammed erhalten, die Ausführung ward aber
wegen des Lestern Krankheit verjchoben.
2) So bei Tabarı ©. 46: Es erzählt ung Abd Allah u. f. w.
(Folgen die verihiedenen Gewährsmänner.) Der Gefandte Gottes
hatte vor feinem Tode den Bewohnern Medinas und ihrer Um—
gebung einen Streifzug vorgefhrieben u. j. w. Eben jo einige Zei:
fen vorher, auf derjelben Seite: Diejenigen Araber von den Stüm:
men aus der Umgebung von Medina, welhe von dem Zuge nad)
8 Erftes Hauptftüd.
deren Entfernung Abu Befr, bis zur Befeftigung feiner Macht
durch andere zuverläfligere Stämme, erwünfcht fein mußte,
Bon welchem Geiſte diefe Krieger befeelt waren, geht ſchon
daraus hervor, daß fie dem zur Partei der Ausgewanderten
gehörenden Ufama, Sohn des tapfern, bei Muta gefallenen
Zeid, welden Mohammed felbft mit dem Oberbefehle beffet-
det hatte D), nicht gehorchen wollten ?). Auch fieht man deut—
lich, daß es Abu Befr mit der pünftlichen Befolgung der Be-
fehle des Propheten nicht fo genau nahm, indem er Dmar,
welcher nad) Mohammeds Verfügung auch an dieſem Zuge
Theil nehmen follte, in Medina zurüdhielt, weil er feine
Heftigfeit bei einer aus feindlichen Elementen zufammenge-
festen Truppenabtheilung fürdten, und einen fo ergebenen
und energifhen Mann unter fo fchwierigen Umftänden gerne
in feiner Nähe haben mochte ). Um indeffen in feinen Wi-
Hudeibije zurücgeblieben waren, zogen aus und mit ihnen Bewohner
Medinas zu dem Heere Ujamas u. f. w. Uebrigens wird bei Sujuti
(S. 39) die Zahl der Truppen, welche mit Ujama audjogen, nur auf
700 Mann angegeben und hinzugefest, daß Ddiefer Zug eine gute
Wirkung hervorbrachte, weil mande Stämme, welche Luft hatten,
abtrünnig zu werden, dadten: „Wären die Mufelmänner nicht ftarf,
fo würden fie dieje Leute nicht gegen die Griechen fenden, wir wollen
lieber warten, bis fie mit diejen handgemein geworden.“
D ©. Leben Mohammeds ©. 325.
2) Gelbft der fonft fo ftarfe Omar fuchte den Chalifen zu be-
mwegen, an Uſama's Stelle einen andern Feldherrn zu ernennen.
8) Das in der That, felbft beim Leben Abu Bekr's, Omar
fhon eigentlich herrichte, geht aus folgender Gtelle bei Tabari
©. 138 hervor: Zibrifan und Afra Famen zu Abu Befr und fag-
ten: gib uns den Ertrag von der Provinz Bahrein, fo verbürgen
wir und, daß Feiner von den Unſrigen abtrünnig wird. Abu Bekr
willigte ein und ließ, unter Vermittlung Talha's Ibn Ubeid Allah,
den Vertrag aufiegen. Man rief nun Zeugen herbei, unter Andern
auh Dmar. Als diefer aber den Vertrag fah, weigerte er fich, ihn
ald Zeuge zu unterfchreiben und fagte: Mein, bei Gott, fie jollen
Fein Weberbleibfel einer Speife haben (ich leſe kudamat für karamat),
*
Abu Bekr. 9
derfpruch mit feinen eigenen Worten zu gerathen und um
den Truppen ein Beifpiel des Gehorfams gegen den von
Mohammed ernannten Feldberrn zu geben, hielt er felbft in
ihrem Angefichte bei Ufama um Urlaub für Omar an, den
der ſchwache Jüngling natürlih dem alten Chalifen nicht
verfagte ). Ein anderes Beijpiel der Verehrung für den—
felben gab der fchlaue Abu Bekr dadurch, daß er ihn bei
feinem Aufbruche eine Strede weit zu Fuß begleitete und
nicht duldete, daß aud er von feinem Kameele abftieg. Che
er umfehrte, ließ er Halt machen und fprach: „Ihr Leute,
ich empfehle euch zehn Dinge an, die ihr genau beobachten
möget: Laffet euch feinerlei Treulofigfeit oder Verrath zu
Schulden fommen, verftümmelt Niemanden ?), tübtet weder
er verwijchte dann den Vertrag und zerriß ihn. Talha gerieth im
Zorn, lief zu Abu Beer und fagte ihm: bift du der Emir oder
Dmar? Gr antwortete: Dmar, doch ift man mir Gehorfam ſchul—
dig. Talha ſchwieg. Sie fochten dann mit Chalid alle Schlachten,
bis zu der von Samama, und Afra ging mit Schurahbil nad) Dau—
mat. Kojegarteng Verſehen in diefer Stelle hat fbon de Sacy im
journal des savans 1832, ©. 619 bemerft.
1) Tabari ©. 48. Abulfeda ©. 208. Ganz faljch bei Flügel
a. a. O. ©. 19: „Sp juchte jener (Omar) den Ufama, des Zeid
Sohn, um feine Feldherrnftelle zu bringen, da er zu jung fei und
Abu Ber ſah fi veranlaßt, Legtern zu bewegen, dag er freimillig
dem Dmar feinen Poſten überließ.“ Es heißt wörtlich bei Abulfeda,
den Reiske hier ungenau überfegt: Ald Abu Beer zurückkehren
mwollte, fagte er zu Ujama: wenn du es gut findeft, mich durh Omar
zu unterftügen, fo tbue ed! Da erlaubte Ufama dem Omar zu bfei-
ben. Dafür hat Reisfe: »Tandem in urbem regressurus Abu-Bekr,
compellans blandis verbis Osamam, si quid, ait, gratifieare mihi te
posse putas in Omaro voti sui damnando, fac quaeso. Quo audito
statim Osama militiae veniam Omaro dabat.«
2) Tabari ©. 48. Bon Kofegarten in feiner leberfegung aber
bis hierher ausgelaffen. Ueber das Verftümmeln (im Terte tumath-
thilu, an deifen Richtigfeit de Sacy im journal des savans a. a.
D. ohne Grund gezweifelt) f. Leben Mohammeds ©. 129 An-
merf. 179,
10 Erſtes Hauptftüd.
Kinder noch Frauen, noch reife, zerftöret feine Dattelbäaume
oder fonftige fruchttragende Bäume, ſchlachtet Feinerlei Vieh,
außer wenn ihr es zur Nahrung brauchet! Wenn ihr zu
Männern fommet, welche zurüdgezogen in Zellen leben, fo
verfchonet fie! Bringt euh Jemand Speifen entgegen, fo
genieget fie nad und nad ), unter Erwähnung des Namen
Gottes. Begegnet ihr Männern, welche ihren Scheitel ab-
geichoren haben und die übrigen Haupthaare in langen Flech—
ten tragen, fo berühret fie nur mit der Breite des Schwertes
und fo ziehet nun in Gottes Namen! Gott beihüse euch
unter Krieg und Peſt 1” -
Diefe Expedition Ufama’s, welche nichts anderes be-
zwecken follte, als einige entlegene arabifhe Stämme, bie an
dem Treffen bet Muta Theil genommen, zu züchtigen, war um
jo auffallender, da dieſe Truppen viel beffer zur Unterdrüdung
der Unruhen, welche in Arabien felbft, theils ſchon ausgebro-
chen, theils leicht vorauszufehen waren, hätten verwendet wer-
den können. Selbft von Aswad's Tod und der Niederlage
feiner Anhänger, welche gleichzeitig mit Mohammeds Tod
ftatt fand, konnte damals Abu Bekr noch feine Nachricht er-
halten haben 3); nichts hätte ihm dringender fcheinen follen,
1) Wahrfcheinlih wollte er mit diefen Worten (scheian baada
scheiin) fie gegen Vergiftung vorfihtig machen.
2) Eine andere in Djurf gehaltene Rede Abu Bekr's, welche
auch Tabari ©. 42 anführt, verdient feine bejondere Ermähnung,
indem fie nur allgemeine Ermahnungen enthält, wie man fie häufig
im Koran findet; nur folgende Worte, weiche gewiſſermaßen alles
Tadelnswerthe an ihm entfchuldigen follen, dürfen nicht übergangen
werden. Nachdem er nämlich erklärt hatte, wie er fich bemühen
würde, in Mohammeds FZußtapfen zu wandeln, dem Niemand Die
geringste Ungerechtigkeit vorzumerfen hatte, fährt er fort: „Sch bin
aber zumeilen von einem Dämon befeffen, der fih meiner bemeiitert;
dann bleibet fern von mir, damit ich an euren Haaren und eurem
Fleifhe feine Merkmale davon zurüclaffe.‘
3) Ber Tabari ©. 74: Abu Beer fandte das Heer des Uſama
Ton Zeid End Rabia Amwal ab und die Nachricht von dem Tode
Abu Bekr. 11
als diefen Rebellen und falfchen Propheten zu befriegen, wel:
cher fhon ganz Jemen bis Taif und Bchrein unterworfen )
und die mufelmänniichen Statthalter in die Flucht getrieben
batte.
Der unerwartet fchnelle und glüdlihe Ausgang diefer
Empörung fonnte um fo weniger vorausgefehen werden, ale
er nur durch Berratb bewerfitelligt ward. Aswad hatte näm—
lich die Wittwe des von ihm erfchlagenen Schehr Ibn Bad—
ſam, Statthalter von Sanaa, gebeirathet und nad) mehreren
gewonnenen Schlachten die Feldherren, denen er feine Siege
verdanfte, mit Geringfhäsung behandelt, fo daß fie ſich gegen
ihn verfchworen und im Einverftändniffe mit feiner noch um
Schehr trauernden Gattin, ihn meuchelmörderiſch umbrachten
und gemeine Sache mit den Mufelmännern machten ?),
des Anafiten (Aswad's) Fam ihm End Rabia Achir zu, nah dem
Auszuge Uſama's, und dies war die erfte Siegesbotfchaft, melde
Abu Befr erhielt, während er noch in Medina war. Demungeachtet
berichtet Tabarı ©. 68: Die Nachricht von dem Tode des Anafiten
kam dem Propheten vom Himmel zu in der Nacht, in welder er
getödtet ward, damit er fie und mittheile. Er (Mohammed) fagte:
„Der Anafite ift geftern getödtet worden von einem gefegneten
Manne aus einem gejegneten Haufe." Man fragte: wer hat ihn
getödtet? Er antwortete: Feirus.
1) Tabari ©. 56 u. ff.
2) Asmwad gleiht, nah der muſelmänniſchen Tradition, voll:
fommen dem Samfon der Bibel; er fannte die PVerräther und
mußte auch, daß Einer derfelben mit feiner Gattin, deren Better er
war, geheime Zujammenfünfte hielt, und doch brachte er die Nacht
mit ihr in einem Haufe zu, das nad) einer Seite ganz frei und un:
bewaht war, jo daß feine Feinde die Mauer durchbohren und ihn
erjchlagen fonnten. Schon einige Tage vorher läßt ſich Aswad von
dem aus ihm fprehenden Geifte oder Satan jagen: „Du haft dich
zu Keis hingeneigt und ihn geehrt, bis er aufs Enafte mit dir ver-
kunden war und an Macht und Anjehen dir gleih Fam, da neigt
er fi zu deinem Feinde hin und gelüftet nad) deiner Herrichaft und
finnt auf Verrath. (Zabari ©. 58.) Zu Feirus, dem andern Ber:
räther, ſagt er auch, (©. 62) nachdem er hundert Kameele und Kühe
12 Erftes Hauptftüd.
War aber auch Abu Bekr ohne fein Wiffen von dieſem
gefährlichen Feinde befreit worden, jo hatte er in der nächſten
Umgebung Medinas Aufruhr und Widerfpenftigfeit zu befäm-
pfen, ja feine eigene Reſidenz war einem nächtlichen Leber:
falle bloßgeftellt. In allen Provinzen Arabiens fträubte man
fi) gegen eine Herrfhaft, die bloß auf der Wahl weniger
Freunde und Stammgenoffen beruhte. Nur in feiner Eigen-
fchaft als Prophet fonnte Mohammed über die an Freiheit
gewöhnten Beduinenftämme einige Macht ausüben. Mit feis
nem Tode löften ſich alle Bande der Abhängigkeit. Hier er-
hoben fih Pieudopropheten, welde im Namen Gottes die
Dbergewalt in Anfpruch nahmen, dort wollte man nur einem
Häuptling aus dem eigenen Gefchlechte gehorchen, und allent-
halben war man froh, auf irgend eine Weife die nicht un-
bedeutende fogenannte Armenfteuer los zu werden I), melde
zivar zu nüglichen und wohlthätigen Zweden verwendet wer:
den follte, doch nicht immer zum Bortheile der Stämme, von
denen fie entrichtet worden 2).
Abs und Dfubian, denen fid) noch einige andere an—
dere anfchlojfen, waren die erfien Stämme, welde bald nad
Ufama’s Abzug Abu Befr erflärten, fie würden ihm nur un-
—_—
nad einander gejchlachtet: „Feirus! ift das, was mir von dir be-
richtet worden, wahr? Indem er dann das Schwert gegen ihn er:
hob, fuhr er fort: ich habe beſchloſſen, dich zu Schlachten und diefen
Thieren nachzuſenden.“ Aswad führte den Beinamen „Diul Chi:
mar“, weil er einen Schleier trug. Nah andern hieß er Dfu’l Hi:
mar, weil er einen Gjel hatte, welcher abgerichtet war, fi vor ihm
zu verbeugen. So im türf. Kamuß, im Arabijchen fcheint nach Koſe—
garten (S. 259) nur legtere Bedeutung vorzufommen,
1) Bei Tabarı ©, 11V fagt Kurra, Häuptling der Benu Amir,
zu Amru: Die Araber find euch wegen der euch zu entrichtenden
Steuern nidyt gut; höret ihr auf, von ihnen einen Theil ihrer Güter
zu fordern, jo werden fie euch Gehorfam leiften, wo nicht, jo glaube
ih nicht, daß wir gemeine Sache mit euch) machen werden.
2) ©. Leben Mohammeds ©, 25%— 253.
Abu Ber. 13
ter der Bedingung buldigen, daß er ihnen die Armenfteuer
erlaffe. Omar !) rietb zu einem gütlichen Vergleich. Abu
Befr antwortete aber den Abgeordneten, welche ihm biefen
Antrag machten: Verſagt ihr mir ein einziges jähriges Schaaf
oder Kameel 2), welches dem Propheten bewilligt worden, fo
erkläre ich euch den Krieg.
Sobald indeffen die Abgeordneten mit dieſer Antwort
entlaffen waren, lieg Abu Bekr die drei Zugänge der Stadt
durh Alt, Talha und Zubeir bewachen, verfammelte die Mu-
felmänner in der Mofchee und fagte ihnen: „Das Land ift
abtrünnig und die Abgeordneten der Rebellen haben eure
Schwäche wahrgenommen. Ihr Fünnt nicht wilfen, ob fie
euch bei Tag oder bei Nacht überfallen, und ob ihre Bor:
posten nicht fchon die nächte Station erreicht haben, Sie
glaubten, wir würden ihre Anträge genehmigen und Frieden
mit ihnen fchliegen, wir haben fie aber mit Entrüftung ver-
D Bei Sujuti ©. 77 erzählt Omar feldft: Nah dem Tode
des Gefandten Gotted wurden die Araber abtrünnig und fagten:
beten wollen wir, aber feine Armenfteuer entrichten. Da ging ich
zu Abu Ber und fagte ihm; D Chalife des Gejandten Gottes! fei
mild gegen dieje Leute und fuche fie durh Güte zu gewinnen, denn
fie fteben auf der Stufe wilder Thiere. Abu Beer ermwiederte: Sch
erwartete deinen Beiftand und nun ertheilft du mir falfchen Rath,
du Held im Heidenthume und Scwähling im Sslam! womit fol
ich fie zu geminnen ſuchen? etwa mit erlogenen Verſen oder erdich-
tetem Zauber? fern von mir! fern von mir! der Prophet ift todt
und die Offenbarung hat aufgehört. Bei Gott, ich befriege fie fo
fange meine Hand ein Schwert zu halten vermag, wenn fie mir nur
ein jähriged Kameel verfagen. Bet diefer Gelegenheit (jo erzählt
Dmar) fand ih ihn fefter und entfchiedener, als ich felbft war.“
2) Tabari ©. 82. Dies ift die Bedeutung von »Ikal« nad
dem Kamuß, wo diefe Tradition angeführt wird, nicht wie bei Kofe:
garten, welcher Abu Beer fagen läßt: vetsi illi non denegarent nisi
unius cameli vinculum, tamen propterea bellum iis inferrem.« Das
Folgende bei Tabart ıft nicht recht Elar, Ber Dfahabi Fol. 110 lieſt
man »Ikalan au Anakana, fegteres bedeutet eine zweijährige Armen:
fteuer, f. auch den Kamuß unter Anak (ain, nun, kaf).
14 Erftes Hauptſtück.
worfen ) und ihnen den Krieg erklärt, darum rüſtet euch
und haltet euch fchlagfertig !”
Dieſe Vorfichtsinagregein waren nicht überflüfftg, denn
in einer der folgenden Nächte verfuchten es in der That die
Rebellen, Medina zu überrumpeln, mußten aber, als fie die
Engpäffe in der Nähe der Stadt befeßt fanden, ihr Vorha—
ben aufgeben und wurden fogar, als fämmtlihe Bewohner
Medinas einen Ausfall machten, in die Flucht getrieben ?).
Am folgenden Morgen überfiel Abu Bekr plötzlich die in
Dſu'l Kiffa, eine Tagereife von Medina, gegen die Provinz
Nedjd bin, verfammelten aufrührerifchen Stämme und nö—
thigte fie, fih mit Verluſt zurückzuziehen. Hier befchworen
die getreuen Mufelmänner Abu Befr, er möchte fich doch fei-
ner weitern Gefahr mehr ausfegen, fondern nah Medina
zurüdfehren und den Dberbefehl einem Andern übergeben.
Er gab ihnen aber fein Gehör und nahm auch noch an dem
Treffen bei Abraf Theil, in welchem die Abfiten und Befriten
gefchlagen wurden. Inzwiſchen kehrte Uſama von feinem
Streifzuge nad der fyrifchen Grenze zurüf und jetzt erft
fonnte Abu Bekr daran denfen, auch die entlegenen abtrünni-
gen Provinzen zu unterwerfen. Er verfammelte in Dfu’l
Kiffa alle marfchfertigen Truppen, ernannte elf Anführer unb
wies jedem derfelben den zu befriegenden Feind an. Jeder
Feldherr follte die geringe Mannfchaft, die mit ihn von Me-
dina auszog ©), durch die treu gebliebenen Mufelmänner der
1) Sc lefe »abeina« ftatt »ateina«, welches Kofegarten ©. 85
überſetzt: »sed contra eos insurreximus«, denn »ata« mit der Präpof.
»alac hat nah dem Kamuß die Bedeutung „beftegen, zu Grund
richten, was doch damals noch nicht gefchehen war,
2) Die Mufelmänner fegten ihnen bis Dfu Hifa nad. Hier
wurden ihre Kameele von einer Abtheilung Rebellen, welche an die:
fem Orte aufgeftellt war, zurüdgetrieben und zwar nach Tabari
S. 84 dadurd, dag man ihnen aufgeblafene Schläuche vorhielt, de-
ren Anblick dieſes Thier nicht ertragen kann.
3) Die elf Feldherren hatten zufammen nach Tabarı ©. 82
nur 8000 Mann.
Abu Ber 15
zu durchziehenden Provinzen verftärfen, und vor Eröffnung
der Feindfeligfeiten die Abtrünnigen durch folgendes Nund-
fchreiben zur Unterwerfung auffordern:
Bon Abu Befr, dem Nachfolger des Gefandten Gottes,
(der Herr fei ihm gnädig und beſchütze ihn!) am Jeden, zu
dem dieſes Schreiben gelangt, fowohl an die Befehlshaber
wie an die Untergebenen, an die im Glauben Berharrenden,
wie an die Abtrünnigen,
Gruß denjenigen, welche der göttlichen Leitung folgen
und nicht von Neuem in Irrthum und Trug verfinfen. Ich
preife Gott für euch, außer dem es feinen gibt. Ich befenne,
dag er einzig it, obne Genoffen und dag Mohammed fein
Knecht und fein Gefandter war. Wir beftätigen dag, was er
ung gebracht, und erflären für gottlog und befriegen diejent-
gen, die ed verwerfen. Allah, der Erhabene, hat nämlich
Mohammed, als ein ftrahlendes Licht, mit göttlicher Wahrheit
zu feinen Gefhöpfen gefandt, um fie zu ihm zu rufen durch
Verheißungen und Drohungen. Er follte allen Lebenden pre=
Digen und den Ungläubigen die Wahrheit verfünden ). Gott
1) Wenn Abu Beer es nothwendig findet, fih fo ausführlich
über Mohammeds Tod auszufprehen und mehrere Koranverfe an:
zuführen, um zu beweifen, daß er vorhergefagt war, fo laßt fid
wohl daraus fchliegen, dag nicht blog Omar in der erften Beftürzung
daran nicht glauben wollte, fondern dag man Mohammed allent-
halben für unfterblih hielt. Bon Werfen, welche ihn für fterblich
erklären, wußte Niemand etwas, bis fie Abu Beer befannt madte
oder erdichtete. j. Leben Mohammeds ©. 351. Mohammeds lekte
Rede wäre demnad) natürlich auch unächt, oder er hielt fie nur vor we:
nigen Freunden, kurz vor feinem Tode. Dies erklärt am beiten,
warum er nichts über die Nachfolge beftimmt. Noch einen Beweis,
daß beim Leben Mohammeds er in Arabien für unfterblih galt
jiefert Tabari ©. 182, wo es heißt: „Nach dem Tode des Propheten,
jagte der Stamm Abd Alkeis: wäre Mohammed ein Prophet ge—
wejen, jo würde er nicht geftorben fein und ward daher wieder abtrün—
nig.“ Mehrfah unrichtig ift Folgendes bei Flügel ©. 16: „Den Omar
aber, der jedem den Kopf zu fpalten drohte, der wagen würde, fei-
16 Erfies Hauptſtück.
bat diejenigen geleitet, die ihm Gehör gefchenft und Moham-
med bat diejenigen, die ihm den Rüden gefehrt, befämpft,
bis fie freiwillig oder gezwungen fih zum Islam befehrt.
Nachdem er aber Gottes Befehl vollzogen, fein Volk auf den
rechten Weg geführt und feinen Beruf erfüllt hatte, nahm
ihn Gott zu fih. Dies (Mohammeds Tod) hatte Gott ihm
und den Mufelmännern in der geoffenbarten Schrift voraug-
gefagt, denn es heißt: „Du wirft fterben und auch fie wer-
den fterben.” Ferner: „Wir haben Niemanden vor dir Unfterb-
lichkeit verliehen, wenn du fterblich bift, werden fie wohl ewig
leben 2” Ferner, die Mufelmänner anredend: „Die Gefandten
vor ihm find geftorben, werdet ihr daher zum Unglauben zu-
rückkehren, wenn er ftirbt oder getödtet wird? Wer rüdgän-
gig wird, der fügt Gott dadurch Fein Leid zu, aber Gott
wird die Danfbaren belohnen.” Wer aljo blog Mohammed
diente — Mohammed ift todt. Wer aber Gott diente, num,
Gott lebt noch und ftirbt nie, fondern er wacht immerfort,
bewahrt fein Wort und nimmt Rache an feinen Feinden. Ich
fordere euch daher auf, Gott zu fürchten und das zu beob-
achten, was euch euer Prophet geoffenbart, denn nur von
Gott hängt euer ganzes Schickſal ab. Folget feiner Leitung,
nen Glauben an den Tod Mohammeds auszuſprechen, brachte der
verjühnende Abu Beer durch den Ausruf zum Schweigen: Möchtet
ihr wieder zu dem zurüdfehren, was ihr früher waret, möchtet ihr
wieder Heiden werden? Dmar, von diejen Worten ergriffen, ver:
mochte nit zu antworten, und ftatt jedes Widerftandes, huldigte er
dem Schwiegervater Mohammeds, worauf die herbeigeftürzte Menge
daffelbe that (Mitte Suni 632). Wenn Omar wirklich an dem Tode
Mohammeds zweifelte, fo brachte ihn nicht der angeführte Ausruf
Abu Bekr's, fondern die vorhergehenden Worte deſſelben Korans—
verfeg, in welchem Mohammeds Sterblichfeit ausgejprochen ift Cjiehe
Abulfeda ©. 204), zum Schweigen, Auch fand die Huldigung nicht
Mirte Zuni, fondern am Sten oder Iten dieſes Monats ftatt, und
was Flügel nachher von der Spaltung zwifchen den Ausgewanderten
und Hülfsgenoffen berichtet, ging der Huldigung Omars voraus, der,
wie oben erwähnt, fih mit Abu Ber in ihre Mitte begab.
Abu Belr. 17
baltet feft an feinem Glauben. Wen Gott nicht Yeitet, der
gebt irre, wer ihn nicht anbetet, ift getäufcht. ...
Ich babe vernommen, daß Manche unter euch, welche
fih zur Religion des Islams befannt hatten, wieder davon
abgefallen find, fie haben in ihrer Blindheit die Sache Gottes
verlafjen, um dem Nufe Satans zu folgen, welcher der Schrift
zufolge der erbittertfie Feind der Menſchen ift.. ..
Ich fende euch daher N, N. mit einer Abtheilung Aug:
gewwanderter, Hülfsgenoffen und anderer jüngeren frommen
‚ Männer mit dem Befehle, nichts Anderes anzunehmen, als
den Glauben an Gott, und Niemanden aufzunehmen, ohne
ihn vorber zum Glauben an Gott aufgefordert zu haben.
Wer diefe Aufforderung ermwiedert und gerecht handelt, wird
aufgenommen und befchügt, wer widerftrebt, wird befriegt, big
er zur Sache Gottes zurüdfehrt. Kein Abtrünniger foll ver-
fchont bleiben, fie follen den Feuertod fterben oder auf jede
andere mögliche Weife getödtet werben, und ihre Kinder und
Frauen als Sklaven den Mufelmännern anbeimfallen. ...
Ich babe meinem Gefandten befohlen, diefes Nundfchreiben
jeder Gemeinde vorzulefen, und den Ausruf zum Gebete alg
Aufforderung zum Islam gelten zu laffen. Diejenigen Ge-
meinden, die auch fogleih das Gebet ausrufen, jollen ver-
ſchont bleiben, die es aber nicht thun, follen als Feinde be-
bandelt werben, bis fie fih zum Glauben befennen.
Diefe Prorlamation wurde durd) Gefandte dem Deere
vorausgeſchickt. Die verfchiedenen Feloherren aber erhielten
von Abu Bekr ein anderes Schreiben, welches alfo lautete:
Dies ift der Befehl Abu Bekr’s, Stellvertreter des Ge—
fandten Gottes, an N, N., als er ihn in ven Kampf gegen
die Abtrünnigen fandte.
Bor Allem foll er Gott fürchten, fowohl in feinen öffent-
lichen als verborgenen Handlungen Gottes Sache mit Eifer
dienen, feine Feinde unaufhaltſam befimpfen, bis fie in den
Schooß des Islams zurüdfehren, dann aber foll er fie befannt
machen mit dem, was fie anzufprechen und zu entrichten ha—
2
18 Erftes Hauptſtück.
ben, fie follen empfangen, was ihnen gebührt, aber auch ohne
Rückficht angehalten werden, ihren Obliegenheiten nachzukom—
men. Er foll ferner die Mufelmänner nicht abhalten, ihre
Feinde zu befriegen, doch foll er jeden aufnehmen und ihm
Beiftand leiften, der dem Aufrufe zur Sade Gottes Gehör
gibt und fid) als Gläubiger bewährt, denn wir befämpfen bie
an Gott Ölaubenden nur, big fie auch das von ihm Ausge—
gangene anerkennen, thun fie dies, fo dürfen fie nicht ange-
feindet werden, Gott wird fie richten für das, was fie in
ihrem Innern verbergen. Diejenigen aber, welche diefer Auf-
forderung fein Gehör geben, follen bekämpft und getödtet wer-
den, wo man fie findet. Er foll von ihnen nichts Anderes
alg den Islam annehmen,. wer fid) Dazu befennt und fi als
Gläubiger dur) die That bewährt, der foll von ihm aufge-
nommen und unterrichtet werden, Wer aber den Islam nicht
annimmt, den foll er mit Feuer und Schwert befriegen und
wenn ihm Gott den Sieg über den Feind verleiht, fo foll er
die Beute tHeilen, ung aber den fünften Theil derfelben zu—
fenden. Seine Gefährten foll er von Verwegenheit und Ber-
dorbenheit abhalten, und feinen Fremden unter feine Leute
aufnehmen, den er nicht genau kennt .. . ). Er fei gerecht
gegen die Muſelmänner und ſchone fie ſowohl auf dem Marfche,
als im Lager und zerftreue fie nicht zu jehr. Er fei flets
für das Wohl der Mufelmänner beforgt, er behandle fie als
treue Gefährten und fei freundlich im Umgange mit ihnen!
Chalid, der erfte der elf von Abu Bekr ernannten Häupt-
linge, ward zuerft gegen Tuleiha gefandt, welcher noch beim
Leben Mohammeds fih aud für einen Propheten ausgab
und gleich ihm fi) in gereimter Profa ausdrüdte, die ale
himmlische Offenbarung gelten follte. Er war aus dem
Stamme Afad, der ihm feine Hufdigung darbrachte, was auch
— — — ———
1) Die hier ausgelaſſenen Worte find im Texte nicht ganz klar
und lauten bei Kofegarten: »Neque divites hi sint, neque ab üs ho-
mines lacessantur, «
Abu Befr 19
der mit demfelben verbündete Stamm Fazara that. Später
ſchloſſen fih ihnen auch die Flüchtlinge der von Abu Bekr
gefchlagenen Stämme Abs und Dfubian an, Selbſt Ujeina
Fon Hin, aus dem Stamme Ghatafan, welcher fo reichlich
son Mohammed befchenft worden war T), ward abtrünnig,
weil Ghatafan, Afad und Fazara früher Bundesgenoffen wa-
ren und Ujeina daher fagte: „Bei Gott, es ift beffer, wir
gehorchen einem Propheten aus den mit ung befreundeten
Stämmen, als einem Kureifchiten. Uebrigens ift Mohammed
todt und Tuleiha lebt noch 2).“
Chalid fonnte mit der geringen Mannfchaft, die er bet
fih führte, Feinen Kampf wagen; erft als ihm Adif, der
Sohn Hatims, eine bedeutende Berftärfung aus dem Stamme
Tai zuführte, zog er dem Feinde entgegen und fehlug ihn bei
Buzacha. Ujeina ward gefangen und nah Medina gefandt.
Abu Bekr begnadigte ihn jedoch, obgleich er auf die Frage:
warum er dem Islam wieder abtrünnig geworden, offen ge-
ftand, daß er nie ein wirflicher Gläubiger gewefen 3). Tu—
leiha flüchtete fih nad) Syrien, befehrte ſich jedoch fpäter
aufs Neue zum Islam ?).
Nach der Niederlage bei Buzacha fehrten auch die abge—
falfenen Benu Amir zum Jslam zurüdf und erhielten ihre Be—
gnadigung; nur diejenigen, welche während des Aufitandes
irgend einen Mufelmann getödtet hatten, wurden auf Abu
Bekr's Befehl auf die graufamfte Weife hingerichtet. Die
Einen wurden von hohen Bergen herabgeftürzt, Andere ge-
feffelt und mit Steinen zermalmt, wieder Andere, wie Fud—
jaa, welcher von Abu Bekr feldft Waffen und Kameele er-
halten und fie dann gegen Mufelmänner gebraucht hatte,
1) ©. Leben Mohammeds ©. 239,
2) Tab. ©. 106.
3) Ibid. ©. 110.
4) Ibid. &, 112.
2 %
20 Erftes Hauptſtück.
wurden auf dem Begräbnißplase zu Medina verbrannt N).
Noch einmal vereinigten ſich die Flüchtlinge der aufrührerijchen
Stimme um Salma oder Umm Ziml, eine angefehene Frau
aus dem Stamme Ohatafan 2); fie wurden aber aud) dieg-
mal von Chalid geichlagen und Umm Zimt! felbft ward getöd-
tet, nachdem hundert Mann gefallen waren, die das Kameel,
auf dem fie faß, beſchützten.
Gefährliher ale Umm Ziml hätte ein anderes Weib den
Mufelmännern werden fünnen, wenn die übrigen Rebellen
fi) mit ihr vereinigt hätten, und fie nicht durch Muſeilama
um ihr Anfeben gefommen wäre. Dies war Sabjah, eine
Chriftin aus dem mächtigen Stamme der Benu Tagplib, wel-
her einen großen Theil von Mefopotamien inne hatte. Schon
längft beherrfchte fie als Prophetin ihre Stammgenoſſen, de:
nen fih bald auch Hudfeil, Scheiban und einige andere
Stämme anfchloffen. Mohammeds Tod war ihr eine er-
wünfchte Gelegenheit, um ihre Herrichaft weiter auszudehnen,
Schon hatte fie Malif Ibn Numeira, das Oberhaupt ber
Benu Malik und Waki' Fon Malik, den Anführer der Benu
Jarbu' gewonnen und beſchloſſen, die Truppen Abu Befr’s
anzugreifen. Die beiden genannten Stämme weigerten fi)
aber bald, mit ihr in ein Bündniß zu treten und Fündigten
ihren Häuptern den Gehorfam auf 3). Als daher, nad) einem
1) Ibid. ©. 120.
2) Sie war die Tochter Malik's Ibn Hudfeifa, eines der reich:
ten und angefehenften Männer feines Stammes. Sn einem Streif-
zuge gegen diefen Stamm ward fie noch bei Mohammeds Lebzeiten
gefangen genommen und nad Medina gebracht. Aiſcha nahm fie
auf und befehrte fie zum Islam. Nach einiger Zeit erlaubte ihr
Aiſcha zu ihrer Familie zurückzufehren, um fie auch im neuen Glau—
ben zu unterrihten. Ihr Vater ftarb aber bald nad ihrer Rückkehr
und fie erbte feine Reihthümer und mit denjelben auch fein Anjehen
unter den Benu Ghatafan. Sie ſchloß fih dann, nah Mohammedd
Tod, auch den Abtrünnigen an, weil ihr Bruder von Mujelmännern
erfhlagen worden war.
8) Das für die Beurtheilung Chalid’s nicht unmwichtige Verhält—
Abu Befr, 21
Treffen, in welchem mehrere Anführer von Sadjah's Truppen
gefangen wurden, Malif und Waki' wieder von ihr abftelen,
verließ fie das Gebiet der Benu Tamım wieder und gab den
Befehl zum Aufbruch nad) der Provinz Jamama, in welcher
Mufeilama I) fi feitgefegt hatte. Sobald diefer von dem
nis Sadjahs zu Malit Son Numeira wird im türfiihen Tabari
S. 87 folgenderweije dargeftellt: Kurz nad Mohammeds Tod, als
viele Araber die Armenfteuer verweigerten, hörten doch Malik und
fein Sohn Walt, melde die Hiupter der Stämme Benu Malik und
Benu Jarbu' waren, nicht auf, fie einzufordern und nad Medina
zu jenden. Die zahlreihern Benu Dhobba aber, ein Zweig der
Benu Tamim, welbhe auch abtrünnig geworden, feindeten fie deshalb
an und tödteten mehrere der Benu Malik. Als Sadjah in ihr Sand
fam und fie aufforderte, fih mit ihr zu verbünden, wiejen ſie fie
zurüd, theild® aus Furcht sor Chalid, welcher niht mehr fern war,
theils meil fie mit den Benu Hudjeil, aus denen ein Theil ihres
Heeres beftand, in Fehde lebten. Sadjah wendete fih hierauf an
Malik und diefer ſchloß ein Bündnig mit ihr, nur um eine Gele:
genheit zu finden, fih an den Benu Dhobbah zu rächen. Lestere
wurden in der That gefhlagen, als aber hierauf Sadjah gegen Ja—
mama 503, ward fie von den Benu Amru überfallen, welde, mie
die Benu Dhobba, ein Zweig der Benu Tamım waren. Nach die:
fer Niederlage fagten die Benu Malik: wir haben unſern Zweck
erreicht und jegen uns vergebens weitern Feinpdfeligfeiten aus, da:
rum fehren wir lieber in unjre Heimath zurüd u, ſ. w.
1) Bon Mufeilama willen wir auch wenig mehr, als von den
vielen andern faljhen Propheten, welhe damals in Mohammeds
Fußtapfen freten wollten. Er ſchlug jhon Mohammed eine Thei-
fung der Herrfchaft über Arabien vor und mollte jest Sadjah den
von den Kureifhiten verſchmähten Theil überlajfen. Auch er ver-
fuchte allerlei Wunder zu üben, wie man fie von Mohammed er:
zählte. Bon den fünf Gebeten, welche der Mufelmann täglich zu
serrichten hat, erließ er zwer, nämlich das Früh- und das Nacht—
gebet. Die Ehe fah er nur als ein Mittel, Söhne zu zeugen, an,
fobald jemand einen Sohn hatte, follte er feiner Frau nicht mehr
beimohnen. Auc hatte er ein gewiffes Gebiet, in der Provinz Ja—
mama, als Heiligthum erklärt, wie ed das von Mekka für die Mu-
jelmänner war. Er ertheilte Kindern jeinen Gegen und betete für
Kranke und andere Unglüclihe. Seine Offenbarungen waren ın
22 Erftes Hauptftüd,
Anzuge Sadjah's mit einem zahlreihen Heere unterrichtet
ward, fandte er ihr einige Gefchenfe und erbat ſich eine Zu-
fammenfunft mit ihr, welde fie ihm auch gewährte und die
nad einigen Berichten drei Tage dauerte, Mufeilama ſchlug
ihr vor, gemeine Sache mit ihm zu machen und die Herr=
[haft mit ihm zu theilen, doch follte fie, entweder weil er
feine Nebenbuhlerin haben wollte, oder weil er einem Theile
ihrer Truppen ) nicht traute, fich fo lange zurüdziehen, bis
er die Mufelmänner befiegt haben würde, Sie fehrte hierauf
zu ihren Stammgenoffen zurüd, doch erft nachdem ihr Mu-
jeilama bedeutende Summen ausbezahlt und andere nachzu—
fenden verſprach 2). Mufeilama, der jeden Augenblid einen
Angriff der Mufelmänner befürchtete, mußte nachgeben, nach—
dem er wahricheinlich fi) vergebens bemüht hatte, einen Theil
ihrer Truppen zu bewegen, fi mit den Seinigen zu ver-
einigen.
Sadjah hatte faum mit ihren Schaaren Jamama ver-
furzen gereimten Sätzen, gleich denen Mohammeds in den ältejten
meffanifhen Suren. Viele Araber ſchloſſen jih ihm an, ohne an
ihn zu glauben, fo fagte ihm (bei Tabarı ©. 156) Talha der Na—
marite: „ich weiß, dag du ein Lügner bift, Mohammed aber ein
wahrer Prophet, doc ift mir ein Lügner aus dem Geſchlechte Rabia
lieber, ald ein wahrer Brophet aus dem Geſchlechte Mudhar.” Nach
einer andern (wahrfcheinlichern) Tradition fagte er ihm: „ein Lügner
aus Rabia ift mir lieber als ein Lügner aus Mudhar.“ Das Mu:
feilama, wie eine von Europäern nachgefchriebene Tradition bei Ta—
bari lautet, fih mit Sadjah drei Tage lang den größten Ausſchwei—
fungen hingegeben habe, iſt troß dem ©. 186 angeführten Gedicht:
hen, dem obſconſten, das vielleicht die arabifche Literatur aufzuwei—
fen hat, doch nur eine Erfindung der Mujelmänner, da Mufeilama
damals über hundert, nach Sujuti (S. 82) jogar hundert und fünf-
zig Sahre alt war. -
1) Nach Tab, ©. 89 befonders den mit ihr vereinten Benu Ta:
mim nicht, die fie auch in der That bald verliefen und in den Schooß
des Islams zurückehrten,
2) Die Hälfte der Einkünfte der Provinz Jamama mußte er
gleich bezahlen und die andere Hälfte follte er nachliefern.
Abu Betr. 23
laffen, als in der That Ikirma mit einer Abtheilung Mufel-
männer in diefe Provinz einftel. Er wagte aber, ehe ihm
die verfprochene Verftärfung zufam, gegen den Befehl Abu
Bekr’s, ein Treffen, in welchem Muſeilama den Sieg davon
trug. Als Abu Bekr von der Niederlage Ikirma's Nachricht
erhielt, fand er es für rathſam, Chalid zum Dberfeldherrn
der gegen Mufeilama beftimmten Truppen zu ernennen, ob»
ſchon diefer eines foldhen Amtes nicht mehr würdig war und
Dmar fogar deffen Hinrichtung verlangte. Chalid hatte fic)
nämlich, nad) feinem Siege über die unter Tuleiha und Umm
Ziml vereinigten Stämme, gegen den Willen der angefehen-
ften ihn begleitenden Mufelmänner, nad Bitah gezogen, wo
Malit Fon Nuweira feinen Sitz hatte, obſchon diefer längſt
wieder feine Truppen entlaffen und zum Gehorfam gegen den
Chalifen zurüdgefehrt war. Malif ward gefangen genommen
und mit mehreren feiner Gefährten des Nachts auf Chalidg
Befehl ermordet, welcher auch fogleich deſſen Wittwe heiras
thete, obgleih es bei den Arabern gegen alle Sitte war,
während eines Feldzugs eine Che zu fchliegen. So fehr aber
auch diefe Heirath Chalid zum Mörder ftempelte, nahm doch
Abu Bekr feine Entſchuldigung ) an und behauptete, einen
1) Chalid wird auf verſchiedene Weife entfchuldigt. Nach eini—
gen, behaupteten mehrere jeiner Emijjarien, Malik habe dem Rufe
des Muaddzins zum Gebete nicht Folge geleiftet, nah Andern fol
Malik in feiner Unterredung mit Chalid Mohammed „euern Herrn“
genannt haben, ftatt „unſern.“ Wieder Andere nehmen an, Chalid
habe gar nicht den Befehl zur Ermordung der Gefangenen gegeben,
aber das Wort, das er gebrauchte, um zu fagen, man folle ihnen.
einheizen, ſei mißverftanden worden, weil es in dem Dialekte der:
jenigen, denen ſie anvertraut waren, „erjchlagen“ bedeutet. Daß
Chalid, wie man aus Abulfeda ©. 216 gefchloffen, Maliks Wittwe
während ihrer Reinigung beigewohnt, wird nicht von ihm gefagt, es
heißt ſogar ausdrüdlich bei Tabari ©. 145: »Chalid uxorem duxerat
(d. h. ſchloß den Ehevertrag mit ihr) Omm Tmim filiam El Minhali
(fo hieß Maliks Frau) qguam reliquit propterea quod in menstruis
erat.a S. auch mein Leben Mohammeds ©. 229— 231. Aud von
24 Erftes Hauptſtück.
Mann nicht entlaffen oder betrafen zu können, welchem Mo—
hammed den ehrenvollen Namen „Schwerbt Gottes“ gegeben N).
Noch ehe Chalid aber mit feinen Truppen nad) Jamama
gelangte, hatte Mufeilama ein zweites Treffen gegen Schurah-
bil gewonnen, welder, durch das Schiefal Ikirma's nicht Flug
geworden, allein die Ehre haben wollte, den falfchen Propheten
zu zernichten, der, nach mufelmännijchen, allerdings übertriebe—
nen, Berichten über vierzigtaufend Mann ?) zu verfügen hatte,
Da aber Mufeilama’s Truppen zahlreich und tapfer gewefen
fein müffen, gebt fchon daraus hervor, daß felbft der fchnell
zu fiegen gewohnte Chalid, welcher die größte Borficht mit
männlicher Tapferfeit paarte, nahe daran war zu unterliegen.
einer Verweigerung der Armenjteuer, wodurd allerdings Chalid be:
rechtigt gemwejen wäre, Malik als Abtrünnigen zu beftrafen, ift bei
Tabari feine Rede. In der Hamafa (ed. Freytag. p. 371) lieft man:
„Nahdem 45 Mann von den Benu Bahan unter Malik gefallen
waren, forderte ihn Chalıd auf, Mufelmann zu werden. Malıf
fragte: was gibt du mir dann? Chalid antwortete: den Schutz
Gottes, feines Gefandten, den Abu Bekr’s und Chalid's Ibn Welid,
ih nehme dein Befenntnig an und thue dir fein Unrecht. Malik
ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Chalid hatte aber den
Auftrag von Abu Bekr, ihn zu tödten; er faate ihm daher: Malık, -
ich Taffe dich hinrihten. „Thu dies nicht!” „Sch Fann nicht anders.“
„So thue, was du nicht unterlaffen kannt!“ Chalid ftellte ihn dann
feinen Leuten (um Tödten) vor, aber fie jcheuten fi, ihn zu tödten,
und die Ausgewanderten (Mefkaner) fasten: willft du einen Mu:
felmann tödten? nur Dharrsr Sbn Alaswar, aus dem Stamme
Afad von den Benu Kus, machte ſich auf und erfchlug ihn.“
1) Chalid (ſo heißt es im ft. T. ©. 91) war mit Bilal, dem
Pförtner Abu Bekr's, befreundet; als ıhn daher Omar vor Abu
Beer führen wollte, meldete er Chalid allein und verfagte Omar
den Zutritt. So gelang es Jenem, von dem Chalifen feine Begna:
digung zu erwirfen, ohne daß Omar ihn davon abzuhalten vermochte,
Dmar verlangte feinen Tod als Mörder Malifs, nicht wie bei Flü—
gel ©. 19 „weil er nach feiner Meinung eines andern Weib zu
zärtlich angefehen hatte.‘
2) Niht wie bei Elmafin ©. 16, mo die Zahl der Mufelmän-
ner auf 40,000 angegeben wird,
Abu Bekr. 25
Die Mufelmänner wurden zu miederholtenmalen zurückgeſchla—
gen und die Benu Hanifa, welche den Kern von Mufeila:
ma’s Heere bildeten, waren fchon in Chalids Zelt gebrungen.
Seine Gattin, um deretwillen er feinen glorreihen Namen
mit Mord befledt, verdanfte ihr Leben nur Madjaa, einem
Häuplinge der Benu Hanifa, welchen Chalid vor dem Treffen
gefangen genommen. Doch die Mufelmännifchen Veteranen,
welche wohl einfaben, daß es fich hier um die Eriftenz des
Islams handelte, Fehrten immer wieder aufs Neue in den
Kampf zurück, mehrere widmeten fi dem Tode und fpornten
dur ihr Beifpiel die übrigen Krieger an. Chalid theilte
feine Leute nad Stämmen ein, damit fie mit einander an
Tapferfeit wetteifern follten, er felbft focht an ihrer Spike
und nahm endlih zur Lit feine Zuflucht. Als er nämlich
einfab, daß, fo lange Mufeilama feinen Plab behaupte, bie
Benu Hanifa nicht nachgeben würden, rief er ihn zu ſich und
machte ihm Friedensvorfchläge. Während diefer aber nach—
Dachte, drang er auf ihn ein und nöthigte ihn, ſich mit den
Seinigen in einen von hohen Mauern umgebenen Garten
zurückzuziehen "). k
Barra Ibn Malik, einer derjenigen, welche ſich am meijten
in der Schlacht ausgezeichnet hatten, ließ fi auf die Gartens
mauer heben, fchlug diejenigen, welche das Thor bewacht
1) Der hierauf bezüglihe Tert bei Tabarı, ©. 170, ift fo man—
gelhaft, dag man nicht recht weiß, wie es eigentlich zuging. Bei
Kofegarten lieft man hierüber: „‚Itaque Moseilamam compellavit, im-
pugnandi opportunitatem quaerens, responditque Moseilama. Proposuit
ei autem nonnulla Chaled, quae grata ipsi essent; et: quodsi nos,
inquit, dimidio regno contenti sumus, quod nam dimidium nobis dabis?
Moseilama vero quum respondere vellet, vultum avertere solebat, dae-
monem suum si aderat, de illa re consulens. Unde factum est, ut
voltum forte illo avertente Chaled in eum irrueret, acriter eum pre-
mens; tum pedem ille retulit, cesseruntque a fronte Chaledi hostes,
qui suis: „agite dum! cavete ne impune ferant!“* Mox ab insistentibus
Moslemis in fugam conjecti sunt Haniſitae.“
26 Erftes Hauptſtück.
hatten, zurück und Hffnete es den Mufelmännern. Nun be-
gann ein fcehauderhaftes Gemetzel, wie noch feines unter den
Arabern ftatt gefunden. Mufeilama felbft fiel nad) einigen
Berichten von der Hand Wahfchi’s, deffelben Sklaven, welcher
im Treffen bei Dhod Mohammeds Oheim Hamza erfchlagen.
Die Zahl der Anhänger Mufeilama’s, die theils auf dem
Schlachtfelde, theils im Garten geblieben, wird auf 10,000
angegeben. Doch auch von Seiten der Mufelmänner war der
Berluft groß, befonders unter den Ausgewanderten und Hilfs:
genoffen, jo daß nach diefem Kriege Abu Befr es für rath-
fam hielt, ven Koran, welchen diefe Männer am beften aus—
wendig wußten, Dadurch der Vergeſſenheit zu entziehen, daß
er die yon bemfelben vorhandenen fchriftlichen Fragmente ſam—
meln und vielleicht auch manches mündlich aufbewahrte auf
ſchreiben ließ N).
Selbſt der grauſame und unerſchrockene Chalid fand nach
ſeinem Siege über Muſeilama's Truppen, daß genug Blut
der Benu Hanifa gefloſſen ſei und geſtattete daher denjenigen,
welche ſich in die Stadt Jamama zurückgezogen hatten, einen
annehmbaren Frieden. Freilich wurde er von Madjaa hinter—
gangen, der ihm den Feind noch ſtärker ſchilderte, als er war,
und um ihn leichter zu täuſchen, auch alle Frauen und Mäd—
chen hatte in Männerrüſtung die Wälle beſteigen laſſen. Chalid
verzieh ihm indeſſen, als er nach unterzeichnetem Friedens—
ſchluſſe die gegen ihn gebrauchte Liſt entdeckte, wahrſcheinlich
aus Liebe zu deſſen Tochter, die er abermals gegen das Her—
kommen der Araber heurathete, noch ehe die Erde das Blut
feiner Waffengefährten verſchlungen hatte ?).
1) ©. mein Leben Mohammeds ©. 348 u. ff.
2) Chalid ward nah dem türf, Tab. abermals bei Abu Behr
ald Verräther angeklagt, wegen des für die Benu Hanifa zu gün-
ftigen Friedensſchluſſes ſowohl, ald wegen feiner Heurath mit Mad:
jaa's Tochter, der er eine damals unerhort große Morgengabe ent:
richtete, die er natürlich von der noch nicht vertheilten Beute
genommen, Auch foll er am erften Schlachttage nicht aus feinem Zelte
Abu Bekr. 27
Der zwifchen Chalid und den Bewohnern yon Jamama
geichloffene Bertrag lautet:
„Dieß ift die Mebereinfunft Chalid's Ibn Welid mit
Madjaa Ibn Marara, Salma Ibn Omeir un NN. Er
geftattet ihnen Frieden gegen ihr Gold und ihr Silber, ihre
Panzerhemden ?) und ihre Pferde, die Hälfte ihrer Sklaven
nebft einem Garten und einem Ader bei jedem Städtchen,
doch müffen fie fih zum Islam befennen, dann ftehen fie
unter Gottes Obhut und unter dem Schutze Chaliv’s Ibn
Welid und Abu Bekr's, Chalifen des Gefandten Gottes und
unter dem aller Gläubigen” ?).
Gfeichzeitig mit der Unterwerfung yon Jamama fand
auch die einiger andern aufrührerifchen Provinzen ftatt. Bah—
rein, das Küftenland am perſiſchen Meerbufen, hatte ſich unter
der Regierung des Mundfir Ibn Sawa zum Islam befannt,
nach deſſen Tode aber dem Chalifen den Gehorſam verjagt.
Auch war ein Theil der Bevölferung wieder vom Glauben
hersorgetreten fein. Nach dem türk. Tab. ©. 96 erhielten die Mu-
felmänner den vierten Theil ihrer Habe.
1) Sch lefe »halkate ftatt »Chilfat« bei Tab. S. 178 und über:
feße daher nicht wie Kofegarten: flava et alba et bicoloria. S. den
Kamuf unter »safra,« mo alle drei Worte vorfommen, eben jo bei
Dſahabi fol. 112,
2) Die Zeit diefes Friedensfchluffes wird verichieden angegeben.
Tabari nennt nur das 3. 11 der Hidjrah, Abd Al Bafı, Ende des
llten Zahres, Abu Maſchir und Wakidi Rabia Ammal des 5. 12.
(Dfahabi a. a. DO.) Da mir aber bei Tabari lefen, daß Salma den
Bewohnern von Jamama, um fie zum Widerftande zu ermuthigen,
fagte: „D Benu Hanifa! fämpfet für eure Ehre und bringet dem
Frieden fein zu großes Opfer! Die Feftung ift ftarf, der Vorrath
groß und der Winter nahe,“ fo müffen wir Chalids Sieg etwa
in den Schaban des J. 11 fegen, denn das 12te begann im März
633 und zu Anfang des 12ten zog Chalid jhon nad Zraf. Die an-
geführte Stelle aus Tabari fpriht auch gegen eine ©. 176 ange:
führte Tradition, derzufolge in Samama gar feine fireitbaren Männer
mehr übrig. geblieben wären, fonft hätte fih Salma nit jo hart:
nädig dem Friedensfchluffe widerfest.
28 Erftes Hauptſtück.
an Mohammed abgefallen, weil fie fih ihn unfterblich ge-
dacht.
Ala Ibn Hadhrami, welchen Abu Bekr gegen dieſe Re—
bellen ſandte, blieb einen ganzen Monat vor ihrem verſchanz—
ten Lager liegen, bis er endlich eines Nachts durch Berrath
erfuhr, daß die Häupter der Truppen bei einem Feſtmahle
waren, da gelang es ihm, fie zu überrumpeln und theile
niederzuhauen, theils in die Flucht zu treiben N),
Der falfhe Prophet Lakit Ibn Malik, welcher fi) der
Provinz Dinan bemädtigt hatte, ward von Hubfeifa und
Arfadja, zu denen fpäter Ikirma und Schurahbil ftießen, Bei
Daba gefchlagen.
Muhadjir Ibhn Dmejja beftegte zuerft Keis Fon Abd
Jaghuth, weldem der größte Theil der Provinz Jemen
fammt der Hauptftadt Sanaa anhing, dann die Benu Kinda,
welhe in Hadhramaut ihren Sig hatten, und namentlich
wegen der Armenfteuer das Joh der Mufelmänner abgefchüt-
telt hatten. Afchath, welcher an der Spise der Benu Kinda
ftand, öffnete felbft vervätberifcherweife den Mufelmännern bie
Thore der Feftung Nudjeir, nachdem ihm und feinen Ver—
wandten Leben und Gut zugefihert worden war. Wenig
fehlte, fo hätte Afchatb für feinen Verrath fogleih büßen
1) A6d Allah Son Hadjaf hief der Verräther, der ſich Eintritt
ing feindliche Lager zu verfchaffen mußte, weil er von mütterlicher
Seite mit den Rebellen verwandt war und dann, als er fich gefät:
tigt und mit Proviant verfehen hatte, wieder zu den Mujelmännern
ging, um ihnen, wegen der Trunfenbeit der Ungläubigen, zum An-
ariff zu rathen. Die Wunder, die bei diefem Feldzuge fich ereignet
haben follen, will ih bier nur in Kürze angeben: Die Mufelmän-
ner, welche nahe daran waren, vor Durft umzukommen, fanden in
der Wüſte Waſſer, an einer Stelle, mo nach der Ausjage der älte-
ften Männer aus jener Gegend, früher nie ſolches gefehen ward.
Kameele, die in der Naht davon gelaufen waren, Famen allein
wieder zurück. Die Flüchtlinge, welche ſich in Schiffen retten wollten,
wurden von Ala’s Reitern eingeholt, meil das Meer zurüdtrat, fo
daß das Waffer nicht über ihre Knie reichte. Tab. ©. 192 u. ff.
Abu Ben 29
müffen, denn er vergaß aus Uebereilung in dem mit Mu-
badiir gefchloffenen Bertrage fich feldft unter denjenigen Be—
wobnern von Nudjeir zu nennen, welche begnadigt werben
follten. Da er indeffen behauptete, als Hauptperſon der Un—
terbandlung verftebe fich feine Begnadigung von felbft, warb
die Entfcheidung über fein Schickſal dem Chalifen überlaffen
und dieſer, fein Schwager, fchenfte ihm dag Leben ). Mit
Auszabme der im Bertrage genannten Verwandten des Aſchath
lieg der graufame Muhadjir alle fireitbaren Männer, die er
in Nubdjeir fand, hinrichten, Frauen und Kinder als Sklaven
vertbeilen, einige fogar verftümmeln, worüber ihm jedoch Abu
Bekr einen derben Verweis gab 2).
1) Nah Sujuti foll jedoh Abu Beer auf feinem Kranfenbette
es bereut haben, daß er diefen doppelten Verräther nicht habe hin:
richten laſſen.
2) Die Stelle bei Tabarı ©. 248 (wo einige Worte fehlen) und
bei Sujuti ©. 106 lautet: Dem Muhadjir fielen zwei Sängerinnen
in die Hand, von denen die Cine Spottlieder gegen den Propheten
und die Andere gegen die Mujelmänner gefungen. Er ließ Erfterer
beide Hände abjchneiden und die Morderzähne ausreigen, Letzterer
eine Hand abjchneiden und einen Zahn ausreißen. Abu Bekr fchrieb
ihm: „Sch habe vernommen, wie du mit der Sängerin verfahren,
die in ihren Liedern den Propheten geſchmäht. Wäreft du mir nicht
mit deiner Strafe zuvorgefommen, fo hätte ich dir befohlen, fie
hinrichten zu laffen, denn ein Vergehen gegen den Propheten wird
anders beftraft, als andere Vergehen. Gin Gläubiger, der dieß
thut, wird als Abtrünniger angefehen und ein DBerbündeter oder
Schusgenojje, als Feind und Verräther.“ In Betreff der andern
Sängerin ſchrieb ihm Abu Bekr: „Ich babe vernommen, du haft
einer Sängerin eine Hand abhauen und einen Zahn ausreigen laffen,
weil fie Spottlieder gegen Mufelmänner gejungen. Bekannte fie fich
zum Slam, fo verdiente fie wohl eine Züchtigung, aber nicht eine
Berfümmlung, war fie aber eine Verbündete Wichtgläubige, die
unter muſelmänniſchem Schutze fteht), nun, bei meinem Leben, das
von ihr geduldete Vergehen Gott einen Genoſſen an die Seite zu
ftellen, ift doch größer (d. h. fie verdient feine Strafe, da man ihr
doc geftattet, in ihrem Glauben zu verharren), Wäre ich dir mit
einem folchen Beifpiele vorangegangen, fo hätte ich ein Unrecht be:
30 Erſtes Hauptſtück.
Kaum war das eigentliche Arabien unterjocht, ſo ertheilte
Abu Bekr dem Sieger über Jamama den Befehl N), die Herr—
fchaft des Islams über die Provinz Irak auszudehnen, welche
damals zu dem perfiichen Neiche gehörte. Perfien hatte unter
Chosru Nufhirwan (Chosroes I.) einen hohen Grad von
Gultur, Macht und Wohlftand erreicht und. in den erften Re—
gierungsjahren des Chosru Perwis (Chosroes II.) feine Herr-
fchaft noch weit über feine Grenzen hinaus gedehnt. Aber
die letzten Jahre diefes Saffanidenfönigs bracpten großes Un-
glück über das perſiſche Weich. Heraflius war bis in das
Innere des Landes vorgedrungen und Siroes, Chosrus Nach—
folger, mußte einen fchmählichen Frieden unterzeichnen und
alle von feinen Ahnen eroberten Provinzen wieder abtreten,
Seither war das Reid) der Saffaniden durch Hunger, Bürger-
frieg, Adelsfehden und Weiberherrſchaft immer tiefer gefunfen,
fo daß die noch unterjochten Grenzländer nad einem Erföfer
ſchmachteten. Die Mufelmänner hatten daher in Irak nicht,
wie in Arabien, das Bolf, fondern blos die perfifchen Trup—
pen zu befämpfen, welche die am Euphrat gelegenen Stäbte
und Feftungen befest hielten. Ein großer Theil der Bevöl—
ferung, welche arabifchen Urfprungs war und gegen die Abu
Bekr feinen Feldheren die größte Schonung anempfahl, machte
gemeine Sache mit den Mufelmännern.
Chalid, welder von Jamama ?) mit nur 2000 Mann
aufgebrochen war, hatte bald 18,000 Mann unter feinem
gangen. Mäßige did nunmehr und hüte dich, jemanden mehr zu
verftümmeln, es ift eine zu verabſcheuende That, die nur ald Ver:
geltungsftrafe Cbei Förperliher Verlegung) geftattet wird.” Kofegar:
ten hat diefe ganze Stelle anders gedeutet.
1) Mubarram des 12ten Sahred. (März 633.) Tab. I. ©, 2.
2) Tab. a. a. D. Als Chalid mit den Angelegenheiten Jama
ma’s zu Ende war, fohrieb ihm Abu Beer, während er noch in Ja—
mama war: „Ziehe gegen Sraf und befege diefes and, beginne
mit der Grenzfeftung gegen Sndien, das ift Obolla, bebandle freund
fih die Perſer und die Völker, welche unter perfifher Herrfchaft
Abu Befr, 31
Befehle, denn viele Stämme, durch deren Gebiet er zog,
fchloffen fih ihm an, befonders die von Mudhar und Rabia,
und vor ihm jtanden ſchon S000 Mann an der Grenze von
Irak unter dem Dberbefehle Muthanna’s, welcher den Chali-
fen zu einem Feldzuge nad Irak angeregt. Ehe er eine
Feindfeligfeit beging ) ſchrieb er, den vom Chalifen empfan-
genen Berbaltungsmaßregeln zufolge, an Hormuz, den Felb-
beren der Perfer: „Bekehre dich, fo bift Du gerettet, fichere
dir und deinem Bolfe unfern Schuß und bewillige einen Tri-
but, fonft Fannft du nur dich felbft anflagen, denn ich ziehe
mit einer Schaar heran, die den Tod eben fo fehr Tiebt, ala
ihr das Leben.”
fteben.” Dann folgt eine andere Tradition, derzufolge er zuerft noch
einmal nah Medina zurückkehrte und dann von Medina unmittelbar
nah Sraf. Das wäre faum der Erwähnung werth, wenn man nicht
bei Flügel ©. 20 läſe: „Chalid zog ein Sahr fpäter (als Ujama, der
Sohn Zeid’s) von der Küfte des verfiihen Meerbufeng aus, herauf
nad Sraf, während Amru Ben Elaſi in Paläftina und Abu Obeida
in Syrien einbrah, bis Chalid, der das Gebiet von Bahrein und
von Anbar herauf nad Hira, und die ganze Strede Landes, wo
foater Badra gegründet ward, unterworfen hatte, nad diefen Er:
oberungen mit ihnen zujammenftieß.“ Das daß Gebiet von Bahrein
durch Ala Son Alhadhrami und nit durch Chalid unterworfen wor:
den, haben wir fhon erwähnt. ©, Tab. ©. 188 u. ff. Auch die
angegebene Frift von einem Jahre zwiſchen dem Zuge Ufama’s und
dem Chalid's nah Jrak ift nicht genau. Grfterer fand wenige Tage
nach dem Tode Mohammed’s ftatt, aljo Zuni 652 und letzterer im
März 633.
1) Bei Tabari ©. 4 wird fogleih die Unterwerfung des Ibn
Saluba und des Ayas, Emir von Hira, erzählt. Diefe fand aber
erft fpäter nach mehreren gewonnenen Schladten ftatt. Vergl. ebend,
S. 36 — 46. Die hier angeführte Tradition gibt nur, wie dieg auch
an andern Orten bei Tabari vorfommt, eine gedrängte Weberficht
der erften Grfolge der Mufelmänner in Sraf, welhe dann nad an-
dern Berichten näher beleuchtet werden. Möglich wäre es indeflen,
und dafür fpriht ©. 60, dag nach andern Ueberlieferungen die Be:
wohner von Hira und einiger andern Städte gleich nach Chalid's
Einfall in Sraf Frieden mit ihm fchloffen und vermöge einer Summe
32 Erſtes Hauptſtück.
Hormuz antwortete Chalid mit einer Herausforderung
zum Zweikampfe, durch welche das Treffen bei Kazimat in
der Nähe von Hafir eröffnet ward. Die Muſelmänner
fiegten über die an einander gefeffelten perfifhen Truppen,
weshalb auch diejes Treffen dag der Ketten genannt ward ?).
Die eroberte Beute, worunter die mit Ebdelfteinen befette
Krone des Hormuz allein auf 100,000 Dirhem gefhätt ward,
foll fo bedeutend gewefen fein, daß jeder mufelmännifche Reiter
1000 Dirhem auf feinen Antbeil erbielt.
Auf die Kettenfchlacht folgte die von Madfar am Zu—
jammenfluffe des Euphrats und Tigris ?), wo jest die Stadt
Korna liegt, gegen den perſiſchen Feldherrn Karin, welche
ebenfalls zu Gunften Chalids endete. 30,000 Perſer follen
bei Madfar geblieben und die Lebrigen nur auf Schiffen dem
Schwerdte der Mufelmänner entgangen fein.
Bei Waladja, in der Nähe von Kasfar, auf dem Ge—
biete der fpäter erbauten Stadt Waſit, fand eine noch bluti-
gere Schlacht zwifchen dem von Ardſchir abgefandten Feldherrn
Anderfas und Chalid ſtatt. Sie blieb lange unentfchieden, denn
von 290,000 Dinaren ihn bewogen, fich von ihnen zu entfernen, fpäter
aber formlich unterjocht und zu einem jährlihen Tribut angehalten
wurden. Wir folgen aber diefer Tradition fhon darum nicht, weil
es fpäter ausdrücklich heißt: „Chalid jollte Sraf von Süden und
Sjadh von Norden her angreifen und wer zuerft nad Hira gelangt,
Statthalter werden,“ woraus hervorgeht, daß Chalid fich zuerft gegen
das untere Guphratgebiet wenden mußte. Auch ift die Unterwerfung
einer Stadt, wie Hira damals war, ohne vorhergegangene Schlacht,
höchſt unwahrfcheinlic.
1) Hafir heißt nah dem Kamuß ein Ort zwifchen Mekka und
Baßra, alſo weftlih vom untern Euphrat.
2) Wahrfcheinli waren die Truppen nur bie zur Eröffnung der
Schlacht fo gebunden, daß fie nicht entfliehen Fonnten, vielleicht auch
nur der Theil derfelben, denen Hormuz am mwenigften traute. Aehn
liches wird von den Griechen in der Schlaht von Sarmuf erzählt.
3) Madfar, heißt es im Kamuß, ift der Name eines Ortes
zwiſchen Wafıt und Baßra.
Abu Bekr. Be:
es wurde von beiden Seiten mit gleichem Muthe gekämpft,
doch trug endlih Chalids beffere Kriegstaftif auch bier den
Sieg davon D). Ber diefer perfifchen Armee waren aber viele
hriftlihe Araber aus dem Stamme Bekr, welche jest ihre
arabifhen Glaubens- und Bundesgenofjen zu Hülfe riefen und
ein neues Heer rüfteten, das auch von perfiihen Truppen
unter dem Dberbefehle Djabans unterftügt ward. Die nöthigte
Chalid wahrfcheinlich wieder, das eigentliche Chaldea zu ver—
laffen, den Euphrat zu überfchreiten und fih mehr nad
Nordweft zu wenden, Bei Lis, am kleinern weftlichen Eu—
phratarme, der einft auch an Kufa vorüberzog, trat ihm das
feindlihe Heer entgegen. Die verweichlichten Werfer ließen
aber den günftigen Augenblick zum Angriffe vorübergehen, weil
fie, gegen den Willen Djabans, vor dem Gefechte Mahlzeit
balten wollten, und faum hatten fie ſich niedergelaffen, alg
Chalid mit feiner Reiterei den Kampf begann. Indeſſen ward
ibm auch diegmal der Sieg fo ſchwer, daß er mitten in der
Schlacht zu Gott betete und gelobte, daß, wenn ihm ber
Feind den Rüden fehren würde, er feinen einzigen Dann
verſchonen und fo viele der Ungläubigen ſchlachten wollte, big
der Strom yon ihrem Blute roth gefärbt. Chalid erfüllte
fein Gelübde, indem er, fobald die Perfer die Flucht ergriffen,
ausrufen ließ, daß niemand die Flüchtlinge, die Feinen Wider-
ftand leiſten, erfchlage, fondern nur gefangen nehme, dann
aber alle Gefangenen in Maſſe am Ufer des Stroms fchlachten
lieg, fo daß er, am Ufer wenigftens, fich von ihrem Blute
roth färbte,
Chalid zog jest firomabwärts und ftand fo unerwartet
vor der ebenfalls am weltlichen Euphratarme gelegenen Stadt
1) Nah diefem Siege fagte Ihalid zu feinen Arabern: Seht
einmal dieje fruchtbaren Gefilde! Bei Gott, wenn wir aud nicht
für den Glauben fämpften, fo follten wir ſchon des gejegneten Lebens
willen diefes Land unter uns vertheilen.
3
34 Erftes Hauptſtück.
Amghiſchia, welche nicht viel kleiner als Hira ) war, bag
ihre Bewohner nur ſchnell die Flucht ergriffen und ihm all
ihre Habe und ihr Gut überließen. Von der hier gemachten
Beute ſoll der Antheil eines Reiters 1500 Dirhem betragen
haben. Nach gänzlicher Zerſtörung von Amghiſchia wendete
ſich Chalid gegen Aſadſuba, den perſiſchen Statthalter von
Hira, ſchlug deſſen Sohn am Euphrat ?), belagerte mehrere
feſte Schlöſſer in der Nähe der Hauptſtadt, die ſich nicht lange
1) Die alte Stadt Hira lag ohngefähr zwei Stunden nordweſt—
fib von dem ſpätern Kufa, fait in der Mitte zwiſchen Kerbela und
Meſchhed Ali, nur etwas mehr weftlih, den Ruinen von Babylon
gegenüber. Vergl. Rıtter’s Erdkunde. Th. 1°. ©. 186. Bon einem
alten Chriſten in Hira, Abd Almaſih (Knecht des Chriſt's) genannt,
wiſſen die Araber eben fo viel Fabelhaftes, ald von dem Juden Ruab
alachbar zu erzählen. Gr ſoll unter Anderm Chalid prophezeit haben,
Daß einjt die aunze Strede zwiſchen Damasf und Hira fo aut anae-
baut und fo ftarf bevölfert jein würde, daß fie ein Weib allein ohne
Furt umd mit einem einzigen Paib Brod als Reiſevorrath würde
durhmandern können.
2) Wenn es überhaupt ſchwer ift, den Erzählungen der Araber
mit der Karte in der Hand zu folgen, fo wird es bier, mo nicht
nur mandhe Drte genannt werden, die bei fpitern Geographen
gar nicht mehr vorfommen, fondern aud der Boden jelbit eine an—
dere Geſtalt angenommen hat, indem der Cuphrat ſowohl, als der
Tigris mit ihren Armen und Kanälen eine ganz andere Richtung
genommen, faum mehr möglich, die verjchiedenen Züge der arabi-
fben Feldherrn genau zu beftimmen. Co heift es hier bei Tab.
©. 34, daß Chalid nach der Eroberung von Amghiſchia die Bagage
auf Schiffe bringen ließ, daß fie aber auf einmal ftrandeten, weil,
wie die Matrojen fagten, die Perſer die Kanäle geöffnet, fo daß
das Waſſer des Cuphrats einen andern Ausflug genommen und nicht
eher in ſein Wett zurücfebren Ponnte, bis die Kanäle wieder ge:
fchlojfen fein würden. Chalid 5303 dann mit feiner Neiterei gegen
den Sohn Ajudjuba’s, der die Kanäle geöffnet hatte, ſchlug ihn an
der Stelle, wo der Euphrat ſich in zwei Arme fpaltet (dad ift wohl
das vfam furat Badakla?«) und verftopfte die Kanäle wieder. Mit
dem erbeuteten Gute wollte er waährſcheinlich ſtromaufwärts fegeln,
weil er doch auch mit den Truppen zu Land gegen das Gebiet von
Hira 309,
Abu Bekr. 35
halten fonnten, und bald darauf unterhandelten die arabifchen
Häupter der Stadt felbft mit ihm und verpflichteten ſich zu
einem jährlichen Tribut von 190,000 Dirhem. Ihrem Bei-
ſpiele folgte auch Ibn Saluba, indem er für die Erhaltung
der Städte Banifia und Barfuma, am Ufer des weftlichen
Euphratarmes, einen jährlihen Tribut von 10,000 Dinaren
verſprach und nicht lange naher unterwarfen fih unter ähn—
lihen Bedingungen mehrere andere perſiſche Statthalter ber
Landſchaft Sawad.
Nach dieſen Siegen ſandte Chalid den perſiſchen Großen,
welche nach Ardſchir's Tod ſich in Madain (Kteſiphon) um
die Wahl eines Nachfolgers ſtritten, ein zweites Schreiben
und forderte ſie, unter Androhung eines Vertilgungskriegs,
zum Islam oder zur Unterwerfung auf. Mehrere Boten mit
ähnlichen Aufträgen ſandte er auch an verſchiedene perſiſche
Statthalter. Bis zur Rückkehr dieſer Gefandten blieb Chalid
in Hira liegen und dehnte ſeine Streifzüge über ganz Chaldäa
aus. Doch konnte er mit der Hauptarmee den Euphrat nicht
überſchreiten, weil die Perſer in Nahr Schir ) eine neue
Armee zuſammenzogen und die Feſtungen Ein Tamr 2),
Anbar ?) und Firadh MY flarf mit Truppen befegt waren,
1) Wahr Schir ift der Name eines Kanals und einer an dem:
felben gelegenen Studt in der Nähe von Madain, doch am weit:
lichen Tigrisufer, während Madain bekanntlich am öſtlichen lag.
©. Ritter a. a. O. ©. 199.
2) Ein Tamr (Dattelnguelle) lag wahriheinlich nordweftlid von
Anbar. Sm Kamuß heißt es bloß: „Ein Attamr ift der Name einer
Quelle in der Gegend von Kufa.“ Aber wir haben jhon an andern
Beijpielen geſehen, daß Firuzabadi in geoaraphiicher Beziehung nicht
fehr genau ift. Auch geht aus Tab. ©. 228 hervor, daß Ein Tamr
an die Provinz Faludja grenzte, welche das waſſerreiche Bezirk von
Anbar bezeichnet. ©. Ritter a. a. D, ©. 208.
3) Anbar lag am Guphrat in gerader Linie der fpäter am Tigris
erbauten Stadt Bagdad gegenüber.
4) Firadh kommt auch im Kamuß ald der Name eined Ortes
zwifhen Samama und Baßra vor, bei Tabari ald eine Zeitung,
welche in der Mitte zwifchen Syrien, Mejopotumien und Sraf lag.
3 *
36 Erftes Hauptftüd.
deren Ausfälle ihm hätten gefäbrlih werden Fünnen. Auch
mußte er fih dem Befehle Abu Bekr's unterwerfen, welcher
ihm vorfchrieb, Jjjadh entgegenzuziehen, der von der fyriichen
Wüſte ber in Jraf einfallen fellte. Er wentete fi daher
gegen Nordweit nad) Kerbela und griff von hier aus die fefte
Stadt Anbar an, deren Bevölferung von arabifcher Abfunft
war und daher ungern unter den Perfern gegen die Mufels
männer fodht. Die Schlacht in der Nähe von Anbar beißt
die „der Augen,” weil viele Perſer von den arabifchen Pfeil-
ſchützen geblendet wurden I). Als die flüchtigen Truppen hinter
den Mauern Schuß fuchten, ließ Chalid die Graben mit ges
ſchlachteten Kameelen ausfüllen und gab den Befehl zum
Sturme. Der perfiihe Statthalter Schirazad ließ es aber
nicht aufs Aeußerſte fommen, fondern übergab die Stadt und
309 fih) zurüd. Bei Ein Tamr gewann Chalid wieder eine
Schlacht, weil die mit den Perfern verbündeten chriſtlichen
Stämme Namr, Taghlib und ad glaubten, ihm allein die
Epige bieten zu können, und daher den Perfer Mihran am
Sefechte feinen Antheil nehmen Tiefen, Diefer blieb in
der Feftung liegen, bis er die Niederlage feiner Berbündeten
vernahm, dann ergriff er die Flucht und überließ fie den
chriſtlichen Flüchtlingen, die fie aber bald dem ihnen auf den
Serfen felgenden Chalid übergeben mußten.
Nach diefem Siege eilte Chalid nah Dumat Aldjandal,
wo der von den Stämmen Kelb, Tanuch und Ghaffan be-
drängte arabifche Feldherr IJjjadh feines Beiftandes bedurfte
und eroberte diefen befeftigten Drt. Die von ihm gefchlagenen
Srafanischen Araber benützten aber feine Abwefenheit und zogen,
mit den perfiichen Feldherrn Sermihr und Nufaba vereint, gegen
Anbar, wo Zibrifan als Befehlshaber der Mufelmänner mit
einer geringen Befatung zurücgeblieben war. Chalid fehrte
daher fchnell nad Hira zurück und fandte Kaka Jon Amru,
1) Tab. I. ©. 58, Kofeg. richtig »oculorum.a Nicht „der quellen:
begabte Frohnkampf,“ wie bei Hn. v. Hammer, Gemäldeſ. I. ©. 247.
Abu Ber. 37
den bisherigen Statthalter von Hira, den Perfern entgegen.
Diefe wurden bei Haßid, nordweftlih von Anbar, nod ehe
fie fid) mit den arabifchen Hülfstruppen vereinigt hatten, ges
fhlagen. Chalid feltft brach bald nachher von Hira auf und
verfolgte die flüchtigen Perfer fowohl, als ihre hriftlichen
Bundesgenoffen, bis an die fyriihe Grenze und brachte ihnen
mehrere Niederlagen bei. Als das ganze untere weitliche
Euphratgebiet unterworfen und von den ihm feintlichen Stäm—
men gefäubert war, 308 er gegen die perfiihe Grenzfeftung
Firadh und erfocht noch einen glänzenten Sieg über ein an
Zahl ihm weit überlegenes Heer, aus Griechen, Verfern und
chriſtlichen Arabern zufammengefegt. Nachdem er den Feind
zu Paaren getrieben hatte, ſandte er feine Truppen nad Hira
zurüf, er aber pilgerte nah Mekka und traf noch mit der
Nachhut ter Mufehnnänner in Hira ein, wo er bald nachher
den Befehl erhielt, ſich zur ſyriſchen Armee zu begeben N).
Abu Bekr hatte nämlich ſchon am Anfang des dreizehn:
ten Jahres ter Hijrah (März 634), waährſcheinlich in Folge
der bei dem Pılgerfefte wahrgenommenen keiegeriſchen Stim—
mung der Araber, fo wie ter von allen Euden der Halbinfel
eingetroffenen Nachrichten von der gänzlichen Unterwerfung
der Nebellen im Junern, Chalid Jon Satd mit ſieben taufend
Mann an die Grenze yon Syrien gegen bie Griechen und
die mit ihnen verkündeten Araber geſchickt. Da dieſer Felds
herr aber ein Anhänger Ali's war, der fogar öffentlich in
der Moſchee erklärt, Ali ſei hintergangen worden und zweif
Monate mit der Huldigung gezögert hatte, warb ihm au
Berlangen Dmar’s ?), dem er bejonders verhaßt war, ber
1) Das hier über Chalid's Züge mitgetbeilte bildet den Kern
der weitläufigen und ungeordneten Darftellung Tabari's. I. ©. 1— 78.
2) Abu Ber Fonnte ihm verzeisen, Omar aber nicht, weil er,
nah Tabari ©. 82, erklärt hatte, daß ihm an der Herrſchaft Abu
Bekr's wenig liege, tie Omar's aber ihm verhaßt jei. Gin Beweis
mehr, dag eigentlich Omar fon unter Abu Beer die Zügel der
38 Erſtes Hanptftüd,
Oberbefehl wieder genommen und Jezid, dem Sohne Abu
Softans, übertragen. Diefer follte gegen die Provinz Balka
ziehen, in das Land der alten Ammoniten und Moabiten, öſt—
lih vom todten leere, während jener in der Gegend von
Teima, an der Grenze der ſyriſchen Wüfte ein Fleineres Re—
fervecorps befehligen follte. Bald meldeten ſich aber fo viele,
von den Feldzügen in Arabien zurüdgefehrten Mufelmänner,
zum Kriege gegen die Ungläubigen, welche den braven Zeid
und Dfafar bei Muta gejchlagen und den Propheten felbft
verhindert hatten, weiter als bis Tabuk vorzurüden, daß ihnen
Abu Beke nah und nad) noch dreimal fieben taufend Mann
unter Abu Ubeidah Ibn Djarrah, Schurahbil Ibn Hafana
und Amru Jon Aaß I) nachfolgen laſſen konnte. Im Vorge—
fühle ſeines Sieges ſoll Abu Bekr ſchon im voraus jedem der
vier Anführer die zu erobernden Landſtriche angewieſen haben.
Jezid ſollte Damaskus einnehmen, Abu Ubeidah Himß (Emeſſa)
Schurahbil die Ufer des Jordans beſetzen und Amru Fon Aaß
das weſtliche Paläſtina. So leicht aber auch dem Chalifen
der Sieg über den byzantiniſchen Kaiſer ward, der, wie es
fcheint, alle feine Thatfraft im Perferfriege erſchöpft, die ara-
bifchen Grenzbewohner, durch unzeitige Sparfamfeit, die chriſt—
— “
Regierung lenkte. Nur in Betreff Chalid’s Ibn Welid, den Omar
ebenfalls entjegen wollte, behauptete Abu Bekr fein Recht ald Cha-
life. Gegen Chalid Sbn Said war Omar ohnehin no, übel geftinmt,
weil er, von Semen zurückkehrend, in Medina in einem feidenen
Kleide erfchienen war,
1) Diefer war zum Statthalter von Omman ernannt. Abu Bekr
fehrieb ihm, er wolle ihn zwar nicht gegen feinen Willen von einer
Statthalterfehaft abrufen, die ihm fhon vom Propheten zugefagt
war, doch wollte er ihm, wenn ed ihm recht wäre, einen höhern
Beruf anweijen, Darauf antwortete Amru: „Sch bin ein Pfeil von
den Pfeifen des Islams, und du, nad Gott, der Schüße, der fie
fammeit, und gegen den Feind fihleudert. Wähle dir den ftärkften,
herbften und beften und verwende ihn nach jeder Seite, wo du ihn
brauchſt. Auch MWelid, welcher Steuereinnehmer war, zog den Krieg
feiner Stelle vor. (Tab, ©. 86.)
Abu Bekr. 39
lichen Unterthanen, durch Firchliche Tyrannei gegen ſich auf:
gebracht hatte und ſelbſt von einem Theile der ſyriſchen Armee
abgefegt ward, jo konnte doch diefer erfte Plan Abu Bekr's
nicht ausgeführt werden. Schon Amru Jon Aaß, welcher
längs dem rothen Meere über Eilah durd) das Thal Ghur
nad dem todten Meere hin zog, ftich bei Ghamr Al Arabat ”)
auf Wilterftand, und, an der Grenze von Palältina angelangt,
ſah er bald die Nothwendigfeit ein, fi mit den andern Trup—
penabtheilungen zu vereinen. Chalid Ibn Said ?), welder,
durch einige glückliche Scharmützel gegen die chriſtlichen Ara—
ber fühn geworden, ſich bis in die Gegend von Martj Affofar,
füdweftlih von Damasf, wagte, erlitt eine gänzliche Nieder:
lage und "Abu Ubeida fand in der Feftung Boßra 3), an der
1) Tabart ©. 114 u. 132. Nach letzterer Stelle ſcheint es, dag
Amru im Ghur blieb, bis die übrigen Feldyerren von Bora aus
zu ihm Stiegen.
2) Tabari ©. 90 u. 114. Chalid verlor in diefem Treffen feis
nen Sohn Said und fein ganzes Heer wäre aufaerieben morden,
wenn ihm nicht Ikirma und Schurahbil zu Hülfe gefommen wären,
5) Auf dem Wege nah Bora eroberte er Maab oder Rabba
in der Provinz Balfa, einige Stunden nördfib von Kerak. Ebend.
©. 114. Ueber die Dauer der Belagerung von Boßra, fo wie über
die Zeit der Uebergabe dieſer Stadt willen wir, da Wakidis Nach—
rihten eher Stoff zu einem Roman, ald Materialien für eine Ge:
ſchichte geben Eönnen, nichts Beftimmteg, denn die älteften, von Ta:
bari angeführten Traditionen, widerjprechen fih. Nac dem ©. 122
angeführten Berichte follte man glauben, Chalid Son Welid habe
Bofira mit feinen Srafanern erobert und fei von dort zu den andern
Felcherren an den Jarmuk gezogen. ©. 132 heißt es aber: „Chalid
zog von Martj Rahit, wo er die Ghaffaniden geichlagen, nad)
Boßra, wo auch Abu Ubeida, Schurahbil und Jezid gelagert waren,
fie vereinigten fi) und befugerten die Stadt, bis fie fi erbot, Tri:
but zu zahlen.“ S 94 it von der lintermerfung von Boßra Feine
"Rede, tod wird auch erzählt, daß die Mufelmänner ſchon fange am
Jarmuk ftanden, als Chalid mit den Srafanern eintraf. Letzteres
ift mir wahrfcheinficher, weil nach S. 114 Chalid Hira erft im Rabia
Achir verließ und doch dieſen bejchwerlichen Zug mit einem Heer&
40 Erftes Hauptſtück.
füböftlichen Spige vom Haurangebirge, welche die Grenze
der arabifchen und fyrifchen Wüfte bildet, und einft die Haupt:
jtabt der Arabia provincia war, eine fo ftarfe Befagung, daß
er fie weder im Rücken laffen, nod allein zur Lebergabe
zwingen fonnte, Man berichtete daher an Abu Befr, welcher
natürlid) feinen erftien Plan aufgab und den verfchiedenen
Feldherren den Befehl ertheilte, fi) gegenfeitig zu unterftügen,
Zugleich fandte er aber auch, weil er vernommen, daß bie
Griechen ein den Mufelmännern an Zahl weit überlegenes
Heer rüfteten, ein Schreiben an Chalid Jon Welid nad) Jraf
mit der Weifung, fi fogleih mit einem Theile der irafani-
ſchen Truppen zur fyrifhen Armee zu begeben. Chalid ge-
horchte, obgleich er Dinar befhuldigte, dem Abu Bekr dieſes
Schreiben dictirt zu haben, aus Furcht, er möchte durch die
gänzliche Unterwerfung Perſiens allzuviel Ruhm ernten. In
der That war aber Chalid's Perfönlichfeit jowohl, als die
Berftärfung von neun taufend Mann, bie er mit fi führte,
für das Gelingen des fyrifhen Feldzugs von höchſter Wich—
tigkeit. Zwar hatte fi wahrſcheinlich vor feiner Ankunft
Boßra fhon ergeben, auch hatten die Mufelmänner ein Treffen
bei Adjnadein I) im fünlichen Palaftina gewonnen, Dann 509
das fih mehrmals durd die Waffen den Weg bahnen mußte, und
mehrere Städte, wie Ural, Tadmor und Kariatein brandichogte,
nicht gut noch zur Belagerung Boßra's fommen Fonnte und dann
noch der Schlacht von Adjnadein beimohnen, welche den 28. Djumadi
Awwal ftatt fand. Uebrigens heißt ed audı in dem ©. 116 ange:
führten Briefe Abu Bekr's an Chalid ausdrüdlih, er folle fich zu
den am Sarmuf verjammelten Mujelmännern begeben.“
1) Weber die Zeit dieſes Treffens herrſcht mehr Gemißheit, weil
auch der Tag der Woche, nämlich Sumftag, angeneben ift und der
28. Djumadi Awwal vom $. 18 (30, Zuli 634) wirklich ein Sumftag
war, warum ich aber nicht glaube, dag Chalid fhon dabei war, habe
ih in der vorhergehenden Anmerkung aus einander gejeßt. Die
Lage von Adjnadein ift nicht genau befannt. Bei Tabari heißt es,
„zwiihen Ramla und Beit Hibrin“ (vielleiht ift aber Djibrin zu
lefen), alfo nicht zwifchen Namla und Hebron, wie Kofegarten über:
Abu Betr 4
fih aber am Fluffe Jarmuf, welcher bei den Alten Hieromax
hieß und jeßt den Namen Schariat Mandhur führt, ein grie-
chiſches Heer zufammen, das wenigftens achtzig taufend Mann
ſtark war und das, auch abgefehen von der numerifchen Ueber:
legenheit, in feiner feften Stellung zwifchen diefem, zwei Stun-
den unterhalb des Sees von Tiberias miündenden Fluſſe und
dem Gebirge, nicht leicht angegriffen werben konnte. Dazu
kam noch, daß die verfchiedenen arabifchen Feldherren zwar
notbgedrungen zufammenbielten, doch betrachtete fich jeder als
unabhängig vom Andern und fo fehlte es an einem in folcher
Lage unentbehrlichen, Teitenden Haupte. Chalid ward zwar
von Abu Bekr nicht über die andern vier Anführer der Trups
pen erboben, aber durch feine Klugheit, fein Friegerifches Tas
lent und feine Tapferfeit wurden fie ihn bald untergeordnet.
Bor dem Treffen bei Jarmuf, als er diefe kleinliche Rivalität
unter den Feldherren wahrnahm, welde fo weit ging, daß
.—.
fest, fondern zwiſchen Ramla und Beit Djibrin, dem alten Beto-
Gabra, das ohngeführ in der Mitte zwifhen Askalon und Hebron
liegt. Sm Kamuß heift es: Adjnadein ift ein Städtchen in der Ge:
gend von Damask. Ueber Beit Djibrin vergl. Robinjon und Smith,
Paläſtina, Bd. I. ©, 617 f. Bei Dſahabi Fol. 118 heißt es: Adj:
nadein liegt zwif ben Ramla und Djaraſch, alfo nordöftlih von Ramla
gegen den Sordan hin. Auch heift es dort: nach Einigen focht jeder
Felöherr an der Spige feiner Truppen, nach Andern führte Amru
den Dberbefehl. Ein Beweis mehr, das Chalid noch nicht einge:
troffen war. Ein Spion, den der griehiihe Feldherr vor der Schladht
von Adjnadein ins mujelmännijche Fager jundte, erftattete folgenden
Beriht: Bei Naht find fie andächtig wie Mönche und bei Tage
tapfere Ritter; begeht der Sohn ihres Königs einen Diebitayl, wird
ihm wie jedem Andern die Hand abgejchnitten, begeht er einen Ehe:
bruch, wird er geiteinigt, fo groß it die Macht des Geſetzes unter
ihnen. Darauf foll der Feldherr, welcher Kankalar genannt wird,
gejagt haben: Ber Gott, wenn deine Ausſage wahr ift, fo ift mir
das Innere der Erde lieber, als einem ſolchen Feinde auf ihrer
Dberflähe zu begegnen, Gott gäbe, Daß wir gefchieden blieben, ich
wollte gern auf den Sieg verzichten, wenn ich nu vor einer Mie-
derlage gefihert wäre!
42 Erftes Hauptſtück.
Amru und Fezid ſich nicht einmal fo weit herabließen, dem
Abu Ubeida oder Schurahbil nacdhzubeten, ſprach er vor den
verfammelten Häuptern der Truppen: „Es naht ein Schladht:
tag, an tem Prahlerei und Lüge nichts nügen. Kämpfet mit
reinem Sinn und ftrebet nur nad) Gottes Wohlgefallen! Dies
fer Tag entfcheidet über alle folgenden. Kämpfet nicht ver:
einzelt gegen ein Bolf, das euch in geordneten Schaaren ents
gegenzieht. Das tft nicht recht und würde von dem, der eud)
hierher gefendet, nicht gebilligt werden, wenn er es wüßte.
Handelt aud) ohne den Befenl eures Gebieters, wo ihr willet,
dag ihr mit feinem Willen übereinftimmet.”
Da er aufgefordert ward, fich näher zu erklären, fuhr
er fort:
„As Abu Bekr uns in den Krieg fandte, zählte er auf
unfere gegenfeitige Nachgiebigfeit und DBereitwilligfeit, einanz
der beizuftehen. Hätte er Alles vorausgefchen, fo würde er
euch ohne Zweifel unter einem Anführer vereint haben, denn
eure jegige Trennung ift für die Mufelmänner weit fchlimmer,
als Alles, was ihnen bisher widerfahren und den Ungläubigen
heilbringender, als tie ihnen zugefommenen Berftärfungen.
Ich weiß, daß nur weltliche VBortheile euch entzweien, aber
bei Gott, es find doch jedem von euch die zu verwaltenden
Länder fhon angewieſen. Davon verliert Niemand etwag,
wenn er fi aud einem Andern unterwirft, nod wird fein
Antheil vergrößert, wenn er über Andere gebietet. Dadurch,
daß einer den Dberbefehl führt, wird weder bei Gott nod)
bei dem Chalifen fein Anfehen erhöht oder erniedrigt. Auf
alfo! der Feind ift fhon zum Angriff bereit, diefer Tag ent:
fcheidet über alle zufünftigen, treiben wir ihn in feine Ver—
ſchanzung zurück, fo wird er ung immerfort weichen müffen,
jagt er ung aber in bie Flucht, fo haben wir feinen Sieg
mehr zu erwarten. Auf alfo! Laffet ung mit dem Oberbefehle
wechſeln, es übernehme ihn, der eine heute, der andere mor—
Abu Bein 13
gen und fo fort, bis ihn jeder von euch geführt, doch heute
erfennet nur mich zu eurem Oberfeldherrn an I)!“
Diefe Worte wirkten auf die Häupter der Truppen; fie
ernannten Chalid zum Emir und ein jeder von ihnen nahm
die Stellung ein, die ihm von Chalid angewiefen ward. Abu
Ubeida ward an die Spise des Centrums geftellt, Amru und
Schurahbil befehligten den rechten und Jezid den Iinfen Flü—
gel). Die Schlacht, an der fogar vier hundert Frauen
Theil genommen haben follen, war eine ber blutigften, Die
je im Islam gefochten worden und der Sieg blieb unent—
fhieden, bis es endlih Chalid gelang, die griechiſche Reiterei
von dem Fußvolfe abzufchneiden, fo daß fie das Weite fuchen
mußte; dann fiel das vereinte mufelmännifche Heer, welches
obngefähr 36000 Mann ftarf war, über die zwifchen dem
Fluſſe und dem Gebirge zufammengedrängten Griechen ber
und erftürmte ihr Lager ?). Die Niederlage der Chriften war
1) Chalid hatte fo viel Selbitvertrauen, daß er einem Krieger,
der ihm fagte: „wie groß iſt die Armee der Griehen im Verhält—
niffe zur unfrigen!“ antwortete: Die Stärfe eined Heeres hängt
nicht von ihrer Zahl ab. Bei Gott, wäre nur mein Nenner nicht
lahm geworden von der Reije hierher, ich wollte gern dem Feinde
eine doppelte Zahl Truppen gönnen! Tab. ©. 100,
2) Bor dem Treffen ward jedoch noch verjucht, mit den Grie:
hen Frieden zu fchliegen. (Bei Tab. ©. 108 3. 7 v. u. ift wahr:
icheinlich nazalu ftatt taraku zu lejen.) Die Gefandten, welhe man
zum griebiichen Feldheren, auch nach arabiihen Berichten Heraclius’
Bruder, führen wollte, mweigerten fih, unter feinem jeidenen Zelte
Pag zu nehmen, und er ward genöthigt, fib außerhalb defjelben
auf einem gemwöhnlihen Teppiche niederzulaffen, ihre Forderungen
den Sslam anzunehmen oder Tribut zu entrichten, konnte er aber
natürli doch nicht zugeftehen.
3) Folgende Stelle aus Tab. ©. 100 läßt vermuthen, daß der
Berraty eines griehiihen Generals auch einen Antneil am Siege
der Mujelmänner hatte. Ich führe fie trotz ihrer Länge an, meil
fie auch in anderer Beziehung wichtig ift: Djaradja (ein Grieche,
wahrſcheinlich Georgius) trat zwifhen die Reihen der beiden Armeen
und verlangte nad Chalid. Diefer Fam hervor und nachdem fie ſich
44 Erftes Hauptſtück.
(hrediih, denn es fanden eben fo viele im Waffer ihren
Tod, ale das Schwert der Mufelmänner aufgerieben hatte,
gegenfeitig Sicherheit zugefagt, traten fie einander fo nahe, daß die
Hälje ihrer Pferde fih berüsrten. Djaradja ſprach dann: Eralid,
fage mir die Wahrheit und füge mich nicht an, denn der freie Mann
fügt nicht, hintergehe mich nicht, denn der Edle hintergeht nicht den,
der feine Freundjchaft fucht. Sage mir, hat Gott eurem Propheten
ein Schwert vom Himmel gejandt, das er dir gegeben, fo daß du
jeden Feind damit in die Flucht treidft? Chalid antwortete: Nein.
Warum heift du denn Schwert Gottes? fragte Djuradja. Chalid
ermwiederte: Als ung Gott feinen Propheten jandte, der ung zu einem
neuen Glauben aufrief, ſchenkten wir ihm fein Gehör und mieden
ihn, doch nad und nach glaubten mande an ihn und folgten ihm,
andere aber hielten fih fern von ihm und erklärten ihn für einen
Lügner. Sch felbit gehörte fange zu Letzteren und war unter denen,
die ihn befümpften. Dann faßte aber Gott unjer Her; und unjer
Haupt und leitete und durd ihn, bi wir ihm folgten. Da ſagte er
zu mir: Du bift ein Schwert, das Gott gegen die Götzendiener ges
zogen und wünſchte mir fortwährenden Sieg. Seit jener Zeit nennt
man mich „Schwert Gottes” und ich war in der That einer der
furdtdarften Männer gegen die Gögendiener. Du haft wahr ges
fproben, verjegte Djaradja, nun fage mir, Chalid, mas du von Mir
forderft. — Das Bekenntniß, Daß Gott der einzige Gott it, Mo:
hammed fein Knecht und fein Gejandter und die Beftitinung deifen,
was ihm Gott geoffenbart. — Und wer dies nit ableat? — Der
entrichte Tribut, dann fteht er unter unjerm Schutze. Und wer ihn
nicht entrichtet? Den befriegen wir. — Und welden Rang nimmt
der Meubefehrte bei euch ein? — Wir Fennen nur einen Rang; in
Allem, was ung Gott zur Pflicht gemacht, ift fein Unterſchied zmi:
fhen Bornehm und Gering, zmijchen den Erſten und dem Festen.
— Coll denn derjenige, der fih heute zu euch gejellt, Gutes und
Shlimmes mit euch theilen? mwodurd verdient er Das, da ihr doch
längſt vorangegangen fein? — Der Neubekehrte hat mehr Verdienft
als wir, die wir unter unjerm Propheten dieſen neuen Glauben ans
genommen: mir huldigten ihm, als er in unjerer Mitte lebte, ung
Nabriht vom Himmel brachte, mit der Schrift befannt machte und
Wunder zeigte. Wer geſehen, was wir geiehen, und gehört, mag
wir gehört, dem ziemte es, ıhm zu huldigen und fi dem Glauben
an Gott zu ergeben. Bon euch aber, die ihr Feine der Wunder und
Beweiſe gehört noch gefehen, mie wir, ift ed um fo verdienftooller,
Abu Ber. 45
von denen indeifen auch 3000 Mann das Schlachtfeld be-
deckten. Dieſe für die Eroberung Syriens entſcheidende
Schlacht, wie Chalid wohl mit Recht vorhergeſehen, fand
ſchon unter dem Chalifate Omar's ) ſtatt, welcher am 22,
wenn ihr aus Ueberzeugung und mit reiner Abſicht euch zum Islam be:
kehret. — Sprichſt du wahr? täuſcheſt du mich nicht ? — Bei Gott,
ih habe dir die MWahrbeit gejagt, ich habe fein Verlangen nad dir
oder fonft jemanden von den Deinigen, aber Gott hat ſchon ge:
währt, was du wünſcheſt. — Du haft wahr gefproden. — Djaradja
fehrte dann feinen Schild um, neigte ſich zu Chalid hin und jagte
ibm: lehre mich den Slam. Chalid führte ihn in fein Zelt, goß
einen Schlaub Wajfer über ihn, dann betete er mit zwei Verbeu—
gungen. Die Griechen, welche glaubten, Djaradja ſei gegen Chalid
ausgezogen, ſtürmten mit feinen Dienern gegen Chalid heran und
trieben tie Mujelmänner aus ihrer Gtellung, nur Sfirma und
Harith Ibn Hiſcham nicht, welche die Wache hatten. Als aber die
Grieben mitten unter den Mujelmäannern waren, beftieg Chalid fein
Pferd wieder; das Gleiche that auch Djaradja, als die Griechen ſchon
mitten unter den Mujelmännern waren. Segt ſammelten ſich dieſe
wieder und Fehrten um. Die Grieben wollten aud ihre frühere
Stellung wieder einnehmen, aber Chalid drang auf fie ein, bis ſich
ihre Schwerter kreuzten und er ſowohl ald Djaratja hieb auf fie
ein von Aufgang der Sonne, bis fie ficb zum Untergang neigte
u. f. mw. Hierauf folgt dann, was fhon im Terte angegeben wor:
den, dag Chalid zwischen die NReiterei und das Fußvolf drang. Aus
diejer ganzen, am Schluſſe freilich nicht fehr Elaren Erzählung, glaube
ih jedenfalls entnehmen zu dürfen, daß Djaradja durch feinen Ueber—
gang zu den Mujelmännern große Verwirrung unter den Griechen
heroorbradite und wahricheinfichh das ganze Corps, das ihm zu Hülfe
geeilt, dem Schmerte der Mujelmänner überliefert ward. Möge
der aelehrte Fejer übrigens an dieſem Beirpiele fehen, wie ſchwer
ed iſt, aus orientafiihen Werfen unbezmweifelte Facta zu ſchöpfen
und die in diefem Buche häufig vorfommenden „wahrfceinfich, ver:
muthlich, vielleicht“ und dergleihen nicht der Sfeptif des Verfaifers,
fondern der Natur der Quellen zufchreiben. Vergl. auch Schloſſer's
Weltgeſch. I. 1. ©. 241.
1) Manche Autoren fegen befanntlic die Schlaht am Jarmuk
erft nach der Eroberung ron Damasf, aber nicht nur die angeführte
Rede Chalid's und die Thatjache, daß er den Oberbefehl hatte, ſpricht
46 Erftes Hauptflüd.
Djumadi Achir des 13. Jahres der Hidjrab (23. Auguft
634) dem am vorhergehenden Abende verftorbenen Abu
Befr auf dem Throne folgte. Auf den Befehl des neuen
Chalifen follte fogar bei Jarmuk fhon unter dem Oberbefehle
des Abu Ubeida gefochten werden. Chalid veröffentlichte je—
doch die Ernennung Abu Ubeida’s zum Oberfeldherrn, welde
fur; vor dem Treffen oder während deſſelben eintraf, erft
jpäter, nach einigen Berichten fogar ern nad) der Einnahme
von Damasf,
Abu Ubeida ließ nun ein Fleines Beobachtungsheer unter
Baſchir am Jarmuk zurück und zog nad Mardj Affofar in
der Abjicht, von bier aus zur Belagerung von Damasf zu
fchreiten. Da aber die Griechen fi) aufs Neue bei Fachl
am wefllichen Jordan, in der Nähe von Beifan, fammelten,
während ein anderes Corps vom Norden her über Himf
heranzuziehen drohte, blieb er in Mardj Affofar Tiegen, bis
er fih vom Chalifen einen neuen Feldzugsplan eingeholt.
Dmar befahl ihm, mit der Hauptarmee Damasfus, die Haupt-
dagegen, fondern auch aus Theophanes erhellt, daß die Belagerung
von Damasf erſt eine Kolge der gewonnenen Schladt am Jarmuk
war. Auch fpricht der Umstand dafür, daß die Nachricht von Abu
Bekr's Tod, der einftimmig in den Monat Djumadi Air des Sah:
red 13 gefegt wird, vor oder während der Schlaht eintraf. Außer
dem Treffen von Jarmuk wird auch von mehreren Autoren eined
dei Mardj Alfofar erwähnt, und zwar von Dfahabi wenige Tage
nach dem von Adjnadein, nach dem Ujun Altawarih, Mitte Djumadi
Achir. Sujuti fagt nur nah der Schlacht von Adjnadein: „in die
fem (13.) Suhre fand auch ein Treffen bei Mardj Affofar ftatt. Ver:
muthlich hatten fih hier die flüchtigen Griechen gefammelt und den
Mufelmännern auf ihrem Zuge gegen Damask in den Weg geftellt.
1) Abu Beer ftarb am 22, Auguft, nicht am 23., wie bisher
alle Europäer angegeben, denn es heißt ausdrüdiih am Montag,
den 21. oder 22. Djumadi Air, je nahdem man annimmt, daß er
vor oder nad Eonnenuntergang geftorben. »Masa leilat Althalatha«
(bei Abulfeda ©. 220) ift doch, wie Sedermann weiß, der Abend
von Montag auf Dienftag, der nad) europäiſcher Zeitrechnung jeden:
falls zum Montag, aljo zum 22. Auguſt gehört.
Abu Ber. 47
ſtadt von Syrien, zu belagern. Nur ein Fleineres Corps follte
gegen Fachl ziehen, um den Nüden der Belagerungsarmee zu
decken und ein anderes eine Tagereife nördlih von Damasf
lagern, um die von Norden ber zum Entfage beranrücdenden
Griechen zurüdzutreiben, Beide Unternehmungen hatten ein
glüdliches Ende. Dſu'l Kalaa fchlug die Griehen, die von
Himß famen und Fezid die bei Fachl Gelagerten, welche ver-
gebens das ganze Land unter Waſſer gefest hatten, Die
Stadt Damasfug ward nun immer enger eingefchloffen und
da von feiner Seite Hülfstruppen famen, mußte fie fi im
folgenden Fahre (635) ergeben ). Während aber die Häupter
1) Auch über die Zeit der Einnahme von Damasf fomohl als
über die Dauer der Belaaerung weichen die Traditionen von ein:
ander ab. Nah Ibn Ishak ward Damask im Radjab des S. 14
erft eingenommen, alſo ein ganzes Jahr nah dem Tode Abu Bekr's.
Masuri hingegen berichtet, daß ein Monat nad der Ginnahme von
Damasf Haſchim mit einem Theile der fyriihen Truppen im Mus
harram des J. 14 wieder in Sraf eintraf. Demnach müßte fie
vor Ende des J. 15, etwa im Januar 635, ftatt gefunden haben.
Damit ftimmt auch die Stelle- bei Tabari ©. 166 überein, wo es
heißt: Die Damascener hatten gehofft, bei Annäherung des Winters
würden die Mujelmänner die Belagerung aufheben; als dies nicht
seihah, gaben fie alle Hoffnung auf und bereuten es, fih in Da—
mask eingeichloffen zu haben. Daß auch Abulfeda die Eroberung
von Damasf noch in das J. 13 fest, ift befannt; gegen alle ältern
Quellen erwähnt er aber die Schlacht von Jarmuk vor der Einnahme
von Boßra. Dſababi ift mit ſich felbit in Widerſpruch, denn er jegt
aud die Schlacht von Fachl, die unmittelbar vor oder vielleicht fhon
während der Belagerung von Damask ftatt gefunden, in den Monat
Dſul Kaada, gibt die Dauer der Belagerung auf 4 Monate an umd
ſetzt doch auch die Einnahme erft in den Radjab des J. 14. Nah
Theophanes wird auch, wie fhon erwähnt, die Belagerung und Gin-
nahme von Damasf ald eine Folge der verlorenen Schlacht am
Sarmuf angegeben, legtere aber auf einen Dienftag den 23. Sult
oder Auguft geiegt, je nachdem man ’Towkov oder »Lous« lieſt.
Wir fonnen aber, da wir aus mufelmänniihen Berichten wiſſen,
dag die Schlacht am Jarmuk ohngefähr mit dem Tode von Abu
Beer übereinftimmt, nicht zweifeln, daß legtere Lefeart (vergl. Pagi
48 Erftes Hauptftüd,
der Stadt mit Abu Ubeida unterhandelten, drang Chalid von
einer andern Seite her in die Stadt, die entweder wegen ei-
nes Feftmahles, oder weil die Delagerten während der Unter:
handlungen feinen Angriff erwarteten, fchledht bewacht war.
Chalid behandelte die unglüdlihe Stadt als eine durch Ge—
walt erftürinte, bis Abu Ubeida ihm entgegentrat und ihn
nötbigte, den von ibm geſchloſſenen Vertrag anzuerkennen H.
L. VII. ©. 1066) die richfige ift, weil im J. 634 nad) Chr. der 23.
Auguſt wirklich ein Dienftag, der 23. Suli aber ein Samftag war.
Dies überzeugt ung auch, daß Theophaned die Schlabt von Sarmuf
um zwei Sabre zu ſpät fert, weil im 3. 655 und 686 weder der
23. Juli noch der 23. Auguft ein Dienftag war. Diefer Irrthum
kömmt daher, daß er zwar den Tod Mohammeds richtig in die vierte
Sndiction, weldhe mit dem September 651 berinnt, jest, Dann aber
doh Abu Bekr's Regierung erſt mit dem folgenden Sahre beginnt,
ihr eine Dauer von zwei und ein halb Sahren verleiht und feinen
Tod, fo wie Omar's Negierungsantritt in das Jahr 6126,
ftatt 6125, fegt, das mit dem September 634 beginnt. Der zweite
Irrthum kömmt daher, daß er, wahrjheinlih nach andern arabijchen
Traditionen, welhe die Schlaht von Jarmuk in dag Sahr 15 der
Hidjrah ferten, fie auch erst zu Ende des erſten Regierungsjahrs
Omar's, ftatt zu Anfang dejjelben, angibt. Aber der von ihm an:
geführte Tag des Monats und der Woche beftimmt ung, den andern
Traditionen den Vorzug zu geben.
1) Wer mehr Unterhaltung als hiftorifhe Belehrung fucht, der
fefe bei Gibbon und Andern nach, was dem Theile der Bevölkerung
widerfuhr, welcher die Stadt verließ, alles nach Wafidi, der eine
befondere Vorliche für das Nomantifhe hat. Sch will hier nur, da
Tabari von Allem nichts erwähnt, die Hauptmomente anführen! Zu
den Bedingungen des Vertrags gehörte auch, daß den Auswanderern
nur drei Tage Ruhe gegönnt werde, am vierten aber es den Mufel-
männern frei ftehe, fie zu verfolgen. Zu jenen gehörte auch eine
Griebin mit Namen Eudocia, welche Jonas, ein zum Slam über:
getretener Grieche, liebte. Diejer hatte noch als Chriſt während der
Belagerung von Damasf feine Geliebte entführen wollen, ward aber
gefangen. Chalid verfprah ihm, wenn er den Islam annähme, ihm
nach der Eroberung der Stadt feine Geliebte zu verichaffen. Eu:
docia gehörte aber auch zu denen, welden eine dreitägige Sicherheit
zugefagt war. Der verzweifelte Sonas fpähte daher dem Zuge der
Abu Ber 49
Ehe wir nun zu den weitern Fortfchritten der mufel-
männifchen Waffen in Syrien und Paläftina übergehen, müffen
wir zuerft nod einen Blick auf die legten Tage des Chalifen
Abu Bekr werfen, fo wie auf die Vorfälle in Perfien nad
dem Abzuge Chalid's.
Abu Bekr, der Sohn Abu Kubafa’s, mit dem Beinamen
Siddif (der Beftätigende), weil er zuerft Mohammeds Sen-
dung und bejonders deſſen nächtliche Himmelfahrt als wahr
erflärt, und Atif (der Freie) wegen feines edlen Ausfeheng
oder weil ihn Mohammed von der Hölle frei geſprochen, der
Unruben eingedenf, welche nah Mohammeds Tod die unent-
fhiedene Erbfolge verurfacht, war darauf bedacht, noch bei
feinem Leben diefe Frage zu Gunften Omars zu entfcheiden.
Er ließ daher während feiner Krankheit die angejehenften und
einflußreidhften Gefährten des Propheten zu fi fommen und
fhilderte ihnen Omar als den tüchtigften und Fräftigften Dann,
um die Zügel der Regierung mit ficherer Hand zu Ienfen.
Dem Abd Arrahman Fon Auf ), welder einige Beforgnig
wegen Omar’s Härte äußerte, fagte er: Dmar war nur fo
fireng, weil ich zu weich war, herrſcht er einmal allein, fo
wird er ſchon milder werben; denn fehr oft fuchte er mich
Flüchtlinge nah und leitete Chalıid mit 4000 Mann in der Nacht
som dritten zum vierten Tage einen nahen Weg über Berge und
Schluchten, fo daß er fie noch einholte und bis auf einen einzigen
Mann erfhlug, der diefe traurige Kunde nach Sonftantinopel brachte.
Sonas fuchte natürlich feine Geliebte auf, aber fie wollte von einem
Verräther und Abtrünnigen nichts wiſſen. Als er nach einem langen
Gefechte mit ihr fie endlich entwaffnete, griff fie nach einem Dolche
und machte ihrem Leben ein Ende. Auch eine Tochter des Heraclius
ward gefangen und Sonas zum Erſatze geboten, aber er war troftlos
und fiel fpäter im Kampfe für feinen neuen Glauben. Die Prin:
zefiin aber fandte Chalid ohne Löjegeld ihrem Vater, dem Kaifer
Heracliug, zurüd.
D Bei Tabari ©, 148 ift in der Antwort Abd Errahmans
wahrjcheinlich »fi ra’ jika« ftatt »min« zu leſen und fo zu überfegen:
mBei Gott, er ift in deinem Sinne der Vorzüglichfte von Allen u, ſ. w.“
4
50 Erftes Hauptſtück.
zu befänftigen, wenn er bemerfte, daß ich zur Strenge geneigt
war, und nur wenn ich zu mild war, zeigte er ſich hart.“
Dem Othman Ibn Affın fagte er: „ic weiß gewiß, daß
Dmars Inneres beffer ift, als fein Aeußeres ſcheint.“ Beide
bat er jedoch, von feinem Borhaben nichts verlauten zu Laffen.
Erft als die Häupter der Muſelmänner beifammen waren,
von denen er vielleicht Mandem Hoffnung auf die Nachfolge
gegeben hatte, fragte er: Wollt ihr, daß ich cud) einen Nach—
folger bejtimme? bei Bott, id) werde es nad) veifer Erwä—
gung und ohne Bevorzugung eines Berwandten thun. Nach—
dem fie gefehworen, ihm zu gebercdyen, nannte er Omar
Fon Chattab, deffen Erhebung zum Chalifen er ſchon vorher
durch Othman hatte ſchriftlich aufferen laſſen. Talha Ibn
Ubeid Allah ſagte ihm hierauf: „wie magſt du Omar zu dei—
nem Nachfolger beſtimmen? du weißt doch, was man von
feiner Härte zu dulden hatte, fo Lange du noch neben ihm
ftandeft, wie wird eg fein, wenn er allein herrſcht? Was
willſt du antworten, wenn du deinem Herrn begegneft und
er did) nad deiner Hrerde fragt?“ Da antwortete Abu
Befr: „willft du mir Gottesfurdt predigen? wenn id) vor
Allah trete, werde ich ſagen: Ich babe den Beiten deiner
Leute zu meinem Nachfolger eingefegt.” „Iſt Omar rein
und gerecht,“ fagte er ferner, „fo ift er wie id es von ihm
erwarte, wird er ein gewaltthätiger Tyrann, fo war ich eben
nicht allwiffend, doch habe ich dcs Beſte gewollt; die Uebel—
thäter werden einft fchon erfahren, welches Ende ihnen bes
vorſteht 1).
1) Omar ſelbſt, dem einer feiner Freunde faate, daß mande
ihn wegen feiner Derbheit nicht als Herrſcher haben wollen, foll
darauf geantwortet haben: Gelobt fei Gott, der mein Herz mit
Liebe zu den Muſelmännern gefüllt und das Ihrige mit Furt vor
mir. Omar ſcheint in der That in feinen fpitern Sahren als Nes
gent viel von der Heftigkeit verloren zu haben, die er unter Mo:
hammed gezetat, wo er als ein wahrer Faruk (Trennender) jeden
Augenblist bereit war, einen Kopf vom Rumpfe zu frheiden, Diejen
Abu Bekr. 5
Da Dmar während feiner ganzen Negterung ſich als ein
tüchtiger Herrfcher bewährt, jo wollen wir aud Abu Befr
wegen dieſer Vorfehrung, weldhe in Arabien ohne Beifpiel
war, nicht tadeln. Selbft Ali fcheint dies eingefehen zu ha—
ben, wenigftens wird aud von Niemanden behauptet, daß er
irgend einen Widerſpruch erhob, wie dies bei der Wahl Abu
Bekr's und der Othman's der Fall war. Er foll fogar dem
fterbenden Abu Bekr zugerufen haben: „Gott erbaıme fi
dein! du warft der erſte Gläubige und der Neinfte unter
Allen. Du haft dem Propheten und den armen Mufelmän-
nern dein Bermögen geopfert. Du warft Mohammeds treue:
ter und nächſter Gefährte und ihm ähnlich in Sitten und
Lebenswandel. Du ftandeft ihm zur Seite in jeder Gefahr
und warft fein Begleiter auf der Flucht. Du warſt fein
wiürdiger Nachfolger zur Zeit der Empörungen, ftarf, wenn
Andere verzagten. Du warft der Getreuen Panier gegen
Ungläubige und Heuchler. Deine Klugheit war eben fo groß
wie deine Beredfamfeit und deine Tapferfeit. Der Glaube
fand in dir eine fefte Stüge, die jedem Sturme troßte und
den Gläubigen, denen du in Tugend vorangeeilt, warft du
ein Tiebender Vater, Alle deine Nachfolger werden vergebene
dir nadyzueifern fuchen, darum ift aud dein Tod im Himmel
wie auf Erden bedeutungsvoll, doch wir find Gottes und
fehren einft zu ihm zurück I.”
Diefer Leichenrede müffen wir, fo weit unfre Kenntniß
von Abu Bekr's Leben reiht, vollkommen beiftimmen, denn
außer feiner Nachficht gegen Chalid Ibn Weliv, weldhe ihm
die Staatsflugheit gebot, fann ihm weder Schwäche noch Uns
gerechtigfeit vorgeworfen werden. Er felbjt foll indeffen auf
feinem Zodtenbette drei Dinge bereut haben, Erftens daß er
Aſchath Fon Keis nicht Hinrichten laſſen, zweitens daß er die
Beinamen erhielt er aber, weil Mohammed glaubte, Niemand uns
terfcheide fo gut Wahrheit von Lüge und Recht som Unrecht, wie er.
1) Bekri.
4*
52 Erſtes Hauptſtück.
Herrſchaft übernommen und nicht Mohammed vor ſeinem
Tode über die Nachfolge gefragt habe, um alle andern An—
ſprüche von Seiten ſeiner übrigen Familie zu beſeitigen und
drittens nicht an dem Feldzuge gegen die Abtrünnigen Antheil
genommen zu haben . Sein Privatleben war nicht minder
tadellos und trog der Schäge, die ihm feine Feldherrn von
der Beute zufandten, blieb er doch arm und fuhr fogar eine
Zeit lang als Chalife noch fort, Handel zu treiben und feine
Heerde auf die Weide zu führen, bis endlich Dinar und Abu
Ubeida ihm bedeuteten, daß er feine ganze Zeit den Staats—
angelegenbeiten zu widmen habe. Dann erſt entſchloß er fich,
einige Tauſend Drachmen jährlich nebft einem Sommer- und
einem Winterfleive aus dem öffentlihen Schatze zu nehmen,
und felbft dies foll er vor feinem Tode durch Aiſcha wieder
zurückgegeben haben. Wie fehr er gegen alles unnöthige Blut-
vergießen und fonfiige Grauſamkeiten war, haben wir an
mehreren Beifpielen gejehen.
Als Gefetgeber ift Abu Bekr aud nicht ohne Berbienft,
wenigſtens wird erzählt daß er, fo oft Fälle vorfamen, die
weder durch den Koran noch durch die mündlichen Lehren Mo-
hammeds entfchieden werden fonnten, er die gelehrteiten Diän-
ner verfammelte und erſt nachdem er ſich mit ihnen beratben,
ein Urtheil fällte, das dann für die Zukunft zum Gefege er-
hoben ward. Er felbft befolgte aufs Strengfte die Borfchrif-
ten des Korans; darum heirathete er aud; bloß vier Frauen.
Bon feinen Kindern verdient außer Aifha, der Gattin Mo-
hammeds, nur nod Mohammed, der Mörder Othmans, eine
befondere Erwähnung. Um den Koran fcheint er fein an-
deres Berdienft zu haben, ald daß er die zerftreuten Frag-
mente deffelben fammelte und aufbewahrte, vielleiht auch
Manches, das fih nur im Gedächtniſſe erhalten hatte, nieder-
ſchreiben ließ. ine förmliche Redaktion des Korans und
Berbreitung durch vollftändige gleihfürmige Abfehriften, fand
1) Masudi fol. 183.
Abu Bekr. 33
erft unter Othman ftatt, wo wir auf diefen Gegenftand zu—
rüdfommen werden.
Abu Bekr ftarb nach einer Regierung von zwei Jahren,
drei Monaten und einigen Tagen, in einem Alter von 63
Jahren, an einem Fieber, das er fi) in einem Bade 14 Tage
vor feinem Tode zugezogen ").
1) Diefe wahrfheinlihere Tradition rührt nah Tab. ©. 186
fowohl von Aida ald von Abd Errahman, dem Gohne und
der Tochter Abu Bekr's her, verdient aljo jedenfalld den Vorzug
vor einer andern, derjufolge Abu Beer ein Sahr vor feinem
Tode von Juden vergiftet worden fein foll. Harith Ibn Killida,
fo lautet dieſe Tradition, war Abu Bekr's Tiſchgenoſſe, aber er hielt
noch zeitlih genug ein und fagte zu Abu Beer: du haft eine ver:
giftete Speife genofjen, deren Gift nad einem Jahre tödtet; nad
Abu Djafars Bericht ftarb Attab Son Ufeid in Meffa an demjelben
Tage wie Abu Bekr; fie waren miteinander vergiftet werden. Die
Mamen der Juden werden nicht genannt, auch wird Fein Grund an—
gegeben, warum fie den Chalifen umgebracht, und das foll ein Jahr
vor dem Tode Abu Befr’s geichehen fein?? Nimmt man nod zwei
andere Weberlieferungen hinzu, welche Bekri anführt, denenzufolge
er von Zuden verzaubert worden, oder in Folge eined Schlangen:
biffes ftarb, den er auf der Fluht von Mekka in der Höhle Tor
empfangen, fo fieht man offenbar, daß es dieſen Leuten nur darum
zu thun war, ihn aud) ald Märtyrer fterben zu laffen, wie vor ihm
Mohammed, an deffen Vergiftung ich auch nicht mehr glaube, und
nah ihm Omar, Othmar, Alt, Hafan (2?) und Hujein. 9. Flügel,
welcher ©. 21 ſchreibt: „er ftarb entweder, wie ed wahrſchein—
fiher ift, an einem langjam wirkenden Gifte, das ihm Zuden in
der Speije beigebradt haben follen, oder, wie Aifha berichtet, an
einer Erkältung,“ hätte mwenigitens auch einen Grund für Ddiefe
Wahrfheinlichkeit angeben follen,
Zweites Hauptſtück.
OO mar
Verfügung gegen Juden, Chriften und frühere Rebellen, — Ent:
fesung Chalids. — Abu Ubeids Feldzüge in Sraf. — Sein Tod. —
Schlacht bei Kadefia unter Suad Jon Abi Wakkaß. — Eroberung
von Madain. — Gründung der Städte Bafra und Kufa. — Omars
Berdienfte um das Finanzwejen. — Unterjohung von Syrien und
Paläſtina. — Dmars Reife nah Jeruſalem. — Krieg in Mefopo-
tamien und Fars. — Hormuzand Befehrung. — Schlacht bei Dia:
lula und Nehawend. — Eroberung der übrigen perfiichen Provinzen.
— Gezdedjerds Untergang. — Amrus Feldzug nab Egypten. — Zu:
ftand dieſes Landes. — Friedensfhluß mit den Kopten. — Ginnahme
von Alerandrien. — Gründung der Stadt Foftat. — Verbindung
des Wild mit dem rothen Meere. — Amrus Feldzüge in Pentupolis
und Marmarif. — Ginnahme von Barka und Tripoli. — Omars
ECorrejpondenz mit Amru. — Omars Ermordung und Teftament. —
Dmars Berdienfte um den Islam. — Sein Privat: und öffentliches
Leben.
Dmar zeigte gleich) bei feinem Negierungsantritte, daß
er im eigentlihen Sinne des Wortes zu berrfchen gefonnen
fet, indem er fagte: Ber Gott, der Schwächlte unter euch
wird mir als der Stärfite erfcheinen, bis ich ihm fein Recht
Omar. 55
verfchafft, den Stärfiten unter euch werde ich aber als ben
Schwächſten behandeln, bis er fih dem Nechte fügt ). Die
Araber gleichen einem Kameele mit wunder Nafe, das ohne
Widerftreben feinem Führer folgt. Diefer muß aber fehen,
wohin er es leitet. Auch ich, bei dem Herrn der Kaaba!
id werde fie auf den rechten Weg bringen 2).
Durch folgende Verfügungen zeigte er aber auch, daß er
die übernommene Herrihaft zum Schuße der Gercechtigkeit,
zur Bewahrung des Islams vor Jrrlehren und zur weitern
Berbreitung defjelben durch das Schwerdt gebrauchen würde.
Einen Mann wie Chalid, der feinen Kriegsruhm mit Mord
befledt und mit zügellofer Ausihweifung, der ihm übrigens
auch perſönlich verhaßt war, wollte er nicht länger an der
Spige der fyrifchen Armee dulden. Er fchrieb daher an Abu
Ubeida Ibn Djarrah: „Fürdte Gott, der allein ewig ift,
während Alles außer ibm vergeht, der uns aus dem Irrthume
und der Finfternig an’s Licht geleitet. Ich fege did) über
das Heer Chaliv’s Ibn Welid, wache über deffen Wohl wie
e8 dir obliegt. Stürze es in feine Gefahr, aus Berlangen
nad) Beute. Laffe es an feinem Drte lagern, ten du nicht
vorher auskundſchaften laſſen. Sende Nirmanden ohne ftar-
fes Geleite aus! Hüte dich, die Mufelmänner ing Verderben
zu ftürzen! Gott hat dich durch mid und mich durd dich
verfucht 3). Halte deinen Blick von diefer Welt ab und vers
1) Atulfeda ©. 222.
2) Tab, ©. 156. Bekanntlich wird das Kameel an einem Gtride
geleitet, der an einem durch die Naſe gezogenen Ringe befeftigt iſt.
8) Tub. a. a. 9. Die Worte des Tertes lauten: »Wakad ab-
läka bi waablani bika.« Kojegarten überiegt fie: »judicantem tibi
tribuit me mihique te.« Nah dem Kuamus bedeutet die vierte Form
von bala: verbrauchen, benahrictigen, eine Entihuldiaung zufommen
laffen, ſchwören und beihmwdren. Keine tiefer Bedeutungen mill
hier paſſen. Ich vermuthe daher, daß die dte Form auch mie tie
Ite und Ste „verjuchen, erproben” bedeutet, oder daß ibtalani und
ibtalaka gelefen werden muf. Der Sinn ift: dadurch, daß ich Did)
56 Zweites Hanptftäd.
fliege ihr dein Herz! Sei auf deiner Hut, daß fie dich
nicht verderbe, wie fie Andre vor dir verborben, deren Sturz
du wohl gejehen.”
Eine zweite Maßregel, zur Bewahrung der Reinheit
des Glaubens, war die Verbannung der Chriften, von Nadj-
ran, angeblih nah Abu Bekr's und Mohammeds letztem
Willen, damit auf der arabifpen Halbinfel, dem Hauptfise
des Islams, nicht zwei Religionen herrſchen. Doch follten
fie nicht nur mit all ihrer Habe abziehen, fondern ihnen fo-
gar, je nach ihrer Wahl, in andern Ländern fo viele Tiegende
Güter angewiefen werden, als fie in Nadjran befeifen 1).
Aus demfelden Grunde vertrieb er auch fpäter die Juden aus
Cheibar und Wadi-l-Kura und verpflanzte fie nah Kufa 2).
Ehen fo mußten in allen eroberten Ländern, um Vermiſchung
und Verwechslung der Gläubigen und Ungläubigen zu ver-
hüten, 2estere durd) den Gürtel und die Farbe des Ober—
fleidg und der Kopfbinde fi auf den erften Anblick kenntlich
machen.
Um das mufelmännifche Heer, ſowohl in Irak als ın
Syrien zu verftärfen, erlaubte endlih Omar aud) denjenigen
Arabern, welche nad) dem Tode Mohammeds abtrünnig ge—
worden, und die Abu Bekr, aud nach ihrer Unterwerfung,
von den immer treu gebliebenen Truppen ausgefchteden batte,
gegen die Ungläubigen Krieg zu führen 3), und fo ward ge-
wiffermaßen bei feinem NRegierungsantritte allen frühern Re—
bellen eine vollftändige Amneftie zu Theil.
Durh die Ernennung Abu Ubeid's Ibn Mafud zum
zum Oberfeldherrn ernannt, wird Gott deine Tugend und Tapfer:
feit erproben, und je nad) deinen Thaten wird auch mein Herrfcher-
talent fi bewähren und meine auf dich gefallene Wahl gelobt oder
getadelt und von Gott belohnt oder beftraft werden.
1) Tas. ©. 176.
2) Türk. Tab. ©, 181 im $. 21 der Hidjrah. Auch Dfahabi
©. 183.
8) Tab. ©. 180,
Dmar 57
Feldherrn über die Armee in Irak, zeigte Omar fogleih auch,
daß er das wahre Berdienft höher ftelle als Alter und edle
Abkunft. Dmar hatte nämlih in der Mofchee zu Medina
dreimal die Gläubigen aufgefordert, an dem heiligen Kampfe
gegen die Perfer in Irak Theil zu nehmen, weil die Perfer
neue Heere rüfteten, während das der Mufelmänner durch
den Abzug Chalids mit einem Theile der Truppen fo ges
ſchwächt war, daß es fih faum noch in Hira und der näch—
ften Umgebung diefer Stadt halten fonnte, Omars Aufruf
fand aber feinen Anflang bei den Arabern. Erſt am vierten
Zage meldete fich Abu Ubeid der Thakifite und feinem Betz
fpiele folgten dann Andere, fo daß Omar bald taufend Mann
abſchicken Fonnte, denen fi) nach und nach noch viele fremde
Stämme, befonders von den frühern Abtrünnigen, anfchloffen.
AS aber nunmehr von Omar verlangt wurde, er möchte
einem ber Gefährten des Propheten den Dberbefehl übertra-
gen, fagte er: „ich ernenne Abu Ubeid zum Feldherrn, weil
er der Erfte war, der meiner Aufforderung Folge geleiftet
und dadurch die Gefährten des Propheten übertroffen hat.“
Die Notb der Mufelmänner in Irak mußte fehr groß
fein, denn Muthanna felbft, dem Chalid vor feinem Abzuge
den Dberbefehl übertragen, war nad Medina gefommen, um
fih von dem Chalifen ) neue Hülfstruppen zu erbitten und
die Erlaubnig zu erwirfen, die wiederbefehrten Abtrün-
nigen auch in die Reihen feiner Krieger aufzunehmen. Zwar
hatte Muthanna nah Chaliv’s Abzug die Perſer unter Hor-
muz Djadfuweih noch einmal bei den Ruinen von Babel ge-
Schlagen, fpäter aber, als nad mehrfahen Fürftenmord Buran
an die Regierung fam und der tapfere Ruſtum mit der Lei-
tung des Kriegs gegen die Araber beauftragt ward, erhob
fih überall das Bolf gegen Lestere, und als Muthanna, einen
1) Abu Bekr war jchon franf, als Muthanna nah Medina
fam, er trug aber Dmar auf, gleich bei feinem Regierungsantritte
der Srafanifchen Armee Berftärfungen zufommen zu laffen.
58 Zweites Hauptflüd.
Monat vor Abu Überd, wieder nad Irak gelangte, befetste
Diaban auf Ruftums Befehl das ganze Gebiet am weftlihen
Euphratarme, fo daß jener es für rathjam fand, bis zur Anz
funft der Hülfstruppen, fogar Hira zu verlaffen und das
Lager der Mufelmänner nad Chaffın 7) zu verlegen.
Abu Ubeid's perfönliher Muth ftellte indeffen bald wie-
ber das alte Selbftvertrauen der Mufelmänner her. Nach
einigen Ruhetagen in Chaffan griff er das perfiihe Heer bei
Namarif, einer Stadt weftlid vom Euphrat, an und ba
Diaban 7) felbft gefangen ward, fo ergriffen feine Truppen
bald die Flucht gegen Kaskar hin, wo Narfes, ein Berwand-
ter ber kaiſerlichen Familie, an der Spige eines andern klei—
nen Heeres ftand. Abu Ubeid feste ihnen aber nach, trieb
auch die unter Narfes ftebenden Truppen zu Paaren und be—
mächtigte fi aller Schäße des Narſes in der Feltung Sa—
fatie, in deren Nähe das Gefecht ftatt fand 3). Ein zweites
Treffen gewann er dann nod) gegen den Feldherrn Djalinug,
welcher Narfes eine Berftärfung zuführen wollte, der aber
fhon vor feinem Eintreffen gefchlagen worden.
Die Eroberungen, welde Abu Ubeid in Sawad ge-
macht, gingen aber bald wieder verloren, denn die Perfer rüs
fteten ein neues Heer unter der Anführung des Bahman
1) Shaffan heißt nah dem Kamuß ein Wald in der Nähe von
Kufa, mwahrjceinlih gegen Mordweft, an der Grenze der Wüſte.
Nach Tab. (Cod. msc. Berol.) XI. 139. lag Chaffan 4 Pharafungen
von Kadeſia.
2) Der Araber, welher ihn gefangen nahm, Fannte ibn nicht
und wollte ihn erfchlagen, 309 aber dann vor, zwei junge Sklaven
als Löſegeld zu nehmen. Abu Mbeid nöthigte ihn, fein Wort zu
halten, obſchon er nachher erfuhr, Daß es der perfiihe Feldherr war,
der entweder erfchlagen oder zu einem größern Löſegeld verpflichtet
merden follte. Tab. ©. 184.
3) Als Abu Ubeid Fönialich bemirthet wurde mit Speiſen, die
bisher die Araber gar nicht fannten, weigerte er ſich zu eifen, bis
er die Verficherung erbielt, daß auch dem gemeinften Soldaten eine
ähnliche Koft gereicht würde, Ebend. ©. 188.
Dmar. ; 59
Diadfuweib aus, das alle bisherigen an Zahl übertraf. Bah—
man, welder den Beinamen Dful’ Hadjib führte, brad) gegen
die Hauptarmee der Mufelmänner auf, welche wieder in ber
Gegend von Hira ihr Lager hatte, doch machte er am öſtlichen
Euphratufer, gegenüber den Ruinen von Babel, an einem
Drt, welder Kuß Alnatif hieß, halt. Abu Ubeid z0g ihm
entgegen und lagerte in Marwaha am weltlichen Euphratufer.
Statt aber, nad) dem Rathe Sillits I) und anderer erfahre:
nen Krieger, dem Feinde den Uebergang über den Strom
fireitig zu machen, trieb ihn feine Verwegenheit an, über
denfelben eine Brüde fchlagen zu laſſen und ihn jenfeitd des
Eupbrats anzugreifen. Die Perjer hatten aber diesmal fo
viele Elephanten bei fi, daß die Araber,ederen Pferde fcheu
wurden, genötbigt waren, abzufteigen und gegen ihre Gewohn—
beit zu Fuß zu kämpfen. Doc behaupteten fie demohngeachtet
das Schlachtfeld, bis Abu Uberd von einem Elephanten zu
todt getreten ward ?). Jhre Niederlage wäre indefjen nicht
jo ſchrecklich geweſen, wenn fie fi über die Brüde in das
weftlihe Euphratgebiet hätten flüchten fönnen. Aber Abd
Allah Ibn Marthad, ein Araber aus dem Stamme Thafif,
dem auch Abu Ubeid angehörte, zerftörte fie, um die Mufel-
männer zu nöthigen, aus Berzweiflung von Neuem dem Feinde
1) Sillit ſagte ihm, nah Tabari S. 194: Die Araber jind nie
einem fo zahlreihen und wohl ausgerüfteten Heere begegnet, wie
diesmal die Perjer Eins ung entgegenführen. Sie haben ihr Lager
an einem Drte aufgeichlagen, wo mir feinen freien Tummelplag ha:
ben, auch feinen Raum, um nah einem Rückgange wieder einen
neuen Angriff zu machen. Abu UÜbeid ermwiederte: ich thue es nicht
anders, bei Gott du bift feig. Da hierauf ein Bote fam, welcher
von der Gerinsihbägung der Perſer gegen die Araber Nachricht
brachte, ſprach er um jo entjchiedener für den Uebergang und hörte
nicht auf die Mahnung Sillits.
2) Nah Tab. ©. 200 hieb Abu Uberd dem Glephanten den
Rüſſel ab, ftand ihm aber io nahe, daß, als er zuſammenſtürzte, er
ihn erdrüdte.
60 Zweites Hauptftüd.
die Stirne zu bieten und den Tod ihres Feldherrn zu rächen N).
Die Mufelmänner waren aber von einem folhen Schreden
ergriffen, daß fie fih fchaarenmweife in den Strom ftürzten
und hätte nicht Muthanna mit feinen Reitern den Feind fo
lange in Schach gehalten, bis die Brüde wieder hergeftellt
war, fo wäre das ganze Heer der Mufelmänner theild er-
trunfen, theild dur das Schwerdt umgefommen.
Nach diefer Schlacht, welche unter dem Namen Brüden-
ſchlacht bekannt ift und vierzig Tage ?) nach der am Hiero-
mar sorgefallen fein foll, die ein ganz anderes Ende nahm,
wäre es den Perfern leicht geweſen, die Mufelmänner von
der Grenze von Irak zu vertreiben, denn vier taufend waren
umgefommen und zwei taufend flohen in ihrer Beftürzung
bis nah Medina 3), fo dag Muthanna nur noch über drei
bis vier taufend Mann zu gebieten hatte. Zu feinem Glück
erhielt aber Djaban, als er im Begriffe fand, ihm über den
Euphrat nachzuſetzen, die Nachricht, dag in Madain eine Em-
pörung gegen Ruftum ausgebrochen, fo daß er genöthigt war,
mit feinen Truppen gegen die Hauptftadt zurüdzufehren. Djaban
und Merdanfchab, welche, in der Meinung, Dful’ Hadjib würde
mit dem Hauptheere folgen, mit einer geringen Mannfchaft
bis Lis gedrungen waren, wurden fogar von Muthanna ge-
fangen und hingerichtet und der Drt Lis ward unterworfen 9).
1) Er rief den Kriegern zu, erzählt Tabari S. 198: „ſieget oder
fterbet, wie euer Anführer geftorben!”
2) Tabari ©. 194. Ein neuer Beweis, daß die Schlaht am
Jarmuk noch in das Zahr 13, Purz vor oder unmittelbar nach Abu
Bekr's Tod zu jegen if.
3) Dmar war jedoch, um die Araber nicht von fernern Kriegen
gegen Perſien abzufchreden, Plug genug, die Flüchtlinge freundlic,
aufzunehmen, indem er ihnen fagte: jeder Mufelmann, dem das
Schickſal dem Feinde gegenüber ungünftig ift, findet bei mir Schutz.
Gott erbarme fich des Abu Ubeid! wäre er in unfre Nähe geflüchtet,
fo hätten wir ihn auch aufgenommen.
4) Diefed Treffen heißt das kleine bei Lis, zur Unterſcheidung
son der oben erwähnten Schlacht in der Nähe diefer Stadt.
Omar. 61
Omar bot indeſſen alles auf, als die Flüchtlinge nach
Medina kamen, um neue Truppen zur Verſtärkung Muthan—
na’s zu gewinnen. So oft fi) Freiwillige zur ſyriſchen Ar—
mee meldeten, fagte er ihnen: die bedarf eurer Hülfe nicht,
gebt Fieber nad) Irak und kämpfet dort für den Glauben
fowohl, als für ein Leben, reih am irdifchen Genüffen!
Manchen verfprady er fogar einen außergewöhnlichen Antheil
an der Beute, um fie zu bewegen, nad Irak zu ziehen N).
Erft als diefe Hülfstruppen ſchon in der Nähe waren, fandte
Ruftum ein neues Heer über den Euphrat unter dem Ober:
befehle Mihrans, welcher, weil er in Arabien aufgewachfen,
am geeignetiten fchien, fie zu befämpfen. Sobald Muthanna,
der in Mardj Aſſiba zwifchen Kadefia 2) und Chaffan fein
Lager hatte, von dem Anzuge Mihrans Kunde erhielt, brad)
er gegen den Euphrat auf und Tagerte in ber Gegend des
fpätern Kufa auf dem öftlihen Ufer eines Kanals, welcher
Buweib hieß, und beſchied auch Djerir und Ißmah, welde
an der Spitze der frifhen Truppen bei Hira fanden, zu fi.
Dmar’s Verbot zufolge, nie mehr vor einem Siege einen
Strom zu überfchreiten, erwartete er Mihran auf dem wefte
lichen Ufer. Die Schlaht war mörderiſch und der Ausgang
1) So nad) Tab. ©. 202 dem Djerir und den Seinigen ein
Vierttheil von dem für den öffentlichen Schag beftimmten Fünfttheile
der Beute gegen die Beftimmung des Korans und den Gebrauch.
2) Der Drt Kadeſia, in deffen Nähe fpäter eine blutige Schladht
vorfiel, welche die Eroberung von Madain zur Folge hatte, lag nad
Ritter X. 186 an der Grenze der Wüfte, neun Stunden weftlich von
Bagdad, einige Stunden nordweftlich von Hira, fo daß letztere Stadt
ohngefähr in der Mitte zwiſchen Kufa und Kadefta lag. Bei Tab.
(eod. Berol.) XI. 139 lieſt man aber: „Als unter Manfurs Regie:
rung der Alive Ibrahim ſich in Baßra empörte, ward Abu Fadhl
zum Statthalter von Kadeſia ernannt und beauftragt, die Kufaner
abzuhalten, fih Ibrahim anzufchliegen. Sie gingen nämlih von
Kufa nah Kadefia, von da nad Udfeib, dann nah Wadi Affiba’,
dann nad) Baßra.“ Diefem Berichte zufolge Fann Kadefia nicht fo
weit nördlich gelegen fein.
62 Zweites Hauptftüd,
blieb ſchwankend, bis Muthanna ſich mit einem Fleinen Häuf—
Tein fühner Reiter in das feindliche Centrum warf und ein junger
Chrift von dem Stamme Taghlib den Feldern Mihran er-
ſchlug. Diefe Schlacht heißt die bei Buweib, aud die
Zehnſchlacht, weil viele Mufelmänner tabei waren, von denen
einer zehn Perſer getödtet. Diefe hatten nämlich daffelbe
Schickſal, welches die Araber bei der Brückenſchlacht getroffen.
Als fie über den Euphrat fliehen wollten, war die Brüde
ihon von Muthanna zerftört, der ihnen dadurch den Nüdweg
abfehnitt. Sie zerftreuten fi) dann nad) allen Seiten am
weftlichen Euphratgebiete, wo bie ihnen nachfegenden Araber
fie leicht einholen fonnten. Doch ſcheinen die Perfer ſich vor—
her an der Brüde nody einmal gefammelt und den Mufel-
männern ein zweites blutiges Treffen geliefert zu haben, in
welchem jene aber auch zuletzt unterlagen ").
Nach diefer Schlaht bei Buweib, welde im Monat
Ramadhan ?) vorfiel, alfo nicht einmal zwei Monate nad)
der Brüdenfchlacdht, wagte es Muthanna wieder, Streifzüge
1) Sm arab. Tabari ©. 218 heißt ed: „Muthanna bereute es,
die Brücke befegt und zerftört zu haben und warnte feine Leute, nie
mehr Aehnliches zu thun; denn, fagte er, man darf nie einen Feind
in die äußerjte Verzweiflung bringen, -wenn er noch ftarf genug ift,
fi zu vertheidigen.“ Sm türf, Tabari ©. 108 heißt es ausdrücklich:
die Perjer ernannten einen neuen Feldheren, griffen die Muſelmän—
ner an, tödteten 2000 Dann und trieben die übrigen in die Flucht.
Doch Muthanna bradte fie wieder zum Stehen und fiel von neuem
mit jolhem Ungeftüm über die Perſer, daß fie ſich abermals zer
ftceuten. Dem türk. Tab. zufolge hatte nicht Muthanna, fondern
ein Anderer, ohne deſſen Befehl, die Brücke zerftört. Diefem fagte
Muthanna: durch die Zerftörung der Brüde haben wir 2000 Mann
verloren. Nach einer andern Tradition im Urterte des Tab. ©. 224
lag Djerir, gegen Muthanna’s Befehl, an der Brüde und erichlug
ſelbſt Mihran, nahdem ihn Mundfir, von dem Stamme Dhobba,
zu Boden geworfen.
2) Tab. ©. 206. Muthanna ließ jedoch die Faften brechen, um
die Truppen zu ftärfen.
Dmar 63
jenfeits des Euphrats bis an den zwifchen Madain und
Djardjaria fliegenden Sib und bis in die Gegend von Tefrit
anzuordnen. Cogar nad) Bagdad, feine ganze Tagereife
oberhalb der Hauptſtadt Madain ), wo eine große Meffe
gebalten wurde, wagte fih Muthanna mit feinen Neitern,
indem er des Nachts von Aubar aufbrad) und hei Tages
anbruch plögfih über den von den reichiten Kaufleuten be=
fuchten Drt berfiel und ihn ausplünderte. Diefer fühne Hand»
ftreih der Mufelmänner erweckte endlicy die Verfer aus ihrer
Lethargie. Sie waren der ohnmächtigen Weiberherrfchaft müde,
darum enttbronten jie Buran und festen Fezdedjerd ?), einen
1) So bei Tab. ©. 230, übereinjtimmend mit Abulfeda und
Edriſi. ©. Ritter a. a. D. ©. 198.
2) Ueber die Thronfolge in Perſien zwiihen Siroes und Jez—
dedjerd (623 — 634) lieft man ım türf. Tab, Bd. IL. ©. 118; Na
Siroe's Tod, dejjen Regierung nur fieben Monate gedauert hatte,
beitieg Schehrjur den Thron. Da diejer aber nicht von fürftlichem
Geblüte und darım auch nicht beliebt war, ward er ermordet und
Turan (Burun?), eine Schwefter des Chosru Verviz, auf den Thron
gejegt. Dieje ernannte Ferruhjad, den Mörder Schehrjahrs, zu
ihrem Vezier, und ihre Regierung war sehr beliebt, dauerte aber
nur 16 Monate. Zu ihrer Zeit (7) itarb Mohammed und ward Abu
Bekr Chalife. Nah ihrem Tode herrichte ihre jüngere Schwefter
Adjurmivoht. Diefe war jo ſchön, daß Ferruchjad, einer ihrer Des
jiere, um ihre Hand anhielt. Dieſer Antrag beleidigte fie, fie be:
ftellte ihn daher um Mitternacht zu fich und ließ ihn ermorden. Als
fein Sohn Rufum, der an der Spige eines Heeres in Chorajan
ftard, dieß hörte, brach er mit feinen Truppen gegen die Hauptftadt
auf, erftürmte den Föniglihen Palaft und tödtete Buran, Dieſer
folgten dann Ardſchir, der wegen lintauglichfeit wieder entthront
murde, dann Feirus, von den Nachkommen Nuſchirwan's, der ebens
falld wieder vom Throne gejagt ward, weil ihm die Krone zu eng
war, was man ald ein böjes Omen betrachtete, dann Ferruchjad
aus dem weftlihiten Theile Aiiens, der nach fehd Monaten umge:
brabt ward. Endlich rief man Sezdedjerd, einen Cohn Schehrjars,
herbei, welcher jih in Fars aufhielt und damals erft 15 Jahre alt
war. Im Aten Bande hingegen ©. 104 heißt es: Zur Zeit, als
Abu Ubeid nad Sraf ging, waren die Perjer unter Turan ftarf.
64 Zweites Hauptftüd.
Sohn des Königs Schehrjar, welchen feine Mutter wunder-
barermweife vor dem allgemeinen Prinzengemetzel gerettet hatte,
Bor ihr herrſchte ihre Schwefter Adfurmidocht, welhe Ferruchfad
heirathen wollte. Dieſer ward aber, als er fie des Nachts bejuchte,
auf ihren Befehl ermordet, worauf fein Sohn Ruftum die Königin
binrichten ließ und ihre Schweſter Turan an ihre Stelle feste. Auch
heißt e8 ©. 108, daß Turan noch an der Regierung war, als Bag:
dad geplündert ward, daß dann Sezdedjerd zum König ernannt ward,
der damald 21 Sahre alt war, Damit ftimmt auch der arabifche
Tabari S. 178 und 206 überein. Nah ©. 126 herrſchte Schehr
Sran Son Ardſchir Ibn Schehrjar zur Zeit, ald Chalid nah Syrien
ging, alſo im $. 13 der Hidjrah, ihm folgte Docht Zenan, Tochter
Kisra's, fie wurde aber bald entthront und Sabur, Sohn Schehr
Stang, erwählt. Sein Vezier Ferruchfad hielt um Adjurmidocht bei
ihm an, er gewährte fie ihr, fie aber lieg ihn durch Sejawuſch er:
morden, der auch Sabur erfchlug und fie auf den Thron feste. Daran
reiht fih dann die ©. 178 erzählte Ermordung Adſurmidocht's durch
Ruftum und die Nachfolge Buran’s. Bekanntlic herrſcht ſelbſt in
den älteften Quellen die größte Meinungeverfchiedenheit fomohl über
die Zahl als die Namen und Reihenfolge der perfifhen Regenten
zwiſchen Sirves und Sezdedjerd. Vergl. Assemani bibl. orient. II.
419. Eutych. annal. II. 253. not. et extraits 357 u. Mem. sur qq. antiq.
p. 408 ff. Journal Asiatique 1843. p. 388 u. f. Merfwürdig und
bezeihnend für den Werth oder vielmehr die Nichtigkeit der orien—
talifhen Zeitrehnung ift, daß auc der Verfaſſer des Mudjmil Atta-
warich, der fih rühmt, aus den älteften Quellen gefchöpft und die
größte Behutiamfeit angewandt zu haben, Mohammeds Geburt in
das Alte Regierungsjahr Nufchirwang fest und feinen Tod unter
Purandocht's Regierung. Demnach müfte aber Mohammed 70 Jahre
alt geworden fein; denn derfelbe Verf. gibt Nufchirman’d Regierung
eine Dauer von 47 Sahren und 7 Monaten, der des Hormuz 23 J.
des Perwiz 38 J., des Siroes 8 Monate, des Ardichir 1 G., des
Schehriraz einen Monat und fieben Tage. Daß aber Mohammed
nur ein Alter von 63, höchftens von 65 Sahren erreicht, ift bekannt,
Eben fo widerfpricht er fih, indem er Dmar unter Purandocht Ehalife
werden läßt, die ganze Dauer der zwiſchen Perwiz und Zezdedjerd
regierenden Fürften und Fürftinnen auf 43. und 9 Monate angibt,
und doch behauptet, Omar habe noch fünf Zahre gleichzeitig mit
Jezdedjerd geherricht, da jener doch zehn und ein halb Jahr Chalife
war. — Daß Abu Beer unter Purandocht Chalife geworden und im
Dmar. 65
an ihre Stelle. Diefer ein und zwanzig jährige Fürft ergriff
fo energifhe Mafregeln, daß ganz Sawad fidy gegen bie
Mufelmänner erbob und Muthanna genöthigt ward, von
Dmar fchleunige Hülfe zu verlangen und fih bis an die
Grenze der Wüfte, weftlih von Baßra, zurückzuziehen, wo
er auch bald nachher, in Folge einer in der Brüdenfchlacht
erhaltenen Wunde, fein Leben endete. Als Dinar am Anfang
des 1Aten Jahres der Hidjrah von der Pilgerfahrt zurück—
fehrte, zeigte er den Entſchluß, feldft an der Spike eines
Heeres gegen Irak aufzubrehen. Als aber die Truppen fidy
um ihn verfammelt hatten, gab er den PVorftellungen Abd
Errabmans Ibn Auf nad) ) und kehrte nad) Medina zurüd,
nachdem er Saad Ibn Abi Wakkaß, einen der älteften Gefähr-
ten Mohammeds, der von Wuheib, dem Großonfel Mohammedg
abftammte, zum Feldherrn ernannt hatte, Diefer verlieg Medina
mit viertaufend Mann und wartete in Schiraf nod) weitere
Hülfstruppen ab, die, yon Omar angefpornt, in fo großer
Anzahl herbeiftrömten, daß er nach feiner Bereinigung mit dem
fhon an der Grenze von Jraf ftehenden Heere über mehr als
dritten Monate ihrer Regterung geftorben, während doch fein Cha—
lifat über zwei Sahre dauerte, ift nur ein Verjehen des Weberfegers,
im Terte Heißt es: „Zur Zeit der Purandoht war der Prophet
fhon todt und Abu Befr ſaß auf dem Throne des Chalifats und
ed war das End feiner Regierung” u. ſ. w. — Daß zwifchen Permiz
und Sezdedjerd mehr als 41, Sahre liegen, ann nicht bezweifelt
werden, da Griterer im 3. 628 ſtarb und Letzterer erft unter Omar,
der 634 Chalife ward, an die Regierung kam. Hier ift wohl der
Fall mit dem Berf. des Mudjmil Attawarich zu fagen: „Gott allein
befigt die Schlüjfel des Verborgenen.“
1) So im arab. Tab. S. 24. Im türk S. 108 rieth ihm Abbas
ab, Alt hingegen beftärfte ihn, nah Masudi ©. 185, in feinem
Vorhaben. Auch berichtet derfelbe, daß, nachdem Omar feinen Ent«
ſchluß aufgegeben hatte, er Ali zum Feldherrn ernannte, diefer aber
den Oberbefehl ablehnte. Aus der ganzen Erzählung geht aber hers
vor, dag Dmar nie ernftlich daran dachte, nah Irak zu gehen, fons
dern nur dadurch mehr Leute herbeisiehen wollte.
5
66 Zweites Hauptſtück.
30,000 Mann zu gebieten hatte, denen auch Richter, Secre—
täre, Dolmetscher, Aerzte und Pretiger T) beigegeben waren.
Nachdem er fein Heer geordnet und die Häupter der verfchie-
denen Abtheilungen ernannt hatte, brad er nach Udſeib auf,
das ohngefähr eine ZTagereife weitlih von Kufa Tiegt, und
von hier zog er gegen Kadefta, den Grenzort des perfifchen
Reichs, gegen die arabifhe Wüfte hin. Weiter durfte er
nah Dmars ausdrücklichem Befehl nicht vordringen, um
im Falle einer Niederlage gleich wieder den heimathlichen
Boden erreichen zu können. Docd wurden von hier aug
allerlei Raubzüge gegen das untere Euphratgebiet hin un-
ternommen. Als indeffen Saad vernahm, daß Ruſtum in
Sabat ?) in der Nähe der Haupiftadt ein großes Heer rüfte,
fandte er vierzehn Männer zu Jezdedjerd, um ihn aufzufor-
dern, entiweder den Islam anzunehmen, oder einen Tribut
zu entrichten, weil ihnen nur dann ihre Religion geftattete,
ihn in Frieden zu Taffen. Jezdedjerd vertraute auf Ruſtum
und fein Heer und Tieß fogar dem Häuptlinge der arabifchen
Gefandtichaft zum Spotte einen Sad voll Erde um den Hals
hängen 3). Die Mufelmänner wurden aber dadurd nicht ent-
1) Tab. ©. 256. Das heißt folde, die zum Kampfe anfporns
ten (Dai). i
2) Nah Tab. ©. 114 eine Tagereife von Madain, jedenfalls
nicht, wie Nahr Schir, der Hauptftadt gegenüber, wie Ritter X.
S. 199 nad Alulfeda berichtet,
3) Nach arabifhen Berichten foll ihnen Sezdedjerd vorher allerlei
Anerbietungen gemacht, tod dabei eine hochmüthige, für die Araber
fehr verlegende Sprache geführt haben. Mugbira, der im Namen
der übrigen Gefandten dag Wort nahm, fagte hierauf: Was du
son unjerem Glend ſagſt, ift wahr. Unſere Armuth war fo groß,
das Würmer, Schlangen und Scorpionen unfere Wahrung bildeten,
die harte Erde war unjere Nuheftätte, die Haare unjerer Kameele
und Ziegen mußten wir verarbeiten, um und vor Madtheit zu fügen,
Unjer Glaube beftand in ewigen Kriegen und Raubzügen, wir tödte—
ten fogar unſere Töchter, um fie nicht ernähren zu müſſen. Alles
Omar. 67
muthigt, ſie ſahen es vielmehr als eine gute Vorbedeutung
an, daß der Kaiſer von Perſien ihnen ſelbſt freiwillig einen
Theil ſeines Landes überliefert. Indeſſen vergingen mehrere
Monate, bis Ruſtum die Muſelmänner angriff, es ſei nun,
daß er, wie die Araber berichten, die Sterne beobachtete und
ſie für die Perſer ungünſtig fand, oder was wahrſcheinlicher
iſt, daß er es für klüger hielt, mit ſeinen Truppen das öſt—
liche Euphratgebiet zu beſetzen und den Angriff der Araber
abzuwarten Y. Jezdedjerds jugendliche Unbeſonnenheit, verbun—
den mit den Klagen der Bewohner des weſtlichen Stromge—
biets, welche fortwährend den muſelmänniſchen Raubzügen
ausgeſetzt waren, nöthigten indeſſen Ruſtum, den Euphrat zu
überſchreiten und den Müſelmännern in der Nähe von Ka—
deſia eine Schlacht zu liefern. Mit dem Reichspanier an der
Spitze, das aus einem reich verzierten Leopardenfelle ?) von
zwölf Ellen Länge und acht Ellen Breite beftand, demfelben,
um das ſich die Perſer unter Feridun zum Kampfe gegen Sohak
geihaart, fochten die Heiden gegen die Mufelmänner drei Tage
mit gleihem Muth und gleicher Ausdauer 3). Doc) neigte fi
am britten Schlachttage der Sieg zu Gunften Lesterer, weil
am zweiten gegen Abend ſechs bis acht taufend Mann friſcher
Truppen unter Haſchim Ibn Diba aus Syrien anlangten,
ward aber anders, ald ung Gott einen Mann aus unferem edelften
Stamme fandte, der uns den wahren Glauben predigte, u. f. m.
Tab. ©. 280.
1) Auch foll er, natürlich nach arabifhen Berihten, im Traume
einen Engel gefehen haben, der ins perfiiche Lager Fam, alle Waffen
aufsob, fie verftegelte und Mohammed übergab, der fie dann dem
Chalifen Omar überreichte.
2) Masudi ©. 186.
8) Die Namen der drei Schladhttage find wahrfcheinlich: Irmath,
Ghawath und Amas (mit Ain). Griteres bedeutet nah dem Kamuß
fo viel ald ichtilat, alfo Handgemenge, dann der Tag der Hülfe,
wegen der hinzugefommenen Berftärfungen, dann der Tag des ers
bitterten Krieged. So bei Masudi a. a. O. Bei Abulfeda ©. 230
heißt der erfte Tag Aghwath,
5 *
68 Zweites Hauptftüd.
diefelben, welche Chalid im Anfange des dreizehnten Jahres
zur Schlacht von Jarmuk geführt "hatte I). Damasf war
nun erobert Abu Ubeida mußte fie daher auf Dmar’s Befehl
mit Andern, die fich ihnen freiwillig anfchloffen, wieder nad)
Sraf zurückſchicken. Dod machte neh, wie die Araber ſich
ausdrüfen, die ganze dritte Nacht hindurch die Mühle des
Krieges die Runde, daher auch diefe Nacht die Nacht des
Geheuls genannt ward, und erft am vierten Tage endete das
Gemetzel mit der Zernichtung eines großen Theileg des per:
fiihen Heeres, doc Foftete diefer Sieg au den Mufelmännern
nicht weniger als fiebentaufend ihrer beiten Streiter. Unter
den Gebliebenen waren audy vier Söhne der berühmten Chanfa,
die von allen ihren Zeitgenoſſen als die befte Dichterin ver-
ehrt ward. Sie begleitete fie fel&ft auf das Schlachtfeld und
fagte ihnen am Abend vor der Schladt: „meine Söhne! ihr
habt euch freiwillig zum Islam befannt und feid aus eigner
Wahl zum Propheten gewandert. Bei Gott, dem Einzigen,
ihr feid die Söhne eines Mannes, wie ihr die Söhne einer
Frau ſeid. Ich habe euern Vater nicht hintergangen, euern
Oheim nicht zu Schanden gemadt und euer Gefchledht nicht
befleckt. Ihr wiffet, weldyen reichen Lohn Gott den Mufel-
männern verheißen für den Krieg gegen die Ungläubigen.
Bedenket, daß die ewige Wohnung diefem vergänglicdhen Auf-
enthalssorte vorzuziehen ift. Wenn ihr morgen erwadet, fo
rüftet euch zum Kampfe gegen euern Feind und flehet Gottes
Beiftand an! feht ihr, daß die Schlacht recht ernft wird, fo
eilet immer dahin, wo das Gefecht am blutigften und die
Gefahr am größten.” Als fie ihren Tod vernahm, fagte fie:
1 &o bei Masudi ©. 187 und Clmafin S. 21. Nah dem
türf. Tab. ©. 109 erbielten die Perſer eine Verſtärkung von 20,000
Mann (9) unter Bahram, Um die Araber zu ermuthigen und die
Perfer zu täufsben, ließ dann Gaad in der Nacht eben fo viele
Araber eine Strecke weit zurückgehen und erft am folgenden Tage,
als die Schlacht wieder begonnen, heranrücen, fo daß die Araber
fowohl, als die Perſer, fie für friihe Truppen hielten.
Dmar. 69
„Lob dem Herrn, der mich durch den Märtyrertod meiner
Söhne ausgezeichnet” ").
Wie immer, hatten auch dießmal die Elephanten, welche
die Sronte der Perfer bildeten, den erften Andrang der arabis
fhen Reiterei abgehalten, fo daß, als ihr Feldherr Saab,
welcher wegen Unpäßlichfeit am Kampfe feinen thätigen Anz
theil nehmen fonnte, durch den Ruf Allah Akbar (Gott ift
der Größte) das Zeichen zum Angriff gab, gegen tie Ge—
wohnheit der Araber zuerft das Fußvolk voranrüden mußte,
um die Efephanten, denen fie die Nüffel abzubauen fuchten,
zurüdzutreiben. Unter den Mufelmännern, welche durch ıhre
Tapferkeit zu dem Siege bei Kadeſia beigetragen, wird befon=
ders Abu Mihdjan, aus dem Stamm Thafıf, genannt, der
wegen eines Weinliedeg in dem Haufe, wo Saad ſich befand,
eingefperrt war ?). Es gelang ihm, deſſen Gattin zu bewe—
1) Sujuti zum Mushni. Chanfa war die Tochter Amru's Ibn
Scharid, aus dem Stamme Suleim, und die Mutter des Dichters
Abbas Ibn Mirdas, welcher feine Mufe dem Propheten gemeiht.
Chanſa ift nur ein Beiname, welcher eıne niedere Naſe bedeutet,
ihr eigentliher Name war Tumadhir. Ste kam mit ihren Stamm:
genpjien zum Propheten und befannte ficb zum Selam und er hatte
viel Mohlgefallen an ihrer Perſon. Cie hatte lange Zeit nur ein:
zelne Verſe gedichtet, bis zum Tode ihres Bruders und ihres Gatten,
welche fie in größeren Gedichten betrauerte. Dmar gab ihr nad
dem Tod ihrer Söhne einen vierfachen Sold, wie fie ihn bei ihrem
Leben bezogen.
2, Masudi © 188. Die Verfe, die ihm diefe Strafe zugezogen,
lauten:
Schlieft einjt der Todesengel meine Augen,
fo fei ein Weinberg mein Begräbnißplag,
ruht mein Gebeine auch im Schooß' der Erde,
fo wird ihm Labung doch durch Nebenfaft.
Begrabt mich nicht auf unfrudhtbarem Boden,
fonft wird der Tod mir ſchrecklich und verhaßt,
den ohne Furcht und Bangen ich erwarte,
wenn mic erquicfet noch der Traubenduft.”
Abu Mihdjan hieß nad einigen Abd Allah, nad) Andern Malıf
und war ein Sohn Hubeibs. Dmar hatte ihn wegen des Weintrin:
70 Zweites Hauptftüd.
gen, ihn zu entfefeln und ihm des Feldherrn Waffen und
Pferd augzuliefern. So fämpfte er den ganzen Tag und
jobald die beiden Heere wieder in ihr Lager zurüdfehrten,
lieg er fih wieder feine Fejfeln anlegen. Doch fcheinen aud)
die Perfer am Euphrat, deren Truppenzahl nad mufelmän-
nifhen, ohne Zweifel übertriebenen Berichten, doppelt oder
gar viermal fo ſtark als die der Araber gewefen fein fol,
wie vor ihnen die Griechen am Hieromar, befonders von den
gegen fie fämpfenden Elementen überwunden worden zu fein.
Wie in Paläftina der Südwind bie Chriften nöthigte, den
Bekennern des Islams den Rücken zu febren, fo trieb hier
den Feueranbetern ein Sturm von Welten her ſolche Staub-
wolfen entgegen, daß fie nimmer länger den mit demfelben
fie verfolgenden Mohammedanern die Stirne bieten konnten.
Ruftum, welcher am Testen Tage das Centrum anführte,
mußte, vom Staube geblendet, da der Sturm fein Zelt an
feinem Plage ließ, unter einem Kameele Schutz fuchen. Er
fürzte fi ins Waffer, als er fich verlaffen und den Feind
kens mehrmals geißeln laſſen und zulest auf eine Snfel verbannt.
Er entfam und flüchtete ftch zur Armee in Sraf. Aber Omar erfuhr
es und befahl dem Feldherrn Saad, ihn einzufperren. Wach der
Schlacht lief ihn Saad rufen und verſprach ihm, ihn nie mehr wegen
des MWeingenujfes zu beftrafen, er aber ſchwur, er werde nie mehr
Wein trinfen. Sch trank, fagte er, fo lange ich wußte, daß die
Peitfhe mich wieder von meiner Sünde reinigen würde, nun aber
werde ıch aufhören zu trinken, weil ich Gottes Strafe fürdte. Ein
Sohn Abu Mihdjans kam einft zu dem Chalifen Muawia. Diefer
fragte ihn: bift du der Sohn des Mannes, welcher in einem Wein:
berge begraben fein will? und recitirte obige Verſe. Er antwortete:
wenn du mir erlaubt, fo will ic dir ganz andere Verſe meines
Vaters vortragen. Mit Muawia's Grlaubniß recitirte er dann ein
Gedicht, in welhem er Tugend und Tapferkeit über Reihthum fekt.
Es wird erzählt, man habe auf feinem Grabe in Adferbidjan oder
Djordjan drei Weinftöcde gepflanzt, welche herrlihe Früchte trugen.
Sujuri zum Mughni. Vergl. auch journ. Asiat. L. 11. ©. 139,
wo ein Theil dieſer Geſchichte aus derfelben Quelle mitgetheilt
worden.
Omar, 11
in feiner Nähe ſah, warb aber noch von einem Araber 7),
ber ihn erfannte, erreicht und getödtet. Sobald die Mufel:
männer Ruſtums Haupt faben, welches der Araber auf feine
Lanze geſteckt, ftürzten fie mit neuem Muthe unter dem Nufe
Allah Akbar über den Feind ber, welcher feinerfeits, durch
den Verluft des Feldherrn entmuthigt, nur noch in der Flucht
fein Heil ſuchte. Diefe Schlacht bei Kadeſia, welde nicht
lange nad der Eroberung von Damasf ?) ftatt fand, machte
Saad zum Herren des arabifchen Iraks, denn nunmehr Fonnte
Sezdedjerd nur nod an die Erhaltung der öſtlich vom Tigris
gelegenen Provinzen mit der Hauptftadt Madain denfen. Die
Mufelmänner bedurften indeifen auch der Nuhe und ehe fie
D) Sein Name war nad dem türf. Tab. ©. 110 Hilal Ibn
Alkama. Gr brachte den Kopf vor Suad, weldher ihm Ruſtums
foftbare Kleidung und Rüſtung fchenfte, von welcher das mit
Perlen und Gdelfteinen bejeste Panzerhemd allein 60,000 Drachmen
werth war.
2) Wir haben ſchon oben erwähnt, daß Masudi diefe Schlacht
in den Muharram des Zahres 14 fest. Nach Tabari fand fie auch
im 5. 14 ftatt, mur etwas ipäter, da ja Dmar erft im Muharram
den Feldheren Suad von Medina abjandte. Ihm folgt auch Elma-
fin ©. 21, während Abul Feda S. 230 die Schlabt bei Kudefia
unter den Begebenheiten des 15ten Zahres erzählt. Ebenſo Sujuti
©. 144. Masudi bemerft indeffen auch, daß Andere, morunter
Mohammed Ibn Ishak die Stlaht von Kadefia erft in dag 15te
Sahr fegen, er ſtimmt aber nicht damit überein. Damit hängt na—
türlih auch die Zeit der Gründung Bafras zufammen, welche in
das Zahr 14 oder 15 fällt. Dſahabi (S. 127) feit die Schlacht bei
Kadefia Ende Schammal oder Ramadhan des 3. 15 und aibt die
Zahl der Perier auf 60,000 an, doch mit dem Bemerfen, daß An:
dere fie ſchon in das J. 14 fegen. Da er jelbit indeiten die Grüns
dung Kufa’d, wie Magudi, in das J. 15 fegt, fo fcheint er auch
legterer Anfiht zu fein; denn es verging ein Jahr zmwijchen der
Schlacht von Kadefia und der Eroberung von Madain, und Kufa
ward erit erbaut, als die Mufelmänner das Klima der erorberten
Stadt nit gut ertragen Fonnten, und höchft wahrfcheinlich erft nad)
der Eroberung von Hulman.
= Zweites Hauptſtück.
den Krieg mit Jezdedjerd fortfegten, fanden fie es rathfam,
ihre Macht am Euphrat zu befeftigen. Hira ward von Neuem
unterworfen, die Feſtung Dbolla am Fluffe gleichen Namens
befegt und in ihrer Nähe eine neue Stadt gegründet, welche
wegen des weißen Bodens, auf dem fie erbaut ward, ven
Namen Bafra erhielt ). Dur die Anlage diefer Stadt,
nach welcher alle Bewohner der umliegenden Ortſchaften ver:
pflanzt wurden, beberrfchten die Araber die Schiffahrt vom
perfiihen Meerbufen her und zernichteten den Handel Perfiens
mit Indien, während fie auf der andern Seite den Statt-
halter von Chufitan, dem auch noch ein Theil des nördlich
und nordweftlih vom perſiſchen Meerbufen gelegenen Gebiets
untergeben war, in Echad hielten und fo die Macht der
Perfer zerfplitterten. Die Unterwerfung von Obolla ſowohl,
als die Gründung Baßra’s gefhah durch Otba, den Sohn
Ghazwan's. Nach deffen Tod ernannte Dmar den Mughira
Ibn Schu'ba zum Statthalter von Baßra, der aber eines
Ehebruchs angeklagt ward ?), weshalb fpäter Abu Mufa Ala-
hart diefe Statthalterfchaft erhielt.
1) Das alte Bafra lag bekanntlich 17% bis zwei deutihe Meilen
füdmweftlih von dem heutigen Bafra. Vergl. Ritters Erdfunde X.
©. 58.
2) Diefe ffandalöfe Gefhihte findet man ausführlich bei Abuls
feda ©. 239 und fo Flar dargeftellt, daß ich nicht weiß, warum
Reiske faat; »fateor hune locum mihi subobscurum esse.« Vier
Männer, welhe in einem Haufe waren, dem Mughira’d gegenüber,
fahen, als der Wind einen Faden von Mughira’d Gemach aufftie,
wie er mit Umm Djumeil einen Ehebruch beging. (Das Wort Ghascha
hat nad dem Kamuß diejelbe Bedeutung wie djämaa, es ift alfo
unndthig, es in aschaka zu verwandeln.) Omar verhörte dann die
Zeugen. Als drei derjelben ein vollftändiges Zeugnig abgelegt, fagte
er: ich hoffe, daß Gott durch diejen Vierten nicht auch einen Mann
entehren wird, der zu den älteiten Gefährten des Propheten gehört.
Zijad, fo hieß der vierte Zeuge, verftand Omar's Wink und nahm
zwar feine Anklage nicht zurüd, doch erflärte er, Mughira nur in
einer verdäcdtigen Stellung mit Umm Djumeil, die That felbft aber
Dmar, 73
Erft in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahres (636)
festen die Araber bei Anbar über den Euphrat und bemäch—
tigten fih, nad mehreren Treffen, der Stadt Sabat und
Nahr Schir am weftlichen Tigrisufer. Noch immer vertheis
digten aber die Perfer die am öftlichen Ufer gelegene Haupt-
ftadt Madain, und erft gegen Ende des Jahres, nach Finigen
erft im 16ten Jahre der Hidjrah I), als die Zahl der Mufel-
männer bis auf 60,000 Mann angefhwollen war, ſah Jez—
dedjerd die Unmöglichkeit ein, ſich länger in der Hauptftadt zu
balten, er überließ fie daher dem Feinde und zog des Nachts
mit den ihm übrig gebliebenen Truppen und den leicht zu vet
tenden Schäßen gegen Hulwan in das medifche Gebirgsland ?).
Die Mufelmänner bemeifterten fich alsbald der verlaffenen Stadt
und verfolgten noch die flüchtigen Bewohner derfelben eine
Strecke weit, fo daß eine unermeßliche Beute in ihre Hände fiel,
AS Saad in Madain einzog und die große Stadt mit ihren
herrlichen Paläften und Luftgärten von Menfchen verlaffen fand,
las er folgenden, auf die im rothen Meere ertrunfenen Egyptier
ſich beziehenden Koransvers: „Wie viele Gärten haben fie ver—
laffen und Duellen und Saaten, wie viele Wonne- und Luft
pläße, an denen fie fi) ergößten. Wir (Gott) haben Alles einem
andern Volke gefchenft und weder der Himmel noch die Erde
weint über fie.’ Alles bewegliche Gut ward zufammengetras
nicht geiehen zu haben, auch geftand er, nicht ganz gewiß zu fein,
ob es mwirflih Umm Djumeil mar. (Ich lefe uschabbuhaha. Reiske
iheint aschbahaha gelejen zu haben und überjegt daher unrichtig:
aiebat simillimam nosse) Dmar fprah hierauf Mughira frei und
ließ die drei erften Zeugen ald Verläumder ftrafen, weil der Koran
zur Beftätigung des Ehebruchs vier Zeugen fordert.
1) So bei Tab. S. 114.
2) Die Stadt Hulman lag auf der großen Karamanenftraße
zwiſchen Bagdad und Kirmanfchah, auf dem Grenzgebiete der alten
aſſyriſchen und mediihen Reihe, dort lag das alte Calach oder
Xalchas an einer gegen Weften fich erſtreckenden Felſenkette des
Aagrosgebirgs. Vergl. Ritter IX. 478,
74 Zweites Hauptſtück.
gen und in den berühmten weißen Palaſt !) gebracht, in den
Saad fein Hauptquartier legte. Der fünfte Theil wurde nad)
den Borfchriften des Korans für den Staatsſchatz nad Medina
geſchickt und obgleich zu diefem Fünftheile noch mande unzers
theilbare Koftbarfeiten gelegt wurden, blieb doch noch fo viel
übrig, daß ein jeder der 60,000 Mufelmännner, aus denen
ihr Heer beftand, 12,000 Dradmen Silber für feinen An-
theil erhielt. Unter den Runftwerfen, welche nah Medina
gefandt wurden, war das Merkwürdigfte ein Teppich, drei—
hundert Ellen lang und fechzig breit, welcher das Paradies
vorftellte, deffen Blumen, Bäume und Früchte aus den Fofts
1) Sn diefem Palafte, von dem befanntlich noch einige Mauern
als einzige Spuren des ehemaligen Cteſiphon übrig geblieben und
der unter dem Namen Swan oder Tauf Chosru befannt it, war
ein Sual, der nıh Tab, ©. 114 eine Fänge von 300, eine Breite
von 120 und eine Höhe von 100 Ellen hatte. Dieier Swan wurde
von Kobad Ibn Feirus erbaut, von jeinem Sohne Nuſchirwan aber
erft vervollfommnet. In deſſen Mitte ftand ein goldner Thron, auf
dem Recht und Gerechtigkeit gehandhabt wurde. Ald Saad hinein:
trat, verrihtete er ein Gebet mit acht Kniebeugungen u. f. w.
9. Flügel bedarf hier vielfaher Berihtigungen, denn er fchreibt
S. 28: „Sm folgenden Jahre (nah der Schlabt von Kadefta, die er
in das 3. 636 fest) ſchon fiel die Hauptftadt des damaligen Herr:
ſchers Medain (Eteiiphon). Sie lag, mie fpäter Bagdad, am Eu:
phrat, jo an den beiden Ufern des Tiaris. Unverweilt eilte der
Sieger von Kadefia hin in den weißen, von dem Propheten feinen
Gläubigen verheißenen Chosrven: Palaft (Iwan Kisra). Allein erft
im März 637 gelang es dem Sa’d, den Uebergang über den Tigris
zu erzwingen.” I) Sag Medain nicht an den beiden Ufern des Tigrig,
fondern nur am öftlihen, die weftliche Stadt hieg Nahr Scir.
2) ag auch das fpätere Bagdad nicht am Guphrat, fondern eben:
falld am Tigris, mehrere Stunden nördlih vom alten Mavdain.
3) Befund fich der weiße Palaft auch bei oder in Mudain, alfo auf
dem öftlichen Ufer, der Eieger von Kadefta konnte alıo nicht unver:
meilt dahin eilen, wenn ed Saad erft im März 637 gelang, den
Vebergang über den Tigrid zu erzwingen; denn Saad oder fein
mufelmännijches Heer ift doch mit dem Sieger von Kadefla ganz
identifch.
Dmar. 75
barften Edelfteinen gebildet waren. Dmar follte ihn als ein
Prachtſtück aufbewahren, aber er zertbeilte ihn unter den Ge—
fäbrten des Propheten. Ali's Stück allein war aber nod
10,000 Silberftüde werth. Diefen Teppich fanden fie in dem
weltberühmten Valafte, deffen Trümmer fidy bis auf den heu-
tigen Tag noch erhalten. Dort fanden ſich auch Foftbare mit
Edelſteinen beſetzte Waffen, die Reichskrone mit ungeheuern
Diamanten, ein goldenes Kameel und ganze Vorräthe von
Moſchus, Ambra, Sandelholz und Kampfer, dag die Araber
für Salz hielten. Nicht lange nah der Eroberung von
Madain, nad den meiften Berichten noch vor Ende des
fünfzehnten Jahres, doch wahrſcheinlich erft im fechzehnten
Jahre der Hidjrab ward die Stadt Kufa ), weftlih von
einem Cupbratarme, der ſich feither verloren, gegründet.
Dmar mochte bei der Wahl diefer Gegend zur Gründung
einer neuen Stadt nicht nur, wie die Araber berichten, die
veinere Luft berücfichtigt haben, fondern auc den Umftand,
daß fie gegen die immer noch mächtigen Feinde des Is—
lams ſich befjer vertheidigen ließ, während auf der andern
Seite es ihm auch leichter ward, feine Oberherrſchaft über
die Statthalter diefer ohnehin ſchon fernen Länder immer
geltend zu machen. Aus demfelben Grunde gejtattete er auch
fpäter den Mufelmännern in Egypten nicht, fih in Memphis
und deſſen Gebiet anzufieteln, fondern lieber am öftlichen,
Arabien näher gelegenen Nilufer die Stadt Foftat zu gründen
und eben fo Baßra nit an die Stelle des frühern Obolla,
fondern weftlih vom Euphratarme. Dazu fam noch wahr-
ſcheinlich Dmars Furt, die Araber möchten, bei einer Nie:
verlaffung in einer Stadt, welche an Pracht und Herrlichkeit
mit Rom und Byzanz wetteifern fonnte, ellzufchnell ihre an—
1) Der Kamuf gibt verfchiedene, doch nicht fehr befriedigende
etpmologifhe Gründe für den Namen Kufa an; das Wahrfheinlichfte
it, daß jkon vor Gründung der Stadt ein Fleiner Hügel dajelbft
diejen Namen führte. Tab. ©. 116 fest die Gründung Kufa’s erft
in das Jahr 17, Andere Meinungen haben wir jhon oben erwähnt.
”
76 Zweites Hauptftüd,
geborne Einfachheit verlieren und in alle Schwächen und Lafter
verfinfen, die ihren früheren Bewohnern den Untergang be—
reitet N).
Wir verlaffen jest die Araber am Euphrat und Tigris
und wenden ung, ehe wir ihre weiteren Kämpfe gegen Jez—
dedjerd erzählen, zu ihren Brüdern in Syrien und Paläftina
bis zur völligen Unterjochung diefer Länder, Vorher müffen
wir aber eine von Omar getroffene Maßregel erwähnen, welche
in dieſe Zeit fällt und wahrſcheinlich durch die Eroberung von
Madain und die ihm nad) derfelben zugefloffenen Schäge her-
vorgerufen ward.
Mohammed hatte befanntlid nad) dem Treffen bei Bedr
befohlen, oder vielmehr als göttliche Offenbarung befannt ge—
macht, daß vier Fünftel der Beute unter den Kriegern vers
theilt werden, ein Fünftel aber ihm zufallen follte, für ihn
und feine Berwandten und zur Unterftügung der Armen, Wai—
fen und Wanderer. Diefes Gefeg ward fortwährend, bei allen
Kriegen und Naubzügen, ftreng beobachtet. Mohammed fowohl
1) Tabari S. 116 erzählt, dag Saad fih in Kufa einen Palaft
bauen lief, nah dem Mufter des Taf Chosru in Matain umd jogar
von diefem ein Portal nah Kufa bringen lieg, um es zu feinem
Yalafte zu vermenden. Ald Dmar dies vernahm, fandte er Moham—
med Ibn Maslama nah Kufa mit dem Befehle, dieſen Palaft in
Brand zn ſtecken, Saad jchrieb er aber einen Brief, deſſen Inhalt
war: „Sch habe gehört, du mollteft einen Palaft bauen nad dem
Modell des Palaftes der Chosroen und fogar ihre Pforte dazu ge:
gebrauchen. Willft du fie etwa auch wie jene mit Wachen und Pfört:
nern befegen, welche den Leuten, die ein Anliegen zu dir führt, Ten
Zutritt verfagen ? Willft du jo von der Sitte unſeres Propheten ab:
weichen und die Bahn der perfiihen Kaiſer wandeln, welche in die
Hölle hinabaeftiegen trog aller Pracht ihrer Luſthäuſer? Darum
fende ih Mohammed Ibn Maslama, damit er deinen Palaft ver:
brenne. Zwei gewöhnliche Häuſer müſſen dir genügen, das eine fei
für dich und das andere verwende zur Aufbewahrung des öffentlichen
Schatzes.“ Diejer Palaft blieb nun verwüſtet, bis ihn Zijad unter
Muamia’s Regierung wieder aufbaute,
Dmar. 77
als Abu Bekr hatten aber über die Vertheilung des empfangenen
Fünftels nichts beftimmt, ſondern verfügten darüber ganz nad)
den momentanen Bedürfniffen, Erfterer fogar, wie wir im
Leben Mohammed’s gejehen T), zuweilen ziemlich willkührlich.
Dmar bingegen batte in der erften Zeit feiner Negierung,
um bei der Größe feiner Unternehmungen ſtets für den Noth-
fall über bedeutende Mittel gebieten zu fünnen, den ihm zu—
gefommenen Antheil an der Beute gefammelt, big endlich,
nad) der Eroberung von Madain, die öffentliche Schatzkammer
dermaßen angefüllt war, daß er, ohne das Wohl des Staats
zu gefährden, über einen Thril derfelben zu verfügen im
Stande war. Die Teilung follte aber nad beftimmten
Grundfägen ftatt finden und er richtete daher eine eigne Fi—
nanzfammer (Diwan) zum Behufe derfelben ein. Zuerft
wurden die Namen der mit Mohammed verwandten Söhne
Haſchims eingetragen, an deren Spige Abbas, der Oheim
des Propheten, mit einem jährlichen Gehalte von zwanzig—
taufend Drachmen ftand 2). Hierauf folgten diejenigen, welche
am Treffen von Bedr Theil genommen. Sodann diejenigen,
die fich zwifchen diefem Treffen und der Eroberung von Meffa
zum Islam befehrt und für denfelben gefochten. Hierauf
foldhe, die nad der Eroberung von Meffa, doch noch vor
dem Tode des Propheten Mufelmänner geworden ?). Nah
diefen wurden die Namen ber Krieger in Syrien und Irak
1) ©. 259 u. ff.
2) So bei Tab. ©. 114, wo aber das Wort „bin“ fehlt, bei
Abulfeda ©. 228 heißt es „fünf und zwanziataufend “ auch find dort
die Abtheilungen verſchieden. Nah Diahabi S. 143 erhielten die
Ausmanderer 5000, die Hülfsgenojjen 4000 und Mohammed's Frauen
12,000 Drachmen.
8) Demnab wäre Omars vielgepriefenes Wort: daß die Tugend
im Himmel ihren Lohn finden würde, er aber die Güter der Erde
nur nad den Bedürfnifien der Mufelmänner vertheilen dürfte,
wenn auch vielleicht nicht erdichtet, doch jedenfalls nicht mit Conſe—
quenz in Anwedung gebracht worden,
78 Zweites Hauptftüd.
aufgefchrieben, fo wie bie der Frauen, deren Männer in
einem dieſer Kriege gefallen. Nach diefen Abftufungen und
im Berbältniffe zur Kinderzahl wurden die vorbandenen
Summen vertbeilt, nur die Wittwen des Propheten wurden
befonders begünftigt, indem eine jede 10,000 Drachmen jähr-
lih erhalten ſollte. Für ſich felbft nahm aber Omar nur fo
viel, als er zu feinem einfachen Leben bedurfte, Näheres tft
über diefe Einrichtung nicht befannt, doch ift nicht zu zwei—
feln, dag auch fonitige Arme und Unglüdlihe, der VBorfchrift
des Korans gemäß, welche noch bis auf den heutigen Tag
als Gefeg gilt I), von Omar bedacht wurden, fonft müßten
wir diefe Maßregel eher tadeln, als Toben. Sie ift aber
auch noch darum befonders wichtig, weil fie nothwendigerweiſe
aud) ein genaues DVerzeichnen der Staatseinnabmen erforderte,
welche nicht blos aus der Beute beftanden, fondern auch aus
den feftgefegten Armenfteuern und Afmofen für Dlufelmänner,
und aus dem Tribut Grund» und Kopfſteuer für Nichtmufelmän-
ner, fo daß man fie alfo überhaupt als einen Anfang zu einem
geordneteren Finanzwefen betrachten kann, das aber natürlich
erft nad und nad fi vervollfommnen mußte). Daran
1) Die mufelmännifhen Theologen oder Juriſten faſſen den
Ausſpruch des Korans nach dem Buchſtaben auf und fo lieft man
in dem Handbuche tes Sbn Kafim: „die im Kriege eroberte Beute
wird in fünf Theile getheilt, vier Fünftel erhalten die Truppen,
welche fie erobert, und zwar die Reiter drei Theile und die Fuß:
gänger einen Theil. Das übrige Fünftel wird wieder in fünf Theile
getheilt, und zwar ein Theil für den Propheten und nad) feinem
Tode für das Wohl des Islams (Befoldung der Richter, Feftungsbau,
Waffenrüſtungen u. dergl.), ein Theil für die Nachkommen der
Söhne Haſchims und Muttalib, ein Theil für Arme, ein Theil für
Maijen und ein Theil für Wanderer.”
2) Auch Theophanes (S. 522 der Bonner Ausgabe) erzählt, dag
Omar in dem Zahre, in welchem er Perfien eroberte, alle ihm un:
terworfenen Länder genau verzeichnen ließ, und zwar nicht blos die
Zahl der darin wohnenden Menſchen, fondern auch die der Lajtthiere
und fruchtbaren Felder (das ift wohl mit dem Worte guro» gemeint,
gewiß nicht die Aufzählung der einzelnen Pflanzen).
Omar. 79
fnüpft ſich endlich auch noch die Feftfesung einer Nera und
ihren Gebrauch bei fchriftlihen Dofumenten, als nothwendige
Bedingung eines geregelten Staatshaushalts. Man wählte
die Auswanderung Mohammeds aus Meffa zum Anfange-
punfte, weil mit derfelben das Gedeihen des neuen Glaubens
begann, um jedoch nicht die ganze Ordnung der Monate zu
zerftören, vechnete man nicht vom Tage der Auswanderung
an, fondern vom erften Muharram des Jahres, in welchem
fie ftatt fand I.
Wie in Perfien nad) der Schlacht von Kadeſia, fo fcheinen
auch in Syrien nad) der Einnahme von Damasf die Waffen der
Mufelmänner ein ganzes Jahr hindurch gerubt zu haben, wag hier
ſchon der Abzug eines Theils der Truppen nad) Irak nothwen—
dig machte. Ihre erfte größere Unternehmung war gegen die
Stadt Himß gerichtet, welche fih nach einer Niederlage der
Griehen in ihrer Nähe unter denfelben Bedingungen wie
Damasf ergab 2). Das Gleiche that bald nachher die Stadt
Ziberias gegen die Amru Jon Aaß und Schurahbil zu Felde
zogen und in deren Nähe, ſchon während der Belagerung
von Damasf, Byfan war erobert worden. Nach der Ein-
nahme yon Himß dehnte Abu Übeida feine Eroberungen nad
Norden aus und nahm Hama und Sceifar, Maarra, Ki—
nesrin, Antiochien und Haleb. Kinesrin wurde zerftört, weil
diefe Stadt erſt nad einem Ausfalle Friedensvorfchläge ge-
1) Rab Sujuti ©. 144 ward diefe Zeitrehnung im J. 16 der
Hidjrah, und zwar auf Ali's Rath, von Omar eingeführt.
2) Himß, heißt es bei Tab. ©. 112, ward im Winter belagert.
Heraflius ermahnte die Stadt zur Ausdauer, in der Hoffnung, die
Mufelmänner würden die Kälte nicht ertragen können; da fie aber
die Belagerung nicht aufhoben und im Innern der Stadt Mangel
aller Art herrſchte, machte fie Friedensvorfchläge. Demnach wäre die
Eroberung diejer Stadt in den Anfang des 15ten Jahres (Februar 636)
zu fegen. Eo heißt es auch bei Djahabi (S 125): Am Ende des
Sahres 14, nah Andern am Anfang des 15ten Sahres, ward Himf
und Balbek erobert, worauf dann Heraklius von Antiochien nad
Eonftantinopel floh.
80 Zweites Hauptftüd,
macht. Andere Truppenabtheilungen unter Amru Ibn Aaß,
Schurahbil und Fezid wendeten ſich gegen Paläftina und die
Küfte des mittelländifhen Meeres, Die auh im Laufe des
16ten und 17ten Jahres von Latafie bis Ghaza in die Hände
der Mufelmänner fiel. Einen fräftigen und längern Wider—
ftand fanden fie nur vor Cäſarea !) und Ferufalem?). Lestere
Stadt, die fefteite in ganz Paläftina, beftand darauf, fi nur
Omar felbft zu unterwerfen, welcher, erfreut, eine Gelegenheit
zu finden, an der Berherrlihung des Islams auch perſönlich
beizutragen, die Reife nach Syrien machte und während feiner
Abweſenheit Alt als Statthalter von Medina zurückließ 3).
1) Cäſara fiel nah Dſahabi ©. 132 erſt im 3. 19 der Hidjrah,
nah Tabari ©. 113 aleichzeitig mit Adjnadein vor Serufalem, nad
Theophanes erjt ein Sahr nah dem Tode des Heraflius, nach einer
Belagerung von jieben Zahren, nah Sbn Abd Albafam ©. 28 in
demjelben Sahre, als Herakflius ftarb, gleichzeitig mit Alerandrien.
2) Djahabi jegt die Eroberung von Serujalem (S. 129) in das
J. 16, eben jo die von Haleb und Antiobien. Nach einer andern
S. 143 angeführten Tradition ward Serujalem erft im Uten Sahre
eingenommen, In einer Glofie zu Mohammed Ibn Schakir lieſt
man (5. 42): Nach der Groberung von Damasf unterjochte Sezid,
der Sohn Abu Sofians, die Küftenftidte Seida und Beirut, dann
fhlug Chalid die Griechen bei Balbef. Dieje Stadt ſowohl als
Tiberiag und Byſan ergaben fih nad der Schlacht bei Fachl. Hierauf
fofgte eine Schlaht bei Merdj Arrum, nad deren Verluſt die Be:
wohner von Himß fih ergaben, dann Hama, Scheifar, Kaftal, Fa:
dakia, Djebele, Antartus, Haleb und Kinesrin. Serujalem, heißt
e3 ©. 108, ward im Rabia ammal des J. 16, nach Tabari aber im
%. 15 eingenommen, dem auch Abul’eda folgt, während Gimafin
©. 14 die Groberung von Serujalem in das $.16 jest. Bei Sujuti
©. 144 wird Himß und Balbef zu den im J. 14 ſchon eroberten
Städten gerechnet.
3) Artiun, der Befehlshaber zu Serufalem, jo erjählen die
Araber, behauptete in alten Büchern gelejen zu haben, daß die
heilige Stadt Zerufalem von einem Fürften eingenommen werden
follte, deifen Name nur aus drei Buchfiaben (wie der Owars nad
arabifder Schreibart) beftehen würde. Die Griehen erfanden wahr:
ſcheinlich dieſes Mähren, um einen Vorwand zu finden, die Stadt
u Omar - 8
Die wefentlichiten Bedingungen, unter denen den durch
Vertrag genommenen Städten Friede geftattet ward, und bie
bis auf den heutigen Tag noch wenigftens auf dem Papier
als Gefes gelten, find: Entrichtung einer Kopfftener, Ver⸗
bindlichfeit, jeden veifenden Mufelmann drei Tage zu bewir-
tben, Auszeichnung in der Kleidung, Zulaffung der Mufel-
männer in die Kirchen, Abfhaffung aller Kreuze und alies
Glodengeläutes, Vermeidung aller verlekenden Ausdrücke gegen
den Islam und Verbot des Neitens auf Pferden, fo wie der
Erbauung neuer Kirchen.
Den Testen Verſuch zur Wiedereroberung Syriens ſchei⸗
nen die Griechen im 17. Jahre der Hidjrah von Diarbekr
aus gemacht zu haben, indem von Tabari erzählt wird, daß,
nachdem Kinesrin ſchon in der Gewalt der Mufelmänner war,
Abu Ubeida von den Griehen in Dimß belagert ward N),
Aber Chalid eilte vom Norden und Amru vom Süden
ber zum Entſatze herbei, während Omar neue Truppen aus
Arabien ſandte, welche abermals in der Nähe von Himß
ſiegten. So mangelhaͤſt und parteiiſch aber auch die Berichte
der Muſelmänner über dieſe Begebenheiten ſein mögen, ſo
nicht dem Feldherrn Amru zu überliefern, deſſen Name vier Buch⸗
ſtaben zählt, weil-fie zu Omar ein größeres Vertrauen hatten. Theo:
„phanes (S. 519 der Bonner Ausgabe) läßt die Belagerung von Ze:
ruſalem zwei Sahre dauern, doch fest er ihre Ginnahnte auch in das
$. 627 (636 nach unjerer Zeitrehnung). Im 3. 628 ſchließt Joannes
Cateas, Statthalter von Edeſſa (Roha), Frieden mit Jjad und
zahlt ihm Tribut. Sm J. 629 wird" Antiochien genommen. Sm
5. 680 Edeſſa und ganz Mejopotamien von Sjad bejegt. rs
1) Dies ermähnt auch Elmafin ©. 23, dei Tabari S. 117 heißt
ed aber, daß die Griechen geſchlagen wurden, ehe die Hülfstruppen
von Omar ankamen. Nach der Geſchichte Haleb's (ed. Freytag ©. 3)
famen 30000 Griehen von Mejopotamien ber, zu denen. fich noch
die Ehriften aus der Gegend von Kinesrin gefellten und bradten
den Mufelmännern mehrere Niederlagen bei. Omar befahl dann
Saad Ibn Wakkaß, mit ſeinen Truppen einen Einfall in Meſopo—
tamien zu machen, damit die Bewohner dieſes Landes zur Verthei⸗
6
82 Zweites Hauptflüd,
geht doch aus Allem hervor, daß das Rolf in Syrien wenig
Antheil am Kriege nahm, daß gar kein Zuſammenwirken un—
ter den verſchiedenen mächtigen und ftarf bevölferten Städten
vorhanden war, fondern jede nur an ihre Erhaltung dachte
und lieber einen ſchmählichen Frieden unterzeichnete, als ſich
der Gefahr einer gewaltfamen Einnahme ausſetzte. Nur fo
ward es den Arabern möglich, in einem Zeitraume yon fünf
Jahren ganz Syrien und Paläftina, von dem todten Meere
bis herauf nad) Antiohien, zu unterwerfen.
Nicht minder fiegreich waren in den Testen Jahren die
muſelmänniſchen Waffen im Oſten, ſo daß bis zum Anfange
des 18. Jahres der Hidjrah die irafaniiche Armee der ſyri—
fhen am obern Euphrat, in der Gegend von Rakka und
Kirkiſia ), die Hand reichen fonnte, . y
digung deffelden von Himß abziehen. Sobald diefer Befehl vollzo—
gen ward und Kafa Son Amru Die Operation Saad's noch unter⸗
ſtützte, zog ſich ein Theil der Griechen nach Meſopotamien und ge—
gen die Uebrigen wagte Abu Ubeida eine Schlacht, die er auch ge—
wann,
1) Nah Dfahadi ©. 130 ward Kirfifta fhon im J. 16 genom-
men, mas aber gewiß falfh ift. Ber Elmufin ©. 25 wird zu den
Groberungen des 21. Zuhres, Haran, Edeſſa, Rakka und Nißibin
gerechnet, Circefia ward aljo wohl ſchon früher unterworfen. Nach
Abulfeda ward der ganze Norden von Syrien bis Haleb und Ans»
tiochien im 15. Sahre der Hidjrah erobert. Eben jo in demjelben
Jahre aanz Paläſtina, Nablus, Jafa und Cäſarea. Tefrit, Moßul
und Kirkiſia fielen im 3. 16 in die Gewalt der Muſelmänner; von’
Edeſſa ſchweigt er ganz. Die große Ungewisheit und Verſchiedenheit
in den chronologiſchen Angaben dieſer Kriegsgeſchichte rührt beſon—
ders daher, daß manche Städte mehrmals unterjocht oder wenigſtens
gebrandſchatzt wurden, wie wir dies aus Theophanes bei Edeſſa ge⸗
ſehen. Dieſe und jene Provinz kaufte ſich vermöge einer beſtimmten
Summe los, ward dann aber ſpäter doch von den Muſelmännern
beſetzt; die Einen rechneten nun die Unterwerfung von dem erſten
Vertrage, die Andern von der wirklichen Beſitznahme. Da übrigens
die ganze Geſchichte der muſelmänniſchen Kriege in Perſien und
Syrien erſt anderthalb Jahrhunderte nach der Hidjrah niedergeſchrie—
Dmar. 83
- Bald nad) der Einnahme von Madain lieg Omar den
flüchtigen Jezdedjerd verfolgen. Nach mehrern blutigen Schlach—
ten bei Djalula und Kaßr Schirin, in der Gegend von Zo—
bab, ward Hulwan genommen und Jezdedjerd zog fih nad
Rei, in der Nähe des jesigen Teheran, zurück. in weiteres
Nachfegen jenfeits der medifhen Gebirge hielt Omar nicht
für rathfam, die Eroberung der Provinz Chufiftan (Susiana)
im Süden und die Unterjodhung Mefopotamiens im n Weſten
von Huhvan mußten vorausgehen,
Abd Allah Ibn Mafhar ward daher gegen Tefrit am
Tigris, zwifhen Bagdad und Moßul, geſchickt, und nad) der
Eroberung diefer Feftung, durch Verrath der mit den Grie—
hen darin eingefchloffenen arabiſchen Befagung I), wendete
er ſich noch weiter gegen Norden bis in die Gegend von
Moßul, während Ijadh Jon Mimar nad) Nordweit bis an
den Euphrat hinzog und die Hauptftadt Roha (Edeſſa) mit
dem größten Theil von Mejopotamien unterwarf, fo daß jekt
das ganze Land. vom mittelländiihen Meere bis gegen die
Grenze von Kurdiſtan die Oberherrfchaft des Chalifen in
Medina anerkannte 2).
ben wurde, fo ift leicht begreiflich, dag über mandhe Data Meinungs:
verſchiedenheit berricht. Wer eine Karte zur Hand nimmt, wird die
von mir adoptirte Drdnung gewiß am Natürlichften finden,
1) Tab. ©. 116. Der ariehiihe Fürft heißt Anthaf, er machte
21 Ausfälle während der 40tägigen Belagerung. Dies, fo wie die
Eroberung von Moßul fiel noch in das J. 16 der Hidjrah.
2) Alle briftliihen Bewohner Meſopotamiens, heißt es bei
Tab, ©. 117, unterwarfen fih nach der Capitulation von Roha, nur
die Benu Taghlib wanderten aus, weil fie zu ſtolz waren, Kopfiteuer
zu bezahlen, und fehrten nicht eher zurück, bis Omar einwilliate,
die ihnen auferlegten Abgaben, welche fie fih aerne erhöhen liegen,
mit dem Namen Almojen zu befegen., Noch in den fpitern Geſetz—
büchern der Mujelmänner heißt ed: Die Ehriften vom Stamme der
Benu Taghlib müſſen doppelt fo viel Armenfteuer entrichten, als
die Mujelmänner. f. Kuturi in den Mem. de l’Institut, acad. des
inscript. et belles lettres L. V. p. 13. Die Eroberung von Djefira
(Mejopotamien) jest Tab. in das 3. 17,
6*r
84 Zweites Hauptftüd,
Die Sicherheit der neu gegründeten Stadt Baßra ſowohl
als die Nothwendigfeit, Jezdedjerd allen Beiftand aus den
füdlichen Provinzen abzufchneiden, erheifchten jest dringend
die Bekriegung des perſiſchen Fürften Hormuzan, welcher fi
nad) der Schlacht von Kadefia wieder in fein Fürftenthum
Ahwas oder Chufiftan zurüdgezogen hatte. Es wurden Trup-
pen von Kufa und Baßra über den Tigris gefchict, welchen,
mit Hülfe des dafelbft anfägigen Stammes Wail, der alsbald
mir ten Arabern gemein: Sache machte, es bald gelang, Hor—
muzan aus der Hauptftadt Ahwas zu vertreiben ). Hormu—
zan verlegte feine Nefirenz nah Nam Hormuz und trat den
Mujelmännern das ganze Gebiet von Ahwas bis an den
Zigris ab ?). Als aber Dmar hörte, daß Hormuzan mit
Schehref, dem Statthalter der Provinz Fars, ein Bündniß
geihleffen und den Krieg erneuern wollte, gab er Saad, dem
1) Tab. ©. 118 gibt ald Weranlaftung zum Ausbruche des
Kriege einen Einfall Hormuzand in das von Mujelminnern bes
wohnte und an Baßra grenzende Gebiet ron Meijan. Die Stadt,
in mwelder die ron Hormuzan abgefallenen Araber wohnten, wird
Naher Tir genannt,
2) Harkuß Son Suheil, heift es bei Tab. ©. 119, ging über
den Dupdjeil (den £leinen Tigris oder den Fluß Kuran) und ſchlug
Hormuzan, der fih nah der verlorenen Schlabt nab Ram warf,
während die Muſelmänner die Stadt Ahwas (bei Tubari Suk Al:
Ahmas) bejekten, welche die bedeutendfte Studt des gunzen Landes
war umd in deren Mitte der Dudjeil fliegt. Um Hormuzan weiter
zu verfolgen, waren jetoch neue Berftirfungen nöthig. Als dieje
anlangten, machte Hormuzan Friedensvorſchläge. In feiner Gewalt
waren noch vier Stätte: Rum, Guja, Tufter und Djund. Die
Mujelmänner ließen ihn im Befige diefer Städte, machten aber
alles ſchon eroberte Land mit der Hauptitadt Ahwas zu einer mus
ſelmänniſchen Provinz. Aus dieſer Stelle gebt hervor, daß die Pro:
pin; Susiana Ahwas, die Huuptitadt aber Suf al Ahwas (der Bazar
von Ahwas), nicht Sud al Ahwas hieß, und daß Sufa fomohl als
Djondi Scabur zu jener Zeit noch Stätte waren. Auch fpricht
Tub. ©. 118 von einer feiten Brücke bei Ahwas, deren Reſte noch
Mignan im Sabre 1826 gefunden. Vergl. Ritter IX. ©. 221.
Dmar. 85
Statthalter von Kufa, Befehl, neue Truppen nad Ahwas zu
fenden. Diefe, im Verein mit andern Trupven aus Baßra,
nöthigten Hormuzan, Nam Hormuz zu verlaffen und fid) in
bie feitere Stadt Tufter (Schuſter) einzufchliegen, wohin er
auch Schehreks Truppen berief. Die Mufelmänner Tagen ein
halbes Jahr vor diefer Feftung, ohne fie einnehmen zu fünnen,
und mußten in ihrer Nähe fih faſt täglich, theils mit der
Beſatzung, theild mit andern perfiihen Truppen fchlagen, fo
daß eine neue Berjtärfung, von Abu Muſa Alaſchari anges
führt, von Baßra berbeigerufen werden mußte. Aber dems
ohngeachtet fiel diefe Feſtung nur durch Verrath eines Per:
fers, der den Belagerern einen unterivdiihen Weg zeigte, in
die Gewalt der Muſelmänner und felbft jest behauptete fich
Hormuzan noch in der Citadelle und erlangte von den Mus
felmännern ein ficheres Geleite zu Omar, der allein über fein
Schickſal entſcheiden follte ?). Hormuzan ward auf dem gans
1) Hormuzan, berihtet Tab. ©. 121, erfbien auf der Mauer
der Citadelle und ſagte zu den Arabern, vie ihn belagerten: Diefe
von dem Schah Schabur erbaute Cıtadelle iſt noch nie eingenommen
worden und wird ed aud nie werden. Sch habe tauſend Schügen
bei mir, deren Pfeile nie auf den Boden fallen und jeder Schütze
ift mit taujend Pieilen verjehen; ich werde mich fo lange vertheidi:
gen, bis ein jeder Pfeil Das Haupt eines Muſelmannes getroffen;
auch habe ih noch andere Krieger bei mir, die es mit Tauſenden
aufnehmen. Bon der Eroberung von Suja it meiter feine Rede
mehr, fondern es heißt nur im Allgemeinen, dag die ganze Provinz
Ahwas hierauf erobert mard und jede Stadt einen mujelmännifchen
Präfekten erhielt: Da Tabarı ſonſt alles Legendenartige weit aus:
führliher noch als wirklich hiſtoriſche Facta darjtelit, ſo it auffallend,
dag er nichts von dem Auffinven von Danield Gratmahl erwähnt,
mas von jpätern Autoren erzählt und auch als Beweis für die Iden—
tität dieſer Statt Sus mit tem alten Schuſchan gebraudt wird,
Sch vermuthe Daher, dag dieſe Sage erjt fpätern Urſprungs ift. Die
gänzlihe Unterwerfung von Ahwas jest Tab. in das 3.18, Abulf: da
in das 3. 17. Dſahabi die Einnahme von Tuſter erſt in das J. 20
nad einer Belagerung von 18 Monaten, oder nach Andern von 2
Sahren.
86 Zweites Hauptſtück.
zen Wege von Schufter bis Medina als Fürft behandelt und
hielt au feinen Einzug mit der Krone auf dem Haupte und
von Föniglihem Purpur umhüllt. Sein Erftaunen war groß,
als er Dmar allein an der Schwelle der Mofchee in einem
einfacyen wollenen Kleide fchlafend fand und feine Begleiter
ihm denſelben als den Beherrſcher der Gläubigen bezeichneten.
As Dmar erwagte und ihm Hormuzan vorgeftellt ward, be-
fahl er, dag man ihn zuerſt diefer äußern Pracht entblöße,
dann erlaubte er ihm zu ſprechen. Hormuzan fragte: foll ic)
die Sprade eines Todten oder eines Lebenden reden? —
Die eines Lebenden. — Du begnadigft mid) alfo? — Das
habe ich nicht damit gemeint, du bit ein Verräther, viele
Gläubigen, unter andern der fromme Bara Ibn Malik, find
durh dich umgefommen, du haft den Tod verſchuldet. — So
laß mir dod vor meinem Tode einen Trunk Waffer reihen.
— Das fei dir gewährt. — Als einer der Anmefenden einen
Krug Waffer brachte, fagte Hormuzan: du ficherft mir alfo
das Leben, bis ic) diefes Waffer getrunken? und als Omar
biefe Frage bejahte, goß er das Waffer aus, und fagte: nun
mußt du mir, als gerechter worttreuer Herrſcher, dag Leben
fchenfen, denn dieſes Waffer wird nie mehr aus der Erde
emporfteigen, daß ich es trinfe, Omar begnadigte ihn, jedoch
nur unter der Bedingung, daß er fih zum Islam bekenne,
was er auch fogleich that.
Beranlaffung zur Vereinigung des Fürſten von Fars mit
Hormuzan war außer dem Aufgebote Jezdedjerds nod ein
Einfall der Araber von Bahrein aus in diefe Provinz, Ala
Al Hadhrami, der Statthalter von Bahrein, eiferfüchtig auf
die fiegreichen Feldzüge feiner Glaubensgenoffen in Irak und
Syrien, wollte nämlih auch zur Berbreitung des Islams
mitwirfen. Ohne Dmar’s Befehl ſchiffte er fid daher auf
dem perſiſchen Meerbufen ein und fegelte mit einem Eleinen
Heere nad) Fars hinüber und drang bis Ißtachr ) vor.
1) Hier mußte ih von Tab, abweichen, welcher (S. 119) diefen
Omar. 87
Schehrek, der Fürft von Fars, fammelte aber ein Heer, dem
Ala mit feinen Fünf taufend Mann nicht die Spige bieten
fonnte. Diefer fuchte nun, da ein Sturm feine Ediffe zer:
trümmert hatte, längs der Küfte des perfiihen Meerbufeng
und dem Schat-al-Arab nad) Baßra heraufzufommen. Aber
fein Rüdzug wäre ihm, da ihn die Perfer von allen Seiten
nachſetzten, nicht gelungen, wenn nicht Omar, fobald er von
Zug folgendermeife darftellt: „Ala feste über das Meer, dag zwi:
fhen Bahrein und Fars liegt und zog gegen eine Stadt, melde
Iſtache hieß.... Der König diefer Stadt hie Muſid. Er zog mit
feinen Truppen den Mujelmännern entgegen, dieſe ſiegten aber und
Muſid felbit fiel in der Schlacht. Als Schehrek, welcher damals in
Schiras mohnte, dies vernahm, fammelte er ein zahlreites Heer.
Ala, welter die Unmöglichkeit einjah, dieſem Heere zu widerfteben,
kehrte zurück und wollte fich wieder einjchiffen, aber ein Sturm hatte
feine Schiffe gegen die Feljen geſchlagen und zertrümmert. Die
Mujelmänner geriethen in Verzweiflung bei dem Anblick ihrer zers
ftörten Fiotte und mwendeten jih gegen Ahwas, um von dort aus
nah Bafra zu gelangen. Schehrek, der davon Kunde erhielt, fandte
aber Truppen gegen Abroad, um ihnen den Weg abzuſchneiden. Als
die Mujelmänner, welche fünf taufend Mann ftarf waren, fuben,
dag ihnen ſowohl die Rückkehr über das Meer ald über Ahwas
unmöglich war, mußten fie fin nicht zu helfen. Omar ward von der
traurigen Rage Ala's benachrichtigt, er befahl daher Otba Son Ghaz—
wan, von Bafra aus über Ahwas dem bedrängten Ala entaegenzus
ziehen. Dtba brach mit 50069 Mann von Basra auf, zog Schehref
entgegen, welcher mit feiner Armee in Tas lagerte, ein Ort an der
Grenze von Ahmwas und Fars und vertrieb ihn aus dieſer Stellung.
Ala verließ danır Iſtachr und zog, vereiniat mit Otba's Truppen,
über Ahwas nad Baßra. — Iſt es alaublih, daß Schehrek die
Mujelmänner vom Meere wieder nad Iſtachr zurückkehren lieg ??
Selbſt die erite Einnahme von Sftahr (Perſepolis) möchte ih bes
zweifeln. Da Schiras damals höchſtens ein ganz imbedeutender Ort
war, ijt es auch nicht mahrjheinlich, daß Schehrek, der Kürft von
Fars, in Schiras refidirte und Muſid in dem nur eıne Tagereije
davon entfernt fiegenden Sftachr ohne Beiſtand lieg. Auch ſieht
man nicht aut ein, wie die Mujelmänner nah Iſtachr im Nordosten
son Shiras gelangten, ohne ganz nahe an Schiras vorüberzu—
fommen. "
83 Zweites Hauptflüd.
diefem tollfühnen Unternehmen unterrichtet warb, dem Diba
befohlen hätte, ihm mit einem Heere von Baßra aus entge-
genzuziehen und den Weg von Feinden zu fäubern. Hierauf
verband ſich Schehref mit Hormuzan, um gemeinſchaftlich mit
ihm die Araber aus Chufiftan zu vertreiben, aber, wie ſchon
erwähnt, ward Hormuzan in Edhufter belagert und die Trup—
pen von Fars vermocdten nichts zu feiner Nettung. Obſchon
wir eigentlich -ung jegt der Zeit nad) von den Ufern des Ti-
gris an die des Nils wenden follten, wo Amru Jon Aaß
das Reich der Pharaonen in eine mufelmänniihe Provinz
ummwandelte, ziehen wir body, der Teichtern Ueberſicht willen,
vor, den weitern Verfolg des Kampfes zwifchen den Jüngern
Mohammeds und. den Drmuzddienern bis zum Untergange
des Saffanidenreihs vorher zu erzählen.
Jezdedjerd, der nad) der Einnahme von Hulwan durch
Kafka Ibn Amru fih nah Rei), oder wie Andere berichten,
nad Ispahan zurückgezogen hatte, blieb Feineswegs unthätig
in feiner neuen Reſidenz. Fortwährend fpornte er vielmehr
die verfchiedenen, wie es feheint, ziemlich unabhängigen Statt
halter der Provinzen feines Reiches an, fi zu verbinden,
um dem weitern Bordringen der Araber einen Damm zu
jegen. Mehrere Jahre vergingen aber, ehe feine Aufforderung
Gehör fand. Erft im 20. Jahre der Hidjrah gelang es ihm,
ein Heer zufammenzubringen dem ähnlich, welches fich bei
Kadeſia den Mufelmännern entgegengeftellt hatte. Die ver-
ſchiedenen ?) Fürſten des perfiihen Neichs, welche bisher nur
1) Nah Tab. ©. 136 zog er fih von Hulwan nah Rei zurüd,
wo er bis nach der Schlucht von Nehamand blieb, dann Fam er erft
nad Sipahan, mo er fih aber nicht lange aufhielt, hierauf nach
Kerman, wo ed ihm auch nicht gefiel, endlich nach Choraſan. Wahr-
fheinfiher it ed aber, daß er vor der Schladht von Nehawand in
Zipahan war, da nad) derſelben dieſe Studt bald von den Mufel:
männern ‚eingenommen ward.
2) Ganz Perfien folate der Aufforderung Sezdedjerds zum
Kriege gegen die Muſelmänner. Choraſan, Nifabur, Ei, Farg,
Omar. . 89
auf die Erhaltung ihrer Provinz bedacht waren, mochten end—
lich nad) der Eroberung von Chufiftan und dem Einfalfe Ala’s
in Fars zur Ueberzeugung gelangt fein, dag Omar in feinen
Eroberungsplänen feine Schranfe fannte und daß fie doch
früß oder fpät auch von feinen Schaaren angegriffen würden.
Mebrere Umftände trugen noch dazu bei, die Perfer hoffen
zu laſſen, daß es ihnen jetzt leicht gelingen würde, die Araber
wieder aus ihrem Lande zu vertreiben. Hunger und Peſt
hatten im 18. und 19. Jahre einen großen Theil der muſel—
männiſchen Armee ſowohl in Syrien D) als in Irak hinweg—
gerafft, ein anderer Theil ihrer Truppen war in Egypten
beſchäftigt. Der Sieger von Kadeſia, Saad Jon Wakkaß,
deffen Name den größten Schreden in Perſien verbreitet, war
von der Statthalterfchaft von Kufa entfernt worden, weil
fhon damals die aus Arabern, Perfern, befehrten und un—
befehrten Juden und Chriften aus allen Gegenden gemifchte
Bevölkerung diefer Stadt jenen unruhigen Geift zeigte, der
fpäter für Alt und fein Geſchlecht fo unheilvoll ward 2), Die
Kuhiſtan und Adſerbidjan. Jede große Stadt ſtellte zehn oder zwan—
zig tauſend Mann, Jezdedjerd hatte aber keinen Feldherrn mehr,
Nur Feiruzan, mit dem Beinamen Dſu'l Hadjib, war noch übrig
von den ültern Generäilen. Da diejer aber wegen feined hohen
Alters feinen Feldzug mehr mitmachen konnte, befahl Jezdedjerd
den Truppen, ſich in Nehamend, wo er wohnte, zu verfammeln. Es
kamen 150000 Mann zuſammen. Tab. ©. 125.
1) Sn Syrien ftarben nad Dfahabi ©. 130 im 3. 18 der
Hitjrah von 30000 Mann 24000, Darunter auch Abu libeida, der
Eroberer dieſes Landes. Wach Abulfera ©. 244 farben 25000.
Nehnliches Unglück, jest Lesterer hinzu, traf die Bevölkerung von
Bafra.
2) Gegen Saad Ibn Wakkas klagten fie, er fei gemaltthätig
und ungerecht, doch nur ein paar Leute traten ofen gegen ihn auf,
ald Omar den Mohammed Ibn Maslama nah Kufa fandte, um
Saad's Verwaltung zu unterjuhen, Zijad Son Hanzala wollten fie
nicht, weil er nichts vom Kriegsweſen verftand, Ammar Son Zaflr
folgte ihm. Als fie auch diefen verwarfen, weil er.nicht zu den
90 Zweites Hauptftüd.
Umftände waren in der That für die Perfer fehr günftig,
darum verbreitete auch die Nachricht von ihrer neuen Schilds
erhebung in Medina denſelben Schreien, wie ſechs Jahre
früher vor der Schlacht von Kadefia, troß der inzwiſchen er
rungenen Macht und Ausdehnung. Wie damals äußerte auch)
diesmal Dmar ) den Entfhluß, fi felbft an die Spike ei-
Muhadjir und Anfar gehörte, fagte Dmar: ich weiß nicht, wie .ich
ed den Kufanern recht machen foll u. f. w. Tab. ©. 131.
1) Als Omar den Brief des Abd Allah Ibn Ghatafan, Statt:
halterd von Kufa, erbielt, heißt es bei Tab. S. 125, verfammelte er
die Mufelmänner in der Mojchee und las ihnen den Brief vor, dann
ſagte er: ich hoffe, dies wird die legte Bereinigung der Perjer fein,
jaget ihr fie diesmal aus einander, ſo bleiben fie für immer zerftreut,
werden fie aber jegt nicht zerftreut, fo werden fie ed nie mehr, dar:
um beabfichtige ih, felbft den Feldzug mitzumahen, was jaget ihr
dazu? Nachdem ihm mande zu: und mance abgerathen, jagte
Dthman: Gott wird, nachdem er die Mufelmänner fo fehr durch
dich verberrlicht, fie nunmehr nicht zu Schanden machen. Laſſe deine
Truppen aus Syrien, Zemen und Bafra zujammentreten, ziehe du
ſelbſt an der Spige der Medinenfer nad) Kufa, wo ebenfalld Truppen
zufammengejogen werden fünnen, dann bleibe du entweder in Hul—
wan oder in Madain oder in Kufa, um nöthigenfalld Veritärfungen
nachzuſchicken und laſſe das Heer unter einem andern Feldherrn dem
Feinde entzegenziehen; fiegt es, ſo erhältit du alsbald Nachricht da—
von, wird es in die Flucht gefchlagen, fo kann es fich wieder an
deiner Seite fummeln und dur deine Gegenwart von Neuem fo
erftarfen, das ihm der mächtigfte Feind gering erſcheint. Alt miß—
billigte aber diefen Ruth; ziehft du die Truppen aus Syrien zurüd,
fagte er, fo gibſt du es einem feindlichen Einfalle preis, entfernft
du dich. mit der arabijhen Armee aus Medina, jo fegeft du Die
Hauptftadt einer Pünderung und Verwüftung von Geiten der Be:
duinen aus, darum iſt es rathjam, fowohl die Armee in Semen, als
die in Syrien an ihrem Plage zu laſſen und den Gtatthaltern von
Kufa und Bafra zu jchreiben, daß fie zwei Dritttheile ihrer Truppen
zum Feldzuge gegen die Perſer hergeben. Du felbft darfit aber nicht
zur Armee, denn dies würde die Perjer nur zu größern Anitrenguns
gen anjpornen, wenn fie hoffen könnten, unjere ganze Macht, mit
dem Chalifen an der Spitze, auf einmal zu vernichten. Omar wollte
dann noch Abbas’ Anſicht vernehmen und da diefer mit Ali überein-
ſtimmte, entſchloß er fih, in Medina zu bleiben,
Omar. i 91
ner Armee zu ftellen, um den letzten Saffaniden zu vertilgen
und viele Gefährten des Propheten beftärften ihn in dieſem
Borbaben, in der Ueberzeugung, daß dann die Zahl ber
Kämpfer viel größer fein würde. Als aber fünf taufend Dann
aus Medina und der Umgegend beifammen waren, 309 er
doch wieder vor, der Stimme derjenigen zu folgen, die ihm
rietben, in Medina zu bleiben, obgleich ſelbſt Othman eg für
zweckmäßig fand, daß er die Armee bis Hulwan oder wenig-
ftens bis Kufa anführe, um nad) einem erften unglücklichen
Gefechte gleich ſelbſt mit der Nachhut weitere Niederlagen zu
verhüten. Atd Allah Ibn Mufein, welcher in Ahwas fand,
erhielt den Dberbefehl über fünf und zwanzig taufend Mann,
welche nicht ohne Mühe aus den verfchiedenen Städten Iraks
zuſammengebracht wurden und mit diefen vereinigten ſich bie
fünf taufend Medinenfer, welche an Omar's Etelle fein Sohn
Abd Allah anführte.
Abd Allah Ibn Mukrin war nicht wenig erftaunt, ale
er in das Herz von Perften über Hulwan hinaus drang,
ohne einem Feinde zu begegnen. Die Perfer hutten fich
nämlidy in Nehawend, einem Städtchen ſüdlich von Hama—
dan, in der Provinz Diebel (Gebirgs- oder Hochland) an
dem Südweftabhange des Wendgebirgs, verfammelt, weil dort
der alte Krieger Feiruzan wohnte, zu dem fie troß feinem
hohen Alter doch am meiften Vertrauen hatten. Diefem
Städtchen gegenüber hatten die Derfer, wahrſcheinlich öſtlich
von dem in der Nähe entfpringenden Kerhafluffe, in der
Stadt Chesf !) eine fefte Stellung eingenommen, in welder
1) Da die Lage von Nehawend noch immer nicht genau ermit:
telt ift (Bergl. Ritter IX. ©. 95), jo will ic hier die Worte Taba-
ri's anführen, aus denen fih die im Terte angenommene Stellung
der beiden Heere ergibt: „Von Hulman zog Nu'man nad Merdj,
von Werd) nah Tur. Die Armee der Perſer war aber immer noch
in Nehawend. Als dieje von dem Heranrüden der Muſelmänner
Kunde erhielt, beſchloß ſie, Nehawend zum Kuampfplage zu wählen.
Die ganze Armee, 150,060 Mann ftark, bejeste die Stadt Cheöf.
92 Zweites Hauptftüd.
Numan fie nicht anzugreifen wagte. Nachdem er zwei Mo-
nate dem Feinde gegenüber gelagert war, gab er daher plötz—
ih den Befehl zum Rückzuge und lieg Alles, was nicht zu
*
+
Als Numan jah, dag die Verfer ihm nicht entgegen ziehen, brady er
von Tur, welches 25 Pharaſangen von Nehamend war, mit feinen
30,000 Mann gegen Nehamend auf und lagerte vor der Stadt zwei
Monate lang. Die Perſer famen nicht zu ihm herüber und er ging
nicht zu den Verfern hinüber. Dies verftimmte die Mujelmänner
ſehr, auch Omar ward jehr betrübt, als er von ihrer Lage benach—
richtigt ward .. . . (hier folat die Klage der Kufenjer gegen Suad).
Nahdem Nu'man lange Zeit vor dem Thore von Mehamend ge:
lagert war, fandte ihm Feirus einen Boten, um ihn einzuladen, ihm
einen Gejandten zur Unterhandlung zu ſchicken. Nu'man ſandte
Mughira Ibn Schu’da, „welher in die Stadt Chesk eingelajfen
wurde.” Feirus fagte num dem muſelmänniſchen Gejandten unter
Anderm: „Sn meinem Heere find fo viele Pfeilſchützen, daß fie auf
meinen Befehl in einer Stunde eure ganze Macht aufreiben mwür:
den, ich will aber nicht, daß euer Blut in meiner Stadt ver:
goffen werde.“ Als die Mufelmänner fih zurückzogen, heißt es
ferner, „braben die Perjer von Chesk auf“ und verfolgten fie.
Bor der Stlaht fagte Feiruzan zu den Truppen „wer entflieht, der
flüchte fih nah Chesk, aber nicht weiter.” Ferner: „Ald die Per:
fer den Rüden Behrten und fih nah Chesk flüchteten, folgten ihnen
die Mufelmänner auf dem Fuße nach und ein jeder von ihnen töd—
tete fünf bis zehn Feinde. Feiruzan entfam jedoh und ergriff den
Weg, der nah Hamadan führt u. f. m.“ Auf der folgenden Seite
heißt e3 dann noch: „Als die Muſelmänner den Flüchtlingen in den
Bezirf Hamadan nachſetzten, fchloß der Präfeft von Dinamer Frie-
den mit ihnen „fo ward Hamadan durch Vertrag und Nehbamend
durch das Schwerdt unterworfen, Legtere Stadt ward dann Mal:
Albaßrah und Dinamer, welche in ihrer Nihe lag, Mah-Kufa ges
nannt u. ſ. w.“ (Mah heißt nimlih nad) dem Kamuß in der Veh:
lewi-Sprache fo viel ald Stadt), Aus der Vergleihung diejer
Stellen aeht offenbar hervor, daß Chesk und Mehamend eine und
diefelbe Stadt find, Chesf aber den ditlih vom Kerah gelegenen
befeitisten und Nehawend den weitliben Theil bezeichnete, den, mie
aus der Unterredung Feiruzans mit dem Gejandten erhellt, die Mu—
felmänner ſchon vor der Schlacht bejegt hatten, nur war ihr Haupt:
lager natürlich außerhalb der Stadt.
Omar. 93
“einer Schlacht dienlich ift, im. Lager zurüd, um Feiruzan
glauben zu Laffen, er fliche vor ihm und ibn fo aus feiner
Feftung berauszuloden. Diefe Lit gelang. Feiruzan ließ
den vermeinten Flüchtlingen nachlesen. Diefe waren aber
bereit, dem Feinde die Stirne zu bieten. Feiruzan mußte
nun eine Schlacht wagen, welde am folgenden Tage zu Gun—
ſten der Mufelmänner entfchieden ward. Zwar blieb Numan
im: Gefechte, er hatte aber vorher ſchon Hudſeiſa zum Nach⸗
folger ernannt, welcher ſogleich die Fahne ergriff und die
ſchon im Weichen begriffenen Perſer gänzlich aufs Haupt
ſchlug. Feiruzan, welcher gegen Hamadan floh, fiel auch in
die Hände der Muſelmänner, weil eine Karawane mit Honig
den Engpaß verſperrte, der dahin führt, und er genöthigt
war, abzuſteigen, um den Berg zu erklettern; daher das
Sprüchwort: „Auch Honig gehört zu den Schaaren Allah's.“
Nach der Eroberung von Nehawend, ſchloß der Statt—
halter von Dinawer, damals die bevölkertſte Stadt im Be—
zirke Hamadan, Frieden mit den Muſelmännern. Dieſe Stadt
und ihr Gebiet erhielt dann den Namen Mah Kufa (Kufa-⸗
ſtadt), weil die kufaniſchen Truppen dahin verlegt wurden,
welche Nehawend nicht alle faffen fonnte. Letztere Stadt
ward aber Mah Baßra genannt, weil die Truppen von Baßra
dort einquartirt wurden. |
Omar, der bisher feinen Statthalpaltern in Hulwan und
Ahwas ftets anempfohlen hatte, die Grenzen ihres Gebiete
nicht zu überfchreiten und fid) gerne mit dem Beſitze des ara—
biihen Iraks begnügt hätte, war durch diefen neuen Verſuch
der Perjer, die verlorenen Provinzen wieder zu erobern, zur
Neberzeugung gelangt, daß, jo lange er nicht das eigentliche
Perfien unterjocht, er immer neuen Angriffen von diefer Seite
her würde ausgefeßt bleiben. Er beſchloß daher, den Schreden,
welchen. die Niederlage bei Nehawend in Perfien verbreitet,
zu meitern Croberungen zu benügen. Auf feine Frage an
den befehrten Fürften Hormuzan, der in feiner Nähe zu Me:
dina lebte, nach welchem Theile des perfiihen Reichs er den
a
94 Zweites Hauptftüd,
Kern feiner Truppen ſchicken follte, antwortete ihm jener:
nad Jspahan, weldes gleihfam das Haupt des perſiſchen
Reichs bildet, während Fars und Kerman nur als deifen
Hände, Net und Adferbidjan als deifen Füße angefehen wer—
den fünnen. Schneideft du die Hände oder die Füße ab, fo
bleibt der Kopf unbefchädigt und wendet fih ben noch übrigen
Theilen zu, wird aber das Haupt abgefchnitten, fo löſt fich
Alles auf ). Dmar folgte diefem Rathe und fandte Fleinere
Truppenabtheilungen gegen Norden. Nueim Ibn Mufrin
mußte gegen Hamadan aufbrechen, welches den mit Hubfeifa
gefhloffenen Frieden gebogen, andere follten theilg über Hul-
wan, tbeils über Moßul gegen Adferbidjan, die Hauptarmee
aber, unter dem Dberbefehle des Abd Allah Ibn Attab, gegen
Ispahan aufbrechen 2). Dieſer drang nach einem Treffen
bei Ruſtak Eſſcheich 2) bis vor die Thore von Ispahan, wo
ein perjiicher Fürft mit Namen Kadisfan lag, der ſich mit
einem großen Heere ihm entgegenftellte und ihn felbft her—
ausforderte. Nach Tangem unentfchiedenem Zweikampfe ver:
"einigten fie fi dahin, daß die Stadt Ispahan den Mufel-
männern überliefert, Kadisfan mit feinen Truppen aber freier
Abzug geftattet werden follte,
Nah der Eroberung von Ispahan, im Jahre 22 der
Hidjrah, wendete fih Abd Allah, vereint mit Abu Mufa Al-
aſchari, der drei Tage nad) dem Friedensichluffe von Ispa—
1) So bei Tab. ©. 129, bei Djahabi ©. 156 heist es: Ispahan
ift das Haupt, Fars und Adferbidjan find die beiden Flügel.
2) Tab. ©. 130. .
3) Von Nehawend nad Sepahan, fagt Tab. a. a. 9. find fieben
Tagereifen. Kadiskan, welcher jelbit viele Truppen hatte, zu denen
ſich noch viele Flüchtlinge von Nehawend gefellten, ernannte einen
Feldherrn mit Namen Schehr Ifar, welber den Muſelmännern bis
Ruſtak Aſſcheich, ein noch zum Gebiete von Ispahan gehörendes
Dorf, entgegenzog. Nach einem blutigen Kampfe ward er von Abd
Allah’3 eigner Hand erichlagen, worauf Isfendiar, der Herr diejes
Bezirks, mıt Abd Allah Frieden fchloß.
Omar. 95
han mit neuen Truppen zu ihm ſtieß, gegen die ſüdöſtlichen
Provinzen des perſiſchen Reichs. Zuerſt ward Kerman T) er:
obert, dann ein Theil der an Hinduſtan und Candahar gren—
zenden Provinzen Sedjeitan ?) und Mefran, obſchon letzterer
Provinz aud Truppen von Sind zu Hülfe kamen. Abd.
Allah wollte noch weiter nad) Oſten gegen den Indus drin-
gen, Omar fette aber feinen Zügen eine Grenze, denn als
er den Boten, der ihm die Siegesnadhricht brachte, nach der
Beichaffenbeit der Provinz Mefran fragte, erhielt er zur Ant—
wort: „Es ift ein Land, deifen Ebenen gebirgig und deffen
Bewohner Friegerifch find; es ift arm an Quellen und Früch—
ten, jo daß eine Fleine Armee vom Feinde und eine große
von Hunger und Durſt aufgerieben würde, und hinter dieſer
Provinz iſt es noch ſchlimmer 2).“ Bor dem Feldzuge nad
dieſen entlegenen Ländern #) ward die an Chuſiſtan und dem
perſiſchen Meerbuſen grenzende Provinz Fars von verſchiede—
nen Feldherrn angegriffen, deren jedem, wie früher in Syrien,
die Statthalterſchaft des zu unterjochenden Bezirks angewieſen
1) Zn dieſem Gebirgslande, ſagt Tab. (S. 141) hatten die Mu:
felmänner ein Volk zu bekämpfen, das die Perfer Kufedj nennen,
die Nraber aber in Kufeß verwantelt haben.” Auch Ritter (VII, 722
‚nennt nah Ibn Haufal das Gebirge im füdlihen Kerman, das ſich
dann weſtwärts nah Farftıtan zieht, Kefesberg. Auf die Verſchie—
denheit der Vokalen kommt es befanntlich bei orientaliihen Gigen-
namen nicht an.) Eine der Hauptitidte Kermans wird bei Tabari
Djireft genannt, ferner-Zisfun an der Grenze von Kuhiſtan.
2) Die Hauptftadt von Sedjeftan, die Abd Allah Son Amru
einnabm, wird Sirenf genannt. Der Fürft von Sedjeftan übergab
diefe Feſtung und fchloß Frieden mit ihm, nachdem er fah, daß die
Mufelmänner ſich des ganzen Landes bemeiftert hatten. Tab. a. a. D.
8) Tab. ©. 142 nennt die zwei Städte, welche die Mufelmäns:
ner eroberten, Tis und Hoſch. Der König von Sind, welder im
Gefechte fiel, heift Rutbil (Zenbil), was aber fo viel ald Kisra bei
den Perſern und Kaiſer bei den Griechen bedeutet und kein Eigen—
name iſt.
4) Mekran ward nach Tab. im 28ten J. der 9. erobert, Fars
aber. im 22ten begonnen und im 23ten vollendet.
96 Zweites Hauptftüd
ward. Mudjafcht' Ibn Masud, Bruder des tapfern, in der
Brückenſchlacht gefallenen Abu UÜbeiv, bemächtigte ſich ber
Stadt Tus oder Tudj ), welde an der Grenze von Chu—
fitan lag, und der Stadt Schapur 2). Othman Ibn Abu P
Ang nahm die Stadt Iſtachr, fein Bruder Hafam Scirag,
nach einer blutigen Schlacht 3), in welder er Schehref, den
Fürften von Fars, mit eigner Hand erfchlug. © ;
Sariah Jon Sanim zog gegen Saba und Darabgerd, an
der. Grenze von Kerman, belagerte aber letztere Stadt ver-
gebens drei Monate lang. Wenig fehlte fogar, fo wäre er
mit feinem ganzen Heere aufgerieben worden, denn die Be—
lagerten machten einen Ausfall in demfelben Augenblide, als
andere perfifhe Truppen aus der Gegend von Schiras zum
Entfaße berbeieilten, fo daß Sariah zu gleicher Zeit von zwei
Seiten angegriffen wurde, Nur eine raſche Wendung gegen
einen Berg, an den er feinen Rüden Ichnte, rettete ihn )
— — —
1) Tudj, ſagt Tab. ©. 139, welches die Perſer Tus nennen, lag
an der Örenje von Ahwas.
2) Bei Tab. a. a. D. Niſchabur.
3) Er ward, während er Sciras belagerte, von Schehrek ange:
griffen, welcher von Tudj her kam.
4) Suriah, fo erzählen die Mufelmänner, vernahm mitten im
Gefehte Omar's Stimme, welcher ihm zurief: „Sariah! an den Berg,
an den Berg!“ Es wird binzugejegt: Omar ſah in der Naht vor
dieſer Schlacht im Traume Sariah’s Armee, von der er jchon drei
Monate ohne Nachricht war, in Gefahr. Am folgenden Tage, es
war ein Freitag, ald er die Kanzel beitieg und die Chutba ſprach,
hob Gott gleichſam einen Schleier von feinen Augen, fo daß er
Sariah im Gefebte mit den Perjern erblickte und erfannte, daß er
nur durch eine Wendung gegen einen Berg gerettet werden Fonnte.
Gr rief dann nad einigem Schweigen, mitten in der Chutba: „O
Sariah! an den Berg! an den Berg!” dann fuhr er in der Chutba
fort. Gott der Erhabene ließ Omar's Stimme von Medina bis zu
Sariah gelangen... Als fpäter die Siegesnachricht nad Medina
kam, ftellte fi heraus, daß die Armee zur felben Stunde Omar's
Stimme vernommen, ald er von der Kanzel aus dem Sariah zurief? ?
Dmar. 97
und am folgenden Tage erneute er die Schladht, welche mit
der Einnahme von Darabgerd endete,
Gleichzeitig mit der Eroberung des Südens von Perfien
durch Abd Allah Fon Attab und andere arabijche Feldherrn,
ward der Norden und Nordoften, big gegen die füdweftliche
Küfte der kaspiſchen See auf der einen und bis gegen den
Drus auf der andern Seite, theild mit Gewalt unterjecht,
theils durch Friedensichlüffe zur Entrihtung eines Tributg
verpflichtet. Nueim Fon Mufrin wendete ſich nach der Ein-
nahme von Hamadan, welder eine Schlacht vorangegangen,
die, wie die von Nehawend, drei Tage gedauert, über Sawa
gegen Rei H, einige Stunden fürlih von der fpätern Stadt
Teheran. Diefe Stadt beherrſchte damals Sijawuſch, der
Sohn Bahram’s, ein fehr angefehener perfiiher Fürft, um
den fid alle Flüchtlinge von der Schlacht bei Hamadan vers
fammelten, zu denen fid) bei der Nachricht von dem Herans
rüden der Araber aud) viele andere perſiſche Truppen aus
den an Rei grenzenden Provinzen Chorafan und Ghilan ges
fellten. in anderer perfiiher Großer aber, Zein genannt,
welcher fhon längft mit Siawufc in Hader lebte, befriedigte
fein Rachegefühl auf Koften feines Baterlandes, Er begab
fi) nämlich heimlich in das mufelmännijche Lager, Tieß ſich
von Nueim einige taufend Mann geben und führte fie in der
Naht auf Umwegen in die Nähe der Statt. Als am fol-
genden Morgen verabredetermaßen Nueim von Südweſt ber
gegen die Stadt rüdıe und Siawuſch ihm entgegenzog, drang
Zein von der entgegengefekten Seite her mit den Mufelmän-
nern in die Stadt 2). Sobald die flüchtigen Bewohner von
1) Von Hamadan nad Rei find ſechs Tagereijen, Sawa liegt
in der Mitte diejer beiden Städte. Tub. 9.132. Nlerander brauchte
befanntlih 11 Tage, als er mir feinem Heere den flüchtigen Darius
von Hamadan (Ekbatana) bis Nerv (Rhagan) verfolgte. Keppel,
welcher im 3. 1524 ohne Gepicd reijte, legte auch dieſe Etrede in
ſechs Tagen zurück. Vergl. Ritter IX. 75.
2) Rad) Dſahabi ©, 138 im 3. 22 der 9, in demfelben Zahre
7
98 Zweites Hauptftüd.
Rei diefe Schreckensnachricht ins Lager brachten, wollten viele
Truppen der überrumpelten Stadt zu Hülfe eilen und eg
entftand eine folhe Verwirrung, daß es Nueim Leicht ward,
das ganze Heer der Perfer aufzureiben.
Nach der Einnahme von Rei und der Zerftörung der
Gitadelle, ward die Provinz Tabarijtan mit den Hauptſtädten
Boftam und Damaghan big gegen Gurgan an dem faspijchen
Meere durd Suwerd Ibn Mufrin unterjocht I), welchen Nu—
eim von Rei aus dahın fandte; einen andern Feldherrn,
Sammak Fon Harith, ließ er gegen Nordweft ziehen, wohin
ſchon früher andere Truppenabtheilungen zur Eroberung von
Adſerbidjan fi) gewendet hatten, und auch dieſe an Georgien
grenzende Provinz, nebft dem ganzen Lande bis an den Kau—
kaſus, ward fhon unter Omar, wenn auch vielleiht nicht
gerade dem Neiche der Chalifen unterworfen, Pod mit dem—
felben gegen die angrenzenden Bölfer im Norden und Weiten
eng verbünder 2). Auf gleiche Weiſe dehnte ſich die Herr—
auch vorher Hamadan und nachher Djordjan und Kumis. Kerman,
Serjeftin und Mekran aber erit im Jahre 23. Bei Abulfeda ift
merkwürdigerweiſe von der Unterwerfung der fürlihen Provinzen
Perfiend gar feine Rede, eben jo wenig bei Glmafin. Daß Chora—
fan nicht, wie Lesterer ©. 25 berichtet, vor der Schlacht von Me:
hawend erobert worden, bedarf Faum einer Erwähnung.
1) Sie verpflichtete ſich zu einem jührlihen Tribut von 500,000
Drabmen. Tab. ©. 183.
2) Gleib beim Ginfalle der Mujelmänner in die Provinz Ad:
ferbirgan, ſchloß Isfendiar, dem ein Theil derſelben unterthan war,
Frieden mit ihnen, Bahram führte allein Krieg und ward bald bes
fiest. Nach der Anfunft neuer Truppen ziehen fie gegen die Ge:
birgspäſſe des Kaukaſus. Gin König, Schehrſad genannt, fchließt
Frieden mit ihnen, doch will er. feinen Tribut bezablen, fondern
ftatt deiten die Muſelmänner gegen die Angriffe der nordifchen Völ—
fer vertbeidigen. Hierauf wurden die Gebirgepiffe von Muſelmän—
nern bejegt, ebenjo die Städte Tiflis und Kofan. Suraka,
welcher den Oberbefehl hatte, nimmt Derbend und ftirbt dujelbft.
Abd Arrabman, der ihm nacfolgt, will noch weiter gegen Norden
ziehen, Schehrſad jagt ihm; weiter gegen Norden beginnt Das Reich
Omar 99
haft des Islams gegen Nord-Oſt über Chorafan und Bald)
bis gegen die Ufer des Diihun oder Oxus aus. Diefe Pro—
vinzen mußten um fo nachdrüdlicher befriegt werden, als fie
nad der Schlaht von Nehawend Zufluhtsort Jezdedjerds
geworden, dem Omar feine Ruhe gönnen durfte. Ahnaf Ibn
Keis z0g daher von Jspahan aus durd die Provinz Kuhiſtan
über Herat und Tus nah Meru. Aber Fezdedjerd hatte fich,
ehe Ahnaf dahin gelangte, nad Merwerud I) geflüchtet und
die Hülfe der Türken nachgeſucht. Ahnaf wartete in Meru
neue Berftärfungen ab und als diefe anlangten, brach er ge=
gen Merwerud auf, worauf Fezdedjerd nad Bald floh und
als auch diefe Stadt von den Mufelmännern 2) befegt ward,
der Ruffen und Alanen, jene Gegend heist Balandjar, dann kommt
die Mauer von Sadjudj und Madjudj. Abd Arrahman macht einen
Streifzug bis Balandjur und befehrte viele Völkerſchaften, welche
die Mujelmäinner für unjterbliche Engel hielten, bis einmal einer
von einem Pfeile getroffen ward und ftarb. Dies iſt das Weſent—
lichſte aus Tabari's Darftelung dieres Feldzugs, worauf dann noch
fabelhafte Sagen von der Mauer von Satjudj und Madjudj folgen.
1) Mermwerud oder Mecurud, auh Merutſchak genannt, liegt
ohngefähr vier Tagereiien füdlih von Meru, mit dem Beinamen
Schah-Djihan. Ehe Ahnaf von Tus, in der Nähe des fpätern
Meſchhed, aufbrah, lieg er auch Nijabur und Sarachs befegen
welche gar feine Truppen zur Vertheidigung hatten.
2) Ahnaf lieg Rabia Son Amir mit den Truppen von Kufa in
Bald, er felbit mit der Hauptarmee blieb aber in Merwerud, weil
er fo in der Mitte der Huuptitädte Herat und Meru, und in der
Mühe von Chorafan war. Co bei Tab. S. 138, woraus erhellt, daß
er niht wie Edriſi die nördlichere Stadt Merurud nennt, wus ich
ſelbſt anfangs vermuthete, weil es mir natürlicher jchien, daß Jez—
dedjerd von Süden nah Norden fich aeflüchtet hate. Da indeſſen
,‚ die Nraber nicht direkt von Herat, fondern vom Weften ber über
Tus famen, in der Hoffnung, ihn in Meru zu erreichen, jo ıft fein
Rückzug nah Merwerud und von hier nah Balch gar nicht auffallend.
Da in den bisher befannten Quellen von Ahnafs Zug fich Tehr
menig findet und au die von Slune aus dem Chamid mitzetheilten
Potizen (Ibn Challitan I, 50) fehr ungenügend find, will ich das
darauf Bezügliche, wörtlich aus Tabari überfegt, hier anführen:
7*
100 Zweites Hauptftüd.
309 er fih hinter den Drus zurüd. Die Mufelmänner wurz
den jedod bald wieder von den Türken aus Bald vertrieben
„Als Sezdetjerd nah Meru Fam, fandte ihm Omar Ahnaf Ibn Keis
mit 10,000 Mann aus Kufa und Baßra nad, mit dem. Nuftrage,
ihn zu verfolgen, bid er von der Oberfläche der Erde verſchwindet,
denn Dinar war jebr auf jener Hut. genen ihn, Abnaf brach nah
Choraſan auf, zuerit Fam er nab Sspahan, dann auf dem Wege
von Tus nad Kuhiſtan nabe an Kain vorüber und von hier aus
nach CThoraſan. Er ging zuerjt nach Herat und nahm diefe Stadt
mit dem Schwerdte. Da Jezdedjerd damald in Meru war, 504 Abs
naf dahin und lieg Sahar Alabd als jeinen Stellvertreter in Herat
zurück. Sn Niſabur war Niemand (Fine Berakung), es bedurfte
aljo feines Kampfes; er jandte Mutrif Sen Abd Allab mit Neitern
dahin und Harıty Son Haſan nah Sarachs, das ebenfalld ohne
Krieg genommen ward. Als Ahnaf nah Meru kam, floh Sezderjerd
nah Merwerud umd ſchickte Geſandte an den Chafan der Türken,
an den Koͤnig von Soyd und den König von China und ließ fie
um Berftand anjlehen. Ahnaf blieb in Meru, bis ibm Omar vier
Feldheren (mit neuen Truppen) ſchickte. .. Dann ließ er Harith
Ibn Nu'man ald feinen Stellvertreter in Meru zurück und brad)
genen Merwerud auf. Jezdedjerd floh nach Bald, Ahnaf aber blieb
in Mermwerud, welches in der Mitte von Chorajfan lag und nahe von
Herat, Meru und Niſabur war, und jandte die fufaniiche Armee
nad Bald, welches ſich nah Furzem Widerjtande ergab und fon
erobert war, als Ahnaf anlangte. Jezdedjerd zog fih über den Oxus
zurück. Ahnaf jundte Truppen nah Tochariſtan, das auch erobert
wurd, dann ließ er Rabia Jen Amir mit den Kufanern in Bald
und fehrte ſelbſt wieder nad Merwerud zurück. Er meldete hierauf
Omar die Eroberung von Chorafan und Jezdedjerd's Flucht an die
Grenze des Türfenlandes. Omar ſagte: was uf zu thun? es wire
beſſer gemwejen, wenn zwiſchen uns und.Crorafan ein Wald oder ein
Meer lige, Daß niemand hätte dahin ziehen Fonnen. Als Ali fragte,
warum er der Eroberung von Choraſan ſo abgeneiat, antwortete er:
weil die Bewohner Chorajan’s ſchon dreimal den Vertran gebrochen
und ſchon viel mujelmänniiches Blut in dieſem ande gefloſſen; ich
will nibt, daß noch mehr Muſelmänner dort umfommen. Er ſchrieb
dann an Ahna’z Bleibet in Chorajan, wo ihr jeid und überſchreitet
den Dj hun (Ocus) nit, bemühet euch, eure Citten und Gewohn—
heiten zu bewahren und nehmt nicht die der Perſer am in ihrer
Kot und ihrem Luxus, Gott wird euch feinen Beiſtand entziehen,
*
Omar. 101
und ſogar in Merwerud mehrere Monate belagert. Als aber
der Chakan der Türken die Unmögßlichkeit einſah, eine von
zwanzig taufend Muſelmännern vertheidigte Statt zu nebmen
und feine Truppen, die wegen Ahnafs bäuftzer Ausfälle viel
zu leiden hatten, ſich ungern für einen fremden Fürften län—
gern Gefahren und Mühſeligkeiten ausjeßten, hob er endlich
die Belagerung auf und zog fi) wieder über den Drug zus
rüd, wohin ihm auch Fezdedjerd, den nunmehr felbft Die Seis
nigen verliehen, zu folgen genöthigt war. Letzterer foll ins
deffen einige Jahre fpäter, unter O.hmans Chalifat, als
Chorafan fih empörte, nod einmal gegen den Islam in die
Schranken getreten und erft nad) der nochmaligen Unterwer—
fobald ihr eure alten Eitten verändert. Jezdedjerd hatte fich inzwi—
fhen zu dem König von Sogd begeben, der viele Truppen verſam—
melte und auch das Heer von Ferahanı herbeirief und mit Jez—
dedjerd über den Djihun 303. Als fie nach Bald kamen, zog ſich
Rabia Ibn Amir nad Merwerud zurück. Jezdedjerd zog dann gegen
Ahnaf mit 50,000 Mann Tıuppen von dem Chakan der Türken,
aus Balch und aus Tatariſtan. Ahnaf ſchloß fih im Merwerud ein
mit 20,000 Mann und der Shafan, welber in Deir Abnaf in der
Nähe ver Statt Merwerud lagerte, hatte zwei Monate lanı, jeden
Morgen und jeden Abend, genen die Muſelmänner zu fechten. Eines
Abends bemerkte Ahnaf einen türkiſchen Oberſten in der Nähe des
Chafan, er trat daher in der Nacht zu ibm heraus und tödtete ihn;
als feine beiden andern Brüder, von denen Ahnaf micht3 mußte, Dies
faben, Famen fie herbei und kämpften einer nach dem Andern mit
Ahnaf, der fie beide auch erſchlug. Sobald der Chakan am foigens
den Morgen di’ drei erichlasenen Brüder ſah, faate er den Türken:
das iſt ein unalücjeliser Krieg u. ſ. w.“ Nach der von Slane ans
geführten Stelle aus dem Chamis, wäre Ahnaf unter Dihman'z
Chalifat von Abd Allah Zbn Amir mit 400D Manı nah Tochariſtan
geſchickt worden. Mad der Unterwerfung diejer Provinz ſoll er mit
400,000 (?) Mann ohne Erfolg Balch belugert und nah Chuwaresm
zu dringen geſucht haben, ſpäter dann, als Abd Allab Sen Amir
nad Meffa pilgerte, als Statthalter von Choraſan zurückgeblieben
fein. Ahnaf ftarb nah den meiſten Berichten in Kufa im J. 67
dv, 9. (A. D. 686 — 87,)
102 Zweites Hauptſtück.
fung diefer Provinz, auf feiner Flucht, von einem vaubfüch-
tigen Müller getödtet worden fein ). Ueberhaupt werden
wir in der Folge fehen, daß die Perfer fich nicht fo Leicht
wie die chriftlihen Bevölferungen Syriens und Egyptens un:
ter das Joch der Mufelmänner beugten, was zum Theil jchon
wegen ber größeren Entfernung vom Site des arabiſchen
Reiches Yeichter ward, dann aber auch aus der Unverträglich-
feit des Islams mit dem Feuerdienſte folgte. Zwar war bei
diefen eriten Zügen gegen Perfien der Islam noch eben fo
tolerant gegen die Drmuzddiener ald gegen die Chriften. Es
wird nirgends erwähnt und es ift auch gar nicht wahrfchein-
ih, dag alle Städte und Provinzen des perfiihen Reiche,
welche mit den Mufelmännern Frieden fchloffen, auch zugleich
dem neuen Glauben huldigten; hätten fie dies gethan, fo wä-
ren fie ja gleich Brüder geworden und fie hätten aufgehört
tributpflichtig zu fein. Wir finden fogar bei Seldzügen, welche
mehr als ein halbes Jahrhundert fpäter ftatt fanden, noch
immer Erwähnung von neuen Befehrungen und Zerftörung
von Gögenbildern, in Gegenden, die jeit ſchon unterworfen
waren. War aber aud die Religion der Perfer zu diefer
Zeit noch geduldet, fo konnte doch ein friedliches Nebenein-
anderbeftehen des Dualismus und der Einheitslehre nicht von
Dauer fein und darum folgte eine Empörung auf die andere,
befonderg in den nördlichern Theilen des perſiſchen Reiche,
bis fie endlih von der immer wachſenden Macht der Mo-
1) Die Traditionen über Sezdedjerd’s trauriged Ende weichen
fehr von einander ab. Nah Ginigen ward er, noch ehe Ahnaf nad
Meru kam, von Mahu, dem Fürften von Choraſan, verrathen, wels
her den türkiſchen Truppen, die ihm beiftehen jollten, den Befehl
gab, feinen Pallaft zu erftürmen, jo dag ihm kaum noch Zeit blieb,
fih mittelft eines Strides durch das Fenfter zu retten, worauf er
dann des Nachts von einem Müller ermordet ward. Nach Andern
ermordeten ihn feine eignen Trabanten, um vermittelit feines Kopfes
Ahnafs Gnade zu erhalten. Vergl. Not. et extr. de la bibl. du roi,
T. II. p. 360,
Omar. 103
hammedaner ganz erdrückt wurden. Mit dem Chriſtenthume
hingegen konnte der Islam und beſonders jenes mit dieſem
ſich ſehr gut befreunden. Die ganze Geſchichte von Adam
bis Chriſtus, die Grundlage beider Religionen, war dieſelbe;
Chriſtus ſelbſt in den Augen der Mohammedaner ein großer
Prophet, von einer unbefleckten Jungfrau geboren und von
Gott in den Himmel erhoben ). Die Chriſten waren an
1) Sch habe im Leben Mohammeds S. 199 — 196 die bedeu—
tendften Koransverje über die Chriftolonie des Korand zuſammen—
geitellt und bemerfe nur zur Anmerk. 293, daß ich, feitdem jene
Zeilen niedergeichrieben worden, immer mehr die Verſe, melde von
Mohammeds Sterblichkeit handeln, ald eine Erdihtung Abu Bekr's
anjebe und darum auch eber alaube, daß Mohammed wirklih vie
Himmelfahrt Jeſu ausgeſprochen. Bei Tab. Bd. IL. ©. 17 lieſt
man hierüber: Als Herodes den Befehl zur Kreuzigung Jeſu geges
ben, verbarg fih eſus in einem Haue, wo ihm die Juden nicht
finden fonnten. Eines Nachts jaate Zeus zu den zwölf Jüngern,
die bei ihm waren: dieſe Nacht müßt ihr betend und Gott preijend
durhmahen. Die Jünger verjegten aber: der Schlaf nird uns
überwältigen. Da fagte Jeſus: Zur werdet mih dem Feinde übers
liefern, mande werden mich verliugnen und für einen geringen
Preis verkaufen. Die Jünger wurden jehr beftürzt über dieje Worte,
Am folgenden Morgen als Schumun, jo bieg einer der Jünger,
ausging, griffen ihn die Juden, welche Jeſus fuchten und mußten,
daß er einer feiner Freunde, auf und drohten ihm mit dem Tode,
wenn er ihnen nicht Jeſu's Verſteck zeige. Schamun fragte: mas
gebt ihr mir, wenn ich euch den Weg zu ihm zeige? Da gaben fie
ihm 30 Silberſtücke und er führte fie zu Chriftus, worauf algbald
einige Zünger Chriftus den Rüden fehrten. Jeſus ward gebunden
und verböhnt, weil er behauptet, er könne Todte beleben, und nad
dem Galgen geführt, der ſchon für ihn errichtet war. Aber plötzlich
verſchwand Iſchu' (Zoiua), ein Häuptling der Juden, aus ihrer
Mitte und niemand wußte, wo er hingefommen war, jo daß fie
fagten: das ift noch ein Blendwerk Jeſus', mit dem es jest bald
aus fein wird. Aber Gott hatte diejem Sudenhäuptlinge Jeſus' Ge:
ftalt und Ausjehen gegeben, fo daß man ihn für Jeſus hielt und
ihn freuziate, obaleib er fortwährend rief, er fei ier Häuptling
Iſchu'. Jeſus hob aber Gott in den Himmel und da Iſchu' nicht
mehr zum Vorſchein kam, fo behaupteten manche, er fei der Gefreu:
104 Zweites Hauptftüd,
Meinungsverfhiedenheit über die wichtigften Dogmen ihres
Glaubens gewöhnt und nicht felten wurden dem Bolfe von
der gerade in Konftantinopel herrſchenden Geiftlichfeit Lehren
aufgedrungen, die ihm eben fo fremd waren als die des Is—
lams. In veligiöfer Beziehung Fonnten fie alfo durch ihre
Unterwerfung nur an freiheit gewinnen, weil die Mufelmän-
ner ſich in ihre geiftlichen Angelegenheiten gar nicht einmifch-
ten und, von der politifchen Seite betrachtet, war in jener
Zeit, wo die worttreuen Chalifen ſich mit einem fehr mäßigen
Tribut begnügten, ihre Herrfchaft weit milder, als die der
Kaifer von Byzanz, welde ihre fernen Länder im eigentlich-
ften Sinne des Wortes ausfaugten, Diefer Umftand allein
— — —
zigte, während doch Andere darauf beharrten, Jeſus ſei der Gekreu—
zigte. So heißt es auch im Koran: fie haben ihn nicht getödtet u. ſ. w.
Iſchu' blieb fieben Tage und fieben Nächte hängen und Mariam ſaß
denn Galgen gegenüber und mweinte mit einer andern Frau, melde
Chriſtus vom Tode erwedt. In der ahten Naht flieg Zeius vom
Himmel herab und jest ſah erjt Maria zu ihrer großen Freude, daß
ihr Sohn nicht gehängt worden. Sejus lieg dann Johannes und
die fieben treu gebliebenen Zünger rufen und ernannte erftern zu
feinem Stellvertreter und jandte Legtere jeden nad) einem andern
Sande, um den neuen Glauben zu predigen..... Bor Tagesan:
bruh nahm dann Jeſus von feiner Mutter Abfchied und betete zu
Gott, er möchte ihn wieder in den Himmel heben, was auch gejchah.
Dieje Nacht halten die Chriſten fehr hoch, es ift ihre Beiramsnacht,
in der fie in ihren Häufern allerlei Räucherwerk verbrennen und
in ihren Kirhen viele Wachslichter anzünden .. .. Später ward
das Kreuz, an welchem Chriftus fterben follte, nad Nom gebracht
und die Chriſten wendeten beim Gebete ihr Gefiht aegen Diefes
Kreuz und halten überhaupt die Kreuzesform für heilig, weil fie
glauben, Zejus fei vom Kreuze aus gen Himmel geitiegen; das ift
aber ein Irrthum, die Juden haben an Zeju Stelle ihren Häuptling
Zıchu? gefreuziat und Jeſus iſt nicht vom Kreuze, fondern von der
Erde weg in den Himmel gehoben worden u. f. w.“ Wahricheinfich
ift es erft jpäatern Theologen eingefallen, zu Ehren Mohammeds
Christus weninftens ein Paar Stunden vor der Himmelfahrt fterben
zu laſſen. Vergl. meine „Bibliihe Legenden der Mufelmänner “
(Frankf. .1845) S. 296 u, ff.
Dmar. 105
erflärt die ans Mährchenhafte grenzende Leichtigkeit, mit der
Egypten von den Mufelmännern erobert ward.
In Egypten waren nämlich die Kopten, die Nachkommen
der alten Bewohner des Nilthales, Monophyſiten; fie bilteten
bei weitem die Mehrzahl der Bevölferung, befonderg in Ober:
und Mittelegypten, fammt der Hauprftadt Memphis. Die fie
beherrfchenden Griechen hingegen buldigten der Lehre von
einer doppelten Natur und Wirfungsweife Chrifti und wurden,
weil fih der Hof zu diefem Dogma bekannte, Melfiten (Noya-
liſten) genannt, Zwar hatte Heraflius bald nad) feiner Rück—
fehr aus dem perfifchen Kriege dur die Einführung einer
Formel, welche beide Parteien zu ihren Gunften deuten fonns
ten, viele Monophyſiten wieder in den Schooß der herrfchens
den Kirche zurüdzuführen gefuht. Auch hatte er, als durch
den Patriarchen von Ferufalem, den früher als Sophiften be-
fannten Sophronius, die alten GStreitigfeiten wieder aufs
Neue ausbrachen, im Jahre 638 durdy das unter dem Namen
Ektheſis befannte Evdift fie von Neuem wieder beizulegen fich
bemüht. Aber gerade in Nordafrifa ward der Vergleich des
Kaiſers am meiften angefochten und die Lehre vom Dyotheles
tismus von der griechiſchen Geiftlicyfeit mit Heftigfeit ver:
fochten, fo daß der alte Haß zwifchen diefer und den Kopten
gerade um die Zeit des Einfalls der Araber neuen Nahrungs—
off erhielt ). Den Mohammedanern fonnte der Zuftand
dieſes Landes, bejonders feit der Eroberung von Paläftina,
nicht fremd fein. Schon Mobammed hatte den Foptifchen
Statthalter von Memphis, den die Araber Mukaukas nennen,
einladen laffen, fih zum Islam zu befehren, und wenn aud)
diefer dem neuen Glauben nicht huldigte, fo tft doc gewiß,
bag er die Gefandten freundlid aufnahm und mit koſtbaren
Gefchenfen für ihren Propheten entlich 7). Amru Fon Aaf
feldft, ein eben jo gewandter Diplomat als tapferer Feldherr,
1) Bergl. Neander's Kirchengeſchichte IM. ©. 353 u. ff.
2) Vergl. mein „Leben Mohammeds“ S, 200.
106 Zweites Hauptflüd.
foll, no vor feiner Belehrung zum Islam, Egypten befucht
haben "), fo dag ihm gewiß die innere Zerrüttung diefes Lan—
des und der Haß der Eingeborenen gegen die Fremden nicht
entgangen war. So fam es denn, daß er nach der Erobe-
rung von Paläftina und Syrien, im 18. oder 19. J. d. 9., als
diefe unglücklichen Länder von Hunger und Peft heimgeſucht wa—
ren, in Omar drang, ihm zu geftatten, einen Feldzug nad) Egyp—
ten zu unternehmen. Omar zauderte lange, weil er es troß
allen günftigen Umftänden doc für zu gewagt hielt, vier tau-
ſend Dann ?), über die Amru damals nur zu gebieten hatte,
gegen ein fo flarf bevölfertes Land zu ſchicken. Der Chalife
gab endlich nach, doch behielt er fih vor, feinem Feldherrn
weitere Verhaltungsmaßregeln zufommen zu laffen, die ihn,
1) Amrı machte einit eine Handelgreife nach Serufalem. Eines
Tages, ald er auf einem “Berge in der Nühe diejer Stadt feine und
feiner Gefährten Kameele hütete, Fam ein griechiſcher Kirchendiener
aus Alerandrien zu ihm und bat ihn um einen Trunf Waſſer, denn
die Hige war fehr drückend. Amru reichte ihm Waſſer aus feinem
Shlaube. Als jener feinen Durft geftillt hatte, lieg er fih nieder
und jchlief ein. Da ſah Amru, wie eine Schlange aus einer Grube
hervorfam, an deren Rand der Griehe fchlief und ſich gegen den-
felben richtete. Er griff ſchnell nah feinem Bogen und jchoß einen
Pfeil gegen fie ab, der fie tödtete. Als der Griehe erwachte und
die getödtete Schlange an feiner Seite fahb und von Amru hörte,
dag ihm Gott durdh ihn das Leben gerettet, küßte er ihn und ſagte:
Du haft mir zweimal das Leben gerettet, ich will dich dafür beloh—
nen, doch bin ich hier nur ein armer Pilger, geh mit mir nad Ale:
randrien, da verſchaffe ich dir 2000 Dinare. Amru folgte ihm und
wohnte aud während feiner Anmwejenheit in Alerandrien einem Ball:
fpiele bei, der Ball, welher, nah dem Glauben und der Grfahrung
der Alerandriner, noch nie jemanden in den Aermel gefallen war,
ohne daß er fpäter Herriher über Egypten gemorden, fiel diesmal,
zum Gritaunen aller Grieben, in Amru's Nermel. Dieſes Mähr—
chen, aus dem wir nur Amru's frühere Reife nah Egypten feithal:
ten wollen, erzählt noch etwas unmftindlicher Fon Abd Alhafam
©8u.9.
2) Nach andern Heberlisferungen fogar nur über 8500 Dunn.
Dmar, 107
wie er boffte, noch an der Grenze Egyptens erreichen wür—
den. Omar war nämlich, als er Amru erlaubte, gegen ben
Nil aufzubrehen, auf feiner Nüdfehr von Syrien ) nad
Medina, und wollte, obne vorber über eine fo wichtige Anz
gelegenbeit den Rath der Gefährten Mohammeds zu verneb:
men, feinen beftimmten Entſchluß faffen. Aber auch unter
feinen Ratbgebern in der Hauptitadt ſcheinen eben fo viele
Stimmen gegen als für diefe fühne Unternehmung gewefen
zu fein ?2), jo daß er die Enticheidung gewiffermaßen dem
Zufalle überlieg und Amru ſchrieb: „Gelangt diefer Brief
zu dir, ehe du das egyptiſche Gebiet betreten, fo kehre wieber
um, baft du aber fchon die Grenze überfchritten, jo rüde vor:
wärts!“ Amru war entweder fhon auf egyptifchem Boden,
als er diejes Schreiben erbielt, oder er war von deſſen ihm
unangenehmen Inhalt unterrichtet und erbrach es erft, nach—
dem er die Grenze des Pharaonenlandes überfchritten, fo daf
er, ohne den Befehl des Chalifen offenbar zu verlegen, feinen
Zug gegen Memphis fortfegen Fonnte 3). In Farma (Dere-
1) Schon Abulfeda berichtet (S. 244), dag Omar Ende des
18. Sahres eine Reife nad) Syrien machte, um die Verlaſſenſchaft
der an der Peſt Geitorbenen zu vertheilen. Darum glauben wir
auh mit Sbn Abd Alhafanı (S. 9), dag Amru in Djabia bei Das
mask mit Omar eine Interredung hatte und daß fein Zug nad
Egypten noch im 18. Sahre ftatt fand (Dezember 639).
2) Nah einer Tracition (a. a. ©. S. 11) hatte Omar den
beftimmten Befehl zur Eroberung Egyptens gegeben, Othman ihm
aber gejagt: „Amru ift ein verwegener und herrſchſüchtiger Mann,
er könnte leiht die Mufelmänner in Gefahr ftürzen,“ worauf er
dann feinen erften Befehl widerrief. Nah Andern war Amru heim:
fih von Cäſarea aus gegen Guypten aufgebroden und fogar (nad
S. 10) ohne Dmar’d Erlaubniß.
5) Nah Ibn Abd Alhak. (S. 10) war Amru in Rafah, als
der Bote zu ihm gelangte, da er aber den Inhalt des Briefes fürch—
tete, nahm er den Brief erft in einem Drte zwifchen Rufah und
El-Ariſch, welches ſchon zu Ganpten gehörte, nah Andern erft in
El-Ariſch. Hier feierte er das Opfer- oder Pilgerfeft, wornach alfo
108 Zweites Hauptftüd.
num) warb er indejfen von der griechiſchen Beſatzung dieſer
Seftung einige Zeit aufgehalten und verdanfte feinen Sieg
über diefelbe nur der Hülfe der Kopten. In Bilbeis ) ward
er abermals von driftlihen Truppen befämpft. ine dritte
Schlacht mußte er den Griechen bei Umm Danin 2) Tiefern.
Am meiften Widerftand fand aber Amru vor Babylon, eine
Feltung auf dem öſtlichen Nilufer, in der Nähe des jekigen
Alt-Kahira, fo daß er genöthigt war, Omar's Berftärfung
abzuwarten ®), weldher ihm 12000 Mann unter der Anfühs
rung Zubeir's und drei anderer Gefährten Mohammeds fandte,
deren jeder in den Augen Omar's taufend andere Krieger
aufwog . Als Babylon nach einer Belagerung von meh:
feine Ankunft in El-Ariſch mit Beftimmtheit auf den 13. oder 14.
Dezember angegeben werden könnte, denn das Opferfeft mird bes
Fanntlih am 10. Diu’l Hudjah gefeiert und das 3. 19 der Hitjrah
begann mit dem 2. Sanuar. Der Ort Rafah wird auch bei Abuls
feda (ed. Schier p. 84 u. 86) als nördlicher Grenzort von Gaypten
genannt, eine Tagereiie von Ghaza und eben jo weit von El⸗Ariſch.
1) Bilbeis liegt ohngefähr zwölf Stunden von Kahira, zwiſchen
Bilbeis und Karma find drei Taaereijen und eben jo viele zwiſchen
Farma und El:Ariih. Nah Wakidi, der aber befanntlih überall
das Romantiihe in der Gefcbichte liebt, fiel hier eine Tochter des
Mukaukas in die Hände Amru's, melde Gonftuntin, der Sohn des
Kaiſers, in Cäjarea heirathen follte. Amru war aber aalant genug,
fie ihrem Water mit allen ihren Schätzen zurückzuſchicken, wodurch
diejer natürlich dem edeln Mujelmann sehr gemogen ward. Vergl.
Quatremere Mem. geogr. et histor. sur l’Egypte T. I. pag. 53.
2) Umm Danin, auh Mafs genannt, fag nah Makriſi außer—
halb Kabira am meftliben Kanalufer und bildete zur Zeit der Er—
oberung von Kahira den Hufen vdiejer Stadt (Abd Allatif ©. 401),
3) Diefe jandte Omar mwahrjheinlih, sobald er hörte, daß
Amru auf feinem Entſchluſſe beharre, nicht erft, wie einige glauben,
erft nachdem cr lange vergebens vor Babylon gelegen.
4) Dieje Tradition bei Ibn Abd Alhakam ©. 15 ift glaub»
mwürdiger als die vorher angeführte, derzufolge er nur 4400 Mann
fandte, obſchon Amru's Heer allerdings auch ſchon durch Beduinen,
welche in der Gegend von El-Arijch gelagert waren, verſtärkt wurde,
2
Dmar. 109
reren Monaten ) genommen ward, 309 fih die Befatung
nad ter Inſel Rodha 2). Bald nad dem Falle von Babys
lon befchloffen aber die Kopten, an teren Spitze Mukaukas
ftand, lieber mit den Arabern einen Frieden zu fihliegen, als
länger die Bejchwerden eines Krieges zu tragen, von deſſen
glücklichem Ausgange nur den herrſchenden riechen, aber
nicht ihnen, irgend ein Vortheil erwachſen konnte. Mufaufag
zauderte indeffen doch noch einige Zeit, ale er die Anſprüche
der Mufelmänner vernabm, welche, wie immer und überall,
Befehrung zum Jslam oder Unterwerfung durd Tribut fors
derten. Das Gemälde, das ihm aber die Gefandten, welche
Amru abfihrlih mehrere Tage in feinem Lager zurückhielt,
von dem Leben der Araber entwarfen, flößte ihm eine ſolche
Ehrfurcht vor ihnen ein, daß er fein Berenfen mehr trug,
ihnen dag Intereſſe der riechen zu opfern. „Wir waren
bei Männern,” ſagten die aus dem mufelmännifchen Lager
zurücfehrenden Gefandten zu Mukaukas, „denen der Tod lieber
it als das Leben und die weder um irdifhe Größe fi füm-
mern, nod nad) weltlichen Genüſſen gelüften. Sie fisen auf
wie Died derfelbe- Verfaffer S. 11 ausdrüdlih von dem Stamme
Lachm und dem mit demſelben verwandten Raſchida berichtet.
1) Nah einer Tradition son fieben Monaten, nad einer ans
dern von einem Monate. Auch erzählen die Einen, die Feftung fei
durd Zubeir erftürmt worden, während nach Andern die Griechen
fie vorher fton verließen, Die Gefangennahbme Amru’s halte ic)
für ein Mährchen, das ſich gar zu oft wiederholt, denn Aehnliches
wird auch bei der Belagerung von Nlerandrien, fo wie bei der von
Ghaza erzählt. ſ. Elmafin ©. 29.
2) Auch hier find zwei Traditionen, welche von einander abs
meichen und über die Page der Zeitung Babylon entſcheiden. Nach
der Einen waren die Schiffe dit am Gaftell, nad der Andern ver:
liegen die Grieben das Caſtell durch das jüdlibe Thor und zogen
kämpfend bis an den Nil. Bielleiht waren zwei Cajtelle zu nehmen,
von denen dus eine auf der Anhöhe und das andere am Wil Sag.
Vergl. Mannert Geogr. der Griechen und Römer Bd. X. Abth. I.
©. 46,
110 Zweites Hauptftüd,
der Erde und effen kniend, ihr Anführer ift durch nichts von
den Andern ausgezeichnet, man fteht überhaupt feinen Unter-
fhied zwifchen groß und gering, noch zwiſchen Herren und
Sflaven. Kömmt die Gebetszeit, jo bleibt Feiner zurüd, ein
jeder wafcht fih und betet im tiefiter Andacht.” Mufaufag
drang um fo mehr auf einen fchnellen Friedensſchluß, als er
fürdtete, daß mit der Abnahme und dem Zurüdtreten der
Nilmaffer ), welde die Araber in ihren Unternehmungen
hemmten, aud ihre Anfprüche wacfen würden. Amru’s For:
derungen waren in der That für Leute, die längft ihre Frei-
heit eingebüßt hatten und fich Tieber einer geregelten Abgabe
als willführlihen Erpreffungen unterzogen, äußerft billig, denn
er begnügte fih mit einer Kopfiteuer — von zwei Dinaren,
yon der jedoch Frauen, Greife und Kinder befreit blieben und
einer fehr mäßigen Grundfteuer 2). Mufaufas nahın daher
für fih und die ganze foptifhe Bevölkerung Egyptens Amru’s
Bedingungen an und lieg den Griechen die Wahl, ob fie fih
auch denfelben unterwerfen oder Lieber nach Alerandrien zurüd-
ziehen wollen 3). Auf die Vorwürfe des griehifchen Kaiſers
3) Diefe Stelle bei Sbn Abd Alhakam ©. 18 und andere ähn:
lihe, aus denen hervorgeht, daß zur Zeit des Friedengschluffes faft
das ganze Fand noch unter Wajfer ftund, beftimmt mich zur Annahme,
daß Babylon nicht fieven Monate lang belagert worden, denn da
fie im Januar dahin kamen, fo ftele ja die Uebergabe gerade in die
Zeit, wo der Nil wieder im Steigen iſt.
2) Die Zahl der ftenerpflidtigen Männer wird von Einigen
auf 6,000,000, von Andern auf 8,000,000 angegeben, welches auf eine
Gejammtbevölferung von weniaftens 19,000,000 ſchließen liege.
3) Dies ift mohl die wahrjcheinlichite aller Traditionen. Wach
Andern ward gar Fein Vertrag geſchloſſen, gewiß eine Erfindung
fpäterer Statthalter, die fich allerlei Berrücungen erlaubten. Die
verjchiedenen Weberlieferungen über dieſen Geaenftand hat de Sacy
aus Makriſt zufammengejftellt, der felbit Son Abd Alhafam größten:
theild abgejchrieben. (j. mem. de linstitut T. V. p. 20 u. ff.) In
einem ehr wejentlihen Punkte bin ich jedoch von diefem Gelehrten
abgewichen, indem er annimmt, die Mufelmänner haben ſich im
Omar, 111
über diefen ſchmählichen Frieden fol Mukaukas geantwortet
haben: „Es ift wahr, der Feind ift bei weitem nicht fo zahl-
ihrem Bertrage nur Kopfiteuer bedungen und diefe fei fpäter in
eine Grunditeuer vermandelt worden, oder letztere fei noch willführ:
lih hinzugejegt worden, Die Stelle aus Jon Abd Alhakam, melde
de Sacy ©. 21 Anmerf. 2 anführt und von der er fagt: »le sens de
ce passage est un peu obscur,s bemweijt mir dieſes nicht minder, als
die wirkliche Ginforderung des Charadj (Grundfteuer) jhon ım eriten
Sahre nach der Eroberung von Alcrandrien. Dieje Stelle bedeutet
nimlih nab meinem Dafürhalten: „Ganz Egypten wurde durd
Vertrag genommen, vermitteljt einer Kopfiteuer von zwei Dinaren
für jeden Mann; e8 durfte von Niemanden mehr denn zwei Dinare
als Kopfiteuer verlangt werden, nur wurde ein jeder noch im
Verhältniffe zu feinen Gütern und ihrem Ertrag befteuert, mit Aus—
nahme der Alerandriner, welche, weil fie feinen Frieden gejchlojfen,
fomohl Kopf: ald Güterfteuer nah dem Gutdünfen ihrer Herren zu
entrichten hatten.“ Die Güteriteuer wurde in der erften Zeit in
Maturalien erhoben. Abd Albafam jpriht nod von einem Ardeb
Weizen monatlid für jeden Murelmann, eine gewiſſe Portion Fleiſch,
Honig, Leinwand für die Soldaten. f. de Sacy a. a. O. ©. 46,
Dazu fam noch die Verbindlichkeit, jeden Mufelmann drei Tage zu
bemwirthen. Sn dem Vertrage, welben Ibn Kethir aufbewahrt hat,
it von diejen bejondern Berpflibtungen Feine Rede, er lautet:
„Dies ift die Sicherheitäurfunde, mwelhe Amru Son Aaß den Bes
mohnern von Mißr gab, in Betreff ihrer Perſonen, ihres Glaubens,
ihrer Güter, ihrer Kirchen, ihrer Kreuze, ihres trodenen Landes fo:
wohl als ihrer Gewäſſer. Es joll ihnen in nichts von all diefem
Gewalt angethban werden und ihnen auch nichts vermindert werden,
auch foll es den Nubiern nicht geituttet fein, unter ihnen zu mohnen.
Hingenen haben die Bemohner von Mifr, wenn fie mit diejem Frie:
densſchluſſe übereinjtimmen, 50,000,000 Kopfiteuer zu bezahlen, ſobald
das Zunehmen ded Stromes zu Ende ift. Auch find fie verantwort:
fi für Gemaltthaten, welche von Räubern aus ihrer Mitte began—
gen werden. Will jemand von ihnen diefen Vertrag nicht annehmen,
fo wird die Kopfitenerfumme nach der Zahl der fih Ausſchließenden
vermindert; gegen dieſe haben wir (Mufjelmänner) aber auch Feinerlei
Verbindlichkeit. Sit der Etrom nad der Zeit feines Anſchwellens
nicht fo hoch als gemwöhnlih, fo wird ihre Steuer im Verhältniſſe
zum niedern Wajjerftande vermindert. Die Griehen und Nubier,
die an ihrem (der Kopten) Vertrage Theil nehmen, übernehmen da:
112 Zweites Hauptftüd.
reih wie wir, aber ein Muſelmann wiegt hundert der Unſri—
gen auf, fie begehren von den Genüffen der Erde nur eine
einfache Kleidung und Nahrung und fehnen fi nad dem
Märtyrertode, weil er fie ins Paradies führt, während wir
am Leben und feinen Freuden hängen und den Tod fürchten.”
Eobald der Nil wieder in fein Bett zurüdgetreten und
der Weg nad) Alerandrien gangbar war, brach Amru mit
feinem Heere auf, in Begleitung vieler Kopten, die, wenn fie
aud nicht gerade in feinen Reihen kämpften, ihm doch durd)
Zufuhr von Lebensmitteln, Brückenbau und dergleichen auf
jete Weife behülflid waren. Die Bewohner des durd) Römer
und Griechen gedehmürbigten und felbft eines Theiles feiner
Alterthümer beraubten Memphis arbeiteten freudig an dem
Sturze der ftolzen Griechenftadt mit, welche auf ihre Koften
der Hauptfig der Regierung, des Handels, jo wie der Künfte
und Wiffenfchaften geworten.
Die Griechen hatten indeffen, ald die Kunde von dem
Berrathe der Kopten zu ihnen gelangte, die Befagungen aus
den verichietenen Städten zufammengezogen und dem Amru
entgegengeſchick. In Terenut ) fiel das erfte Gefecht zwi—
durch die gleichen Verpflichtungen und genießen dieſelben Vortheile,
wer dies nicht will und ſich lieber entfernt, der kann unangefochten
ſich an einen ſichern Zufluchtsort begeben, oder unſer Reich verlaſſen.
Ihre Steuern haben ſie in drei Theilen, nach je vier Monaten, zu
entrichten. Für die Aufrechthaltung dieſes Vertrags haben fie (als
Büraen) Gotted Zeugniß, den Schus feines Gejundten und des
Fürften der Släubigen, feines Chalifen und aller Gliubigen. Die
Nubier, wilde fih dieſem Vertrage anſchließen, müſſen noch mit
einer gewiſſen Zahl Menſchen und Pferde den Muſelmännern bei—
ſtehen, damit (die Muſelmänner dafür ſorgen können, daß) fie (die
Nabier) von keinem Feinde überfallen und ihnen bei ihren Handels—
zugen nach und von Egypten Fein Hindernig in den Weg trete.
Zeugen (diejes Vertrags) find: Zubeir und feine beiden Söhne Abd
Allah und Mohammed und gejhrichen hat ihn Wardan.“ (j. Mem.
de l’Inst, T. V. p. 35.)
1) Terenut lag an den beiden Ufern des weftlihen Nilarıng,
Omar, 113
fhen den beiden Heeren vor und die Griechen mußten wei—
hen. Amru ließ den Feind durch Scarif verfolgen, dieſer
ward aber von den Griechen umzingelt und nur mit Mühe
gelang es ibm, fih fo lange auf einer Fleinen Anhöhe zu be-
baupten, bis Amru mit dem Hauptheere nachrückte. In der
Nähe dieſes Hügels, welcher fpäter Kom Scharik ) (Scha—
rifshügel) genannt ward, wurde drei Tage lang gefochten.
Die Griechen zogen ſich hierauf nah Siltis ?) zurüd, Als
fie auch bier geichlagen wurden, ftellten fie fi) noch einmal
bei Keriun 3) dem Feinde entgegen und hielten ihn zehn Tage
lang auf, doch mußten fie, nach mehreren Schladhten, auch
diefe Stellung aufgeben und hinter den Mauern Alexandriens
Schutz ſuchen, fo daß die Araber ihr Lager ganz in der Nähe
der Hauptftadt auffchlagen und Anftalten zu einer fürmlichen
Belagerung treffen Fonnten 2). Gegen eine Feftung wie
ohngefähr fünf Tugereifen von Alerandrien, Es war ehedem eine
bedeutende Stadt und Sitz eines Biſchofs, jest aber ein kleines Dorf,
welches Terranech heißt. ſ. Quatremere a. a, O. ©. 354.
1) Bei Abd Allatif (ed. de Sacy ©. 667) wird Kom Scharik
zu den Ortſchaften der Provinz Buheira gerechnet, deren Hauptitadt
Damanhur.
2) Diefer Ort ift mir unbekannt, vielleicht ift Samiatis oder
Sunteis zu lejen, wie fhon Ewald vermuthet, f. Zeitfchrift für
Kunde des Morgenlandes II. 345.
3) Keriun liegt nur noch eine Tagereife weit von Alerandrien,
e8 ıft nach Quatremere a. a. O. ©. 419 das alte Zuges.
4) Son Abd Alba. erzählt (S. 29); Vier Mufelmänner wur:
den von ihren Gefährten abgejchnitten, darunter Amru Ibn Aaß
und Mohammed Ibn Maslama. Site flüchteten jih in ein Bad
und ftellten fid zur Vertheidigung an. Da fagte ihnen ein Grieche,
welcher arabifch redete: Gebet euch gefangen und ftürzet euch nicht
ins Verderben! Sie wollten fich aber nicht ergeben. Da fagte der
Griehe: wir verfprechen euch, daß wir euch nicht födten, fondern
gegen Gefangene von den Unfrigen austaufhen. Die Mufelmänner
nahmen aber auch diefen Vorfchlag nicht an, Nun, fagte der Grieche,
fo mag einer son euch fich mit einem der Unfrigen fchlagen, fieget
ihr, fo laſſen mir euch abziehen, ſiegen wir aber, fo feid ihr unfere
114 Zweites Hauptftüd.
Alerandrien, welche, da das Meer für fie offen war, ftets
frifche Truppen aufnehmen und mit Lebensmitteln verſehen
werben fonnte, blieb aber auch die an Verwegenheit grenzende
Tapferfeit der Araber erfolglos. Selbft als fie fchon einmal
die Citadelle erftürmt hatten, wurden fie wieder aus derjelben
vertrieben und mehrere Mufelmänner, unter denen Amrır felbft
gewefen fein fol, gefangen genommen 9). Heraklius fah wohl
ein, Daß mit dem Falle von Mlerandrien nicht nur ganz
Egypten für ihn auf immer verloren, fondern auch dag ganze
nördliche Afrika bedroht fein würde, Darum bot er auch Alles
auf, um dieſe Stadt zu retten. Nah feinem Tode aber, als
nicht nur der bedrängten Stadt Feine Hülfe zufam, fondern
auch noch, wegen der in Conftantinopel ausgebrochenen Erb-
folgeftreitigfeiten und Soldatenempörungen, Truppen von Ale
randrien in die Hauptſtadt zurüdfehrten, fanf der Muth der
Alerandriner, Die Reichen und Mächtigen wanderten nad)
und nad mit ihrer Habe aus und die Zurücgebliebenen wa-
ren zu ſchwach, um die unter Ubada Ibn Affamit, einem ber
Gefährten des Propheten, in gefchloffenen Reihen beranftür-
menden Mufelmänner zurüczutreiben. Im Muharram des
Jahres 21 der Flucht ?) (Dezember 641) bielt Amru
Gefangenen. Amru wollte den Zweifampf annehmen, Mohammed
Son Maslama gab es aber nicht zu, fondern er trat in die Schran-
fen und todtete feinen Gegner, worauf fie dann ihre Freiheit er:
hielten, Bei Elmafin ©. 30 wird Amru’s Befreiung der Lift feines
Sflaven Wardan zugefchrieben, aber beide Erzählungen tragen das
Gepräge der Unwahrfcheinlichkeit.
1) Nach einer Tradition bei Sbn Abd Alhaf ©. 27 blieben fie
zwei Monate in Holman oder Holwat, dann rückten fie bis Make
vor, Letzterer Name bedeutet Zoll, es mochte alfo wohl auch, wie
am Nil bei Kahira, jo in der Nähe von Alerandrien ein Haus oder
Dorf diefen Namen geführt haben. Von einem Orte Holwan in
der Nähe von Alerandrien ift mir nichts befannt. Abulfeda nennt
nur ein Holwan zwei Pharafangen von Foftat entfernt. Auf der
vorhergehenden Seite heißt es: fie lagerten zwifchen Cholwan und
Kaßr Faris (Perſerſchloß).
2) Bei Ibn Abd Alhak. ©, 31 den erſten Muh. d. J. 20. Dies iſt aber
Omar. 115
ſeinen Einzug in die eroberte Stadt, die indeſſen ein zweites
Mal eingenommen werden mußte, weil die griechiſchen Trup—
pen, die ſich eingeſchifft hatten, ſie nochmals beſetzten, während
Amru diejenigen verfolgte, welche zu Land zu entkommen
ſuchten. Die zweite Einnahme, welche, wie es ſcheint, nur
wenige Tage nach der erſten erfolgte, ward Amru durch den
Verrath eines Thorwächters erleichtert.
Da Alexandrien ohne Vertrag durch das Schwerdt er—
obert ward, verlangte Amru's Heer, daß die Stadt geplün—
dert und ſowohl die Menſchen als alles unbewegliche Gut
offenbar ein Irrthum, oder vielleicht ein Schreibfehler, denn es heißt
vorher: Alexandrien ward vierzehn Monate lang belagert; fünf Mo:
nate vor und neun nad Heraklius Tod, dieſer ftarb aber befanntlich
im März oder nach Einigen im Februar 641. Auch jagt Sbn Abd
Alhak. an derfelben Stelle, die Eroberung habe an einem Frei:
tage ftatt gefunden. Der erfte Muharram des Sahres 20 war aber
fein Freitag. Endlich wäre ja überhaupt der Zeitraum zwiſchen dem
Zuge nad) Memphis (Ende 18) und der Einnahme von Alerandrien
zu kurz, da doc mehrere Monate bis zum Friedensschluffe mit
Memphis vergingen, dann vor der Belagerung von Alerandrien eben-
fall8 mehrere Monate. Bei Abulfeda wird allerdings und eben fo
bei Elmafin die Eroberung von Alerandrien in das Sahr 20 gefegt,
aber erjterer nennt nicht den Monat Muharram, fo daß er alfo das
Ende des Zahres meinen Fann und legterer jest nicht den Einfall
in das Ende des Sahres 18, fondern führt vielmehr eine Tradition
an, derzufolge Memphis jhon im 3. 18 unterworfen war. Vergleicht
man aber die verfhiedenen Angaben mit einander und wiſſen wir
doch, daß Heraklius nicht im 19., ſondern im 20. Sahre der Hidjrah
geftorben, jo Fann Das von mir angenommene Datum nicht mehr
bezweifelt werden. Tabari verdient in der ganzen Darftellung der
Eroberung von Egypten (S. 123 — 125) gar keine Erwähnung. Er
beginnt mit der Eroberung von Alerandrien und häuft allerlei Un—
wahrfcheinlichfeiten auf einander, Am Scluffe des Kapitels jagt
er: „Die Eroberung von Mißr Memphis) und Alerandrien war im
J. 20 im Monate Rabia-l-Amwal.“ (Alfo in drei Monaten?) Dia:
habi (©. 136) fest auch die Eroberung von Alerandrien in das J.
21, eben fo eine Tradition bei Ibvn Abd Alhak. ©. 92, eine andere
fogar in das S. 22,
g*
116 Zweites Hauptſtück.
unter den Mufelmännern vertheilt werde. Amru berichtete
aber deshalb an den Chalifen, und da diefer an feinem Orte
die Bevölferung erbittern, fondern vielmehr durch eine milde
Behandlung für fi gewinnen wollte, befahl er, daß der
eroberten Stadt außer der Kopffteuer yon zwei Dinaren für
jeden Einzelnen und der Grundfteuer nach dem Verhältniſſe
der Güter auch noch ein Tribut auferlegt werde, übrigens
aber Leben und Gut der Bewohner verſchont bleibe, Eben
fo ließ Omar die Bewohner einiger Dörfer, welche den Grie-
hen im Kampfe gegen Amru beigeftanden waren, und die
diefer daher als Kriegsgefangene behandelte, wieder in ihre
Dörfer zurüdfehren und räumte ihnen diejelben Rechte wie
den übrigen Kopten ein”).
1) Abd Alhak. ©. 54. Die Berhreibung von Alerandrien ift
bier eben fo übertrieben, wie bei Elmafin: 4000 Bäder, 12,000 Ge—
müfehändler, 40,000, nach einer andern Tradition fogar 70,000 Su:
den, die Kopfiteuer zahlen, 400 Theater. Sn der Stadt waren
200,000 Griechen (blos Männer), von denen 30,000 fih mit ihrer
Habe und ihrer Famlie vor der Eroberung einfcifften. Sm Ganzen
fand man in Alerandrien 600,000 Seelen, ohne die Frauen und
Kinder. Bon einer Bibliothek ift, wie fchon Ewald bemerkt, weder
bei Abd Alhafam, noch bei Tabari die Rede. Darf man fich aber
nah ſolchen Webertreibungen wundern, wenn einige fpätere Autoren,
die vielleicht von der Zerjtorung einer Bücherfammlung gehört, fechs
Monate alle Bäder damit heizen laſſen? Wäre Omar wirklich an
der Zerftörung von Handfchriften gelegen geweſen, fo hätte er fie
eher ins Meer werfen lafien, ald den Bädern übergeben, wo doch
mandes gerettet werden fonnte. Omars befannte Antwort: „ftim:
men die Bücher mit dem Koran überein, fo find fie überflüflig, wo
nicht, fo find fie ſchädlich,“ paßt übrigens nur auf philofophifche oder
theologifhe Werke, am wenigften aber auf medicinifche, die ja der
Chrift allein haben wollte. Auch läßt fih nicht denken, daß, wenn
wirklich damals in Alerandrien noch koſtbare und feltene Handſchrif—
ten ſich befanden, fie nicht vor der Einnahme gerettet worden wären,
da doch, wie aus obiger Stelle erfichtli, eine große Anzahl Griechen
ihre Habe einfhifften, und fhon lange vorher viele auswanderten.
Die von de Sacy aus Ibn Chaldun angeführte Stelle ſcheint mir
eher gegen als für die Zerftörung der hriftlihen Bücher zu zeugen,
Omar. 117
Amru wollte Aerandrien zu feiner Reſidenz machen,
Dmar gab es aber nicht zu, daß fein Statthalter jenfeit des
Niles fich feftfege. Die Entfernung von Medina war übrigens
auch größer und die Umgebung ter Stadt nicht fo fruchtbar,
wie die von Memphis. Amru gründete daher eine neue Stadt
an dem Drte, wo früher, während der Belagerung von Ba-
bylon, die Armee ihre Zelte aufgefchlagen hatte und von der
noch ein Theil, unter dem Namen Alt- Kahira, fi bis auf
unfere Zeit erhalten hat. Damals hieß aber die neue Stadt
Foftat (das Zelt), weil Amru’s Zelt, welches bei dem Zuge
nad) Merandrien ftehen blieb — der Sage nach, weil Tauben
ihr Neft darauf gebaut — den Drt zur Gründung der neuen
Stadt bezeichnete. In der Nähe diefes Zeltes ward alsbald
eine Mofchee errichtet mit einer Kanzel und neben derfelben
lieg fih Amru ein Haus bauen. Dmar wieß ihn darüber
zurecht, er follte durch die Kanzel fich nicht gleichfam auf den
Nacken der Mufelmänner ftellen, noch in Egypten ein Haus
befigen, da er fchon ein foldhes in Arabien hatte, Dmar
wollte ihn wahrfheinlih dadurch an feine Abhängigkeit von
ihm erinnern und ihm andeuten, daß er ja jeden Tag nad
Arabien zurüdgerufen werden könnte. Omar fah es fogar
ungern, daß einige Stämme fih in Djifeh, unterhalb Mem—
find ja auch Mohammeds Kriegsgefeke für die Feueranbeter nicht
diefelben, wie für Chriften und Suden, jo läßt fi aud aus Omars
Befehl, die Bücher der Perſer ins Waſſer zu werfen, nicht jchliegen,
dag auch die der Alerandriner verbrannt werden follten. Sch hätte
diefe ſchon fo vielfach verhandelte Frage gar nicht berührt, wenn
nicht das Schweigen Tabari's und befonders Abd Alhafams, der in
die geringften Ginzelheiten eingeht und diefelben Traditionen zwei
dreimal wiederholt, wenn nur irgend ein Zuſatz, mandmal von
einem Worte fich findet, fehr zu Gunften der Gibbon'ſchen Parthei
fprähe und die erwähnte Auswanderung es jedenfalld warſcheinlich
machte, das das Koftbarfte nicht einem barbarifchen Feinde über:
laſſen wurde, von dem zu erwarten ftand, daß er die ganze Stadt
ausplündern, dann in Flammen aufgehen laſſen und ihre Bewohner
als Sklaven verkaufen würde,
118 Zweites Hanptftüd.
phis, am weftlihen Nilufer anftedelten und befahl Amru,
damit fie im Falle eines Verraths von Seiten der chriftlichen
Bevölkerung nicht blosgeftellt feien, aus der Staatsfaffe eine
Feftung jenfeit des Stromes bauen zu laffen )Y. Ueberhaupt
ſuchte Omar zu verbüten, daß feine Soldaten, und das waren
ja zu jener Zeit faſt alle feine Untertbanen, durch nichts zu
ſehr an irgend ein Land gefejjelt würden. Sie follten fo lang
als möglih Nomaden bleiben, jeden Augenblick bereit fein,
ihr Lager aufzuheben und auf den erften Winf des Für—
ften der Gläubigen diefes oder jenes Land mit Krieg über:
ziehen. Dieß erflärt uns Omars Befehl an ſämmtliche Ober:
feloheren, fowohl in Perfien als in Syrien und Egypten,
nicht zuzugeben, daß die Mufelmänner fi) mit Ader- und
Feldbau befchäftigen 2). Auch ließ Amru feinen Truppen in
Foftat nicht lange ruben, fie mußten fih nach allen Provin-
zen bin zerftreuen, und wie dieß noch jest in Egypten ges
1) Sbn Abd Alhak. ©. 59.
2) Ebenda ©. 80: „Scharif, der Sohn Sumejj’s, kam zu Amru
Son Aaß und fagte: du gibft uns nicht fo viel, ald wir brauchen,
erlaube mir ein Feld zu befien. Amru ermwiederte: ich kann das
nicht. Scharif that es aber doch ohne Amru's Grlaubnig. Als
diefer davon Kunde erhielt, fchrieb er an Omar: Scarif, der Sohn
Sumejj’s, hat fih in Egypten [gefegwidrige] Neuerungen erlaubt.
Dmar antwortete: fende mir ihn hierher! Als Amru diefes Schreiben
erhielt und Scharif mittheilte, fagte diefer: du vernichtet mich, Amru!
Amru ermwiederte: das haft du ſelbſt gethan, nicht ih. Nun, fagte
Scharif, wenn dem fo ift, fo geftatte mir, daß ich ohne ein Schrei:
ben von dir mich zum Chalifen begebe, ich ſchwöre dir bei Gott, daß
ih meine Hand in die feinige lege. Amru entließ ihn ohne Schrei:
ben. Als er zu Omar kam, fagte er: begnadige mich, Fürft der
Gläubigen! — zu welhem Heere gehörft du? — zum egpptifchen.
— Bift du Scharif, der Sohn Sumejj’s? — Sa wohl, Fürft der
Gläubigen. — Sch werde dich zum mwarnenden Beifpiele für alle
Zukunft machen. — Nimm lieber von mir an, was auch Gott von
dem Sünder annimmt (Reue). Iſt das dein Ernft? — Gewiß. —
Da ſchrieb Omar an Amru, dag Scharik ſich bei ihm eingeftellt, er
aber ihn begnadigt habe,“
Dmar. 119
bräuchlich ift, ihre Pferde mehrere Monate lang auf die Werde
führen . Das gefegnete Nilland follte aber nicht nur Amru's
immer zunebmendes Heer verpflegen, fondern aud des un-
fruchtbaren Arabiens Syeifefammer werden. Schon vor der
Eroberung von Alerandrien, als Amru nod in Babylon Yag,
forderte ihn Omar auf, der von Hungersnoth heimgefuchten
Refidenz einige Lebensmittel zu ſchicken. Amru ließ eine Anzahl
Kameele mit Korn beladen gegen Medina ziehen, Obgleich
aber diefe Karavane, nach mufelmännifhen Berichten fo ftarf
war, daß das erfte Kameel ſchon Medina erreicht hatte, als
das letzte Egypten verließ, fo fühlte Omar doch das Bedürfniß
nach einem rafchern und leichtern Verbindungsmittel zwifchen
Egypten und Arabien. Sobald er daher von dem früheren
Beftehen eines Kanals zwifchen Egypten und dem rothen
Meere Kenntnig erhielt ?), faßte er den Entfchluß, denfelben
1) „Seht jest,” redefe Amru feine Truppen an, „da die Zah:
reszeit jo günftig für diefes Land ift und wenn die Milih gerinnt,
die Baumzmeige hart werden und die Mücken fih vermehren, fo
fehret wieder in eure Zelte zurück! Sch weiß nicht, was einer zu
begehen fähig ift, der fi herausmäftet und fein Pferd darben läßt.“
Ibid. ©. 64.
2) Nach einer Tradition bei Sbn Abd Alhak. ©. 81 lief Omar
Amru mit einigen Kopten nadı Medina fommen und trug ihm auf
einen Kanal zu graben. Als Amru den Kopten Omars Befehl mit:
theilte, ward ihnen bangz fie jagten zu Amru: wir fürdten, dieſes
Unternehmen möchte Egypten große Nachtheile bringen, drum laß
es und dem Chalifen als ein höchft fehwieriges, unausführbares dar-
ftellen. Ald Amru dem Chalifen diefen Bericht erftatten wollte,
durchſchaute ihn diejer und beftand auf feinem Verlangen. Amru
fehrte dann nad Eaypten zurück und ließ den Kanal graben, welcher
bei Foftat anfängt, und ehe ein Sahr vorüber war, wurden allerlei
Lebensmittel auf Schiffen nah Medina und Meffa (d. h. an die
Hafen diefer beiden Städte) gebradt. Er blieb dann fchiffbar bis
nah der Regierung des Dmar Ibn Abd Alaziz (720). Dann ver:
nadhläfligten ihn die Statthalter fo, daß er verfandete und ganz
zerftört ward. Sein End mar am Schweif ded Krofodils, in der
Ebene son Kolzum. Died war nad Masudi eine Milte von Kolzum.
120 Zweites Hauptſtück.
wiederherftellen zu Yaffen, und Amru mußte für eine rafche
Ausführung Sorge tragen, fobald die Unterwerfung Egyptens
durch die Einnahme yon Mlerandrien vollendet war. In
weniger als einem Fahre war der Kanal fchiffbar, welcher
in Babylon oder Foftat feinen Arfang nahm, ſich norböftlich
gegen Bilbeis hinzog, dann öſtlich längs dem Thale Tumlat
bis zu den Ruinen von Heroopolis, von wo er endlich eine
ſüdliche Richtung durch die bittern Seen nach Kolzum, in der
Nähe des ſpätern Suez, nahm. Schon der egyptiſche König
Nechos, Sohn des Pſammetichus (nach Andern ſogar ſchon
Seſoſtris), hatte (610 — 615 vor Chr. Geb.), um das mit-
telländiſche Meer mit dem rothen Meere zu verbinden, einen
Kanal anlegen laſſen, der ein wenig oberhalb von Bubaſtis,
am Nilarme von Peluſium, dem öſtlichſten der ehemaligen
ſieben Arme, ſeinen Anfang nahm, aber er ließ ihn in Folge
S. Quatremere mem. sur l’Egypte. I, 174. Nach einer andern Tras
dition fagte Amru zu Dmar, der fid) über die Noth in Arabien
beklagte: „Was mwillft du, Fürft der Gläubigen! Sch habe erfahren,
daß vor dem Islam egyptifhe Kaufleute auf Schiffen zu ung gefom-
men, ald wir aber Egypten eroberten, wurde diefer Kanal nicht
mehr befahren, wenn du willft, fo laſſe ich ihn wieder aufgraben‘
u. ſ. w. Nach einer dritten Tradition hatte Amru zuerft an Omar
in Betreff ded Kanals gefchrieben, dann aber nach den Vorftellungen
der Kopten und aus eigner Furcht, Egypten möchte von Arabien
ganz ausgefaugt werden, die Sache wieder als zu fehmierig vorge:
ftellt, doch Omar ließ fih nicht mehr davon abbringen. Amru felbft
ward aber von dem Beftehen eines folhen Kanals dur einen Kop—
ten benachrichtigt, der fich für diefe Mittheilung eine Befreiung von
der Kopffteuer ausbedungen. Mach lesterer Tradition müßte alfo
der Kanal jhon ftarf verfandet und lange vor dem Ginfalle der
Araber außer Gebrauch gewefen fein. Bei Tab. (cod. msc. Berol,)
XI, 123. fieft man, daß Manffur zur Zeit der Empörung der Me:
dinenfer unter Mohammed das Meer bei Djar fchliegen ließ, fo daß
ihnen feine Lebensmittel von Egypten zufließen Eonnten, und erſt
unter Mahdi ward es wieder geöffnet. Ob indeffen der Kanal noch
ſchiffbar war, läßt ſich daraus nicht fchliegen, da ja die Egyptier auch
zu Land ihre Früchte nach Suez bringen konnten.
Omar. 121
eines Drafelfpruchs, oder weil er die Entdeckung machte, daß
der arabifche Meerbufen höher Tiege, als die niedrigen Theile
der arabifchen Ebene, unvollendet. Unter dem perfifchen König
Darius, Sohn des Hyftafpis, ward er wahrfcheinlich bis an
das rothe Meer fortgegraben und fchiffbar gemacht. Er ver-
fandete aber wieder unter den fpätern perfifchen Königen und
erft Philadelphus, der zweite Ptolomäer, ließ wieder, ſowohl
zur Erleichterung des Handels, als zur Befeftigung des Neichg,
das gegen Norboften offen war, den Kanal ausbeſſern. Statt
aber, wie feine Vorgänger denfelben bei Bubaftis ausgraben
zu laffen, ließ er ihn weiter nördlich bei Phakuſa abftechen,
um einen geraden Zufammenhang zwifchen den beiden Meeren
zu erwirfen und namentlih um den Nüdweg vom rothen
Meere in das mittelländifche zu erleichtern. Diefer Kanal
warb aber wahrſcheinlich noch durch einen zweiten unterjtüßt,
der oberhalb des Delta das Waffer aus dem ungetheilten
Nile gegen Dften leitete. Der Kanal blieb unter der Herr—
ſchaft der Lagiden fchiffbar, ebenfo unter den erften römijchen
Kaiſern, er entſprach jedoch nicht ganz den Erwartungen, bie
man von demſelben gebegt, weil er nur während bes hohen
Nilftandes die erforderliche Tiefe erhielt, und warb abermals
vernachläfligt, bis ihn endlih Trajan wieder ausbeſſern ließ N).
I) Ueber die Literatur diefes Kanals vergl. Bähr zu Herodot
II, 158. Sc bin hier befonders Mannert, Geographie der Gr, und
Römer, X, 1. ©. 503 u. ff. und Letronne in der revue des denx
mondes, vol. XXVI. p. 215 gefolgt, und wo fie von einander ab-
meichen, bald diefem, bald jenem, ohne mir ein Urtheil über diefe
ausgezeihneten Männer anmaßen zu wollen. Die mefentlidften
Streitpunfte find folgende: Nah Mannert lieg Necho fchon außer
dem Hauptfanale von Bubaftis noch einen zweiten vom ungetheilten
Nile aus graben, eben fo Ptolomäus, denn von Phakuſa Fonnte der
Nil unmöglih Waffer genug für den ganzen Kanal liefern, fchiffbar
ward der Kanal erft unter Ptolomäus, Unter Trajan ward nur der
Kanal von Dften nach Weiten, aber nit der von Norden nad
Süden hergeftellt. Nach Letronne ward der Kanal von Bubaftis
bis in das rothe Meer fchon von Darius vollendet. Bon einem
122 Zweites Hauptftüd.
Es ift zweifelhaft, wie lange Trajans Werk brauchbar war N),
gewiß ift nur, daß in der zweiten Hälfte des zweiten Jahr—
hunderts nad) Ehriftus noch eine ununterbrochene Wafferftraße
zwifchen den beiden Meeren vorhanden war 2), vielleicht aber
doch nur über Babylon, weil der nörblihe Kanal längft ver-
fandet war.
Der furze Zeitraum, in welhem Amru den Kanal von
Foftat bis in das rothe Meer wieder fchiffbar machte, da
doch höchſt wahrſcheinlich Die Arbeiten erft nad) der Eroberung
von Alerandrien, alfo im Fahre 642 begannen 3) und jeden-
falls vor Dmar’s Tod (644) ſchon egyptifche Schiffe an der
Küſte von Arabien Tandeten H, läßt nicht zweifeln, daß noch
Anfang des Kanals unter Ptolomäus bei Phakufa erwähnt er nichts.
Erft Trajan ließ den zweiten Kanal von Babylon aus gegen Dften,
den die Araber wiederherftellten, anlegen.
1) Nach einer der oben erwähnten Traditionen wäre ein Kanal
son Egypten nach dem rothen Meere noch kurz vor der Eroberung
son Eaypten befahren worden, fie verdient aber wenig Glauben.
2) ©. Letronne a. a. D. ©. 232 nach Lucian apologia pro mer-
cede cond. $. 12. p. 202.
3) Falihlih wird gemöhnlih das J. 640 als das der Wieder:
herftellung de Kanals angenommen. Der Irrthum kömmt daher,
weil fie mit dem Hungersjahre in Verbindung gebracht wird, welches
allerdings im 3. 639 und 640 war. Ibn Abd Alhak. berichtet aber
nur, dag Dmar um diefe Zeit von Amru Lebensmittel verlangte.
Amru, welcher damals vor Babylon lag, fandte ihm eine Karavane
und erft jpäter, gewiß erft nach der Ginnahme von Alerandrien
(Ende Dec. 641) ward an die Anlage des Kanals gedadht. Alkindi
fagt übrigens ausdrüdlich, der Kanal fei erft im Sahre 23 d. 9.
(Nov. 643) gegraben morden und Langles fekt ganz ohne Grund
hinzu: »Je suis convaincu qu'il y a ici une erreur soit de la part
d’Alkendi soit de la part du copiste, tous les auteurs excepte celui
ci s’accordent ä dire que ce canal fut creuse en l’annee de la morta-
lite qui etait la 18me de l’Hegire.« (S. not. et extr. de la biblioth.
du roi T. VI. p. 341).
4) Die ausführlihe Nachricht bei Fun Abd Alhaf, ©. 85 über
Dmars Reife nah Diar, dem Hafen von Medina, um die egyp—
Omar, 123
viele Theile deffelben in gutem Stande waren und nur Fleine
Ausbefferungen vorgenommen werden mußten. Cine Berbin-
dung der beiden Meere bezweckten die Araber nicht, fondern
nur eine Schiffahrt von Egypten nad Arabien N).
Während dieſes Werk des Friedens im DOften vom Nil
vollbracht wurde, dehnte Amru die Grenzen des islamitischen
Reihs gegen Weiten aus. Die Berber, welde aus dem
Diten gefommen ?) und fi in Lybien und den verfchiedenen
Bezirfen der Pentapolis und Marmarif angefiedelt hatten und
zum Theil unter griechifcher Botmäßigfeit ftanden, wurden
obne große Mühe für den Islam gewonnen. Die Stadt
Barfa bot einen Tribut von 13,000 Dinaren 3). Dfba unter:
jochte das ganze Land zwiſchen Barfa und Zawila 9, dann
tiihen Schiffe anfommen zu fehen, läßt nicht zweifeln, daß er die
Vollendung des Kanals noch erlebt.
1) Amru, jo berichtet Abulfeda, wollte die Landenge zwiſchen
Peluftum und dem rothen Meere durcftechen, an einem Drte, wel:
cher jest der Schweif des Krofodilld heißt, aber Omar gab es nicht
zu, weil er ſagte: die Griechen würden dann die Pilger rauben
(d. h. mit ihren Schiffen bis Meffa dringen). Ob zu diefer Zeit
der nördlihe Kanal ganz verfandet war, ift zweifelhaft. Mannert
(a. a. O. ©. 529) behauptet, der pelufiihe Nilarm ſei auch von den
Arabern nod in der Gegend von Bilbeis in Anjpruch genommen
worden zur Berftärfung des Kanals von Foftat, und diefem Um—
ftande jchreibt er das Abnehmen des pelufiihen Nilarms zu. Jeden—
falld mußte der Zuflug fo unbedeutend gemwefen fein, daß er Feine
Schiffe tragen fonnte, fonft hätten ja die Griehen auch auf dDiefem
Mege die Mujelmänner bedrohen können.
2) Nah Son Abd Alhaf. ©. 86 ftammen die Berber aus Pa—
läftina, das fie zur Zeit des Königs David verliefen, als er ihren
König Djalud (Goliat) erſchlug. Vergl. auh Ibn Khallican, überf.
von Slane 1. 36.
3) 3m Bertrage ftand, zur großen Schmach der Mufelmänner,
daß die Berber, um die von ihnen verlangte Summe aufzubringen,
ihre Söhne und Töchter verkaufen müßten. A. a. D. ©. 87.
4) ES gibt nad) dem Kamuß zwei Orte diefes Namens, einer
im Lande der Berber und einer in der Provinz Afrifa, hier ift offen:
bar erfterer Ort gemeint,
.
124 Zweites Hauptſtück.
ward Tripoli nach einer Belagerung von einem Monate ge-
nommen I) und glei darauf Sabre. Amru wollte noch
weiter gegen Weften vordringen, aber Omar erfannte die
große Gefahr und den geringen Bortheil eines ſolchen Feld»
zuge. Auch ſchrieb ihm Mufaufas, daß die Griechen neue
Berfuche zur Wiedereroberung Egyptens machen würden, weß-
halb er wieder nad Foftat zuücfehrte.
Sp groß aber auch Amru’s Verdienfte um die Vergröße-
rung des Chalifenreichs fein mochten und fo fehr er ſich auch
bemühte, die öffentlihen Schagfammern mit foptifchem Golde
und Medina’s Speicher mit egyptifchem Korn zu füllen, be-
handelte ihn doch Omar, weil er fortwährend glaubte, das
reihe Nilland follte ihm noch mehr einbringen, mit der fcho-
nungslofeften Härte, Er fchrieb ihm einmal: „Ich habe über
dich und deinen Zuftand nachgedacht; du befindeft dich in einem
großen vortrefflihen Lande, deren Bewohner Gott durd Zahl
und Macht zu Land und zu Waffer gefegnet. Ein Land, das
1) Tripoli war von der Seefeite ohne Befeftigungsmwerfe. Die
Araber fanden dicht an der Stadtmauer noch einen Durchgang und
drangen ganz unerwartet von dieſer Seite her in die Stadt, und
die Griechen hatten Faum noch Zeit genug, fih auf ihren Schiffen
aus dem Hafen zu retten. A. a. D. ©. 88. ©. auch Journ, asiat.
Nov, 1844. Sabra (Sabrata) ward ebenfalld überrumpelt, noch ehe
die Bewohner diefer Stadt etwas von der Eroberung Tripoli's er:
fuhren. Diefe Eroberung fiel nah Abd Alhafam in das J. 23 der
Hidjrah (645 — 44), Demnach ſchreibt H. Lembke (Gefhichte von
Spanien, Bd. I. ©. 250) mit Unrebt: „Der Erfte, welcher von
Eaypten aus in Afrika vordrang, war Abdallah Ben Saad; im
Begriff, Tripolis zu nehmen, ward er von dem Faiferlichen Statt:
halter Gregorius mit einer großen Macht angegriffen; allein Abdallah
blieb Sieger und kehrte mit Beute beladen, obmohl durch Anftren-
gungen erfchörft, nad) Egypten zurück.“ Won dem Kriege Abdallah’s
Son Abi Sarh gegen den Statthalter Gregorius unter Othmans
Chalifat wird weiter unten die Rede fein, diefer Feldzug darf aber
nicht mit dem Amru's vermwechfelt werden. Tripoli fiel fchon unter
Amru, mährend in Folge des Krieges mit Gregorius Gubeitallah
unterworfen ward.
Omar, 125
fhon die Pharaonen, tros ihrem Unglauben, durch nützliche
Arbeiten in einen blühenden Zuftand gebracht. Ich bin daher
höchſt erftaunt, daß es nicht die Hälfte von dem früheren
Ertrage einbringe, obſchon diefe Abnahme nicht durch Hungers—
noth und Mißwachs entfchuldigt werden kann. Auch haft du
früher von vielen Abgaben gefchrieben, die du dem Lande
auferlegt. Nun hoffte ich, fie würden mir zufliegen, ftatt
deffen bringft du Ausflüchte vor, die mir nicht zufagen. Ich
werde durchaus nicht weniger annehmen, als ehedem entrichtet
worden .... Schon im verfloffenen Fahre hätte ich dies
von dir fordern können, doc ich hoffte, du würdeſt von felbft
deine Pflicht erfüllen. Nun fehe ich aber, daß deine fchlechte
Verwaltung es dir nicht geftattet. Aber, mit Gottes Hilfe,
befige ich Mittel, dich zu zwingen, mir zu gewähren, was
ich fordere” u. f. w.D)
Amru erwiederte darauf, daß allerdings Egypten unter
den Pharaonen, die fih ganz dem Aderbau hingaben, mehr
einbrachte, als jet unter der Herrichaft der Mufelmänner;
dann macht er aber dem Chalifen Vorwürfe, daß er fo harte
Worte an ihn richtet, er fihreibt unter Anderm: „Ich habe
dem Gefandten Gottes und feinem Nachfolger (Abu Ber)
gedient, ich habe, Gott fei gelobt! ftets dem Vertrauen ent-
I) A. a. O. ©. 78 u. 79. Vergl. aud) Mem. de I’Institut acad.
des inscript. et belles letires TV. P. 56 u. f. Diefe Correfponden;,
melde Ibn Abd Alhakam ſchriftlich vorgefunden, nicht wie manche
andre Nachrichten mündlich gehört, und von der auch de Sacy
a. a. D. einige Auszüge mittheilt, verdient vollen Glauben. Auch
diefer Gelehrte jchreibt (S, 59%): »Je dois dire que toutes ces tradi-
tions portent un caractere d’authenticite, par le soin meme que l’on prend
de rapporter les diverses manieres dont un meme fait avait ete trans-
mis & la posterite et par le style, qui respire un cäractere frappant
d’antiquite et olfre souvent des expressions qui n’etaient deja plus
d’usage au temps d’Ebn Abd Alhakam et dont il est oblige d’expliquer
le sens.«a Dies zur Entfhuldigung meiner Ausführlichkeit über diefen
Punkt, welcher gewiß, als bezeichnend für das Verhältnig zwifchen
Dmar und Amru, nicht ohne hiftorifche Bedeutung ift.
126 Zweites Hauptſtück.
ſprochen, das mir gefchenft worden und die Pflichten erfüllt,
die mir Gott gegen meinen Fürften auferlegt.... Nimm
deine Statthalterfchaft zurück, denn Gott hat mid) frei gehalten
von der Habgier und Gemeinheit, derer du mic) in deinen
Briefen befhuldigft ... du hätteft ja einem Juden von Cheibar
nicht mehr fagen fünnen, Gott verzeihe dir und mir!“
Dmar, ftatt fich zu entfchuldigen oder Amru zu entfegen,
erwiederte hierauf ganz kurz: „Sch habe dich nicht nad) Egyp—
ten geſchickt, um deine Begierde und die deiner Leute zu ftillen,
fondern weil ich hoffte, du würdeſt durch eine gute Verwal:
tung unfere Einfünfte vermehren. Drum fende mir die Ab-
gaben bei Empfang diefes Schreibens, denn ich habe bier
Leute, welche in großer Noth find.“
Amru erbat ſich dann, als er merkte, dag Omar auf
feinem Berlangen bebarrte, nur noch eine Friſt bis zur
Erndte, damit die Egyptier nicht genöthigt würden, ftatt der
Frucht andere unentbehrliche Gegenftände zu verkaufen.
Amru ſcheint indeffen nicht gerade aus Schonung gegen
die Bewohner Egytens, fondern vielmehr weil er fich ſelbſt
und feine Freunde bereichern wollte, Dmar fo lange als
möglich mit leeren Worten hingehalten zu haben. Dies vers
anlafte Lestern, Mohammed Jon Maslama, den fchon oben
erwähnten Dberauffeher der Statthalter, nah Egypten zu
ſchicken, um Amru einen Theil feines geraubten Gutes wieder
abzunehmen ) und Add Allah Ibn Sarh, einen Milhbruder
1) Ibn Abd Alhak. S. 69. „Omar fchrieb ihm: Shr Statthalter
figet an den Quellen der Güter, fordert unerlaubte Gut ein, ver
jehret es und vererbet es an eure Nachkommen, drum fende ich dir
Mohammed Ibn Maslama, gib ihm die Hälfte deines Vermögens !“
Amru wollte den Boten dur ein Gefchenf beftehen, diefer nahm
ed aber nicht an. Amru gerieth in Zorn und jagte: „warum weiſeſt
du mein Geſchenk ab? Als ih von dem Feldzuge von Dfat Sulaſil
kam, befchenfte ich aud den Propheten und er nahm meine Gabe
an.” Mohammed erwiederte: „der Prophet Fonnte durch Infpiration
annehmen oder abweifen, was er wollte. Wire dein Geſchenk das
Omar. 127
Othman's, zum Statthalter von Oberegypten und von ber
Provinz Fayım zu ernennen. Erfteres geſchah übrigens nicht
Amru allein, fondern aud andern Statthaltern, welche durch
ihr luxuriöſes Leben Omars Verdacht und Unzufriedenheit er=
regten. Selbſt der tapfere Chalid ward nad) feinen Helden—
tbaten in Syrien über feinen Privatbefig zur Rechenschaft
gezogen, und mußte, da er deſſen rechtmäßigen Erwerb nicht
gebörig nachweisen fonnte, einen Theil deffelben wieder in
den Staatsſchatz fliegen Iaffen, nad) einigen Berichten fogar
eine der Sandalen, die er am Fuße batte, ausziehen. Als
man Omar fagte, ev würde wohl daran thun, diefem Manne
fein Gut zurüdzugeben, antwortete er: „Bei Gott, ich erftatte
nichts zurück, ich bin ein Kaufmann zum Bortheile der Mu—
felmänner“ 1).
Dmar mußte diefen falihen Grundfag, die Staatsfaffe
in Medina auf Koften der entlegenen Provinzen und ihrer
Statthalter zu füllen, mit dem Leben büßen. Wie Amru
Egypten, den frühern Verträgen zum Trotze, mit Abgaben
jeder Art belaftete, fo dag ein Kopte dem Chalifen fagte: er
baufe in feinem Lande, als wolle er nur ein Jahr deffen
eines Freundes an den Freund, fo würde ich es annehmen, es ıft
aber das Geſchenk eines Großen, das fchlimme Folgen hat.“ Amru
fluchte und fchmähte, gab aber zulegt doch die Hälfte feines Geldes
her. Beranlafung zu Omar’s Strenge foll ein anonymes Gedicht
geweſen fein, in welchem er auf die verfchwenderifche und verweich—
lichte Lebensweiſe feiner Statthalter aufmerffam gemacht ward.
1) Tab. ar. ©. 162. Gegen Chalid hatte er fhon einen alten
Groll wegen feines Verfahrens gegen Malit Ibhn Numeira und
wegen einiger früher ausgeftogenen Worte. Dieſe follte Chalid,
fobald Omar an die Regierung fam, widerrufen, und als jener nad)
gepflogenem Ruthe mit feiner Schweiter, fich weigerte, ward er ab-
gejest und Abu Ubeida mußte ihm die Hälfte von feinem Beſitze
abnehmen. Dieſer war doch human genug, um ihm dann fogleich
einen jeiner Sandalen zu geben. Nach Halebi (ed. Freitag, pag. 4)
geihah dies erft im Uten Sahre der Hidjrah, nach der Wiedererobe-
rung von Kineßrin,
128 Zweites Hauptftüd,
Früchte genießen, jo mußte Mughira Ibn Schuba gegen bie
Kufaner verfahren. Ein riftlicher Handwerker I) von Kufa
ward zu einem täglichen Tribut von zwei, nach einigen fogar
von vier Dramen verpflichtet. Der Unglüdlihe, welder
Firuz hieß und den Beinamen Abu Lulu führte, reifte nad)
Medina und beflagte ſich bei dem Chalifen über die Härte
des Statthalter. Dmar fagte ihm: fo viel würde id aud)
von einem gefchieften Dandwerfer wie du bijt, fordern, bu
bift ja zugleih Tiſchler, Schmidt und Maler 7), Auch habe
ich gehört, du könnteſt Windmühlen verfertigen, mache mir
einmal eine Windmühle! Wenn mir Gott das Leben erhält,
eriwiederte Firuz, will ich eine Mühle machen, die alle Be-
wohner des Dftens und des Weftens bewundern follen. Omar
entließ ihn hierauf, doch fol er gefagt haben: dieſer Menſch
trachtet mir nad) dem Leben. Einige Tage darauf, als Omar
des Morgens in die Mofchee ging, ftellte fih Firuz in die
vorderſte Reihe der zum Gebete ſich ordnenden Mufelmänner,
und als Omar vorüber fam, fprang er heraus und brachte
ihm mit einem boppeljchneidigen Dolche ſechs Wunden bei,
von denen eine in den Unterleib tödtlih war, Omar warb
1) Nah Andern war e8 ein Magier,
2) Diefe Worte finden fih nicht in allen Traditionen, ich möchte
ihre Aechtheit nicht verbürgen, da jie leicht ein fpäterer, zu Ehren
Dmars fabricirter Zufas fein fonnten, woran es bei diefer Erzäh—
fung nicht fehlt. Sp wird Firuz von Ginigen als ein Sklave
Mughira's bezeichnet, aber als folder hätte er doc feinen Grund
gehabt, fich zu beklagen. Ferner wird Dmar Drei Tage vor diefem
Vorfalle, von dem befannten Traditionsgelebrten Kaab, einem zum
Islam übergetretenen Juden, aufgefordert, jein Tejtament zu machen,
weil er in der Tora (in den Büchern Mojes) feinen nahen Tod
gelefen. Drei mal warnt er Omar, ohne dag diefer gejunde und
Fräftige Mann ibm Glauben fohenft. Damit wir aber an diejem
Mährchen nicht zweifeln, werden dem Dmar nah Firus’ That fol-
gende Verfe in den Mund gelegt: „Dreimal hat mich Kaab gewarnt,
das ift das Wort, das er gefprochen, ich fürchte nicht den Tod, der
unvermeidlich, aber die Sünde, welher Sünde folgt,“
Oman 129
ohnmächtig in feine Wohnung getragen. Als er wieder zu
fih kam, fragte er, wer ihn angefallen? Als man Firuz
nannte, fagte er: Gelobt ſei Gott, der mich durch die Hand
eines Ungläubigen als Märtyrer fterben läßt. Es ward ein
Arzt gerufen von den Benu Harith. Diefer ließ ihn Mil
trinken und da fie wieder zu einer der Wunden herausfam,
fagte er: du bift unrettbar, made dein Teftament! Dmar
wollte dag neue aufblühende Reich vor Bürgerfrieg bewahren,
obne jedoch, als Abd Errahman, der wiürdigfte Mufelmann,
das Chalifat ablehnte, durch die Beftimmung eines Nachfol—
gers, auch im Grabe nocd für das Wohl der Mufelmänner
alle Berantwortlichfeit zu übernehmen N. Er ernannte daher
die ſechs älteften Gefährten Mohammeds zu Candidaten des
Chalifats; wer von diefen jehs am meiften Stimmen erhalte,
der follte Fürft der Gläubigen werden. Dieſe fehs waren:
Al, Othman, Abd Errahman, Zubeir, Talha und Saad Ibn
Wakkaß. Diefe Berfügung wäre zwar zur Verhütung des
Bürgerkriegs ungenügend gewefen, da ja bei jehs Wählern
leicht die Stimmen hätten getheilt fein können, wenn nicht
Abd Errahman eigentlich mehr Borftand und Leiter der
Wähler 2) als Mitftimmender gewefen wäre. Nur die Uns
1) Auf die Frage, warum er feinen Sohn nit zum Nachfolger
ernenne, foll er geantwortet haben: es ift genug, daß einer der
Söhne Adij’s (fo hieß das Geflecht, zu dem er gehörte) über das
Wohl der Mufelmänner unter feiner Herrſchaft Rechenſchaft abzu—
legen habe. Nah Andern foll er geantwortet haben: er ift deſſen
nit würdig, Fann er es doc nicht einmal über ſich gewinnen, ſich
von feiner Frau ſcheiden zu laſſen. Auch foll er Ali und Othman
gewarnt haben, falls die Wahl auf fie fiele, ihre Verwandten nicht
zu jehr zu begünftigen.
2) Dmar wollte Abd Errahman zum Nachfolger beftimmen, er
lehnte es aber ab, erbot ſich jedoch nad des Chalifen Tod, den Mu—
felmännern zu rathen; dies wollte Omar nicht, fondern trug ihm
auf, die fünf genannten Männer zufammenzurufen und ihnen die
Wahl zu überlaſſen. Diefe, zur Erflärung der Verfügung Omars
höchſt wichtige Nachricht, findet man bei Tab, ©, 146, u, Abulfeda
9
130 Zweites Hauptſtück.
entfchiedenheit oder die Abweſenheit eines der fünf Wähler
machte es, wie wir in der Folge fehen werden, nothiwendig,
dag zulest Abd Errahman durch feine Stimme entfdhied.
Damit aber die Entfcheidung nicht zu lange ausbleibe, zus
gleih aud die Wähler ungeftört fi berathen könnten, follten
fünfzig Mann das Haug bewachen, in weldem die Wähler
zufammentraten, mit dem Auftrage, feinem Fremden den Zu-
tritt zu geitatten, aber auch den Wählern nicht daſſelbe zu
verlaffen, falls fie am dritten Tage noch zu feinem Refultate
gefommen wären 1). Auch follte, damit Keiner als Imam
ein factifches Recht anfpreche, wie dies Abu Bekr nah dem
Tode Mohammeds that, bis zur Entfeheidung, feiner der
Candidaten, fondern Suheib, ein ſchlichter anfpruchsiofer Ge—
lehrte, der Gemeinde vorbeten 2). Seine eignen Angelegen-
heiten hatte Omar bald geordnet. Die Schulden, die er hin—
terließ, ſollten ſeine Stammgenoſſen, die Söhne Adij's, be—
zahlen, und Aiſcha ihm geſtatten, daß er auf dem ihr gehö—
renden Boden, neben Mohammed und Abu Bekr, begraben
werde. Nachdem ihm dieſe beiden Wünſche gewährt waren,
ſah er mit Ruhe und Ergebung dem Tode entgegen, der ihn
den 26ten Dſul Hudjah des 23ten Jahres der Hidjrah (3ten No—
vember 644) son feinen Leiden befreite 2). Ueber die Dauer
©. 250. Daß Omar zunähit Abd Errahman als Nachfolger im
Auge hatte, geht jhon daraus hervor, dag er im Augenblide, wo
er verwundet ward, ihn beauftragte, das Gebet mit der Gemeinde
au verrichten.
1) Sujuti ©. 171.
2) Dfahabi ©. 145.
8) Die Traditionen weichen von einander ab, fowohl in Betreff
des Todestages als der Beerdigung. Vergl. v. Paten, Gefcichte
der Todtung Dmars aus der Ehronif des Diarbefri ©. 7 ur 11 des
arab. Terted. El Mafin ©. 25. Abulfeda ©. 250 und Abul Fa-
radj ©. 179, Ich folge Tabari ©. 147 und Nawawi ©. 460, wel:
cher den Todestag auf Mittwoch fest, dann die Berathung der
Wähler drei Tage dauern läßt und als den vierten, an welchem
Omar. 131
von Omar's Leben ſind die Traditionen nicht einig, manche
geben ihm nur ein Alter von 59 Jahren, andre von ſechs
und ſechzig. Seine Regierung, vom Tode Abu Bekr's ge—
rechnet, hatte zehn Mondjahre, ſechs Monate und vier Tage
gedauert. In der That herrſchte aber Omar, nur wenige
Falle ausgenommen, nicht nur von dem Tode Mohammeds,
fondern von dem Tage an, als er fih zum Islam befannte;
denn er war nicht nur feines Vorgängers, fondern auch des
Propheten vertrautefter Rathgeber und Leiter. Es war nie
eine Meinungsverfchiedenheit unter den Mufelmännern — fp
lautet eine alte Tradition — ohne daß bald darauf ein Ko—
ransvers erfchten, welcher zu Gunften Omars entfchied. Omar
rietb dem Gefandten Gottes, — fo lautet eine andere Ueber:
lieferung — die Stätte Abrahams zum Gebetsorte zu bes
ftimmen, und es erfchien der Koransvers, welcher dieſes vor—
fhrieb. Das Gleiche geſchah, als er ihn auf die Unfchieklichfeit
aufmerffam machte, daß jedermann feine Gattinnen erblicte,
indem ihnen von Gott befohlen ward, fich zu verfchleiern.
Auch der Tadel, welchen Omar gegen das Auslöfen der Ge-
fangenen von Bedr ausfprad, ward nachher durch eine gött—
liche Offenbarung wiederholt und die Hinrichtung der Götzen—⸗
biener auf eine Zeit lang zum Geſetze gemacht ). Als
Dthman gehuldigt ward, Sonntag den erften Muharram des J. 24
nennt, weil auch in den meiften andern Traditionen, wo der Tag
des Monats anders lautet, doc Mittwoch als der Todestag genannt
wird, mir aber doch wiſſen, dag Mittwoch der 26te Dful Hudjah
war, "Mad Andern, fährt Tabari fort, ward er Mittwoch verwun—
det, lebte aber nod) bis Samſtag Abend und ward Sonntag begra:
ben. Rah Dſahabi (©. 145) ftarb er den 26ten, ward aber erft
den eriten Muharram beerdigt. Bei Bekri ward er Mittwoch den
2öten verwundet und am letzten des Monats begraben.
1) Bekri, Sujuti ©. 134 u. 136 und Nawawi ed, Wüften-
feld ©. 453 und 455. Die Stelle im Koran, welhe ſich auf die
Gefangenen von Bedr bezieht, Sautet: Es war Feinem Propheten
geftattet, Gefangene zu machen, bis er ihnen große Wiederlagen bei-
gebraht auf Erden, Ihr gelüftet nach Gegenftänden diefer Welt
g *
132 Zweites Hauptſtück.
Mohammeds Frauen eiferfüchtig waren, war es Omar, ber
ihm rieth, ihnen mit Scheidung zu drohen und der Korans-
vers erfchien, in welchem Gott ihm beffere Frauen verbieß,
falls er diefe verftogen würde. Auch das Verbot des Wein-
trinfens fol Dmar hervorgerufen haben, eben fo das für
Ungläubige zu beten, und das, unangemelvet in ein Haus zu
treten. Der Islam verdanfte ihm übrigens wahrjcheinlich
die meiften energiihen Maßregeln, zu welchen der furdht-
famere Mohammed und der unentjchloffene Abu Befr ohne
ihn nicht gegriffen hätten, Erſt nach Dmar’s Belehrung
wagte es Mohammed, mit feinem Glauben an das Tageslicht
zu treten, während er früher nur geheime Zufammenfünfte
mit feinen Jüngern batte ). Omar war auch der Einzige,
welcher den Muth hatte, aus feiner Auswanderung nad Me-
dina fein Geheimniß zu machen. Vor feiner Abreiie betete
er in der Kaaba und erflärte öffentlih, daß er ſich zu den
Medinenfern begeben würde, „wer Luft hat, feine Mutter
finderlos, fein Weib zur Wittwe und feine Kinder zu Waifen
(Löfegeld), Gott will aber, daß ihr des Zufünftigen würdig werdet,
Gott ift mächtig und weile. Wäre nicht Gottes Schrift vorausger
gangen, jo hätte euch für dad, was ihr empfangen, jchwere Strafe
getroffen. Sur. VII. V. 69 u. 70. Der Sinn diefer beiden, fi)
jheinbar widerfpredbenden Verſe, ift wahrfcheinlih: Euer Gelüften
nad) Föjegeld, ftatt die Högendiener zu verfilgen, war fündhaft und
ward zu Feiner frühern Zeit gejtattet, jo lange die Gögentiener noch
mächtig waren. Da es indeifen in der ſchon vorhandenen Schrift
für fpätere Zeit erlaubt war, fo mwurdet ihr, obgleih die Verſe,
welche Löfegeld geftatten, noch nicht erfchienen, doch ihretwillen vor
Strafe bewahrt.
D ©. Leben Mohammeds S. 61. Die Zahl der Mufelmänner
belief fih damals auf 40 oder 45 Mann. Daß feine Belehrung
nicht in Folge der Glten Sura ftatt fand, wie mande Mufelmänner
glauben, verfteht fih von jelbit, da diefe Sura erſt in Medina er-
fhien. Vergl. meine Einleitung in den Koran ©. 76. Wahr:
fcheinfih wurd er durch die 69te befehrt, welhe Mohammeds
Charafter als Prophet von dem eines Dichters und Wahrfagers
unterjcheidet,
Omar. 133
zu machen, der fee mir nach,” fagte er ). Omar war
einer der Wenigen, die Mohammed beiftimmten, den Me
kanern, troß ihrer überlegenen Zahl, nad Bedr entgegen zu
ziehen ). Er vertheidigte in dem unglüdfichen Treffen bei
Ohod den Hügel, auf welden Mohammed fih geflüchtet
hatte 3), und harıte aud in der Schladht von Honein bei
ihm aus 9). Furcht und Halbheit Fannte Dmar nicht, aber
feine Kühnheit und Entfchloffenheit hätte dem neuen Glauben
und jungen Staate verderblich werden fünnen, wenn fie nicht
viele Fahre hindurch durch Mohammeds Klugheit in Zügel
gehalten worden wären. Mohammed wollte vor allem die
Medinenfer fchonen, und darım gab er Omar fein Gehör,
als diefer den Kopf des Abd Allab Ibn Ubeji 5), eines ihrer
Häuptlinge, verlangte, ja er ließ ſich fogar nicht von ihm
abhalten, noch für feine Seele zu beten, obgleich er nachher
es nicht mehr geftattete, der Ungläubigen Grab zu betreten 6),
Diefelbe Rückſicht nahm auch fpäter Abu Befr, und gab es
darum nicht zu, dag Dmar den Saab Jon Fbada erfchlage,
welcher ihm die Huldigung verweigert. Auch die Mefkaner
wollte Mohammed nicht erbittern, darım warb dem Abu So—
fian das Leben gefchenft, obaleih Dmar ihm zu töbten
1) Sujuti ©. 127.
2) ©. Leb. Moh. ©. 107.
8) A. a. O. ©. 128.
4) 4. a. O. S. 233.
5) Diefer hatte, bei einer Rauferei zwifhen Meffanern und
Medinenfern, zu legtern gejagt: uns geht es, wie das Sprüchwort
lautet: Mäfteft du deinen Hund, fo frißt er dich auf. Er machte
ihnen dann Vorwürfe darüber, daß fie die Mufelmänner fo gut auf:
genommen und drohte fogar Lekteren wieder mit dem Eril. Siehe
a. a. D. ©. 148.
6) A. a. D. ©. 283 u. Sur X. V. 82 u. 86. Sm Erſten heißt
ed: bete für fie oder nicht, Gott verzeiht ihnen doch nicht, und im
Letztern ift es ihm abfolut verboten, für fie zu beten und ihr Grab
zu befuchen.
134 Zweites Hauptſtück.
wünfchte ). Am entjchiedenften war fein Widerfpruch gegen
Mohammed bei dem erften Zuge nah Mekka, als diefer fic,
um den Krieg zu vermeiden, in Hubeibia, am Weichbilde der
heiligen Stadt, entſchloß zurüdzufehren, ohne die Pilgerfahrt
vollzogen zu haben. Da jagte Omar 2): Bift du nicht der
Gefandte des Herrn? find die Meffaner nicht Ungläubige und
wir Gläubige? Warum follen wir unferm Glauben eine
ſolche Schmad zufügen laſſen?“ Nur einen Fall haben wir
erwähnt, wo Dmar mehr Nachgiebigfeit als Abu Bekr ges
zeigt, es war nad) dem Tode Mohammeds, als er, um ben
allgemeinen Aufruhr Teichter zu bemeiftern, dem Chalifen rieth,
einigen Stämmen die Almoſen- oder Armenfteuer zu erlaffen.
Dies und die Beibehaltung Chaliv’s als Feldherr, waren
übrigens auch die einzigen Fälle, in denen Abu Bekr einige
Selbftftändigfeit zeigte, im Uebrigen war Omar, der ihn zum
Chalifen erhoben, der eigentliche Herrſcher, wie wir dies ja
aus Abu Bekr's eignem Munde vernommen ?). So wie
jener Rath mit feiner fonftigen Entfchiedenheit in Widerfprud)
ſteht, fo läßt fich feine fchon erwähnte Nachficht gegen Mu-
ghira, mit feiner fonfligen, an Härte und Graufamfeit gren-
zenden Strenge gegen jeden Uebertreter des Geſetzes, nicht
vereinbaren. Seinen eignen Sohn foll er wegen des Wein-
trinfeng und eines unfittlichen Lebensmandels öffentlich in ber
Moſchee haben zu Tode geigeln Iaffen ?), und Mughira, deſſen
fittenlofes Leben doch jedenfalls erwiefen war 9), ward nicht
2) 1.0. D. ©.
3) ©. oben ©. 9.
96. Vlaten a. a. O. ©. 21 u. ff. Auch den Ghaffanidenfürft
Djabala behandelte Omar wie jeden gemeinen Mufelmann, als er
einem Pilger einen Schlag auf die Naje verfegte, fo dag jener nad
Eonftantinopel floh und wieder zum Chriftenthume zurüdfehrte. ©.
Abulfeda I, ©. 234.
5) Im Koran werden allerdings vier Zeugen gefordert, daß
aber, in einem Falle wie bei Mughira, wo drei ein vollftändiges
Dmar, 135
nur freigefprochen, fondern fogar nach einiger Zeit wieder
zum Statthalter von Kufa ernannt. Die Art, wie er zu
diefer Stattbalterfchaft gelangte, ift für fein Verhältniß zu
Dmar fo bezeichnend, und dient fo fehr zur Charafteriftif der
Stadt Kufa, weldhe in den fpätern Unruben eine große Rolle
fpielt, daß wir die ganze darauf bezüglidye Stelle aus Tabari
bier I) anführen wollen: „In diefem Jahre (21 der 9.) be:
Hagten fi die Bewohner yon Kufa über Ammar Ibn Jaſir.
Da fagte Omar: ich weiß nicht, wie ich es mit dieſen Leuten-
in Kufa machen foll. Sende ich ihnen eine hohe Perfon wie
Saab, find fie nicht zufrieden, und ernenne ich einen minder
angefehenen Statthalter, wollen fie ihn wieder nicht. Er ließ
denn Djubeir Jon Mutim rufen und fagte ihn: ich ernenne
dich zum Statthalter von Kufa, reife dahin, aber fprich mit
Niemanden darüber, ehe du daſelbſt anlangit, damit die Ku—
faner nicht im Voraus fagen, er ift ein guter oder ein ſchlech—
ter Statthalter. Als Mughira Jon Schuba, der damals in
Medina lebte, vernahn, dag Omar mit Djubeir eine geheime
Unterredung gehabt, ſchloß er daraus, daß er ihm irgend
eine Statthalterfchaft verliehen, nur wußte er nicht, welche.
Er jagte daher feiner Frau: geh’ in das Haus Djubeir's
und ſuche von feiner Frau zu erfahren, wohin ihr Mann
reift. Mughira's Frau folgte diefem Befehle und da fte Dju-
beirs Frau mit Einpaden beſchäftigt fand, war es ihr leicht,
das Ziel der Reife zu erfragen und jene machte fein Ge-
heimniß daraus, obſchon Djubeir ihr Schweigen geboten hatte.
Sobald Mughira durdy feine Frau vernahm, daß Djubeir
zum Statthalter von Kufa ernannt, begab er fih zu Omar
und fagte ihm: Welchen Dann haft du zum Vorgeſetzten der
Zeugnig ablegen, das eines Vierten, weil es nicht fo entſchieden
lautet, ungültig fei, davon ift Feine Rede und eine folhe Auffaffung
des Geſetzes mußte es natürlich ganz unanwendbar machen, und die
Selbftrahe des Mannes zur Folge haben.
1) ©. 131.
136 Zweites Hauptſtück.
Mufelmänner für einen Drt wie Kufa beftimmt! — Nun
wen? — Djubeir Ihn Mutim. — Ich habe ihm doch ver—
boten, es jemanden zu fagen, woher weißt du das? — O
Fürft der Gläubigen! der ift fein verfchwiegener Mann. —
Ich weiß nicht, was ich mit diefen Rufanern anfangen foll,
ich mag ihnen ſchicken, wen ich will, fo ift ihnen Feiner recht.
— Mugbira fhilderte ihm dann den (aufrührerifchen, unbe:
ftändigen) Charakter der Kufaner und fügte: die brauchen
einen Mann, der zu regieren verftebt. Wenn dem fo ift,
verſetzte Omar, fo weiß ich feinen beffern Statthalter als
dich. Djubeir ward dann aufgegeben und Mughira nad
Kufa gefandt, wo er bis nach) Omar's Tod blieb.“
Mughira war aber nicht etwa ein edler, großer Mann,
dem Omar einen Augenbli der Schwäche verzeihen mußte.
Keineswegs, Mughira war ein Raub» und Meuchelmörber
und hatte fich als folcher, um ver Rache der Verwandten ber
Ermordeten zu entgehen, in den Schoß des Islams geflüch-
tet ). Auch fagte Othman fpäter zu Ali, der ihm die Er-
nennung fchlechter Statthalter zum Vorwurfe machte: Stebt
denn einer meiner Statthalter unter Mughira Ibn Schuba,
den Dmar zum Statthalter erhob, ohne dag ihn jemand des—
halb tadelte? Alt wußte nichts Darauf zu antworten, als
dag Dmar feine Statthalter nicht fo fich felbft überließ wie
Othman ?). Derartige einzelne Thatfachen, welche ung die
Annaliften aufbewahrt, müffen ung natürlich gegen ihre all-
gemeinen Urtheile, welche wenigftens über bie vier erften
Chalifen fo günftig als möglih lauten, behutfam machen.
Die vier erften Nachfolger Mohammeds werben von ben
Sunniten im eigentlichen Sinne des Wortes als Chalifen,
das heißt als gänzlih an die Stelle Mohammeds getretene
1) Leb. Moh. ©. 175 u. ff. Auch foll er, wie wir in der Folge
fehen werden, ald er Baßra verließ, feinen Nachfolger Saad be-
ftohen haben.
2) Tab, ©, 160,
Dmar. 137
Häupter der Mufelmänner betrachtet, denen zwar feine Offen—
barung mehr zu Theil ward, die aber doch als rechtmäßige
Herrfher unbedingten Geborfam anfprechen fonnten, deren
Wort und That, nicht weniger als die Mohammeds, Nach—
abmung verdiente. Darum war jeder von ihnen ber Gerech—
tefte, der Gelebrtefte, der Beredtefte, der Aufrichtigfte, ber
Beicheidenfte und fo fort. Sp wird unter Andern auch von
Omar behauptet, er babe, um die alte Einfachheit und Fru—
galität zu erhalten, feinen Stattbaltern I) verboten, auf einem
Pferde zu reiten, weißes Brod zu effen, feine Kleider zu tra—
gen 2). Dod hören wir wieder von Tabari ?) eine Ge—
ſchichte, die beweift, daß es damit feineswegs fo ernft fein
fonnte und daß er nicht gegen jeden fo ſtreng war, wie ges
gen Chalid und Amru, Wir theilen fie mit, weil wir aud)
zugleich den Dann näher fennen lernen, der bei den Thronftreitig-
feiten zwifchen Ali und Muawia Erfterem zum Schiedsrichter
aufgebrungen ward, „Dhobba Ibn Muhßin Fam nad Me-
dina und fagte zu Dmar: ein Mann wie Abu Mufa Ala-
{chart verdient nicht Statthalter in Baßra zu fein. Was hat
er begangen? fragte Omar. Jener erwiederte: Er hat von
den Rriegsgefangenen, welche Gemeingut der Mufelmänner
1) Masudi erzählt: (fol. 85) Omar's Statthalter lebten fo
fromm und fo einfah wie er, Einſt Elagten die Bewohner von
Him ihren Statthalter Said Ibn Amir an, er ertheile nie Audienz
bis die Sonne aufgegangen, höre Niemanden des Nachts an und
bleibe jeden Monat einen Tag ganz unfihtbar. Als Omar ihn
darüber zur Rede ftellte, jagte er: Da ich feinen Diener habe, fo
muß ich des Morgens früh felbft Brod kneten und baden. Des
Nachts bete ih zu Gott und leſe im Koran, bi mich der Schlaf
überwältigt, und da ih nur ein Oberhemd befige, jo Fann ich mic
an dem Tage, wo ich es waſche und trocdne, nicht zeigen. Omar
fchenfte ihm 100% Dinare, aber er verjchenfte felbft wieder den
größten Theil davon an Arme.
2) Sujuti ©. 144, und Dfahabi ©. 141.
8) ©, 143.
138 Zweites Hauptfiüd,
find, fechzig ſchöne Sklaven für ſich behalten. Er hat dem
Dichter Chatia für eine Kaßidah (ein Lobgedicht) taufend
Dirhem aus der Staatsfaffe gegeben. Er hat ein großes
und ein kleines Maaß, aus denen er nad) Belieben Lebens—
mittel ausmißt. Er verwaltet die Angelegenheiten der Mu-
felmänner nicht felbft, fondern Zijad führt alle Bücher, bat
auch einen Siegelring ’) wie Abu Mufa und handelt ganz
willkührlich. Er hat endlich yon feinem Vorgänger Mughira
fih durch eine hübſche junge Sklavin beftehen laffen, Die
Morgens und Abends Schüffeln voll Fleiſchſuppe erhält, wäh—
rend mander von uns den ganzen Tag feinen Biffen Brod
bat. Omar ftellte Abu Muſa über alle diefe Anflagepunfte
zur Rede, ließ ihn aber in feinem Amte, als er fih auf fol-
gende Weife vertheidigte: Die Sklaven, die ih in meinen
Dienft genommen, find aus guter Familie; ich erwarte von
ihren Verwandten ein ftarfes Löfegeld, das ich dann, dem
Gefege gemäß, vertbeilen werde. Dem Dichter Chatia habe
ich taufend Dirhem für ein Gedicht gegeben, um feine Zunge
damit zu befchneiden, und ihn für den Islam zu gewinnen,
wie dies auch der Prophet gegen Abu Sofian, Safwan und
‚ andere gethban 2). Ich babe ein boppeltes Maaß, mit dem
kleinen meffe ich die Frucht, die ich aus den öffentlichen Spei-
1) Bekanntlich werden im Driente noch heut zu Tage öffentliche
Urkunden felten von den fie ausftellenden Behörden unterzeichnet,
fondern bloß mit ihrem Siegel verfehen. Wenn alfo Abu Mufa
zmei gleihe Siegelringe hatte, von denen er den einen dem Zijad
gab, fo ertheilte er diefem hiedurc die unbefchränftefte Vollmacht.
2) Aber welch ein Unterfchied in Zeit und Umftänden? War
nicht der Islam jest mächtiger ald die Zunge eines Dichter8? Hat
nicht Omar den Dichter Lebid zurechtgemwiefen, weil er alle Freude
vergänglich genannt, indem er ihm bemerfte, die des Paradiefes fei
von ewiger Dauer? Gin anderer, der ſich einige Fühne Fragen über
verfchiedene Stellen des Korans erlaubte, ward mehrmals gegeißelt,
fo daß er felbft den Tod verlangte. ©. Sujuti ©. 114 und Ibn
Abd Alhakam ©. 85.
Omar. 139
hern vertheile und mit dem großen die, welche ich an Arme
verjchenfe. Zijad kann ich volles Vertrauen fchenfen, denn
er iſt der verftändigfte und geſchickteſte Schreiber, den id) fin-
den fonnte. Mugbira bat mir eine anmuthige Sklavin ge-
fhenft, aber nicht um mich zu beftechen, fondern aus reiner
Freundſchaft; er hatte nichts von mir zu fürdten und ich
bedurfte feiner Gefchenfe nicht.” Alle diefe Eutfchuldigungen
lieg der firenge Omar gelten, während er doch, um nur Eines
zu erwähnen, Chalid, der den Dichter Aſchath befchenfte, aufs
Gemeinfte behandeln und ihm jagen ließ: „haft du dag Ge-
ſchenk aus der Staaisfaffe genommen, fo bift du ein Dieb,
baft du e8 von dem Deinigen gegeben, fo bift du ein Ber-
ſchwender.“
Mochte aber auch Omar gegen manche ſeiner Freunde
nachſichtig ſein, ſo war er doch bemüht, ſelbſt ein Beiſpiel der
ſtrengſten Frugalität zu geben und als Gebieter über die ſchönſte
Hälfte der alten Welt, noch in jeder Beziehung ſo einfach
wie ehedem als armer Hirt zu leben. Gerſtenbrod und Oli—
ven bildeten ſeine gewöhnliche Nahrung, einige Kiſſen, mit
Palmenfaſern gefüllt, ſeine Lagerſtätte. Er hatte nur zwei
Röcke, einen für den Sommer und einen für den Winter,
beide vielfach geflickt ). Bei den Pilgerfahrten, von denen
er feine einzige verfäumt haben foll, nahm er nie ein Zelt
mit, fordern befchattete fi mit feinem Kleide oder mit einer
Matte, die er an einen Baum oder Pfahl hing 2). Er ritt
ſtets auf Kameelen, nie auf Pferden, felbft bei feinem Einzug
in Serufalem ließ er fih von Abu Ubeida fein Pferd auf
dringen, noch ein anderes Kleid ftatt des alten wollenen, das
er auf dem Leibe hatte. Chen fo wenig Grund haben wir,
troß den angeführten Beifpielen willführlicher Juftizübung, zu
zweifeln, daß er im Allgemeinen um die Gerechtigfeitspflege
viele Verdienfte hatte, da er in allen bebeutenden Städten bes
1) Betri.
2) Dfahabi ©. 141 u. 142.
140 Zweites Hauptftüd.
Reiches Richter einfegte, welhe, den Vorſchriften und ber
mündlichen Ueberlieferung Mohammeds gemäß, Recht ſprechen
follten ). Auch für die Sicherheit in allen ihm unterworfe-
nen Ländern trug er große Sorge. Er foll einft gefagt ha—
ben: Wenn einem Hirten an den Ufern des Euphrats oder
des Tigris ein Schaaf entwendet wird, fo fürchte ih, daß
mich einft Gott darüber zur Rede ftelle ). Für die Sicher-
heit in Medina wachte er perfönlich, indem er oft mitten in
der Nacht aufftand und die Runde machte. Eines Nachts
merkte er Abd Errafman aus dem Schlafe und forderte ihn
auf, ihn zu begleiten, weil eine flarfe Karawane angefommen
war, ber leicht etwas entwendet werden fonnte, und durch—
wachte dann mit ihm die ganze Nadıt, während die Kameel-
treiber fchliefen ?). Ein andersmal trieb ihn eine ähnliche
Beranlaffung mit Zeid Ibn Aslam zur Stadt hinaus, da ſah
er eine Frau mit einigen Fleinen weinenden Kindern, Die
Frau ftellte einen Topf über das Holz und fagte zu den Kin—
dern: weinet nicht, fchlafet nur einftweilen, bis das Nachteffen
gefocht ift, dann fuhr fie, Yeife vor ſich hin fprechend, fort:
Gott wird ung Recht verfehaffen gegen Omar, der jet mit
sollem Bauche fchläft, während ich bier mit meinen Kleinen
hungrig die Nacht durchwache. Dmar vergog Thränen, ale
er dies hörte und fragte die Frau, welch Unrecht Omar ge-
gen fie begangen? Er hat meinen Mann in den Krieg ge
fehickt, antwortete fie, wo er umkam, und nun bin ich brodlos
mit dieſen Fleinen Kindern, die vor Hunger nicht einfchlafen
fönnen und die ih, um ihre Thränen zu ftillen, auf jenen
1) Sujuti ©. 151.
2) Tab. ©. 148.
3) Abulfeda ©. 250 u. Tabari ©. 148. Derfelbe erzählt auch,
daß Omar an einem jehr heißen Tage felbft die Kameele zeichnete,
welhe Staatsgut waren und denen, die ſich Darüber wunderten, fagte:
Gott hat fie meiner Obhut anvertraut und wird einft von mir Re:
chenſchaft darüber begehren.
Omar. 141
Topf vertröftet, welcher nichts als ein bißchen Waffer enthält.
Dmar lief dann in die Stadt, kaufte Mehl und Schmalz,
brachte es der Frau, ließ Zeid Feuer machen, und fagte zur
Frau, nachdem er mit eigener Hand eine Mehlſpeiſe zubereitet
und fie ihr dargereicht hatte: fättige dich und deine Kinder!
danke Gott und bete für Omar, der eure traurige Lage nicht
fannte ), Außer der Anftellung von Richtern, der Feſtſetzung
der Aera, der Anordnung einer Finanzfammer und einer ge-
wiffen Penftionsanftalt werden ihm noch manche andere Ver—
fügungen zugejchrieben, die aber entweder von feiner hiftori-
ſchen Wichtigkeit find, wie das fogenannte Ruhegebet (Tarwih)
im Ramadhan ?), das Geigeln der Weintrinfer, das Augdeh-
nen der Armenfteuer auf Pferde, Feftfegung der Entfehädigung
für ein verlegtes Glied, oder auch bezweifelt werden müffen,
wie das Verbot der Miethehe 3) und die Todesſtrafe für ei-
nen Rebellen ). Das Berbot, eine Sklavin zu verkaufen,
welhe Mutter geworden 5), würde ihn ehren und für feine
Humanität zeugen, wenn wir nicht wüßten, daß bie armen
Berber ihre Kinder verfaufen mußten, um ben ihnen aufer-
legten Tribut aufzubringen und wenn er nicht bei Ermordung
eines Sklaven an die Stelle der Todesftrafe eine Entſchädi—
gung gefest hätte), Wenn wir alfo Omar auch als Er:
oberer und eigentlichen Reichsgründer an die Spike ſämmt—
licher muslimifchen Herrſcher ftellen müffen, fo fünnen wir
ihm doch als Staatsmann und Menſch nicht unbedingte Be—
wunderung zollen. Man fieht offenbar, dag es ihm weniger
darum zu thun war, den Islam von Arabien aus über alle
Theile der Welt zu verbreiten, als Arabien auf Koften der
1) Tab. ©. 149,
2) Sujuti ©. 151. Xbulfeda ©. 252.
3) ©. Leben Mohammeds S. 425.
4) Sujuti ©. 101.
5) Abulfeda ©. 252.
6) Sujuti S. 108,
142 Zweites Hauptſtück.
übrigen Welt zu flärfen und zu bereichern. Die fremden
Bölfer follten nur in Feſſeln gefchlagen, aber nicht gebeſſert
und veredelt werden, was doch allein einen „heiligen Krieg“
rechtfertigen Fann. Sie jollten nicht mit den Schriftgelehrten
und Predigern, fondern nur mit den Steuereinnehmern in
Berührung fommen. Seine Statthalter durften fi, nament-
lich gegen Nicht-Mufelmänner, alle möglichen Bedrüdungen
erlauben, wenn fie nur, wie dies Iange Zeit bei den Türfen
der Fall war, die Früchte ihrer Erpreffungen in die Haupt-
ftadbt fandten D. Das Bertreiben der Chriften aus Nadjran
und der Juden aus Cheibar beweift, dag ihm unter gewiffen
Umftänden felbft Verträge, die Mohammed gefchloffen, nicht
heilig waren. Eben fo beweift ung der Rath, den er Abu
Bekr ertheilte, den Rebellen die Armenfteuer zu erlaffen, daß
ihm, wo es die Berhältniffe geboten, ſelbſt die Borfchriften
des Korans nicht mehr das Höchfte waren ?). Seine Härte
gegen Chalid und Amru im Bergleihe zu feiner Nachficht
gegen Mughira, Abu Mufa und Andere geftatten ung endlich
auch nicht ihn für fo ſtreng rechtlich und unparteiiſch zu hal-
ten, als jeine mufelmänniichen Panegyrifer ung glauben laſſen
möchten.
Bon Dmar’s Familienleben ift ung wenig befannt, doc
wiffen wir — und das zeigt doch auch, daß er nicht gerade
Gott und dem Islam allein lebte — daß er fieben Ehen
gefchloffen, davon drei in Meffa und vier nach der Auswan-
1) Dies geht befonders aus feiner Correfponden; mit Amru
hervor, aus dem Vertrage, der mit den Berbern gefchloffen worden,
und endlich aus der erfolglofen Klage des Perſers Firuz.
2) Die Mufelmänner fuhen Omar zu rechtfertigen, aber fol:
gende Stelle des Korand fpricht doch offenbar gegen Omar's Anficht.
Wenn die heiligen Monate vorüber find, fo tödtet die Gögendiener,
wo ihr fie findet, ergreifet fie, belagert fie, lauert ihnen auf jede
Meife auf! Wenn fie fi aber befehren, Gebet verrihten und Ar:
menſteuer geben, fo laifet fie ihres Weges gehen. Gott ift gnä—
dig und barmherzig (Sur. X. V. 5).
Dmar 143
derung nad Medina, worunter eine mit einer Tochter Ali's,
und daß er zwei Sflavinnen hielt I), die ihm aud Kinder
gebaren. Um zwei andere Frauen ließ er dur Aifcha wer:
ben, ward aber von ihnen verfchmäht. ine Tochter Otba's
wellte nicht fein Weib werden, weil er aus Eiferfucht ftets
feine Frauen einfchloß, was uns um fo eher glauben läßt,
daß die im Koran den Frauen vorgefchriebenen Befchränfun-
gen von ihm berrühren. Die andere, Asma, eine Tochter
Abu Bekr's, fürdtete die fchlehte Koft Omar’s, der feine
Familie mit Gerftendrod und Kameelfleifch nährte I). Dmar
war aber fo verliebt in Asma, dag Aiſcha nicht den Muth
batte, ihn ihre verneinende Antwort zu bringen und deshalb
mit Amru Ibn Aaß ſich berieth. Diefer begab fi zu Omar
und fagte ihm: Ich habe gehört, du wollteft Asma, die Tod:
ter Abu Befr’s, heiratben, ich rathe aber nicht dazu, denn fie
ift frei unter ihren Brüdern aufgewachfen ) und paßt nicht
zu einem jo ftrengen Gebieter, wie du bift. Wer weiß, ob
fie fi deinen Einfchränfungen fügen wird und beffagt fie fi
über deine Härte, fo werden die Leute ſich ihrer, als ber
Tochter Abu Befr’s, annehmen und dich tadeln. Diefe Lift
gelang und Aiſcha ward mit weitern Aufträgen an ihre Schwe—
fter verſchont . Auch Ali gab ibm feine Tochter nicht gern
1) Tabari ©. 147. Er hatte acht Söhne: Abd Allah, Ubeid
Allah, drei, welche Abd Arrahman biegen und fih durch den Zufat
der Xeltere, Mittlere und Süngere von einander unterfchieden, zwei,
welhe den Namen Zeid führten und einer, deffen Name unbekannt,
Seine vier Töchter biegen: Zeinab (foll wahrſcheinlich Hafßa heißen),
Fatima, Rukejja und Zeinab. Lestere, fo wie Abd Arrahman der
Süngere, hatten Sklavinnen zu Müttern. Nach Bekri hatte er neun
Söhne. Auch lauten die Namen bei diefem zum Theil andere. Eben
fo bei Platen a. a. D. aus Diarbefri ©. 12 u. ff.
2) Tab. ©. 148.
3) Daraus geht hervor, daß er fie mehrere Sahre nah Abu
Bekr's Tod erft heirathen wollte, aljo etwa fhon im 60. Lebensjahre.
4) An ihrer Stelle heirathete er dann Ali's Tochter, Umm
Kolthum, welche ihm Zeid den Xeltern und Rukejja gebar.
144 Zweites Hauptſtück.
zur Frau, konnte fie ihm aber nicht verfagen, weil er öffent-
lich um fie warb D.
Obgleich aber Mi in den legten Jahren von Omar's
Regierung fein Schwiegervater geworden, fo fcheint doch —
und das fpricht wie manches Andere noch gegen den reinen
Charakter Omar's — nie ein freundfchaftliches Verhältniß zwi—
fhen ihnen beftanden zu haben. Wir fehen Alt, der unter
Mohammed in allen Schlachten der erjte war, weber als
Feldheren im Kriege, noch als Statthalter einer der eroberten
Provinzen. Auch zeigt die folgende Chalifenwahl, dag er ihn
wenigftens in den darüber getroffenen Vorfehrungen feines-
wegs begünftigt. Alt hatte aber doc, das haben wir im Le—
ben Mohammeds gefeben, große Verdienſte und es wird ſich
noch in der Folge zeigen, daß er einer der tüchtigern Feld—
herren war, die ber Islam hervorgebradt. Im Andenfen
der Mufelmänner hat fih übrigens Omar fchon wegen
der großen Macht und Ausdehnung, welche unter ihm das
Reich des Islams erlangt, als der größte Herrſcher erhal-
ten, Als Eroberer verdient er aber auch, obgleich er nicht
feroft Feldherr war, die größte Bewunderung, denn mit
1) Man fieft im Chamis hierüber: Omar warb zur Zeit feines
Shalifats um Umm Kolthum, die Tochter Ali's. Alt fagte ihm aber:
meine Tochter ift nocdy zu jung zum Heirathen. Omar wollte dies
nicht glauben. Da ſchickte fie Ali zu Omar mit einem Kleide. Die:
fer entfchleierte ſie und wollte fie zu ſich ziehen, fie entwand fich ihm
aber, Tief zu ihrem Vater zurück und erzählte ihm, wie fih Omar
fo unanftändig gegen fie benommen. Alt fagte ihm hierauf: wäreft
du nicht Chalife, ich würde dir die Nafe zerfchlagen und die Augen
ausfragen. Omar warb aber noch einmal um fie im Angefichte der
angefeheniten Ausgewanderten und Hülfsgenofjen und gab ald Grund
feiner Werbung an, dag Mohammed einft gejagt: jede Verwandt:
fchaft und Verſchwägerung hört am Tage der Auferftehung auf, nur
die mit mir nicht. (Umm Koltyum war bekanntlich eine Enkelin
Mohammeds.) Ali ging nah Haufe und fagte zu feiner Tochter:
geh wieder zu Omar! Gie verfegte: willft du mich nochmals zu
diefem alten Wollüftling ſchicken? Ali erwiederte: er ift dein Gatte.
Dmar. 145
feinen mehr an Raubzüge als an Krieg gewöhnten Beduinen
gelang es ibm, das perſiſche Reich zu zernichten und dem
byzantinischen die fchönften Provinzen zu entreigen. Er fonnte
bei feinem Tode über die ganze weite Strede von Tripoli
in Afrika bis nad Dftperfien und von Bab-el-Mandeb big
an den Kaukaſus und den Drus gebieten, fo verftand er eg,
bei den Truppen, den Mangel an Disciplin und Kriegstaftif
duch religiöfen Eifer, Tapferkeit und Kühnheit zu erfegen,
Den Einen zeigte er das Paradies mit den Huris, welde
der im heiligen Kriege Gefallenen ſehnſuchtsvoll harren, den
Andern allen Reihthum und allen Genuß der Erde, welde
die zu befiegenden Länder in fich fchloffen. Wir dürfen ung
daber nicht wundern, wenn man nach feinem Tode nicht nur
ihn mit allen Tugenden ausfhmücte, fondern auch nod in
feine Geſchichte manches Wunderbare einflocht. Wir haben
ſchon berichtet, wie er einft auf der Kanzel in Medina einem
in Perfien kämpfenden Feldherrn die Stellung angegeben has
ben fol, die ihn vor dem Untergange gerettet. In einem
Hungerjahre fol auf fein Gebet um Regen ſich fogleich eine
Wolfe über das Gebiet von Medina entladen haben ’). Fer:
ner wird erzählt: „Der Nil wollte im erften Jahre nach der
Eroberung Amru’s nicht feigen, fo daß die Egyptier ver»
zweifelten und ihm, ihrer alten Sitte gemäß, eine reich ge-
ſchmückte Jungfrau opfern wollten, Amru wollte als Mufel-
mann fein Menfchenopfer dulden. Als aber der Nil immer
abnahın, fragte er Dmar um Rath. Diefer fehrieb: „An den
Nil Egyptens, von Omar, dem Fürften der Gläubigen. Bift
du bisher nad) deinem eigenen Willen geftrömt, fo vertrodne!
bat aber Gott, der Einzige, Allmächtige, dir zu fliegen gebo-
ten, fo beten wir Gott, den Einzigen, Allmächtigen, an, dag
er Dir wieder zu fließen gebiete.“ Diejes Briefchen fandte
Omar dem Amru mit einem andern Schreiben, in weldem
er ibm befahl, e8 in den Nil zu werfen. Amru that dies
1) Abulfeda ©. 244,
10
146 Zweites Hauptftüd.
am Tage vor dem Feite der Kreuzigung (14. Sept.), als
fhon die Kopten aus Berzweiflung fih anſchickten, Egypten
zu verlaffen, und gleich in der folgenden Nacht ftieg der Nil
um ſechszehn Ellen H.
Wir erzählen noch zwei andere Wunder, weil fie bie
hohe Meinung, die man bald nah Dmar’s Tod von ihm
batte, darthun, ung aber auch um fo mehr felbit gegen das
hiſtoriſch Mögliche, welches die Mufelmänner von ihm be-
richten, mißtrauiſch machen müffen.
„Einft famen griechiſche Gefandte nad Medina, um mit
Dmar zu unterhandeln. Dmar lag allein im Garten auf
dem Boden, den Kopf auf einen Stein gelehnt. Da faßten
die Gefandten den Entfchluß, ihn zu tödten, aber fiehe da, eg
erfchtenen zwei Löwen zu feinen Häupten, bei deren Anblid
fie ſchnell die Flucht ergriffen 2).“
Tabari berightet ?):
Dmar las gewöhnlich bei dem Morgengebete, nad) dem
Beifviele des Propheten, zwei Suren aus dem Koran, eine
lange nad) der erften und eine furze nad) der zweiten Sinie-
verbeugung. Eines Tages las er aber mit großer Eile zwei
fleine Suren und forderte, nach vollendetem Gebete, die Ge—
meinde auf, ihm zu folgen, um ihren Freund zu empfangen.
Die Leute fahen einander vor Erftaunen an, denn Niemand
wußte, was Dmar von ihnen wollte. Aber faum waren fie
1) Son Abd Alhakam ©. 82. Es ift ſchwer zu beftimmen, auf
welcher hiftorifchen Grundlage diefe Sage beruht, denn wir konnen
nicht glauben, daß die Kopten wirflih eine Sungfrau in den Nil
warfen, da felbft die alten Eayptier feine Menjchenopfer brachten.
Vielleicht warfen fie, wie dies noch heut zu Tage bei Eröffnung des
Kanals alljährlich in Kahira gefchieht, eine als Sungfrau gefhmücdte
Puppe unter dem Namen „Nilbraut” in den Strom und widerfegte
fih Amru auch dieſem alten Aberglauben. f. eine Befchreibung
eines folhen Feftes bei Lane mod. Egypt. II. p. 260 u. ff.
2) Befri.
3) ©. 149,
Omar. 147
vor dem Thore der Stadt, als ein Jüngling und eine Jung—
frau daher zu reiten kamen. Omar ſagte, als er ſie erblickte,
zu ſeinen Gefährten: dies ſind unſere Theuern, die wir in
die Stadt geleiten wollen. Es hatten ſich nämlich bei der
Belagerung einer Feſtung in Syrien zwei muſelmänniſche
Krieger, welche Brüder waren, dermaßen ausgezeichnet, daß
die Griechen bei einem Ausfalle es ganz beſonders darauf
anlegten, ihrer habhaft zu werden. Vermöge eines verbor—
genen Hinterhalts gelang es ihnen auch, den einen zu tödten
und den andern gefangen zu nehmen. Als man ihn vor den
König jener Stadt brachte, ſagte dieſer: Es wäre unmännlich
von uns, wenn wir dieſen Jüngling tödteten, doch können
wir ibn auch nicht frei laſſen. Wenn wir ihn nur zum Chri—
ftentbume befehren könnten, der würde uns vortreffliche Dienfte
leiften.. Da fagte ein angefehener Priefter; gebet mir ihn,
ih will ſchon einen Chriften aus ihm machen, Wie fo denn?
fragte der König. Der Priefter antwortete: ich habe eine
jhöne Tochter, der es bald gelingen wird, ihn für ung zu
gewinnen. Der Gefangene ward dem Priefter übergeben, ber
ihn mit in fein Haus nahm und feiner Tochter ſagte: Be—
diene diefen Jüngling und wenn er fi dir nähern will, fo
fage ihm: das fann nicht fein, bis du meinen Glauben an-
nimmft. Das Mädchen Tegte ihre fchönften Kleider an und
begab fi zu dem Mufelmanne, diefer fah fie aber mit kei—
nem Auge an. Das Mädchen ward aber bald in ihn ver-
liebt und eines Tages, als fie hörte, wie er den Koran las,
trat fie zu ihm hin und legte das islamitiihe Glaubensbe-
fenntnig ab. Als nad einiger Zeit der Priefter feine Toch—
ter nach dem Gefangenen fragte, fagte fie: ich habe ihn fchon
erweicht, doch ift er immer noch ſehr niedergefchlagen, es
wäre daher ratbfam, ihn aufs Land zu fhiden, damit er in
der freien Luft erftarfe und mit frohem Muth unfern Glau—
ben annehme. Seine Liebe zu mir ift fo groß, daß er, felbft
wenn man ihm die Freiheit fchenfte, fih nimmermehr von
| 10*
148 Zweites Hauptftüd.
mir trennen würde, Der Priefter fandte fie auf ein Gut,
das er vor der Stadt beſaß, aber fie beftiegen bald zwei
Pferde und flohen nad Medina, wo fie gerade an dem
Morgen anlangten, als Omar das Gebet abfürzte, um ihnen
entgegen zu geben.
Drittes Hauptſtück.
Othman.
Die Chalifenwahl. — Othman wird zum Chalifen erwählt. —
Läßt einen Mörder unbeftraft. — Ernennt neue, verhafte Statt:
halter. — Sonftige Neuerungen Othmans. — Berluft und Wieder:
eroberung von Alerandrien. — Feldzug gegen Gregorius in Afrika.
— Aufruhr und Krieg in Perfien. — Dihman bevorzugt feine Ver:
wandten. — Empörung in Egypten, in Kufa und Baßra. — Unzu—
friedenheit und Verfhmwörung in Medina. — Ali, Talda und Zubeir.
— Othman veranſtaltet eine neue Nedaction des Korans. — Läßt
‚die ältern Abjchriiten verbrennen. — Abd Allah Son Magud wird
eingeferfert. — Abu Diurr wird verbannt. — Alt begleitet ihn. —
Wortwechſel zwischen diefem und dem Chalifen. — Gr nöthigt Dth:
man den Statthalter von Kufa zu entjegen. — Benehmen feines
Nachfolgers. — Abu Muſa von Bafra entfernt. — Sektenweſen in
Egypten zu Gunſten Ali's. — Vertreibung des Statthalter von
Kufa. — Zug der Rebellen nad Medina. — Othmans Rede an
diefelben. — Abzug der Rebellen. — Othmans Schreiben und ihre
Wiederkehr nach Medina. — Belagerung des Valaftes des Chalifen.
— Deffen Erftürmung und Othmans Ermordung. — Mitſchuld Ali's
und anderer Gefährten ded Propheten.
Als die von Dmar zu Kanditaten des Chalifats be-
fiimmten Häupter der Araber fi verfammelten und aud Alt
eingeladen ward, fagte ihm fein Oheim Abbas; „Nimm feinen
150 Drittes Hanptflüd.
Antheil an der Wahl, denn auf dich fällt fie doch nicht, Omar
liebte die Söhne Haſchims nicht und hat dich nur unter den
andern vorgeichlagen, um durch deine Alnmwefenheit der auf
einen andern fallenden Wahl mehr Gewicht zu geben. Alt
glaubte aber nicht, daß es möglich wäre, dag man ihm irgend
einen Andern vorziehe, und begab ſich in Aiſcha's Wohnung,
wo die Wahl ftatt finden follte. Zwei Tage vergingen in
leeren Debatten, ein jeder fuchte feine Verdienſte hervorzu—
heben und feine Anfprühe auf das Chalifat zu begründen,
oder die eines andern zu verwerfen und manchmal ward ber
Streit fo heftig, daß Abu Talha ), der mit fünfzig Mann
das Haus bewachte, einfchreiten mußte. Am dritten Tage,
als fie wieder zufammentraten, fagte ihnen Abu Talha: heute
darf feiner von euch diefes Haus verlaffen, bis ihr über die
Chalifenwahl einen Beſchluß gefaßt habt. Als die Verhand—
lungen aber auch an diefem Tage wieder diefelbe Wendung
nahmen, wie an ben beiden vorhergegangenen, fagte Abd
Errahman Ibn Auf: Ih fehe, dag auf diefe Weife wir zu
feinem Ziele gelangen, wenn jeder immer nur feine eignen
Anfprühe zu begründen fucht. Iſt denn feiner unter euch,
der für fih dem Chalifate entfage,”fo wie ich gethan? Nie—
mand antwortete. Abd Arrahman wiederholte diefe Frage
fünfmal und als er noch immer feine Antwort erhielt, fuhr
er fort: Ich will euch eure Aufgabe erleichtern, wollt ihr
geloben, denjenigen als Chalifen anzuerfennen, den ich als
Solchen beftimme? Alle antworteten: ja. Als jedoch die
Reihe an Ai fam, fagte er: unter der Bedingung, daß bu
nicht mit Vorliebe zu deinen Stammgenoſſen entſcheideſt ?).
1) Abu Talha ift nicht mit Talha, einem der fehs Wähler, zu
verwechfeln, auch ift er nicht der Vater diefed Talha. Sein Name
war Zeid Ibn Sahl, Son Alaswad Ibn Haram und er gehörte zu
den älteften Hülfsgenoſſen und Gefährten Mohammed's. ©. Na:
wawi ©. 350.
1) Tabari fest hinzu: „weil er (Abd Errahman) nämlich von
dem Stamme (Kabilah) des Othman war.” Das ift mir aber nicht
Othman. 151
Abd Errahman erwiederte darauf: hätte ich ſelbſtſüchtige Ab—
ſichten, ſo würde ich für mich die Herrſchaft angeſprochen
haben. Er begab ſich hierauf in ein Eck des Zimmers und
rief zuerſt Ali zu ſich und ſagte ihm leiſe: du hältſt dich, als
Vetter des Propheten, als Sprößling der Benu Haſchim, als
den erſten Muſelmann, am würdigſten die Gläubigen zu be—
herrſchen. Ich will dieß zugeben, geſetzt aber, die Wahl fiele
nicht auf dich, wen würdeſt du dann am würdigſten halten?
Dann würde ich für Othman ſtimmen, ſagte Ali. Abd Er—
rahman entließ hierauf Ali und rief Othman zu ſich. Dieſem
ſagte er: du machſt deine Abkunft von Abd Manaf, dem
Ururgroßvater Mohammeds geltend und nennſt dich Schwie—
gerſohn des Propheten, das iſt alles wahr, geſetzt aber, Die
Mehrheit wollte dich nicht zum Chalifen, wen würdeft du nad
dir für den mwürdigften halten? Keinen Andern als Alt, ant-
wortete Othman. Diefelbe Frage richtete hernach Abd Errahman
noch an Saad und an Zubeir. Erfterer ſtimmte für Alt und
Lesterer für Othman Y. Abd Errabman erhob fich jest und
recht Elar; denn Othman ſtammte von Abd Schems ab (f. Leben
Moh. S. 11) und Abd Errahman von Zuhra (ſ. Nawawi ©. 385).
Wenn Ali alfo wirklich fürchtete, dag Abd Grrahman zu Gunften
eines Stammgenoffen entjcheiden würde, jo meinte er wahrfcheiniic
Saad damit, der auch Zuhrite war. Abd Errahmans Väter hiegen:
Auf, Abd Auf, Abd Elharith, Zuhra und Saads Väter hießen:
Malif, Wahb, Abd Menaf, Zuhra. Saad's Vater war demnach
ein Bruder von Mohammed's Mutter.
1) Bon Talha ift bei Tab. ©. 151, dem ich hier gefolat bin, -
feine Rede. Auch heißt es gleich im Anfang: „Als Omar beerdigt
mar, verfammelte Abu Talha (nit mit Talha Ibn Ubeid Allah
Abu Muhammed zu verwechieln) die fünf Wähler in Aiſcha's Haus.“
Auch berichtet er ©. 146, dag man Talha nicht fand, denn er war
aufs Land gegangen. Es wäre daher möglih, dag Omar ftatt feiner
einen Andern beftimmte, daß er aber urfprünglih nur fünf Candi—
daten wollte, oder daß, mie wir fchon oben erwähnt, Abd Errahman
nur die Wahl leiten follte. Bei Abulfeda ©. 254 mird weder Talha
noch Zubeir genannt, hingegen follte Abd Allah Ibn Dmar zwar
son dem Chalifate ausgefchloffen fein, doc eine Stimme bei der
152 Drittes Hauptftüd.
fagte: Es ift nun entſchieden, daß die Wahl nur noch zwifchen
Alt und Othman ſchwebt, geht jest nach Haufe! morgen werde
ih einem von beiden huldigen. Abd Errahman war wahr-
ſcheinlich zu ängftlich oder zu gewiffenhaft, um eine Verant-
wortlichfeit zu übernehmen, welche felbft Omar von ſich ge-
wälzt. Er wollte die Stimmung des Bolfes, oder wenigftens
der Häupter deffelden, ergründen und dann erft enticheiven.
Er beftieg daher am folgenden Tage die Kanzel und trug der
Gemeinde Dmar’s Testen Willen vor, fo wie den Erfolg der
bisherigen Verhandlung und forderte fie auf, fich entweder
für Ali oder Dibman auszufpreden. Ammar Jon Jaſir D),
einer der älteften und angefehenften Mufelmänner, erhob ſich
und fagte: willt du Zwiſpalt verhindern, fo ernenne Alt zum
Berathung haben und bei Stimmengleihheit die Abd Errahmans
entiheiden. Bei Sujuti ©. 171 wird auch Talha nicht als Stim-
mender angeführt, hingegen joll Saad für Othman geftimmt, Zubeir
aber fih nicht entjchieden ausgefprodhen haben. Bei Dſahabi fol. 144
wählt Zubeir Alt, Talba aber Dthman und Saad gibt feine Stimme
dem Abd Errahman. Diefer entjagte dem Chalifet und foderte Ali
und Dthman auf, daß einer von ihnen auch Verzicht leifte. Als fie
aber ſchwiegen, fragte er fie, ob fie ihn als Schiedsrichter anerkennen
wollten und ernannte dann Dthman, theild wegen Ali's unentjchie:
dener Antwort, theils weil er bei den übrigen Häuptern der Mufel:
männer weniger beliebt war. Dafjelbe lieft man auch bei Befri.
Daß Zubeir für Othman geftimmt habe, ift nicht wahrſcheinlich,
denn er war von väterliher Seite ein Neffe Chadidja’s, der erften
Gattin Mohammed's und von mütterlicher ein Better Mohammed's
und Ali's, denn feine Mutter war eine Tochter Abd Almuttalib’s,
Saad und Abd Errahman waren, wie fhon oben erwähnt worden,
weder mit Ali, noch mit Othman nah verwandt, eben fo wenig
Talha. Das Othman Abd Grrahman’s Schwiegervater gemefen,
habe ich bei feinem arabifchen Autor außer Abulf gefunden. Bei Na-
wawi ©.387, mo Abd Errahman’s Kinder und ihre Mütter genannt
werden, wird Feine derjelben als eine Tochter Othman's bezeichnet,
1) Mohammed foll einft gefagt haben: wenn ihr nach mir einer
Leitung bedürfet, fo wendet euch an Ammar Son Saftr! Anderes
auf ihn bezügliche werden wir bei feinem Tode anführen.
Othman. 153
Chalifen! Daſſelbe ſagte auch Mikdad ), welchen Omar neben
Abu Talha beſtimmt hatte, für die Ruhe und Ordnung bei
der Chalifenwahl zu wachen. Abd Allah Ibn Abi Sarh, ein
Milchbruder Othmans, äußerte ſich zu Gunſten Othman's.
Ammar Ibn Jaſir ſchmähte Abd Allah Ibn Abi Sarh und
ſagte: was hat ein Menſch wie du hier mitzureden??) Da
ſchmähte aber ein Mann von dem Stamme der Benu Mah—
zum, zu dem Abd Allah gehörte, Ammar wieder und bald
entftand ein heftiger Streit zwifchen den Benu Mabzum, die
für Othman waren, und den Benu Haſchim, dem Geſchlechte
Als. Saad Ibn Abi Wakkaß ſagte daher zu Abd Errah—
man: entfcheide fchnell die Sache, ehe Bürgerfrieg ausbricht!
Abd Errahman rief: Schweiget einen Augenblif, ihr Mufel-
männer! damit ich nach meiner Ueberzeugung urtheile. Als
wieder Stille eintrat, rief er Ali zu fih und fagte ihm:
Gelobe bei Gott, dem Erhabenen, daß du über die Mufel-
männer nach den Borfchriften der göttlichen Dffenbarung
herrſchen, das Leben des Propheten zur Richtſchnur nehmen
und die Grundfäße der beiden dir vorangegangenen Cha-
lifen fefthalten willſt. Alt antwortete: ich werde mich unbe-
dingt der göttlichen Schrift unterwerfen und die mündlichen
Lehren unfres Propheten befolgen. Was aber die Grund-
füge meiner beiden Vorgänger betrifft, fo werde ih, fo weit
ich es vermag, ihnen treu zu bleiben fuchen 3), Diefe Antwort,
I) Mifdad Son Alaswad war auch einer der erften Mufelmän-
ner und einer ter Wenigen, die den Feldzug von Bedr zu Pferd
mitgemacht und überhaupt die Zaahaften zu diefem Feldzuge ermu-
thiat. Auch fol Mohammed ihn einft unter den vier Männern ge:
zählt haben, die Gott liebt und ihm auch zu lieben befohlen,
2) Abd Allah war einige Zeit Mohammed’s GSecretär, ward
aber wieder abtrünnig und verfpottete die Art, wie der Koran ge-
offenbart ward. Bei der Eroberung von Mekka ward er zum Tode
verurtheilt, doch durch Dthmang Fürbitte wieder begnadigt. ©. Leb, °
Moh. ©. 220.
3) Sch habe hier Ali's Antwort ganz wörtlich nach Abul Faradj
&, 182 angeführt, weil fie bei andern mufelmännifchen Autoren nit
154 Drittes Hauptftüd.
welche gewiffermaßen eine Proteftation gegen manche Hand—
lungen Dmar’s und Abu Bekr's enthielt, mißftel dem Abd
Errahman, welcher wohl einfab, daß nur dann Einigfeit und
unbedingter Gehorfam erhalten werden fönnte, wenn den Cha—
Iifen, durch Befolgung der von ihnen eingejchlagenen Bahn,
eine gewiſſe Lnfehlbarfeit zuerfannt würde. Er rief daher
Othman zu fih und richtete diefelbe Frage an ihn, und alg
fo deutlich ausgedrückt ift. Abul Faradj nennt zwar hier überall
den längft verftorbenen Abu Ubeida an Abd Errahman’s Stelle. Dieß
ift aber gewiß nur ein Schreibfehler, der daher rührt, dag man in
andern Quellen lieit, Omar habe gejagt: „lebte Abu Ubeida Ibn
Diarrah noch, fo würde ich ihn zum Nachfolger beſtimmen.“ Ali's
Antwort feheint mir aber in der That zu bedeuten, daß er fi kei—
neswegs an die Lehren feiner beiden Vorgänger, fendern blos an
die Mohammed’s binden wollte. Die Mufelmänner, welche diefe
Antwort nicht begreifen können oder wollen, zugleich auch Ali's
Zaudern entjhuldigen müffen, wollen uns glauben laſſen, Alt fei
von Amru Ibn Aaß hintergangen worden, Diejer foll ihm gerathen
haben, auf Abd Errahman's Frage eine befcheidene und zurüdhal:
tende Antwort zur ertheilen, um ihn durch das Bekenntniß feiner
Zweifel an der Möglichkeit allen Herrſcherpflichten jo aut wie feine
Vorgänger nahzjufommen, für fih zu gewinnen, während er Dth:
man zu einer entjchiedenen, das größte Selbftvertrauen darthuenden
Antwort rieth. Aber abgejehen davon, dag wenn Alt blos fagte: er
werde fich beftreben feinen Vorgängern nachzukommen, er fih wür—
diger zeigte ald Dthman, fo aeht noch aus 3. Abd Alhafam ©. 89
hervor, dag Amru Son Aaß damals gar nicht in Medina war.
Dort heit es nämlich: „Als Omar Ibn Chattab ftarb, war Amru
Son Aaß Statthalter von Unteregupten und Abd Allah Sbn Sad
Son Abi Sarh von Dberegypten (Said)...” Als Othman das
Chalifat übernahm, wünſchte Amru Ibn Aaß, dag er Abd Allah von
der Statthalterfhaft von Oberegypten entjeße. Gr begab fich daher
zu ihm und redete ihn deshalb an. Othman ſagte ihm aber: „Dmar
Son Ehattab hat ihn zum Emir über Oberegypten gefest, ohne daß
zwifchen ihnen irgend eine befondere Verehrung und Verwandtichaft
beftand, wie foll ich, fein Milchbruder, ihm nehmen, was ihm ein
Anderer gegeben“ u. f. w. Daraus erhellt, daß Amru zur Zeit
der Chalifenwahl nicht in Medina war und dag Othman keineswegs
ihm den Thron verdanfte.
Othman. 155
dieſer ohne Zaudern alles gelobte, was Abd Errahman von
ihm forderte, gab er ihm den Handſchlag der Huldigung und
ſeinem Beiſpiele folgte die ganze Gemeinde, obſchon Ali und
Mikdad Abd Errahmans Urtheil für ungerecht erklärten.
Othman zeigte gleich bei dem erften Urtheil, das er als
Chalife zu fällen hatte, daß er allerdings dem Beifpiele Dmar’s
und Abu Befr’s zu folgen gefonnen ſei, indem aud er in
gewiffen Umftänden das Geſetz und die göttlihe Dffenbarung
zu umgehen für erlaubt hielt. Abd Allah, der Sohn Omar's,
hatte von Abd Errahman, dem Sohne Abu Bekr's, gehört,
dag Firuz, der Mörder feines Baters, einige Tage vor deſſen
Ermordung mit einem Dolche in der Hand mit Hormuzan,
dem befehrten perfiichen Fürften und Hufeina, einem chriftlichen
Sklaven des Saad Ibn Abi Waffag, eine Unterredung ge:
habt. Ohne nähere Unterfuhung Tief Abd Allah, nach feines
Baters Beerdigung, in Hormuzans Haus und ermorbete Hor=
muzan, dann ftürzte er in das Saad's Jon Abi Waffag und
erſchlug Hufeina. Als ihn Saad deshalb zur Rede ftellte,
fiel er aud) ihn an, aber Saad warf ihn zu Boden, entriß
ibm fein Schwerdt und befahl feinen Sflaven, ihn in feinem
Haufe einzufperren, bis die Chalifenwahl entfchieden fein würde
und der neue Derrfcher über ihn ein Urtheil fälle. Sobald
Othman zum Chalifen ernannt war, brachte ihn Saab in den
Diwan und verlangte fein Blut, weil er das eines Mufel-
mannes ohne Beweis von deſſen Mitfchuld an der Ermordung
Dmar’s vergoffen. Ali und Abbas unterſtützten Saad's Ver-
langen, weil Hormuzan bei feiner Anfunft in Medina fich
unter Abbas’ befondern Schuß geftellt hatte. Andere fagten
aber ), wenn du Abd Allah hinrichten läßt, fo werben bie
Feinde fagen: bie Gefährten des Propheten tödten fich felbft
unter einander, und dieſes Gerede wird deiner Regierung
1) Bei Tabarı ©. 158 wird hier auch wieder Amru Ibn Aaß
genannt, was ich aber aus oben angeführtem Grunde nicht anneh:
men fann,
156 Drittes Hauptſtück.
nachtheilig werden, Othman ließ ſich einfchüchtern, begnadigte
den Mörder und bezahlte den Verwandten des Ermordeten
ein Löſegeld aus der Staatskaſſe. Auch bei ſeiner erſten
Kanzelrede (Chutba) verrieth Othman ſeine Schwäche und
Schüchternheit. Er fand keine Worte und mußte ſich durch
den Ausruf: „Aller Anfang iſt ſchwer,“ aus der Verlegenheit
zu helfen ſuchen N).
Das erfte Jahr von Othman's Regierung ging ohne
Merkmale einer Veränderung vorüber, denn Omar hatte vor
jeinem Tode alle Statthalter auf das folgende Fahr in ihrem
Amte beftätigt; nur Mughira Ibn Schu’ba ward von Kufa
abgerufen und durch Saad Ibn Abi Waffag erfegt 2). Aber
nad Verlauf eines Jahres 3) mußte auch diefer wieder ab-
treten und an feine Stelle fam Welid Ibn Ofba, Othman's
Bruder von mütterliher Seite, zur großen Unzufriedenheit:
der alten Mufelmänner, weil fein Bater Dfba %) einer der
bitterften Feinde Mohammeds geweſen, weshalb er auch nad
dem Treffen bei Bedr hingerichtet ward. Auch fol Moham-
med, als Dfba, um ihn zur Begnadigung zu bewegen, fragte:
was foll aus meinen unmündigen Kindern werden? geant-
wortet haben: fie mögen zur Hölle fahren! Einige andere
Neuerungen Othman's, welcher gelobt hatte, ſich Dmar zum
Mufter zu nehmen, erregten auch ſchon im erften Jahre feiner
1) Abulfeda ©. 260. Diefes Sahr, das 24te der Hidjrah, war
überhaupt nad Tab. a. a. D. und Dfahabi fol. 149 ein unglückliches
für Arabien. Die Hige ward unausftehlich und fehr viele Leute be-
fiel ein heftiges Nafenbluten, fo daß man diefes Sahr (7. Nov. 644
— 28. Det. 645) das des Mafenblutens (NRuäf) nannte,
2) Er behauptete, Omar habe es feinem Nachfolger zur Pflicht
gemacht, Saad alsbald eine Statthalterfchaft zu verleihen. Tab.
©. 154.
3) Nah Dfahabi T. 149 ward Saad erft im J. 26 von Kufa
abgerufen und zwar, weil er wegen einer Summe, die er an Ibn
Masud fchuldig war und zu zahlen ſich weigerte, verklagt ward.
4) ©, über Okba Leben Mohammedd ©. 110 u. 414.
Othman. 157
Regierung viel Mißtrauen gegen ihn. Er vermehrte ben
Sold aller von ihm neu erwählten Emire. Statt daß Omar
im Ramadban jeden Abend ein Kameel für Arme und Rei—
fende fchlachten und vertheilen ließ und jedem noch ein Sil-
berftüd gab, ließ Dibman zwei Kameele vertheilen und jedem
Armen zwei Silberftükfe geben, was darum getabelt ward,
weil es ſchien, als wolle er Omars Wohlthätigkeit durd die
Seinige verbunfeln ). Eben fo murrte man darüber, daß
er einige Meffaner, welche in der Nähe des Tempels wohn-
ten, mit Gewalt aus ihren Wohnungen vertrieb, um den
Tempel zu vergrößern, da doch Omar, obgleich auch er fchon
den Tempel für die immer wachfende Zahl der Gläubigen
zu Hein fand, fi dennoch fcheute, Femanden mit Gewalt aus
feinem Haufe zu vertreiben ?).
Im folgenden Jahre 3) ward Amru Fon Aaß, der mit
Unteregypten allein nicht zufrieden war, auch entfegt und ganz
Egypten dem Abd Allah Ibn Saad übergeben, welcher fchon
früher Statthalter yon Dberegypten oder wenigftens von der
Provinz Fajjum gewefen, Othman war indeffen bald #) wie
1) Tabari a. a. O.
2) Tab. a. a. O. Nah Dſahabi fol. 149 ım J. 26. Die Un:
jufriedenen wurden eingefverrt und Othman fagte ihnen: „meine
Milde macht euch verwegen,“ doc wurden fie bald wieder in Frei:
heit gejest.
8, Sm 2öten der 9. (28. Oktob. 645 — 17. Oft. 646) nad
5. Abd Alhak. S. 90 der hier am Zuverläſſigſten ift. Abd Allah war
in Fajjum, als ihm feine Ernennung zufam, er eilte nah Foſtat
und traf dafelbft vor dem Morgengebete ein. Er ftand ſchon auf
dem Plage des Smams, als Amru's Sohn Abd Allah, der in feines
Baterd Abmwefenheit Imam war, in die Mojchee Fam. Das ijt Folge
deiner Schlechtigfeit und deiner Umtriebe, fagte Amru’s Sohn zu
dem neuen Statthalter. Diejer antwortete aber: Keineswegs, du
und dein Vater ihr habt mich beneidet, weil ih über Dberegypten
gefegt war, wenn du willft, jo vermalte du jegt Dberegypten und
dein Vater Iinteregypten; ich werde euch nicht darum beneiden,
4) Nach 3. Abd Alhak. S. 92 noch in demfelben Sahre, ebenfo
bei Dfahabi, der noch dazu den Monat Rabia Awwal nennt,
158 Drittes Dauptflüd.
der genöthigt, Amru nad) Egypten als Feldherrn zurückzu—
fhiden, denn es war endlich den vielen in Alerandrien zu—
rüdgebliebenen Griechen, welde mit den Byzantinern noch
immer im Einverftändniffe waren, gelungen, eine griechifche
Flotte ) in ihren Hafen zu rufen und mit ihrer Hülfe bie
Mufelnänner aus der Stadt zu vertreiben. Statt daß bie
Griechen aber, um wieder in den Beſitz des ganzen Landes
zu gelangen, fi hätten beftreben follen, die Freundſchaft und
das Bertrauen der Kopten wieder zu gewinnen, behandelten
fie fie als Feinde und plünderten die von ihnen bewohnten
Dörfer in Unteregypten aus, fo dag Amru abermals an ihnen
treue Berbündete fand, obfchon fie wegen der ſchweren Ab-
gaben, mit denen fie belaftet worden, auch mit der muſelmän—
nifchen Herrſchaft nicht mehr zufrieden, vielleicht fogar an dem
Berlufte von Alerandrien nicht ganz ohne Antheil waren.
Amru fah eine Zeit lang ruhig zu, wie Griechen und Kopten
einander befehdeten, erftere wurden dadurch gefchwächt und
feßtere fo erbittert, daß fie von Neuem die Mufelmänner ale
Erlöfer begrüßten und Chalid die Wiedereroberung von Alexan—
drien erleichterten 2). Sie fand in Folge einer Schlacht ftatt,
welche die Griechen am Nile ?) verloren. Das gefchlagene
1) Der Befehlshaber hieß Manuel. a. a. D. ©. 9.
2) Charidja Son Hudfafa fagte zu Amru, ald er nad) Egypten
kam: greife den Feind an, ehe er ſich vermehrt und ganz Egypten
am Aufruhr Theil nimmt! Amru fagte: ich will Tieber ihren An:
griff abwarten, denn fie werden alle (Kopten) mißhandeln, an denen
fie vorüberziehen und fo wird fie Gott einen durch den andern ver-
derben. Die Griechen zogen dann von Alerandrien aus und mit
ihnen waren die aufrührerifchen Bewohner einiger Dörfer, Wo fie
durchkamen, verzehrten fie die Lebensmittel, die fie vorfanden, tran—
fen den Wein und plünderten, was fie Fonnten. Ebend.
3) Den Namen des Orts, wo die Schlacht vorfiel, kann ich nicht
mit Beitimmtheit angeben, da das Wort nicht deutlich punktirt ift
und man ©, 90 Nafius, Takjus, Tajus u. ©. 92 Nafwis, Takwis,
Tamwis leſen kann, weil dort Das waw vor dem ja fteht.
Othman. 159
Heer kehrte in die Stadt zurück, das ſiegende folgte aber
auf den Ferſen, ſo daß jenem nicht Zeit genug blieb, die
Thore zu ſchließen. Amru nahm eine fürchterliche Rache an
den verrätheriſchen Alexandrinern. Bis an die Stelle, wo
ſpäter die Moſchee der Barmherzigkeit ſich erhob, ward alles
niedergehauen, die Feſtungswerke 7), wenigſtens die gegen die
Landfeite, wurden gefchleift, und die Dörfer, die mit ben
Griechen gemeine Sache gemacht, wurden ganz verwüftet 2).
Hingegen lieg Amru den Bewohnern anderer Dörfer, welche
wegen ihrer Treue von den riechen waren ausgeplündert
worden, das Ihrige wieder zurück erftatten und bedauerte, den
Griechen nicht gleich bei ihrem Ausfalle aus Mlerandrien ent:
gegengetreten zu fein. Nach beendetem Kriege ward Amru
wieder entlaffen und Abd Allah an feine Stelle gefeßt. Oth—
man wollte ihn zwar an der Spige der Armee laſſen und
Abd Allah bloß über die Finanzen fegen; dies Anerbieten
ſchlug aber Amru aus, indem er fagte: Ich gliche dann einem
Manne, der eine Kuh an den Hörnern fefthält, während ein
Anderer fie milft, Sowohl Abd Allah als Welid Jon Okba,
1) Amru hatte gleich bei feiner Ankunft in Egypten gefchworen,
Alerandrien einem Hurenbaufe gleich zu machen. Da indeffen die
Griechen damals zu Waffer noch ftärfer waren als die Mufelmänner,
fo iſt nicht wahricheinfih, daß er die Stadt auch von der Seeſeite
her ihrer Mauern beraubte.
2) Nach J. Abd Alhak. S. 91 hatte ein Kopte die Griechen nad)
Alexandrien gerufen und ihnen wahrſcheinlich den Beiſtand der gan—
zen Bevölkerung zugeſagt. Der vielen willkührlichen Erpreſſungen
der Muſelmänner müde, ſoll er nämlich Amru gebeten haben, we—
nigſtens die Abgaben auf irgend eine Weiſe zu beſtimmen. Amru,
der gerade vor einer Kirche ſtand, ſoll aber darauf geantwortet ha—
ben: gebt ihr mir einen Haufen Gold, der bis zum Dache diefer
Kirhe hinaufreiht, fo kann ich auch nichts beſtimmen. She feid
unfere Schagfammer, brauchen wir viel, fo fordern wir viel von
euch, geht es uns gut, fo machen wir ed euch auch leichter. Als
diefer Kopte gefangen ward, befchenkte ihn Amru und fagte ihm:
geh nur und hole ein zweites Heer!
160 Drittes Hauptſtück.
deren Erhebung fo bitter getabelt ward, theils weil fie mit
Dihman verwandt waren, theils weil fie Mohammed ver:
wünfcht hatte, zeigten fich indeffen, in der erften Zeit wenig-
ftens, der ihnen verlichenen Stelle nicht unmwürbig und Beide
trugen zur Befeftigung und Ausdehnung der islamitifchen
Macht bei. Welid mußte bald nach feiner Ernennung D) zum
Statthalter von Kufa, einen Feldzug nad der perfifchen Pro-
vinz Adferbidjan unternehmen, welche den mit Omar geſchloſ—
jenen Frieden gebrogen und von Neuem für ihre Unabhän-
gigfeit Fämpfte Er ward des Aufruhrs Meifter und
verpflichtete die befiegte Provinz zu einem bedeutenden Tribut,
Später fandte er einen Theil feiner Truppen gegen Armenien
und einen andern ließ er zu denen Muawia's flogen, welcher
in Kleinaſien einftel und mehrere Städte einnahm, dann bie
Inſel Cypern, nad Einigen fpäter auch Rhodos unterwarf 2).
Abd Allah Ibn Saad erweiterte die Grenzen des Reichs
1) Noch im 5. 25 der 9. Tab. ©. 154. Omar hatte nur
6000 Mann in diefer Provinz gelaffen. Nah Dfahabt fol. 149 308
Welid fbon im J. 24, alfo noch vor feiner Ernennung zum Statt:
halter von Kufa, gegen Adierbidjan und von da nad Armenien.
2) Tab. a. a. O. Welid fandte Salman Son Rabia mit 8000
Mann gegen Syrien, er follte fih mit Habib Son Maslama ver:
einigen, den Muawia mit einem Heere von 10,000 Mann gegen die
Griehen gefchieft. Die Eroberung von Cypern ſetzt Tab. ©. 155
in das J. 28, Dſahabi in das 3. 27, Iheopbanes ©. 525 (ed. Clas-
sen) in das Ste Jahr von Othman's Regierung, die er aber um
zwei Sahre zu fpät beginnen läßt und daher auch ©. 580 ihm nur
eine Negierungsdaner von zehn, ftatt von zwölf Jahren gibt. Rho—
dos ward nach demfelben (S. 527) fünf Sahre fpäter von den Mu:
felmännern befegt. Muamwia wollte fchon unter Omar auch zur See
die Griechen befämpfen, er foll es aber nah Dfahabi f. 150 nicht
zugegeben und gejagt haben: das Pleinfte Dorf, in dem Hunde bellen
und Hahne Erähen, iit mir lieber als das ganze Meer, Auch Amru
fol! abgerathen haben. ©. auch Tab. ©. 155. Nah Ion Ishak
ward Cypern erft im J. 83 erobert und Rhodos nad Abd Alma-
hafın im J. 53 und nach dem Chamis ſelbſt Eypern erft im 3. 48.
Othman. 161
gegen Weſten. Er zog im J. 27 der Hidjrah gegen den
Patrizier Gregorius, welcher ſich gegen den Kaifer empört
batte und das ganze Gebiet von Carthago beherrichte. Abd
Allah Ibn Zubeir, der, wie wir fpäter fehen werden, am
längften der Macht der Omejjaden Widerftand Teiftete, zeich—
nete fih bier zum erftenmale aus, auch ward er beauftragt,
die Siegesborfchaft nah Medina zu bringen. Gregorius,
welcher mit zwei Sflavinnen unter einem Zelte faß, ward
überfallen und getödtet und feine Tochter gefangen genommen.
Dies entfchied die Schladht zu Gunften der Mufelmänner, in
deren Folge die Bewohner von Subeitala und der Umgebung
diefer Stadt, fih Abd Allah unterwarfen und Tribut zahlten N).
Auch unternahm er im Jahre 31 einen Feldzug gegen Nu—
bien, jedod ohne großen Erfolg ?). Im Jahre 34 fandte er
1) Gregorius hatte mit feinen 120,000 oder gar 200,000 Mann
die 20,000 Mufelmänner umzingelt, denn Abd Allah's Befehle wur:
den nicht vollzogen. Aber Mußab überfiel Greaorius, der allein
mit zwei Sklavinnen in einiger Entfernung von den Truppen unter
einem Zelte faß und todtete ihn; dies entmuthigte fein Heer. (Dſa—
habi ©. 150.) Die Empörung des Gregorius gegen den Kuijer er:
wähnt aub Ibn Abd Alhak. S. 96, übereinftimmend mit Theophanes
©. 5235. Nah Son Abd Alhak. ward aber Gre orius von Abd Allah
Ibn Zubeir erſchlagen, mas ohne Zweifel richtiger ift. Die Beute
foll fo bedeutend gewesen fein, daß von den 20,000 Mann, aus de>
nen die mufelmänniibe Armee beftand, jeder Fußgänger 1000 und
jeder Reiter 3000 Dinare auf feinen Antheil erhielt. (2) Die Tod):
ter des Gregoriug fiel einem Medinenjer zu, aber fie 309 den Tod
der Sklaverei vor und ftürzte fih, auf dem Wege nad Medina, von
ihrem Kameele herab. Dies find die. hiftoriihen Grundlagen der
romantiſchen Grjählungen fpäterer arabijcher Autoren, denen Gar:
donne und Gibbon gefolgt iind. (S. Journal asiatique de Paris 1844.
Novembre. und 1832 Avril.)
2) Nach einem mörderifhen Kampfe, in welchem Muawia Ibn
Chudeidj und andere Häupter der Mujelmänner verwundet wurden,
fah Abd Allah ein, daß er die Nubier nicht bezwingen fünne; er
ſchloß daher Frieden mis ihnen und verſprach ihnen alljährlich ein
162 Drittes Hauptſtück.
Muawia Ibn Chudeidj gegen das weftlichere Afrika, welcher
dasjenige Gebiet eroberte, auf dem fpäter die Stadt Kaira—
war gegründet ward 1), während er felbft zur See einen
glänzenden Sieg über eine griechifche Flotte Davon trug, bie
abermals in Dſat Suwar, in der Nähe yon Alerandrien, zu
landen verfuchte 2).
gewiffes Maaß Korn und Linfen gegen 360 oder 400 Sklaven zu
fenden. Son Abd Alhak. S. 100.
1) 4A. a. ©. ©. 104. Auch wird noch die Einnahme der Stadt
Dijalula berichtet, deren Mauern von felbft einftürzten. Das
Fünftel der hier gemachten Beute ſchenkte Dthman feinem Bet:
ter Merwan. Weitere Züge fanden nah J. Abd Alhak. unter Oth—
man in Afrika nicht ſtatt. Auch erwähnt er nichts von einem
Zuge des Abd Allah Ibn Nafi gegen Spanien, von dem nicht nur
bei Abulfeda S. 262, fondern auch bei Dfahabi ©. 150 die Nede
if. Daß er um diefe Zeit auch höchſt unwaährſcheinlich ift, bedarf
feiner Erwähnung.
2) Dfu oder Dfat Sumarı bedeutet Beſitzer der Maftbäume,
alfo ein Drt, wo Schiffe zu landen pflegen, ein Hafen oder eine
Bucht. Daß diefer Ort in der Nähe von Alerandrien, vielleiht in
Abufir, berichtet Diahabı ©. 160.
Die Araber hatten nach 3. Abd Alhak. S. 101 nur zwei hundert
und einige Schiffe, die Griechen aber i000 (2); dazu fehlte noch die
Hälfte der arabifhen Mannichaft, welche mit Befhr Ibn Abi Urtah
einen Streifzug zu Land unternommen. Abd Allah forderte, als die
griechifche Flotte fichtbar ward, dreimal feine Leute auf, die Schiffe
zu befteigen, um den Feind zu befimpfen, aber niemand rührte fid.
Da erinnerte ein Medinenfer an den Koransvers: „Wie oft hat
fbon eine Kleine Schaar ein großes Heer befiegt mit Gottes Willen!
Gott ift mit den Ausdauernden.“ Endlich beftiegen fie ihre Schiffe
und fehleuderten Pfeile gegen den Feind, bis ihr Vorrath erichöpft
war, dann warfen fie Steine gegen die Griehen und als fie auch
feine Steine mehr hatten, befeftigten fie die griechiſchen Schiffe an
die ihrigen mit Ketten und kämpften mit dem Schwerdte. Nach
Tab. ©. 158, welcher diefe Seejchlaht in das J. 82 fest, (Dfahabi
ſ. 161 in das 3. 35) verlangte Abd Grrahman, der Sohn des Abu
Beer und Abd Allah Son Hudfeifa, daß man ver geichlagenen Flotte
nachfege und als Abd Allah den Befehl gab, nach Alerandrien zu:
Othman. 163
Mit gleichem Glück fochten andere Feldherrn Othman's
gegen die Ungläubigen. Perſien war unter Omar mehr
flüchtig durchſtreift als eigentlich unterworfen worden. Omars
Feldherrn waren gegen Jezdedjerd und ſeine Truppen zu Feld
gezogen, ſobald dieſe geſchlagen und zu Paaren getrieben wa—
ren, konnte das Land keinen Widerſtand mehr leiſten. Aber
nach und nach erholte ſich die Bevölkerung Perſiens von ih—
rem erſten Schrecken und erhob ſich überall gegen die geringe
muſelmänniſche Beſatzung, welche in den bedeutendern Städ—
ten und Feſtungen zurückgeblieben war, ſo daß das ganze
Land gewiſſermaßen zum zweitenmale erobert werden mußte.
Said Ibn Aa unterdrüdte die Unruhen in Djordjan und
Zabariftan ). Abd Allah Fon Amir züchtigte die Rebellen
der Provinz Fars, welche den arabifchen Statthalter Ubeid
Allah Ibhn Mi’mar erihlagen und nahm Iſtachr und Schiras
wieder ein. Dann befegte er die Provinz Kerman. Bon
hier wendete er fi gegen Chorafan, wo fchon Dmeir Ibn
Othman mit einem Deere ftand und befegte Nifabur, während
er einen Theil feiner Truppen gegen Herat und Meru
fandte. Kaum war aber Abd Allah Ibn Amir wieder nad
Arabien zurücgefehrt, jo brachen neue Empörungen aus, fo
rüdzufehren, fhmähten fie ihn und Othman, der ihn zum Statt:
halter ernannt. Ibn Abd Alhaf. erzählt noch hierauf, daß im fol
genden Jahre Konftantin, der Sohn des Heraklius, abermals mit
faufend Schiffen gegen Egypten fegelte, aber ein Sturm zertrüm:
merte die Flotte, nur fein Schiff entfam nach Sicilien, wo er
in einem Bade getödtet ward. Auch Tab. Th. 5. ©. 4 erzählt, daß
die Grieben, als fie Othmans Tod und die Unruhen in Sraf ver—
nahmen, eine Flotte gegen Syrien ſchickten, welche zertrümmert
ward Mur der Kaifer entfam, ward aber im Bade ermordet. Die:
ſes Schickſal hatte befanntlic viel fpäter Conftanz, ein Enkel des
Heraklius. S. Theoph. ©. 537.
1) Tab. ©. 156. Er ließ die Beſatzung hinrichten, obfhon er
verſprochen hatte, nicht einen Soldaten tödten zu laffen, inden er
feine Worte dahin deutete, daß er nicht Einen, fondern Alle dem
Schwerte preisgeben würde,
IE”
164 Drittes Hauptftüd.
daß der von ihm in Nifabur zurücgelaffene Statthalter Abd
Allah Ibn Keis nad Medina eilte, um Berftärfungen herbei-
zurufen. Abd Allah Ibn Hazim behauptete ſich indeffen in
der Citadelle von Nifabur gegen die ihn belagernden Perfer,
an deren Spise Karan ftand, auch gelang es ihm in einem
nächtlichen Ausfalle, diefen zu tödten und bie ihm ergebenen
Gedirgsvölfer zu Paaren zu treiben 2). Auch am Kaufafus
fielen mehrere Gefechte vor, in deren Folge die Mufelmänner,
bis zur Anfunft neuer Truppen aus Kufa, ſich zurücdziehen
mußten, und erft im J. 32 der Hidjrah gelang es ihnen, die
verlorenen Provinzen wieder zu unterjochen ?).
1) Tabari ©. 198 u. 199. Abd Allah Fon Hazim befahl feinen
Truppen, daß jeder eine Fadel zur Hand nehme. Als dies gefchah,
glaubte Karan, die Mujelmänner haben VBerftärfungen erhalten,
denn er beurtheilte ihre Zahl nad) den brennenden Fadeln und
glaubte, nur vor jedem Häuptling werde eine Fackel getragen. Als
er aber mit den Seinigen die Flucht ergriff, festen ihm die Mufel-
männef nah u. f. w. Abd Allah Son Keis und die Nachricht von
Abd Allah Fon Hazims Sieg trafen faft zu aleicher Zeit (im J. 32
der 9.) in Medina ein und Pegterer ward dann zum Gtatthalter
yon Nifabur ernannt. Nah Nawawi ©. 458 ward Choraſan nad
Ginigen unter Dmar gar nicht erobert, nach Andern unter Othman
zum zmweitenmale.
2) Abd Almahafın erzählt hier, was Tab. fhon unter Omar er:
wähnt: „Die Chofaren, weldhe am Kaukaſus wohnten, glaubten, die
Muſelmänner ſeien unſterblich, bis fie endlich einem auflauerten, ver
fih von der Armee entfernt batte und ihn todteten, dann fasten fie
Muth und fchlugen die Mufelmänner bei Balandjar; ihr Anführer
Abd Errahman Ion Rabia blieb auf dem Schlachtfelde und feine
Feute flohen gegen Djor jan, bis Othman neue Truppen fcicte.
Tab. (S. 185) erwähnt zwar nichts von einer folchen Miederlage,
doch fagt er, daß die Chojaren, weil fie von der Sterblichkeit der
Mufelmänner überzeugt wurden, fich gegen fie erhoben und diefe
das Gebiet von Derbend verließen. Balandjar ift nah Tab. an
demielben Drte, der Name der Linder, welche jenjeits des Kaukaſus
liegen und von Ruffen und Alanen beherrjcht wurden. Nach Abd
Almahafin ſowohl ald nah dem Kamus, ift es aber der Name eines
Drted an der Grenze von Georgien und LFirkaffien,
Dthman. 165
Sp groß aber auch der Ruhm war, den Othman's Felb-
herrn ernteten, vermochten fie doch nicht den altersſchwachen
Chalifen, der fi) von feinen Verwandten und Günftlingen
leiten ließ, beliebt zu machen, denn zu feinem Unglücd waren
es gerade folhe Männer, welche fich felbft, oder deren Eltern
fi irgend eines fchweren Vergehens gegen Mohammed fchul-
dig gemacht. Ueberhaupt beftand zwifchen dem Gefchlechte
Haſchim, dem Mohammed entfproffen, und dem des Abd
Schems, von welhem Dihman und Muawia abftammen, zu
feiner Zeit viel Liebe und Einigfeit. Außer Abd Allah und
Welid, von denen fchon die Rede war, und die fich fpäter,
erfterer durch feine Erpreffungen und Testerer durch feine
Sittenlofigfeit verbaßt machten, gehörten zu Othman's begün-
ftigten, von den Gefährten des Propheten aber verabfcheuten
Verwandten, Al Hakam, der Sohn des Abul Aaß, Bruder
feines Baters Affan und deffen Sohn Merwan. Alhakam
hatte fich erft bei der Eroberung von Meffa zum Islam be-
fehrt, doch bald darauf Mohammed wieder verrathen, jo daß
er mit feiner Samilie nad) Taif verbannt ward, das er aud)
unter Abu Befr und Omar nicht verlaffen durfte )Y. Othman
rief ihn nicht nur nah Meffa zurüd, fondern fchenfte ihm
auch den größten Theil der in Afrifa gemachten Beute, fo
wie das Gut Fadak, welches nicht Privateigenthum Dihmang,
ſondern Staatsgut war, ernannte deſſen Sohn Merwan zu
feinem Geheimfecretär und Bezier und gab ihm feine Tochter
zur Frau ?). Auch wegen feines Betters Muawia, den er
nah und nad zum Herrn über ganz Syrien, im weiteften
Sinne des Wortes, erhoben, ward er getadelt, weil man ihm
mande Ungerechtigfeit und Gewaltthat zum Vorwurfe machte.
Muawia verftand es indeffen, bie ihm untergebenen Provinzen
durch eonfequente Strenge. zu beherrfchen und im Zaume zu
1) Nawawi ©. 546,
2) Kitab Alaghani ed. Freytag ©. 19.
166 Drittes Hauptſtück.
halten, fo daß wohl hie und da eine Klage nah Medina
drang, fonft aber von diejer Seite her dem Chalifen feine
Gefahr drohte, Anders verhielt es fih aber in den jeßt
ſchon fehr volfreichen Städten Baßra und Kufa und in Egyp-
ten, wo die Anhänger der von DOthman entfegten Statthalter
öffentlichen Aufruhr predigten und mit den einflußreichiten
Männern in Medina felbft im Einverftändniffe waren. So—
wohl Ali, als Talha und Zubeir, welche, als die älteften
Gefährten Mohammeds und als die reichften Männer Mer
dina's ) in größtem Anfehen ftanden, und deren jeder wahr-
fheinlih im Stillen hoffte, einft Othman's Nachfolger zu
werden, fahen mit Beforgniß, daß die ganze Macht des Cha-
Hifats in den Händen der Derwandten Othman's war, welche
wir jebt [hon, da fie von Abu Sofians Vater Omejja her-
ftammen, mit dem Namen Omejjaden bezeichnen wollen. Ge—
gen Abu Sofian und fein Geſchlecht Hatte der Islam zwanzig
1) Masudi f. 194 erzählt viel von den ungeheuern Ginfünften
des Talha, Zubeir, Zeid Jon Thabit, Mifdad, Saad Ibn Abi Wak—
faß und Abd Errabman Son Auf. Mag au hier, wie bei allen
Zahlen der DOrientalen, manche Null abzuziehen fein, fo ift doch ge:
wiß, daß dieſe älteften Gefährten Mohammeds einen großen Theil
der nah Medina gelangten Beute und Steuern auf Koſten der Ar:
men unter ſich vertheilten. Talha und Zubeir beſaßen in Kufa und
Baßra Paläfte, welhe noch zu Maſudi's Zeit, alſo nah 500 Sahren
noch beftanden und berühmt waren. Welch ein Contraſt, ruft diefer
Autor aus, zwiihen der Verſchwendung und Prachtliebe diefer Män—
ner und der Einfachheit und Sparfamteit des Ghalifen Omar, der,
als er auf einer Pilgerfahrt 16 Dinare gebraucht, feinem Sohne
Abd Allah faate: „wir waren verfchwenderifch.“ Auch Namami gibt
Zubeir'd Gefammtvermögen nah Budhari (S. 253) auf 50,000,000
an. Gr hinterließ ein Gut, das für 1,600,000 Dirhem verkauft ward,
ferner 11 Häufer in Medina, zwei in Bafra, ein Haus in Kufa und
Gines in Eaypten. Geld hinterließ er feines, das hatte er wahr:
foheinlich zur Befoldung der Empodrer gegen Othman und Ali ge
braudt. Bon Abd Errahmans Reichthümern erzählt Elmafin ©. 33
Aehnliches,
Dthman, 167
Sabre zu kämpfen und nur die äußere Macht, zu der er ge-
langt war, vermochte ibn dem Heidentbume zu entreigen. Es
mochten alſo allerdings neben den egoiftifhen Befürchtungen
auch Beforgniffe um die Erhaltung des reinen Glaubens
diefe Männer zum Widerftande gegen Othman und feine Par-
tei anregen. Diefer felbft hatte Schon, außer den oben er-
mwähnten Neuerungen, fi) noch andere erlaubt, welche diejent-
gen Mufelmänner, deren Grundfag war, alle von Mohammed,
Abu Bekr und Dmar eingeführten Gebräuche beizubehalten,
in große Aufregung verfegen mußten. Er betete nicht wie
Mohammed und feine Nachfolger auf der Pilgerfahrt nach)
Mekka das abgefürzte Neifegebet und bezeichnete dadurch
Mekka gemwiffermaßen als feine zweite Heimatb ). Auch
vertbeilte er, gleich feinen heidnifhen Vorfahren, den Pilgern
in Mina allerler Lebensmittel und ließ dafelbft zur Bequem—
lichkeit der Pilger große Zelte auffchlagen, obgleich der Pro—
phet diefen aus dem Heidenthume ftammenden Gebrauch, durch
den leicht die heilige Pilgerfahrt in ein Zechgelage ausartete,
abgefchafft 7). Am meiften emwörte aber, befonders die Schrift-
gelehrten, feine neue Redaction des Korans und der Befehl, _
den er damit verband, alle bisherigen Abfchriften deffelben zu
verbrennen. Diefe Maßregel war zwar notbwendig, denn
als bei dem oben erwähnten Feldzuge gegen Armenien, ira—
Fanifche und fyrifhe Truppen zufammen famen, zeigte fich
eine Berfchievenheit in den Abfchriften des Korans, die fie
mit ſich führten und veranlaßte großen Streit unter ihnen.
Aber Othman übertrug die Verfertigung einer neuen, allein
geltenden Ausgabe des Korans, nicht den gelehrteften, fondern
den ihm ergebenften Männern 3), Bei diefer Gelegenheit
1) Tab. ©. 156.
2) Tab. a. a. D.
3) Zeid Ibn Thabit follte ihn fehreiben, einer der erften, der
nah Dthmans Tod zu Muamia ſich flüchtete, und Said Ibn Aaß,
fein Statthalter von Kufa, dictiren. Dſahabi ©. 171,
168 Drittes Hauptſtück.
mochte manches gegen die Dmejjaden Gehäffige aus den frü-
beren Jahren Mohammeds gemildert oder ausgelaffen werden,
denn wir haben fhon an andern Orten nachgewieſen, daß
der Unterfchied zwifchen dem neuen und alten Koran feines»
wegs, wie die Mufelmänner glauben und behaupten müflen,
blog im Weglaffen ortbographifcher oder linguiſtiſcher Va—
rianten beftand I. Abd Allah Ibn Masud, den Mohammed
felbft als den beften Koransleſer bezeichnet, ward nicht zu
Rathe gezogen. Diefer fagte daher, als Othman die Nedac-
tion dem Zeid Ibn Thabit übertrug: Mich beratbet man nicht
bei dieſer Arbeit, fondern man beauftragt damit einen Mann,
der noch nicht geboren war, als ich fchon zur Gemeinde der
Mufelmänner gehörte. D ihr Kufaner! (dort lebte er näm-
lih um diefe Zeit) verberget eure Koranshefte und haltet fie
boch! wie fol ih nad Zeid Iefen, der noch mit den Knaben
1) ©. Einleit. in den Koran ©. 47 u. ff. Daß vieles ausge—
faffen wurde, ichliege ich befonders noch aus den bei Dfahabi fol. 164
angeführten Worten der Rebellen, welche fagten: Der Koran war
Bücher (kutub) und er (Dthman) hat nur ein Bud (kitab) gelaffen.
Sie fonnten damit keineswegs Abjchriften meinen, denn auch er lieg
ja von dem Seinigen mehrere Abjchriften maben. Daß fhon Mo:
hammed manches Geoffenbarte widerrief, haben wir auch (a. a. O. S. 45)
aus dem Koran und der Tradition nadıgewiefen. Hier noch ein
Beleg aus Dfahabi fol. 71: Abu Imama Son Sahl erzählt, mehrere
Hülfsgenoffen von den Gefährten des Propheten haben ihm berich—
tet: Ein Wann ftand mitten in der Nacht auf, um eine Gura nad:
zulefen, die er ſchon auswendig gelernt, er fand aber bloß die Ueber—
fohrift „Im Namen Gottes des Barmberzigen.“ Gobald der Tag
anbrac, lief er in das Haus des Gefandten Gottes, um ihn darnach
zu fragen. Er fand aber vor deſſen Thüre jchon andere Gefährten
des Propheten verjammelt und als Einer den Andern fragte, was
ihn fo früh hergeführt, erzählte ein Seder, mas ihm in Betreff einer
aufgefchriebenen und wieder verlorenen Sura widerfahren. Gie
trugen dann ihre Angelegenheit Mohammed vor. Diefer fchwieg
eine Weile, dann fagte er: „fie ift geftern vom Himmel widerrufen
worden.“
Othman. 169
ſpielte, als ich ſchon etliche ſiebzig Suren aus dem Munde
Mohammeds gehört I). Abd Allah ward wegen feiner Wis
derfpenftigfeit eingefperrt und dadurch zog fih Othman den
Haß der Benu Hudfeil zu, deren Stammgenoffe er war, und
den der Benu Zuhra, deren Schußgenoffe er früher gewefen,
Durch die Verbannung des Abu Dfur, eines andern Ge—
fäbrten Mohammed's, lud fih Othman die Feindſchaft der
Benu Ghifar auf und bier ſowohl, wie bei einem Ereigniffe,
welches Welid Ibn Okba's Entfernung von Kufa zur Folge
batte, feben wir, daß Ali in offenem Widerftande gegen den
1) Dfahabi fol. 157 und Chamis. Auch bei Nawawi ©. 372
heißt es: der Gefandte Gottes fagte einft: nehmet den Koran von
vier Männern an: von Abd Allah Jon Masud, Salim, dem Sfla:
ven des Abu Hudjeifa, Maads und Ubejj Sbn Kaab. Omar hatte
ihn mit Ummar Sbn Safır als den beften Koranslehrer nah Kufa
gefbickt, und doch lieſt man im Chamiß, natürlih um den Chalifen
Othman zu entihuldigen und feinen Koran zu vertheidigen: „Oth—
man mußte Abd Allah’s Koran verbrennen, denn er hätte zu großen
Unruhen geführt wegen der vielen Srrthümer, welche die Korange—
fehrten daran gefunden und weil er dıe beiden Muawwids (die bei:
den legten Kapitelhen des Korans) weggelaſſen. Auf der andern
Seite wird dann wieder der Verluft von Ali's Koran bedauert, „weil
die Kenntniß dejjelben dadurch wäre bereichert worden, indem er
ganz nah der Dffenbarung war.“ Wie jo es Othman gelungen,
alle älteren Abfchriften aufzutreiben, weiß ich nicht, wahrſcheinlich
wurden die ſchwerſten Strafen gegen die Uebertreter feines Befehls
verhängt, und den Befigern derjelben vorher nicht befannt gemacht,
dag alles mit Othmans Koran nicht Webereinftimmende verbrannt
werden ſollte. Doch behaupten nicht nur mande Schiiten, es fei
noch einiges aus den früheren Koransterten zu Gunſten Ali's ge-
rettet worden, fondern auch bei Abd Almahafin Cam Schluffe des
3.58) findet ſich folgende Tradition: „Okba Ibn Amir, der Eroberer
von Rhodos und Afrika, mar ein gelehrter Theologe und Koran:
lejer, auch ein auter Schreiber, Dichter und Redner, er ift der Letzte,
der den Koran gejammelt. Abu Said Ibn Zunus erzählt: ich habe
feinen Koran in Egypten gelefen, welcher verfhieden war von
dem Dthmans, (ala ghair ta’lif Othman) und am Schluffe ftand: von
Okba Ibn Amir eigenhändig gefchrieben.”
170 Drittes Hauptftüd,
Chalifen Iebte. Abu Dfurr Hatte namlih in Syrien mit
Muamwia einen heftigen Streit, weil er gegen diejen Statt
halter, der wenig für die Armen that, behauptete, man fünne
dem Koran zufolge die Reichen fogar zwingen, im Ber:
bältniffe zu ihrem Vermögen, Almofen zu geben . Diefer
und anderer Tadel des fchlichten und wahrheitliebenden Abu
Dfurr veranlaßte Muawia, ihn als Rebellen nah Medina
zu ſchicken. Abu Dfurr führte aber auch dem Chalifen gegen-
über eine fo fühne Sprade, daß er nad) Rabadſah verbannt
ward und die Weifung erhielt, auf dem Wege mir Nieman-
den zu verfehren. Aber Ali und feine Söhne, jo wie Am—
mar Ibn Zafir, begleiteten ihn, und als Merwan fie zurüd-
halten wollte, ftieß Alt fein Kameel zurüd und überhäufte ihn
mit Schmähungen. Merwan Flagte Alt bet Othman an und
als diefer bei feinen Freunden deshalb Beſchwerde erhob, fagte
Ali: Das Pferd fträubt fi) gegen feinen Zaum. Glaubt
Othman, man gehorche ihm immer, wenn er gegen Gottes
Willen Bandelt? Als dann Merwan Wiedervergeltung ver-
langte, fagte Ali zu Othman: ich habe nichts Dagegen, daß
er auch mein Kameel ftoße, ſchmäht er mich aber, jo ſchmähe
ih dich, und das fann ih, ohne zu lügen. „Und warum,”
verfegte Othman, „Sollte er dich nicht fo gut ſchmähen, als
du ihn? biſt du beffer als er?“ „Mir fagft du dies?’ er-
widerte Ali zornig, „bin nicht ich und mein Vater und meine
Mutter beffer als du und die Deinigen? Du fiehft, ih babe
1) Nach Tab. ©. 157 fiel dies im Sahre 80 der Hidjrah vor.
Derfelbe erzählt auh, dag Abu Dſurr von Muamwia weder ein Ka:
meel noch NReifevorrath annahm und den Weg von Damasf nad
Medina zu Fuß zurüclegte. Raab Alachbar, der Othman beiftimmte,
ward von Abu Dfurr mit einem Stocke aefchlagen, doch verzichtete
jener, auf Othmans Fürbitte, auf die Wiedervergeltung. Auch foll
Abu Dfurr fih freimillig nah Rabadfah, das er Zabidah oder Zu-
beidah nennt, zurücgezogen haben. Rabadfuh ift nah dem Kamus
der Name eines Ortes in der Nähe von Medina. Vergl. auch
Abulfeda S. 260.
Othman. 171
nun meinen Pfeil aus dem Köcher gezogen, thue das Gleiche!“
Am folgenden Tage ſagte Othman zu ſeinen Freunden: Ali
iſt auf Irrwegen und ſteht denen bei, die auf Irrwegen ſind,
nämlich dem Abu Dſurr und Ammar Ibn Jaſir, welcher
ſchon bei der Chalifenwahl ſich gegen Othman ausgeſprochen
und die Benu Machzum, ſeine Stammgenoſſen, gegen ihn
aufregte N).
Eben ſo entſchieden trat Ali gegen Othman auf, als
Welid Ibn Okba, der Statthalter von Kufa, betrunken der
Gemeinde vorbetete und das vorgeſchriebene Gebet verlängerte.
Othman war taub gegen die Klagen der Kufaner, welche dem
Statthalter im Rauſche feinen Siegelring vom Finger ge—
nommen und ihn nah Medina brachten, aber Alt nöthigte
den Chalifen, ihn zu entfegen und gab ihm felbft die von
Dmar über die Uebertreter des Weinverbots verhängten Stod-
fireiche, als fein Anderer, aus Furcht vor Othman, dies thun
wollte 2).
Diefes Ereigniß hatte für Othman die nachtheiligften
Folgen, indem Welids Nachfolger ihm die ganze Bevölferung
von Kufa entfremdete. Bon diefer Zeit her fing feine Herr-
haft an zu wanfen und er felbft abnte dies, als er ben
Siegelring Mohammed’s mit der Inſchrift: „Mohammed,
Gefandter Gottes,“ welden nad) des Propheten Tod Abu
Bekr und Dmar getragen, verlor, und troß aller Bemühun-
gen dieſes Symbol der Herrfhaft nicht wiederfinden Fonnte.
1) Wörtlih nah) Masudi f. 196. Ammar war einer der erften
Mufelmänner und der Erbauer der erften Mofchee zu Kuba, in der
Nähe von Medina. Mohammed foll einit gefaat haben: Iaffet euch
von Ammar leiten und folget der Tradition des Son Masud ©.
Nawawi ©. 487. Nach Dfahabi f. 164 foll einſt Mohammed ge:
fagt haben: „Die Wahrheit ift mit Ammar.“
2) Masudi f. 194. Nah Abulfeda ©. 263 im 3. 29. der 9.,
nadı Tab, ©. 156 im 3. 80. Derſelbe berichtet auch, daß man in
Kufa mit Welid’s Verwaltung im Webrigen ganz zufrieden war und
daß (einige Fanatifer ausgenommen) man ihn fehr ungern verlor.
172 Drittes Hauptſtück.
Der neue Statthalter von Kufa, Said Jon Aaß, war
auch wieder ein Better des Chalifen, ein Abkömmling Omejja’s.
Er machte fih befonders durch feine taftlofe Geſchwätzigkeit
und feine großen Erpreffungen verhaßt. Er war eines Tages
unflug genug, in Anmefenbeit der Häupter der Stadt, die
Provinz Irak einen Garten Kureiſch's zu nennen. Malik
Alaſchtar, einer der Häuptlinge, welche zugegen waren, fagte
ihm: wie wagft du es, ein Land, das wir mit unferm
Schwerdte erobert haben, deinen Garten zu nennen? Er über-
häufte ihn dann mit Schmähungen und fein Haus ward der
Sammelplag aller Unzufriedenen. As Said bievon dem
Chalifen Bericht erftattete, erhielt er den Befehl, Malif und
feine Genoffen nady Syrien zu verbannen, damit fie Muawia
unter feine Zucht nehme. Muawia verſuchte es zuerft, fie
dur Milde zu gewinnen, aber fie fuhren fort in ihren
Schmähungen gegen den Chalifen und fein Gefchlecht. Eines
Tages wies fie Muamia zurecht und machte fie auf die Bor-
züge feines Vaters Abu Sofian und auf das Anfehen und
die Verdienſte der Kureifchiten zur Zeit des Heidenthums
aufmerffam. Wir ftammen aus Meffa, fagte er unter Ans
derm, aus der heiligen Stadt, in welcher ein jeder Schuß
fand zu einer Zeit, wo die Araber noch wie wilde Thiere
einander auffraßen, ihr aber feid aus der fchlechteften aller
Städte, die erft dem Islam ihr Dafein verdanft.. Dann
feste er hinzu: fahret ihr fort, den Einflüfterungen Satans
zu folgen, fo trifft euch Schmach in dieſem und jenem Leben.
Da fielen die Rebellen über ihn her und faßten ihn am Barte.
Muawia ſchrie fie aber an: ihr feid nicht in Kufa, bei Gott,
wüßten meine Syrer, was ihr gethan, ich Fünnte fie nicht
hindern, euch in Stüde zu zerreißen ). Indeſſen ſcheint er
1) Abd U Mahafin, im 3.33. Safaah, ein anderer Aufrührer,
fagte zu Muamia: Kureifch war weder durch Macht noch durd Zahl
im Heidenthum berühmt. Hierin hatte er auch ganz recht, der
eigentliche Adel der Familie Kureifch ftammt erft von Mohammed
Othman. 173
es doch nicht gewagt zu haben, ſie nach ſeiner ſonſtigen Strenge
zu behandeln, ſondern ſandte ſie dem Statthalter von Himß,
Abd Errahman Ibn Chalid Ibn Welid. Diefer verfuhr mit
großer Härte N) gegen fie, bis fie endlich wahrſcheinlich Neue
und Unterwerfung beuchelten und die Erlaubniß erhielten,
wieder in ihre Heimath zurüdzufeßren, wo fie indeffen yon
Neuem Aufruhr predigten.
In Bafra war auch eine große Gährung, weil Abu
Muſa Mafhari einem andern Better Othman's, dem Abd
Allah Ibn Amir, die Statthalterfhaft ohngefähr um diefelbe
Zeit 2) überlaffen mußte, als Said nad; Kufa berufen ward.
Der eigentliche Heerd des Aufruhrs war aber Egypten, wo
die zahlreichen Freunde Amru’s und die Feinde Abd Allah’s,
an deren Epige Mohammed, der Sohn des Chalifen Abu
Befr, fand, gegen Othman thätig waren, In Egypten hatte
ſich ſchon wor diefer Zeit eine religiöfe Sefte gebildet, deren
Haupttendenz war, Othman des Chalifats unmwürdig zu ers
flären. Der Stifter diefer Sefte war Abd Allah Ibn Saba,
ein Jemenite von zjüdifcher Abfunft, welchen Othman aug
Medina vertrieben, weil aud er feine Negierungsweife zu
tadeln fih erlaubte, Er wendete fih nach Egypten 3), wo
her, obgleich feine Ahnen ſchon im Beſitze der wichtigiten geiftlichen
und weltliben Nemter in Meffa waren. Als Muamia hierauf von
den Verdienften Kureiſch's um den Slam ſprach, faate Saßaah:
As Mufelmann follteft du wohl deine GStatthalterfchaft einem An
dern überlajjen, es gibt ältere und würdigere Mufelmänner, als du
fammt deinem Vater.
1) Er ließ fie nah Abd Almahaſin a. a. O. wie Diener vor
fih her laufen, wenn er ausritt.
2) Nah Dfahabi f. 150 im J. 29, während Said im 5. 30
Statthalter ward. Nah Abulfeda S. 262 beide im S. 29.
3) Nach Dſahabi f. 163% muß Abd Allah ichon in den erften Regie—
rungsjahren Dthman’s nah Eaypten gefommen fein, denn er erzählt,
dag er die Egyptier gegen Amru aufheste und fie bewog, Amru’s
Entfesung zu verlangen, Dies that er aber nur in der Hoffnung,
174 Drittes Hauptſtück.
er durch feine Kenntniß der heiligen Schrift bald zu großem
Anfehen gelangte. Dort lehrte er, daß, fo gut als die Chri—
ften glauben, Chriftus werde einft wieder erjcheinen, die Mu—
jelmänner aud an der einftigen Wiederkehr ihres Propheten
Mohammed nicht zweifeln dürften, und ftüßte diefe Lehre auf
einen Roransvers, in welchem Gott Mohammed die Ber:
fiherung gibt, ihn einft wieder in feine Heimath zurüdzus
bringen D. Dann fuhr er fort; Alle Propheten, welche Gott
bisher zur Erde gefandt, hatten auch einen Gehülfen oder
Bezier, Mohammeds Vezier war fein anderer als Ali, folg-
lich gebührte ihm auch nah Mohammeds Tod die Nachfolge,
Er ift noch zulest von Abd Errahman hintergangen worden,
der, ftatt ihn als Chalifen auszurufen, dem Othman hul—
digte. Othman iſt alfo fein geſetzmäßiger Chalife, verdient
daher feinen Gehorfam, Dtbman, feste er hinzu, ift ohnehin
wegen feiner verwerflihen Statthalter des Chalifats unwür—
dig, wir müffen daher feine Abjesung zu bewirken ſuchen 2).
Die Unzufriedenen in Egypten festen fih dann mit denen in
Baßra und Kufa in Verbindung und beichloffen, wahrſchein—
lich in Uebereinftimmung mit Alt, Talha und Zubeir, welche,
Erfterer in Egypten und Lestere in Kufa und Baßra den
— — —
daß Othman einen minder energiſchen Mann als Statthalter ſenden
würde, unter dem er ſein Unweſen ungeſtörter forttreiben könnte.
Als Othman hierauf Abd Allah über die Finanzen feste, hetzten die
Feinde Othmans Amru und Abd Allah fo lange hinter einander, big
Dthman genöthigt war, Amru ganz zu entfernen. Mohammed Ibn
Abi Hudfeifa, dem Othman eine Statthalterfchaft abgejchlagen, war
einer der größten Aufwiegler in Egypten. Daraus geht hervor, daß
eine gewiſſe Partei, welche von Medina aus ihre Snftruftionen er-
hielt, auf jede möglihe Weife Othman zu ftürzen fuchte.
1) Sura 28, 8.84. Die Mufelmänner behaupten, diefer Vers
fei Mohammed auf feiner Flucht von Mekka nad Medina geoffen-
bart worden. ©. Leben Moh. ©. 378. Diefe erfte Sefte im Islam
heißt Sefte der (an die) Wiederkehr (Ridjat Gfaubenden).
% ) Tab, ©. 160.
Othman. 175
größten Einfluß übten, zu einer feſtgeſetzten Zeit nach Medina
zu ziehen und vom Chalifen die Entfernung ihrer Statthalter
zu verlangen, oder ihn ſelbſt vom Throne zu ſtürzen. So—
bald Othman von dem Vorhaben der Rebellen Kunde erhielt,
berief er ſeine Statthalter zu ſich, um ſich mit ihnen über
geeignete Maßregeln gegen die immer wachſende Empörung
zu berathen. Seine Räthe konnten aber zu keinem gemein—
ſchaftlichen Beſchluſſe kommen und Othman ſelbſt, damals
(im Jahre 34 der Hidjrah, 654 n. Chr.) wenigſtens ein
achtzigjähriger Greis, fürchtete jeden ernften Kampf. Abd
Allah Ibn Saad rieth die Unzufrievenen dur Beftehung zu
gewinnen, Saad Yon Aa, ihre Häupter hinrichten zu
laffen ), Abd Allah Fon Amir, fie gegen äußere Feinde
zu führen, weil dadurch die inneren Umtriebe ſchon aufs
bören würden. Muawia endlih verlangte, dag Othman
einen jeden Statthalter bevollmächtige, die Nebellen feiner
Provinz auf die ihm geeignet fcheinende Weife zu bezäh—
men ?). Othman fol, und das flimmt ganz mit feinem
ſchwachen Charakter und feinem Alter überein, dem Vor—
fhlag des Abd Allah Ibn Amir beigeftimmt haben 3), Die
1) So bei Abd Al Mahafın, und dies erklärt auch die große
Erbitterung des Malik Alafhtar, als er von Said's Rath unter:
richtet ward. Bei Masudi f. 195 rathet Said zum Krieg und Abd
Allah Son Amir zur Hinrichtung der Schuldigiten.
2) Ber Tab. ©. 161 fagt Muawia: Alle diefe Unruhen fommen
von den Gefährten des Propheten, fie haben das Beifpiel der Em:
pörung geaeben. Darum ift das Beite, einen jeden iryend wohin
als Statthalter zu ſchicken. Andere fagten: man muß ihnen Geld
aus dem Staatsjchage geben, wie ed Omar gethan, damit fie zu:
frieden werden.
3) So bei Abd Almahafın. Derfelbe läßt auch Amru Ibn Aaß
an dem Rathe Theil nehmen, was mir unmwahrjcheinfich ift, da er
doch megen feiner Entfegung zu den Feinden Othmans gehörte.
Amru foll gejagt haben: „entweder fei gerecht und ändere deine
Statthalter, oder millft du eigenmächtig herrfchen, fo faſſe einen
Entſchluß und führe ihn rafh aus!“
176 Drittes Hauptſtück.
Entfchloffenheit der Kufaner vereitelte aber alle gefaßten Pläne,
Malik Alaſchtar befand fi) nämlich zu jener Zeit auch in
Medina, um Said's Entfegung, wegen feiner Erpreffungen
und Bernadläffigung der Grenzfeftungen, dringend zu ver:
langen. Zalha und Zubeir, welche von Allem, was zwifchen
Othman und feinen Statthaltern vorgefallen, unterrichtet was
ren D), festen Malif Alafchtar von Muawia’s und Said’s
Anfiht in Kenntnig und fragten ihn, was er unter biefen
Umftänden zu thun gedenfe? Mafchtar antwortete darauf: ic)
möchte Said zuvorfommen und die KRufaner in dem Grade
gegen ihn erbittern, daß fie ihn gar nicht mehr aufnehmen,
doch dazu fehlen mir die Mittel. Zalha und Zubeir gaben
ihm ein jeder 50,000 Dinare. Er eilte dann nad Kufa zu—
rück, und es gelang ihm mit diefem Golde und vermittelſt
einer Nede gegen Othman und Said, die er in der Mofchee
hielt, 10,000 Mann zu gewinnen, welde ſchwuren, daß, fo
lange fie am Leben, Said nicht mehr ihre Stadt betreten
dürfte.
Alaſchtar Tagerte dann mit den Unzufriedenen in Djaraa,
einem Dorfe in der Nähe von Kufa und nöthigte Said, der
mit einer kleinen Häuflein Neiter heranzog, zur Rückkehr
nad Medina, und den Chalifen zur Ernennung des ſchon
oft erwähnten Abu Mufa Alaſchari zum Statthalter von
Kufa 2). Trotz diefer Nachgiebigfeit Othman's war doc die
Ruhe oder wenigftens der Frieden in Kufa noch nicht berges
ſtellt. Unter Abu Mufa, welcher felbft wegen feiner Ent-
feßung von Baßra zu Gunften des Abd Allah Yon Amir,
zur Dppofition gehört hatte, Fonnten die Mißvergnügten und
Srregeleiteten ganz öffentlich gegen den Chalifen confpiriren.
Nicht zufrieden, felbft einen ſchwachen Statthalter zu haben,
—
1) Masudi L. 195 nennt hier auch Amru als den Verräther.
Vielleicht hatte diefer harakter- und gewiffenlofe Mann fich wieder
auf irgend eine Weife in Othmans Vertrauen eingefhlichen.
2) Masudi a, a. DO. Dſahabi u, Tab. ©. 159,
Dthman. 177
wollten fie auch Baßra und Foftat von den beiden ihnen
verbaßten Abd Allah's befreien. Othman ſah wohl ein, daß
der Aufruhr in den Provinzen von der Hauptitadt Medina und
den Gefährten des Propheten ausging, von denen jeder hoffte,
nach des Chalifen Tod zur Herrfchaft zu gelangen und darum
gerne die Statthalterfchaften in die Hand feiner Freunde zu
bringen fuchte. Nach diefen Vorfällen in Kufa beftieg er die
Kanzel und fagte unter Anderm: Wiffer ihr nicht, ihr Gläu—
bigen! daß Aufruhr der Fluch eines Bolfes it? D ihr Ge—
fährten des Propheten! Gott wird euch meimetwillen ftrafen,
ihr habt als wahre Aufwiegler das Gute, das ich gethan,
verborgen und das Schlechte hervorgehoben, um die Unver-
ftändigen gegen mich zu reizen. Bei Gott! gegen Dmar
bättet ihr das nicht gewagt, oder ihr wäret mit Füßen ge—
treten worden. Sch war zu mild gegen euch, aber wenn ihr
wollet, ſo ift mir Hülfe nabe und ich werde mir Gehorfam
erzwingen, fo gut als meine Vorgänger, Das Scwerdt
entjcheide zwifchen uns! feste noh Merwan hinzu N).
Als aber bald nachher ?) ftatt der vielleicht aus Syrien
erwarteten Hülfe, die Rebellen aus Egypten, Baßra und
Kufa vor Medina anlangren, mußte der von Truppen ganz
entblößte Dihman wieder in einem ganz andern Tone mit
den Gefährten Mohammeds reden und fie demüthtg bitten,
als Vermittler zwifchen ihm und den Unzufriedenen aufzu—
treten. Zweimal blieb feine Aufforderung ohne Erfolg, erft
als er zum Drittenmale fragte: wer will mit den Mißver-
gnügten unterhandeln? erbot fi Ali dazu und trug nad) einer
Beſprechung mit denfelben dem Chalifen ihre Klagen gegen
ihn und feine Statthalter vor. Othmans demüthige Rede,
vielleicht auch Ali's Bermittlung und Merwan’s Gold be—
Ihwidtigten die Rebellen. In diefer Rede fuchte Othman
jeden ihm gemachten Vorwurf zu widerlegen und fein Ver—
1) Dfahabi im J. 34. Abd Almahafin f. 163.
2) Ende 34 oder Anfangs 85 d. 9,
12
178 Drittes Hauptftüd,
fahren zu rechtfertigen. Ihr behauptet, fagte er, ich habe
die göttlihe Schrift verbrannt, dabei beabfichtigte ih nur
Zwiefpalt unter euch zu verhindern, doc leſet den Koran,
wie ihr wollt ). Ihr ſaget, ich habe die beften Weidepläge
eingezäunt und dem allgemeinen Gebrauche entzogen, dies
habe ich nidyt für meine Heerde, fondern für die der Armen
gethan. Ich habe Hakam nad Medina zurüdgerufen, den
der Prophet verbannt, das ift wahr, aber der Prophet hat
doc feineswegs bei feiner Verbannung ausgefprocdhen, daß er
nie fein Exil verlaffen dürfe Ich habe Merwan befchenft,
aber nicht aus dem Staatsihate, fondern aus meinem Pri—
vatvermögen. Uebrigens könnet ihr einen andern Schagmeifter
an Merwan’s Stelle ernennen. Ich foll einige Gefährten
des Propheten mißhandelt haben, nun ich bin auch nur ein
Menſch, der bald fih) vom Zorn binreigen läßt, bald wieder
ſich befänftigtz; ich bin übrigens bereit, einem eben, der an
mich eine Forderung ftellt, oder über erlittenes Unrecht ſich
beffagt, Genugthuung zu geben. Ich habe junge Leute, weil
fie meine Berwandten waren, zu ÖStatthaltern ernannt, aber
der Prophet felbft hat Attab zum Statthalter von Meffa und
Uſama Fon Zeid zum Heerführer erhoben, als fie noch in
ihrer eriten Jugend waren, auch bat er felbft die Bevor:
zugung der Verwandten empfohlen ?) und das Geſchlecht Ku—
veifch über jedes andere erhoben. Als ihm hierauf Abd Er-
rahman noch zum Vorwurfe machte, von dem Lebenswandel
Dmars abgewichen zu fein, fagte er: „Omar in Allem nad-
zuahmen, vermag fein Menſch“ 3).
1) Wortlich eigentlich, mach welchen Buchftaben ihr wollt (ala
ejji harfin schi'tum), Abd Almahaf. a. a. ©. Daraus könnte man
fhliegen, dag Othman fih nicht damit begnügte, die vorhandenen
Verfionen des Korand zu verbrennen, fondern auch verbot, den
Koran anders, ald nach der neuen Ausgabe zu lefen.
2) Freilich nur in Betreff der Privathinterlaſſenſchaft.
3) Abd Almah. a. a, O. Tab, ©. 161,
Othman. 179
Sobald indeſſen Medina wieder von den Mißvergnügten
geſäubert war, bereute Othman ſeine Schwäche und Nach—
giebigkeit und ſtellte, auf Merwan's Rath, in einer Predigt,
die Rückkehr der Rebellen als eine Folge ſeines Rechts und
ſeiner überzeugenden Rede dar und erwähnte kein Wort von
der Vermittlung Ali's und ſeiner Freunde. Die Verſchwö—
rung griff daher immer weiter um ſich und im folgenden
Jahre (35 d. H.) zogen die Häupter der Rebellen von Kufa,
Baßra und Egypten, unter dem Vorwande einer Pilgerfahrt,
abermals nach Medina, mit noch zahlreichern Haufen )
als zuvor. Diesmal blieb Othman, der unbegreiflicherweiſe
nur über einige hundert Mann, meiſtens Sklaven ?) zu ge—
bieten hatte, und auf die Bewohner Medina’s, weldhe von
Ali, Talha und Zubeir geleitet wurden, und denen Merwan
verhaßt war, nicht zählen fonnte, feine andere Wahl übrig,
als den Egyptiern nachzugeben. Diefe bildeten die Mehrzahl
der Rebellen und an ihrer Spise ftand Mohammed der Sohn
Abu Bekr's, Ali's Freund und fein treuefter Anhänger in
den fpätern Kriegen. Der Chalife mußte »iefen ihm ver—
baßten Menfchen zum Statthalter von Egypten an Abd Allah
1) Bei Abulfeda ©. 274 famen aus Egypten 500, nach Andern
700, nab Andern 1000 Mann nad Medina, eben jo fam eine
Anzahl Rebellen aus Kufa und Baßra. Nah Diahabi fol. 165,
400 Eayptier, eben jo viele Kufaner und Baßraner, alſo zuſammen
1200 Mann. Nah andern Traditionen (fol. 166), 600 Gapptier,
200 aus Kufa und 100 aus Baßra. Masudı (fol. 196) nennt auch
600 Egyptier, die Zahl der Kufaner und Bafraner gibt er nicht
näher an. Tab. ©. 161 nennt 4000 Egyptier und eben fo viele
Kufaner; auch fpriht er ©. 163 von 12000 Rebellen. Wahrſchein—
fih ward fpäter die Zahl der Rebellen von den Anhängern Ali’s
übertri.ben, um feine Unthätigkeit zu entfchuldigen.
2) Nah Tab. ©. 165 waren 500 Mann bei Othman. Nach
einer Tradition bei Dfahabi ıf. 168) 700 Wann, welche für ihn
Fämpfen wollten, aber er- gab es nicht zu, meil er fein muſelmän—
niihes Blut in der Stadt, nach welcher der Prophet ausgewandert,
vergiegen wollte, (?)
122
180 Drittes Hauptftüd,
Fon Saads Stelle ernennen, um den Sturm von feinem Haupte
abzuwenden. Othman, oder vielmehr feinem Bizier Merwan
fonnte es aber natürlicy mit diefer Conceffion, welde einem
Entfagen auf fein Herrſcherrecht glich, nicht ernft fein. Er
hoffte auf Beiftand von Seiten des ihm ergebenen Abd Allah
Ibn Amir aus Baßra, fo wie von Muawia aus Syrien.
Eobald daher Mohammed, der Sohn des Abu Befr, mit
den Seinigen wieder abgezogen war, ward ein Bote an Abd
Allah Fon Saad abgefendet, mit einem Briefe, in welchem
die Ernennung Mohammeds Jon Abu Bekr widerrufen und
der Befehl ertheilt ward, die Aufrührer aus der Welt zu
fhaffen )Y. Unglücklicherweiſe ward aber diefer Bote, welcher
ein Sklave Othmans war, aufgefangen und durchſucht. Als
das genannte Schreiben bei ihm gefunden ward, fehrten die
Rebellen voller Entrüftung nad) Medina zurüd. Othman
wälzte alle Schuld auf Merwan, der es eigenhändig gefchrie-
ben ?) und mit des Chalifen Ring ohne fein Wiffen befiegelt
haben follte. Als aber die Rebellen des Verräthers Kopf
verlangten, weigerte fih doch Othman ihn auszuliefern, Jetzt
I) Nach einer Tradition bei Tab. ©. 163 foll in dem Briefe
geftanden haben: „gebe (Mobanımed) entgegen;“ dies wurde fäljch-
lich „todte ihn“ gelesen, weil die Worte »kabala« und »katala« im
Arabiſchen nur durch einen Punkt fih von einander unterjceiden
und Damals diefe Zeihen noch auggelaffen wurden. Gine Apologie,
ganz im Geijte der oıthodoren Mujelmänner, welche einmal an
ihren erjten Stalifen feinen Flecken laſſen wollten. Ob das „ent:
gegen geben” zu dem übrigen Inhalte des Briefes paßt oder nicht,
darum kümmern ſich diefe Leute nicht. Daffelbe findet man auch
bei Befri, obſchon in dem Briefe es heißt: »fahtal ala katlihim «
(erfinde eine Liſt, fie zu tödten).
2) Es heißt bei Abulfeda ©. 276 u. A.: er geftand ein, daß
es fein Siegel und die Schrift feines Secretärd, nicht wie bei Flügel,
©. 44, mo es heißt, Daß „Othman zwar Siegel und Schrift
als fein anerfennen mußte, ih aber von der Schuld frei ſchwor,“
wie hätte er das gefonnt?? es heißt doc) bei Abulfeda katibihi (fein
Secietär) nicht kitäbihi (feine Schrift).
Othman. 181
ward der Chalife in der Moſchee mißhandelt und mit Steinen
geworfen, und nur mit Mühe entkam er in ſein Haus, das,
wie aus der ganzen Geſchichte bervorgebt, ſehr geräumig
und wenigſtens gegen einen Dandftreich gefihert war I). Amz
mar Ibn Jaſir nahm feinen Turban vom Haupte und rief:
fo wie ich diefen Turban vom Haupte genommen, fo entfleive
ih Dibman des Chalifats. Die Rebellen liegen fih nun in
Medina nieder und wurden bald noch durd) die Benu Teim,
die Stammgenoffen des Mohammed Ibn Abu Befr, ver:
ftärft ). Abd Allah Ibn Omar, Zeid Fon Thabit und
einige andere Medinenfer fprachen fi) entfchieden gegen den
Aufruhr aus, und fagten den Nebellen: Tödtet ihr dieſen
Greis, jo werden die Mufelmänner nie mehr gemeinfchaftlich
beten, noch gegen den Feind fämpfen, noch nah Meffa pil—
gern ?). Diefe Männer waren aber ohne großen Einfluß
und die eigentlihen Gebieter in Medina: Ali, Talha und
Zubeir blieben unthätig und glaubten wahrſcheinlich, Othman
würde freiwillig dem Chalifate entfagen *). Ein jeder dieſer
1) Masudi Cl. 194) erzählt ſchon, daß Dthman, als er zur
Regierung gelangte, fein Haus vergrößern und verſchönern Tief,
Auch Tab. fpriht immer von einem „Serai,“ welches wir wohl mit
Palaft oder Schloß überjegen dürfen.
2) Masudi f. 197. Ammar Son Jaſir mar, nah Elmafin ©. 33,
auf Othmans Befehl gefhlagen worden, weil er nicht zugeben wollte,
dag der Thalife für eigene Bedürfniſſe aus dem Staatsſchatze ein
Anfeihen made. Ali hatte fih zwar auch dagegen ausgefprocen,
gegen diefen wagte es jedoch Othman nicht, mit Strenge zu ver:
fahren.
3) Dfahabi f. 167.
4) Die Gefährten des Propheten, heißt es bei Dfahabi a. a.
D., glaubten nicht, daß es fo weit fommen würde, denn, bei Gott!
hätten fte fih, oder hätte fih nur einer von ihnen gegen die Rebellen
erhoben und ihnen nur eine Hand voll Sund ins Geſicht geitreut,
fie wären beſchämt zurücgefehrt. Nach einer andern, zur Verthei—
digung Ali's erionnenen Tradition, mollte dieſer Othman beſchützen,
aber Malik Alafhtar lieg ihn nicht aus feinem Haufe.
182 Drittes Hauptftüd,
drei älteften und angefehenften Gefährten des Propheten
fchmeichelte fih) mit der Hoffnung, dem entfagenden Chalifen
nadyzufolgen. Alt baute auf den Beiftand Mohammeds Ibn
Abu Befr’s mit feinen Egyptiern, Zubeir auf die Rufaner
und Talha auf die Nebellen aus Baßra. Ihre Hoffnungen
fcheiterten aber an der unerwarteten Entfchloffenheit des alten
und ſchwachen Chalifen, welcher lieber fterben, als, wie er
fi) ausgedrüct haben foll, die von Gott erhaltenen Herrſcher—
rechte aufgeben wollte '). Daß Dibman aus religiöfer Ueber—
zeugung es aufs Aeußerfte fommen Tieß, ift indeffen nicht
wahrscheinlich, denn er mußte doch wohl wiffen, dag ihm
das Chalifat nicht Gott, jondern Abd Errahman Ibn Auf,
in der Erwartung, daß er von dem Pfade, den feine Bor:
gänger betreten, nicht abweichen würde, verliehen hatte, Aber
felbft Abd Errahman hatte ihm längſt den Rücken gefehrt
und feine Entfcheidung zu Gunften Othmans öffentlich be-
reut 2). Entweder Othman war nody immer, ſelbſt alg die
Rebellen fein Haus förmlich belagerten und ihm fogar dag
Woffer abfehnitten, der Meinung, feine alten Kampf» und
Glaubensgenoſſen, an deren Seite er alle Schickſale des Is—
lams von feinem Entfteben an, durchlebt, würden es nicht
aufs Aeußerfie fommen laſſen 3), oder er erwartete jeden
1) Alaſchtar foll ihm gefaat haben: entweder verzichte auf das
Chalifat oder du mußt fterben; darauf ermwiederte er, warum foll
ich fterben ? ich bin weder ein Mörder, noch ein Ehebrecher, noch
ein Renegat. Dann bei Tab. ©. 163: das Chalifat habe ich nicht
von euch, fondern von Gott empfangen, darum hat auch Fein Menjch
das Recht, mir dafjelbe zu nehmen,
2) Dſahabi f. 163.
3) Als wir nach Medina famen, fagte er, hatten wir Fein ſüßes
Waſſer, bis ih Bir Rumah Faufte, und jest foll ih vor Durft
umfommen? Die Moſchee war für die Gläubigen zu eng, ich ließ
fie vergrößern und nun fol ich nicht darin beten? Dſahabi f. 166.
Ali foll ihm jedoch, was aber fehr bezweifelt werden muß, einige
Schläuche Waſſer geſchickt haben.
Othman. 183
Augenblick durch Muawia ?), oder Abo Allah Ibn Amir be—
freit zu werden. Wir können über Letztern nicht urtheilen,
denn da Talha in Baßra einen großen Anhang hatte, fo
fonnte der Statthalter fich vielleicht nicht ohne Gefahr ent:
fernen und auch zu einem Kampfe gegen Mufelmänner zu
Gunſten Othmans feine zuverläffigen Truppen zufammen-
bringen. Muawia aber, der, wie wir bald fehen werden,
gegen Ali achtzigtaufend Mann ins Feld führen Fonnte, fehlte
es gewiß nur an gutem Willen, nicht an Mitteln, den be-
drängten Chalifen zu retten. Aber auch diefem fchlauen Wanne,
der jpäter als Othmans Bluträcher fidy erhob, war es mehr
um die Begründung feiner eigenen Macht, als um die Er-
haltung Dibmans zu thun. Muawia Fannte die Menfchen
beffer als feine Nebenbuhler; er wußte, daß das im Wider-
3) Als DOthman belagert wurde, heißt es bei Dfahabt f. 167,
fendete er Muſawir zu Muamtia und lieg ihn um fchleunige Hülfe
bitten. (Daran ift nicht zu zweifeln, das Folgende erjcheint mir aber
mährchenhaft.) Nach zehn Tagen traf Muamia in Medina ein und
begab ſich um die Mitternachtitunde zu Othman. Diejer fraate gleich
nah den Truppen und als Muuwia fagte, er ſei nur mit zwei
Freunden gefommen, fluhte ihm Othman. Muamia fagte dann:
wären Truppen im Anzuge hierher, fo mwürden die Nebellen did)
um fo eher tödten, fliehe mit mir! in drei Tagen bringen ung unjere
Dromedare nah Syrien. Othman wollte aber die Zufluchtsitätte
des Propheten nicht verlaffen. Nah andern Traditionen fandte
Muamwia 2000 Mann gegen Medina und fagte ihrem Anführer Hu:
bib Son Maslama: ift bei deiner Ankunft in Medina Othman fchon
ermordet, fo erichlage alle, welhbe am Morde Theil genommen,
erfährft du aber feinen Tod fhon auf dem Wege, fo mahe Halt
und erwarte meine weiteren Befehle. Habib vernahm Othmans
Tod in Eheibar durh Numan Sbn Beihr, der fein blutiges Hemd
und die abaehauenen Finger feiner Gattin mitbrachte. Mögen aber
auch diefe Nachrichten gegründet fein, fo tft immer auffallend, daß
Muamia nicht ſchon längft, da doch Othman fhon mehrere Monate,
wenn au nicht in Lebensgefahr fehmebte, doch alles Anfehen und
alle Macht verloren hatte, an der Spige einiger faufend Mann nad)
Medina gezogen,
184 Drittes Haupſtück.
ftand gegen Othman einige Triumvirat fi) auflöfen würde,
fobald Othman aus dem Wege geräumt und das Chalifat
vacant würde, Er wußte auch, daß ein großer Theil des
Bolfs, welches jest gegen den verhaßten Chalifen Partei
nahm, nad erhaltener Genuatbuung, ſich doch wieder gegen
Diejenigen wenden würde, welche fie ihm verſchafft. Muawia
fonnte daber als jchlauer Staatsmann nichts befferes thun,
als Othman feinem Scidjale zu überlaffen, in ver Ueber:
zeugung, dag er dann am leichteften über feine Nebenbubler
fiegen fünnte, wenn diefe fih als Häupter der Verſchwörung
und Chalifenmörder gebrandmarft haben würden.
Die Aufrührer felbft fcheuten fi) indeffen, das Blut
eines alten Mannes zu vergiegen, welcher Mohammeds Schwie—
gerfohn war, und der in der erften Periode des Islams fo
viel für dejfen Gedeihen geopfert. Sie hoffen immer nod,
der Mangel an Waffer und Lebensmitteln würde ihn endlich
zur Auslieferung Dierwans und zum Intfagen auf das Cha-
lifat nöthigen. Erſt nah mehrwöcentliher Belagerung )
ſeines Palaſtes, als vielleicht die Nachricht verbreitet ward,
Muawia rücke mit feinen Syrern zum Schutze des Chalifen
heran 2), legten fie Feuer an das Thor von Othmans Palaft,
und während feine Sklaven, unter Merwan’s Anführung,
theils von der Terraffe aus, theils am Thore gegen die Re—
bellen kämpften, drang Mohammed Ibn Abu Bekr 3) mit
1) Nah Dfah. f. 168 dauerte die Belagerung 22 Tage. Nach
Masudi f. 198, 47 Tuge oder noch länger. Bei Tab. ©. 163, 20
Tage, bei Elmafin ©. 35, 40-80 Tage. Die Einen zählen wahr:
fheinfib nur das förmliche Umzinseln des Palaftes, die Andern die
ganze Zeit des Aufenthalts der Rebellen in Medina,
2) Tab. und Diahabi a. a. D. Griterer berichtet auch noch
©. 164, daß Truppen aus Kufa nur noch zwei Tagereifen von Me:
dina ftunden, Andere, aus Syrien, in Nabadfa, und dag auch Egyp—
tier und Baßraner nicht mehr fern waren. Sie fehrten aber alle
wieder in ihre Heimat zurück, als fie Othmans Tod vernabmen.
3) Mohammeo wollte ihn felbft erfchlagen, dod vermochte er
es nicht, als Othman ihn fragte: ob er wohl glaube, daß fein Vater,
Othman. 185
einigen Andern von einem benachbarten Hauſe aus in das
Gemach, wo Othman ſich allein mit ſeiner Gattin befand,
und ermordeten ihn 1). Seiner Gattin Naila, welche die
Streihe der Mörder von dem Chalifen abwenden wollte,
wurden einige Finger abgebauen und der Koran, welcher vor
ibm lag, und die angeblich für die Erhaltung der heiligen
Sasungen fümpfenden Mufelmänner vor einer Mordthat be=
wahren follte, ward mit Blut beiprist. Der Kampf am
Thore hörte auf, fobald der zwei und achtzig jährige ?) reis
erichlagen war und dag Gefindel drang in den Palaft. Statt
aber Dierwan und tie übrigen Häupter der Omejfaden, welche
weit fchuldiger als der alterihwace Chalife waren, zu ver-
folgen, ftürzten fi die Kämpfer für Recht und Gefeg in die
Schasfammer und plünderten fie aus. Merwan und feine
Genoſſen entfamen 3), Dibmans Leiche aber blieb drei Tage
wenn er noch am Leben wäre, ihm feine Zuftimmung geben würde?
Er war durch das Haus des Amru Son Hazım in Othmans Palaſt
gedrungen. Mohammed lieg Othman los, nachdem er ihn eine
Meile am Barte gezauft;z ermordet ward er von finana Son Beſchr
Alnadjibi, Sudan Son Hamran, Amru Ibn Alhanck und einige Andere,
welhe Mohammed gefolgt waren.
1) Den 18. Dful Hudjah des S. 35. Freitag, 17. Juni 656.
©. auch nod andere Traditionen bei Nawawi ©. 410.
2) Bei Bekri heißt es: „Othman ftarb in einem Alter von 86,
nah andern von 90 Jahren, das NRictigfte iſt aber 82 Jahre.“
Auch bei Tab. ©. 164 lieſ't man: „Othman mar 82 Sahre alt, als
er ermordet wurde, nad) einigen 90.“ Bei Abulfeda ©. 278: „75
nad einigen, nad andern 82, nad andern 90.” Bei Abulfaradj
S. 185: „Othman ward einige und achtzig ahre alt.” Bei Dfahabi
f. 172, 82, nad andern 86 Jahre. Bei Sujuti ©. 181, 81 oder
90 Sabre. ©. auch Nawawi a. a. O. 3
8) Die fünfhundert Mann, welche bei Othman waren, heißt es
bei Tab. ©. 164, führten einen verzweifelten Kampf gegen die
12000 Rebellen. Merwan ftand an ihrer Spise, biß fie alle fielen.
Als auch er verwundet ward, brachte ihn Abu Hafßa in das Haus
einer Frau, melde feine Wunden pflegte. Merwan war gegen diefe
186 Drittes Hauptſtück.
liegen, ehe es jemand wagte, ihr bie letzte Ehre zu erweiſen.
Erft am vierten Abend brachten fie einige Omejjaden I) in
alfer Eile und verftohlenerweife nad) dem Begräbnißplage,
waren jedoch zu ängftlih, um bineinzugeben und begruben
ihn daher außerhalb der Mauer, welde ihn umgab. Erft
fpäter, als Muawia den Begräbnißplag erweitern lieg, fam
Othmans Grab innerhalb der Mauer zu liegen. Othmans
Mörder und ihre Genoffen beherrfchten die Stadt Medina.
Als fie Othmans Palaft verließen, riefen fie: O Talha, Sohn
Abd Allahs! wir haben Othman Ibn Affan getödtet. Dies
thaten fie wahrfcheinlih, um zu zeigen, daß aud er mit
ihnen im Einverftändniffe war und daß nicht, wie dies fpäter
gefhah, Othmans Ermordung Ali allein zugefchrieben werden
dürfe 2). Daß diefe Beiden fowohl als Zubeir Othmans
Sturz wünfchten, unterliegt feinem Zweifel, felbft an der
Erhaltung feines Lebens fonnte ihnen, namentlih in der
legten Zeit, wenig mehr gelegen fein, da fie ja zugaben, daß
man ihn durch das Umzingeln feines Palaftes dem Hunger:
tode nahe brachte. Zwar wird berichtet, Alt babe ihm Waffer
geihict, und er ſowohl als Talha und Zubeir haben ihren
Söhnen den Auftrag gegeben, fein Leben zu befhügen. Wenn
wir aber aud diefe Berichte als hiſtoriſche Thatſachen an—
nehmen ?), fo follte doc gewiß nur der Schein gerettet wer—
Frau erfenntlich, fo lange er lebte und ernannte fpäter ihren Sohn
Ibrahim Ibn Adijj zum Präfeften über eine Stadt in Syrien. Als
Merwan megaetragen wurde, war Mohammed Ibn Abu Ber der
Erfte, der in Othmans Wohnung drang u. f. w.
1) Die Namen der edlen Männer, melde, nicht ohne Lebens:
gefahr, diefen Act der Pietät vollzogen, hiefen: Hafım Ibn Hizam,
Zubeir Ihn Mutim und Humeit Ibn Abd Aluffa. Tab. ©. 164.
2) Tab. ©. 163.
3) Wie konnte das Waſſer zu Othman gelangen, wenn fein
Palaft von Rebellen umzingelt war? Alt fol! feine Söhne, melde
verwundet worden, gejchlagen haben, weil fie Othmans Leben nicht
befhüst, was konnten fie aber thun, wenn fie am Thore ftanden
Othman. 187
den, denn wäre ihnen die Rettung Othmans wirklich am
Herzen gelegen, fo hätten fie ſelbſt an der Spitze ihrer zahl-
veihen Anbänger gegen die Rebellen auftreten müfjen, denn
felbft die ortbodoren Mufelmänner, für welche die Unfchuld
Ali's eine Glaubensſache ift, geben zu, daß er ſowohl ale
Talha und Zubeir mächtig genug gewefen wären, den Auf-
ftand zu unterdrüden. Sie fagen daher, um Othman und
AS Ruf zu reinigen: Othman ward unfhuldig getödtet, die
ibn feinem Schickſale überlaffen, find aber wegen Merwans
Treulofigfeit und der Schlechtigfeit feiner Statthalter zu ent-
fchuldiger, feine Mörder aber waren Verbrecher, Auch wir
fönnen Othmans Mörder nicht frei fprechen, aber eben fo
wenig diejenigen, welche den ſchwachen, fiebzigjährigen Dann
zum Chalifen erhoben, als die, welche den zwei und achtzig—
jährigen Chalifen den Rebellen preis gaben.
Wir haben wenig über Othman nachzutragen. Seine
Schwäche, Folge feines Alters, und feine Vorliebe zu feinem
Geichlechte, auf Koften des Staats, und mit Hintanfegung
der Gefährten Mohammeds, bereiteten ihm fein traurigeg
Ende. Uebrigens foll er viel gebetet und gefaftet, und mag
ihm die Mujelmänner auch zum DBerdienfte anrecdhnen, den
Palaft Ghumdan in Jemen, weil er den Tempel zu Meffa
verbunfelte, in eine Ruine verwandelt haben.
Mohammed fol Othman den befcheidenften feines Volkes
und Mohammed Sbn Abu Beer von einer andern Seite her ins
Haus drang? Entweder letzteres iſt erdichtet, um damit zu zeigen,
dag Alt und die Seinigen Othman noch außer Gefahr glaubten, oder
Als Vorwürfe find ungerebt. Tab. erwähnt auch in der That we-
der das Eine noch das Andere, Aus feiner Darftellung geht viel:
mehr ziemlich Flar hervor, daß nah Merwans Entfernung das Thor
erftürmt wurde und Mohammed Son Abu Beer mit den Mördern
von der Straße aus zu Othman drangen. Wie viel zur Entſchul—
digung Ali's fpäter noch erdichtet ward, bemeift eine Tradition bei
Sujuti ©. 182, derjufolge Ali auf dem Lande war, ald Othman
ermordei ward,
188 Drittes Hauptftüd,
genannt und ihm wegen feiner großen Beifteuer, zu den
Koften des Feldzugs von Tabuk, für alle vergangenen und
zufünftigen Sünden Vergebung zugefagt haben. In der Nacht
vor feinem Tode fol ihm der Prophet erfchienen fein und
ihm gejagt haben: morgen brichft du deine Faften mit mir,
Nach mufelmännifhen Traditionen wußte natürlich Moham—
med zum voraus, nicht nur, dag man Othman zum Chalifen
erwählen, fondern auch, daß man ihn unfchuldigerweife er-
morden würde, Er foll ihm gefagt haben: „Wielleicht wird
dir Gott einft das Gewand des Chalifats verleihen, fordert
man dann von dir, daß du es ablegeft, fo thue es nicht,
mag man auch Gewalt gegen dich brauden N).
1) Nah Son Abd Alhafam ©. 99 erzählte Merwan Sbn
Alhatam, den Abd Allah Son Saad mit Xrabern aus dem
Stamme Lahm und Andern nah Medina fandte, um dem
Chalifen Othman Nahribt von den Waffenthaten in Afrika zu
bringen: „Eines Abends, ald wir auf der Reiſe waren, fagte
mir mein NReifegefährte: willft du mit mir zu einem Freunde gehen,
der hier in der Nähe mohnt? Sch willigte ein und er lenkte von
der Straße ab, und führte mich vor ein Klofter, an welhem eine
Kette heraubhing. Er zog an diejer Kette, denn er war erfahrener,
als ih, da blickte ein Mann auf uns herab und öffnete uns, bradte
einem jeden von ung ein Stück Bett, dann fprach er mit meinem
KReifegeführten in feiner Sprache, und fie kauderwelſchten (ratäna)
mit einander auf eine Weiſe, daß mir fehlimme Gedanken famen.
Dann fam er auf mich zu und fragte mib, wie nahe ich mit dem
Chalifen verwandt? ich fagte: er ift mein Vetter. Hierauf fragte
er wieder: Hat er noch nähere Verwandte? ich antwortete: Nie—
manden außer feinen Kindern. „Biſt du der Herr des heiligen
Landes?" (Paläſtina) „Mein. „Wenn du ed werden Fannft, fo
thue es! Höre, ich möchte dir etwas fagen, doc fürchte ich, du
möchtest zu fchwach fein, um es zu ertragen. Mir faaft du das?
mir, der ih... Dierauf wendete er fich wieder zu meinem Seife:
gefährten und faate ihm etwas in feiner Sprahe, dann richtete er
wieder diefelben Fragen an mich, und als ich ihm die gleiche Ant:
wort ertheilte, fagte er: dein Herr wird getodtet, der Herr des
heiligen Landes wird feine Herrfchaft erben, darum fuche du es zu
Othman. 189
Othman hatte acht Ehen geſchloſſen, worunter zwei mit
Mohammeds Töchtern Rukejja und Umm Kolthum, und nach
den meiſten Berichten elf Söhne und ſechs Töchter gezeugt.
Er ſcheint ſehr eitel geweſen zu ſein, denn es wird von ihm
erzählt, er habe ſich ſeine Zähne vergolden laſſen.
werden! Dieſe Weiſſagung verſetzte mich in große Beſtürzung. „Habe
ich dir nicht gejagt, du wirſt fie nicht ertragen?” „Warum follte mich
die Nachricht vom Tode des Fürften der Gläubigen und Herrn der
Mufelmänner nicht fhmerzen?“ Sch reifte nun nah Medina und
lebte dajelbit einen ganzen Monat ohne gegen Dthman etwas von
diefem VBorfalle zu erwähnen. Gines Tages Fam ich zu ihm, er
faß auf einem Divane und hatte einen Fächer in der Hand; da
erzählte ih ihm von meiner Einkehr in das Klofter, ald ih aber
an die Nachricht von feinem Tode Fam, hielt ich ein und weinte.
Da fagte er: fprich weiter, dann werde ih auch jprechen. Ich
erzählte ihm dann, was ich mußte. Da nahm er den Rand des
Fächers ... und warf fih auf den Rüden und rieb fi die Ferien,
fo daß ich es bereute, ihm etwas geſagt zu haben. Dann fprad)
er: er hat die Wahrheit gejagt. Wille, als der Prophet von Tabuf
heimzog, gab er jedem feiner Gefihrten einen Theil (von der Beute)
und mir zwei Theile. Sc glaubte, er that dies wegen meines
großen Beitrags zu diefem Feldzuge. Er fagte mir aber: nicht
deshalb, jondern um den Leuten zu zeigen, welchen hohen Rang
du einnimmft. Sch zog mih dann zurüd. Da folgte mir Abd Er-
rahman Son Auf und fagte mir: was haft du dem Gefandten Gottes
gejagt, daß er dir jo jcharf nachfieht? ich glaubte ihm durch meine
Worte mißfallen zu haben und wartete, bis er zum Gebete ging;
da trat ih ihm in den Weg und fagte: Abd Errahaman hat mir
fo und fo geſagt; ich thue Buße zu Gott (wenn ich etwas Unrechtes
gejagt). Er ermiederte: du haft nichts begangen, aber du wirft ent:
weder einen Mord begehen, oder ermordet werden, ziehe Lektered
vor!” Eine ähnlihe Vorausſagung eines Kopten f. in der Zeitſchr.
für Kunde des Morgenlandes. II. 341.
Viertes Hauptftück.
Ar
Alt wird zum Chalifen erwählt. — Talha und Zubeir werden
zur Huldigung gezwungen. — Alt fendet feinen Wetter als Statt:
halter nah Semen, — Die Kufaner wollen ihren alten Statthalter
behalten. — Aufftand in Eaypten gegen Ali's Statthalter. — Der
nad Syrien beftimmte wird von Muawia zurücgetrieben. — Aiſcha,
Talha und Zubeir erkennen Alt nicht an. — Shr Zug nah Mekka
und Baßra. — At lagert in Dſu Kar. — Unruhen in Baßra. —
Kampf zwifchen Ali's Statthalter und den Rebellen. — Erſterer muß
die Stadt verlaffen. — Ali verlangt Truppen von Kufa. — Abu
Mufa fucht vergebens die Kufaner abzuhalten. — Die Kameelſchlacht
von Ai gewonnen. — Ginnahme von Bafra. — Unterhandlungen
mit Muamwia. — Amru Ibn Aaß ſchließt fih diefem an — Schlacht
bei Siffin. — Ai wird zum Waffenftillitande genöthigt — Das
Schiedsgericht. — Unzufriedenheit der Fanatifer. — Entſcheidung
Amru's und Abu Mufa’s. — Lesterer wird hintergangen. — Wie:
derausbrudy der Feindfeligfeiten. — Treffen von Nahraman. — Wi-
derjpenftigfeit der Kufaner. — Ali's Statthalter unterliegt in Egyp—
ten. — Alaſchtar wird vergiftet. — Krieg in Arabien und Meſopo—
tamien. — Verſchwörung gegen Ai, Muamia und Amru — Ai
allein wird tödtlih verwundet. — Sein Tod und Begräbnißort. —
Sein Familienleben und Charakter. — Sagen der Mujelmänner in
Betreff Ali’.
Ali. 191
Eine ganze Woche verging nach Othman's Ermordung,
ehe ein Nachfolger erwählt ward. Die Rebellen begaben ſich
zwar alsbald zu Ali und proclamirten ihn zum Chalifen. Er
ſcheute ſich jedoch, den mit Blut befleckten Menſchen ſeine
Hand zur Huldigung zu reichen, und lehnte die Herrſchaft ab.
Das Gleiche foll Talha und Zubeir getban haben, welche die
Rebellen aus Kufa und Baßra wählen wollten. Erft am
folgenden Freitage, als aud die Medinenfer, um der Anarchie
ein Ende zu fegen, Ali die Herrichaft übertrugen, erklärte er
ſich bereit, das Chalifat zu übernehmen, wenn auch Talha und
Zubeir ihm buldigen würden I). Diefe beiden Männer hatten
aber nit, um an Othman's Stelle Alt zu gebordhen, den
Aufruhr unterftügt. Malik Alaſchtar mußte daher, als er
Talha zur Huldigung aufforderte, und dieſer, wahrſcheinlich
um zu entfliehen oder um Zwiefpalt zu ftiften, die Huldigung
auf den folgenden Tag verfchieben wollte, zu Drohungen feine
Zuflucht nehmen 2). Auf gleiche Weife verfuhr Hafım Ibn
— — —
1) Bei Tab. Th. V. ©. 2 heißt es bloß: nach fünf Tagen ver—
fammelten die Rebellen die Bewohner Medina’s und fagten ihnen:
jest find wir jhon fünf Tage ohne Imam, das darf nicht länger
dauern, auch wiſſen wir feinen würdigern ald At. Da fagten Einige:
er wird das Smamat nicht annehmen. Aber die Rebellen verjegten:
ihr müßt in ihn dringen, bis er nachgibt. Die Medinenfer begaben
fih zu Ali, aber er beitellte fie auf den folgenden Tag in die Mo—
ſchee. Hier fträubte er fih von Neuem, bis die Egyptier (die ihm
Ergebenften unter den Aufrührern) fagten: wenn wir ohne Smam
in unfere Heimath zurücdfehren, werden Unruhen ausbrecen, die nie
mehr gedämpft werden fünnen u. f. w. Eben fo bei Dfahabi fol.
172, wo noch hinzugefegt wird, daß, nachdem zuerft Alı die Gayptier,
Talha die Baßraner und Zubeir die Kufaner zurüdgemwiejen, fie
Saad Ibn Abi Waffas oder Abd Allah Son Omar huldigen wollten,
aber au dieje lehnten die Herrfchaft ab. Dann fagten die Rebellen
zu den Medinenfern: wenn ihr bis morgen feinen Chalifen mwählet,
fo erfhlagen wir Ali, Talha und Zubeir und nod viele Andere,
2) Bei Abd Almahafın heißt ed ausprüklih: „Malik Alaſchtar
308 fein Schwert gegen Talha und Zubeir und nöthigte fie, ihm zu
192 . Viertes Hauptſtück.
Djebele gegen Zubeir. Als ſie vor Ali erſchienen, erklärte
dieſer abermals, er gelüſte keineswegs nach der Herrſchaft,
aber die Muſelmänner könnten doch nicht ohne Oberhaupt
bleiben, übrigens wolle er recht gern einem Andern, nament—
lich Talha huldigen. Dieſer ſoll dann ſeinerſeits, vielleicht
Malik's Schwert fürchtend, Ali als den würdigern erklärt
haben, als Malik Alaſchtar dieſer doppelten Heuchelei ein
Ende machte, indem er Ali's Hand öffnete und Talha gebot,
den Handſchlag der Huldigung zu geben I). Zubeir mußte
dann folgen und nach diefen Beiden huldigten die übrigen
anmefenden Nebelfen und Häupter Medina’s, von denen jedoch
Ihon Manche ſich entfernt hatten 2), zuerft in einem Privat—
folgen. Bei Tab. ©. 3 fagt Malie Mafchtar zu Talha: Willft du
durh Verzögerung der Chalifenwahl Zwietraht unter den Mufel:
männern ſäen? warum haft du das Chalifat nicht angenommen, als
die Bafraner (ed heißt im Terte Mir ftatt Baßra, was wohl
nur ein Druckfehler fein kann) dir huldigen wollten? jest ift ein
Anderer gewählt, willft du dich der Wahl widerfegen? folgeft du
mir (ur Huldigung) gut, wo nicht, fo bit du die Veranlafjung zum
Verderben.
1) Ein gewiffer Habib nahm gleich eine ſchlimme Vorbedeutung
von diefer Huldigung, weil Talha, deffen rechte Hand lahm war,
mit der linfen huldigen mußte. Tab. a. a. O. Abulfeda u. U
2) Außer Merwan und 17 andern Omejjaden, welche bei Oth—
man maren, noch Zeid Ibn Thabit, der Othman's Koran gefchrieben
und Uſama Ibn Zeid (Sohn des ehemaligen Sklaven Mohammeds).
Abd Almahaſin nennt auch Mughira Son Schuba, Doch diejer entfloh
erft fpäter. Bekri nennt noch Saad Fon Abi Wakkaß, Suheib und
Mohammed Ion Maslama. Abulfeda S. 282 nennt noch mehrere
Andere, welche die Huldigung verfagten. Alt febeint nur auf die
Huldigung Talha's und Zubeir's, weil fie die einfluiveichiten waren,
großes Gewicht gelegt zu haben, denn er glaubte nicht, daß fie einen
ſelbſt erzwungenen Eid breben würden. Diejenigen, welche die Hul-
digung verweigerten, wurden nach Abulfeda ©. 282 Mutazil (die
Abgejonderten) genannt, ein Name, der nach Andern erſt einer ſpä—
tern religiöfen Sekte beigelegt ward, während die politischen Separa-
tiften mit dem Namen Charidji (der Ausgetretene) oder der Ems
Ali. 198
hauſe, dann in der Moſchee. Obſchon aber Ali, ſowohl nach
Mohammed's als nach Abu Bekr's Tode ſich um das Chalifat
beworben, mochte doch unter den gegenwärtigen Umſtänden
ſeine Freude an der längſt erſehnten Herrſchaft nicht ungetrübt
geweſen ſein, denn er mußte vorausſehen, daß er ſie nicht
ohne ſchweren Kampf würde geltend machen können. Durch
die Uebernahme der Regierung aus den Händen der Mörder
Othman's bezeichnete er ſich ſelbſt als das Oberhaupt der
Verſchwörung. Er hatte ſelbſt ſchon früher das Beifpiel der
Widerfpenftigfeit gegen den Herrfcher der Gläubigen gegeben,
pörer (mit Ala) bezeichnet werden. Db man Mutazal (der Abge-
fonderte, Verftoßgene) oder Mutazil (der Ausicheidende, ſich Abſon—
dernde) lieft, hängt lediglich davon ab, ob dieſe Sekte ſich ſelbſt fo
genannt, oder ob ıhmen diefer Name von anders Gläubigen beigelegt
worden, worüber, nach dem Kamuß, die Gelehrten nicht einig find.
Reiske fchreibt hier motazelitae und S. 479 nennt er Waßil Son
Ata, welcher diefe Sefte geitiftet, einen »motazalitam« und die Sefte
ſelbſt »motazalac, Hammer jchreibt „Moteſile“, Pocock, Sale
und de Sacy »Motasala oder »Mutazala, was einerlet ift. Für letz—
tere Vocalifirung, d. h. für die Bedeutung des partic, passiv. fpricht
befonders die aus Ibn Challifan angeführte Stelle bei Pocock. Spe-
cimen hist. Arab, ed. White (oxon. 1806) p. 215. Dort heißt es
nämlih, als Wagıl Ibn Ata, in Gegenwart feines Lehrers Hafan
aus Bafra, in Betreff derjenigen, welche eine fhmere Sünde began:
gen, eine Meinung geäußert, welche ſowohl von der der orthodoren
Gelehrten als der Iharidjiten verfihieden war, indem er fie nicht
wie dieje den Ungläubigen und nicht wie jene den Gläubigen völlig
gleich ftellte: „Hafan jagte ihn (fataradahu) aus feiner Gefellfchaft
weg und er ward von ihm verftoßen (fau’tuzila); Amru Ibn Ubeid
gefellte fih aber zu ihm und man nannte diefe Beiden und ihre
Anhänger Motazal. Hier, glaube ich, läßt fih doch nicht gut
»faitazala« (er fonderte ſich ab) lejen, da doch vorhergeht, daß Hafan
ihn wegjagte, die Abjonderung aljo nicht von Waßil ausging. Der
Urjprung des Namens fcheint indejfen ungewiß, da nad) einer andern
Stelle des Ibn Challifan Kutada fie erit fo nannte, (S. ebendaf.
©. 216.) Mir ift es wahrjheinlicher, dag diefe Sefte ihren Namen
von den Drthodoren ald Schimpfnamen erhielt, daß er Motazal
lautet und die (von den Rechtgläubigen) Verſtoßenen bedeutet,
13
194 Biertes Hauptſtück.
mit weldem Rechte Fonnte er jest unbedingten Gehorſam
fordern? Diefe gegründeten Befürchtungen, welche vielleicht
wirklich fein Zaudern mit der Annahme des Chalifats verur—
fachten, verwirklichten fi fehr bald. Da feine und der Re—
bellen Hauptflage weniger gegen Othman felbft als gegen
deffen Statthalter gerichtet waren, fo fonnte er dem Rathe
Abd Allah's Ibn Dfafar und Mughira’s Jon Schuba N, fie
bis zur Befeftigung feiner Macht in ihrem Amte zu laffen,
unmöglih Gehör geben. Durch ihre Entfegung machte er
aber fie feldft und ihren ganzen Anhang fih zu Feinden, und
wer von ihnen Die Macht dazu hatte, verfagte ihm fürmlich
die Anerkennung, bis er für Othman's Blut Rache genommen,
Diefe Bedingung fonnte aber Alt unmöglich erfüllen, theilg
weil er felbft an der Verſchwörung zu großen Antheil ge—
nommen, theils weil fie fo weit verzweigt war, daß er durch
Beftrafung der Rebellen einen großen Theil des Volks und
zwar gerade den ihm ergebenften — Othman's Verwandte
und Freunde hätten ihn doch nie aufrichtig gelicht — gegen
fih aufgebracht haben würde. Alt fandte feinen Vetter Übeid
Allah Ibn Abbas als Statthalter nad) Jemen. Diefer fand
feinen Widerftand, doch gelang es feinem Vorgänger Jala
Ibn Munabbab, vor deffen Anfunft die Staatsfaffe zu leeren,
melde 600,000 Goldſtücke enthielt, und ſechs hundert Kameele
fortzuführen 2). Ammar Ibn Schihab ſollte die Statthalter:
[haft von Kufa übernehmen, aber Tuleihba Jon Chumeilad,
der zu Abu Bekr's Zeit aufrührerifche und dann begnadigte
1) Diefer hatte zuerft Ali gerathen, namentlih Moamwia als
Statthalter von Syrien zu beftätigen, dann aber, wahrfheinlih um
Alt ins Verderben zu ftürzen, ihm abzujegen. Abd Allah ſagte ihm:
man bezeichnet dich ald den Mörder Othman's und du bift felbft
fbuld, weil du mir fein Gehör geſchenkt, als ich bei dem Ginzuge
der Rebellen dich beſchwor, Medina zu verlaffen. Ali fürchtete aber
wahriceintih, daß in feiner Abmwejenheit ein anderer zum Chalifen
erwählt mürde,
2) Abd Almahafin und Abulfeda ©. 288. Tab. ©, 4.
Ai. 195
falfhe Prophet, zog ihm entgegen und erklärte ihm, daß die
Kufaner feinen andern Statthalter als Abu Muſa Alaſchari
wollten, den fie no von Othman an Suid’s Stelle ſich er-
zwungen hatten. Auch erklärte er ihın, daß die Rufaner Rache
für Othman's Blut verlangten und daß, wenn er fih nicht
augenblicklich zurücziehe, fie ihm den Kopf fpalten würden N),
Zum Statthalter von Egypten ward Keis Jon Ibada ernannt,
Diefer ward zwar von der Mehrzahl der Egyptier anerkannt,
denn Mohammed Ibn Hudfeifa hatte den frühern Statthalter
Abd Allah Fon Abi Sarh fchon vor Keis Ibn Ibada's Anz
funft aus dem Lande vertrieben. Mohammed Ibn Hupfeifa
hatte aber gehofft, jelbft die Statthalterfchaft von Egypten zu
erhalten, er unterftügte daher Keis Jon Fbada nicht nad
Kräften und des legtern eigner Better Mohammed Ibn Mas—
lama fuchte die Egyptier gegen Alt aufzumiegeln, fo daß bald
eine Anzahl Migvergnügter fi in dem Dorfe Charbata in
Dberegypten verfammelte und die Huldigung verfagte 2). Auch
in Baßra, wohin Othman Ibn Huneif gefandt wurde, mußte
zwar der verbaßte Abd Allah Jon Amir weichen, doch fand
der neue Statthalter feineswegs in diefer Stadt, welche für
Zalha eingenommen war, die gewünichte Anhänglichfeit für
den neuen Chalifen 3). Wie Ammar die Befisnahme von
Kufa, fo ward Sahl Ibn Huneif H, welcher Muawia erfegen
follte, die von Syrien nicht geftattet. Er ward an der Grenze
von Syrien von einer Abtheilung fyrifcher Truppen empfan-
gen, welche ihn nöthigten, nah Medina zurüczufehren. Der
bärtefte Schlag für Ali war aber, als er vernahm, daß
Aiſcha °) in Mekka Aufruhr predigte und das Volk aufforderte,
#226... 0: 9,
2) Tab. ©. 15.
8) Abulfeda a.a D.
4) Ali hatte vorher feinen Better Abd Allah Ihn Abbas zum
Statthalter von Eyrien ernannt, er lehnte ed aber ab, meil er wohl
wußte, dag Muamia fih nidt untermerfen würde.
5) Aiſcha hatte früher jelbft gegen Othman confpirirt, und ihr
43”
196 Viertes Hauptſtück.
ihm die Huldigung ſo lange zu verſagen, bis er die Mörder
Othmamn's beſtraft und dag Talha und Zubeir nebſt mehrern
andern angeſehenen Medinenſern, die ſich zu ihr begeben, trotz
ihrem Huldigungseide den Aufruhr unterſtützten. Auch Jala
Ibn Munabbah, der abgeſetzte Statthalter von Jemen, hatte
ſich ihr angeſchloſſen und das geraubte Geld und die Kameele
zu ihrer Verfügung geſtellt. Ali, welcher gehofft hatte, alle
ſeine Getreuen gegen Muawia ins Feld führen zu können,
der ihm förmlich die Anerkennung verſagte und ihn nicht ein—
mal einer ſchriftlichen Antwort würdigte I, ſah ſich jetzt ge—
nöthigt, zuerſt die Empörung in Arabien ſelbſt zu unterdrücken
und gegen drei Feinde zu kämpfen, von denen, wie er ſich
ſelbſt ausgedrückt haben ſoll, der Eine (Zubeir) der ritterlichſte
Mann ſeines Jahrhunderts, der Andere (Talha) der freige—
bigſte und der Dritte (Aiſcha) diejenige Perſon war, deren
Bruder Mohammed ſtand bekanntlich an der Spitze der egyptiſchen
Rebellen. Während der Belagerung von Othman's Palaſt war ſie
in Mekka. Auf dem Rückwege nah Medina vernahm fie Othman's
Ermordung und Ali's Ernennung zum Nachfolger und Fehrte gleich
wieder nach Mekka um. Sie grollte Ali ſchon lange, weil er nad
einer Tradition, zur Zeit ald Mohammed an ihrer Unjchuld zweifelte,
und deshalb fehr betrübt war, ihm gefagt haben foll: wie magft du
das fo fehr zu Herzen nehmen, es gibt ja der Frauen noch viele.
©. Leb. Moh. S. 155 u. 417.
1) Ali fandte Sabrat Fon Mibad aus dem Stamme Djuheina
zu Muawia. Diefer hielt ihn einen ganzen Monat in Damask zurüc,
dann gab er ihm einen verfiegelten Brief und ließ ihn von einem
Manne, Namens Kabifa, nah Medina begleiten. Als Ali den
Brief erbrach und nichts darin gefchrieben fand, fragte er Kabißa,
wie feine mündliche Aufträge lauteten? Diefer antwortete, nachdem
ihm volle Freiheit zu reden gejtattet war: Sch verlaffe ein Wolf,
das Dergeltung verlangt. 60,000 Mann weinen unter dem blutigen
Gewande Dthman’s. Abd Almahafin. Bei Tab. ©.5 fagt Kabißa:
Alle Bewohner Syriens haben geſchworen, Othman’s Blutrahe von
dir zu fordern. Weber 100,000 Mann kommen täglih in die Mo:
fchee, um Othman zu beweinen. Ali antwortete: auch ic) verabfcheue
Othman's Mörder, aber an meinem Halfe haftet fein Blut nicht.
Alt. 197
Wort unter den Gläubigen am meiften Geltung batte N).
Während daher mehrere taufend Mufelmänner nach Meffa
ſtrömten und auch alle Omejjaden, Abd Allah Ibn Amir,
Sad Fon Aaß, Welid Jon Okba, ſelbſt Merwan fich der
ränfefüchtigen Aiſcha anfchloffen, forderte Alt drei Tage hinter
einander vergebens die Medinenfer von der Kanzel herab auf,
ihm gegen die Treubrücdigen nad Meffa zu folgen, und nur
mit Mühe brachte er neun hundert Mann zufammen ?). Als
er aber demungeachtet gegen die Treulofen aufbrechen wollte,
erbielt er ein Schreiben aus Meffa ?), in welchem ihm ge—
meldet ward, daß Talha, Zubeir und Aiſcha mit 1000 Mann,
600 Kameelen und 400 Pferden fih gegen Baßra gewendet.
Dort war nämlich der Anhang Talha’s und Abd Allah's Ibn
Amir fo groß, daß fie leicht vorausfaben, eg würde ihnen
bald gelingen, Ali's Statthalter zu vertreiben. Sie hofften
nad und nad, ganz Jraf für fi zu gewinnen, um fo mehr,
da Abu Mufa Mafchari, welchem Ali, gegen feinen Willen,
1) Abd Almahafin.
2) Tab. a. a. D. Ale waren bereit, ihm nad Syrien zu fol:
gen, als fie aber hörten, daß er gegen Talha und Zubeir Krieg
führe, zauderten fie u. ſ. mw.
3) Nach Tab. ©. 6 von Umm Harth, der Tochter Abd Almut:
talibs, alſo von feiner Tante. Derfelbe berichtet auch, daß Umm
Salmah, eine andere Gattin des Propheten, ſich erbot, um Aiſcha's
Einfluß zu paralyfiren, fih zu feinem Heere zu begeben. Ali danfte
ihr und fagte: bleibe du nur zu Haufe und bete zu Gott, daß er
Aiſcha in meine Gewalt liefere! Dies hörte fpäter Aifcha wieder
und darum fürctete fie fih jo fehr, von Alt cefangen genommen zu
werden. Früher hatten fich Talha und Zubeir vergebens bemüht,
Umm Salmah zu bewegen, ihre Partei zu ergreifen und Abd Allah
Ibn Zubeir, welcher einer der heftiaften Gegner Ali's war, und ihn
dffentlih als den Mörder Dthman’s bezeichnete, richtete fogar harte
Worte gegen diefe ehrwürdige Wittme des Propheten. Aber ſie
nahm nit nur an ihrem Zuge feinen Antheil, fondern bot auch
ihre ganze Beredfamkeit auf, um ihnen das Sündhafte ihres Unter:
nehmens vorzuftellen.
198 Biertes Hauptftüd.
die Statthagerfchaft von Kufa laſſen mußte, höchſt unzuver-
Yällig war. Ihre Unternehmung gründete fih jedoch ganz
befonders auf die Meinung, Alt würde zunächft gegen Muawia
ins Feld ziehen; fobald fie daher durch ihre KRundfchafter
vernahmen, daß Alt ihnen auf den Fuß folge, wurden fie
fhon zaghaft und Aiſcha wollte fogar, eine Warnung des
Propheten vorfhügend "), wieder umkehren, Talha und Zubeir
waren indeffen als Männer ſchon zu weit gegangen, um nicht
auf dem Wege der Empörung gegen Ali zu verharren, fie
boten daher alles auf, um Aiſcha, die Mutter der Gläubigen,
mit fi fortzureigen. Alt war noch nicht im Stande, Die
Zreulofen bis Baßra zu verfolgen, denn er hatte nur fieben
oder neun hundert Dann ?) bei fi, während jene, noch ehe
fie vor Baßra anlangten, ſchon 3000 Mann unter ihrer
Sahne zählten 3), Er fchlug fein Lager in Dfu Kar, an der
1) Als fie an einem Hauab genannten Orte vorüberfam, fo
berichten alle arabiihen Quellen, und Hunvdegebell vernahm, jagte
fie zu Talha und Zubeir: „ich Fehre um, denn der Gejandte Gottes
hat einjt gejaut: Cine meiner Gattinnen wird einſt an Huuab vor-
überziehen, wenn die Hunde dieſes Ortes bellen, ihre Unternehmung
wird aber Ferne gerechte jein.“ Dieje Tradition erjann gewiß Aiſcha
um ihre Furcht zu verbergen, als fie von Ali's Truppen Kunde er:
hielt, die man ihr vielleicht zablreicher ſchilderte, als fie in der That
waren. Darum beruhigte fie ſich auch nicht, ald man ihr den Numen
dieſes Ortes anders nannte, Abd Allah Son Zubeir mußte dann,
nah Tab. © 6, die Nachricht verbreiten, Ali's Heer ſei fon jo
nahe, daß fie bei ihrer Rückkehr unfehlbar in feine Macht fallen
würden, um jie zu bewegen, mit ihnen den Marih nach Baßra
fortzufegen. Hauab ift nach dem Kamuß der Name eines Ortes
auf dem Wege von Meffa nah Baßıa, nicht weit von lekterer
Stadt. So heißt der Dit auch in der Hamaſah ©. 435, nicht
»Haoub« mie bei Quatremere journ. asiat. 1832. ©. 301.
2) 900 nah Tabari und 700 nah Masudi f. 201.
5) Tab. a. a. O. Nach Abd Almabafin wollte fih auch Hafßa,
Dmar’d Tochter und ebenfalls Mohammed’s Gattin ihnen anjchlie:
fen, aber ihr Bruder Abd Allah gab es nicht zu, Auch Mughira
Ali. 199
Grenze zwiſchen Arabien und Irak, in faſt gleicher Entfer—
nung von Baßra und Kufa H, auf, und ſchrieb an feine
verfchiedenen Statthalter, befonders aber an Abu Mufa nad
Kufa, ihm Truppen zu ſchicken.
Othman Ibn Huneif, Alis treuer Statthalter von Baßra,
war nicht im Stande Truppen zufammenzubringen um Aiſcha
mit ihrem Heere zurüdzutreiben 2). Sie fowohl als Talha
und Zubeir erflärten fi) als unglüdliche Flüchtlinge, welde
nad den vorgefallenen Unruhen ſich in Arabien nicht mehr
fiher hielten, und darum alle Mufelmänner aufforderten, fich
für die Wiederherftellung der Ordnung und Beftrafung der
Rebellen zu bewaffnen. Bergebens fuchte Othman Fon Hu—
neif ibre Heuchelei zu entlarven, indem er fagte: „Wäre es
diefen Leuten um ihre Sicherheit zu thun, fo hätten fie bie
heilige Stadt Meffa nicht verlaffen, wo der ſchwächſte Vogel
nicht für fein Leben zu zittern braucht” 2). Kin großer Theil
der Bewohner Baßra's erflärte fih mit Talha und Zubeir
einverftanden und Othman fonnte es nicht hindern, daß fie
mit ihren Truppen einen Theil der Stadt befegten. Als fie
jedod am folgenden Tage nad) ihrem Einzuge in Baßra auf
Son Schuba und Said Ibn Elaaß ſollen fih wieder zurückgezogen
haben.
1) Nah dem Kamuß in der Mitte zwiſchen Kufa und Waſit,
nah Tab. ©. 6 in der Mitte zmifchen Kufa und Bußra.
2) Er rief Keis Jen Muahira zu fih und fagte ihm: ich
möchte wiſſen, ob die Baßraner Aiſcha urterftügen werden oder nicht;
geh’ einmal in die Mojchee und rufe aus: Aiſcha rückt mit einem
Heere heran, das die Veftrafung der Mörder Othman's verlangt,
mas fagt ihr dazu, ihr Bewohner Baßra's? Als Keis dies in der
Moſchee befannt machte, erhob fich Jemand und jagte: Wenn Aiſcha
in der Abficht, und gegen die Mörder Othmans beizuitehen, fommt,
fo unterftügen wir fie in ihrem Vorhaben. Keis erftattete Otyman
Bericht über dieſe Erklärung, und er jah daraus, daß die Bußraner
Aiſcha in die Stadt aufnehmen würden u, 1. w. Tab. © 7.
3) Dijahabi f. 172,
}
200 Viertes Hauptſtück.
einem großen Page ), welcher Baßra in zwei Theile trennt,
öffentliche Reden hielten, in denen fie das Bolf gegen Alt
aufzumiegeln fuchten, und ihm die Ermordung des Chalifen
zufcehrieben, fchloffen fih mande Dihman Ibn Huneif an,
denn fie fagten: da Talha und Zubeir in Medina waren,
warum haben fie Alt gehuldigt, wenn er wirklich den Chali-
fen gemordet und warum brechen fie jegt ihren Eid? Sie
haben gewiß feine andere Abficht, ald gegen Ali Krieg zu
führen, nicht Othman's Blut zu rächen. Ein gewiffer Harith
Fon Kudama aus dem Stamme Saad, fagte der heuchleri-
fhen Aiſcha, als auch fie in demfelben Sinne wie Talha und
Zubeir fi) äußerte: „Bei Gott, dein Benehmen ift weit ftraf-
barer als das der Mörder Othman's; du haft das Heilig-
thum des Propheten entweiht und den Schleier der Züchtigfeit
von dir geworfen; haft du dich freiwillig in die Mitte diefeg
Heeres begeben, fo ift es Pflicht der Gläubigen gegen Gott
und feinen Propheten es zu befämpfen und dich wieder in
deine Gemächer zurüczuführen, bift du dieſen Männern gegen
deinen Willen gefolgt, fo ift es Pflicht, ihnen Widerftand zu
feiften, weil fie, die Gefährten des Propheten, fich nicht geicheut,
den Schleier der Mutter der Gläubigen zu lüften.“ Othman
ward befonders fräftig durch Hakim Ibn Diebele unterftügt,
welcher einer der erbittertften Feinde des vertriebenen Statt—
balters Abd Allah Fon Amir war. Ihm und feinen Leuten ?)
gelang es, theils durch Gewalt, theils durch Ueberredung, zu
1) Es heißt bei Tab. ©. 7: Am folgenden Tage zog Aiſcha
mit ihren Truppen in die Stadt Witten in Bafra war ein offener
Platz, welcher Mizbad hieß, hier erfhien fie in einer Sänfte auf
ihrem Kameele und ihre Truppen waren in Schladhtordnung aufge:
ftellt. Talha ftand zu ihrer Rechten und Zubeir zur Linken. Oth—
man Ibn Huneif Fam auch mit feinen Dienern und blieb auf einer
Anhöhe u. f. w. Statt „Mizbad” ift wahrfcheinlih „Mirbad“ zu
fefen, denn es heißt auh im Kamuß: „Mirbad (wie Minbar) ift der
Name eines Platzes in Baßra.“
2) Nad) Dfahabi ftand er an der Spike von 700 Mann,
Ali. 201
verhindern, daß nicht jest ſchon die Stadt den Feinden Ali's
überliefert wurde )Y. Am folgenden Tage erneuerte ſich ber
Kampf mit Wort und Schwerdt zwifchen den beiden Parteien
auf dem großen Date und nahm erft mit Einbrud der Nacht,
nachdem von beiden Seiten manche Opfer gefallen, ein Ende,
Am dritten Tage machte Aifcha Friedensvorfchläge, als aber
Othman erklärte, er fünne, fo lange Talha und Zubeir fie
umgeben, feinen Frieden fchliegen, weil dieſe ſchon einmal
ihren Eid gebrochen, fagte Aiſcha, ihre Huldigung ſei nicht
bindend für fie, weil fie von ihnen durch) Drohung erzwungen
worden. Diefer Behauptung widerfprah Ali's Statthalter,
Nun erflärten alle diejenigen, welche noch feine Partei ergrif-
fen und die weder Alt geborchen wollten, wenn er gegen bie
die Gefährten des Propheten Gewalt gebraucht, noch mit
Talha und Zubeir gemeine Sache machen wollten, wenn fie
freiwillig gebuldigt und dann ihr Wort gebrochen, man müffe
nah Medina fchiefen, um den wahren Hergang der Sache zu
erforihen; find Talha und Zubeir zur Huldigung gezwungen
worden, fo müffe Ali's Statthalter fi) von Baßra entfernen,
haben ſie aber freimillig gehuldigt, fo müffen jene die Stabt
räumen, bis zur Nüdfehr der Gefandten follten aber beide
Parteien in Frieden neben einander in Baßra leben. Aber
aud in Medina waren die Stimmen getheilt. Ali's Freunde,
an ihrer Spige der als deſſen Stellvertreter zurücgebliebene
Sahl Fon Huneif erklärten Talha und Zubeir als Verräther,
1) Aus Tab. a. a. D. fcheint hervorzugehen, daß Aiſcha wieder
die Stadt verließ, jeine Worte lauten: „Hafim Ibn Djebele trat
aus den Reihen Othmans hervor und griff Aiſcha's Truppen an.
Man warf fih von beiden Seiten mit Steinen und es entitand ein
biutiger Kampf der bis Abends dauerte und viele Menjchen fielen
son beiden Seiten. Als die Naht anbrach, 303 fih Aifha mit ihren
Truppen von Mizbad (dem oben erwähnten Plage) zurüd und la—
gerte auf einem dortigen Begräbnißplage, welcher der Begräbnißplag
der Benu Mazin hie. Othman Ibn Huneif kehrte wieder in feinen
Palaft zurüd.“
202 Biertes Hauptftüd.
während andere wie Ufama Ibn Zeid ), Muhammed Ibn
Maslama, Abu Ejub und Suheib Ibn Sanan fie in Schuß
nahmen. Talha und Zubeir nahmen daher abermals zu Lift
und Verrath ihre Zuflucht, und überfielen des Nachts 2) den
Palaft Othman's, ermordeten feine Wache und feine Diener
und nur mit Mühe gelang es Aiſcha, ihm felbft das Leben
zu retten. Am folgenden Tage beftiegen Talha und Zubeir
die Kanzel und hielten dem Chalifen Othman eine Lobrede
und forderten das Blut derjenigen, welche an feiner Ermor—
dung Theil genommen. Site wollten fortfahren, und Alt, der
den Aufruhr unterftügt und die Mörder verfchont, des Chali-
fats unwürdig erflären, als ein Zumult in der Mofchee ent-
ftand und einige aus dem Stamme Abd Keis Talha fagten:
jollen wir dir den Brief zeigen, den du ung gefchrieben, um
ung gegen Othman aufzuregen? Zubeir wurde gefragt: haft
du nicht die Rufaner zur Empörung aufgefordert? Nicht für
Othman, fondern nur gegen Alt, welcher zum Chalifen erwählt
worden und e8 gewiß auch verdient, habt ihr das Schwerbt
ergriffen. Talha und Zubeir, weiche nad der Vertreibung
Othman's feinen Widerftand mehr erwarteten, mußten weichen
und fih in den Palaft zurüdziehen, dann verfammelten fie
aber ihre Truppen und trieben die Aliden, an deren Spike
Hakim Jon Diebele fand, zu Paaren und liegen viele von ihnen
1) Ufama Sbn Zeid erklärte zuerft, was wir feinen Augenblic
bezweifeln, Talha und Zubeir haben nur aus Furcht vor Malik
Alaſchtar gehuldigt. Darauf fagte Sahl Ibn Huneif: Sclaget die-
fen Lügner! Es entftand ein Tumult, Ujama ward mit Füßen ge-
treten, bis er dem Tode nahe war. Suheib, Abu Ejub und Mo:
hammed Ibn Maslama hoben ihn aber auf und fagten: was mollt
ihr von diefem Armen? Wir wilfen auch, daß Talha und Zubeir nur
- aus Furcht gehuldiat.”“ Tab. ©. 8.
2) Nach Tab. a. a. D. nad) der Rückkehr des Boten, welcher
Aiſcha Bericht erftattete, von dem was er gehört und nah Othman's
Erklärung, er werde nicht aus der Stadt weichen, bis es ihm Alt
Alt, 203
binrichten I). Kaum waren indeffen Talha und Zubeir im
unbeitrittenen Befige der Stadt Baßra, als unter ihnen felbft
wegen des Vorrangs beim Gebete, Zwieſpalt ausbrach, big
endlich die Uebereinfunft getroffen ward, daß Abd Allah Fon
Zubeir und Mohammed Ibn Talba abwechfelnd der Gemeinde
vorbeten follten 2). Diefer unzeitige Zwift fowohl, welder
ibre herrſchſüchtigen Abfichten durchfchauen ließ, als ihre Härte
gegen die Stammgenoffen und Freunde ihrer Gegner, ward
ihnen ſehr nachtheilig. Sie fuchten nit nur vergebens in
den umliegenden Städten Truppen gegen Ali zu werben ?),
fondern die Bewohner Baßra's felbft waren nicht gewillt, Alt
in Dſu Kar aufzufuchen, jo fehr auch Talha und Zubeir ihn
gebietet, der bald felbft heranrüden würde. Dies ift aber nicht
wahrfcheinfich, da fonft Othman doch gewiß auf feiner Hut geweſen
wäre. Daß aber Talha und Zubeir, nad) dem Friedensjchluffe mit
Dthman, ihn nur durch Verrath befteat, berichtet auch Masudi f.
201. Die Ueberrumplung des Palaſtes geſchah aljo entweder vor
der Rückkehr des Boten, oder wenigftens ehe Othman davon Kennt:
niß erhielt, denn er ward von Seiten Aiſcha's abgeſchickt.
1) Nach Masudi a. a. DO. über hundert Mann, nah Tub. ©.
8 fiebenzig Mann, bei Albufeda ©.292 vierzig Mann von den Freun—
den Othman's Ibn Huneif, vielleicht aber noch mehr nah Othman's
Vertreibung. Bei Abd Almabafın f. 173 fast Kafa den Rebellen,
welhe Rache für Othman verlangen, ihr habt ja 599 Bewohner
Baßra's getödtet? Bei Tab. ©. 11 jagt Kafa: Shr habt ja in
Basra 300 Mann getödtet und (dadurch) 3000 Menſchen das Herz
zerriſſen.
2) Masudi a. a. D.
3) Zeid Sbn Murdjan, ein angeiehener Mann aus Kufa, den Aifcha
zu ſich bitten ließ, gab ihr fein Gehör, ſondern ſchickte fih an, ſich
in Ali's Lager zu begeben. Sie lief ihn dann nochmals bitten, we-
nigfteng neutral zu bleiben und fein Haus nicht zu verlaffen. Gr
ließ ihr aber antworten: Gott hat mir befohlen, für eine gerechte
Sache zu kämpfen, dir aber zu Haufe zu bleiben, nun verlangft du
von mir, daß ich fhue, was dir obliegt, während du thuft, was nur
mir ziemt, das ift fonderbar, Tab. ©. 9.
204 Vieries Hauptftüd,
zu befämpfen wünfchten, bevor fein Anhang größer ge—
worden N).
Ali, der wie ſchon erwähnt, nur mit fieben oder neun-
hundert Mann in Dfu Kar angelangt war, fandte alsbald
Mohammed den Sohn Abu Befr’s und Abd Allah den Sohn
Djafar’s nad Kufa, mit einem Schreiben, in welchem er Kufa
als feine fünftige Reſidenz erflärte 2) und die Hoffnung aus—
ſprach, daß das Bertrauen, das er den Bewohnern von
Kufa durch diefe Wahl bewiefen, dadurch belohnt würde, daß
fie ihm viele Truppen ſchicken, um ihn in den Stand zu fegen,
feine Feinde zu befämpfen. Gleichzeitig mit Ali's Gefandten
trafen aber auch andere aus Baßra, von Talha und Zubeir,
bei Abu Mufa ein. Yestere fanden mehr Anklang bei diefem
jelbftfüchtigen Manne, welcher nicht vergeſſen hatte, dag Alt
1) Tab. a. a. D.: „Als ihnen von Feiner Seite Verftärfung
zufam, geriethen fie in große Beftürzung, dann hielten fie eine Pre:
digt in der Mofchee, und forderten nur 1000 Mann, um Alt in
Dſu Kar anzugreifen, aber Niemand antwortete. Zubeir jagte: ihr
habt uns doc gehuldigt, warum feiftet ihr ung feinen Beiltand ?
As noch immer niemand antwertete, rief er: es gibt Feinen Schuk
und feine Macht außer bei Gott dem GErhabenen! Das ift die Em:
pörung, welche der edle Prophet verkündet u. ſ. w.
2) Tub. a. a. D. Zwar fagte Ali (S. 6) zu dem Führer, wel-
her Talha und Zubeir nad) Bafra geleitet: Sch wünfchte Medina
nie zu verlajfen, und wo ich auch wäre, jo bald ald möglich wieder
dahin zurüdzufehren, doch jest, wo mir die Gläubigen gehuldigt ha=
ben, kann ich nicht mehr unthätig in Medina verweilen. Sch blieb
in Medina und huldigte Abu Ber, Omar und Othman, obgleich ich
fhon nad) des Propheten Tod am meiften Recht auf das Chalifat
hatte. Nah Othmans Tod widerftand ich eine ganze Woche den
Wünſchen des Volfs, erit als alle Mufelmänner mich einftimmig,
von freiem Antriebe (2) zum Chalifen wählten, nahm ich die Huldi-
digung an. Nun aber kann ich ihnen meine Hand nicht mehr ent:
ziehen und unthätig zu Haufe bleiben.” Ali gab jest Medina auf,
theild weil er, mie es fcheint, in Medina nicht fehr beliebt war,
theild weil diefe Stadt nicht zum Gentralpunft feiner Eriegerijchen
Unternehmungen geeignet war,
ati, 205
ihn abfegen wollte, und befürchtete, daß er es thun würde,
fobald er der Rebellen Meifter geworden. Abu Mufa fchlug
vor, man follte Talba und Zubeir beiftehen, um Othman's
Mörder zu befriegen. Warum follen wir jest Ali Truppen
fenden? fagte er: wir hätten Othman aus der Gefahr befreien
folfen, jo lange er noch lebte, jegt ift fein Grund zum Kriege
mebr vorhanden, wenn nicht etwa gegen die Nebellen, an
denen Othman's Blut haftet. Diefer Borfchlag fand zwar
fein Gebör, doch war es ihm leicht die Kufaner abzuhalten,
für Alt Partei zu ergreifen, indem er ihnen vorftellte, daß
das Flügfte wäre, an diefen, in Folge der Empörung ent-
ftandenen Streitigfeiten gar feinen Antheil zu nehmen und je=
denfalls auch die Beftrafung der Mörder zu verlangen. Alt
ward ſehr beftürzt als er von feinen Gefandten Abu Mufa’s
offenen Verrath vernahm 7), und fandte ein zweites Schrei—
ben nah Kufa durh Malik Alaſchtar und Abd Allah Ibn
Abbas. Diefe laſen Ali's Schreiben in der Mofchee dem Volke
vor, aber Abu Mufa beftieg wieder die Kanzel und fagte: O
ibr Bewohner Kufa’s! Zwei Männer aus dem Stamme Ku—
reiſch ſtreiten ſich um die Herrſchaft, der eine ift Alt, der ans
dere Talha 2), wer weltliche Bortheile fucht, der fchließe fich
ihnen an, wer aber jene Welt im Auge bat, der bleibe fern
1) Als ihn Semand fragte: Haft du nicht Alt gehuldigt? ant:
mwortete er: Habt ihr nicht auch Othman gehuldigt und ihn doch er:
fhlagen? Und als man fragte, wer find denn die Mörder ? wendete er
fid) gegen Mohammed den Sohn Abu Bekr's und fagte: Du bift
der Grite feiner Mörder. Tab. Auch Abd Allah Son Abbas, welcher
ihn fragte, ob er es nicht für eine Sünde halte, die Leute vom
Kampfe abzuhalten, nahdem er Ali gehuldigt, antwortete er: habt
ihr nicht den Eid, den Ihr Othman geſchworen, auc gebrochen? Shr
könnt feinen Gehorfam verlangen, bis ihr für fein Blut Rache ge:
genommen.
2) Sch weiß nicht, warum Zubeir nit genannt wird; vielleicht
weil Talha’s Anhang in Baßra größer war, fo daß er als Ober-
haupt galt.
206 Viertes Hauptſtück.
von ihnen, denn nur ſo lange Othman noch lebte, war es
Pflicht (für ihn) die Waffen zu ergreifen. Dieſe kurze und
wahre Anrede verfehlte abermals ihren Eindruck nicht und
auch dieſe Geſandten mußten ohne Erfolg nach Dſu Kar zu—
rückkehren. Jetzt ſandte Ali ſeinen Sohn Haſan mit Ammar
Ibn Jaſir nach Kufa, und bevollmächtigte zugleich Malik
Alaſchtar, im Nothfalle gegen Abu Muſa Gewalt zu gebrau—
chen. Haſan und Ammar wiederholten in der Moſchee, was
ſchon die frühern Geſandten zu Gunſten Ali's vorgebracht und
verdammten ſelbſt im Namen Ali's die Mörder Othman's, wäh—
rend Abu Muſa darauf beſtand, daß es ſich hier nur um reine
perſönliche Vortheile zwiſchen Ali und ſeinen Gegnern handle,
welche fie unter einander ausfechten mögen, ohne daß wahre
Gläubige fih in ihre Streitigfeitien einmifchen. Nach langem
Wortwechfel zwifchen Hafan, Ammar und Abu Mufa, nahm
aber Sahban, der beredtefte Araber feiner Zeit, das Wort
und fagte: D ihr Mufelmänner! Wir bedürfen eines Imams,
der unfere Glaubensangelegenheiten ordne und auch über un-
fer irdifches Wohl wache und den Unterdrüdten fein Recht
verſchaffe. Am würdigften zu berrfchen und den Glauben zu
befhüsen, tft aber Ali, welcher dem Propheten am Nächten
ftand, und die Lehren unferer Neligion am beften fennt und
den Freuden der Welt am wenigften nachhängt; dieſer for-
dert nun euren Beiftand, um Wahrheit von Lüge zu trennen
und Zwieſpalt und Hader aus der Welt zu ſchaffen; es ift
daher eure Pflicht, ihm Gehör zu fchenfen und ihn nad Kräf-
ten zu unterftügen! Ein gewiſſer Zeid Ibn Umru feste noch
binzu: Sebt ihr Mufelmänner! Alt fendet euch feinen eige-
nen Sohn, den Tochterfohn des Propheten, welde Ehre für
euch, einen Abfümmling des Gefandten Gottes, ein Glied von
feinen edlen ©liedern in eurer Mitte zu haben, darum fchlie-
Bet euch ihm an und gebet euer Veben für ihm hin! Diefe
Worte machten den gewünfchten Eindrud, Abu Mufa’s Stimme
ward von dem Volke übertönt, welches rief: Bei unferm
Haupte! wir fämpfen für Ali, und fhon am folgenden Mor:
alt. 207
gen ftanden 7000 Mann unter den Waffen, welche mit Ha—
fan nad Dſu Kar zogen, während Malik Alaſchtar noch an
demfelben Tage Befis von Abu Mufa’s Palaft nahm und
Abu Mufa aus der Stadt trieb N).
Ali ging den Kufanern eine Strede weit entgegen und
empfing fie mit den Worten: „O ihr Kufaner, die ihr ſchon
zur Zeit Omars den wahren Glauben bis über den fernften
Dften verbreitet, id werde euh nunmehr zum Meittelpunfte
des Islams erheben. Ich babe euch biehergerufen, damit ihr
mir belfet, meine Brüder, die mir Widerftand leiften, wieder
auf den rechten Weg zurüdzubringen; folgen fie meiner Auffor—
derung, jo nehme ich ihre Unterwerfung an, erwiedern fie fie
aber mit Gewalt und Schmähungen, fo hoffen wir, daß Gott
fie von uns abwenden wird.”
Alt handelte diefer Anrede gemäß, obgleich er jet ftarf
genug war, den Feind anzugreifen, denn aud aus Meffa und
Medina, jo wie aus andern Theilen Arabien’g und Irak's, waren
inzwifchen viele Truppen noch zu ihm geftoßen 2). Kaka Jon
Amru ward nah Baßra geſchickt, um mit Talha und Zubeir
zu unterbandeln, Als diefe, wie immer, von Othman's Blut—
rache ſprachen, fagte er: ihr habt ſchon Blut genug in Baßra
vergoffen, unter dem Vorwande Othman zu rächen. „Das
1) Malik trieb Muſa's Leute heraus, als er noch in der Mofchee
war, und warf, was ihm gehörte, auf die Straße, denn er erlaubte
ihm nicht mehr, den Palaft zu betreten, welher dem Staate gehörte,
deſſen Oberhaupt er verrathen. Mufa flehte vergebens, nur nod)
einen Tag in Kufa bleiben zu dürfen, er mußte vor Abend die Stadt
verliffen. Tab. ©. 11.
2) So läst ſich die oben nadı Tabari und Masudi angegebene
Zahl der Medinenjer, welche fih Alt anſchloſſen, mit der von Abul:
feda ©. 292 vereinigen, welcher fie auf 4000 angibt. So viele
mochte er nämlich gegen Baßra geführt haben, als er aber von Me:
dina nah Dſu Kar 308, folgten ihm nur 700 oder 900 Mann.
208 Biertes Hauptflüd,
Wohl des Staates erfordert jest die Gemüther zu beruhigen
und jede weitere Vergeltung niederzufchlagen, feid ihr mit ung
einverftanden, fo wird bie frühere Ruhe bald wiederkehren,
beharret ihr aber bei euren Nachegedanfen, fo fann fi das
Uebel nur verfchlimmern und ihr ftürzet euch felbft, und viele
Mufelmänner mit euch ing Berderben ).“ Aiſcha, welche
ſchon längſt Ali's Nahe fürchtete, erklärte ſich bereit, Frie—
den zu ſchließen, und verlangte nur, um ihre Ehre zu ret—
ten, vielleicht auch, um in Ali's Heer den Samen der
Zwietracht auszuſtreuen, daß Ali diejenigen aus ſeinem Heere
abſondere, welche gegen Othman nach Medina gezogen. Als
Kaka mit dieſer Erklärung Aiſcha's, der auch Talha und Zu—
beir ihre Zuſtimmung gaben, nach Dſu Kar zurückkehrte, brach
Ali gegen Baßra auf und befahl, in der Hoffnung, ohne
Blutvergießen zu ſeinem Ziele zu gelangen, allen denen, welche
an der Ermordung Othman's Theil genommen, ſich zurückzu—
ziehen. Vor Baßra angelangt, forderte er ſelbſt Talha und
Zubeir zu einer Unterredung auf 2).
Letzterer ward dahin gebracht, daß er Aiſcha und Talha
erflärte, er werde fernerhin an einem Kriege gegen Alt nicht
—— -
1) Abd Amahafın, auch in demfelben Sinne Tab. ©. 11. Bei
fegterm fagt Kaka noch: der Schlüffel der Gnade ift in eurer Hand,
wollt ihr das Thor der Gnade öffnen, fo feid ihr gerettet, öffnet ihr
aber das Thor des Verderbeng, fo fürchte ich, ihr geht zuerft in die:
fen Stürmen unter u. f. w.
2) Nah Tab. ©. 12 fagte er ihnen: Was werdet ihr einft
antworten, wenn euch Gott wegen eures Krieges gegen mich zur
Rechenſchaft zieht? Wären wir auch nicht durch Verwandtſchaft eng
verbunden, und hättet ihr mir auch nicht gehuldigt, fo find wir doc)
alle Gefährten des Propheten und haben ihm gemeinfchaftlich nach:
gebetet, was habe ich denn begangen, daß ihr es für erlaubt haltet,
mein Blut zu vergießen ? Talha antwortete: Du haft Othman’s
Ermordung angeordnet, Ali erwiederte: Laß und die Hand gen
Himmel erheben und ausrufen: „Gott verdamme denjenigen, welchem
Othman's Tod Freude gemacht.” Talha ſchwieg.
Ali. 209
mehr Theil nehmen . Doc dieſe Beiden, vereint mit deſſen
Sohn Abd Allah, beftürmten ihn fo lange, fie jest im Anz
gefichte des Feindes nicht zu verlaffen, bis er endlich wieder
den Entſchluß faßte, bei ihnen auszuharren ?). Indeſſen
dauerten die Unterhandlungen fort und es warb ein Tag zur
nochmaligen Beſprechung zwifchen Alt und Aiſcha feſtgeſetzt.
Den Rebellen aber, an ihrer Spitze Malik Alaſchtar, Abd
Allah Fon Saba und Adif Jon Hatim, welche Alt ſchon aus
feinem Heere ausgeftoßen hatte, Fonnte nichts unerwünfchter
fein, als ein Friedensihlug zwifchen Alt und Aiſcha. Sie
mußten fürchten, von erfterın geopfert zu werben, oder doch
2) Wodurh Ali ihn für fih gewann, wilfen wir nicht; wir
wiffen nur, daß er, wie Aifcha in Hauab, jest auch eine Warnung des
Propheten zum Borwand feiner Verwandlung gebraudt. Gr be:
hauptete, Ali habe ihn erinnert, wie einftt Mohammed ihm gejagt:
„O Zubeir! es wird ein Tag kommen, wo du ungerechterweife ein
Heer gegen Alt zufammenziehen wirft.“ Wahrfcheinlich verſprach
ihm Ali irgend einen Antheil an der Regierung und flößte ihm
Mißtrauen gegen Talha ein.
2) Abd Allah nannte feinen Vater einen Feigling und fagte:
da du bisher im Vereine mit Talha und Aifcha gehandelt, jo wird
niemand glauben, daß die Kurt vor Gott did vom Kriege abhält,
fondern man wird deine Furcht vor Ali ald den Grund deiner Um:
wandlung anfehen. Als Zubeir hierauf fagte, er habe Ali gefchwo-
ren, fich zurückzuziehen, fagte Abd Allah: du Fannft ja deinen Eid
durch Befreiung eines Sklaven auslöfen. Er fhenfte hierauf feinem
Sklaven Mafhul die Freiheit, ward aber von mehreren Dichtern
verfpottet, welche fich wunderten, wie er glauben konnte, durch Be:
freiung eines Sklaven von Neuem Krieg führen und Verrath üben
zu dürfen. Wach Tab. foheint diefe Beiprehung einen Tag vor der
Schlacht ftatt gefunden zu haben, nad Abulfeda ©. 294 unmittelbar
vor dem Treffen, ebenfo nah Masudi f. 208. Letzterer berichtet
auch, dag Ali beim Ausbruch des Krieges Muslim, aus dem Stamme
Djuheina, mit einem Koran in der Hand zum Feinde gefhict, um
den Kampf einzuftellen, dag aber Muslim erfchlagen ward. Bei
Abd Almahafiır findet aber auch die Unterredung Ali's mit Talha und
Zubeir am Tage vor der Schlacht ftatt, und dies ift wahrfcheinlicher,
als während bes Treffens,
14
210 Biertee Hauptftüd.
wenigſtens darauf verzichten, fernerhin an feiner Seite eine
bedeutende Rolle zu fpielen. Sie griffen daher, noch ehe der
Tag anbrach, eine Abtheilung der feindlichen Truppen an,
welche in Chureiba oder Klein-Bafra ftanden ). Diefe ver-
theidigten fi), es entitand eine große Verwirrung, von beiden
Seiten fhrie man Verrath! und griff man nad) den Waffen
und fo folgte bei Sonnenaufgang eine fürmlihe Schlacht,
welche unter dem Namen „Kameelſchlacht“ befannt ift, weil
Aiſcha auf ihrem Kameele daran Theil nahm, oder doc wer
nigfteng den Mittelpunft ihres Heeres bildete. Die Schlacht
ward durch einen Zweifampf zwiſchen Malik Mafchtar und
Abd Allah Ibn Zubeir eröffnet ?), welcher zu Gunften des
Erftern endete und bald darauf mußten die Baßraner vor den
Kufanern weichen. Talha ward verwundet und nad einigen
Berichten von Merwan, welcher unter feinen eignen Truppen
war, verrätherifcherweife gemordet, oder wie er fih aus—
drüdte, dem Blute Othmans geopfert ). Zubeir ergriff die
1) Tab. a. a. O. und Abd Almahafın. Auch Dfahabt f. 173
fchreibt den Ausbruch des Krieges dem Gefindel zu. Malik Alafch:
tar fagte zu feinen Freunden: Talha und Zubeir kannten wir ſchon
lange, aber Alt lernen wir erft heute fennen; er wird auf Koften
unfres Blutes Frieden fchliefen. Auf! laſſet ung ihn ermorden!
Abd Allah Son Suda ratbet davon ab, weil fie nur 600 Mann
ftarf, Ali aber über fo viele Taufend gebietet. Ali Ibn Alheiſcham
fehlägt vor, in ein anderes Sand zu ziehen. Abd Allah verwirft
diejen Rath und befchließt den Krieg gegen Ali's Willen anzu—
fahen.
2) Tab. ©. 12, Abd Allah fiel, doch ſchenkte ihm Malik das
Leben,
3) Abulfeda S. 206. Masudi f. 203 und Abd Almahafın. Ber
Tabart wird aber Merwan nicht genannt, es heißt blos: Talha ward
von einem Pfeile am Fuße verwundet, er zog ihn heraus und kämpfte
fort. Er verlor aber fo viel Blut, daß ihm fchmwindelte, er rief dann
einen Diener und befahl ihm, fich hinter ihn aufs Pferd zu ſetzen
und ihn mit den Armen feftzubalten und vom Sclacdtfelde zu ent:
fernen. Der Diener vitt mit ihm gegen die Stadt, aber er blutete
Alt. 211
Flucht, ward aber von Amru Ibn Diormuz eingeholt und
getödtet I). Indeſſen feuerte Aiſcha auf ihrem Kameele noch
immer die Bafraner zum Kampfe an, und fand befonders an
jo ſtark, daß er ihn am Thore in eine Ruine brachte, wo er bald
darauf die Seele aushauchte. Auch Elmaäkin erwähnt Merwan nicht,
eben jo wenig Nawawi im Leben Tulha’s. Vielleicht ward ihm
fpäter erft diefe ruchlofe That von den Feinden der Omejjaden zu:
geſchrieben.
1) Ber Sujuti zum Mughni lieſt man über Zubeir's Tod: „Am
Tage der Kameeliblaht, Donnerftaug, den 10ten Djumadi-l-Achir
des Sahres 36, ritt Zubeir nach der Schlacht auf einem Pferde, das
Dſu-l-Chimar bie, weg, um nach Medina zurüczufehren. Auf dem
Wege traf ihn Naar Son Zamam aus dem Stamme Tamim und
fagte ihm: komm zu mir, Gefährte des Gefandten Gottes, ich bes
ſchütze dich gegen jedermann. Zubeir folgte ihm. Gin Mann aus
dem Stumme Tamim, der dies hörte, ging zu Ahnaf Ibn Keis und
fagte ihm: Zubeir ift in Wadi Aſſiba (Löwenthal, in der Nähe von
Basra). Ahnaf erwiederte: was foll ich thun, wenn Zubeir in einen
Kampf zwiichen zwei muſelmänniſchen Heeren verwidelt worden und
dann wieder in feine Heimat zurückfehren will® Dies hörte Amru
Son Djormuz, Faddhala Son Habis und Bafı? Son Kaab, und
fie festen ihm nad. Son Djormuz griff ihn an und bracte ihm
eine leichte Wunde bei. Zubeir drang mit dem Schwerdte auf
ihn ein, als die beiden Andern hinzufamen und riefen: Allah!
Allah! O Zubeir! Zubeir hielt ein, dann griff ihn aber Amru aufs
Neue an und tödtete ihn und bracdte Ali feinen Kopf. Ali fagte
aber: den Mörder des Sohnes Safia's (Tante Mohammeds) erwar:
tet die Hölle. Er nahm im auch Zubeirs Schwerdt ab und fagte:
„wie oft hat diejeg Schwerdt dem Gefichte des Gejandten Gottes
heiteres Ausſehen verliehen!“ Bei dem zweiten Angriffe Amru’s ift
in meiner Handjarift eine Lücke, in dem Gommentare des Scheich
Mohammed Emir zum Muahni heißt es aber: „Zubeir fehlief unter
einem Baume in Wadi Affiba, da Fam Amru und nahm Zubeirs |
Schwerdt, das am Baume hing und fehnitt ihm den Kopf ab.”
Dann heißt ed aber freilich, was gewiß falſch ıft, „und dies war vor
der Kameelſchlacht.“ Daß Zubeir im Schlafe überfallen worden, geht
deutlich aus folgendem Trauergedihte feiner Gattin Atikah, Tochter
Zeid's, hervor: „Ibn Djormuz hattreulos gehandelt gegen den Tapfern,
der nicht zu fliehen gewöhnt. O Amru! hätteft du ihn gemedt,
14*
212 Viertes Hauptſtück.
den Benu Dhabba eifrige Verfechter. Ihre Sänfte war un
durhdringlih und ſah von den vielen Pfeilen, welche darin
ftefen blieben, wie ein Igel aus. Alt mußte, um dem Kriege
ein Ende zu machen, das Kameel in feine Gewalt zu brin-
gen ſuchen; aber die Benu Dhabba Tiefen es nicht los; fo
wie einem die Hand abgehauen wurde, fand ſich wieder eine
andere, um es an der Halfter feft zu halten. Erft als Ma-
lik Alaſchtar herbeifam und dem Kameele die Sehnen durd-
ſchnitt, ward auch Aiſcha von den Ihrigen verlaffen und ges
nöthigt, Ali's Gnade anzuflehen, der fie von ihrem Bruder
Mohammed D nah Baßra geleiten und fpäter nah Medina
du würdet einen Mann gefunden haben erniten Sinnes, feften Her:
zens und fiberer Hand. Möge deine Rechte verdorren! du haft
wahrlih einen Muslim erjchlagen, du verdienft wie ein Mörder
beftraft zu werden. Zubeir war ein Mann, im Kriege wohl erfah:
ven, doch von feinen Sitten und edler Natur“ u. ſ. w. Ein Theil
diefes Gedichtes findet fih auch bei Tebrizi zur Hamafa S. 498.
Statt: „Möge deine Rechte verdorren“ (schallat Jaminuka), wie man
bei Ibn Hiſcham und den beiden Sommentatoren lieft, heißt es dort:
„möge deine Mutter dich als todt beweinen!“ (thakalatka ummuka),
Diefe Atifah, eine Gefährtin des Propheten, hatte zuerft Abd Allah,
einen Sohn Abu Bekrs, geheirathet, welcher bei der Belagerung
von Taif fiel, dann Zeid Ibn Alchattab, welher im Kriege von
Samama getodtet ward. Sie ward dann die Gattin des Chalifen
Dmar und nah deſſen Ermordung die Zubeird. Als fie auch diefen
verlor, heirathete fie Hufein, den Sphn Als, der befanntlih auch
bei Kerbela getodtet ward, Man fügte dann: wer einen Märtyrer:
tod sterben will, der heirathe nur Atikah. Atifah’3 Bruder Said
war einer der zehn, denen Mohammed das Paradies verfündet und
ihr Vater Zeid einer der Wenigen, die fchon vor Mohammeds Gens
dung die Ginheit Gottes befannten, nah Scheih Emir aber ihr
Großvater Amru Son Nufeil.
1) Als diefer den Vorhang von ihrer Sänfte zurückſchob, fragte
fie: wer wagt ed, nad dem Heiligthume des Propheten die Hand
auszuftreden? Mohammed antwortete: dein nächfter Verwandter,
welher dein Verfahren am meiften verabfcheut. Masudi f. 204.
Derfelde erzählt auch auf der folgenden Seite, was Andere wieder:
Ati. 213
bringen ließ. Am folgenden Tage D) hielt Ali ſelbſt feinen
Einzug in Baßra und empfing die Huldigung aller Bewohner
diefer Stadt. Schon vor und während der Schlacht, in wel-
cher jevoh 15,000 Manı geblieben fein follen ?), hatte er
feinen Truppen verboten, unnöthiges Blut zu vergießen, und
den, welcher den flüchtigen Zubeir getödtet, mit Verwünſchun—
gen empfangen. est begnadigte er nicht nur alle dem
Tode entgangenen Baßraner, fondern fogar mehrere Omejfa—
den, felbft Merwan nicht ausgenommen, und Abd Allah Ibn
Zubeir, den Anführer den feindlihen Truppen, auf die Ber:
wendung Aiſcha's, des Lettern Tante 3). Die Stadt Bafra
holen, dag Ali fie von Sklavinnen in Männerffeidung nad) Medina
begleiten Tief.
1) Ueber den Schladhttag lauten die Quellen nicht übereinftim-
mend. Masudi f. 204 nennt blog den 5ten Djumadi des J. 836 und
fegt hinzu: es war ein Donnerftag. Ber Abd Al Mahafın aus:
drücklich: Donnerftag den 5ten Djumadi Achir. Abulfeda ©. 294:
Mitte Djumadi Achir, ebenjo Bekri. Elmafin ©. 37: Donnerftag,
den 10ten Djumadı Ula. Nawami im Leben Zubeirs: im Djumadi
Ua, und im Leben Talha’s: den 10ten Djumadi Ma. Dfahabi:
den 25ten Rabia Air. Der Ite Djumadi Ula des Sahres 36 war
Mittwoch, den 26ten Oktober 656, und der erfte Djumadi Achir
Freitag, den 24ten November. Mir ſtimmen daher am liebſten
Abulfeda bei, welcher blos die Mitte nennt und fih nur um einen
Tag irrt, wenn der Schladhttag wirklich ein Donnerftag war. Webri-
gend berichtet Bekri, es jei Donnerftag und Freitag gefämpft
worden. ;
2) Ali's Heer foll 20,000 und Aiſcha's 30,000 Mann ftarf ge-
mefen fein, Erfterer foll 5000 und Letztere 10,000 Mann verloren
haben. So bei Abd Almahafin. Nah Elmafın ©. 37 fielen bei
30,000 Mann, nad andern Traditionen von Aifcha’s Heer 8 oder
17,000 und von Ali's nur 1000. Bei Abulfeda ©. 300 im Ganzen
10,000, Bei Befri: Sm Ganzen 20,000, darunter 13,000 Bafraner,
500 Gefährten Ali’s, 2000 vom Stamme Afd, 1300, nad) Einigen
4000, son den Benu Dhabba.
3) Masudi f. 204. Derfelbe berichtet auh, Abd Allah Ibn
Zubeir habe zuerft ihr Kameel geführt, da fie aber die Gefahr diefes
214 Viertes Hauptflüd,
ward nicht wie eine mit dem Schmwerdt eroberte behandelt,
nur den Öffentlichen Schat leerte Alt, um feine Truppen zu
belohnen, aber das Privateigenthbum ward verfchont. Ali
mußte fic) die Liebe und dag Vertrauen Iraks erwerben, um
eine Fräftige Unterftügung gegen feinen noch zu befiegenden
Nebenbuhler Muawia zu finden, er ernannte daher feinen
Vetter Abd Allah Fon Abbas, welher an der Empörung
gegen Othman gar feinen Antheil genommen, zur großen
Unzufriedenheit Malik Alaſchtars ), der felbft diefe Stelle
gewünfcht hatte, zum Statthalter von Baßra und fehrte den
12ten Radjab ?) (Zten Januar 657) wieder nach Kufa
zurüd. —
Ali hoffte, da er jetzt von ganz Irak, Arabien und
Egypten, mit Ausnahme eines kleinen Bezirks, als Chalife
anerfannt war, Muawia würde ihm endlich auch die Huldi—
gung nicht mehr Tänger verfagen. Che er daher fih zum
Kriege gegen ihn rüftete, fandte er ihm einen zweiten Boten,
um ihn zur Unterwerfung aufzufordern. Als Ali's Gefandter,
Poſtens Fannte, jhicte fie ihn meg, indem fie ihm fügte: willſt du
deine Mutter Asma Finderlos mahen? Asma war befanntlid Aijcha’s
Schweſter.
1) Als Alt die Statthalterfhaft von Baßra feinem Better Abd
Allah Son Abbas gab, heißt es bei Tab. S. 14, fagte Malif Alaſch—
tar zu feinen Freunden: Weber Baßra gebietet jest Abd Allah Ibn
Abbas und über Kufa Ali felbft, wozu führen wir denn feit einem
Sahre Krieg? Othman wäre alfo doch ungerechterweije ermordet
worden, und wir hätten weder gegen Aiſcha noch gegen Talba und
Zubeir, die Gefährten des Propheten, kämpfen follen. Als dies
wieder Ali zu Ohren fam, ließ er Malik Alaychtar, aus Furcht, er
möchte in Kufa eine Verſchwörung anzetteln, zu fich rufen und er:
faubte ihm nicht voraus nach Kufa zu gehen.
2) Masudi f. 205. Aiſcha ward Samitag, den Iten Radjab,
(23ten Dec. 656) nah Medina zurücgefchictt und Ali's Söhne be:
gleiteten fie eine Strede weik Nach Abd Almahafin begleitete fie
Ali ſelbſt eine Tagereife weit.
Alt 215
Dierir Jon Abd Allah, nah Damask fam, berietb ſich Mua—
wia mit Amru Yon Aaß über die zu ertheilende Antwort.
Der fchlaue Amru batte fih, bald nah dem Cinzuge der
Berfhwornen in Medina, mit feinen Söhnen aus der Stadt
entfernt, denn er wollte weder an dem Aufruhr Theil nehmen,
noch die Partei Othman's ergreifen, mit dem er ja felbft,
wegen feiner Entſetzung von der Stattbalterihaft von Egypten,
zerfallen war. Er lebte zurücgezogen ) auf dem Lande, bis
er Dibman’s Tod, Ali's Ernennung zum Chalifen und Mua-
wia's Widerftand vernahm. Jetzt fragte er feine beiden Söhne,
welche Partei er ergreifen follte. Abd Allah rietd ihm, am
Kampfe gar feinen Antheil zu nehmen, und erft nach deſſen
Entfcheidung wieder aus der Zurückgezogenheit hervorzutreten.
1) Abd Almahafin und Tab. ©. 16. Herr Flügel, bei welchem
es ©. 52 heißt: „Unmiderruflih ſchien Muamia’s Untergang, als
Amru Benzelaft, der unter Othman wieder zu feiner Statt:
halterfhaft Egypten gelangt, beim Regierungsantritt Ali's
aber wieder entjegt worden war und nun voll Rache an Muamia’s
Seite foht, auf eine neue Liſt fiel,“ hat gewiß diefe Behauptung
aus der Luft gegriffen, denn auch nah Abulfeda ©. 276 war Abd
Allah Ibn Abi Sarh Statthalter von Egypten zur Zeit der Empö—
rung gegen Dthman. Shn jellte Mohammed, der Sohn Abu Befr's,
erfegen, worauf dann wegen des aufgefangenen Briefes Othman
ermordet wurde. Eben jo heift es bei Elmafin S. 34, daß die
Egyptier im 5.35 Abd Allah’s Ibn Abi Sarh Entfegung verlangten.
Er begab fih nah Merina zu Othman und als er nah Egypten
zurüdfehren wollte, miderjegte fih ihm Mohammed Son Hanifa u,
j. mw. Auch bei Nawawi ©. 479 lieft man: Amru war Statthalter
von Dman bis zu Mohammed's Tod. Dann fandte ihn Abu Ber
als Befehldhaber nah) Syrien, an deſſen Eroberung er mitwirfte.
Dmar erhob ihn zum Statthalter von Paliftina, dann fandte er ihn
an der Spitze eines Heeres nach Egypten; er eroberte viejes Fand
und vermwaltete ed bis zu Omar's Tod. Dthman lieg ihn vier Sahre
lang in feinem Amte, dann entjegte er ihn, hierauf zog er fid nad)
Paläftina zurück und bejuhte zuweilen Medina. Dann ernannte ihn
Muawia wieder zum Statthalter über Gaypten u. f. w. Bon einer
MWiederanftellung in der legten Zeit von Othman's Regierung ift
nirgends eine Spur zu finden,
216 Viertes Hauptftüd,
Mohammed hingegen fagte ihm; bu bift einer der hervor—
ragendften Männer im Islam, es ziemt dir nicht unthätig
zu bfeiben, wo es fih um die Wahl eines Dberhauptes über
alle Mufelmänner handelt. Amru antwortete hierauf: mein
Sohn Abd Allah hat mir einen Rath ertheilt, deſſen Befol—
gung mir in jenem Leben reichen Lohn bringen würde. Mo—
bammed aber hat mir den Weg gezeigt, auf dem ich in diefer
Welt zır großen Bortheilen gelange. Abd Allah fuchte ihn
dann zu bewegen, fih Ali, dem Verwandten und älteften
Gefährten des Propheten anzufchliegen. Er fühlte fich aber
zu dem gejchmeidigen Muawia mehr hingezogen, der ihm
alsbald die Statthalterfchaft von Egypten für feinen Beiftand
verſprach, und um feinen Entihluß vor feinen Söhnen zu
rechtfertigen, fagte er, wie Muawia felbft: An Alt haftet
Othmans Blut, denn er hat den Rebellen in Medina ruhig
zugefeben und fie nehmen jett den erften Rang in feinem
Heere ein ). Diefe heuchleriſchen Worte richtete er übrigeng
nur an feine Söhne und an die Bewohner Syrieng, die er
gegen Ali einnehmen wollte. Muawia felbft, der ihn auch
den Kampf gegen Alt als einen gerechten vorftellen wollte,
fol er ganz offen gejagt haben: „geftehe mir, daß wir
bei diefem Kriege mehr Bortheile diefer Welt als gottgefällige
Thaten fuchen, denn wir fönnen weder Ali's Tugend nod)
feine Rechte an das Chalifat als Verwandter und ältefter
Gefährte des Propheten läugnen“ 2). Amru, der feit feiner
Ankunft in Syrien alles aufgeboten hatte, um Haß und
Beratung gegen Alt hervorzurufen, vieth natürlich auch jetzt
noch Muawia, in feinem Widerftand zu verharren, troß den
von Ali in Irak erfämpften Siegen. Ueber ſechs Monate
waren feit der Ermordung Othmans verfloffen und Muawia
hatte Zeit gehabt, das Volk in Syrien zu bearbeiten. Ob-
gleich er ſelbſt am beften Othman hätte retten können, wußte
1) Abd AUlmahafın und Tabari a. a. D.
2) Diahabi f. 178,
Ali, 217
er doch alle Schuld auf Ali zu wälzen, weil biefer in Me-
dina felbft anweſend war, und die Mörder unbeftraft gelaffen.
Er fonnte auf die Syrer um fo eher ſich verlaffen, als die
meiften ihrer Häupter von feinem Gefchlechte waren und nach
alter arabifher Sitte wirklich für das Blut Othman's, der
auh von Dmejja abftammte, Nahe verlangten. Darum
folgte er auch dem Rathe Amru’s und erklärte dem Ge—
fandten Ali’s, er werde ſich nicht unterwerfen, bis dem Blute
Othman's Genugthuung geworden. Nah Dierir’d Rückkehr
verlangte Ali Truppen von feinen verfchiedenen Statthaltern
und erft im Monate Schawmwal I) (April 657) brach er
mit feinem Heere von Kufa auf, nachdem er fehon bei der
der Aufforderung, die er an die Kufaner ergehen ließ, das
Lager zu beziehen, fo viel Widerfpruch erfuhr, daß er es
bereut baben joll, feines DBetters Rath, Muawia in feiner
Statthalterfchaft zu betätigen, nicht befolgt zu haben ?2). Bon
Madain aus fchiete er 40,000 Mann unter dem Befehle des
Zijad Ibn Naßr voraus, und er felbjt folgte mit andern 30,000
1) Masudi f. 205.
2) Alt hatte damals feinem Wetter geantwortet: ich will von
deiner und Muamia’s Schlauheit nichts wifien; er ſoll mein Schwerdt
fühlen, bis Wahrheit Trug überwunden. Darauf verfeste Abd Allah:
„oder umgefehrt“ (au ghair hadsa). Wie fo? fragte Ali. Abd Allah
erwiederte: Muamia fann auf unbedingten Gehorfam bei den Sei:
nigen zählen, du aber ftoßeft überall auf Widerfprud. Als Ali ven
Kufanern die Nothwendigkeit darlegte, gegen Muamia Krieg zu
führen, flug jeder einen andern Plan vor, und es entftand ein
jolher Tumult in der Mofchee, das Einer den Andern nicht mehr
verftehen fonnte. Da fagte Ali: „Abd Allah Son Abbas fieht dag
Berborgene durch einen zarten Schleier, wir find Gottes und Fehren
einst zu ihm zurüd. Bei Gott! der Sohn der Leberfrefferin wird
einft den Sieg davon fragen. Dfababi f. 178 u. 179. Muamis
heißt „Sohn der Leberfrefjerin,“ weil feine Mutter Hind nad der
Schlacht von Ohod, Hamza's, Mohammeds Dheims, Leber, aus
Rache in den Mund geftedt, ©. Leben Moh. ©. 129,
218 Viertes Hauptftüd,
über Anbar I) nad Rakka, wo er den Euphrat überſchritt.
Muawia hatte feinerfeits, fobald Ali's Gefandter fern von
Damasf war, das Bolf in der Mofchee, wo das biutbefleckte
Hemd Othman's ausgeftellt war, verfammelt, um eg mit Ali's
Drohungen befannt zu machen und gleihfam um Rath zu
fragen. Es berrichte eine ehrfurchtsvolle Stille in der Mofchee,
niemand wagte zu fprechen, bis endlih Dſu-l-Kala fagte:
dir, unferm Fürften, ziemt es zu rathen und zu befehlen,
uns zu geboren und zu handeln. Da ließ er ausrufen:
jeder ftreitbare Mann begebe ſich in das Lager! wer in drei
Tagen fehlt, ift des Todes 2). Muawia brachte aus Syrien
allein mehr Truppen zufammen ?), als Alt aus allen übrigen
Theilen des Mohammedanifhen Reichs, und die Vorpoften
feines Heeres unter Abu-l-Mwar ftanden ſchon am Euphrat,
als Zijad's Truppen heranrüdten. Sobald Zijad den Feind
erblidte, gab er Ali, welcher noch zurüf war, Nachricht
davon und dieſer fandte ihm Malik Alafchtar mit einigen
taufend Reitern nad und ertheilte dieſem den Dberbefehl,
geftattete ihm jedoch nicht, zuerft anzugreifen. Malik Alaſch—
tar und Abu-l-A'war lagen einander in der Nähe von Rakka,
am Euphrat, den erften Tag ruhig gegenüber, am zweiten
Tage, als noch mehr Syrer herbeifamen, griff Lesterer bie
1) Bei Tab. ©. 17 lieſt man: Als Alı nah Madain kam,
fandte er Zijad mit 40,000 Mann voraus. Auch bei Masudi f. 206
heißt es: Alt zog von Kufa nah Madain, dann nah Anbar, von
bier nad Rakka, wo er eine Brüde über den Euphrat fchlug u. f. w.
Warum Alt, um von Kufa nad Anbar zu ziehen, den Umweg über
Madain, das am dftlichen Tigrieufer lag, machte, wird nicht an-
gegeben.
2) Dfahabi a. a. O.
3) Die Zahl der Syrifhen Truppen wird gewöhnlich auf 80,000
Mann angegeben und die Ali's auf 70,000. Nah Elmafin ©. 39
hatte Ali 90,000 und Muawia 120,000 Mann. Nah Masudi f. 206,
Ali 70,000, Muamia 85,000,
Ali, 219
Truppen Ali's an), doch Fam es zu feinem eigentlichen
Treffen. Am dritten Tage ftellte fih Alt mit feinem ganzen
Heere auf der einen und Muawia mit feinen Truppen, Amru
Fon Aaß an ihrer Spise, auf der andern Seite auf, Die
Sprer bejesten die Ufer des Euphrats, fo dag All’s Truppen
an Waffermangel Titten und genöth'gt waren, fi mit dem
Schwerdte in der Hand einen Weg an den Euphrat zu bab-
nen ?). Dann ruhte aber der Krieg wieder und Alt ver-
fuhte es von Neuem, mit Muamia zu unterhandeln. Es
war der dritte Tag des Monats Dful Hudjah, in welchem
bisher die Mufelmänner, ja ſelbſt die beidnifchen Araber fchon
jeden Kampf eingeftellt hatten, um gemeinschaftlich den Pflich-
ten der beiligen Pilgerfahrt obzuliegen, als Ai, um wo
1) Malik forderte ihn zum Zweifampfe heraus, er Tehnte ihn
aber ab. Tab. ©. 17.
2) Sp bei Masudi f. 106, welcher noch hinzufest, daß Ali,
nachdem er fi der Zugänge am Guphrat bemeiftert, doch den Sy:
rern auch geftattete Waſſer zu holen. Nah Abd Almahafin fandte
Alt vorher einen Boten an Muamia, welcher den Zutritt zum Tränf-
plas verlangte. Ginige Syrer riethen Muawia, die Mujelmänner
nicht durften zu laffen, Andere jagten: haben fie nicht auch Othman
das Waſſer abgefhnitten? Abd Allah Son Abi Sarh fagte: Mögen
fie vor Durft umfommen! Gott läßt ja auch die Ungläubigen in der
Hölle nah Waſſer ſchmachten. Dies war aber doch felbft füc die
Syrer zu ftarf gegen ein Heer, an deſſen Spitze Ali und viele an:
dere Veteranen des Islams ftanden. Abd Allah ward gefchmäht und
mißhandelt, bis Muamia fich feiner annahm und den Befehl ertheilte,
dem Feinde den Zutritt zum Waffer nicht zu geftatten. Ali's Truppen
trieben aber die Syrer mit Gewalt zurüd. Nah Tab. a. a. O.
rieth Welid Ibn Dfba, die Aliden durften zu laffen, Amru Ibn Aaß
aber, ihnen den Zutritt zum Waſſer zu geftatten, worauf Muamia
feinen Truppen (Die ſich wahrfcheinlicdy doc nicht mehr halten Ponnten)
befahl, den Kampf wegen des Waffers einzuftellen. Diejes kleine
Scharmügel, zwei Monate vor der. eigentliben Schlacht bei Siffin,
nahm mwahrjcheinlich Theophanes (S. 530) für die Schlacht jelbft,
welche er Ali verlieren läßt, weil feine Truppen aus Mangel an
Waſſer ganz fraft- und muthlos waren.
220 Viertes Hauptſtück.
möglich den Krieg zwiſchen Muſelmännern zu verhindern,
Beſchr Jon Muhßin, Keis Fon Saad und Scheib Ibn Rabia
als Friedensboten in Muawia's Lager ſchickte N.
Keis Ibn Saad war, wie wir ſchon oben erwähnt, Ali's
Statthalter von Egypten. Es war aber Muawia, nachdem
er ſich vergebens bemüht hatte ihn zu beſtechen, gelungen, ihn
bei Ali zu verdächtigen, weil er ſich geweigert hatte, gegen
die in Charbata verſammelten Egyptier, welche die Huldigung
verweigert, Gewalt zu gebrauchen ?). Er ward daher abge—
rufen und Mohammer, der Sohn Abu Befr’s, an feine Stelle
1) Tab. a. a. D. Nah Masudi f. 207 begannen die Unter:
handlungen am Iten Dful Hudjah (21ten Mai 657).
2) Abulfeda ©. 502. Diababi ©. 179 berichtet, Muamia habe
ihm die Statthalterihaft von Irak verfprohen. Keis antwortete
zuerft ausmweichend: „ich werde mich dir nicht anfchliegen, doch auch
nicht feindjelig gegen dich handeln.” Muamia war mit diefer Ant:
wort nicht zufrieden und fagte: meinesgleihen hintergeht man nicht.
Doch benugte er wahrfcheinlih Keis’ erften Brief, um den Syrern
glauben zu mahen, Keis fei ihm ergeben und greife darum die
Rebellen in Charbata nicht an. Dies Fam auch Ali zu Ohren und
da Keis ſich hartnäcig weigerte, gegen Charbata Gewalt zu ge-
brauchen, ward er entjegt. Bei Tab. ©. 15 fchreibt Muawia blog:
„ich werde dir Gutes erweiſen.“ Darauf antwortete Reis: „laß fehen,
womit du mich zu belohnen gedenfit.“ Muawia traute diefem Briefe
nit und fchrieb ihm mochmals: „gebrauche nicht Lift gegen mid,
erkläre dih offen als meinen Freund oder Feind, damit ich wiſſe,
woran ich bin!“ Immerhin ſcheint Keis zuerft einen zmweideutigen
Brief gejhrieben zu haben, den Muamwia dann gebrauchte, um ihn
ald Verräther darzuftellen, fo dag wir nicht mit Abulfeda. anzuneh-
men braucen, er habe falfche Briefe verbreitet. Zu gut war übri-
gens Muamia nicht dazu, jedes Mittel war ihm redt. So leſen
wir bei Abd Almahafin, er habe nicht nur Alt als Mörder Othmans
bei den Syrern angeklagt, fondern auch das Gerücht verbreitet, Alt
bete gar nicht. Auch ließ er die Syrer in der erften Zeit nach dem
Tode Otbmans glauben, ganz Arabien ziehe Zubeir als Chalifen dem
Alt vor, welcher nur von den Nebellen zum Herrfcher erhoben wor:
den und bewaffnete feine Leute gegen Ali im Namen Zubeird, doc
verließ er Lestern in Baßra, wie früher Othman in Medina,
Ari. 221
nah Egypten geſchickt. Ali überzeugte fi aber bald durch
das Mißgeſchick, welches Mohammed in Egypten hatte, und
von dem fpäter die Nede fein wird, daß es Flüger gewefen
wäre, die Rebellen fich jelbft in Charbata zu überlaffen, als
fie zur Huldigung zu zwingen. Keis, einer der Wenigen ihm
und feiner Sade wirklich Ergebenen, verzieh ihm den unge—
rechten Verdacht und zog mit ihm an der Spiße-einer Trup—
penabtbeilung in den Krieg, und Ali zweifelte fo wenig an
feiner Treue, daß er ihn jest fogar als Gefandten ins feind-
liche Lager ſchickte. Aber auch diefe Gefandtfchaft hatte nicht
mehr Erfolg als die beiden früheren. Als Beihr Fon Muh—
Fin, welder zuerft das Wort nahm, Muaroia mit dem götts
lihen Gerichte drohte, vor dem er ſich zu rechtfertigen haben
würde, wenn er aus Herrſchſucht mufelmännifches Blut ver:
gießen ließe, fragte ibn Muawia, warum er nicht Alt eine
ſolche Strafpredigt halte? As Beſchr bierauf von Ali's
Berbienften und Rechten ſprach, und ihn aufforderte, ſich nur
zu unterwerfen, Alt würde ihm dann gerne die Herrfchaft
über Syrien laffen, fagte er wie bisher: ich lege das Schwerdt
nicht nieder, bis dem Blute Othmans eine Sühne geworden.
Keis Jon Saad verfegte hierauf: O Muawia! die ganze Welt
weiß, dag du nicht Othmans Blut rächen willft, fondern dies
nur zum Bormwande ergreifft, um dir die geiltliche und welt
liche Herrſchaft zu erringen ). Scheib Ibn Rabia feste nod)
hinzu: Hätteſt du Othmans Ermordung verhindern wollen, ſo
wäre es dir leicht geweſen, ihm beizuſtehen; aber du wünſch—
teſt, daß es ſo komme, damit es dir um ſo leichter werde,
Würdigere als du von dem Chalifate zu verdrängen ?). Als
Muawia hierauf erwiederte; das Schwerdt mag zwifchen ung
entiheiden! verfeste Scheib: Glaubft du, wir fürchten den
Krieg? Diefes Schwerbt werde ich zuerft gegen did)
1) Tab. ©. 17.
2) Abd Al Mahafin. Statt Scheib Ibn Rabia Tieft man bei
ihm: Schibt oder Schebt.
222 Viertes Hauptftüd.
zieben 1). Trotz diefer heftigen Unterredung, nad) welcher
die Gefandten zu Ali zurücfehrten, Fam eg doch noch immer
zu feiner Schlacht, weil beide Heere fih fcheuten Krieg zu
führen, wo, wie bei den bisherigen Kriegen gegen Ungläubige,
weder Ausfiht auf Beute 2), noch Hoffnung auf das Para=
dies durch den Märtyrertod Liebe, Muth und Bertrauen zum
Kampfe einflößten. Troß allen Reden Ali's und Muawia’s,
welche den Kampf als einen heiligen, für eine gerechte Sache
geführten darzuftellen fuchten, fühlten doc die Truppen, daf
fie bier mehr für berrichfüchtige Menſchen, als für das Wohl
des Volks, oder für den Glauben fämpfen follten. Beide
Heere folgten ihren Häuptern auf das Schlachtfeld, in die
Ebene von Siffin ?), unweit Raffa, aber mit dem Wunfche
und der Hoffnung auf einen friedlichen Vergleich. Darum
1) Tab. ©. 18.
2) Nach Ali's Lobrednern, und das find alle mufelmänntfchen
Hiftorifer, Sunniten ſowohl als Schiiten, foll er, bei Siffin fomohl,
wie bei Baßra, feinen Truppen verboten haben: Die Feindjeligkeiten
zu beginnen, Flüchtlinge oder Verwundete zu tödten oder zu verftüm-
meln, ein Harem zu entweihen, zu plündern oder zu rauben. Abd
Almahafin und Abulfeva ©. 306, x
3) Siffin (nah dem Kamus wie Siffin ausgeſprochen) tft eigent:
[ih der Name eines Ortes zwifchen Rakka und Balis, auf dem
weftliben Guphratufer. Bei Abulfeda (ed. Schier ©. 152) heißt es:
Balis ift der Name eines Eleinen, ehemals bewohnten Städtchend
am weftliben Guphratufer. Sen Haukal faat: es ift die erfte ſyriſche
Stadt am Guphrat und ein Hafen der Syrer; Raffa aber liegt am
dftliben Ufer. Von hier bis zum Schloſſe Daujar, das jest Schloß
Djabar heißt und am dftlihen Guphratufer liegt, ſind fünf Phara—
fangen. Am weftlihen Guphratufer, gegenüber dem Schloſſe Djabar,
ift die Landſchaft Siffin, in welcher die Schlacht vorfiel. Von
dem Schlofje Djabar nab Rakka find fieben Pharafangen. Non
Bali nah Raffa wären demnach 12 Pharafangen, nicht 18, wie bei
Ritter X. ©. 1072. Auch geht aus dem Angeführten hervor, daß
Siffin ohngefähr fieben Pharajangen oberhalb Rakka gegen Balis
zu Sag und nicht füdlich von Rakka, wie bei Flügel ©. 50,
Ali. 223
verging auch noch der ganze Monat Dſu-l-Hudjah ohne Krieg,
nur Feine Scharmüßel fielen zwifchen einzelnen, ſich vielleicht
obnebin feindlichen Däuptern verfchiedener Truppenabtheilungen
vor Y. Während des heiligen Monats Mubarram des J. 37
ward, nad) gegenfeitiger Uebereinfunft, jede Feindfeligfeit ein—
geftellt und erjt im folgenden Monate, als nochmalige Unter-
bandlungen fcheiterten 2), brach der Krieg von Neuem aus,
Am eriten Tage des Monats Safar (Mittwoch, den 18ten Juli
657) fämpfte Malif Alafchtar gegen Mohammed Ibn Maslama,
am folgenden Tage Haſchim Jbn Otba gegen Abu-l-A'war.
Am dritten Tage fandte Muawia ein Schreiben an Alt, in
welchem er den Frieden anbot unter der Bedingung, daß die
1) Tab. a. a. D.: „Alt theilte fein Heer in fieben Abtheilungen
und ernannte für jede einen Anführer, diefe waren außer den fchon
erwähnten Malif, Sijad, Keis und Scheib: Chalid Son Mi’mar,
Muamwia Ibn Rijah und Hudjr Ibn Adijj. Die fieben Hiupter von
Muamia’s Heer hießen: Abd Allah Son Chalid, Abu A'war, Habib
Son Maslama, Dſu-l-Kala', Abd Allah Son Amru, Schurahbil
Son Simt, Hamza Ibn Malif, Don diefen 14 Helden trat jeden
Tag einer aus Ali's und einer aus Muawia's Reihen in die Sıhran:
fen; fie Fämpften gegen einander den ganzen Monat Dſu-l-Hudjah
hindurh und das Schwerdt raffte viele Leute hinweg." Masudi
©. 207 erwähnt diefe Kämpfe gar nicht, fondern fchreibt: „im Dfu-
(=Hudjah fingen die Uinterhandlungen an und im Muharram fand
formliher Waffenftillftand ftatt.” Auch bei Abd U Mahafın heißt
ed: „Man jcheute gegenjeitig eine allgemeine Schlacht; es fielen im
36ten Sahre nur Fleine Scharmügel vor.“
2) Adıjj, welcher unter den Gefandten war, fagte zu Muawia
unter Anderm: Fürchte Gott und hüte did, dag es dir nicht ergehe,
wie Talha und Zubeir am Schlachttage des Kameels! Darauf er.
wiederte Muamia: du bift nicht gefommen, um Frieden zu ſchließen,
fondern um den Krieg zu erneuern, glaubft du, ih fürdte den
Krieg? bin ich nicht ein Sohn des Kriegs? (hier fpielte er auf feinen
Großvater an, deſſen Name (Harb) Krieg bedeutet). Als Scheib
Son Rabia hierauf erflärte, daß Ali mwirklih den Frieden wolle,
verlangte Muamia die Auslieferung aller derer, welhe an der Em,
pörung gegen Dthman Theil genommen. Tab, a. a. 9,
224 Viertes Hauptftüd,
Mörder Othmans beftraft würden und eine neue Chalifenwahl
fatt fände I). Diefe Bedingung fonnte natürlich Alt nicht
annehmen, denn mit der Auslieferung der Theilnehmer an
der Verſchwörung gegen Othman hätte er fich feiner treueften
Anhänger und tapferften Krieger beraubt; der Krieg ward
daher fortgefegt und an diefem Tage focht das Corps, das
unter Ammar Jon Jaſir ftand, gegen das von Amru Ibn
Aaß angeführte. So fielen die ganze Woche hindurch immer
nur noch einzelne Gefechte vor. Erft in der Nacht von Dienftag
auf Mittwoch (25ten Juli) fagte Alt: wie lange fäumen wir
noch, dem Feinde eine allgemeine Schlacht zu liefern? er
ernannte dann Malik Aafchtar zum Anführer der Reiteret,
feste Sahl Ibn Huneif über das gefammte Fußvolf und traf
alle Anftalten zu einer entfcheidenden Schlacht. Es wurde
den ganzen folgenden Tag von beiden Seiten mit größter
Erbitterung gefochten, doc; führte diefer Tag noch feine Ent:
fheidung herbei. Am 2Tten brach der Krieg mit Tages—
anbrucd mit noch größerer Heftigfeit au, Gegen Mittag
drängte Ali's rechter Flügel, von Abd Allah Ibn Budeil ge-
führt, Muawia’s linfen Flügel zurüd, die Syrer wichen big
zu Muamwia’s Zelt, das 4000 Mann unter Abd Errahman
Fon Chalid bewachten, welhe ihm Treue bis in den Tod
geihworen hatten ?). Fest trat aber Amru Ibn Aaß mit
frifchen Truppen hervor und ſchlug die vorgerücdten Jrafaner
wieder zurüd, die nad dem Falle ihres Anführers gänzlich
aufgerteben worden wären, wenn ihnen nicht Malif Aafchtar
mit feinen Reitern noch zeitlich genug zu Hülfe gefommen
wäre, Zu gleicher Zeit griff Alt felbft die Mitte und Sijad
Fon Naßr den rechten Flügel der Syrer an, welde nun von
1) Ibid.
2) Tab. ©. 18 u. 19, Ebenſo ber Abd Al Mahafin, mo es
auch heißt: die Truppen, welche Muamia gejchworen hatten, ihm
ihr eben zu opfern, waren mit ihren Kopfbinden an einander ge:
ſchloſſen.
Ali. 225
allen Seiten gegen Muawia's Zelt hin ſich zurückzogen. Muawia
dachte ſchon an Flucht, als Amru ihn und ſeine Leute von Neuem
zum Stehen brachte. Doch vermochte er nicht ihn zu bewegen,
Ali's Herausforderung zu einem Zweikampfe anzunehmen H.
Einer der eifrigften Kämpfer in Ali's Heer war Ammar Ibn
Jaſir, troß feinem Greifenalter, Diefer rief den Jrafanern zu:
„Bei Gott! wüßte ich heute eine gottgefälligere That, als gegen
dieſe Ruchlofen zu kämpfen, ich würde fie ausüben, und wäre
ich aud gewiß, von einer Lanze durchbohrt zu werden, aber
der Märtyrertod und das Paradies find nur im Kampfe für
Alt zu erlangen. Mögen aud unſre Feinde noch fo tapfer
fämpfen, jo iſt doch das Recht auf unfrer Seite. Diefe
Menſchen wollen nicht Othmans Blut rächen, fondern Herrfch-
fucht und Ehrgeiz treibt fie zur Empörung an. Folget mir,
ihr Gefährten des Propheten! die Thore des Himmels find
offen, die Hurt zu unferm Empfange gefhmüct, Taffet ung
fiegen oder Mohammed und feinen Freunden im Paradieſe
begegnen!“ Mit diefen Worten ftürzte er ſich ins Schlacht—
gewühl und Fämpfte, bis er feinen Wunden erlag ?). Sein
1) Er ſagte zu Amru: gelüfeft du etwa nach der Herrichaft,
dag du mir zuredeft, Ali's Heransforderung anzunehmen? Sch habe
noch feinen Menſchen geiehen, der lebendig einem Zweikampfe mit
Ali entfommen wäre. Tab. ©. 19. Abulfeda ©. 312 u. 4.
2) Tab. a. a. O. Abulfeda ©. 310 und am ausführlichften bei
Abd Almahafin. Nah Nawawi ©. 486 war er damals 94 Zahre
alt, auch nad Abulfeda einige Sahre über 90, fo dag „das Schwerdt
in feiner Hand zitterte.“ Auffallend ift, dab Nawawi feinen
Tod in den Monat Rabia Awwal oder Ahir fest, da doch nad
allen Berichten die Schlacht bei Siffin im Safar vorftel und felbft
der Vertrag zwifchen Ali und Muawia noch, nach Masudi f. 211,
Abd Al Mahafin und Abulfeda ©. 320. Reiske bemerkt zwar zu
diefer Stelle: »Procul dubio debet alius mensis esse. Nam post
hanc pactionem pugnatum non fuit, sed ex acie discessum. Supra
vero asseritur ıllos 110 dies in conspectu stetisse et nonagesies pug-
nasse, Incidit ergo hoc pactum in mensem fere quintum aut sextum.«
15
226 Viertes Hauptftüd.
Tod fpornte die Truppen Ali's zur Rache an und machte felbit
auf die Eyrer einen ſchlimmen Eindrud, wegen des hohen
Anfehens, in welchem diefer reis bei dem Propheten ge=
ftanden . Selbft die hereinbrechende Nacht Fonnte diesmal
dem Gemesel fein Ende machen ?). Ali ſelbſt führte fein
Schwerdt noch mit derfelben Kraft und Sicherheit, wie einft
bei Bedr, Dbod und Cheibar, an der Seite des Propheten.
Malif Alaſchtar war überall, wo die Noth am größten war
Aber diefe Bemerkung iſt ganz unrichtig, weil ja gleich beim Zuſam—
mentreffen der beiden Heere am Euphrat gefämpft wurde, und dann
fortwährend kleine Scharmügel und Zweikämpfe vorfielen; nirgends
wird aber aefagt, daß die Heere nicht fhon im Dſu-l-Kaada in
Siffin eintrafen und daß fie am Tage felbft, wo der Vertrag ge:
fhrieben ward, fich trennten. Bei Masudi wird ſogar (f. 205) aus—
drücdlib gejagt: „Ali brach den Sten Schammal von Kufa nad Siffin
auf,” Die von Abulfeda angegebene Zahl der Gefallenen bezieht
fih auf die Gefammtzahl, die Hautſchlacht mitgerechnet, wie dies
aus Glmafin ©. 38 deutlich hervorgeht. Uebrigens mochten auch
Ali's Vorpoſten ſchon früher bei Siffin eingetroffen und die 110
Tage von diejer Zeit an gerechnet worden fein.
i) Mohammed foll einft, ald Ammar bei dem Baue der Mo-
fchee zu Kufa zwei Steine trug, während andere fih nur mit einem
belafteten, gejagt haben: „dich wird einft eine empdreriihe Rotte
umbringen,” und darum hielt man bei feinem Tode Ali's Sache für
eine gerehte. Möglich wäre es, daß Mohammed irgend einen ähn:
lichen Ausdruck gebrauchte, daß er etwa fagte: „nur ruchlofe Men-
ſchen können dich anfeinden,“ und daß dies dann zu Gunften Als
anders gedeutet ward. So foll er auch, als er Wafjer verlangte
und ihm Milch gereicht wurde, feinen nahen Tod vorausgejehen
haben, weil Mohammed ihm gejagt: „dein legter Trank in diefer
Melt wird Milb fein.“ Was übrigens von dergleihen angeblichen
Borausfaaungen Mohammeds zu halten ift, haben wir jchon bei dem
Tode Dtbmand und an anderen Orten gejehen.
2) Diefe Nacht heißt, wie die bei Kadefia, die Nacht des Ge-
winfels, bei Tab. a. a. O. leilat alhadir, was wahrjcheinlih nur ein
Drudfehler. Ali foll 400, nah Einigen 500 Feinde mit eigener
Hand erfchlagen und dabei jedesmal „Allahu Akbar“ (Gott ift der
Größte) gerufen haben.
Ari. 227
und Fämpfte fiegreich gegen Uberd Allah Jon Dmar und
Dſu-l-Kala, denen Muawia befohlen hatte, ihren Angriff
befonders gegen ihn, als die mächtigfte Stüße All’, zu richten.
Auch Abd Allah Ibn Abbas und Zijad Jon Nafr zeigten
vielen Muth und diefen vier Männern gelang es endlich,
am Morgen des 10ten Safar (20ten Juli), die Syrer fo
febr in die Enge zu treiben, daß Muawia am Siege ver-
zwerfelte und nicht mehr, wie bisher, die Entfcheidung zwifchen
ihm und Alt dem Schwerdte überlaffen wollte. Auf Amru’s
Rath befahl er jest feinen Leuten, um den Kampf einzuftellen,
Korane an ihre Lanzen zu beften und ftatt des ferneren Krie—
ges fih auf den Ausſpruch der heiligen Schrift zu berufen.
Muawia’s Befehl ward vollzogen und die Spyrer riefen, fi
mit dem Koran fchirmend, den auf fie eindringenden Iraka—
nern zu: „OD ihr Mufelmänner, wenn wir einander gegen
feitig aufreiben, was bleibt dem Islam noch übrig? wer foll
dann noch faften, beten und gegen Ungläubige ftreiten? wir
fordern euch auf, den Kampf einzuftellen und euch dem Aus—
fpruche der göttlichen Dffenbarung zu unterwerfen, an die ihr
ja glaubet, jo gut wie wir!” Diefe Werte fanden bei einem
Theile der Irakaner Anflang; denn die Einen fehnten fi)
wirflih nad Frieden, Andere gehörten zur Partei des Abu
Mufa, welhe nur ungern die Waffen zu Gunften Ali's trug.
Wahrſcheinlich befanden fih auch Verräther unter Ali's Heer,
mit denen Muawia im voraus verabredet, dag, wenn bie
Schlacht für ihn eine ungünftige Wendung nehmen follte, er
zu dieſem Rettungsmittel greifen würde 7). Sie drängten fi)
1) Dies glaube ih um fo eher, da nah allen Quellen Aſchath
Ibn Keis an der Spige derer ftand, melde Ali zwangen, Malif
Alaſchtar zurüczurufen und fogar den treulofen Abu Mufa als
Schiedsrichter anzunehmen. Afchath Sbn Keis fennen wir aber fhon
fängft als einen gemeinen Berräther. Er hatte fih unter Moham—
med zum Islam befehrt, dann war er unter Abu Befr wieder ab:
trünnig geworden, und als die Sache der Rebellen jchlecht ftand,
verrieth er fie und überlieferte dem Feinde die Zeitung Nudjeir,
43”
228 Biertes Hauptftüd,
um Alt und verlangten ftürmifch von ihm, daß er Muawia's
Vorſchlag annehme. Vergebens antwortete Ali; „Das ift
nur eine Pift von unfern Feinden, welde eine Niederlage
fürchten und darum uns durch Zwietracht ſchwächen wollen,
Männer, wie Muawia, Amru, Abd Allah Fon Abi Sarh
und ihre Genoffen, die ftets die göttlichen Gebote übertreten,
glauben nicht an den Koran, ich Fenne fie von ihrer Kindheit
ber und weiß, daß nicht Neligiofität, fondern nur Schwäche
fie zu diefer Ausflucht greifen läßt.“ Ali's Worte fanden
fein Gehör, man drohte ihm mit dem Tode, bis er Malıf
Alaſchtar, der noch immer mit feinen Leuten den Kampf fieg-
reich fortfegte, zurüdvief und als dieſer dem eriten Befehle
nicht gehorchte, entftand ein neuer Tumult, fo daß Ali ans
dere Boten abfenden mußte, um a ——— vom
Schlachtfelde zu holen.
Dieſer ſagte zu den Boten: 36 dachte wohl, daß der Sohn
einer Dirne ) durch feinen Rath Zwiefpalt unter ung hervor—
rufen würde; ſeht ihr nicht Gottes Hülfe? Seht ihr nicht daß
der Sieg unfer? Soll ich den gefchlagenen Feind jest laſſen?
Da antwortete einer der Srafaner, die ihn abzurufen gekom—
men: was nügt dir dein Sieg, wenn Ali inzwifchen getödtet
wird? Malik Mafchtar mußte nachgeben, und ftatt feinen
Sieg zu verfolgen, fi ing Lager zu Alt begeben, der von
Männern umgeben war, die jeden Augenblick bereit waren,
ihn Othmans Schickſal theilen zu laſſen. Indeſſen verfuchte
auch Alafchtar es noch die Nebellen zu überzeugen, daß man
fie nur hintergehen wolle, und daß, wenn Muawia und feine
Genoffen wirklich an den Koran glaubten, fie fich gleich beim
Ausbruche des Kriegs hätten darauf berufen müffen, nicht erft
in dem Augenblife, wo fie von einer gänzlichen Niederlage
bedroht waren. Das hätten auch die Blödfinnigften einfehen
1) Die war die Mutter des Amru Son Aaß in Meffa. ©.
Led. Moh. ©. 20. Abulfeda ©. 880.
Alt, 229
müffen, und darum nannte jie auch Malik Alaſchtar „Heuchler“,
als fie, angeblih aus Ehrfurcht vor dem Koran, darauf be—
ftanden, die Schlacht müffe aufhören oder fie würden zum
Feinde übergeben ). Alt ward nun genöthigt, Afchatb Ibn
Keis zu Muawia zu fenden, um zu hören, auf welche Weife
er eigentlich den Streit durh den Koran entichieden haben
wollte, Muawia, der wahrfcheiniih im Boraus wußte, auf
wen von Seiten der Jrafaner die Wahl fallen würde, fchlug
vor, daß zwei Schiedsrichter, von denen der eine ein Sprer
und der andere ein Srafaner, bevollmädhtigt werden follten,
das Chalifat dem zu übertragen, der nad) den Borfchriften
des Korans die gerechteften Anſprüche darauf hätte, er fei-
nerfeittd, jegte er Hinzu, wähle Amru Fon Aaß als feinen
Anwalt. Alt wollte, da er diefen Antrag nicht verwerfen
fonnte, feinen Better Abd Allah Yon Abbas als feinen Ver—
treter wählen. Dieß wurde aber nicht geftattet, weil von
einem jo nahen Berwandten ſich feine Unpartbeilichfeit erwar—
ten ließe. Er ſchlug hierauf Malif Mafchtar vor. Mean ver-
warf auch dieſen, indem einer der Irakaner bemerfte: Hat
denn ein anderer als Alafchtar die Erde in Brand geſteckt? 2)
Nun trat wieder Afchath hervor und ſagte: Wir wollen fei-
nen andern Schiedsrichter als Abu Muſa. „Wie foll ic) mich
von einem Manne vertreten laffen,” fagte Alt, „der mir grollt,
weil ich ihm die Statthalterihaft von Kufa genommen, der
mich verrathen und die Frafaner abhielt mir in den Krieg zu
1) Ad Al Mahafin und Tab, ©. 20, auh Abulf. ©. 316 nur
nicht fo ausführlich.
2) Bei Abd Almahafin: »hal saara al-Ardha ghairu-l-Aschtaru.«
Das Wort saara hat nah dem Kamus ſowohl in der Iten als in
der 2ten und Aten Form die Bedeutung „Feuer anzünden und Krieg
anfachen.“ Reiske ließt bei Abulfeda ©. 318 fälſchlich: »hala safa-
rahag und überſetzt daher unrichtig: »nemone alius hoc dissidium
componere, quam Aschtar novit.«e Gr bemerft übrigens felbft, daß der
Cod. Leid. hal asara hat,
230 Biertes Hauptſtück.
folgen, fo lange er auf feinem Poften war 2” Aber auch
diefer gerechte Einwurf Alis fand fein Gehör bei der Partei
des Aſchath, fie drohten von Neuem, bis er endlid) einwilfigte,
Abu Mufa ward geholt I) und ein Vertrag aufgefeßt, dem
zufolge Alt fowohl als Muawia ihr Heer entlaffen und jede
Feindfeligfeit einftellen follten, bis zur Zuſammenkunft der bei-
den Schiedsrichter, welche im Monat Ramadhan in Adfraa
oder in Daumat Aldjandel, an der Gränze yon Syrien und
Arabien, ftatt finden ſollte. Als man im DBertrage Alt den
Namen „Fürften der Gläubigen” beilegte, widerſetzte fih Amru
und fagte: als folhen erfennen wir ihn nidt an, Er ward
auch hierin von Aſchath Ibn Keis unterftügt, und Ali mußte
mit eigener Hand dieſe Worte wieder ftreichen; eben fo ward
Malik Alaſchtar gezwungen, den Vertrag als Zeuge zu un-
terfhreiben 2). Ali tröftete fih damit, daß auch einft Mo—
hammed die Worte „Gefandter Gottes’ verwifchen mußte 3),
1) Tab. ©, 20: „Die Srafaner fandten dem Abu Mufa einen
Boten, denn er hatte an dieſem Kriege feinen Antheil genommen.
Bei Masudi f. 112 lieſ't man: „Als Abu Mufa hörte, daß Friede
gefchloffen worden, fagte er: Gelobt fei Gott! Als man ihm faate,
er fei zum Schiedsrichter erfohren, rief er aus: wir find Gottes und
fehren einjt zu ihm zurüd. Schon früher, ald von der Möglichfeit
eines Vertrags vermittelt eines Schiedsgerichts die Rede war, fagte
ihm Sumeid Ibn Sfba: Hüte dich, einft Schiedsrichter fein zu wollen!
Er antwortete darauf: Gott möge mir auf Erden feinen NRuheplak
gönnen und den Zutritt in den Himmel verfagen!” Dieß beftätigt
meine Vermuthung, dag Muawia fehon vorher mit der Partei des
Aſchath auf Abu Mufa fein Aug’ geworfen hatte und daß diefer
Heuchler, um defto unparteiifcher zu fcheinen, fich ftellte, ald würde
er um feinen Preis die Wahl annehmen,
2) Tab. a. a. D. und Abd Almahafin.
3) In Hudeibia nämlich, als er einen Vertrag mit den Kurei:
fhiten ſchloß. Bei Abulfeda fowohl als bei Abd Almahafin heißt
es: Mohammed lieg ſich die Worte „Gefandter Gottes“ zeigen und
verwifchte fie. Dieß fpräche dafür, daß Mohammed nicht leſen Eonnte,
mährend er nad) andern Traditionen felbft den Namen feines Va—
Alt. 231
und unterzeichnete in der Mitte des Monats Safar ) den
Vertrag, in welchem er Oberhaupt der Kufaner und Muawia
Oberhaupt der Syrer genannt wurde,
Kaum war der Vertrag gejchloffen, als ein Theil feiner
Leute ihn der Feigheit bejchuldigte und ihm ein Verbrechen
daraus machte, daß er, ftatt auf Gott zu vertrauen, fein und
des Islams Schickſal in die Hand zweier ruchlofer Menfchen
gelegt. Es waren ihrer 12,000, die ihn aufforderten, fein
Unrecht zu befennen und den eben unterzeichneten Vertrag
wieder als ungültig zu erklären 2). Dieſe Unzufriedenen,
weldhe wir auch in der Folge mit dem arabijhen Namen
Chawaridj oder Charidjiten 3), (Die Ausgetretenen oder Em-
ters, ffatt der Worte „Gefandter Gottes“ ſchrieb. ©. Leb. Moh—
S. 178. Amru war über diefen Vergleich aufgebracht und fagte:
er werde nie mehr an einem Orte mit Alt zufammenfommen, wor:
auf diefer ermwiederte: Gott möge mit Menſchen deinesgleichen meine
Geſellſchaft nicht mehr verunreinigen,
1) Mittwoch den 19. Suli 637. Bei Abulfeda S. 320 falſch
„Mittwoh als 13 Nächte von Safar vorüber waren‘ denn der erfte
Muharram war Montag, aljo der Ite und 15te Sufar Mittmod.
Bei Abd Almahafin lief’t man indeſſen auch: Mittwoch den 13. Sa—
far. Bei Masudi S. 211 blos: „als nocd einige Tage von Safar
übrig waren.” Das die Schlahten anfangs Safar begannen, lieſ't
man auch im im Kamus bei dem Worte „Siffin.“ Die Hauptſchlacht
war am 12., 13. und 14. Juli.
2) Tab. ©. 21. Masudi f. 212 und Abd Al Mahafin.
3) Chamaridj heißen, nach Schehreftani ©. 85 alle diejenigen,
melde gegen den rehtmäßigen Imam ſich empören, welchen die Ge—
meinde als folhen anerkennt, aleichviel ob zur Zeit der Gefährten
Mohammeds oder jpäter, Die erften Chamaridj unter Alt, heißt es fer:
ner, waren die, welche ihn zwangen, den Krieg bei Siffin aufhören
zu laſſen, Alafchtar zurücdzurufen und Abu Muſa als Sctedsrichter
anzunehmen. Die Schlimmiten waren: Aſchath Son Keis, Masud
Son Fadafi aus dem Stamme Tamim und Zeid Ihn Hußein der
Taüte. Die Chamwaridj zerfallen in fehs Hauptfekten, welche darin
übereinftimmen, daß fie fih fomohl von Othman als von Ali losja-
232 Viertes Hauptftüd,
pörer) bezeichnen wollen, waren aus verfchiedenen Elementen
zufammengefegt. Manche unter ihnen waren offenbar Ber-
räther, welche nun auh Ali noh als Wortbrüchigen flürzen
wollten, denn fie hatten ihm furz vorher mit dem Tode ge=
droht, wenn er nicht dem Krieg ein Ende fege und Abu
Mufa als Schiedsrichter anerfenne. Andere waren Koran
fefer, das heißt, Gelehrte. Diefe hatten zwar aud die Bei-
legung des Streits durch den Koran verlangt, damit aber fei-
neswegs gemeint, daß die Enticheidung zwei Sntriganten wie
Amru und Abu Mufa überlaffen werde, fondern daß eine Art
öffentlicher Difputation zwifchen den Gelehrten beider Parteien
ftatt finde D. Viele hatten auch alles Vertrauen zu Ali ver-
Ioren, weil fie fagten, er hätte Tieber fein Leben opfern fol-
len 2), als fi, gegen feine Ueberzeugung, zu einem foldhen
Sriedensichluffe zwingen laſſen; war dod der ſchwache Oth—
man eher dem Tode entgegen gegangen, ald daß er den Re—
bellen nachgegeben hätte. Zu lettern mochte befonders Scheib
Son Rabia gehören, den fie zu ihrem Dberhaupte erwähl-
ten ?) und der bei Siffin mit vieler Tapferfeit ſich für Ali ge-
gen, die Verdammung diefer beiden Chalifen als das mwichtigfte Dogma
anfehen, und die Ehe nur mit Sleichgefinnten geftatten, daß fie große
Verbrecher als Ungläubige achten und die Empörung gegen einen
Smam, der von den heiligen Sagungen abweicht, als eine Pflicht
betrachten.
1) Nah Tab. a. a. D. war es Kureiz Ibn Omejja, der zuerft
rief: wir erfennen feinen andern Richter ald Gott an. Nach
Masudi: Urma Son Adiija von den Benu Temim, Ali fagte ihnen:
Die Schiedsrichter haben ſich verpflichtet, nach dem Koran, dem Worte
Gottes, zu enticeiden, der Koran ift doch eine lebloje Schrift, die
nicht jelbft fpreben fann, fondern der Auslegung bedarf.
2) Ali antwortete darauf, nah Abd Almahafin, er habe den
Tod nicht aefcheut, nur die Liebe zu feinen Söhnen und die Furcht,
das Geſchlecht des Propheten möchte erlöfhen, habe ihn veranlagt,
nadzugeben.
5. Shre Anführer waren nah Schehreftani ©. 86, Abd Allah
Ibn Alkawwa, Attab Son Alamar, Abd Allah Sbn Wahb Arrafibi, Urwa
Alt. 233
fhlagen. Als Ali nah Kufa zurückkehrte, giengen - die Cha-
waridj ihren eigenen Weg und ſchlugen ihr Lager in Harurga,
ein Dorf in der Nähe von Kufa, auf. Indeſſen gelang es
ibm doch fie wieder zu befänftigen und felbft die frommen
Schwärmer und DVerrätber gaben für den Augenblid nad,
obgleich in Kufa felbit auch große Unzufriedenheit ) und noch
größere Trauer über die vielen bei Siffin. gebliebenen Iraka—
ner berrfchte 2). Aber fie votteten fi von Neuem zufammen,
als der entfcheidende Augenblick hevannabte, und Alt, der we-
der fein Wort brechen wollte, noch auf großen Anhang rech—
nen fonnte, wirklich im Monate Ramadhan Abu Mufa mit
400 Mann nad) Daumat Aldjandal fandte, wo auch Amru
mit einer gleichen Anzahl Syrer eintraf, denen ſich noch manche
derjenigen anfchloffen, welche bisher fih für feine der beiden
Parteien entjchieden hatten 3) und felbit die Hoffnung hegten
als Chalifen gewählt zu werben.
Amru verfuchte es zuerft, Abu Mufa zu überzeugen, daß
Son Dieria, Jezid Ibn Aßim Almuharibi und Harfug Ibn Zus
heir. Es waren 12,000 Mann, melde viel fafteten und beteten.
Dann wird wieder eine Weiffagung des Propheten in Betreff diefer
Chamwaridj angeführt, die feine Grmähnung verdient.
1) Alt fragte einen Kranfen, heißt es bei Abd Almahafin, nad
der Volfsftimmung in Kufa. Er antwortete: Manche freuen fich
mit diefem Ausgang, es find die Schlehten und die Heuchler, andere
find betrübt, es find die Frommen und Aufrichtigen. Sie fagen:
Wir waren eine Gemeinde, die du getheilt, eine Feftung, die du
niedergerijjen, warın wird wohl das Getrennte wieder ganz und das
Eingeriffene wieder aufgebaut? Hätteft du mit deinen Getreuen
fortgefämpft bis zum Tode, fo wäre es beffer gemejen.
2) Als Ali in Kufa einzog, tönte ihm das Sammern und Kla—
gen der Frauen entgegen, er befahl ihnen zu ſchweigen. Man
ſagte ihm aber: wie millft du das verbieten? Es ift ja Fein Haus
in Rufa, in welhem nicht mehrere Menfchen vermißt werden ?
8) Masudi nennt befonders (f. 212) Abd Allah Ibn Omar und
Abd Allah Son Zubeir,
234 Biertes Hauptſtück.
das Chalifat Muawia gebühre, da er als Othman's Ber-
wandter und Bluträcher am meiften Rechte auf die jenem ge-
waltfam entriffene Derrfchaft habe . Als Abu Mufa darauf
entgegnete, daß wenn die Verwandtichaft entfcheiden würde,
Dihman’s Söhne die gerechteften Anfprüce hätten ?), fuchte
Amru ihn durch Berfprehungen yon Seiten Muawia’s zu ver-
führen. Abu Mufa wieß aber jeden Antrag mit Entrüftung
zurüf und fchlug Abd Allah den Sohn Dmar’s vor. Als
Amru diejen für unfähig erflärte, die Zügel der Regierung
zum Heil der Mufelmänner zu Ienfen 3), fagte Abu Mufa:
da wir ung über feinen Chalifen vereinigen fünnen, fo iſt das
Befte, wir entfegen, um weitere Kriege zu verhindern, Ali
fowohl als Muawia, und Iaffen die Mufelmänner einen neuen
Chalifen wählen. Amru erklärte ſich mit diefem Vorfchlag
zufrieden, nachdem aber Abu Mufa diefe Entfcheidung befannt
gemacht *), fagte jener: Ihr ſehet, daß felbft der von Ali
gewählte Schiedsrichter ihn der Herrſchaft beraubt, ich ftimme
mm sen
1) Er ftüste fi befonders auf den Koransvers: „Wenn Se:
mand ungerechter MWeife umgebracht wird, fo verleihen wir feinem
nächſten Verwandten Herrfchaft“ Cüber den Mörder). Tab, ©. 21.
2) Es waren derer damals nah Tab. a. a. D. noch zwei am
geben.
3) Abu Mufa rühmte deffen Verſtand, Kenntniffe und Abfunft,
aber Amru entgegnete: Wir bedürfen eines impofanten (heibetlu)
Mannes als Chalifen, Abd Allah Son Omar ift zu janft und zu
mild. Tab. ©. 22, Diefem zufolge ſchlug dann Amru auch nod)
feinen eigenen Sohn Abd Allah vor, den aber Abu Mufa ebenfalls
als unpaffend verwarf. Nah Masudi f. 213 foll Amru aud) Saad
Son Abi Wakkaß vorgefchlagen haben, derjelbe führt auch eine Tra-
dition an, derzufolge Amru zulert ſich geftellt hätte, als ſtimme er
mit der Wahl Abd Allah's Son Omar überein und daß Abu Mufa
wirklich diefen ernannte.
4) Er zog feinen Giegelring vom Finger und fagte: fo wie
ich diefen Ring dem Finger entziehe, fo nehme ich von Alt das Cha-
lifat weg.
Ali. 235
hierin ganz mit ihm überein, erkenne aber Muawia als den
rechtmäßigen Herrſcher an. Abu Muſa erklärte Amru als
einen treuloſen Menſchen, dev gegen die verabredete Entſchei—
dung gehandelt und zog ſich nach Mekka zurück, während Amru
triumphirend nach Damaskus reiſ'te und durch ſeine Liſt Mua—
wia von Neuem die Huldigung der Syrer verſchaffte )Y. In
Irak hingegen ſcheint ſich niemand durch dieſes Gaukelſpiel
veranlaßt gefunden zu haben, Muawia als Chalifen anzuer—
kennen. Ali hielt in Kufa, ſobald das Reſultat der Zuſam—
menkunft Amru's und Abu Muſa's daſelbſt bekannt ward, eine
Predigt, in welcher er unter Anderm ſich folgendermaßen ge—
äußert haben ſoll: „O ihr Kufaner, ihr ſeht, daß Widerſpen—
ſtigkeit Reue nach ſich zieht. Ich habe mich gegen dieſes
Schiedsgericht ausgeſprochen, ihr ſeid aber darauf beſtanden;
ich habe euch beſonders gegen dieſe beiden Männer gewarnt,
ihr habt mir ſie aufgedrungen. Nun haben ſie, ſtatt wie ſie
— — —
1) Masudi a. a. O. erzählt: Amru begab ſich in ſeine Woh—
nung und dachte: Ich habe jetzt das Chalifat zu vergeben, Muawia
bedarf meiner, er mag daher mich beſuchen. Muamia war ſehr un—
gehalten darüber, Doc traute er Amru nicht ganz, darum entſchloß
er fib, ihn aufzujuchen. Vorher trug er aber vielen feiner zuverläffig-
ften Freunde auf, ihm nach einiger Zeit in das Haus Amru’s nad):
zufolgen. Muamia ließ fi) von Amru bemwirthen und forderte ihn
auf, auch noch mehrere Freunde zu Tifche zu laden. Muawia fragte,
ob er nicht auch einige feiner Freunde rufen laſſen wolle. Darauf
ermwiederte Muamwia: laß nur zuerft die deinigen fih jättigen. Spä—
ter verließen dann Amru’s Freunde die Tafel und die Muawias nah-
men ihren Plag ein. Muamia lief dann die Thüre fchliegen, und
forderte Amrıur auf ihm zu huldigen. Amru fah jest erft, daß er
son Menichen umgeben, die, falld er nicht gehorchte, zu allem fähig
wären und legte in Muamias Hand den Eid der Huldigung ab.
Diefe ganze Geſchichte oder Anekdote beweißt, mit welchen Men-
ſchen es Alt zu thun hatte, und liegt etwas unmahrjcheinliches darin,
fo ift es nichts Anderes, als dap Muamia auf einen Eid Amrus gro-
bes Gewicht legte, und fi durch denfelben feiner Unterftügung
gewiß hielt,
236 Viertes Hauptſtück.
es nach dem Vertrage ſollten, den Koran zu beleben, ihn zum
todten Buchſtaben gemacht. Ein jeder von ihnen folgte nur
ſeiner Leidenſchaft, und entſchied weder nach der Leitung Got—
tes, noch nach der mündlichen Ueberlieferung ſeines Propheten.
Keiner von Beiden blieb auf dem Wege des Rechts, und da—
zu trennten ſie ſich noch in Uneinigkeit. Wir ſind nun von
dem Vertrage frei, darum ſtellet euch in drei Tagen im Lager
zu Nucheilah ) zu einem neuen Feldzuge gegen Muawia 2)
ein!” Ali ward auf der Kanzel zwar von vielen Chawaridj
dur den Ruf „Gott allein ift Richter“ unterbrochen, Sie
erflärten ihn fowohl als Muawia für Unglänbige, weil fie
fih einem Schiedsgericht unterworfen, doch ein großer Theil )
der Bewohner Kufa’s folgte Ali's Aufruf und rüftete ſich
zum Rampfe gegen Muawia. Ali Tieß daher auch die Cha—
waridj unbeachtet und hoffte, fie würden, da doch wirklich
viele Schwärmer unter ihnen waren, die er vielleicht im ſei—
nem Innern nicht verdammen fonnte, eher durch Nachſicht alg
durch Gewalt zu gewinnen fein. Ali hatte fi aber unglüd-
licherweife geirrt. Nachdem er ihnen erklärt hatte, er würde
fie nur dann befriegen, wenn fie ihn angreifen, wurden jie
fühner und unternebmender. Sie fandten Miffionäre nad)
1) Nuceilah heißt nah dem Kamus ein Ort in Sraf, Bei
Abd Almahafin kömmt diefer Ort auch vor, da heißt es nach der
Kameelſchlacht: Alt verließ dann Baßra wieder und zog nach Nuchei—
fah und von hier nah Kufa. Nucheilah lag alſo ungefähr in der
Mitte zwifhen Kufa und Baßra und nicht auf dem Wege nad Sy—
rien. Ali Eonnte daher diefen Ort nur darum zum Lagerplag mäh-
fen, weil er bier auch die Baßraner an fi ziehen mollte. Bei
Tab. S©.23 aber wird Nucheilah als ein an der Grenze von Syrien
gelegener Drr genannt.
2) Abd Al Mahafın.
3) Nah Tab. a. a. D, fanden fih 20,000 Mann in Nucheilah
ein, nah Abd Almahafin, aus Kufa nebft den umliegenden Ortſchaf—
ten 65,000, was aber faum glaublic,
Ali. 237
allen Orten aus, es ſchloß ſich ihnen allerlei Geſindel an, ſie
mißhandelten alle Anhänger Ali's I) und nahmen eine feſte
Stellung in Nahrawan 2), zwiſchen Waſit und Bagdad, ein,
Alt war, nachdem noch einige Truppen aus Bafra zu ihm
geftoßen waren 3), ſchon auf dem Wege nad Syrien, ale er
von den Gewalttbätigfeiten der Chawaridj Nachricht erhielt,
Seine Truppen befürchteten, daß während fie gegen Muawia
Krieg führten, ihre Familien und ihr Gut den Mißhandlun—
gen der Chawaridj ausgefegt fein würden. Alt ward daber
genötbigt, ftatt fi nad Syrien zu wenden, die Chawaridi in
Nahraman zu befämpfen 9%. Sobald er mit feinem Heere
in Nabrawan erfchien, zerftreuten ſich alle diejenigen, welche
entweder nur rauben und plündern, oder Alt in Verlegenheit
bringen wollten; nur die wirflihen Fanatiker, unter Anführung
Abd Allah’s Fon Wahb, etwa 1500—1800 an der Zahl,
bfieben auf ihrem Poſten und verweigerten bartnädig jede
Unterwerfung, bis Alt fein Unrecht eingeftanden haben würde,
Alt umzingelte fie mit feinen Truppen, aber dennoch ergaben
1) Sie erfhlugen nah Masudi L. 215 Alt’s Statthalter von
Madain nebft feiner Frau, weil er den Chalifen fromm und gläubig
genannt. Gr hie Abd Allah Son Schihab, nad) Masudi, und Abd
Allah Son Chabbat nah Abd Almahafin.
2) Nah dem Kamus gab es drei Drtfchaften diefes Namens
zwischen Waſit und Bagdad, das von dem hier die Rede ift, lag
wahrfcheinfih in der Nähe von Madain,
3) Don den 6000 Mann, heißt es bei Tab. a. a. D., welche
von dem Staatsſchatze ernährt wurden, ftellten fih nur 1500, die
Hebrigen verbargen fih. Bei Abd Almahafın heißt es: Abd Allah
Son Abbas, der Statthalter von Baßra, von welhen Ali Truppen
verlangte, brachte mit Mühe 3200 Mann zufammen, obgleich ohne
die Sklaven 60,000 ftreitbare Männer in Baßra waren.
4) Er fandte ihnen vorher noch einen Boten und verlangte nur
die Auslieferung der Mörder, aber fie bradıten auch diefen Bo—
ten um.
238 Biertes Hauptftüd.
fie fih nicht, fondern zogen vor, für ihre Ueberzeugung zu
fterben N).
Sp raſch und fo glücklich aber auch der Krieg mit den
1) Bei Abd Almahafin heißt es: Die Chawaridj mweigerten fi,
Ali zu geboren, denn fie fagten: wenn wir auch heute mit ihm in
den Krieg zieben, jo wird er am Ende doch Morgen wieder fich einem
andern Schiedsgerichte unterwerfen. Als es indeffen zur Schlacht
fam, da ergriff ein Theil der Chawaridj die Flucht, andere gingen
zu Ali über, nur 1800 Mann Fämpften unter Abd Allah Son Wahb
und blieben auf dem Schlachtfelde. Bei Masudi f 215 Fümpfen
4000 Chawaridj, von denen nur zehn entfommen, während Alı nur
neun Mann verlor. Bei Abulfeda ©. 326 waren es im Ganzen nur
4000, von denen fih ein Theil vor dem Treffen zerftreute. Alt ver:
for nur fieben Mann. Ber Tab. heißt ed: Die VBernünftigen unter
den Chamaridj ergriffen die Flucht (nahdem Ali fie zuerft zurecht ge—
wiejen und Anordnungen zum Angriffe getroffen) Naufal Ibn Asdja trat
auch hervor und ging mit 1509 Mann zu Alt über, indem er fagte:
Ali hat Recht, warum follen wir ihn befriegen ? Auch 1600 Kufa—
ner entfernten fich und Fehrten nab Kufa zurüd. Nur 1600 Mann
unter Abd Allah Son Wahb blieben ftehen u.f.w. Bei Schehreitani
©. 87 lieft man: Es blieben von den Mufelmännern nicht 10 und
es entfamen von den Chawaridj weniger als zehn. Zwei flüchteten
fih nah Oman, zwei nach Kerman, zwei nach Sedjeftan, zwei nad)
Mefopotamien und einer nad) Jemen, und ftifteten, jeder an feinem
Zufluchtsorte, die Sekten der Chawaridj, die noch bis auf diefen Tag
beftehen. Auch diefen Kampf joll Mohammed nah Tab. vorausge:
fehen und fih natürlich zu Gunſten Ali's ausgefprocen haben. Es
befand fich nämlich ein Mann mit einer Hand ohne Knochen, mit
Kamen Dfusl-Nun, unter den Chawaridj. Als Alt ihn fah, rief er:
Allah Akbar! der Gefandte Gottes hat wahr gejagt: „Ali, es wird
fih einft eine Schaar Chamwaridj gegen dich erheben, die im Unrecht
fein wird, du wirft einen reihen Lohn ärnten, wenn du fie ausrotteft,
unter ihnen befindet fih ein Mann mit fleifchiger Hand.“ Alt, oder
feine Anhänger erdichteten wahrfcheinlich eine folche Tradition, um
diefe Graufamfeit gegen Männer zu entfchuldigen, melde doch im
Grunde nichts verlangten, als daß Alt fein Unrecht eingeftehe und
bereue, Daß er aber bei der Anerkennung des Schiedsgerichts gefehlt,
zeigte er doch ſelbſt jegt durch die That.
Ali. 239
Chawaridi beendet war, fo war er doch für Ali's Schickſal
enticheidend, denn als er von Nahraman geraden Weges nad)
Syrien ziehen wollte, weigerten jich feine Truppen ihm zu folgen,
indem fie vorgaben, fie müßten in Kufa vorher wieder einige
Zeit ausruhen, und neuen Mund = und Kriegsvorrath fammeln,
Einmal in ibre Heimatb zurücdgefehrt, waren fie nicht mehr
unter die Waffen zu bringen, fo oft auch Alt die Kanzel be-
fteigen mochte, um fie im Namen Gottes zum Kriege anzu—
feuern. Sp mußte Alt untbätig in Kufa liegen bleiben, wäh—
vend Muawia nah allen Seiten bin feine Herrfchaft aus—
debnte. Egypten ging zuerft, ſchon im Anfang des Jahres
38 d. 9, für Mt verloren. Mohammed, der Sohn Abu
Bekr's ward, wie fchon erwähnt, an die Stelle des Keis Ibn
Saad zum Statthalter von Egypten ernannt I. Noch vor
1) Sch bin hier Tab. ©. 24 und Masudi f. 216 gefolgt, welche
Mohammed an Keis’ Stelle treten und erft nach Amru’s Ginfall in
Egypten Malit Alafhtar nah Kolzum reifen laffen. Damit ſtimmt
auch Abulfeda ©. 326 und 328 überein. Nach Elmafin ©. 40 follte
Keis durch Malik Alaſchtar erfest werden, und als diefer in Kolzum
vergiftet ward, jandte Alt erſt Mohammed nach Egypten. Diefe
Tradition rührt, nad Abd Almahaſin, von Wafidi her, verdient aber
wenig Glauben, weil aus allen Berichten über die Schlacht bei Sif—
fin hervorgeht, dag Malik Alafchtar ſowohl als Keis Son Saad fie
mitfochten, während Mohammed Ibn Abu Ber nirgends erwähnt
wird, folglih war er um jene Zeit (Anfangs 837 d. 9.) ſchon in
Egypten. Wollte man annehmen, daß Keis durch Alaſchtar erfegt
werden folite, jo müßte Keis erjt nad) der Schladht von Siffin zum
Statthalter von Gaypten ernannt worden fein, und Ali, was dod
höchſt unwahrfcheinlich ift, diefes Fand 14 Monate ohne Statthalter
gelaffen haben. Elmakin felbft fest aber die Entſetzung des Keis
von der Statthalterihaft von Egypten (5.38) in das Sahr 36. Auch
darüber find die Traditionen nicht übereinftimmend, doc das iſt von
geringerer Bedeutung, ob Malik erft nach Mahommeds Tod, oder
noch bei feinem Leben nah Egypten gejandt wurde. Was endlich
Elmafin ©. 40 von einem Zuge Muamwia’s, Ibn Abu Softan, nad)
Egypten berichtet, ift ganz unmwahrfcheinlich, obgleich aud) Abd Alma—
hafin folgende Tradition anführt: „Nah Othman's Tod beherrfchte
240 Biertes Hauptflüd.
feinem Abzuge warnte ihn Keis vor Gewaltthätigfeiten gegen
die in Charbata verfammelten Egyptier, welche zwar Alt, bis
zur Entfheidung des Kriegs mit Muawa, nicht buldigen
wollten, übrigens aber die Ruhe auf feine Werfe ftörten und
jogar wie bisher ihre Abgaben entrichteten. Mohammed, wel-
cher jelbft Alt gerathen, Reis, wegen feines Mangels an ener-
gischen Mafregeln gegen die Charbataner, zu entfegen und
ihm deßhalb ſogar Zweifel gegen deffen Treue eingeflüftert
hatte, durfte aber natürlich den Rathſchlägen feines Vorgän-
gers fein Gehör jchenfen. Er fandte Truppen gegen Char-
bata und befahl ihnen, die Bewohner dieſes Orts noch ein—
mal zur Huldigung aufzufordern, und im Falle fie auf ihrer
Widerfvenftigfeit beharren, Gewalt gegen fie zu gebrauchen.
Mohammed's Truppen wurden aber zweimal mit Verluft zurück—
gefchlagen, die bisher neutralen Charbataner, welche nur ihre
Unabhängigkeit bewahren und fih nicht in die Lage ſetzen wollten,
heute dieſem und morgen jenem Treue zu ſchwören, machten
jeßt mit den Anhängern Muawia’s gemeine Sadhe, an deren
Spitze in Foftat Muawia Ibn Hudeidj, ein Stammgenoſſe
Mohammed Ibn Ali Hudfeifa (nicht Hanifa wie bei Elmakin) Egyp—
ten. Sm Schawwal 36 nimmt ed Muamwia. Im Rabia Amwal 37
kommt Keis Sbn Saad nad) Egypten; nach 4 Monaten und 5 Tagen,
den 5. Radjab 37, wird er abgefekt. ſalik Alaſchtar follte ihm
folgen, wird aber, in Kolzum vergiftet. Mitte Ramadhan fommt
Mohammed Son Abu Beer nah Gaypten und wird den 14. Safar
38 nach einem Aufenthalte von 5 Monaten erjchlagen. Dagegen
foricht fhon der Umstand, daß Muamia in Schammwal 36 gegen Ali
nad) Siffin aufbrac, alfo nicht um diefe Zeit Egypten erobern Fonnte,
Sc vermuthe, daß bier eine Verwechslung zwifhen Muawia Zbn Abu
Softan und Muamia Ibn Hudeidj ftatt gefunden; legterer mochte um
diefe Zeit fih in Eaypten gegen Mohammed Ibn Abi Hudfeifa, der
für Ali und gegen Othman war, empört, und wenn auch nicht ge-
rade fih der Herrfchaft bemächtigr, doch einen großen Anhang gefun—
den haben. Keis unterdrückte dann diefen Aufftand, und darum bot
Muawia Ibn Abu Softan alles auf, ihm zu gewinnen oder bei Ali
zu verdächtigen.
Ari. 241
des Verräthers Aſchath Ibn Keis ftand. est ſah Alt, bei
welchem Mohammed um Verſtärkung anbielt, ein, daß er
Keis Unrecht getban und dag Mohammed ihm zwar vollkom—
men ergeben, aber feineswegs einem fo fehwierigen Poſten
gewachſen jet. Da er kaum Über ein Paar taufend Mann
zu verfügen hatte, fo mußte er um fo mehr fuchen an bie
Spige der ihm nod treuen Egyptier einen Mann zu ftellen,
der allein durch Umficht und Thatkraft ein Heer erſetzen fonnte,
Malik Mafchtar, der Sieger von Siffin, follte dem Chalifen
die Herrſchaft über Egypten erbalten. Muawia, welcher von
allem was in Kufa vorging durch feine Spione unterrichtet
ward, forderte Diabala Ibn Djami' den mit ihm befreunde-
ten Statthalter von Kolzum auf, Malik Alaſchtar auf feiner
Durdreife nah Egypten auf irgend eine Weife aus der Welt
zu ſchaffen. Djabala fam Malik Mafchtar freundlich entge-
gen, lud ihn ein bei ihm abzufteigen und mifchte Gift in bie
ihm dargereichten Speifen. Als die Nachricht von Malik Aafch-
tars Tod nad Damask kam, wurden große Feftlichfeiten veran—
ftaltet und Muawia nahm über diefen gelungenen Meuchelmord
Glückwünſche an, als hätte er den glänzendften Sieg auf dem
Schlachtfelde erfochten. Sobald Malif aus dem Wege geräumt
war, fehrten aud) die wenigen Truppen, die er mit ftch führte,
nad) Rufa zurüc, jo daß Amru Jon Aaß jetzt ohne große Mühe den
Lohn für feine Muawia geleifteten Dienfte ärnten konnte. Er brach
mit 5000 Mann gegen Egypten auf und fand bei feiner Anz
funft 6000 Mann unter Muawia Ibn Hudeidf, die Schon
Mohammed aus FKoftat vertrieben hatten, und ihn fogleich als
Statthalter Muawia's anerkannten. Amru forderte Mohammed
auf, fi) zu ergeben, und bot ihm freien Abzug nah Kufa
an. Mohammed wagte aber noch eine Schlacht, obgleich feine
Mannihaft faum halb fo ftarf war als die feines Gegners N.
1) Nah Tab. ©. 24 hatte er nur 5000 Mann, Amru, wie ſchon
erwähnt, 5000 Syrer und 6000 Egyptier—
16
242 Viertes Hauptftüd.
Da aber feine Truppen nicht lange Stand hielten, mußte
auch er die Flucht ergreifen und in einer Nuine bei Char-
bata Zuflucht fuchen ). Sein Bruder Abd Errahman, wel:
her bei Amru's Heer war, erhielt zwar von Amru ?) deffen
Begnadigung, aber Muawia Ibn Hudeidj, der davon nichts
wußte oder nichts wiffen wollte, und ihn in feinem Verſtecke
fand, erfchlug ihn 3) und ließ ihn in eine Cfelshaut nähen
und verbrennen H.
Alt verzweifelte an feinem Glück, als ihm die Kunde
von dem Berlufte Egyptens und feiner beiden thätigften Ans
bänger zufam. Er bedurfte des Troftes feines Vetters Abd
Allah, Statthalter von Baßra, den er deßhalb zu jich berief,
Während diefer aber in Kufa bei Ali verweilte, brachen das
felbft Unruhen aus, von Abd Allah Fon Amru Alhadhrami
zu Gunſten Duawia’s hervorgerufen. Der in Abd Allah’s
Fon Abbas Abweſenheit commandirende Zijad Jon Abu Sp-
fian fonnte die Empörung nicht bemeiftern, bis einige Truppen
1) Nah Masudi f. 216 im Kaum Scarif.
2) Tab. a. aD. Mit Unrecht ſchreibt daher Flügel ©. 54:
„eine (Amru's) ſchonungsloſe Härte, die felbft einem Bruder der
Aiſcha den fchimpflichiten Tod bereitete, balf ihm den Beſitz deſſelben
(Egyptens) befeftigen.“ Auch Abulfeda ©. 328 läßt Mohammed durd)
Muawia Jon Hudeidj und nicht durch Amru tödten, ebenjo Elma:
fin ©. 41.
3) Bei Abd AUlmahafin Tief’t man: Amru wollte Mohammed
begnadigen, aber Muamwia Ibn Hudeidj fagte: Ihr habt den braven
Kinana Ibn Befchr erichlagen, warum foll diefer verschont werden ?
Ber Tab. wird Kinana Muawia's Sohn genannt und von feinem
eigenen Vater als Morder Othman's erjchlagen, weshalb er auch
kohammed nicht veridonen will. Kinanı war aber der Sohn
Beſchr's und nicht Muawia's, wahrfhbeinlih muren fie Verwandte,
gewiß ift wenigſtens, Daß fie Stammaenoffen waren und beide von
dem Gejchlechte Tudjib oder Tadjib, ein Zweig von den Benu Kinda,
abitammten. Siehe den Kam.ıs bei dem Worte Tudjid und Ma:
wawi ©. 563.
A) Ber Tab. ©. 25 wird er in einen Pferdsleib eingenäht,
Ali. 243
aus Kufa anlangten, an deren Spitze er dann die Rebellen
zu Vaaren trieb und Abd Allah nebft TO feiner Anhänger in
einem Schloffe verbrannte, in welches er fich geflüchtet hatte N).
Bald darauf zerftreute derfelbe Zijad auch eine andere Schaar
Rebellen, welche ſich an der perfiihen Grenze berumtrieb und
verfolgte fie bis Ram Hormus, doch ward ihr Dberhaupt
Harith Fon Raſchid nur durch Verrath gefangen ?). Zijad
ward mit der Statthalterfchaft von Farfiftan belohnt, wo es
ihm gelang, die Ruhe und Drdnung zu erhalten und Alt die
Anerkennung als Chalifen zu verfchaffen. Während aber in
Perfien Ali's Herrfchaft fih von Neuem befeftigte, ward ihm
in den übrigen Theilen des Neiches eine Provinz nach der
andern entriffen, weil es ihm nicht möglicd war, bie lauen
und friegsmüden Irakaner zu bewegen, feinen, von Muawia’s
Schaaren bedrängten Statthaltern zu Hülfe zu fommen. Nu’:
an ?). Malik Ibn Kaab mußte fih mit hundert Mann, die
bei ihm ausharrten, in die Citadelle werfen und eine Bela-
gerung von einem ganzen Monate aushalten, ohne dag Alt
im Stande war, Die Belagerer zu vertreiben. Diefe wichtige
1) Abd Almahafin und Tab, ©. 25. Nach Legterm war er
son Muawia mit 4000 Mann abgefandt und wird von Ajan Ibn
Mudjaſcha mit 500 gefhlagen. Daß aber Muamia jest ſchon es
gewagt haben follte, Truppen bis Baßra zu fchiefen, ift nicht glaub:
lich, wahrſcheinlich hatten fih nur Unzufriedene aus Baßra und der
Umgebung um Alhadhrami gejammelt. Won Zijad, dem Sobne
Abu Sofian's, der für Ali foht, wird weiter unten die Rede fein.
2) Er lieg ihn durch Mifal mit 500 Mann nab Ram Hormus
verfolgen, Harith war aber ſchon meiter geflohen, ald Mi'kal dahin
Fam. Mi'kal jandte ihm einen Boten nad und ließ ihm fagen: ich
fomme, um mid mit dir zu verbinden, laß ung gemeinfchaftlic
Othman's Blut rähen! Harith begab fib hierauf zu Mi'kal, der
ihn ſogleich feitnehmen und tödten ließ, und feinen Kopf Ali fandte.
Tab. a.a. D.
8) Abulfeda ©. 328.
16 *
244 Biertes Hauptftüd,
Grenzveſte zwiſchen Eyrien und Mefopotamien wäre verloren
gegangen, wenn nit Muhnif Ibn Suleiman, ein waderer
Beduinenhäuptling, die Truppen Muawia’s dermaßen in
Schrecken geſetzt bätte, daß fie die Belagerung aufhoben und
nad Syrien zurüdfehrten ). Softan Jon Auf unternahm
auf Muawia’s Befehl einen Raubzug gegen Hit, wo gar
feine Beſatzung lag, dann gegen Anbar, wo ohngefähr 500
Mann waren, die größtenteils, fobald fie den Feind anſichtig
wurden, die Flucht ergriffen, Jetzt erit ftellten jih endlich
1000 Dann unter die Fahne des Keis Ibn Saad, welde
die Irakaner gegen weitere Ausplünderung und Berheerung
fhüsten 2).
1) Abd Almahafin und Tab. ©. 26. Bei Lerterm irrig: Nu’
man Ibn Schiraf, auch berichtet er: Muhnif habe nur 50 Mann
bei fih gehabt. Als fie Nu'man gegen Abend heranjprengen fah,
glaubte er, es kämen Hülfstruppen aus Kufa und zog fich daher in
der folgenden Nacht zurück. Auch läßt er vorher Malik mit feinen
100 Mann einen Ausfall mahen und den ganzen Tag gegen Nu’
man fämpfen,
2) Bon einer Plünderung Madain’s ift weder bei Tabart, noch
bei Abd A Mahaſin die Rede, nur bei Abulfeda a. a. D. und aud)
da heift es nur: Sofian ward gegen Hit, Anbar und Madain ges
fandt, nicht aber duß er wirklich nach ſezterm Orte gelangte. Ali's
Stutthalter von Anbar, Aſchras Ion Haſan, kämpfte mit nur 200
Mann bis zu feinem Tode. Alt ging allein nah Nucheilah, ald er
die Plünderung von Anbar vernabn, dies bewog endlich die Kufaner,
ing Feld zu ziehen. Tab. a. a. DO. Sn der Rede, welbe Ali in
Nucheilah gehalten haben foll, und die, wenn auch nicht dem Buch:
Haben, doch dem Innalte nach, alle Merkmale der Aechtheit hat,
heißt es unter Anderm: „Sch babe euch bei Tag und bei Nacht, ge:
heim und öffentlih aufgefordert, dieſe Leute zu befimpfen, ehe fte
euch mit Krieg überziehen. Ber dem, in deifen Hand meine Seele
fiegt, nie ift ein Volk ohne Erniedrigung im Herzen feines Landes
angeariffen worden, doch feid ihr ftets dem Kriege ausgewichen, habt
mic verlaffen und meine euch läſtig gewordenen Moıte hinter eure
Nücken geworfen, bis euch mehrmals der Feind überfallen... Wie
wunderbar! jene Leute erfehten Siege trog ihrem Unrecht und ihr
At, 245
Auch in Teima 1), einem Orte in der arabifchen Wüſte,
ohngefähr in der Mitte zwiichen Damasf und Meffa, fonnte
jegt Alt die Syrer fchlagen, welche unter Abd Allah Ibn
Masad dort für Muawia Steuern einfammelten. Aber Mufib
Fon Nabba, der an der Spitze der Irakaner ftand, benukte
feinen Sieg nit. Er verbot nicht nur feinen Truppen, ten
flühtigen Feind zu verfolgen, fondern ließ auch Abd Allah
Ibn Masad felbft entichlüpfen, der fich in ein Schloß geflüchtet
hatte, das die Irakaner in Brand ftedten 2). Dhahhak Ibn
Keis, welcher im Hedjas mordete und plünderte und den Pil—
gern den Weg nad Mekka verfperrte, ward von Hudjr Ibn
Adij geichlagen, den Ali mit 4000 Mann gegen ihn fhidte,
fäumet, für Recht zu kämpfen! Rufe ih euh im Winter unter die
Waffen, jo faget ihr, das ift eine Zeit der Kälte und des Froftes.
Will ib euch im Sommer gegen den Feind führen, fo ſaget ihr:
jegt ift die Hise am drücdendften, warte, bis es Fühler wird! Wenn
ihr aber vor Hise und Kälte euch fürchtet, fo werdet ihr, bei Gott!
das Schwert noch viel mehr fürdten. D ihr, die ihr wie Männer
ausſehet, aber Feine Männer feid! ihr Menſchen von gemeiner Ge—
finnung und mweiblibem Berftande! Shr habt Durch euern Ungehor—
fam meinen Herrn gegen mich erzürnt und mich mit jolbem Grimm
erfüllt, daß die Kureijchiten fagen: Der Sohn Abu Talib’s (Alt)
ift ein tapferer Mann, aber er verfteht nicht, Krieg zu führen, (Gott
fei für fie gepriefen!) wer ift friegsfundiger und erfahrener als ich,
der ih por meinem zmwanzigiten Sahre ſchon ins Feld zog und jest
ſechzig zurückgelegt? mer aber feinen Gehorjam findet, wenn er
zum Kriege aufruft, der Fann aud Feine Siege erfechten.“ Vergl.
Reiskiı Adnotat. ad Abulf. p. 67.
1) Abulfeva ©. 328 und ausführlich bei Abd Almahafin und
Tab. ©. 26. Lesterer nennt Hama, bemerkt aber dazu, „ein Drt
an der Grenze von Syrien und der arabiihen MWüfte, auf dem Wege
nah Mekka,“ fo dab man wohl fieht, daß ed „Teima“ heißen foll.
2) Ber Abd Almahafin heißt es: Abd Grrahman Ibn Schabib
klagte Muſib als Verräther an. Bei Tab. a. a. D.: Als das Schlof,
in welches fih Mufib geworfen, zu brennen anfing, bat Abd Allah
Son Masad um Gnade. Mufib beanadiate ihn und die Geinigen,
meil fie, wie er ſelbſt, aus dem Stamme Fazara waren,
246 Viertes Hauptftüd,
Dod bald darauf ging Arabien für Alt aufs Neue verloren,
Muawia fandte nämlich zuerft Jezid Ibn Schadjarah, zur
Zeit der Pilgerfahrt, nah Mekka. Ali's Statthalter Kutham
Yon Abbas forderte die Mekkaner auf, fih feinem Einzuge
zu widerfegen, aber die Meffaner wollten ſich in feinen
Krieg auf ihrem Gebiete einlaffen, doc weigerten fie fich,
Jezid ald den Emir der Pilgerfahrt anzuerfennen, fondern
ernannten als folchen Scheibahb Fon Dihman ). Im Jahre
40 der Hidjrab aber fandte Muawia Beſchr Fon Urtah mit
einem ftärfern Heere zuerft nad) Medina. Abu Ejub, Ali's
Statthalter, Fonnte ihm feinen Widerftand Teiften und fuchte
in der Flucht nad Kufa fein Heil). Beſchr beftieg dann
die Kanzel und ſprach: „D ihr Aufiten und Chazradjiten! wo
ift der ehrwürdige Greis, der einft an diefer Stelle ftand ?
Bei Gert fürdtete ih nicht Muawia, meinen Gebieter, ic)
würde feinen von euch beim Leben laffen ?), doch nur, wenn
ihr ohne Widerfireben Muawia huldigt, follt ihr Gnade fins
den.’ Diefe Drohung bewog alle Meedinenfer, Muawia als
Chalifen anzuerfennen. Beſchr ernannte hierauf Abu Hureira,
einen der älteften Gefährten Mohammed’s, zum Statthalter
von Medina ®) und brad) nad) Meffa auf, wo er tenfelben
Erfolg hatte, denn Kutham ergriff die Flucht, fobald die Syrer
1) Abd Almahafin und Tab. ©. 27. Ueber Scheibah, welder
Skhlüffelbewahrer der Kaaba war, f. Leb. Moy. ©. 219 u. 233.
2) Abulfeda ©. 350.
3) Abd Almahafin und Tab. a. a. O. Lesterer erzählt: Djabir
Son Abd Allah, ein Hülfsgenoſſe, fragte Umm Salama um Rath.
Obgleich dieſe Mutter der Gläubigen (Gattin des Propheten) aber
feloft Ali gehuldigt hatte, rieth fie ihm und ihren Leuten doch ihn
aufzugeben, indem fie faate: Die Sache wird doch zu Gunften Mua-
wia's enden, ftürze dich und die Deinigen nicht in den Abgrund!
4) Tab. a. a. D. Abu Hureira war einer der gelehrteften
Sünger Mohammed’s, der jtetd in feiner Umgebung lebte (ſ. Leb.
Moh. ©. 450 u. 451), und doch fehloß er ſich den Feinden Ali's an,
weil er ihn für den Mörder Othman's hielt.
Ati. 247
das Gebiet von Mekka betraten, und felbft Abu Mufa bul-
digte, fobald ihm Beſchr Muawia's Gnade zuficherte ). Bon
Meffa zog Beihr nad) Yemen und vertrieb Abd Allah Fon
Abbas ?) aus diefem Lande, welchem Ali die Statthalterfchaft
von Baßra entriffen, weil er die Staatöfaffe nicht mit Ge—
wiffenhaftigfeit verwalter 3). Alt war zulegt auf den Beſitz
von Fraf und Perſien allein beſchränkt und felbft erfteres Lund
war vor den Einfällen der Syrer nicht fiber. Muawia felbit
foll fogar e8 gewagt haben, einen Streifzug bis an den Tigrig
zu unternehmen und mehrere Tage in Moßul zu verweilen ?).
Am fchmerzlichiten war aber für Alt der Verratb feines eig—
nen Bruders Afil, der zu dem glücklichen Muawia überging °).
D „Er wollte fliehen,” heißt es bei Tab. a. a. D., „denn er
fürchtete fih vor Muawia. B:fchr lieg ihn anhalten und fragte ihn,
warum er nicht bleiben gemollt? Er antwortete: ich fürct:te, du
fiegeft mich umbringen. Darauf verjegte Beihr: Muamta hat mir
verboten, einen der Gefährten des Propheten zu tödten. Komm und
huldige! Abu Muſa huldigte.“
2) Er flüchtete ſich mit ſolcher Eile, daß er feine beiden jungen
Söhne zurüdlieg, die in Berchr’s Hand fielen und nebft dem Ka:
meeltreiber, der fie retten wollte, getödtet wurden.
3) Abu Aswad Adduli klagte ihn bei Alt an, er habe zu wie:
derholten Malen Geld aus dem Staatöfhage genommen. Alt gab
ihm einen Verweis und verlangte Rechenſchaft von ihm. Gr fühlte
ſich beleidigt und bat Alt, einen andern Statthalter zu ernennen.
(Tab. © 23.) Darauf werden verjchiedene andere Gründe über Abd
Allah's Ungnade angeführt, tocb ung genügt nur zu willen, dag Alt
jeloft mit feinem Vetter und treueften Ruthgeber fih in der legten
Zeit nicht mehr vertragen fonnte. Vergl. au Abulfeda ©. 34.
4, Abd Almahafin und Tab ©. 27.
9) Tab. ©. 28. Gr bemerkt jedoch, daß er dies bei Tab. felbft
(in arab. Urterte) nicht gefunden, aber in andern Büchern, und führt
einige Verſe an, welche Alt, als er davon Kunde erhielt, gedichtet
haben foll. Nah Abulfeda S. 344 war Akil fhon in der Schlacht
von Siffin bei Muamıa und als diejer ihn fraate: willft du wirklich
mit uns fechten? antwortete er: Gewiß, ich hielt es ja am Schladht-
fage von Bedr auch mit euch,
248 Viertes Hauptftüd,
Ali bat jest um Frieden und wollte gern auf Egypten und
Syrien verzichten ), aber Muawia war feines Sieges zu
gewiß, um nadzugeben, obgleich Medina wieder von Ali's
Feldherren genommen ward ?), Djaria Ibn Kudama einen
1) Tab. ©. 27, der zwar noch eine Tradition -hinzufügt, der:
zufolge Muawia um Frieden gebeten haben yoll. Auch fol Muawia
mit Ali's Anträgen zufrieden gemwejen fein, aber die fortgejegten
Feindjeligfeiten bemeifen das Genentheil. Bei Masudi f. 224 wird
auch ein gewiß unächter Brief Muawia's an Alt angeführt, in wel:
chem es unter Anderm heißt: „Hätten wir gewußt, daß der Krieg
zwijhen uns jo weit fommen würde, jo hätten wir ihn gewiß ver:
mieden. Haben wir ung aber auch fo weit von unjerer thörichten
Leidenſchaft hinreifen laſſen, fo iſt doch noch immer Zeit, ihr Einhalt
zu thun und Frieden zu jehliegen. Sch habe Syrien von dir ge—
fordert und noch heute wiederhole ich diefe Forderung. Deine Hoff:
nung auf Senfeits iſt nicht größer als die meinige, meine Furcht
vor Gottes Strafe nicht geringer als die deinige. Bei Gott! die
beften Männer find dahin. Sind wir nicht Beide Söhne des Abd
Menaf? Keiner von ung übertrifft den Andern an edler Abfunft
u. f. w.
Alt foll darauf geantwortet haben, daß auch er betauere, daß
der Krieg fhon fo viele Menjchen gefoftet und daß ed gut wäre,
ihm jest wenigſtens Einhalt zu thun. Dann führt er aber fort:
„Syrien überlajfe ich dir heute eben fo wenig als früher. Was
unjere gleihe Furcht und Hoffnung angeht, fo weiß ich nur, daß ich
meiner innerften Heberzeugung gemäß handle, und daß den Srafanern
das Senfeits theurer it, ald den Syrern ihr Heimatland. Allerdings
ffammen wir Beide von Abd Menaf ab, aber Omejja tft nicht gleich
Hafbim, Harb ſteht tief unter Abd Almuttalib, Abu Sofian ift aud)
nicht mit Abu Talib zu vergleichen, eben fo wenig ein als Heide Ge—
fangener, dem man die Freiheit gejchenft, mit einem Auswanderer
und nicht einer, der den Propheten Lügner genannt, mit dem, der
ihn als wahr erfannt.“ Ali ftammte nämlih von Abd Menaf dur
Abu Talib, Abd Almuttalib und Haſchim, Muawia durh Ubu So—
fian, Harb, Omejja und Abd Schems. Letzterer wird hier nicht ge:
nannt, mwahrjcheinfich aus Ehrfurcht vor Haſchim, deſſen Bruder er
war, Abu Sofian befehrte fich befanntlich erft Burg vor der Einnahme
von Mekka, ald Dmar’d Schwert über feinem Haupte ſchwebte.
Bergl. Led. Moh. ©. 11 u. 215.
2) Abd Almahafin und Tab. a. a. DO. Harith Ihn Kudama
Ali. 249
Theil von Jemen wieder eroberte und Schabib Ibn Amir
Streifzüge bis gegen Raffa und Balbek machte, zu denen fich
die Irakaner eher als zum Kriege, der feine Beute verſprach,
bergaben ). Diefer Zuftand des gegenfeitigen Mordens und
Raubens Laftete fo fchwer auf den islamitiſchen Völkern, daß
endlich drei entichloffene Männer fih zum Heil des Rei:
des gegen feine drei größten Feinde, Ali, Muawia und
Amru, die Urbeber aller über die Araber hereingebrochenen
Drangfale, verfhworen. Der Eine war Abd Errahman Ibn
Muldjam, aus dem Stamme Murad, ein Epyptier, der zur
Zeit des Aufruhrs gegen Dibman nach Medina gezogen war
und ſich fpäter in Kufa bei den Benu Kinda niedergelaffen
batte, von denen viele als Chawaridj bei Nahrawan gefallen
waren 2). Der Andere hieg Mubaraf 3) Jon Abd Allah aus
dem Stamme Temim und der Dritte, aus demfelben Stamme:
Amru Fon Bekr. Diefe drei Männer ſchwuren bei dem hei—
ligen Tempel zu Mekka dem Bürgerfriege unter den Mufel-
männern, welder nicht nur mit dem Schwerte auf dem
Schlachtfelde, fondern auch durch gegenfeitige Berwünfchungen
auf der Kanzel?) geführt wurde, durch den Tod ber drei
Männer, deren Herrfchfucht fo viel Unheil geftiftet, ein Ende
zu ſetzen. Abd Errahman Ibn Muldjam, der ein Piebesver-
hältniß mit einem Mädchen hatte >), deren Bater und Bruder
und Wahb Son Masud nahmen Medina mit 4000 Mann und Abu
Hureira hielt ſich verſteckt, dann entfloh er.
1) Abd Almahaſin. Alt fol indeffen feinen Leuten verboten
haben, etwas anderes ald Waffen und fonftiges Kriegsmaterial zu
rauben.
2) Tab. S. 3l.
5) So bei Tab. und Elmafin a. a. D., bei Andern heißt er
Buraf.
4) Muamia verfluhte Ali, feine beiden Eöhne, Abd Allah Son
Abbas und Keis Son Saad, Ali verwünſchte Muawia, Amru Son
Ya, Abul-Amar und Dhahhak Son Keis.
5)» Sie hieß nah Tab. Katam Bint Kisma. Als Abd Erxrah—
250 Viertes Hauptſtück.
in Nahrawan gefallen, verpflichtete ſich Ali aus der Welt zu
ſchaffen, Mubarak Jon Abd Allah übernahm es, Muawia zu
tödten und Amru Ibn Aaß ſollte durch Amru Ibn Bekr er—
mordet werden. Um deſto ſicherer ihre Opfer zu treffen und
weil bei einer großen Volksmaſſe eher Hoffnung zu entſchlüpfen
war, beftimmten fie einen Freitag im Ramadhan, wo voraus—
zufehen war, daß alle drei Emire die Mofchee befuchen wür—
den. Alle drei follten an einem Tage fallen ), damit nicht
man um fie warb, forderte fie ald Morgengabe 3000 Dirham, einen
Sklaven, eine Sflavin und Ali's Kopf. Er fagte: das follft du
haben, denn ich bin gefommen, um Alt zu tödten. Sie machte ihn
dann mit Wardan und Schabib Ibn Nahma befannt, von denen fie
wußte, daß fie gleihfalld Alt nach dem Leben trachteten. Daffelbe
lieft man im Chamis, wo noch ein Gedichtchen angeführt wird, in
welchem es heißt, daß nie ein Tapferer eine Morgengabe entrichtet,
wie Ibn Muldjam feiner Geliebten Katam.
1) So bei Tab., Abulfeda, Elmakin und Andern, bei 3. Abd Al:
bafam, welcher jedoh als die ältere Quelle eine befondere Berück—
fihtigung verdient, ift bei dem Mordverfuche gegen Muamia und
Amru von Ali gar Feine Nede, fondern Habıb Son Maslama, einer
der bedeutendften Keldherren Muawia's, von dem ſchon bet der
Schlacht von Siffin die Rede war, wird ald der dritte genannt, wel—
cher ermordet werden follte. Die Ermordung Ali's wäre demnad)
als eine vereinzelte Thatfuche zu betrachten, von eınem fhmärmertjchen,
rachſüchtigen, oder von feiner Geliebten zur Rache aufyeftachelten
Sharidjiten vollbradht. Die Mordverjuche gegen Muawia, Amru und
Habib aber gingen von Anhängern Ali's aus, und zwar, wie J. Abd
Alhakam ausdrücklich bemerft, „nachdem man Muawia ſchon als
Shalifen gehuldigt Hatte,“ alfo nah Ali's Tod und Haſan's Abdan—
fung, denn bis dahin hatte er fih nur „Emir von Syrien“ genannt,
Nach diefer Tradition, welche von Zuhri herrührt, ward Charidja
nicht in Gaypten, fondern in Syrien ermordet, wo er zufällig war
und von einem der drei Verjchworenen für Amru gehalten ward,
der demnad auch zu jener Zeit fih in Damask aufhalten mußte,
Auch in den übrigen Quellen findet eine Meinungsverfchiedenheit
darüber ftatt, ob Charidja an Amru's Stelle in Eaypten ermordet
ward, denn manche nennen Suhl, f. Tab. ©. 29 und Chamis, wel-
her fagt: einige behaupten, nicht Charidja von den Benu Sahm,
Ali. 251
durch die Nachricht der Ermordung des Einen der Andere
Vorſichtsmaßregeln ergreife und die Plane der übrigen Ver—
ſchworenen vereitle. Darum verabredeten ſie, daß am 15.
Ramadhan des Jahres 40 der Hidjrah, welcher ein Freitag
war, die That der Nahe und Befreiung zugleih in Kufa,
Foſtat und Damasf vollbradht werden follte. Aber nur Alt
fiel als Opfer der VBerfhwörung, weil Abd Errahman Ibn
Muldjam nod zwei Männer fand, die ihn in feinem Unter—
nehmen unterftügten, Mubaraf ward von den Syrern ergriffen,
noch ehe er Muawia tödtlih verwundet hatte, und Amru Ibn
Befr erfchlug ftatt Amru Jon Aaß, der an dieſem Tage
wegen Unpäßlichfeit zu Haufe blieb, Charidja Ibn Hubfafa,
den Dberften feiner Leibwadhe. Als man Abd Errahman
fragte, was ihn zu feiner ruchlofen That veranlaßt, antwortete
er: Alt hat ſchon längſt den Tod verdient wegen des vielen
Dluts, das er vergoffen. Alt, welcher noch zwei Tage lebte,
lieg den Mörder einfperren und befahl feinem Sohne Ha-
fan, ihn nad feinem Tode hinrichten zu laffen, aber diefer
lieg ihn, fobald Ali das Leben ausgehaucht hatte (17. Ra—
madhan 40 — 21. Januar 661) H, aufs graufamfte ver-
federn Sahl Alamiri ward an Amru’s Stelle erfchlagen. Gegen
die Quellen, welche eine Verabredung der drei Verſchworenen gegen
Muawia, Amru und Alt annehmen, fpricht eine Tradition, welde
Tab. a. a. D. anführt, derzufolge Abd Grrahman zu Haſan jagte:
tödte mich nicht, bis ich dir das Chalifat zugefihert, laß mich nad)
Damnsf gehen und Muamia tödten, dann ftelle ich mid) wieder bei
dir ein. Ber Abd Almahafin ſagt er ſogar: ich habe bei der heiligen
Mauer geſchworen, Alı und Muamia zu tödten. Es iſt alfo nicht
unwahrfheinlih, daß, da Ali wirklich ermordet worden und gegen
Muamia und Amru Mordverjuche ftatt gefunden, man erft fpäter
dieſe vereinzelten Thatfahen in Zufammenhang bradte.
1) Es if auffallend, daß die meiften orientalischen Quellen
zreitag den 17. Ramadhan als den Tag nennen, an welchem Ali
vermundet ward, während der 17. Ramadhan des Sahres 40 ein
Conntag war. Wahriheiniih ward ter Todestag, welcher am 17.
war, fpäter mit dem Tage der Verwundung verwechſelt. Sch nehme
252 Viertes Hauptſtück.
ſtümmeln. Doch ſtarb Abd Errahman einen wahren Helden-
tod. Während man ihm Hände und Füße abſchnitt und die
Augen mit glühendem Eiſen ausſtach, betete er innbrünſtig,
ohne einen Seufzer auszuſtoßen. Erſt als man ihm die
Zunge ausſchneiden wollte, ſchrie er: laſſet mich doch beten,
fo lange noch Leben in mir iſt I!
Ueber Ali's Begräbnißplag fchmwebt ein Dunkel. Manche
behaupten, er fei in Kufa felbft beerdigt worden, andere in
Nadjaf, einem Begräbnißplage außerhalb der Stadt Kufa.
Manche berichten, Hafan habe feine Leihe nah Medina brin-
gen laſſen. Das Wahrfcheinlichite ift, daß er nach Medina
gebracht werden follte, Muawia aber ihn entführen und an
einem unbekannten Orte in der Wüſte beerdigen ließ, damit
fein Grab nicht ein Gegenftand der Verehrung und ein Sams
melplas der Unzufriedenen werde ?). Auch über Ali's Le-
um fo weniger Anftand, den 15. anzugeben, als alle Quellen einen
Kreitag nennen, mährend doch über den Tag des Monats Feine
Stimmeneinheit herriht. So Tieft man bei Masudi f. 217: nad
Ginigen ward Ali am 21. erfchlagen, eben jo im Chamis. Bei
Befri lieft man: „Ali lebte noch Freitag und Samſtag und ftarb
in der Naht von Samftag auf Sonntag, den 21. Ramadhan des
Sabres 40. Nach Andern ward er am Freitag getödtet, nach Andern
Freitag den 19., nach Wafidi den 10. Ramadhan in der Nacht von
Donnerftag auf Freitag.“ Daß der 15. Ramadhon ein Freitag mar
und dem 22. Sanuar 661 entipriht, Fann man aus dem »art de
verifier les dates« erjehen und dennoch haben die zwei deutichen
Drientaliften, welche zuletzt über Alt gejchrieben, faljhe Data, v. Ham—
mer nennt (Gemäldefaal ©. 344) den 31. Auguft 661 und Flügel
(a. a. D. ©. 55) Ausgangs Februar 661.
1) Chamis. Ali's Tochter Umm Kolthum fagte ihm: jest iſt
meinem DBater wohl, dir geht ed aber fchlecht. Darauf verfegte er:
wenn du deifen jo gewiß bift, warum meinft du denn io?
2) Zu diefer Vermutbung veranlaßt mich bejonders Abd Alma:
hafın, bei dem es heißt: „Ali's Grab ift unbefannt, er follte nach
Medina gebracht werden, aber die Beduinen, melde glaubten, die
Kifte, in welcher er lag, enthalte Gold, zogen damit in die Wüſte.“
Ali. 253
bensdauer weiß man nichts Gewiffes, obſchon die meiften
Mufelmänner ihm ein Alter von 63 Jahren beilegen, weil
fie offenbar, wie dies auch bei Dmar und Abu Bekr der Fall
war, unter den verjchiedenen hierüber curfivenden Ueberliefe—
rungen die wählten, welche diefen Chalifen daffelbe Alter gibt,
das Mohammed feldft erreicht haben fol. Die Zahl der
Frauen, weldhe Alt nah dem Tode feiner erften Gattin D),
der Tochter Mohammeds, noch heirathete, wird auf neun an—
gegeben und die feiner Sflavinnen oder Beifchläferinnen auf
neunzehn 2), jo daß wir auch hier wieder fehen, dag Alt kei—
neswegs fo unempfänglich für irdiſche Freuden war, wie feine
Panegyrifer behaupten und man nad einzelnen Sprüchen, bie
unter feinem Namen fich) bis auf unfere Zeit erhalten haben 3),
Vielleicht blieb er aber in der That bei Kufa begraben und fuchte
nur Muamwia falihe Gerüchte über jeinen Begräbnißplatz zu ver:
breiten. ©. auch Abulfed. ©. 338.
1) So lange Fatima lebte, ſchloß er Feine zweite Che. Er zeugte
fünfzehn Söhne, von denen 14 ihn überlebten, und acszehn Töchter,
von denen mehrere Sklavinnen zu Mütter hatten. Somohl durd
diefe Töchter, als durch fünf feiner Söhne pflanzte fi fein Ge:
fhlecht fort Shre für die fpätere Gefchichte wichtigen Namen was
ren: Hafan, Hujein, Muhammed Son Hanifa, Amru und Abbas.
Tab, © 31. Vergl. auch Abulfed. ©. 339 u. 310, Nawawi ©. 442,
2) Sujuti ©. 197. Tabari gibt ihre Zahl nicht an, do erhellt
aus obigem Citate, dag er mehrere Beifhläferinnen hatte.
3) Die neuefte und befte Ausgabe diefer Sprüche führt den
Titel: Ali's 100 Sprüche arabiſch und perfiih paraphrafirt von Re-
ſchideddin Watwat, nebft einem doppelten Andange arabifcher Sprüche,
herausgegeben, überfegt und mit Anmerkungen begleitet von M. 9.
L. Fleiſcher. Leipz. 1837. 4. Ob diefe Sprüche wirklib von Ali her:
rühren, it ſchwer zu ermitteln, wahrjceinlicher ift, daß irgend einer
feiner Anhänger die fhönften ihm befannten Sprübe Ali zuichrieb,
wie ja auch fo manche von Mohammed, Abu Beer und Omar nad:
erzählt werden, deren Authenticität vielen Zweifeln unterliegt. Ge:
wiß ift, daß einzelne Sprühe nicht von Ali herrühren. So z. B.
der Sechſte: „mer fich felbft erkennt, der hat dadurch auch Gott ers
254 Biertes Hauptftüd.
glauben follte. Wir fünnen überhaupt bei der Beurtheilung
der vier erften Chalifen, befonders aber bei der Ali's, in fei-
nem Berhältniffe zu Muawia, nit genug auf unferer Hut
fein, gegen die Maffe erdichteter Traditionen, welche von den
Mufelmännern zu feiner Bertheidigung und Verherrlichung
gebraucht wurden. Wir dürfen feinen Augenblick vergeifen,
daß alle Ueberlieferungen über die Gefhihte Mohammeds
und der erften Chalifen erft im zweiten Jahrhunderte der
Hidjrab unter der Herrfchaft der Abbaffiden gefammelt oder
gefchmiedet wurden, Für dieſe war eg aber eine Lebensfrage,
die Dmejjaden und befonders Muawia, den Gründer diefer
Dynaftie, als Ufurpator darzuftellen und wenn auch nicht Ali's
Rechte, doc) die des Prophetengefchlehts gegen ihn in Schuß
zu nehmen. Welchen Glauben verdienen alle angeblichen Aus-
fagen Mohammeds zu Gunften Alt’s, wenn ihm unter Andern
auch in den Mund gelegt wird, „daß das Chalifat nur drei-
Big Jahre dauern, nachher aber nur noch ein irdiſches Reich
kannt,“ welcher Mohammed ſelbſt angehört; ebenſo der 66te: „die
Weisheit iſt das verlorene Kameel des Gläubigen,“ d. h. der Gläu—
bige ſucht ſie auf, wie ein entlaufenes Kameel von ſeinem Beſitzer
aufgeſucht wird. Bei Manchen iſt wenigſtens der Gedanke nicht neu.
Sp im 78ten: „Wohlthaten ſchneiden die Zunge ab.” Dieſen Aus:
druck gebraucte fehon Mohammed, als er den Dichter Abbas Ibn
Mirdas beftach, inden er faate: Gebet ihm, bis er zufrieden iſt und
fhneidet ihm damit die Zunge ab! (©. Leb. Moh. ©. 210) Ebenſo
iſt der Tte einem Verſe Zuheir's entnommen, in welchem es heißt:
„Der Menſch befteht aus feinen zwei Fleinjten Theilen: Zunge und
Herz, denen dann der fromme Samäachſchari im Tdten Sprucde der
goldnen Halsbänder Glauben und gute Werke entgegenftellt. Daß
die unter Ali's Namen verbreiteten, ebenfalls in Europa ſchon be—
Fannten Gedichte, nicht Ali zum DVerfaffer haben, ift fhon von Schul-
tens und Reiske dargethan worden. Auch Sujuti zum Mughin jagt
ausdrüdlih, Ali babe in feinem ganzen Leben nur zwei Verſe ge—
dichtet. (S. Ali ben Taleb Carmina arab. et lat. ed. Gerardus Kuy-
pers. Lugd. Bat. 1745. und dazu nova acta erudit, an. 1745. pag.
535 —40.)
Ali. 255
beſtehen wird )2“ dag er Ali vorausgeſagt, daß er umge—
bracht wird und ihm ſogar das Jahr, den Monat und die
Nacht feines Todes angegeben ?)? Wäre Alles, was an
Ali gelobt wird, wahr 3), fo bliebe es unbegreiflih, wie Abu
Ber, Dmar und Othman ihn zu verdrängen im Stande
waren und wie, felbft nachdem er zum Chalifen erwählt wor=
den, ſich nicht nur der herrſchſüchtige Talha und Zubeir, ſon—
dern andere Gefährten des Propheten, welche faft in dem—
felben Maaße wie Alt gelobt werden, ihm die Huldigung
verweigerten. Zu bdiefen gehörte, wie fchon erwähnt, Saad
Ibn Abi Waffag, einer der zehn, denen Mohammed das
1) Abulfeda ©. 350.
2) Nawawi ©. 440. Dann wird nod hinzugefekt: ald er ging
um das Morgengebet zu verrichten, ſchrieen ihm Gänſe entgegen
und ald man fie fortjagte, fagte er: lafjet fie, denn fie beflagen
meinen Tod (wörtlich: jie find Klagemeiber, das heißt Frauen, welche,
[nad arabiſcher Sitte] über meinen Tod Schmerzenstöne ausftoßen).
Auch im Chamis lieft man: Ein Mann aus dem Stamme Murad
(dem Ali's Mörder angehörte) warnte Ali, aber er faate: jeder
Menih bat zmei Engel, die ihn bewachen und vor Unglück befhügen,
bis zu feiner Todesitunde, dann aber verlajfen fie ihn und alle Bor:
ficht bleibt vergebens. Auch mußte er die Thüre feines Haujes mit
Gewalt öffnen und als er ſchon auf der Straße war, konnte er nicht
meiter gehen, weil fein Nermel zwifchen der Thüre hängen geblieben
u. dergl. mehr.
3) Mohammed foll ihn feinen Vezier genannt und erkfärt ha-
ben, daß wer Gott liebt, auch ihn Iteben müffe, und dag nur Heuchler
ihn haffen fönnten. Ferner ſoll Mohammed ihn feinen Bruder in
diejer und jener Welt und die Pforte der Wiſſenſchaft genannt ha—
ben. Als Beweis von Ali's Abſcheu vor weltlichen Genüffen wird
fein Spruch angeführt: die Welt ift ein Aas, wer darnach gelüftet,
der ſei darauf gefaßt, mit Hunden Gemeinjchaft zu haben. Als
Bemeis feiner Freigebigfeit: ich binde mir vor Hunger einen Stein
um den Leib, während ih täglich 4000 Dinare Almojen gebe. (Ma-
wawi ©. 437 u. ff.) Indeſſen ift bekannt, daß Ali erft durch den
in Baßra erbeuteten Schag in den Stand gejegt ward, feinen Trup—
pen ihren Sold zu zahlen,
256 Viertes Hauptſtück.
Paradies prophezeiht, Muhammed Ibn Maslama, der ſowohl
bei Bedr als bei Cheibar ſich rühmlich ausgezeichnet, Zeid
Ibn Thabit, Mohammeds Secretär, der geſetzkundigſte aller
Muſelmänner, Suheib, einer der frommſten Araber, welcher
ſich gleichzeitig mit Ammar Yon Jaſir zum Islam bekehrt.
Durch ſeine Theilnahme an der Verſchwörung gegen Othman,
welche keinem Zweifel unterliegt, durch die Erhebung der
Mörder des Chalifen und der Anführer der Rebellen zu den
erften Würden des Reihe, trat er ſelbſt die Chalifenwürde
mit Füßen und fein Wunder, daß er dann nicht mehr im
Stande war, ihr wieder Das Anfehen zu verfchaffen, das fie
unter Abu Bekr und Omar gehabt. Als er fi) vollends bei
Siffin, troß feinem perfönlihen Muthe, doch zum Waffenftill-
ftande nöthigen und einen Vertrag aufbringen ließ, wodurch
er fchon gewiffermaßen die Macht und Herrichaft aus Händen
gab, zeigte er deutlich, Daß er eigentlich doch mehr für fi,
als für ein heiliges Necht kämpfte, denn fonft hätte er wie
Othman lieber den Tod aus der Hand der Rebellen empfan-
gen follen. Diefes war fein Hauptverbreden in den Augen
der Sharidjiten, unter denen allerdings Berräther und allerlei
Gefindel fi) befanden, die aber doch, wie ihre Aufopferung
bei Nahrawan bemeift, auh Männer von Ueberzeugung in
ihrer Mitte zählten, welche Alt für einen yon Gott einge-
festen Jmam bielten, der nicht befugt war, auf diefe Würde
zu verzichten, und wenigfteng fpäter diefe Sünde hätte befen-
nen follen. Wenn wir aber audh Ali nicht fo body) ftellen,
als dies bisher fowohl bei den Arabern als bei abendländt-
fhen Gefhichtfchreibern der Kal war, und wenn wir aud)
namentlich finden, daß feine Anfprüche auf das Chalifat einer
fihern Grundlage entbehrten — denn gewiß waren Die unter
dem Schwerdte der Rebellen zitternden Medinenfer nicht be=
fugt, dem großen Reiche des Islams einen Herrfcher zu ge
ben — fo überftrablt er doch befonders durch feine Entfchie-
denheit und feinen Abfcheu vor aller Verftellung, fo wie durch
Ati. 257
feine unbeftechliche Gerechtigfeitstiebe I) alle feine Vorgänger,
felbt Dmar nicht ausgenommen. Seine an Schroffbeit gren-
zende Wahrheitsliebe mochte ibm viele Feinde verfchaffen,
während Muawia gerade durch feine Gefchmeidigfeit immer
mehr Anhänger gewann. Ali's Beredfamfeit war zwar fehr
groß, doch vertraute er zu fehr auf fein Schwerdt, das er
von frühejter Jugend an als Held gebraucht und auf feine
moraliihe Kraft als Schwiegerfohn des Propheten 2), und
verſchmähte es, durd füge Worte das Herz feiner Unterthanen
für fi) einzunehmen, eine Kunft, weldye fein Gegner im höch—
ften Grade beſaß. Mangel an Klugheit machte ihn unter fo
ſchwierigen Umftänden zum NRegieren unfähig, und aller Wahr-
jcheinlichfeit nad) wäre er bald der Schlauheit Muawia’g
unterlegen, wenn ihm nicht der fanatifche Charidjite durch
einen plöslihen Tod diefe Schmach erfpart hätte, obgleich
mande Araber behaupten, es haben ihm furz vor feinem Tode
40,000 Srafaner aufs Neue gefhworen, bis zum Tode für
ihn zu kämpfen ?). In feinen Sitten wer Alt eben fo ein-
1) Er foll mit einem Suden, nach Andern mit einem Chriften,
fihb vor Gericht geftellt haben, wegen eines Panzers, der ihm in der
Schlacht von Siffin entwendet worden. Sein Bruder Akil foll ihn
deshalb verrathen haben, weil er ihm eine gewiſſe Summe aus dem
Staatsihage verweigert und fein Better Abd Allah Ibn Abbas gab
ihn auf, weil er Rechenſchaft über feine Verwaltung von ihm begehrt.
2) Amru Eannte Ali's Charafter, darum ſagte er auch zu feinem
Sohne, der ihm nah Othman's Tod rieth, fich zu Ali zu begeben:
Wenn ich auch Alles für Alt thue, wird er immer nur fagen: du
haft deine Pflicht als Gläubiger erfüllt. Gehe ih aber zu Muamia,
fo fieht er mich als feinen Genojien an und gibt mir Theil am
Siege. Amru foll auch Muawia, welcher feine Anſprüche ebenfalls
auf den Koran fügen wollte, geradezu gejaat haben: Glaubft du
etwa, ich fei um Gottes Willen von Ali abgefallen und zu dir über:
gegangen? ich bin bloß weltliher Vortheile willen zu dir gefommen,
drum gewähre mir auch jolhe! u. f. w. (Abd Almabafin.)
8) Abulfeda ©. 346, jedoch nur als eine Anfiht einzelner Tra—
ditionsgelehrten Ckila), welche waährſcheinlich Daher entftand, weil
17
258 Biertes Hauptſtück.
fah als Omar D) und auch an Freigebigfeit foll er ihm nicht
nac)geftanden fein, obgleich ihm nur ſehr geringe Mittel zu
Gebote ftanden. Seine Korans- und Rechtskenntniß wird
ganz befonders gerühmt 2) und nach einigen Traditionen, de—
nen freilic) andere widerſprechen, foll ihm fogar feine Fürforge
für die Erhaltung des Korans das Chalifat gefoftet haben H.
Die an Anbetung grenzende Verehrung, die er fpäter befon-
ders bei den Schiiten fand, verdbanfte er mehr einer ſyſtema—
tiihen Dppojition gegen die herrjchende Regierung und ben
aus Verfien herübergebrachten Ideen von einer Incarnation
der Gottheit, welche vielleicht noch durch riftlihe Dogmen
vom Paraklet, für den er von Manchen gehalten ward, un-
40,000 Mann mit Hafan gegen Syrien auszogen. Abd Almahaftn
führt diefe Tradition auch an, aber Tab. nicht, eben jo wenig El
Malin. Ber Nawawi ©. 204 lieft man blog: Es huldigten dem
Haſan mehr als 40,000 Mann, welche feinem Vater gehuldigt hat:
ten, aber nicht daß Letzteres nochmals vor Ali's Tod mit dem Ge—
fübde für ihn zu fterben geſchehen. Auch zeigte es ſich bald, daß
die Mehrzahl diefer Leute nicht im Gntfernteften daran dachten, Alt
und feinem Geſchlechte ihr Leben zu opfern.
») Er trug einft in einer Dede Datteln vom Mearfte nad
Haufe, da Pam jemand und wollte ihm feine Laft abnehmen, er fagte
aber: es ziemt einem Familienvater am Beten, feinen Hausbedarf
felbft nach Haufe zu bringen. Auch feine Wohnung und Kleidung
foll höchſt ärmlich geweſen ſein. Nawawi ©. 438. Abulfeda S. 344.
2) Nawawi ©. 437: Alt war der beſte Kadhi von Medina, Alt
befag allein neun Zehntheile der Wilfenfchaft u. dergl. mehr.
3) Er foll nämlich, während der Verhan‘lungen über die Cha:
lifenwahl nach dem Tode Mohammed’s, die Fragmente des Korans
gefammelt und gejchworen haben, fich nicht eher anzufleiden, big er
feine Arbeit vollendet. Abd Almahafin und Andere (S. au Jour-
nal asiat. de Paris nouv. serie. 1843. Dechr.) Dem widerjprechen
freilich andere Traditionen, welche Abu Beer oder Othman als die
erften Koransfammler nennen. Auch müßte man annehmen, daß
feine Arbeit bald-wieder verloren gina; fonft hätte Zeid Son Tha-
bit nicht fo viel Mühe gehabt, den Koran zu redigiren. S. meine
Einleitung in den Koran ©. 50 u. ff,
Alt. 259
terftügt wurden, als feinen yerfönlichen Tugenden, Daß ſchon
bei feinem Leben ihn einige Fanatifer „Herr“ genannt und
deshalb mit dem Tode beftraft wurden 1), ericheint um fo
fabelbafter, als zu feiner Zeit gerade die eifrigften Verthei—
Diger feiner Rechte auf das Chalifat, als nächſter Verwandter
Mobammeds, ihn felbft wegen des Waffenftillftandes bei Sif—
fin einen Ungläubigen und Sünder nannten, Erſt fein und
feiner Söhne tragifhes Ende, die Verfolgungen, denen fein
ganzes Gefchlecht ausgefeßt ward, die Tyrannei, unter welcher
die ehemaligen perfiichen Provinzen nad) der Alleinherrichaft
der Omejjaden ſchmachteten, erwecten für die Sprößlinge des
Propheten zuerft ein tiefes Mitleid und dann eine Art Ber-
götterung, wie fie ehedem in dieſen Yändern den Königen als
Abfömmlinge höherer Wefen gezollt ward ?). Wir werben
im Berlaufe diefer Geſchichte häufig auf die Spaltung zwi—
[hen Schiiten und Sunniten zurüdfommen müffen, aber in
diefer Periode jehen wir nur in dem Kampfe zwifchen Alt
und Muawia, einmal den der gefeßlichen Ordnung, welche
1) Bei Abd Almahafin heißt es: es kamen Leute (Nas) zu Alt
und nannten ihn unjer Herr (Rahbuna), er brachte fie aber um.
Eben fo bei Makriſi nach de Sacy (Expose& de la religion des Druzes
I. p. 13): »Ce fut aussi du temps des compagnons du prophete que
prit naissance la secte des Schiis qui s’attachent exelusivement a Ali,
et qu’on commenga à adopter sur son compte des opinions exagertes.
Ali Yayant appris en temoigna son indignation et fit brüler plusieurs
de ceux qui avaient de lui ces idees extravagantes etc» Jedenfalls
iſt nur von einzelnen die Rede, während die Maffe feiner Anhänger
ihn bloß ale Smam, das heißt als geiltlihes Oberhaupt und Nach:
folger Mohammeds verehrte. Auch die Lehre von der einitigen
Rückkehr Ali's, welhe Mafrift a. a. D. dem Abd Allah Ihn Saba
zujchreibt, ift wahrſcheinlich erft fpätern Urjprungs und hängt mit
der Meſſiasidee zuſammen. Tab. ©. 160 fpricht wenißgſtens bloß
von der Wiedereribeinung Mohammed’s, nicht von der Ali's. ©.
auh Schehreit. ©. 133,
2) ©. de Sacy a. a. O. ©. 87 u, 39.
17
260 Viertes Hauptftüd.
Muawia verfoht ) gegen den gewaltfamen Umfturz, welchen
Alt herbeigeführt oder doc wenigftens unterftügt, ein Kampf,
den Muawia nicht bloß aus Herrihfucht führte, fondern, nad)
arabifchen Sitten, als naher Berwandter des Ermordeten aud)
führen mußte. Muawia, wie einft fein Vater Abu Softan,
repräfentirte alfo noch gewiffermaßen das heidnifhe Princip
der Blutrahe und Selbfthülfe, während Alt, als ftrenger Mu-
felmann, auf den Koran ſich berief und die Aufrührer gegen
Othman in Schuß nahm, weil diefer von den Vorfchriften
Mohammers abgewihen. Wir fehen ferner einen Kampf der
alten mekkaniſchen Ariftofratie gegen die erblide Monarchie
und darum fielen manche Araber von Ali ab, obgleich ihnen
Muamwia noch verhaßter war, weil diefer, in der erften Zeit
wenigftens, nicht als Chalife auftrat und felbft als Allein-
berificher, wie wir in der Folge fehen werden, viele Jahre
lang zauderte, big er es wagte, feinen Sohn als feinen Nach—
folger zu erflären. Ali hingegen, welcher feine Anſprüche
lediglich auf feine Verwandtſchaft mit Mohammed ftüste, wollte
offenbar, und dies kam fpäter Muawia zu gut, ein gewiffes
göttlihes angeborenes Necht zu berrfhen an die Stelle der
freien Wahl ſetzen.
1) Bei de Sacy a. a. O. ©. 38 lieft man freilich: »l’autre (parti
des Musulmans) après avoir prefere a Ali trois des cempagnons du
prophete, Abou Becr, Omar et Othman, ne sut pas m&me demeurer
tranquillement sous la domination de l’epoux de Fatime (Ali) quand
la nation l’eut mis sur le tröne, auquel il avait tant de droits, mais
labandonna pour suivre le parti de Moawia, ä qui l’ambition seule
et la revolte avait fray& la voie ä la couronne « Wir haben aber
gezeigt, dag Ali nicht von der Nation, fonden nur von einem
Theile der Medinenjer zum Chulifen erhoben ward und daß er, nicht
Muamwia, der Empodrung gegen Othman und der Unterftüßung der
Rebellen, an deren Spitze Klajchtar und Mohammed, der Sohn Abu
Bekr's, ftanden, den Thron verdanfte,
Fünftes Hauptftüc.
Hafan und Muawia.
Haſan's Widerwille gegen den Krieg. — Er unterhandelt mit
Muamia. — Entjagt dem Chalifate. — Sein Tod. — Aufitand in
Staf und Perfien. — Muamia adoptirt Ziad und ernennt ihn zum
Statthalter von Irak, Perfien und Arabien. — Zijad widerjegt ſich
der Ernennung Jezid's zum Thronerben. -— Widerſtand der Medi:
nenfer. — Muamwia’s Reife nah Arab’en. — Amru’s Tod. — Aus:
dehnung des Islams in Afrika. — Okba's Züge im Welten. —
Aufftand der Berber und Okba's Tod — Kriege am Oxus. — Ein:
fälle der Araber in Indien. — Kriege mit den byzantiniſchen Kai—
fern. — Muawia’s Charakter, leste Verfügungen und Tod.
Mur als Erben der Rechte feines Vaters, Fonnte Al’g
älteftem Sohne Hafan in Kufa gehuldigt werden, denn von
Ali's Tugenden, Muth, Beharrlichkeit und Seelenftärfe, be—
ſaß er feine. Hafan war ein Wollüftling, der wegen der
großen Anzahl feiner Frauen, die er, um den Buchſtaben
des Geſetzes, das nur vier geftattet, nicht zur übertreten, fort-
während wechſelte, den Beinamen Mitlaf (der Scheidebrief-
262 Fünftes Hauptſtück.
geber) erhielt ). Ein friedliches genußreiches Leben ging
ihm über Herrſchaft und Kriegsruhm. Dies zeigte er gleich
bei der Huldigung. Keis Ibn Saad, der ſchon oft erwähnte
tapfere Feldherr feines Vaters, wollte ihm nämlich an ber
Spige vieler Irakaner unter der Bedingung Treue ſchwören,
daß er fi die Aufrechthaltung der göttlichen Geſetze und der
Lehren feines Gefandten fo wie die Befämpfung feiner Feinde
zur Verpflichtung made, Haſan madıte fih aber nur ver:
bindlih, die Herrſchaft nad) dem göttlichen Gefege zu hand-
haben und fagte: diefer Eid umfaffe ja auch die Verpflichtung,
in den heiligen Krieg zu ziehen 2). Dbgleich aber Hafan
1) Abulfeda ©. 850. Nah Abd Almahafin hat er 70 Ehen ge:
ſchloſſen, nach Andern 90. Beide Zahlen beruhen wahrſcheinlich auf
eine und diejelbe Tradition und die Werfchiedenheit rührt erit von
einem Schreibfehler oder einer undeutlihen Schrift her; denn fie
find in arabiiher Schrift ſehr leiht mit einander zu verwechfeln,
wenn die diafritiihen Punkte fehlen, wie dies in den meiften Hand:
fhriften der Fall ift.
2) Tab. S. 31. Bei Abulfeda ©. 346 fagt Hafan: „Zur gött—
fihen Schrift (ſchwöre ih) und zu den Lehren feines Gejandten,
weil diefe beiden unmwandelbar find. Hierauf huldigten ihm die Leute
und er machte ihnen zur Bedingung, daß fie ibm geboren und
folgen würden (indem er ihnen jaate:) ihr müffet Frieden fchliegen,
mit wem ich Frieden fchliefe und befriegen, die ich befriege. Die
Leute wurden mißtrauijch darüber (über diefes auf Frieden hindeu—
tende Benehmen Hajan's) und fie fagten: (einer zum Andern) diejer
itt fein Herr für euch, der will den Krieg nicht.“ Reiske hat diefe
Stelle unrichtig überfegt und Adler ohne Noth eine andere Lejeart
vorgejchlagen, Auch bei Nawawi ©. 205 heißt ed: Hafan’s Gottes:
furdt und Milde veranlafte ihn, das Chalifat aufzugeben. Ebenjo
bei Bekri: Hafan hatte Feine Luft, gegen Muawia Krieg zu führen,
Ganz falih, mehr nad Reiske's Ueberſetzung, als nah dem Terte
Abulfeda's, fchreibt der Drientalift Flügel: (S. 58) „Als aber der
neue Chalif (Hafan) feine Gläubigen zu unbedingtem Gehorjam
aufforterte und die Bedingung ftellte, daß ihnen Freunde und Feinde
gemeiniam fein müßten, verbargen jene ihre Unruhe nicht, wahr:
fheinlih aus Furcht vor des Hafan Priegerifchen Unternehmungs:
geift, der ihren Meigungen nicht zufagte.”
Hafan und Muawia. 263
durch diefe Neuerung zeigte, dag er wenig Luft babe, feine
Rechte gegen Muawia mit dem Schwert in der Hand geltend
zu machen, jammelten ſich do 40,000 Mann in der Nähe
von Kufa, ein Heer, wie Ali feit der Schlacht von Siffin
feines mehr zufammenzubringen vermochte, und forderten ihn
auf, fie gegen Muawia ing Feld zu führen. Die Zurdt,
von Muawia, welder fchon ein Heer gegen die Grenze von
Irak gefendet, unterjoht zu werden und die Bereinigung
derjenigen, die das Prinzip der Erblichfeit des Imamats
vertbeidigten und nur Als Perſon verdammten mit deffen
bisherigen Anhängern, hatten wahrscheinlich zufammengewirft,
dag diesmal die Irakaner in größerer Anzahl die Waffen
ergriffen, als fie es in den Testen Fahren gethban, Zum
Unglüd für Ali's Geſchlecht war aber Hafan nicht der Mann,
der dieſe plöslihe Kriegsluſt zu benügen verftand. Statt
mit dieſer Armee, in ihrer erſten Entrüftung gegen Ali's
Feinde, Muawia anzugreifen, blieb er Monate lang, wahr
ſcheinlich fhon mit Muawia unterhandelnd, im füniglichen
Palafte zu Madain liegen ) und fendete Keis Jon Saab
D) Schon Adler bemerkt zu Abulfera ©. 346, wo es heißt: Ha:
jan 309 von Kufa aus, um dem Muawia zu begegnen und Fam
nah Madain: »Fateor me hanc geographiam non intelligere quomodo
quis Cufa tendens in Syriam veniat Madainam: Conf. Elmacinus pag. 44
qui plura quidem hac de re quam noster habet, sed adeo perturbata,
ut equidem ea non capiam.« Bet Elmafin lieſt man nämlich auch,
dag Haſan in Madain lagerte und Keis Ibn Saad mit 12,000 Mann
vorausſchickte; dann Fam Muamwia mit den Syrern. (Hier ift fi
ftatt min zu lefen, bei Erpenius unrichtig: Muavias vero contendit in
Syriam). Während Hajan in Madain war, vief Jemand unter den
Truppen aus: Keis Son Saad tt getddtet, fliebet! Da entftand
eine allgemeine Flucht und man ftürmte in Hafan’s Zelt und nahm
ihm alles weg, bis auf den Teppich unter feinen Füßen. (Auch bier
ift der Tert mangelhaft.) Bei Abul Faradj heißt es: Haſan verlief
Kufa um Diuamia entgegenzuziehen, welcher jhon in Masfan in
der Landichaft Kufa gelagert war, Hafan gelangte nah Madain und
feßte Keis Son Saad über feine 12,000 Dann ftarfe Vorpoſten.
264 Fünftes Hauptftüd.
mit 12,000 Mann an die Grenze von Jraf, welche fi), von
der Hauptarmee getrennt, nicht mit den Syrern meffen fonn:
Duamia fegte Beihr Ibn Urtah über feine WVorpoften und es fam
zum Gefechte zwiſchen ihm und Keid, dann zogen fie ſich zurück und
erwarteten Haſan u. f, m.’ Ber Abd AUlmahafin heißt es: „Hafan
zog gegen Muawia, welcher fhon in Maskan, ein Drt in Sraf,
ftand, als er (Hajan) nah Madain gelangte. Er fandte Keis Ibn
Saad mit 12,000 Munn voraus. Auf einmal rief Semand in Mau:
dain aus: Keis ıft getödtet, fliehet! es entitand ein Tumult, man
fing an zu plündern und nahm Hajan den Teppich unter den Füßen
weg, und ein Charıdjite ftieß nach ihm mit feiner Lanze. Murttar
rieth feinem Oheim Saad Son Masud, dem Stuttbalter von Ma:
dain, Haſan gefangen zu nehmen und dem Muawia auszuliefern,
aber Saad wollte feine ſolche Schändlichfeit begehen. Haſan verlor
indeffen das Vertrauen zu feinen Leuten und unterhandelte mit
Muawia.“ Tab. ©. 31 berihtet: „Haſan zog (von jeinen Truppen
dazu aufgefordert) von Kufa nah Madain und jandte Keid Ibn
Suad mit 12,090 Mann voraus an die Grenze von Syrien, wo er
ſechs volle Monate blieb. Haſan felbft blieb aber im Luitichloffe
des weißen Palafted Kosru's. Es war im Alten Sahre der Hidjrah
. . .. (folgen einige Traditionen über die Unterhandlung Mughira's
und Abd Allah’s Ibn Abbas mit Muawia, dann führt er ©. 32
fort:) Als das Heer in Kufa fah, daß Hafan nicht in den Krieg
zieht und daß die Sache von Tag zu Tax fchlimmer ward, trat es
den Rückzug an und empörte fih gegen Haſan. Manche drangen
in fein Zelt ein, plünderten ed aus und verwundeten ihn. Muanta
fam auch mit einem Heere an die Grenze von Syrien und Sraf
und lauerte an einem Orte, welcher Maskar hieß (ſoll wahrjcheinlich
Masfan heigen. Nun folat der ſchon erwähnte Rath Muchtar’s,
dann fährt er fort:) Als Hafan die Treulofigfeit der Irakaner fah
und bedahte, mie fie gegen ihn und feinen Vater verfahren, wen:
dete fih fein Herz von ihnen ab und er ergriff die Flucht. Dann
ſchickte er Muawia einen Gejandten und begehrte Frieden u. f. mw.“
Hier fieht man deutlih, daß Haſan auf feinem Zuge nah Madain
nicht die Abficht hatte, dem Feinde zu begegnen, fondern vielmehr
ihm auszuweichen, und daß er Keis Ibn Saad, welcher mit feiner
Vorhut in Masfan, ein Ort, der auch nah dem Kamus auf dem
Gebiete von Kufa, wahrfcheinlich an der Grenze der ſyriſchen Wüſte,
lag, dem Feinde gegenüber gelagert war, im Stich gelaffen und dies
Haſan und Muawia. 265
ten. Haſan ward, als die Kunde von Keis' Niederlage, den
manche ſogar todt ſagten, nach Madain gelangte, von den
in Unordnung fliehenden Truppen mißhandelt, und dies be—
wog ihn um ſo mehr, ſo bald als möglich und unter jeder
Bedingung mit Muawia Frieden zu ſchließen. Haſan ent—
ſagte allen Anſprüchen auf das Chalifat und forderte nur
volle Begnadigung aller ſeiner Verwandten und Freunde,
5,000,000 Drachmen aus dem Staatsſchatze von Irak und
den Ertrag der Abgaben der perſiſchen Stadt Darabgerd als
lebenslängliche Penſion. Muawia nahm dieſe Bedingungen
veranlaßte den Aufruhr gegen ihn. Daß aber die Araber gern ein
gewiſſes Dunkel über dieſe Geſchichte verbreiten, welche dem gelieb—
ten Enkel ihres Propheten nicht zur Ehre gereicht, iſt leicht begreiflich.
So lieft man aanz furz bei Nawawi: Hafan blieb gegen fieben Mo:
nate Chalife über Hedjas, Jemen, Irak und Choraſan und andre
(Provinzen), dann brach Muamia von Syrien gegen ihn auf. Hafan
zog ihm entgegen, als fie aber einander nahe waren, erfannte er,
daß Feine der beiden Armeen fiegen würde, bevor der aröfte Theil
der andern zu Grunde aegangen, deshalb fandte er zu Muamia und
trug ihm die Herrihaft an u. ſ. w.“ Veral. auch Abul Faradj
©. 192. Um Hajan vollfommen zu rechtfertigen, ward auch wieder
eine Tradition geichmiedet, derzufolge Mohammed einft gejagt haben
foll: „Diefer mein Sohn (Hafan) ift ein Herr, durch den Gott einft
zwei arofe muſelmänniſche Parteien wieder vereinigen wird.“ Na—
wani a. a. D. und Abulfeda ©. 352. Abd Almahafin laßt Hafan
vor Unterzeichnung des Vertrags fagen: „Wir haben in Betreff un-
jerd Kriegs gegen Muamia weder Zweifel noh Neue. Wir haben
in Einiafeit und mit Ausdauer (?) gekämpft, aber Einiafeit hat der
Zmwietraht Plas gemacht und Ausdauer Pleinliber Verzagtheit. Auf
dem Zuge nad Siffin ftand der Glaube höher als weltliche Inte:
reifen, jest find Lestere in den Vordergrund getreten. Shr befindet
euch jetzt zwifchen zmeierfei Gefallenen, zmifchen denen auf dem
Schlachtfelde von Siffin, die ihr beweinet, und denen von Wahraman,
die ihr rächen möchtet. Muamia bat uns Vorſchläge gemadt, die
nicht ebrenvoll, wollt ihr fterben, fo möge Gott und das Echwerdt
entiheiden, ztebt ihr aber das Leben vor, fo müſſen wir fie anneh—
men. Da riefen viele: ſchone unjer Leben!” Diefe Rede jollte au
wieder auf Koften feiner Truppen die Feigheit von ihm abmälzen.
266 Fünftes Hauptſtück.
um fo eher an, als er vor der Ankunft dieſes Gefandten
ſchon Abd Allah Ibn Amir nah Madain gefchict hatte, um
Hafan aufzufordern, auf die Herrfchaft zu verzichten, mit der
Berfiherung, dag ihm Alles gewährt werden follte, was er
als ilnterthan verlangen würde. Als der Vertrag, troß der
Einfprache Hufein’s, Hafan’s jüngeren Bruders, welcher die
Fortfegung des Krieges verlangte, unterzeichnet war, ward
Keis mit feinen Truppen zurüdgerufen und Muawia zog an
der Spige feines Heeres in Kufa ein, wo ihm niemand mehr
die Huldigung zu verfagen wagte. Auf den Rath Amru’s,
welcher Muawia nad Rufa begleitet haben foll, mußte Hafan
Öffentlich abdanfen, doch Tieß ihn Muawia nicht ausreden,
weil er feinen Rücktritt nicht als Folge der Ueberzeugung von
feines Gegners Recht darftellte, fondern bloß erklärte, daß er
wegen der von den Frafanern erfahrenen Mißhandlungen der
Herrfhaft überdrüffig fer und ohnehin fi) auch gerne Mua—
wia unterwerfe, um weiteres Blutvergießen zu verhindern.
„Uebrigens,“ fol er noch hinzugeſetzt haben, „ift jeder Herr:
fhaft nur eine beftimmte Dauer angewiefen, und die Welt
dem Wechfel unterworfen, auch hat Gott zu feinem Propheten
gefagt: ih weiß nicht, ob fie (die Welt) euch nicht zur Ver—
fuhung gegeben und zur Benützung bis zu einer gewiffen
Zeit Y.“ Ueber die Dauer von Haſan's Widerftand weichen
die Traditionen yon einander ab. Manche fegen Muawia’s
Einzug in Kufa gegen das Ende des Monats Rabia Awwal
des 3. 41°), Andere erft einen oder zwei Monate fpäter.
1) Elmafin ©. 45. Abulfaradj a. a. O. Bei Tab. ©. 3% ift
von Letzterm Feine Rede, fondern bloß von der Treulofigfeit der
Srafaner.
2) Ende Suli 661. Wahrfcheinlich aber erft gegen Mitte Sep:
tember. Der Monat Rabia Ammal ward viellerht nur deshalb an-
genommen, um die angeblihe Weiffagung Mohammed’s von einem
30 jährigen Shalifate, das mit Hafan’s Abdanfung enden follte, voll:
ftändiger zu erfüllen, weil auh Mohammed im Rabin Awwal ge:
Hafan und Muawia, 267
Nach der Abdanfung z0g fi Hafan nad Medina zurüd,
wo er fih durch Frömmigkeit und befonders durch eine in
Verſchwendung übergegangene Wohlthätigkeit auszeichnete,
Obgleich aber Muawia von diefer Seite her nicht den
mindeften Widerftand mehr fand, weshalb es auch unwahr-
ſcheinlich iſt, daß er ihn vergiften ließ U), Hatte er Doch noch
ftorben. Lag Hafan wirklich fehs Monate in Madain, wie Tab.
berichtet, fo ift erfteres Datum offenbar falih, da ja dann feine
ganze Regierung nur ſechs Monate gedauert hätte. Sch weiß nicht,
warum Abulfeda ©. 348, und nah ihm Flügel ©. 59 annehmen,
das Haſan's Herrichaft im eritern Falle nur 5% Monate gedauert,
da doc, jelbft wenn man Ali's Tod auf den Ziten Ramadhan ſetzt,
noch immer bis zum 25ten Rabia Awwal des folgenden Jahres ſechs
Monate bleiben. Nawawi ©. 206. Elmakin S. 45. Abd Alma:
hafin, Chamis und Masudt f. 217 nennen alle den 25ten Rabia
Awwal. Abulfeda nennt freilich den Tag nicht, wahrſcheinlich weil
er die 30 Sahre des Chalıfats bis auf den Tag heraus bringen will
und darum der 12te Rabia Umwal angenommen werden muß. Abul
Faradj ©. 195 gibt Haſan's Chalifat nur eine Dauer von 5 Mo:
naten. Ein Seitenſtück zu den ſchon angeführten Traditionen von
der Weiſſagung Mohammed’s in Betreff der Dauer des Chalifats
und der Vereinigung der Mujelmänner durch Hafan, bildet eine
dritte, welbe Tab. ©. 33 anführt: „Der Grund, warum Muamia
gegen Ali wegen des Chalifuts Krieg führte, war, daß der Gejandte
Gottes ihm einst gejagt hatte: „Muawia, du mirft noch König wer:
den.“ Gr mußte aber nicht, daß dies erſt nah Ali's Tod und Ha:
fan’s Abdanfung eintreffen folltee Darum weinte er auch und be-
reute, was er gethan, als er von Ali's Tod Kunde erhielt.“
1) Rah Tab. ©. 33 lief Jezid Haſan's Gattin Asma, Tochter
des Aſchath Ibn Keis, fagen, er würde fie zur Frau nehmen, wenn
fie Hafan auf irgend eine Weile aus der Welt jchaffen wollte. Sie
‚erwiederte: mie kann ich das? Zezid fandte ihr ein vergiftetes
Handtuh und ließ ihr jagen: wenn fih Hajan dir nähert, io gib
hm dieſes Tuch, daß er fich damit abtrocdne, fo werden wir zum
Ziele gelangen. Asma bewahrte das Tuh auf und gab ed Haſan,
ald er eines Tages fie umarmt hatte, und ſobald er fi damit ab-
trodnete, drang das Gift in feinen Körper und födtete ihn, Nach
einer andern Tradition reichte fie ihm ein giftiges Getränfe, an
268 Fünftes Hauptftüd.
viele Kämpfe gegen diejenigen Männer zu beitehen, welche
die Heiligkeit und Erblichfeit des Imamats oder der geiftlichen
dem er ftarb. Auch wird erzählt: Jezid verſprach Hafan’s Gattin
10,000 Silberftüde und zehn Dörfer in Sraf zu fchenfen und jie
zu heirathen... Als fie aber nah Hafan’d Tod zu Zezid nad Da-
mast fam, jagte Muamia: wenn du ed vermochteit, einen Tochter:
ſohn des Propheten zu verrathen, welhe Treue kann mein Cohn
von dir erwarten? es wäre noch zu viel für dich, wenn man dich
nur am Leben liege. Er gab hierauf den Befehl, fie binzurichten.
Died war im Monat Schaban des 42ten Sahres.“ (Lestere Jahres—
zahl kann nur von einem Schreibfehler herrühren, denn Tab. felbft
bemerft, daß Haan in einem Alter von 46 Jahren ftarb und feine
Geburt fällt in das Ste 3: 2.9) Nah Masudi F 216 hie Ha-
fan’8 Gattin Djada. Muamia gibt ihr die verjprochene Summe
und faat: das Leben Jezid's ift mir theuer, fonft würde ich auch
das andere Verfpreben halten. Bei Befri lieft man: „Hafan ftarb
im NRabia Awwal d. J. 50, nah Wafıdvi im J. 49, nach Andern
ftarb er im $. 46 an Gift, das ihm feine Gattin reihte. Nawawi
©. 205 führt auh noch eine Tradition an, derzufolge er erjt im
3. 51 ftarb. Auch Abulfeda S. 350 berichtet, daß einige behaupten,
Hafan fer auf Muawia's Anftiften vergiftet worden, Andere auf Se:
zid’8 Anftiften. Ber Elmakin heißt es: (S. 47) „man faat, Hafan
ward auf Befehl Muamia’s von feiner Gattin vergiftet, Andere
fagen: Muamwia beftad; einen von Haſan's Dienern, der ihm Gift
zu trinfen gab.“ Sch alaube, daß ſchon die Verſchiedenheit dieſer
Traditionen auf ihre Grundfofigfeit hinmeift und fie zu einer der
vielen Verläumdungen ftempelt, welche die Feinde der Omejjaden
Muamia aufbürden. Diefe Suge mochte audh noch darum erdichtet
worden fein, damit auch Hajan, wie feinem Großvater Mohammed
und dem Chulifen Abu Bekr (?2) die Ehre eines Mürtyrertodeg zu
Theil werde. Was fonnte Muamia von einem Manne wie Haan,
der nah allen Berichten ruhig in Medina lebte und feine Zeit zwi—
fhen Gott und feinem überfüllten Harem theilte, fürchten? Hufein,
auf den die Rechte feines Bruders, wenn er deren noc hatte, über:
gingen, war doc jedenfalls, wie wir in der Folge fehen werden,
viel gefährlicher als Haſan, der feit feiner Abdanfung felbft von den
eifriaften Schiiten verfpottet und verabicheut ward. Nawawi
©. 206 fagt freilih: Hafan babe, als er mit Muawia Frieden jchloß,
unter Andern auch die Bedingung gefegt, er follte einft fein Nach—
Muawia. 269
Würde vertheidigten, und auch jest noch, troß ihrer Verach—
tung gegen den weichlihen Haſan, doch immer noch fich weis
gerten, Muawia als Chalifen anzuerfennen. Noch ehe er
nad Syrien zurüdfehrte, vernahm er, daß fi) 5000 Eharid-
jiten in Ahwas zufammengerottet. In Baßra brach aud eine
Empörung aus, an deren Spitze Hamran Jon Aban und bie
drei Söhne Zijad's, Ali's Stattbalters von Perſien, ftanden,
Zijad felbft verweigerte den Gehorfam und nahm eine fefte
Stellung in Iſtachr ein. Befhr Jon Urtah, den Muamwia
zum Statthalter von Baßra ernannte, trieb die Nebellen zu
Paaren und nahm Zijad's Söhne gefangen; fie wurden jedoch
durch ‚die Fürbitte ihres Oheims Abu Befrah, eines Freige-
laffenen des Propheten, begnadigt I. Zijad felbit, einer der
liſtigſten und gefährlichften Menfchen feiner Zeit, derfelbe, der
unter Dmar fein Zeugniß gegen Mughira Ibn Schu’ba zus»
rüfgenommen, oder wenigftens auf eine Weife abgelegt, daß
er nicht verurtbeilt werden fonnte, flößte aber Muawia die
größten Beforgniffe ein 2). Er berieth fih daher mit dem
folger werden. Aber von diejfer Bedingung fohmeigen die meiften
andern ältern Quellen und felbft Tabari, welcher (cod Berol. T. XD.
f. 197) den Chalifen Manßur fagen läßt, Muawia habe Hafan die
Nachfolge verſprochen, jagt doch ausdrücklich, dag diejer einen natüre
liben Tod geftorben. Webrigens iſt es unmahricheinlih, daß Hafan
eine folbe Bedinaung ftellte und noch unglaublicher, daß Muawia
fie gewährte. Und warum bätte Muamwia gerade fieben oder act
Sabre nah Hajan’s Abdanfung und, wie wir in der Folge fehen
werden, eben jo lang vor Jezid's Ernennung zum Nucfolger, ihn
vergiften laffen jollen, wenn er allein ihm im Wege ftand? Sft
aber Haſan's Vergiftung erdichtet, fo dürfte wohl aub Muawia's
Schadenfreude und die darauf bezüglichen Verfe bei Abulfeda und
Elmafin in’s Reich der Phantafie zu verjegen fein.
1) Tab. ©. 33. Auch Abd Almadafin fpriht von mehreren Ber:
ſuchen der Charidjiten, Muamia zu ftürzen, auch erzählt er von Ge—
fangenen, die fih lieber zum Tode verurtheilen liegen, als Muamia
als rechtmäßigen Chalifen anzuerfennen.
2) Abd Amahafin erzäylt: „Muawia fragte einft Amru: wer
270 Fünftes Hauptftüd.
nicht minder ſchlauen Mughira Ibn Schubah, den er zum
Statthalter von Kufa ernannt D. Diefer erbot fih, auf die
zwijchen ihm und Zijad beftebende Freundfchaft vertrauend,
ſich felbjt zu ihm zu begeben, um ihn zur Unterwerfung zu
bewegen, verlangte hingegen vom Chalifen nicht nur volle
Begnadigung für ihn, fondern auch die Zuficherung, Daß er
über feine Verwaltung in Perſien feine Rechenschaft abzulegen
und die im Staatsſchatze fehlenden Summen nidt zurüd zu
erftatten braude. Da Muawia gerne Alles zugeftand, um
den einzigen Mann, der ihn noch beunrubigte, zu gewinnen,
reifte Mughira nad Perfien und bradte Zifad als Unterthan
Muawia’s nad) Damasf ) Muawia überzeugte fich bald,
daß er die Ergebenbeit Zijad's nicht zu theuer erfauft, denn
er fand in ihm einen zuverläfligen Rathgeber in den fchwie-
rigften Berhältniffen. Muawia ging daher aud mit dem
Gedanfen um, ihm den ſchwierigſten Poſten im ganzen Reiche
anzuvertrauen, Dies war unftreitig die Statthalterihaft von
Baßra, wegen der Umtriebe der Charidjiten in der Stadt
ſelbſt und den angrenzenden Perfifhen Provinzen, und wegen
ift die Menſchheit? Amru antwortete: ich, du, Mughira und Zijad.
Sch durch meine glüklihen Ginfälle und Geiftesgegenmwart, du durch
deine Bejonnenheit und dein reifes Urtheil, Mughira ift ein Mann,
der es veriteht, große Noth abzuwenden, und Zijad iſt für Klein
und für Groß zu gebrauchen.“ An einer andern Stelle heißt es:
Dmar war der bejte Koranlefer und Gefegfundige, Talha der Frei-
gebiafte, Muamia der Mildelte, Amru der Beredtefte, Mugbira der
Liftigfte, der wußte durch feine Lift acht There zumal zu öffnen.
1) Er hatte vorher Abd Allah, den Sohn Amru’s, als Statt:
halter nah Kufa gejchieft, aber Mughira ſagte ihm: es fei gefährlich,
dem Vater Egypten und dem Sohne Kufa anzuvertrauen. Abd Al:
mahafin.
2) Abulfeda S. 360 und ausführlicher bei Tab. ©. 83 u. 84,
wo ausdrüclich erwähnt wird, daß Zijad eigentli nur darum ſich
gegen Muamia empört hatte, weil er gewiſſe Summen, die er in
Perſien eingezogen, nah Damask ſchicken ſollte.
Muawia. 271
der Nähe der nicht minder ftets zum Aufruhr geneigten Stadt
Kufa, welche Mughira allein nicht mehr recht im Zaume zu
balten vermochte ). Um indeffen Zijads Anfehen noch zu
vermebren, welcyer der Sohn einer Sklavin war, vielleicht
auch um ihn zu feinem Nachfolger zu ftempeln, abpoptirte
er ihn, zum Aerger aller frommen Mufelmänner, als feinen
päterlihen Bruder, fo dag er von nun an Zijad Ibn Abu
Sofian genannt ward 7).
1) Mughira, beißt es bei Tab. ©. 34, war fehr mild und
fümmerte ſich nicht fehr um den Zuftand des Volkes, er gab es zu,
dag viele von Nahraman entflohene Charidjiten fih in Kufa nieder:
liegen. Zijad empfahl ihm Strenge gegen dieje Leute, da jener
fih aber nicht daran Ffehrte, ging er zu Muawia und fagte ihm,
das Mughira’s Nachſicht gegen die Charidjiten in Kufa zu Unruhen
führen müßte, Dies traf auch in der That ein. Gegen 5000 Mann
fammelten fih unter Maftur Son Akil und durchzogen, Aufruhr
- predigend, das Gebiet von Moßul und Ahwas, fo dag Mikal Son
Keis ein ganzes Sahr brauchte, um ihrer Meifter zu werden,
2) Ob Zijad mwirflih ein natürliher Sohn Abu Softans war,
oder ob ihn Muamia nur aus Politik dazu machen wollte, ift ſchwer
zu ermitteln. Nah Abulfeda ©. 360 bezeugte ein Weinhändler aus
Taif, dag Abu Sofian die Sklavin Sumejja, Zijads Mutter, be:
fhlafen. Nach Tab. ©. 35 mar Sumejja (oder, wie er fie nennt,
Humejja) eine Sklavin Hinds, der Gattin Abu Sofiand.. Abu So:
fian verkaufte fie, als fie ſchwanger ward, aus Furt vor Hind.
Sumejja behauptete indeifen, als fie einen Sohn gebar, welcher Abu
Sofian fehr ähnlich war, er jei von Abu Sofian. Diefer läugnete aber die
Vaterſchaft aus Furcht vor Hind. Zijud wuchs aljo ald Sohn einer
Sklavin heran und Muawia nahm fich feiner, aus Schonung für
feine Mutter, nicht an und als er ihn endlich als Bruder adoptirte,
war fein Sohn Sezid fehr böfe darüber.” Da, wie wir in der Kolge
zeigen werden, Zijad von Muamwia als fein Nachfolger auserjehen
war, was ihm vielleiht aub von Muawia durch Mughira, noch
vor feiner Unterwerfung, verheißen ward, jo glauben wir, daß wirk—
ih Zijad Muawia's natürlicher Bruder war. Gegen das Gefek
war Muamwia’d Handlung, weil dem Koran zufolge das von einer
Sflavin geborene Kind, felbft wenn ed von einem Andern gezeugt
worden, doc ftet3 ihrem Herrn gehört, das heißt dem, welcher die
Sklavin bejist zur Zeit der Geburt des Kindes,
27 Fünftes Hauptſtück.
As Zifad im Jahre 45 der Hidjrah nah Baßra
fam, herrſchte dafelbft die größte Gefeßlofigfeit. Es wur—
den nicht nur die refigiöfen Borfohriften der Mohammeda—
ner öffentlich übertreten, fondern auh Raub und Dieb-
ftahl und Gewaltthaten jeder Art waren unter Abd Allah
Fon Amir und Harith Ibn Abd Allah, feinen beiden Vor—
sängern, ungeahndet geblieben. Zifad, welchen fpäter der
graufame Haddjadj zum Mufter nahm, führte zuerft, dem
Koran zum Hohne, die deſpotiſche Willkühr und dietatorifche
Gerichtsbarfeit ein, welche bis auf die neuefte Zeit auf den
mohammebanifchen Bölfern bald mit mehr bald mit weniger
Härte laftete. Sobald die Sonne unterging, durfte niemand
mehr fein Haus verlaffen T), der geringfte Verdacht genügte,
um einen Menfchen zum Tode zu verurtherlen. Die Strafe
traf nicht den Verbrecher allein, fondern auch feine Freunde
und Verwandten mußten mit ihm, oder wenn er fih der
Strafe entzog, für ihn büßen. Wer bei irgend einem Borz
falle feine Stammgenoffen zu Hülfe rief, dem ward augen-
blieklich die Zunge ausgefchnitten ?). Auf diefelbe Weiſe ver-
fuhr er nad Deughiras Tod (3. 50 d. 9.) in Kufa, wo
er nunmehr abwehfelnd fehs Monate im Jahr vefidirte, und
in feiner Abwefenbeit führte Sumra Ibn Djundub die Zucht—
ruthe mit gleicher Härte, Er hatte ftets 4000 Mann bei
1) Abd Almahafin und Tab. ©. 36. Einft ward ein Beduine
in der Nacht auf dem Bazar gefunden, welcher faate: ich bin fremd
und Eenne eure Verordnungen nicht, ich bin eben erſt mit einer
Heerde Schaafe gefommen, um fie morgen früh zu verkaufen. Zijad
erwiederte darauf: ich glaube, dag du wahr iprichit, Doch kann ich
um deinetmwillen nicht meine polizeilihen Maßregeln übertreten laſſen,
und gab den Befehl, ihm zu tödten,
2) Abd Almahafin. Diefer Nothruf, eine Art „Burſch heraus“
der heicnifben Araber, ward fchon von Mohammed verboten und
konnte auch neben der Herrichaft der Gefege nicht geduldet werden;
aber erft Zijud wußte dieſem Verbote Achtung zu verjchaffen-
Muawia. 273
fih, von denen ein Theil feine Perfon bewachte und ein an-
derer die öffentliche und geheime Polizei handhabte 1). Als
er einft in Kufa, während er die Kanzelvede hielt, verhöhnt
und mit Steinen geworfen ward, rief er feine ZTrabanten
berbei und ließ die Thore der Moſchee fchliegen. Er felbft
fegte fich vor das Hauptthor, umgeben von feiner Yeibwache,
mit gezüdtem Schwerte. Wer in der Mofchee war, mußte
jest an ihm vorüberziehen und bei Gott ſchwören, daß er
ihn weder verhöhnt, noch mit Steinen geworfen und wer
nur einen Augenblick zögerte, dem ward fogleih der Kopf
abgefchlagen ?). Ein andersmal hörte er, wie einige Ira—
faner Ali lobten, welchen er und andere Statthalter Mua—
wia’s noch im Grabe verfluchten. Sie wurden ergriffen und
in Ketten nach Damasf geſchickt, wo Muawia alle diejenigen
binrichten ließ, für die feiner ihrer Stammgenoffen Fürbitte
einlegte 3). So brachte es freilich Zijad, welcher nad und
nad aud) die Dberherrfchaft über ganz Perfien erhielt, dahin,
alle ihm untergebenen Provinzen ſowohl von politifhen als
1) Tab. ©. 36.
2) Abd Almahafın und Tab. a. a. D.: Er hörte in Baßra, daß
es in Kufa unruhig zuging, da brach er mit 2000 Mann gegen Kufa
auf, lieg das Volk verfammeln und beftieg die Kanzel. Sm Luufe
der Rede fagte er: ich wollte mit vielen Truppen bierherziehen, ich
vernahm aber, daß die Empörung fchon gedämpft, und ihr wieder
zur Ruhe zurücdgefehrt, darum nahm ich nur mein Gefolge und
die Leute aus meinem Haufe mit. Bei diefen Worten riefen manche
aus dem Bolfe: Diefer Sohn Humejja’s Ceiner Sklavin) hatte
geitern Faum über fünf oder ſechs Perjonen zu gebieten, wie kömmt
er Dazu, jest 2000 Mann als feine Angehörigen zu nennen? So
verjpotteten ihn Manche, während andere Steine nah ihm warfen
u. f. w. Gegen achtzig Menſchen mußten ihren Frevel mit dem
Tode büßen, oder (nah Abd Almahafin) wurde die rechte Hand ab-
gehauen.
3) Abulfeda ©. 361 und Abd Almahafin. Lesterer fest die Hin-
rihtung Hudjr's Ibn Adij, des Angefehenften unter diefen Wer:
ehrern Ali's, in das Sahr 51 d. 9,
18
274 Fünftes Hauptſtück.
von andern DVerbrechern zu fäubern. Er wachte dermaßen
durch feine unerbittlihe Strenge für die Sicherheit feiner
Unterthanen, daß niemand mehr des Nachts feine Thüre zu
fchliegen für nöthig erachtet. Er fol fogar die Verantworts
Yichfeit für jedes verlorene Gut übernommen haben ), von
den Grenzen Indiens bis an den Euphrat und fpäter fogar
bis an das rothe Meer, denn furz vor feinem Tode (J. 53
der 9.) ward auch noch ganz Arabien, mit den heiligen
Städten Meffa und Medina, unter feinen Oberbefehl ger
ftellt 2), woraus fi ebenfalls vermuthen läßt, daß ihn
1) Tab. ©. 36 u. 37. Auch bei Elmafin ©. 47 heißt es: wenn
jemand etwas fallen ließ, fo hob es nur der auf, dem es gehörte,
wofür freilich die lateinifche Weberfegung lautet: »malum certe pro=
sterneret eum qui id ferebat, nec vituperaret eum nisi amicus ejus. «
2) Sm Sahr 53 d. 9. fandte Zijad einen Boten an Muamwia
und ließ ihm fagen: Die Herrihaft, die du mir anvertraut, be:
fchäftigt meine rechte Hand, noch iſt aber meine linfe frei, wenn
der Fürft der Gläubigen mir auch noch Mekka und Medina übers
geben will, fo wird dadurch einer meiner Wünfche erfüllt. Mua:
mia gewährte ihm dies, ader nad ſechs Monaten, im Ramadhan
dv. J. 53, (Auguft 673) ftarb Zijad an einem Prebsartigen Uebel, das
an den Fingern begann und nad mufelmänniicher Sage ihn zur
Zeit traf, als er die Hereichaft von Hedjas verlangte und Abd Allah
Son Omar in Mekka ausrief: „Gott bewahre und vor der andern
Hand Zijad's!“ Die Aerzte rietben ihm zur Amputation, aber der
Mann, welber Taufende, auf den gerinaften Verdacht hin, ohne
Gewiſſensbiſſe hinrichten ließ, ſchickte zu dem Kadhi Schureih, um
zu wiſſen, ob eine ſolche Operation geſetzlich erlaubt. Schureich
antwortete: „Gottes Güte gegen dich hat ein beſtimmtes Maaß und
dein Leben ein feftaefentes Ziel. Sollft du noch länger leben, fo
möchte ich dich nicht ohne Arm fehen, ift deine Todesftunde gekom—
men, jo möchte ich nicht, daß wenn du nach deinem Arme gefragt
wirft, du antworten müßteft: ich habe ihn verloren, weil ich dir
noch nıcht begegnen und deiner Beftimmung ausweichen wollte.‘
Als Zıjad ftarb, machten feine Feinde dem Kadhi Vorwürfe, daß
er ihn nicht habe ohne Hand vor das Gericht geſchickt. Er ant:
mwortete aber: Zijad hat mich um Rath gefragt, meine Pflicht war,
Muawia. 275
Munwia zu feinem Nachfolger, oder wenigftens zum Mit-
vegenten Jezids beftimmt hatte, Erſt nach Zijads Tod 7)
ihm aufrichtig zu rathen, fonft hätte ich allerdings gewünſcht, daß
man ihm heute eine Hand abfchneide, morgen einen Fuß, und fo
jeden Tag ein anderes Glied. Son Challifan I. 621.
1) Nach Abulfeda S. 372 im Sahre 56 d. 9. Nah Masudi
f. 226 erft im Sahr 59. Nah Tab. ©. 38 aud im Sahr 56, drei
Sahre nah Zijad’8 Tod. Derfelbe bemerkt auch ausdrücklich, und
dies beitärft mich in meiner Vermuthung, dag Zijad fih Hoffnung
machte, eint Muawia’s Nachfolger zu werden, daf Zijad ftetg gegen
die Ernennung Jezid's zum Thronfolger fih ausſprach, und als
Sezid ihn darüber zur Rede ftellte, ihm fagte: es iſt bejfer, dein
Vater wartet noch, bis deine Leidenfchaften gedämpft find und du einen
ernftern und bejjern Rebenswandel führft. Auch ©. 35 Ichreibt Tab.
Als Abd Allah Ibn Amir nac feiner Entfegung von der Statthal—
terihaft von Baßra nah Damasf kam, fchloß er ein Freundfchafte-
bündnig mit Sezid und diefer war ein Feind Zijad's. Abd
Allah Ihn Amir nannte Zijad (welcher an feiner Entjegung fchuld
war) Zijad Sohn Humejja’s, und ald Jezid ıhm fragte, warum er
ihn nicht auch Sohn Abu Softans nenne, fagte er: ich will hundert
‚Zeugen beibringen, welche bemweijen, daß er nicht Abu Goftan’d
Sohn. Sezid ging hierauf zu feinem Water und beflagte ſich bei
ihm (über die Adoption Zijad’s) worauf Muawia Abd Allah Ibn
Amir nicht mehr vor fih ließ, bis Zezid Fürbitte für ihn einlepte
und er fi bei Zijad entjchuldigte. Auch Abd Al Mahaftn fest die
Ernennung Jezid's zum Thronfolger in das Jahr 56; bemerkt jedoch,
dag Mughira zuerft auf diefen Gedanken gefommen und für die
Beiftimmung der Kufaner bürgte, auch beitah er einige KRufaner,
welche nadı Damasf reiften, um Muamia zu bitten, aus Liebe und
Fürforge für feine Unterthanen, ihnen Se,id zum Machfolger zu
beffimmen. Muawia merfte aber wohl, daß diefe Leute von Mug—
hira bezahlt waren, welcher fürchtete, feine Statthalterfchaft zu ver:
lieren. Er befahl ihnen die Sache geheim zu halten und beſprach
ſich darüber mit Zijad. Diefer rieth aber, lieber noch zu warten,
bis Sezid populärer geworden und durch feine Jagden und Sauf—
gelage fein Aergernig mehr gäbe. Nur Ibn Athir, welhem auch
Elmafın ©. 48 folgt, fest die Erhebung Jezid's zum Nachfolger
in das Sahr 50, aus dem einzigen Grunde, weil au Abd Errah—
man, der Sohn Abu Beer’, unter den Opponenten in Medina
18*
276 Fünftes Hauptftüd,
mußte Muawia, fowohl um die Herrfchaft feiner Famile zu
erhalten, als um neuem Bürgerfriege vorzubeugen, fi ernſt—
lich mit der Erbfolgeangelegenheit befchäftigen und Alles auf-
bieten, um noch bei feinem Leben das Chalifat feinem Sohne
zu fihern, dem er früher, wegen feiner Sittenlofigfeit viel
leicht gerne feinen natürlichen Bruder vorzog, oder wenig-
ſtens als Neichsverwefer an die Seite ftellte. Die Ausfüh-
rung diefes Planes war aber auch jetzt, wo man längft an
blinden Gehorſam gegen den Chalifen gewöhnt war, noch
ſehr Schwierig. War doc felbft Alt von der Mehrzahl der
Araber verlaffen worden, weil fie von einer erblichen Mops
narchie nichts willen wollten, wie konnte Muawia erwarten,
bag man feinem Sohne Jezid unbedingt huldigen würde, der
durch fein Teichtfinniges, erlaubten und verbotenen Vergnügun—
gen und Zerftreuungen hingegebenes Leben als ein Ungläubiger
verfhrien war? Darum brauchte Muawia, felbft nad) Zijads
Zod, noch mehrere Jahre, um das Volk durch die einfluß-
reichiten Männer, die auf jede Weile beftochen wurden, zu
bearbeiten. Erft im Jahre 56, nach Einigen fogar erft im
Sabre 59 trat Muawia mit feinem Plane öffentlich auf, oder
vielmehr ließ er Dhahhak Ibn Keis öffentlich in der Mofchee
den Wunfh aussprechen, daß, um nad des Chalifen Tod
neuen Bürgerfriegen vorzubeugen, wie fie nad) der Ermor—
bung Othmans ftatt gefunden, Jezid noch beim Leben feines
Baters zu feinem Nachfolger ernannt und ihm gehuldigt wer—
den möchte, In Syrien war allerdings der Widerftand nicht
ſehr groß, theils weil ſchon längſt ale Freiheit und Unab-
hängigfeit aus diefem Lande verbannt war, theils weil bier
genannt wird, und diefer fchon im Jahr 58 geftorben iſt. Sndefjen
find die Traditionen über das Todesiahr Abd Errahman's von
einander abweichend, da munce Das Suhr 55 oder 56 annehmen,
und andere fogar erft das Jahr 58, in welchem auch feine Schmefter
Aiſcha, die Gattin Mohammed's, ftard. ©. Nawawi ©. 378, Abul-
feda ©. 374 und Glmafin ©. 48.
Muawia. 277
der Fanatisınus und die Anbänglichfeit an alten Gebräuchen
und Vorſchriften des Propheten und der erſten Chalifen
ſchwächer war, befonders aber auch weil bier die Verwandten
und Greaturen Muawias am zablreichften waren. In Aras
bien bingegen war Die Stimmung dermaßen gegen Jezid, daß
felbft Merwan Ibn Hafam, der ehemalige Minifter Othmans,
jest Statthalter von Medina, nah Damasf reifte, um Mua—
wia von diefem gefährlichen Schritte abzurathen, und Diefer
fpäter genötbigt war, an Merwans Stelle den fügfameren
Welid Jon Diba zu ernennen D. Auch die Irakaner Sprachen
fih gegen Jezid aus, obgleih ihr dermaliger Statthalter
Ubeid Alleh, ein Sohn Zijads, unter ihnen nicht weniger
gefürchtet war, “als früher fein Vater. Ahnaf Fon Keig,
‚einer der angefebenften Männer Baßras 2), der fih, wie
—
ID) Masudi f. 226. Ber Abd U Mahaſin heißt es: Merwan
fhried an Muawia, daß die Medinenfer dies als eine Faijerliche
Sitte verdammten. Derjelbe berichtet aub, Daß Merwan durch
Koransverfe die Erblichkeit des Thalifats beweifen wollte, daß aber
Aiſcha ihm fagte: „Du lügft, du Abfommling eines vom Propheten
Berfluhten, im Koran ftent nichts davon.” Ber Tab. ©. 38: ant:
mwortet Muamia dem Merwan: er möge nur warten, bis er felbft
nah Medina fomme und ©. 39 wird dann berichtet, dab Muamia,
als er Medina verließ, Merwan mit nahm und die Statthalterfchaft
von Medina dem Welid Sbn Abu Sofian gab, mit der Weijung,
die Rebellen zu züctigen. Statt Welid Son Abu Softan ift offen-
bar Son Diba Son Abu Sofian zu lefen. H. Quatremere erwähnt
in feiner vortrefflihen Biographie des Abd Allah Ibn Zubeir (nouv.
journal asiatique T. IX.) nichts von der Entjekung Merwan’s unter
Muamia, jondern jchreibt noch ausdrüdlih (S. 319) »ä peine Moa-
wiah avait il ferme les yeux que Jezid ,.. nomma au gouvernement
de Medine. son cousin Welid ben Atabah, ä la place de Merwan ben
Hakam, qui avait jusqu’ alors exerce les fonctions.«
2) Ahnaf ift nur eın Beiname, welcher „der Krummfüßige“
bedeutet, jein Name war Dhahbaf, darf aber nicht mit dem andern
Dhabhak Son Keis verwechfelt werden, welcher einer der eraebenften
Feldherrn Muawia's mar. Jener war Oberhaupt der Tenu Tamım,
die er zum Islam beredete und hielt es in der Schlacht von Siffin
278 Fünftes Hauptſtück.
oben erwähnt, rühmlich in dem Feldzuge gegen die Perſer
ausgezeichnet, wagte es, als Muawia ihn um Rath fragte,
ihm zu antworten: „Wir fürchten deine Strafe, wenn wir
wahr ſprechen, und die Gottes, wenn wir lügen. Du kennſt
deinen Sohn Jezid beſſer als wir, weißt, wie er öffentlich
und im Geheimen lebte und ſein ganzer Wandel liegt offen
vor dir. Hältſt du es für recht und deinem Volke heilſam,
ihn zu deinem Nachfolger zu beſtimmen, ſo bedarfſt du unſeres
Rathes nicht, wo nicht, ſo mache ihn nicht zum Herrn dieſer
Welt, während du in eine andere übergehft Y.“ Muawia
gab aber allen Gegenvorftellungen fein Gehör. Die wandel-
baren und feigen Jrafaner wurden theils durch Beftechung,
theils durch Gewalt zur Huldigung genöthigt. Dann zog er
felbft an der Spite eines Fleinen, aber zuverläffigen Heeres,
gegen Arabien, wo bejonders vier Männer an der Spitze
der Oppofition ftanden 2). Diefe waren: Hufein, der Sohn
mit Ali. Als er fpäter einmal vor Muamia erfchien, fagte ihm
diefer: Bei Gott! ich werde bis zum Tage des Gerichts nie an die
Schlacht von Siffin denken, ohne daß mein Herz vor Schmerz ent:
brenne. Darauf antwortete Al Ahnaf: Ber Gott, wir haben nod)
in unferm Innern das Herz, das dich verabfcheut, noch tragen wir
in unferer Scheide das Schwerdt, mit dem wir gegen dic gefämpft,
fehreiteft du einen Daumenbreit vorwärts gegen den Krieg, fo machen
wir einen ganzen Schritt, und ziehft du gemejfenen Ganges in die
Schlacht, fo werden wir dir rafhen Scrittes begegnen. Muamia
ward dann von feiner Schweſter, welche diefe Unterredung hinter
einem Borhang mit angehört, gefragt, welcher Mann es gewagt,
folhe Drohungen auszuſtoßen? Muamia antwortete, es ift ein Mann,
deffen Zorn von hunderttaufend Kriegern aus dem Stamme Tamim
getheilt wird, ohne daß fie ihn fragen, was ihn aufgebradt. ©.
Ibn Khallican’s biographical dietionary by Mac Guckin de Slane Vol. I.
p- 636.
1) Ibn Khallican a. a. D. und ausführlicher bei Abd Almahafin.
2) Auch Saad, der Sohn des Chalifen Othman, wollte, als er
son dem Widerftande diefer Männer hörte, jeine Huldigung zurüd:
nehmen, aber Muamia befhmwichtigte ihm dadurch, daß er ihm die
Muawia. 279
Als, Abd Allah, der Sohn Zubeir's, Abd Errahman, der
Sohn Abu Bekr's und Abd Allah, der Sohn Omar's ). Ag
Piuawian nad Medina gelangte, zogen fie fih, Gewalt fürch—
tend, nach der heiligen, Sicherheit gewährenden Stadt Meffa
zurüf 2). In Meffa fuchte Muawiag zuerft durch Ueberredung
Statthalterfchaft von Chorafan verlieh, die er ihm jedoch nur fo
fange ließ, bis die übrigen Gegner beiiegt waren und er von ihm
allein nichts mehr zu fürdten hatte. Tab. ©. 38.
1) Tab a. a. D. nennt nod einen fünften, nämlich Abd Allah
Ibn Abbas. Diefer war aber blind und lebte zurücgezogen in Taif,
fo daß an feiner Huldigung nichts gelegen war, mweßhalb Muawia
ihn in Ruhe lieg.
2) Nah Abd Almadafin erwarteten fie Muawia in Medina und
gingen ihm fogar entaggen, wurden aber nicht von ihm empfangen.
Das Gleiche führt H. Quatremere nach dem Kitabi-futuh a. a. O.
©. 309 an. Doc das verträgt fich nicht mit Muawia's Freundlich—
feit gegen fie in Meffa. Nah Tab. ©. 39 lie Muamia in Medina
einen nach dem andern vor ſich kommen und forderte ihn zur Hul—
digung auf; ein jeder fragte, ob auch die drei Andern hufdigten und
auf Muawia's bejabende Antwort jagte er dann: in dieſem Falle
verweigere auch ich die Huldieung nicht, worauf Muamia fich bes
ruhigte. Bei H. Quatremere a. a. D. lieſt man aber: »Suivant le
recit de Tabari, Moawiah les ayant invites a reconaitre leur futur
souverain et n’ayant obtenu qu’ un refus formel, ne repondit rien et
continua sa route. Apres avoir accompli son pelerinage, il repassa
par Medine, mais il ne crut pas que la prudence lui permit de re-
courir ä des mesures violentes « Wahrſcheinlich weicht hier der türs
kiſche Bearbeiter des Tabari von der Perſiſchen Weberfegung, die
9. Quatremere benüst hat, ab. Mir ift es übrigens wahrjcheinlicher,
wie auch die erwähnte Tradition von Abd Almahafın und Kitabi
Futuh beweiſt, daß fie nicht - lange den Muth hatten, Muawia zu
widerftehen, jondern ihm, wenn auch nicht mit freiem Willen und
nod weniger mit freudigem Herzen, doch ohne daß Muamia zu einer
befondern Lift jeine Zuflucht nehmen mußte, huldigten. Später
wurde dann wahrjcheinlih manches erfunden, um Hufein’s und Abd
Allan’s Son Zubeir Wortbruh und Empörung zu rechtfertigen. Ob
Dmar’s und Abu Bekr's Sohn aus reiner Frömmigkeit die Hul:
digung vermweigerten, oder ob fie auch noch einige Hoffnung hatten,
280 Fünftes Hauptftüc,
und glänzende Berfprechungen fie zur Huldigung zu bewegen,
Sie verharrten aber in ihrem Ungehorfam und Abd Allap,
der Sohn Zubeir’s, welcher das Wort führte, fagte: KHandle
wie Mohammed, der ins Grab ftieg, ohne irgend eine Ver—
fügung über die Nachfolge zu treffen, oder wie Abu Bekr,
der zwar einen Nachfolger beftimmte, doch feinen feiner Ver—
wandten, fondern einen der älteften und beften Gefährten des
Propheten, oder endlih wie Omar, der dem Volke die Wahl
zwifchen ſechs Candidaten lieg, von denen fein Einziger fein
Sohn war. Dein Begehren, fette er hinzu, tft nicht dag
eines Gläubigen, fondern eines ungläubigen Byzantiners.“
As Muawia nicht mehr hoffen fonnte, fie durch Güte zu
gewinnen, nahm er zu Drohungen feine Zuflucht. Er foll
fogar den Oberſten feiner Leibwache berbeigerufen und ihm
in ihrer Anmwefenheit befohlen haben, dieſe vier Männer in
die Mofchee zu begleiten, einem jeden zweit Golvaten mit
gezüdtem Schwerte an dieSeite zu ftellen, mit der Werfung,
fie zu durchbohren, fobald fie den Mund öffnen. Hierauf
begab er fich feldft in die Mofchee und ſprach auf der Kanzel
von der Nothivendigfeit, feinem Sohne noch vor feinem Tode
huldigen zu laffen. Indeſſen, fo ſchloß er feine Rede, wollte
ich nichts beſchließen, bis ich die Anfiht der vier edelften
Männer unter euh: Hufein, Abd Allah Ibn Omar, Abd
Errahman Ibn Abu Bekr und Abd Allah Ibn Zubeir ver:
nommen; da fie aber ganz mit mir einverftanden find, und
bereits Jezid gehuldigt haben, fo fordere ich euch alle auf,
ee
nab Muawia's Tod an die Negierung zu gelangen, wiſſen wir
nicht, gewiß ift aber, daß Hufein und beſonders Abd Allah Ibn
Zubeir, wie wir in der Folge fehen werden, aus Ehrgeiz und
Herrſchſucht fo handelten und nicht weil es „Freiheit liebende Män—
ner“ waren, wie fie Flügel ©. 65 nennt. Dem Abd Grrahman foll
Muawia 100,000 Drachmen geſchickt haben, er nahm fie aber nicht
an und fagte: ich verfaufe meinen Glauben nicht für weltliche Dinge.
Nawawi ©. 378,
Muawia. 281
das Gfeiche zu thun. Da alle vier, aus Furcht, niederge—
ftoßen zu werden, fehwiegen, buldigte die ganze Gemeinde,
worauf Muawia fogleic feine Rückreiſe nad Syrien antrat!)
und obgleich die genannten vier Männer nachher behaupteten,
zum Schweigen gezwungen worden zu fein, fanden fie doch,
fo lange Muawia Iebte, feinen Anhang, weil man entweder
ihnen feinen Glauben ſchenkte, oder fie für Feiglinge hielt.
Da wir bisher unfer befonderes Augenmerf auf Mua—
wia’s Kämpfe im Innern des Reichs gerichtet, müffen wir,
ebe wir ung zu feinem Tode und zur Schilderung feines
Charafters wenden, das erwähnen, was unter feiner Regie
rung für die Vergrößerung des Reichs im Welten, Norden
1) Abd Almahafın und Chamis. H. Quatremere, welcher diefe
beiden Quellen nicht bemüst zu haben jcheint, erwähnt aud von all
diefem nichts, beweift vielmehr aus andern Quellen, dag Muawia
fortwährend alle möglibe Schonung für Abd Allah batte und ihn
auf jede Weife zu gewinnen juchte. Gr mollte feinen Sohn Jezid
mit Abd Allah’s Tochter Umm Hakim verheurathen, fobald aber
diefer davon etwas hörte, gab er fie, noch ehe Muawia's Bote an-
langte, feinem Meffen Abd Allah Son Urwa. Doch wird die Zeit
diefer Begebenheit nicht angegeben, fo daß fie wohl vor Muawia's
Reife nah Meffa vorgefallen fein mochte. Dag Muawia in Meffa
fein Blut vergiegen wollte, ift natürlich, doch wieß er Abd Xllah,
welcher fih beleidigende Anfpielungen gegen ihn erlaubte, durch
folgende Verſe zurecht:
„Wie viele Menſchen ſtoßen unüberlegte Worte aus, die einer
furchtſamen Heerde gleichen, welche beim Anbrucd der Morgenröthe
vor dem Anblif der grünen Weide zurüdbebt. Mander Treulofe
ift gleih zum Schmähen bereit, während der Edle der Liſt und
Schlauheit unterliegt.“
Webrigens it befannt, daß Muamia gegen jedermann mild war
und nur im äußerften Falle Gewalt gebrauchte, darum it ed auch
glaublih, daß er einit, als Abd Allah ſich bet ihm beklagte, das
feine Sklaven jein Gut betreten, er ihm eine Urkunde überjchidte,
in welcher ihm des Chalifen Güter, die an die Seinigen grenzten,
fammt allen darauf befindlihen Sklaven gefhbenft wurden. Es fragt
ſich nur eben auch, zu welcher Zeit dies vorfiel.
282 Fünftes Hauptftäd,
und Dften gefchehen. In Afrika ruhten die Waffen, fo Tange
Amru Fon Aaß Statthalter in Egypten war, der in feinem
Alter mehr nah ruhiger Herrfhaft, als nach neuen Waffen-
thaten gelüftete. Amru, eben jo ausgezeichnet als Feldherr
wie als Staatsmann, der Eroberer von Meffa, von einem
großen Theile Paläſtina's und von Egypten, nebft den an-
grenzenden Provinzen bis nah Zripoli hin, farb im J. 43
der Hidjrah (Anfang 664) als ein ſchwacher Sünder, der an
der Pforte des Grabes es bereute, fein ganzes thatenreiches
Leben hindurch nur nad perfönlichen Bortheilen gerungen zu
haben. Er meinte wie ein Kind, als er dem Tode nahe war
und als fein Sohn ihn fragte: ob er fih vor dem Tode
fürchte, antwortete er: nein, aber vor dem, was auf den
Zod folgt. Als jener dann, um ihn zu ermuthigen, ihn an
die Schlachten erinnerte, die er für den Islam fiegreich ge—
fochten, fagte er: Mein Leben zerfällt in drei Perioden, wäre
ih in den beiden erften geftorben, fo wüßte ich, was die Welt
son mir fagen würde, Als Mohammed mit feiner Sendung
auftrat, war ich fein bitterfter Gegner und wünfchte nichts
fehnlicher als feinen Tod. Wäre ih damals geftorben, fo
hätten die Leute gefagt: Amru hat als Ungläubiger, als Feind
Gottes und feines Gefandten diefe Welt verlaffen, er gehört
zu den Bewohnern der Hölle. Dann erfüllte Gott mein Herz
mit Glauben, ich begab mid zu Mohammed, ftredte ihm
meine Hand hin und fagte: idy huldige dir, wenn du mir
Gnade für alfe begangenen Sünden verbürgft, denn ich glaubte
damals, ich würde als Muslim nicht wieder fündigen. Der
Sefandte Gottes erwiederte: „Amru! der Islam und die
Auswanderung bringen Bergebung für alle früheren Vergehen.”
Wäre ich damals geftorben, fo hätten die Yeute gefagt: Amru
ift gläubig geworden und hat mit dem Gefanbten des Herrn
gekämpft, wir hoffen, ev wird bei Gott Glückſeligkeit finden.
Dann ward mir aber Herrſchaft verliehen — das war eine
Zeit der Verführung, vor der ih mid fürdte... Gott! ic
fann mid) nicht vor dir rechtfertigen, fondern nur deine Gnade
Muawia. 283
anflehen, denn ich habe unterlaſſen, was du geboten und ge—
than, was du verboten. Es gibt keinen Gott außer dir.“
Dieſe letzten Worte ſoll er dann wiederholt haben, bis er die
Seele ausgehaucht ).
Nach Amru's Tode folgten in kurzen Zwiſchenräumen
als Statthalter von Egypten auf einander: Abd Allah, ein
Sohn Amru's 2), Otba, ein Bruder des Chalifen Muawia 2),
Okba, der Sohn Amir's und Muawia Ibn Hudeidj %). Letz—
terer unternahm, außer dem ſchon oben erwähnten Feldzuge
gegen das Gebiet von Kairawan, noch zwei andere im Jahre
40 und 50 der Hidjrah >). Weit erfolgreicher war aber der
Feldzug Dfba’s Ibn Naft, des Fehriten, Diefer unterwarf
zuerft 6) die ohngefähr in der Mitte zwifchen Murzuf und
1) Son Abd Alhakam ©. 9.
2) Aa. O. S. M u 9.
5) Abulfeda S. 356.
4) Ber Abd Almahaſin: Im J. 47 d. H. ernannte Muawia
an Abd Allah Son Amru's Stelle Muawia Ibn Hudeidj zum Statt-
halter von Egypten.
5) Son Abd Albafam ©. 105. Bei dem erften ſchon oben
erwähnten Feldzuge befand fich auch der fpätere Chalife Abd Almalik
Son Merwan. Ob übrigens jener Feldzug wirflih noch unter Oth—
man ftatt gefunden, möchte ich bezweifeln. Son Abd Alhafam felbft
jagt: „von dieſem Feldzuge wijfen nur wenig Xeute, doch bemerkt
er, daß von diefer Beute Othman den fünften Theil an Merwan
verjhenfte. Dagegen ipricht aber, daß, als ein Streit wegen Ver:
theilung der Beute fih erhob, an Muamwia Ibn Abu Gofian
geihrieben ward, woraus erhellt, daß er damals ſchon Beherr:
fher ver Gläubigen war.
6) Nah Son Abd Alhakam a. a. D. im J. 46. Alles Fol:
gende habe ich auch nad) diefer Quelle angegeben, geftehe aber, daß
es mir nicht möglich war, fie mit andern in Ginflang zu bringen
und die Widerjprüche mit denjelben zu löſen. Abd Almahafin fest
den Zug Okba's in das Jahr 58 unter der Gtatthalterfhaft des
Mohammed Ibn Maslama und nennt ihn Dfba Sbn Amir. Abul-
feda ©. 568 jest die Gründung Kairawan’s in das Sahr 50 und
284 Fünftes Hauptſtück.
dem Borgebirge Mefurata gelegene Stadt Waddan, melde
fhon früher Beſchr Ibn Urtah erobert hatte, die aber inzwi-
die Vollendung der Stadt in das J. 55 durch Dfba Son Nafi. Bei
Elmafin ©. 47 lieft man (oder follte man weniaftens lejfen): Sm
5. 46 zogen Muawia (2? Dfba) Ibn Amir und Behr Ibn DOrtah
gegen den Weiten und eroberten viele Städte, darunter Fezzan (nicht
Karana), Kafßa und Kaftilia, bis fie nah Katraman kamen, welches
ſchon Muamia Ibn Chodeidj erobert und mo derfelbe fchon eine
Studt gebaut batte, die ihnen aber nicht gefiel; da murden Mauern
um die Stadt gezogen, die noch jest Katraman heißt. Nach Numeirt
(hist. de l’acad. des inscript. T. XXI. p. 116 u. ff.) fand der Feldzug
des Muamia Ibn Hudeidj im S. 45 d. 9. ftatt, Okba's Zug und
die Gründung Kairaman’s im J. 50, Okba's Entjegung im 3. 55
und feine Wiedereinfesung im 5. 62. Nuh Nawawi ©. 466 ward
Okba Ibn Amir Statthalter von Egypten im 3. 44 und ftarb da—
ſelbſt im 3. 58 d. 9. Son Challikan (I. 35) nennt Okba Sbn Amir
den Gründer der Stadt Kairawan. Dagegen führt Slane folgende
Stelle aus dem Hullatas-Siyara an: »Okba Jbn Nafı al Fihri was
sent on an expedition by Moawia Jbn Abi Sofyian A. H. 43 (A. D.
663) and entered J{rikiya at the head of 10,000 Moslims. He founded
the city of Kairawan, and left after him an honorable reputation; he
was an excellent governor, aud God granted all for which he prayed.
He was deprived of his place and reinstaled A. H. 62 (A. D. 681—2).
In the year 95 (A. D. 711— 2) he and some troops which accom-
panied him, were slain by the Berbers at Tahuda, where his tomb is
revered to this day.e Letztere Sahreszahl ift gewiß faljch und muß
ftatt 93 d. 9. 63 heißen Die Verwechslung des Namens Okba
Son Amir mit Okba Son Naft rührt daher, dag Erfterer vielleicht
Statthalter von Eaypten war, zur Zeit, als Lesterer ins weftliche
Afrifa zog und da häufig die afrikanifchen Feldherren unter der
Dberherrihaft des Statthalters von Egypten ftanden, ſo modten
auh ihre Thaten diefen zugejchrieben worden fein. Auch de Sacy
berichtet nad Pariſer Handjchriften (mem. de Facad. V. 24): Okba
fils d’Amir fut gouverneur et intendant des finances en Egypte sous
le regne de Moawia. Auch ift vielleicht die erite Gründung Raira:
wan's durh Muawia Son Hudeidj unter Okba Ibn Amir, mit der
zweiten durch Dfba Son Nuft, verwechjelt worden. Gegen alle
Quellen lieft man bei Aſchbach (Geſchichte der Omejjaden in Spa-
nien I, 18): „Seit Amru's Tod war Okba, Nafi's Sohn, als Statt-
halter nad; Egypten gejchieft worden.
Muawia. 285
fhen wieder abgefallen war. Bon bier 309 er acht Tage
lang immer ſüdlich bis nad Dierma, damals Hauptſtadt des
Landes Fezzan. Nach der Einnahme diefer Stadt unterwarf
er die übrigen feſten Plätze des Landes Fezzan und wendete
fih dann gegen Südweft nah Diawan, Hauptftadt der Pros
vinz Kawar Y. Im vierzehn Tagen ftand er vor den Thoren
Diawan’s, er belagerte aber dieſe Stadt vergebeng einen
Monat lang und als er die Unmöglichkeit einfah, fie einzu=
nehmen, brach er gegen andere minder fefte Pläge diefer Pro-
vinz auf. Auf dem Rüdwege z0g er an Djawan vorüber
und bielt drei Tage weit davon, an einem Orte, welcher
Ma Faras (Vferdewaffer) genannt wurde, weil man durch
das Scharren eines Pferdes in diefer Wüfte eine Duelle ent-
deckte ). Während aber die Bewohner von Djawan alle
Gefahr vorüber glaubten und wieder ihre Thore öffneten,
brach Dfba in nächtlichen Eilmärfhen und auf Umwegen von
Neuem gegen fie auf und überfiel fie ganz unerwartet. Alle
ftreitbaren Männer wurden getödtet, Frauen und Kinder zu
1) Nach Abulfeda ©. 99 (ed. Schier) lag Kawar acht Tagereifen
weit von Fezzan. Auch die Richtung ift dort genau angegeben. Es
heißt nämlich dort: Santarija liegt zehn Tage weit füdmweftlih von
Alerandrien, von Santarija nad) Audjala hat man wieder at Tage
in der Richtung von Südweſt zu reifen und wieder acht Tage von
Audjala nah Sala. Sn gleiher Richtung und in derfelben Entfer—
nung liegt die Stadt Fezzan, und jo wieder acht Tage weit hinter
Fezzan das Land Kawar. Diejes Lund lag aljo mwahrjcheinlih an
der ſüdweſtlichen Spige von Fezzan. Vergl. auch Edriſti Afrika cur.
Hartmann ©. 139 Anmerf. f. Bei Son Abd Alhak. lieft man „Ha:
war” für Djaman.
2) Sie lagerten an einem Drte, heißt es bei Sbn Abd Alhakam
©. 106, wo fein Waſſer war, fo daß Okba mit den Seinigen nahe
daran war, vor Durft umzufommen. Okba betete zwei Rikahs und
flehte Gott um Regen an. Da fing fein Pferd an mit den Vorder:
füßen die Erde aufzufcharren, es fprang Waffer heraus, welches das
Pferd auflefte. Als Dfba dies bemerfte, ließ er weiter graben und
man fand Wafler genug, um die ganze Armee damit zu verjehen.,
2836 Fünftes Hauptftüd.
Sflaven gemacht und alles beweglihe Gut geplündert. Von
Djawan ging er wieder zurüd nah Zawilah in das Land
Fezzan und nah fünf Monaten traf er wieder in feinem
Hauptquartiere in der Landihaft Barfa ein. Nachdem bier
Menſchen und Pferde ſich wieder erholt hatten, unternahm
Dfba einen zweiten Zug gegen Welten. Die feften Schlöffer
der Landfchaft Mezatah (Mezdah I) und Saff (2) fielen in
feine Gewalt, während eine Abtheilung feiner Reiterei die
Stadt Ghadamis nahm. Er wendete fih dann gegen Nord»
weit, unterwarf Kaftilia ?) und Kafßa und begab fih von
bier nad) der Stadt Kairawan, welde Muawia Ibn Hudeidj
gegründet hatte. Da ibm aber die Lage dieſes Ortes nicht
gefiel, zog er weiter bis in die waldige Ebene, wo jest noch
die Stadt diefes Namens Liegt 3). Dfba fcheint nun mehr
—
1) Mezdah liegt füdlih von Tripoli, etwa acht Tagereiſen öſt—
lich von Ghadamis, welche Stadt durch ihre Gerbereien berühmt
war und an die Wüſte Sahra grenzt. Abulfeda.
2) Kaftilia ıft der Name einer Provinz, deren Hauptftadt nad
Abulfeda (S. 108) Tufar bie. Kafka Sag weiter nordweftlih dem
Meerbufen von Kabis gegenüber. Kaftilia fommt übrigens auch
ald Ortsname vor. Vergl. Edrifi ©. 251 u. 252.
3) Nah Mannert (Geogr. d. Grieben u. Römer X. 2) ©. 36?
fiegt Kairawan an der Stelle des alten vieus Augusti, 85 Mill.
nordöftlih von Aquae regiae und 25 von Hadrumetum. Abulfeda
bemerkt, daß fie in einer Ebene lag, wo die Araber ihre Kameele
gut gebrauchen fonnten, am füdlichen Abhange eines Gebirges, wel
ches, wie derfelbe ©. 98 bemerkt, in der Gegend von Kabis „Das
mar“, in der Gegend von Kaffa „Autas“ und gegen Kairaman hin
„Baslat“ heißt. Die Stadt lag alſo ohngefähr zwanzig Etunden
füdlihb von dem jegigen Tunis und nicht wie bei Flügel ©. 64,
„zwölf engliſche Meilen weſtwärts von dem heutigen Tunis.“ Da—
mals, wo Karthago noch in den Hinden der Griechen war, wäre es
kaum möglih und gewiß nicht rathſam gemejen, hier eine neue
Stadt zu aründen. Mit meiner Angabe ſtimmt auch Edrift überein,
wo es (©. 255) beißt: Kairawan liegt vier Tagereifen nordöftlich
von Kafka, zwei von Tunis. Bei dem Gevaraphen aus dem vierten
Sahrhundert der Hivjrah, von welhem Quatremere in dem 12. Bande
Muawia 287
an Befeftigung der mufelmännijchen Herrfchaft in Afrifa, ala
an weitere Ausdehnung gedacht zu haben und in Kairawan
geblieben zu fein, bis zu feiner Entfeßung im Jahre 61 der
Hidjrab (680— 81). Maslama Ibn Muchallad, welcher feit
dem Jahre 47 Statthalter von Egypten und als folder auch
Dberbefehlshaber über das ganze mufelmännijche Gebiet in
Afrika war), fandte an Ofba’s Stelle feinen Liebling Abu
Muhadjir Dinar, den Freigelaffenen eines Medinenfers, wel-
cher, nicht damit zufrieden, Dfba zu entfegen, ihn auch noch
in Ketten legen und einfperren ließ und die von ihm gegrüns
der not. et extr. des msc. de la biblioth. du roi viele Auszüge mittheilt,
liet man (©. 471): La ville de Kairowan est situ&e au milieu d’une
plaine etendue. Au nord est la mer de Tunis; ä l’orient la mer de
Sousah et de Mahdiiah; au midi la mer de Safakes et de Kabes: la
plus voisine est la mer orientale, qui en est a une distance d’un jour
de marche. De cette ville ä la montagne on compte egalement une
journee. A l’orient se trouve un marais sale. Les terres de tous ces
cantons sont d’une fertilite admirable etc. Bei Ibn Abd Alhakam
wird ausdrücdlich gefaat, daß ehedem der Drt, wo Kairaman ge:
gründet ward, viele Bäume hatte, welche wilden Thieren zum Zus
fluchtsort dienten. Dann wird das befannte Wunder hinzugefügt,
dag nämlich Okba dreimal rief: Shr Bewohner diefer Ebene entfernt
euch! Gott erbarme ſich eurer! wir wollen uns bier niederlaffen.
Darauf entfernten fih alle reißenden und andere fohädlichen Thiere,
jo daß man in jener Gegend 40 Sahre lang um 1000 Dinare weder
eine Schlange noch einen Skorpion hätte auftreiben Eünnen. Okba
ftedte dann jeine Lanze in den Boden und fagte, bier fei euer La—
gerplag! er wies dann jeder Kamilie ihren Antheil an und befahl
den Bewohnern des von Muamia Ibn Hudeidf gegründeten Ortes
fih hier niederzulaffen.
1) Diefer war der Erſte, heißt es bei Sbn Abd Alhafam ©. 107,
welcher zugleich den Dberbefehl über Eaypten und den Waghrab
hatte und jeine Herrjbaft begann im 3. 47. Demnah wäre, wie
ih oben angegeben, Okba Ibn Amir's Statthalterichaft in Egypten,
wie alle übrigen zwifchen ihm und Amru auch nur von furzer Dauer
gewejen, oder Marlama müßte auch eine Zeit lang entfernt und
dann wieder eingejegt worden fein. Nah Elmakin ©. 47 ward
Maslama fhon im 5. 45 an Okba's Stelle geſetzt.
288 Fünftes Hauptftüd,
dete Stadt zu verlaffen trachtete. Dfba’s Freunde bewirften
indefjen bald beim Chalifen Jezid deffen Freilaffung und ihm
felbft gelang e8, als er in Damasf vor dem Chalifen I) er-
fehten, die Wievereinfegung in fein früheres Amt zu erwirfen.
Bon Rache und Ehrgeiz angeipornt, eilte er jegt nad) Afrika
zurüd und vergalt Abu Muhadjir Gleiches mit Gleichem.
Er führte ihn gefeffelt mit fih in die Landſchaft Sus ?),
1. 68 heißt zuerft bei Sbn Abd Alhakam: Okba beklagte ſich
bei Muamia über feine Entiegung, diefer entichuldigte fich und vers
lieh ihm wieder die Herrfchaft über Afrika, dann fest er aber hinzu:
manche behaupten, Dfba habe fid) bei Sezid, dem Sohne Muawia’s,
beklagt und diejer habe ihn wieder eingefest. Letztere Meinung tft
die richtigere, da ja Muawia im J. 60 d. 9. ftarb. Wir eilen hier
einigen Sahren von Sezid’d Regierung NED um nicht nochmals
auf Okba zurüdfommen zu müjfen.
2) So heißt ed wörtlich bei Zbn Abd Alhafam, den ich hier,
wo es darauf anfommt, Okba's Zug genau zu beftimmen, fait wört-
lich überfest habe. Dies ift alſo die Grundlage, auf der Numeiri
und andere Araber Okba's Züge ausgedehnt haben und diefen zufolge
ſchreibt Afhbah Ca. aD ©. 18): „Darauf drang er (Okba) weiter
gegen Weiten bis nad) Tanger an die Meerenge, Spanien gegenüber,
und beabfichtigte nach dieſem Lande überzufegen. Allein bei der un
verläfftgen Treue der erft unterworfenen Völker ſchien ed allzu ge—
wagt, diefelben im Rüden zu laffen, er zog daher vor, feinen Marſch
gegen die mächtigen Nationen, die hordenweiſe in der Wüſte von
Sus herummanderten, zu richten und nachdem er fie in der Wüſte
von Lemtung gejchlagen, drang er bis an die Fluthen des atlantifchen
Weltmeeres den Canarifhen Inſeln aegenüber.“ Auch Flügel, der
die Drientalen beffer Fennt, fehreibt (©. 64): „Siegreih drang der
fühne Araber (Okba) bis an die Meerenge von Gibraltar und an
den Rand des atlantiihen Dceans vor.“ Was zuerft den Zug nach
Tanger betrifft, fo iſt dieſer gewiß fälſchlich Okba zugefchrieben wor:
den, denn Ibn Abd Albafam erwähnt nicht nur nichts davon, fondern
fchreibt (S. 118): „Muſa Ibn Nußeir 309 von Sfrikijah gegen
Zantjah (Tanger) und’er war der erfte Statthalter, der bis Tandjah
gelangte, wo verjchiedene Zweige der Berber wohnten (Tibr und
Niras 2), welche noch nit unterworfen waren.“ Auch bei Makkari
Muawia. 289
deſſen Bewohner, ein Zweig der Berber, ihm feine Schlacht
zu liefern wagten. Als er aber wieder an die Örenze der
(hist, of the Mohamm. dynast. in Spain ete. by Pascual de Gayangos
I. 252) na der Groberung Tanger’s durch Mufa lieft man: »They
say that Tangiers had never been taken by an enemy before the days
of Musa and once in the hands of the Moslems it became one of their
strongest eitadels.« Für eine Verwechslung der Züge Okba's mit
denen Muſa's jpricht befonders noch der Umjtand, dag auch hier er-
zählt wird, wie Slian oder Sulian dem Okba nadı Tanger entgegen:
fam und fih ihm unterwarf, während nad andern Autoren feldft
Muſa diefen Slian nicht befiegen Fonnte, bis er mit NRoderic zerfiel
und gemeine Sache mit den Mujelmännern machte. Auch erjbeint
bei den mufelmännifchen Autoren fpäter diefer Ilian keineswegs ale
eine jebon befannte, mit den Arabern fchon jeit 28 Zahren befreun—
dete Perfon, denn ein ſolcher Zeitraum liegt zwiſchen dem Zuge
Okba's und dem Muſa's. Was aber den Zug nach Sus betrifft,
fo muß wohl unterjhieden werden zwifchen der am atlantijchen
Meere gelegenen Stadt und der Landihaft Sus. Die Stadt heißt
gewöhnlih Sus Alakßa (die äußerfte). Das Land Sus begreift aber,
nach Abulfevda ©. 103, alles, was füdlih vom Berge Daran gegen
die Wüfte Sahra zu liegt und aub nah Kinigen noch das Fand
Darah, das Andere zu Sidjilmeß rechnen. Wenn mir alſo Okba bis
über Sidjilmeß hinaus gelangen laffen, fo glauben wir ſchon weit
genug in unjerm Vertrauen auf arabiihe Berichte gegangen zu fein,
da wir doc einmal in Betreff Tanger's eine offenbare Erdichtung
fehen und überhaupt mwiffen und ung ſogleich bei dem indijchen Feld:
zuge aufs Meue überzeugen werden, daß die Araber gerne Grobe:
rungen fpäterer Seldherren weiter hinauf rüden. Wir haben übrigens
gejehen, wie Zbn Abd Alhakam dte eriten Züge Okba's gegen Kaira—
warn, Fezzan und Ghadamis jo genau und ausführlich angibt, follte
er wirklih einen fo außerordentlihen Feldzug bis ans atlantifche
Meer mit ein Baur Worten abfertigen? Wir haben freilih Okba's
Ritt in das Meer, bıs das Wuffer dem Pferde an den Hals reichte
und feinen Ausruf: „Gott, du bit mein Zeuge, daß ich nicht weiter
kann, fonft würde ich weiter vorwärts fihreiten!“ gegen und, was
auch Son Abd Alhakam, jedoh nah einer andern Tradition, anführt.
Sit es aber nicht wahricheinfih, dag aus der erſten Weberlieferung,
wo vom Sande Sus die Rede ift, dann die zweite durch Verwechs—
lung des Landes mit der Stadt Sus fih entipann? Die erfte Tra—
19
290 Fünftes Hauptſtück.
ſchon unterworfenen Provinz Afrifa gelangte und, feinen An-
griff erwartend, einen Theil feiner Leute entlaffen hatte, ward
er an einem Drte, Tehuda genannt, von einer aus Griechen
und Berbern zufammengejetten Armee, an deren Spite der
früher mit den Arabern verbündete Berber Kufeil Ibn Lem-
lem ftand, überfallen und mit feiner ganzen Mannfchaft ge-
tödtet. Kufeil bemächtigte fi hierauf auch der Stadt Kaira-
wan und nöthigte die Mufelmänner, fih in das Gebiet yon
Barfa zurüdzuziehen.
Noch glänzender und erfolgreicher waren unter Muawia
die Waffenthaten der Mufelmänner im Dften des Reiche.
Ziad, Muawia's Bruder, der als Statthalter von Irak auch
über alle mufelmännifchen Befisungen in Perfien den Ober-
befehl führte, fandte Rabia Ibn Alharith mit einem Heere
von Chorafan aus nad) Bald) und als diejfe Stadt fi) frei-
willig unterwarf, überfhritt er den Gihon oder Drus und
dition ift wahr, dann folgen aber allerlei lügenhafte und wunderbare,
die doch gewiß nicht ins Reich der Gefbichte gehören. So foll Abd
Allah Son Amru, als Dfba auf feiner Rückkehr nah Afrika ihn in
Egypten beſuchte, ihm aefagt haben: „bıft du etwa der Anführer
des Heeres, das ind Paradies (durch den Märtyrertod) geht? oder,
wie ein Augenzeuge gehört haben will: „Hüte dich, den Fluch der
eanptiihen Wittwen auf dich zu laden, denn ich habe ftetd gehört,
e3 wird ein Mann aus dem Stamme Kureifh nad diejer Seite
jiehen und umfommen.“ Aber au in diefer Tradition heißt ed
bloß: „Dfba ging nah Sfrifija und fuchte Abu Muhadjir auf und
fperrte ıhn ein und legte ihn ın Feſſeln, dann zog er mit 5000
Eayptiern und dem gefejielten Abu Muhadjir in den Kampf gegen
die Berber und er und feine Gefährten wurden erjchlagen.“ Die
einzige Tradition, in welcher vom Meere die Rede ift, verdient um
fo weniger Glauben, als ihr zufolae der Sohn der Kabina (Kujeil)
mit jeinen Truppen den ganzen Feldzug mitgemacht haben foll. Er
war immer hinter Dfba, beift es, ohne daß diefer etwas davon
mußte, und jo wie er von einem Tränfplag aufbrah, kam Kufeil
und verftopfte ihn. Als daher Dfba von Sus zurüdkehrte, fand er
fein Waſſer mehr u, f. w,
Muawia. 291
kehrte, nach mehrern ſiegreichen Gefechten gegen die Türken,
mit reicher Beute beladen nad Choraſan zurück Y. Einen
zweiten Feldzug nad dem Gebiete des Drus unternahm Ubeid
Allah Ibn Zijad, welcher einen Theil von Buchara eroberte
und auf der Rückkehr die abermals empörten Völfer Chorafan’s
aufs Neue unterfochte und Tabariftan zum Frieden zwang 2).
Saad, der Sohn des Chalifen Dibman, dem Muawia,
um ihn für feine Erbfolgepläne zu gewinnen, im Jahre 56
der Hidjrah Die Stattbalterichaft von Chorafan verlieh, 309
mit einem Heere, in welchem der tapfere Muhallab Ibn Abt
Sofra diente ?), bis gegen Samarfand *). Auch gegen Süd—
oft, nad) Sind und Indien hin, verbreitete fih der Islam
unter dem Chalifate Muawia’s. Der ſchon genannte Mu-
ballab drang bis an den Indus vor und durdftreifte das
Gebiet zwifhen Multan und Kabul, während Abd Allah Ibn
Suwar Aabdi die zu Sind gehörende Provinz Kikan zum
zweitenmale, jedoch aud nur furze Zeit, befegte. Sana Ibn
Salha, oder nad) Andern Hakim Jon Djabala, eroberte die
ans arabiihe Meer grenzende Provinz Mefran, nad) welcher,
wie oben erwähnt, felbft Omar fich fiheute, ein Heer zu ſen—
2) Tab. ©, 37.
2) Chamis und Abd Almahafin. Nach Lesterm verlor die Kö—
nigin der Türfen auf der Flucht ein Kleid, das 100,000 Silberſtücke
werth war. ©. aud Wiener Jahrb. d. Lit. Bd. 106 ©. 6 des Anz.Bl.
3) Tab. ©. 38.
4) Abd Almahafin und Abulfeda ©. 370. Andere fchreiben ins
deffen die Eroberung von Samurfand Kuteiba zu, welcher erjt unter
dem Shalifen Walid 30 Sahre fpäter einen Feldzug in den Dften
machte. Möglih wäre es, daß die Stadt wie manche andere wieder
verloren ging und zum zmeitenmale eingenommen werden mußte,
Bergl. Ibn Challifan I. 642, Nah Tab. ©. 47 ward Chuwaresm
und Samarfand unter der Regierung des Chalifen Sezid von Aslam
Son Zijad, Bruder des Ubeid Allah, erobert, nach dem Chamis, der
ihn Muslim nennt, eroberte er Chumwaresm und Buchara. Vergl.
auh Elmakin ©, 58,
19*
292 Fünftes Hauptflüd.
den und griff auch von diejer Seite her Sind an, während
Abad, der Sohn Ziad’s, von Sedjeftan her bis nad Kandahar
yordrang und dieſe Stadt einnahm. Endlich unterwarfen noch
Almundar Ibn Aldjarud und nah feinem Tode Almundar
Fon Hawa, die Stadt Kosdar und das ganze Gebiet von
Nukat N).
Auch gegen das byzantinifche Reich, gegen welches Mua—
wia, fo lange er mit Alt befchäftigt war, die größte Nach-
giebigfeit zeigte und fogar einen Warfenftilfftand theuer er-
faufte, z0g er von Neuem dag Schwerdt, fobald er Allein-
bervfcher unter den Mufelmännern geworden. Die Kriege
des Kaifers gegen den Rebellen Sapor, welder in Armenien
ſich furdtbar machte, begünftigten des Chalifen Plane nicht
weniger, als deſſen jpätere Reifen nad Stalten, während
derer das morgenländiiche Reich des nöthigen Schußes ent—
behrte, Die Araber konnten nunmehr ungeftraft in Kleinaſien
1) Alle diefe Züge nach Indien habe ich nach dem Fragmente
des Belndori angegeben, das H. Reinaud zuerft im Journal asiatique
18144 — 45 und dann noch bejonders, mit andern wichtigen Motizen
über Indien, unter folzendem Titel herausgegeben: Fragments arabes
et persans inedits relatifs a U’Inde anterieurement au ilme siecle de
l’Ere Chretienne etc. Paris 1845. 8. Nach derfelben Quelle hätten
fhon unter Omar's Chalifat muſelmänniſche Schiffe, doch mahrjcein:
fib nur Korjaren, an der Küfte von Indien in der Gegend des
jegigen Bombay und Cambay und weſtlich von den Mündungen des
Indus gelandet. Unter Othman ward Jemand an die Grenze von
Indien geihiet, um Nuchricht über dieſes Land zu geben. Der
Kundjchafter Fam zurück mit der Schilderung, welche, wie oben er—
wähnt, nad Tabari, dem Ehalifen Omar von der Provinz Mefran
entworfen worden und in der That auch eher auf Mekran ald auf
Indien paßt: „Das Waſſer fließt tropfenweife, die Früchte find
ſchlecht, die Rinder find wackere Krieger. Wenig Truppen werden
aufgerieben und viele fommen vor Hunger um.“ Othman Tandte
daber fein Heer gegell Sndien, auch Ali nicht, doch follen im 5. 89
ſchon mehrere Freifhaaren Streifzüge bis in das Land Kifan ges
macht haben,
Muawia. 293
einfallen, Städte und Dörfer verwüften und mit Beute be-
laden fi wieder zurüdziehen, Diefe Streifzüge zu Land
wurden ſowohl unter Gonitans, als nad) deffen Tod unter
der Regierung feines Nachfolgers Conftantin Pogonatus noch
von arabijchen Flotten unterftügt, welche mehrere Jahre nad
einander in der Nähe von Konftantinopel Truppen ang Land
festen und die Hauptitadt des Neichs vielleicht damals ſchon
dem Jslam unterworfen hätten, wenn nicht das um jene Zeit
erfundene ſogenannte griechische Feuer fie befhüst hätte N).
Anführer der Araber waren zuerft Abd Errahman, Sohn des
tapfern Chalid, und nach feinem Tode, welchen Araber ?)
dem Neide Muawia’s zufchreiben, Softan Ibn Auf. Jezid
felbft mußte gegen feinen Willen, auf Befehl feines Vaters,
der ihn mit Ruhm zu bededen hoffte, an diefen Feldzügen
1) Die arabifhen Quellen find hier fehr arm, was, wie Schloffer
(Weltgeſchichte I, 1. ©. 272) richtig bemerft, ihre Niederlage am
beften beweift. Abulfeva erwähnt nur eined Zuges gegen Konftanti-
nopel im 3. 48 d. 9. (663) unter Sofian Sbn Auf Elmafin jegt
diefen Feldzug in das J. 52. Beide jpreben von dem Tode des
Abu Ajub vor den Mouern Konftantinopels, deſſen Grab noch jetzt
—
verehrt Wird. Bei letzterem ſchwört Jezid: „bei Gott, es wird im
Meften Feine Glofe mehr läuten, fo lange mir ihn beherriden;“
dies iſt nach Abd Almahafin dahin zu ergänzen: „wenn die Griechen
fein Grab entmeihen.“ Bei Abulfaradj findet fih unter dem J. 46
d. 9. die Geihihte von Andreas und Sergius fat mit denielben
Morten wie bei Theophanes (ed. Claſſen) S. 534 u. ff. Nach Masudt
erlitten die Araber im 3 45 eine Niederlage bei Tarajı. Zezid will
umfebren, aber er muß bei der Armee bleiben. Abd Almabafın
fpriht von einer Belagerung Konftuntinopel® im J. 49, nah An:
dern im 3. 50, in welbem auch Abu Ajub ſtarb. Im Coamis lieſt
man: Sm 5.50, nah Wafidi aber im 3. 52, fand der Feldzug
Jezids gegen Konfrantinopel ftatt. ;
2) Abulfeda ©. 368 und Abd Almahafin. Letzterer nennt ihn
Anführer des Heeres gegen die Grieben und bemeift: „er war fo
geachtet, das Muawia ihn beneidete und einem Chriften den Tribut
von Himf veriprab, damit er ihm vergifte. Er kömmt aud) bei
Theoph. ©. 532 vor,
294 Fünftes Hauptflüd,
Theil nehmen D, weshalb fie auch troß der Unzufriedenheit
der Armee und den mehrfachen Niederlagen ?), doch immer
wieder erneuert wurden. Erft im Jahre 58 der Hidjrah
(677 n. Chr.), als bereits Jezid als Nachfolger anerkannt
war und Muawia aud) in Syrien die Mardaiten, denen ſich
allerlei Gefindel anſchloß, zu befämpfen hatte, unterhandelte
er mit Gonftantin und flog abermals einen Ddreißigjähri-
gen Frieden, deſſen Bedingungen aber nicht näher befannt
find 9).
Hatte aber auch Jezid in diefen Kriegen nicht viel Lor—
beern gejammelt, fo war er dod dadurch von feinem frühern
Yeichtfinnigen und genußfüdhtigen Leben abgezogen und zum
1) Masudi und Abd Almahafin.
2) Dies geht fhon daraus hervor, daß Zezid, als er den Thron
beftieg, nad Abd Almahufin, dem Wolfe unter Anderm verfprict:
„Ste feinen Winter mehr in griehiibem Lande zubringen zu laſſen
und feine Seefahrten mehr anzuordnen.
3) Theophanes ©. 542 u. ff., auf den ich überhaupt hier die
Leſer verweifen muß, welche diefe Angaben zu dürftig finden, da
ih aus mujelmännifchen Quellen nur das oben Angeführte mitzu-
theilen vermag. Eben ſo muß ich auf St. Wiartin (Mem. sur l'ar-
menie I, 836 et seqq.) verweifen, in Betreff der Züge der Araber
nah Armenien. Hier nur die wichtigften Thatfahen: Sm J. 637,
aljo im dritten Negierungsjahre Omars, machten die Araber die
erften Einfälle in Armenien und drangen im 3.639 bis nach Tovin
vor. Doc wie fo manche andere unter Dmar eroberte Stadt und
Provinz, ging auch dieje wieder für den Islam verloren, und erft
gegen das 3. 650 Fam Armenien wieder unter mufelmänniiche Bot—
mäßigfeit, weil auch hier, wie in Eaypten, die Byzantiner religiöfen
Zwang übten, fo daß die Araber ale Befreier begrüßt wurden, Im
3.656, als der Krieg zwifchen Ali und Muamia ausbrach, empörten
fih die Armenier, unterwarfen ſich aber im folgenden Sahre ſchon
wieder. Sie wurden num von armenifchen, dem Chalifen tribut-
pflichtigen Fürften regiert, bis zum 3. 686, wo die Byzantiner aufs
Neue die Araber zu vertreiben fuchten, wovon unter der Regierung
Abd Almaliks die Rede fein wird,
Muawia. 295
ernften thatkräftigen Manne berangebildet worden. Muawia
fonnte mit dem tröftenden Bewußtfein dem Tode entgegengeben,
daß fein Sohn nunmehr im Stande fein würde, ſich im Befige
der Herrichaft zu erhalten, welche er mit fo großer Mühe und
fo ſchweren Opfern errungen, obſchon ihm Hufein und Abb
Allah Fon Zubeir, deren Huldigung gewiffermaßen erzwun-
gen werden mußte, noch immer einige Beforgniffe einflößten,
Erfterer als Enfel des Propheten und Sohn Alt’s, dem alle
Hafchimiten zugethan waren, und Lesterer wegen feiner gren=
zenlofen, mit Tapferkeit, Schlaubeit und Beharrlichfeit ge—
paarten Herrfchfucht noch mehr als wegen feiner hoben Ab-
funft ). Gegen Erftern, welcher leicht alle fanatifchen Mus
felmänner aufwiegeln fonnte, empfahl Muawia, als er im
Monate Nadjab ?) des 60ten Jahres d. H. (April 680) an
dem Rande des Grabes ftand, die größte Milde und Scho—
nung, gegen Lestern aber, „der, obgleich Fräftig, wie ein
1) Sein Water Zubeir ift ung längft als einer der älteiten Ge—
führten Mohammeds und als Mitbewerber um das Chalifat nad
Othmans Tod befannt. Seine Mutter war eine Tochter des Chali-
fen Abu Befr, feine Großmutter war Safta, die Tante Moham—
meds. Aifba war feine Tante von mütterliber Seite und Chadid—
jah, die erfte Gattin des Propheten, feine Großtunte von väterlicher
Geite.
2) Bei Nawawi ©.565 werden zwei Data angegeben, die nicht
richtiq find. Das Eine ift: Donnerftag, als noh 8 Tage vom Mo:
nate Radjab d. 3. 60 übrig waren und das Andere Mitte Radjab.
Aber der erfte Radjab d. 3. 60 war ein Sonnabend, folalic war
auch der 15te und 22te fein Donnerftag. Nah dem Chamis ftarb
er den 10ten oder den 22ten. Bei Elmafin Anfangs Radjab, nad)
Andern Mitte. Sit der Tag der Woche richtig, fo wäre auch der
erſte Radjab nicht anzunehmen. Diejer entipricht dem ten April 680,
welcher ein Samftag war. Theophanes ©. 544 nennt den 6ten April,
diefer war ein Donnerftag, aber fällt noch in den Monat Djumadi
Achir, auch ift bei demfelben fälfchlich die Ite fratt der Sten Indiction
angegeben.
4
296 Fünftes Hauptſtück.
Löwe, doch die Lift der Füchſe nicht verſchmähte“ Y), die äu—
ßerſte Vorfiht und Strenge zu gebrauchen. Abd Allah Ibn
Dmar war zu fromm und zu wenig mit den Dingen dieſer
Welt vertraut, als dag auch von ihm ein gefährlicher Wider-
ftand zu fürchten gewefen wäre und Abd Errahman, der Sohn
Abu Bekrs, war damals fhon todt ?), Muawia ftarb in
einem Alter von wenigftens 78 Jahren und nah einer Re—
gterung von ohngefähr 20 Jahren als Statthalter von Sy-
rien und eben fo lang als Alleinherrfcher über das gefammte
mufelmännifhe Reich. Auch foll er in feiner legten Predigt
fih dem reifen Korn verglichen haben, dag fid) nad) der Hand
des Schnitters fehne, und ohne Wehmuth aus diefer Welt ge-
fchieden fein, die er, nachdem fie ihm alles gewährt, was er
von ihr verlangte, nur noch verachten fonnte. Seinem Sohne
foll er, außer den fhon erwähnten Rathſchlägen, in Betreff
1) Abd Almahafın. Auch foll er von Huſein geſagt haben:
diefer Mann ift zu heftig und zu unüberlegt, um dir gefährlich zu
werden.
2) Bei Abulfeda S. 372 ſagt Muawia zu Jezid: Abd Errahman
iſt ein großer Mann, der dir früh oder ſpät Ehrfurcht einflößen
wird, aber Abulfeda läßt Muawia dieſen Rath feinem Sohne ſchon
im J. 56 ertheilen. Nimmt man aber dieſe Worte Muawia's, mit
andern Autoren, wie Abd Almahafin, als feine legten Ermahnungen
an, fo muß Abd Errahman, der im 3.60 jedenfalls ſchon todt war,
wegbleiben. Auch ijt bei Abulfeda ©. 382 unter den Widerfpenfti-
gen nah Muawia’d Tod von Abd Grrahman feine Rede mehr, eben
fo wenig bei Abd Almahafin und Glmafin. Auffallend ift daher,
daß H. Quatremere a. a. D. ©. 319 nah unfritifhen mufelmän:
niiben Quellen fchreibt, daß Sezid nach feines Waterd Tod dem
Statthalter von Medina ſchrieb: »de mander aupres de lui Hosain
Ahd Alrahman, Abd Allah Ben Zobair, Abd Allah Ben Omar et d’ob-
tenir leur adhesion de gr&e ou de force,« tarunter aber auch Abulfeda
und Glmafin anführt, die doch Abd Errahman nidt nennen. Bei
Tab. ©. 39 fagt Muawia in Betreff Abd Errahmans: „der ift ein
Mann, der gern gut ift und trinft und Gefellfhaft liebt, dem gib
nur, was er verlangt.“
Muawia. 297
der drei Männer, welche nicht gern gehuldigt, noch anempfohlen
haben: gegen Hedjas mit Rückſicht zu verfahren, dieſes Land, als
den Boden, aus dem er entſproſſen, zu betrachten und deſſen Be—
wohner durch freundliches Entgegenkommen zu gewinnen, die
Srafaner aber durch Beſtechung und fcheinbare Nachgiebigfeit;
es iſt beffer, fagte er, ihnen jeden Tag einen andern Statthalter
zu geben, als 100,000 Schwerdter aus der Scheide zu loden.
Die Syrer, fügte er ferner, pflege wie deinen Augapfel,
denn auf ihren beruht deine Macht. Gebrauche fie gegen
deine Feinde, Laffe fie aber bald wieder in ihre Heimath zu-
rüdfehren, damit fie ihren Charakter nicht ändern ). Mua—
wia war mild, Flug, gejchmeidig, großmüthig, Tiebenswürdig
und was ihn bei feinem Volke befonders beliebt machte, be-
redt und freigebig. Er beſaß eine große Menfchenfenntni
und wußte die zu wählen und zu feffeln, die ihm am meiften
nügen fonnten, fo Amru Fon Aaß, der ihm Egypten gewann,
Dhahhak Ibn Keis, welder in Syrien allmächtig war, und
Zijad und fpäter deifen Sohn Ubeid Allah, welde Jraf und
Perfien im Zaume bielten. Dmar foll, ald ev auf feiner
Reife nah Syrien Muawia fab, gefagt haben: dieſer ift der
Kosru der Araber, und Mohammed, deffen Secretär er in
den lebten Jahren war: „wenn dir einft Herrichaft verliehen
wird, jo thue Gutes!” ?) An perfönlicher Tapferfeit und
Gewandtheit auf dem Schlachtfelde ftand er ſchon vermöge
feiner ungebeuern Gorpulenz Ali nad, eben fp an Entfchie-
benbeit des Charakters; die Kunft zu berrfchen verftand er
aber beſſer. Mag immerhin fein Recht an das Chalifat
beftritten werden, jo bat doch gewiß auch Ali dag Seinige
dur Unterftüßung des Aufruhrs gegen Othman verwirkt,
und es war feine geringe Aufgabe für Muawia, die freien
Söhne der arabifhen Wüfte, welche durch dieſe Empörung
1) Abd Almahafin.
2) Nawawi.
298 Fünftes Hauptftüd.
feit der zweiten Hälfte von Othmans Regierung wieder eine
gewilfe Unabhängigfeit und Selbftftändigfeit erlangt hatten,
aufs Neue, ohne, wie Mohammed und feine beiden erften
Nachfolger, fie auf Entfchädigung im Himmel verweifen zu
fönnen, an Gehorfam und Unterthänigfeit zu gewöhnen. Ohne
einen gefchiekten Lenfer, wie Muawia war, wäre wahrfchein-
fih das aufblühende Reich wieder in fich felbft zerfallen,
während es fo nicht nur auf feiner Höhe fich erhielt, fondern
noch an Macht und Ausdehnung gewann; denn ald Muawia
die Augen fchloß, herrſchte der Islam von der ſüdlichen Spige
von Jemen bis in das Herz yon Armenien und Kleinafien,
und von den Oxus- und Indusſtrömen bis nah Kairawan.
Daß er feinen Sohn Jezid zum Nachfolger beftimmt, mögen
ihm die Mufelmänner zum Verbrechen anrechnen, weil er
nicht dem Gefege gemäß gelebt, weil eine ſolche Beftimmung
gegen alles Herfommen war und weil unter Jezids Regie—
rung, freilich ohne feine Schuld, Hufein, der Enfel des
Propheten fiel. Für das Wohl des Staats war aber gewiß
eine folche Maßregel dringend nothwendig.
Sechſtes Hauptftüc.
3.31».
Jezids Rundfchreiben bei feinem Regierungsantritte. — Hufein
und Abd Allah Ibn Zubeir huldigen nicht. — Sie fliehen nach Mefka.
— Hufein fendet Muslim nah Kufa. — Sezid ernennt Ubeid Allah
Son Zijad zum Statthalter von Kufa, — Aufruhr in Kufa und Hin:
rihtung Muslims. — Hufeins Zug gegen Kufa. — Sein Tod in
der Ebene von Kerbela. — Abd Allah Ibn Zubeir laßt fih in Mekka
huldinen. — Sezids Gefandtjchaft an denfelben. — Der Statthalter
von Medina jendet Truppen gegen ihn und wird zurückgejchlagen.
— Aufruhr in Medina und Vertreibung aller Dmejjaden. — Jezids
Gefandtibaft nah Medina. — Muslimd Zug gegen Medina. —
Treffen bei Harra — Einnahme und Plünderung der Stadt Me:
dina — Hafind Zug gegen Mekka. — Belagerung von Mekka. —
Nachricht von dem Tode des Chalifen, — Unterhandlung zwifchen
Hain und Abd Aallah Son Zubeir. — Des Legtern Unthätigfeit
und Beihäftigung mit dem Wiederaufbau des Tempeld. — Zezids
Charafter.
Trotz allen trefflihen Vorkehrungen Muawia's, um fei-
nem Sohne den Thron zu fichern, fonnte diefer jedoch nicht
ohne Kampf feiner Derrihaft allenthalben Geltung verfchaffen.
300 Schftes Hauptſtück.
Muamwia batte wahrfcheinlih in feinem Alter, wo er felbft
wieder fich mit dem Himmel zu verfühnen fuchte, vergeffen,
dag Wortbruh und Meineid unter den Arabern fchon längſt
durch allerlei Sophismen gerechtfertigt wurden und minder
fündhaft ſchienen, als Wein trinfen oder ein Gebet zu ver-
nachläſſigen. Jezid, welcher während Muawia’s Krankheit
in Hawarin in der Nähe von Himß war, fandte, fobald er
in Damasf anlangte und feinen Vater todt fand, folgendes
Rundfchreiben an alle Statthalter des Reichs:
„Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, Allmilven.
Bon Fezid, dem Diener Gottes und Fürften der Gläubigen
an N. NR Muawia, einer der Diener Gottes, den Gott
durd Macht und Herrihaft geehrt, hat nad) göttliher Vor—
herbeftimmung gelebt und der Herr hat ſich zu der von ihm
feftgefegten Frift feiner erbarmt. Sein Leben war lobens—
werth und gottgefällig, und er ift in Tugend und Gottesfurcht
geftorben, drum laß ung von den Bewohnern deiner Statt:
balterfihaft, von den Bornehmen wie von den Geringen, yon
den Guten wie yon den Schlechten, aufs Neue huldigen und
Gehorſam und Unterwerfung ſchwören. Fordere dies mit
aller Kraft und geftatte feinen Verſchub!“ )
As diefes Rundſchreiben an Welid Ibn Otba, den
Statthalter von Medina gelangte, berieth er fi) mit feinem
Vorgänger Merwan Ibn Hafam über die befonders gegen
Hufein und Abd Allah Ibn Zubeir zu ergreifenden Maßregeln.
Merwan riethb ihm, Muawia’s Tod zu verheimlichen und diefe
beiden fowohl als Abd Allah Fon Omar ?) rufen zu laffen,
1) Tabarı ©. 39, der ed foaar in arabifher Sprache anführt
und nachher erft ind Türkiſche überfegt.
2) Von Ibn Dmar, der nicht Fehr gefährlih fchien, ift weiter
feine Rede mehr, nur bei Abd Almahafin lieft man, daß nac der
Flucht Huſeins und Abd Allah’s Ibn Zubeir, er fowohl als Abd
Allah Shn Abbas und Amru Son Zubeir, der nie mit feinem Bru—
der in freundlihem Verhältniſſe gelebt, Jezid huldigten. Ber Tab.
Jezid. 301
ſie ſogleich zur Huldigung aufzufordern und falls ſie ſich
weigern, ſie auf der Stelle hinrichten zu laſſen. Huſein,
welcher entweder ſchon von Muawia's Tod unterrichtet war,
oder durch die Einladung des Statthalter zu einer unges
wöhnlichen Zeit etwas Aebnliches ahnte 1), begab fi zwar
©. 40 wird aub Abd Errahman, der Sohn Abu Bekrs, genannt,
aber, wie ſchon erwähnt, war er um dieje Zeit ſchon todt und ift
wahrſcheinlich wegen feiner früheren Oppofition von einem unfundi-
gen Traditioniften auch hier eingejchoben worden.
1) Nah einer Tradition fagt Abd Allah Son Zubeir zu Hufein,
daß ihn die Einladung zum Statthalter, zu einer Zeit, wo er fonft
feine Audienz zu ertheilen pflegt, beunruhige, darauf antwortet
Hufein:-ih glaube, Muawia iſt todt, denn ich habe im Traume
feine Kanzel umgeftürjt und feinen Palaft in Flammen gefehen.
Sn diefem Falle, verjeste Abd Allah, werden wir gerufen, um Sezid
zu huldigen. Hufein erklärte dann, daß er dies nie thun würde,
theils wegen deſſen Laſter, theils weil Muawia feinem Bruder Hafan
geihmworen, daß nad feinem Tode das Chalifat auf ihn (Hufein)
übergehen würde. Daß Legteres eine reine Erdichtung Huſeins oder
eines ſchiitiſchen Autors iſt, verfteht fih von felbft. Wenn wirklich
Muawia dem befiegten und verlaffenen Hafan noch Zugeſtändniſſe
gemacht, jo waren fie doch eher zu feinen und feiner Wahfommen Guns
ften, als zu Gunften Huſeins, und warum machte diefer jenes Vers
fpreben nicht fehon bei Lebzeiten Muawia's geltend? Nach einer
andern Tradition begegnete Abd Allah Son Zubeir dem Abd Allah
Son Saad, der gerade von Damasf fam und den er trog feinem
verhüllten Gefihte doch erkannte, weil er in Afrifa unter ihm ge-
dient. Diefen fragte er nah dem Befinden des Chalifen und als
er feine Antwort erbielt, fragte er: ift er etwa todt? Als Abd Allah
Son Saad noch immer ſchwieg, zmweifelte Abd Allah Son Omar nicht
mehr an Muamia’s Tod, er lief Daher zu Hufein, um fib mit ihm
zu beſprechen und traf dann die nöthigen Anftalten zur Flucht. Gegen
diefe Tradition, welche Quatremere (a. a. D. ©. 3233) aus Makriſi
und Tafı Eddin anführt, ift zu bemeifen, dag Abd Allah Sbn Saad,
nab Nawawi ©. 347, im $. 86 oder 37 ſchon ftarb, nur eine Tra:
dition, die er aber für falſch erklärt, jest feinen Tod in das J. 59
(oll vielleiht 39 heißen ?). Als Milchbruder des Chalifen Othman,
der im 5. 36 in einem Alfter von etwa 80 Sahren ftarb, und als
Mohammeds Sefretär vor der Eroberung von Mekka, mußte er
302 Sechſtes Hauptſtück.
in Welids Palaſt, ließ aber fünfzig Mann aus ſeinem Ge—
ſchlechte, mit Waffen unter ihrem Gewande, um den Palaſt
umherſtreifen, damit ſie, auf ein gegebenes Zeichen, herbei—
eilen, um ihn gegen Gewalt zu ſchützen. Als Huſein vor
Welid erihien, las ihm diefer Jezids Nundfchreiben vor, fo
wie noch einen befondern Brief, in welchem ihm befohlen
ward, unverzüglich Hufein, Abd Allah Ibn Zubeir und Abd
Allah Fon Omar zur Huldigung anzuhalten Y. Hufein gab
eine ausweichende Antwort, nach einigen Berichten verſprach
er am folgenden Morgen öffentlich in der Mofchee den Eid
der Treue zu ſchwören, nad andern gemeinfchaftlicdy mit feinen
beiden Freunden Abd Allah Fon Zuberr und Abd Allah Ibn
Dmar?). Vergebens rieth Merwan dem Statthalter Welid,
Hufein nicht von der Stelle zu laffen, bis er gehuldigt, Welid
traute Hufeins Berfprechen, oder fcheute fi, den Enfel des
Propheten umbringen zu laſſen, und fo fehrte er, nach einem
heftigen Wortwechfel mit Merwan, in feine Wohnung zurüd,
Abd Allah Fon Zubeir ftimmte entweder Hufein, in feinem Ver—
langen am folgenden Tage zu huldigen, bei, oder, was wahr:
ſcheinlicher ift, erfchien gar nicht vor Welid, fondern fandte
feinen Bruder Amru, der als Anhänger der Dmejjaden bes
fannt war, und als folcher fi) auch fpäter bewährte, zu ihm,
um die Erlaubnig zu erhalten, erft am folgenden Morgen
ihm feinen Beſuch abzuftatten 3). Dieſe Friſt benützte er
a
übrigens im J. 60 d. 9. jedenfalls viel zu alt fein, um als Jezids
Schnellbote von Damasf nah Medina gebraucht werden zu können,
denn hier Fam es doch darauf an, den Statthalter von Muawia's
Tod zu unterrichten, bevor er auf anderem Wege bekannt werden
fonnte.
1) Tab. ©. 40 und Abd Almahafin.
2) Grfteres findet fih bei Abd Almahafin, Letzteres bei Tab.,
der auch hier wieder Abd Errahman hinzufekt.
3) Tab. berichtet gar nichts Näheres über Abd Allah Ibn Zu-
beir, fondern fagt nur, daß er in der Nacht nad Hujeins Unter—
redung mit Welid mit ihm entfloh. Bei Abd Almahafin lieſt man:
Jezid. 303
ſowohl als Huſein zur nächtlichen Flucht nach Mekka, wo ſie
unter dem Schutze des heiligen Tempels und in größerer
Entfernung von Syrien, Sicherheit und einen paſſenden Ort
zu weitern Unternehmungen zu finden hofften. Welid ſah am
folgenden Morgen zu ſpät ein, daß er Merwan's Rath hätte
befolgen ſollen, denn da ſie auf Umwegen die Reiſe nach
Mekka machten, konnten die ihnen auf der gewöhnlichen Straße
nachgeſandten Reiter ſie nicht auffinden, und Amru Ibn Said
Alaſchdak, der damalige Statthalter von Mekka, ließ ſie ganz
ungeſtört in dieſer Stadt leben. Kaum hatten aber die un—
ruhigen und wankelmüthigen Kufaner, unter denen Ali's Ge—
ſchlecht viele Anhänger zählte, die, wenn auch nicht Gut und
Leben, doch Zunge und Feder für daſſelbe einſetzten, von Hu—
ſeins Widerſtand und glücklichem Entkommen gehört, als ſie
ihn einluden, ſich in ihre Mitte zu begeben und ihm ver—
ſprachen, ihn als Chalifen zu proclamiren. Er erhielt vier
„zu Abd Allah Ibn Zubeir ward mehrmals geſchickt, um ihm zum
Statthalter zu rufen, aber er erjchien doch nicht, endfich erhielt er
von Welid die Erlaubniß, erft am folgenden Tage zu kommen, aber
in der Nacht entfloh er mit feinem Bruder Djafır nad) Mekka.
Da man dann den ganzen folgenden Tag beichäftigt war, ihn auf:
zuſuchen, vergaß man an Hufein und fo gelang es auch) diefem, in der
zweiten Nacht zu entweichen.“ Obſchon ich gern glaube, daß Abd
Allah nur an fih dahte und Hufein feinem Schickſal überlief, ift
mir doch nicht wahrſcheinlich, daß diefer erft in der zweiten Nacht
entfloh, denn nadı Abd Allah’s Flucht mußte man ihn doh nur um
jo ftrenger bewahen. Die Tradition, der zufolge Abd Allah auch
vor Welid erfbien, ift wieder aus Makriſi Ca. a. O. ©. 329), Abd
Allah foll vor Welid gejagt haben: Wenn ich jest huldige, fo wird
Sezid glauben, ich fet gezwungen worden, und meine Unterwerfung
wird ihn nicht fehr freuen. Warte lieber bis morgen, wenn das
Volk verfammelt ift, daß meine Huldigung mit gebührender Feier:
lichkeit ftatt finde Merwan glaubte natürlib dieſe heuchleriiche
Rede nicht und es foll fogar zu Thätlichfeiten zwifhen ihm und
Abd Allah gefommen fein. Mir ift aber wahrfceinlicher, daß Abd
Alah es gar nicht wagte, vor Welid zu erfcheinen, und nur Hujein
vorſchob.
304 Sechſtes Hauptftüd
Boten nad einander und der legte war Leberbringer eines
Schreibens, welches fo viele Unterfchriften enthielt, daß fie
einen Raum von 150 Blättern einnahmen . Huſein theilte
die empfangenen Briefe feinem Better Abd Allah Jon Abbas
mit, welder ihn an die ZTreulofigfeit der Jrafaner gegen
feinen DBater und feinen Bruder erinnerte, und vor einem
fo gefährlichen Schritte warnte.
Der fchlaue und ehrfüchtige Abd Allah Fon Zubeir aber,
der wohl einfab, daß, fo lange Hufein in Mekka fih aufhalte,
er nur eine untergeordnete Rolle fpielen könnte 2), beftärfte
1) Abd Almahafin.
2) Es heißt bei Masudi f. 254: Abd Allah Ibn Zubeir freute
fih, als Hufein die Abfiht zeigte, fih nach Kufa zu begeben und
fagte ihm: wenn ih in Kufa jo viele Freunde hätte wie du, fo
würde ih auch bingeben, um jedod feinen Verdacht zu erregen, feste
er hinzu: „ziehſt du indeffen vor, hier zu bleiben, jo huldigen wir
dir hier.” Dann f. 238: Abd Allah Son Zubeir heuchelte eine voll
kommene Gleihgültigfeit gegen alles Weltliche trog feiner unerſätt—
lihen Habgier und Herrſchſucht. Ber Abd Almahafin heißt es: Hu—
fein’s wahre Freunde riethen ihm, Meffa nicht zu verlajfen, aber
Abd Allah Son Zubeir wünſchte, dag er Meffa verlafe, weil er
dann felbft eher hoffen Eonnte, zur Herrichaft zu gelangen. Nach.
andern Quellen bei Quatremere (a. a. D. ©. 329) jagt Hufein felbft
von Abd Allah: »Voila un homme qui ne desire rien tant au monde
que de me voir quitter le Hedjaz; car il sait fort bien qu’il ne pour-
rait lutter contre moi dans l’opinion publique, et il espere que mon
depart lui laissera le champ libre.« Ferner faat Abd Allah Ibn Abbas
zu Hufein: »Si tu quittes le Hedjaz tu vas combler de joie le fils de
Zobair, car tandisque tu es iei personne ne le regarde,« und zu Abd
Allah Ibn Zubeir ſelbſt, als Hufein abreifte: »Sois tranquille et sa-
tisfait, o fils de Zobeir.«e Dann recitirte er den Vers: »O Alouette
de Moammer, l’air est libre pour toi; ponds, gazouille et bequette tant
que tu voudras. Voila Hosein qui part pour l’Jrak et qui Vabandonne
le Hedjaz.« Abd Allah Son Zubeir verdient demnach die Lobſprüche
nit, welde ihm andere muſelmänniſche Autoren und nad ihnen
auch fonft fehr vorfihtige europäiſche Hiftorifer jvenden. Was aber
dann Quatremere, ich weiß nicht nach welcher Quelle, ald Grund für
Hufein’s Abreije anführt, iſt gewiß nur eine fpätere, nach der Ber
Jezid. 305
Huſein in ſeinem Vorhaben, ſich an die Spitze der Kufaner
zu ſtellen, und offen gegen Jezid um die ſeinem Vater durch
Liſt entriſſene Gewalt zu kämpfen. Die Vorſtellungen Abd
Allah's Ibn Abbas, welcher die Abſicht Abd Allah's Ibn
Zubeir wohl durchſchaͤute, bewogen jedoch feinen Vetter Huſein,
noch einige Zeit in Mekka zu bleiben und vorher einen an—
dern Vetter, Muslim Ibn Akil, nach Kufa zu ſenden, um
die Stimmung des Volks zu ergründen. Muslim fand in
der That viele, mitunter ſehr angeſehene Männer, welche ſich
bereit erklärten, Huſein als Chalifen anzuerfennen. Seine
Anweſenheit in Kufa, fo wie der Zweck derfelben, blieb aber
nicht Tange ein Geheimniß. Zwar verhielt fih Nu'man Jon
Beihir, damals Statthalter von Kufa, entweder aus Furcht
vor einer offenen Empörung, oder aus Gleichgültigfeit gegen
die Dynaftie der Omejjaden ganz paſſiv D, fobald aber Jezid
lfagerung von Meffa erdichtete Cage. Gr foll nämlich, ald man in
ihn drang, in Mekka zu bleiben, gejagt haben: »J’ai entendu dire A
mon pere qu'il doit paraitre ieci un belier qui causera la violation des
privileges dont jouit cette ville sainte; or je ne voudrais pas éêtre ce
belier.a Dann wieder: »Par Dieu! si je dois &tre egorge, j’aime
mieux que ce soit ä un palme de cet edıfice que dans son interieur,
et Jaime mieux que ce soit ä la distance de deux palmes que d’un
u. f. mw.“
1) Ber Abd Almahafin heißt es: Nu'man Son Beihir erklärte
auf der Kanzel: Sch bin von allem unterrichtet, was unter euch
vorgeht. Sch werde jedoch die Feindjeligkeiten nicht eröffnen, ich
werde Miemanden, fo verdächtig er auch fein mag, im Schlafe ftö,
ren, aber bei Gott! brechet ihr euern Eid, dann foll euch mein
Schmwerdt zühtigen u. f. mw. Bei Tab. ©. 40 fümmt ein gemiifer
Abd Allah Son Muslim zu Nu’man, am dritten Tage nah Mus:
lim's Anfunft und rathet ihm, diejen gefangen zu nehmen und Sezid
zu ſchicken. Nu'man aber, heißt es dann, weldher einer der Ge:
fährten des Propheten war, fagte: fo lange fie ım Stillen
confpiriren, fteht es mir nicht zu, die Sache zu veröffentlichen, treten
fie einmal offen heraus und erflären mir den Krieg, dann werde ich
ihon wiſſen, was ih zu thun habe. Abd Allah Son Muslim er
—* 20
306 Sechſtes Hauptftüd.
von dieſen Umtrieben Kunde erhielt, ward Nu’man entjett
und der uns fchon befannte Uberd Allah Ibn Zijad erhielt
den Befehl, die Statthalterihaft von Baßra, wo ebenfalls
fhon im Stillen für Hufein geworben ward, feinem Bruder
Dihman zu überlaffen und ſich ſelbſt, zur Unterdrückung der
Verſchwörung, nah Kufa zu begeben. Nachdem Ubeid Allah
für die Erhaltung der Ruhe in Baßra durch Gefangennahme
der Emiffäre Hufein’s und feiner Anhänger gejorgt hatte,
brach er mit Truppen gegen Kufa auf, ging aber dann, nur
von zehn Mann begleitet, voraus. Als er mit verhülltem
Gefichte I) in der Abenddämmerung in die Stadt Fam, ward
er — zuerft wahrfcheinlih von Leuten, welche er, um bie
Öffentliche Meinung zu prüfen, dazu aufgeftellt 2) — als Hu—
fein bewillfommt und son Manchen eingeladen, bei ihnen
einzufehren. Ubeid Allah erwiederte, doch ohne fih aufzu-
halten, die Begrüßungen der Freunde Hufein’s, welche dieſen
damals fchon erwarteten, und ging geradezu nad) dem be—
feftigten Schloffe oder der Burg des Statthalters ?). Nu’man
ftattete dann Sezid davon Bericht und Elagte Nu'man des Einver:
ftändniffes mit den Freunden Hufein’s an.
1) Masudi f, 283. Tab. ©. 41.
2) DBielleiht hatte Hufein auch mit den Verſchworenen verab-
redet, daß er mit verhülltem Gefichte und von zehn Mann begleitet
einziehen würde und UÜbeid Allah dies durch feine Spione wieder
erfahren, ſonſt läßt fi diefe Täuſchung nicht gut erklären.
3) Abd Almahafin und Tab. a. a. D. Bei Erfterm heißt es;
„Wbeid Allah brach mit einem Heere von Bafra auf, bei welchem
auch Scarif Ibn Amar an der Spike von 500 Mann war. Diefer
verließ ihn unterwegs und hoffte verfolgt zu werden, damit Hufein
inzwiihen Zeit gewinne, fich der Stadt Kufa zu bemächtigen, aber
Ubeid Allah hielt fi feinetwillen nicht auf, fondern ging geraden
Meges nad Kufa, wo er für Hufein gehalten ward, bis er fih vor
Nu'man's Burg zu erfennen gab.“ Bei Tab. heißt es: „Ubeid Allah
309 mit Truppen gegen Kufa, als er aber nach Kadefia fam, ging
er mit zehn Mann voraus nad Kufa, verhüllte ſich das Gefiht mit
Jezid. 307
Ibn Beſchir ließ, in der Meinung, Huſein käme, von einem
großen Volkshaufen begleitet, um ſich des Sitzes der Regie—
rung zu bemächtigen, ſchnell die Thore ſchließen. UÜbeid Allah
rief: Öffne, daß der Enkel des Propheten einziehe! Nu'man
antwortete aber: „Kehre um und fteige nicht bier ab, ich fehe
deinen Untergang voraus und möchte nicht, Daß es hieße,
Hufein, der Sohn Ali’s, ift in Nu'man's Schloß umgebragt
worden 2). est nahm Ubeid Allah das Tuch vom Gefichte
und fobald er ſich zeigte, zerftäubte jih das Volk, während
Nu'man ibm ehrerbietig entgegen fam und die Thore des
Schloffes öffnete. Am folgenden Tage prebigte er vor einer
großen Volksmenge in der Moschee und fagte unter Anderm 2):
„Der Fürft der Gläubigen hat mich zu euerm Statthalter
ernannt und mir befohlen, dem Unterdrüdten Recht zu ver:
fhaffen, dem Schwachen gegen den Starfen beizuftehen, die
Getreuen zu belohnen, die Widerfpenftigen aber zu züchtigen.
Ich werde diefer Werfung nachfommen, die Gehorfamen wie
ein Vater lieben und fhüsen, die Rebellen aber mit Stod
und Schwert zurechtweilen. Zum Schluffe forderte er dann
noch, mit Todesftrafe und Gütereinziehung drohend, Die Ges
treuen auf, alle ihnen befannten Rebellen, welche Hufein ge-
Huldigt, anzugeben. Als Muslim von der Ankunft und den
energifhen Maßregeln Ubeid Allah's in Kenntnig gefegt ward,
begab er fi heimlich in das Haus Hani's Ibn Urwa, wel-
cher einer der eifrigften Freunde Hufein’s war und troß der
bevorftehenden Gefahr ihn doch bei fih aufnahm ?). Ubeid
einer Kopfbinde und hielt in der Dämmerung feinen Einzug, fo daß
die Kufaner, welche Hufein erwarteten, Ubeid Allah für Hufein
hielten.“
DD) Tab. ebendaf.
2) Abd Almahafın.
8) Tab. ebendaj, und Abd Almahafin. Diefem zufolge war er
zuerft in dem Haufe Muchtar’s verborgen, welcher ein Sohn des
berühmten Zeldherrn Abu Ubeid war, der im Kriege gegen Die
207,
308 Sechſtes Hauptſtück.
Allah brachte indeſſen durch einen ſeiner Spione, welcher ſich
ſelbſt für einen Schiiten ausgab, und fo nach und nad) in
ihre Geheimniſſe eingeweiht ward, bald heraus, daß Muslim
in Hani's Haus verborgen und daß er dort mit ſeinen An—
hängern heimliche Zuſammenkünfte halte. Hani ward geru—
fen ) und als er, nach mehrern vergeblichen Ausflüchten, end—
lich erſcheinen mußte, überhäufte ihn Ubeid Allah mit Vor—
würfen und Schmähungen. Hani geſtand zuletzt ein, daß
Muslim in feinem Hauſe ſich aufhalte, betheuerte aber, daß
er ihn nicht als Verſchworenen aufgefucht, fondern nur, den
Pflichten der Gaftfreundfchaft gemäß, als Schusbedürftigen
aufgenommen, Ubeid Allah verlangte Muslim’s Auslieferung
Perſer von einem Glephanten zertreten ward. Nicht wie bei H. ©.
Hammer (Gemäldefaal I. ©. 73) „der Sohn Obeide's, des unter
der Regierung Omar's auf dem Feldzuge in Syrien von einem
Glephanten zertretenen Erobererd Syriens.“ Sch würde hier eben
fo wenig als an vielen andern Drten, wo meine Angaben von denen
des H. v. Hammer abweichen, denfelben anführen, wenn er nicht
felbft in einer Mote bemerkte: „nicht dans un des combats, livres
aux Persans, wie es in der Biographie Abd Allah Ben Sobeir's im
Journ. Asiat. heißt; IX. ©. 424.” 9. v. Hammer felbit ſchreibt ja
(Gemäldefaal I. ©. 272), daß Ebu Obeide, der Groberer Syriens
an der Veit von Amwas ftarb, und ©. 280, daß der perfijche Feld-
herr Ebu Obeide unter den Füßen eines Glephanten zertreten wor:
den. Letzterer hieß indejfen nicht Obeide, fondern Ubeid oder Obeid,
und war auch nicht „einer der großen Jünger des Propheten“, wie
H. 9. Hammer a. a. DO. ©. 279 glaubt. Vergl. Tab. ed. Kofegar:
ten II. ©. 180. So ſchreibt auch 9. v. 9. (a. a. D. ©. 238) Ebu
Beer, der Sohn Ebi Kahafas und jest in einer Note hinzu: „nicht
Kohafa’s, wie bei den europäifchen Gefcichtichreibern bisher irrig,“
während es im Kamuß ausdrüdlich heißt: „Kohafa“ lautet wie „Tho—
mama“ und bei legterem Worte angegeben ift, daß der erfte Buch:
ftabe mit „Dhamma“ (o oder u) zu leſen ift.
1) Nah Abd Almahafin bejuhte ihn Ubeid Allah zuerft in
feiner Wohnung. Hani's Freunde lijpelten ihm zu, diefe Gelegenheit
zu ergreifen, um Ubeid Allah aus der Welt zu jchaffen, aber vie
arabiihe Gaftfreundfchaft fiegte über den politifchen Parteigeift.
Jezid. 309
und da Hani ſich ſtandhaft weigerte, die Schmach auf ſich zu
laden, ſeinen Gaſt in die Hand ſeines Verfolgers zu liefern,
ward er thätlich mißhandelt und in einen Kerker geworfen.
Sobald ſich aber die Nachricht von Hani's Einkerkerung in
der Stadt verbreitete, verſammelten ſich ſeine Stammgenoſſen,
etwa 2000 an Zahl, vor dem Schloſſe des Statthalters und
zu dieſen geſellte ſich bald Muslim ſelbſt mit vielen ) von
denen, welche Huſein als Chalifen anerkannt hatten, fo daß
Uberd Allab, der nur eine geringe Mannfchaft bei ſich hatte 2),
genöthigt war, binter den Mauern feiner Burg Schuß zu
fuchen. Statt dieſe zu erftürmen oder in Brand zu fteden,
erging fich aber die verfammelte Volfsmaffe in leere Schmä—
bungen gegen den Statthalter und den Chalifen. So ging
der erfte Augenblid der Aufregung, in welchem die -Herrichaft
Jezid's in Irak hätte geftürzt werden fünnen, unbenüßt vor—
über und es gelang Uberd Allah dur die Vermittlung ein-
flugreiher Männer, die bei ibm eingefchloffen waren, bald
ivieder, die Mifvergnügten theils durch Ueberredung und Be-
ftehung, theils durch Drohungen zu befänftigen, fo dag von
den Tauſenden, welche fi um Muslim zufammengerottet hat-
ten, nur noch 30 bei ihm aushbarrten und er abermals ein
Obdach fuhen mußte, das ihm nad) langem Flehen endlich
eine arme Wittwe aus dem Stamme Kinda gewährte. Aber
1) So bei Abd Almahafin. Wie viele fih Muslim anfchloffen,
wird nicht gejagt, jondern nur, daß ihm bereits 12000 oder nad
Andern 18000 Mann geichiworen hatten, Huſein als Chalifen anzu—
erfennen. Sie waren aus den Stämmen Kinda, Aſad, Hamadan
und Tamim. Hani gehörte dem Stamme Muddjih an. Abulfeda
S. 884 gibt die Zahl derer, die Muslim gehuldigt, auf 28 oder
30,000 an. ‘
2) Nah Abd Almahafin außer feinem Hausgefinde und feinen
Sklaven, zwanzig der vornehmften Bemohner Kufa's und 30 Mann
Wache. Bei Abulfeda a. a. D. ift eine Lücke, denn daß Ubeid Allah
allein im Schloſſe geblieben und die einziaen 80 Mann, die er bei
fih hatte, unter den Haufen jchiekte, ift doch nicht anzunehmen,
310 Sehftes Hauptſtück.
ihr eigener Sohn, verführt durch den Preis, welcher auf
Muslim's Kopf geſetzt ward, verrieth ihn und Ubeid Allah,
welcher inzwifchen alle Getreuen bewaffnet hatte, fandte ſo—
gleich 70 Mann, um ihn gefangen auf das Schloß zu brin-
gen, wo er fowohl als Dani (September 680) hingerichtet
wurden 3).
Bon diefen traurigen Vorfällen erhielt Hufein, welcher
gleich) nad) dem erften günftigen Berichte Muslims mit feiner
ganzen Familie und vielen Freunden gegen Rufa aufgebrochen
war, erft Kunde, als er fhon in Kadefia I) anlangte, Er
1) Ich bin hier dem ausführlihen Berichte Abd Almahaſin's
gefolat, welcher noch hinzufegt, dag Muslim eine hartnäcdige Gegen:
wehr leiftete, und man gendthigt war, das dürre Zuderrohr, Das
auf der Terraſſe lag, in Brand zu ſtecken, um ihn aus dem Haufe
zu vertreiben, in welchem er Zuflucht gefunden und auch dann foll
er fich erft ergeben haben, ald Mohammed Ibn Alaſchath, der Haupt:
mann der gegen ihn gefchieften Soldaten, ihm fein Reben verbürgte,
worauf jedoch Ubeid Allah Feine Rücficht nahm. Als er vor 1beid
Allah meinte, fagte ihm dieſer: das ift eine Schande für einen
Mann, der ſich in ſolch gefährliches Unternebmen einläßt. Darauf
antwortete er: ich weine nicht meinetwillen, fondern Hujein’s willen,
der mein Schieffal theilen wird. Wach Tabari ſcheint Ubeid Allah's
Lage nicht jo gefährlich geweſen zu fein, er berichtet ganz Furz:
„Ubeid Allah fagte zu Hani Son Urwa: ich habe vernommen, daß
Muslim Son Akil in deinem Haufe verborgen tft, bringe ihn her!
As Hanı dies läugnete, ließ ihn Ubeid Allah feftnehmen und fandte
Leute in fein Haus, welche Muslim auffuchten und in die Burg
brachten. Ubeid Allah ließ Beide einfperren. Als dies in Kufa be:
fannt ward, fammelten fi 2090 Mann vor dem Thore der Burg,
um die Gingeferkerten-zu befreien. Ubeid Allah ließ fie hinrichten
und warf ihre Köpfe zur Burg hinab unter das Wolf, worauf die
Maſſe beftürzt aus einander ging.“
2) Masudi f. 234. Nah Tab. ©. 42 drei Milien vor Kadeſia,
nach Abb Almahafin fhon in Thalabija. Eine Karawane, der er
auf dem Wege begegnete, welche die Steuern von Jemen nad)
Damask bringen follte, hielt er fich als künftiger Chalife für be—
rechtigt, auszuplündern. Der Dichter Farasdaf, der kurz vor Mus:
Jezid. 311
wollte ſogleich wieder umkehren, aber Muslims Verwandte
forderten Rache und hofften, daß bei ſeinem Erſcheinen ſich
die ganze Stadt gegen Ubeid Allah erheben würde. Huſein
mochte, wie manche andere Thronprätendenten, ſich derartigen
Hoffnungen hingegeben haben, denn er ſetzte ſeinen Weg gegen
Kufa fort, aber alle Araber, die ſich ihm unterwegs ange—
ſchloſſen hatten, in der Meinung, Kufa habe ſchon Jezids
Herrſchaft abgeſchüttelt und Huſein zum Chalifen proclamirt,
verließen ihn und bald nachher fand er ſich, im Angeſichte
des Feindes, nur noch von ſeiner Familie und den wenigen
Mekkanern I) umgeben, die ihn auf feinem Zuge begleitet
hatten. Uberd Allah war nämlich, wie oben fchon berichtet
worden, den von Bafra mitgenommenen Truppen, von Ka—
defia aus vorangeeilt und hatte fie auf dem Wege von Meffa
nah Kufa vertheilt, um alle Bewegungen Hufeins zu beob:
achten und feine Verbindung mit den Kufanern abzufchneiden,
Einer Abtheilung diefer Truppen war e8 gelungen, den Bo—
ten aufzufangen, welcher den Rufanern von der Ankunft Hu—
feins Nachricht geben follte 2). Durch diefen warb Ubeid
lim's Tod Kufa verlaffen hatte und den er nad) der Stimmung der
Rufaner fragte, antwortete ihm, nad Abd Almahafin: „Shr Herz
ift mit dir, ihr Schwerdt aber mit den Omejjaden,“ nad Tab, hin:
gegen: „Das Volk erwartet did, doch wiſſen wir nicht, was Gott
beſchloſſen.“
1) Es waren nach Tab. 40 Reiter und 100 Mann zu Fuß, nad)
Abulfeda ©. 3590 blieben nur 32 Reiter und 40 Mann zu Fuß bei
ihm, eben fo bei Abd Almahafın. Nach Elmafin 50 Reiter und
100 Mann zu Fuß. Finden aber über folhe Eleine Zahlen fo ver:
fhiedene Angaben ftatt, was ift von den größern runden Zahlen
zu halten, die wir bei den Truppen UÜbeid Allah’s finden? Nach
Elmafin 5. B. wären Hufein nad und nad nicht weniger ale
10,000 Mann von Kufa aus entgegengejhidt worden, wo waren
aber diefe Truppen, als Ubeid Allah mit 30 Mann in feiner Burg
belagert ward ??
2) Abd Almahafin. Sein Name war Keid Son Muzhir und
der Dffizier, der ihn anhielt, hieß Hafin Son Tamim. Der Bote
ward hingerichtet, weil er fich weigerte, Hufein zu verfluchen.
312 Sechſtes Hauptſtück.
Allah von Allem genau unterrichtet und ſtatt der Freunde der
Haſchimiten, welche Huſein entgegenziehen ſollten, ſandte er
4000 den Omejjaden ergebenene Soldaten gegen Kadeſia mit
dem Befehle, Hufein ald Gefangenen oder als Leiche nad)
Kufa zu bringen. Den Oberbefehl über vdiefe Truppen gab
Uberd Allah, deſſen Anwefenbeit in der Stadt wahrfcheinlich
dringend nothwendig war, dem Sohne des Eroberers von
Madain Amru Fon Saad, dem er zum Lohne für diefen
Dienft die Statthalterfchaft von Rei verfprah I). Ein ge
wiffer Hurr Ibn Fezid, welcher die Vorhuth dieſes Fleinen
Heeres befehligte, bemitleidete entweder den unglüdlichen ver-
blendeten Hufein, und rieth ihm fchnell umzufehren und von
der Straße abzulenfen, um nicht in das Schwert des nach—
folgenden Amru Ibn Saad zu fallen), oder war zu fhwad,
1) Abd Almahafin und Tab.
2) So bei Tab. ©. 42, welcher dann aub ©. 44 wie Elmakin
©. 51 Hurr für Hufein kämpfen laßt, bis ihn Amru Ibn Saad
tödtet. Nah Abd Almahafin aber läßt Hurr aleih Hufein um:
zingeln und vom Waſſer abfchneiden und berichtet ed an UÜbeid Allah.
Am folgenden Tage fam dann Amru mit 4000 Mann u. j. w. Es
ift fchwer zu ermitteln, welhe von beiden Quellen die Wahrheit
angibt, doch hat der Beriht Abd Almahafin’s das gegen fih, dag man
nicht begreift, wenn ſchon Hurr den Hufein gewiſſermaßen einſchließt
und bei Ubeid Allab anfragt, ob er darauf beſtehen foll, Hufein
nab Kufa zu bringen, warum dann Amru noch einmal anzufragen
braudbt, da doch gewiß Ubeid Allah gleih den beftimmten Befehl
ertheilte, Huſein lebendig eder tod nah Kufa zu bringen. Ganz
dunfel und unmahricheintich it Abulfeda's Bericht, demzufolge Hurr
dem Hufein faat: er habe Befehl, ihn nah Kufa zu bringen, dann
aber ein Schreiben von Ubeid Allah erhält, nach welbem er ihn an
einen wajferlofen Platz führen fol. Noch unbegreifliber ift, dag
Hufein ſchon am 2. Muharram eingefchloffen und am 10. erft an:
gegriffen wird, mährend doch ein Bote recht gut in einem Tage
von Kerbela nab Kufa und zurüc reiten fann. Und wie fonnte
Hufein mit feinen Leuten acht Tage ohne Waffer leben? Ohnehin
ift noch zu bemerken, daß der 2. Muharram nicht ein Donnerftag,
und der 10, nicht ein Freitag war, wie die meiften arabifchen Quellen
Jezid. 313
um ihn anzugreifen. Huſein, welcher mit ſeiner zahlreichen
Familie, die er ebenfalls gegen den Rath ſeines Vetters Abd
Allah Ibn Abbas gleich mitgeſchleppt, nicht leicht eine Rück—
kehr durch die Wüſte bewerkſtelligen konnte, zog ſich in die
Ebene von Kerbela nach dem Euphrat hin. Am folgenden
Morgen, nach andern Berichten noch an demſelben Tage,
ward er jedoch von den Truppen Amru Ibn Saads, den
vielleicht einer von Hurrs Leuten ſchnell von allem unterrichtet
hatte, eingeholt. Amru ging dann auf ihn zu und forderte
ibn auf, ſich zu ergeben. Huſein erbot ſich, Jezid anzuer-
kennen und auf immer allen Anſprüchen auf das Chalifat zu
entſagen, verlangte aber, daß ihm geſtattet werde nach Mekka
zurückzukehren, um daſelbſt in der Nähe des Tempels ſein
Leben zu beſchließen, oder ſich zu Jezid nach Damask zu
begeben, wo er begnadigt zu werden hoffte, oder endlich nach
irgend einem Grenzpunkte des Reichs, um an dem Kriege
gegen Ungläubige Theil zu nehmen. Amru berichtete dies
an Ubeid Allah und erbat ſich neue Inſtruktionen. Ubeid
Allah, der entweder von Jezid den Befehl erbalten, Huſein
zu tödten oder ſelbſt einſah, daß, ſo lange Huſein am Leben,
annehmen, (noch eher ein Sonntag wie bei Chamis), denn der J. Muhar—
ram d. 5. 61 entſpricht dem 1, Oktober 680, der ein Montag war.
Wir fonnen daher mit Gewißheit jagen, daß fämmtliche Berichte
ungenau find, der wahre Hergang mag folgender gewejen fein: Hu—
fein wollte, als er bei Kadefia Hurr's Reiter anfichtig ward, fich
zurüdziehen, da aber fein Vorrath erſchöpft war, mußte er gegen
den Euphrat hin. Hure feste ihm nad, bald darauf kam aud
Amru Son Saad, welcher Hufein umging, fo daß er von beiden
Seiten in der Ebene von Kerbela eingejchloffen war, Nun began-
nen die lnterhandlungen, die aber nur ein Paar Tage dauerten,
Zu einem jo verzweifelten Kampfe waren vielleiht auch Amru’s
Truppen nody nicht zahlreih genug, weshalb Schumar noch Wer:
ftärfung aus Kufa bringen mußte, worauf Hufein enger umzingelt
ward und die Berbindung mit dem Euphrat verlor. Daß Huſein
erft nah Schumar's Ankunft vom Waſſer abgefihnitten worden, be:
rihtet auch Tab. ©, 48,
314 Schftes Hauptſtück.
Jezid's Thron ſchwankend bleiben würde, denn von der Un—
zuverläffigfeit von Hufein’s Schwüren und Berfpredhungen
hatte er bereits einen doppelten Beweis, wiederholte den
frühern Befehl, Hufein zu tödten oder nach Kufa zu bringen.
Da aber Amru’s Zaudern und nochmalige Anfrage ihm ſchon
mißftel, fandte er noch einige Truppen nad), unter der An—
führung Schumar’s Jon Aldjaufhan und trug diefem auf, an
Amru’s Stelle den Dberbefehl zu übernehmen, falls jener
den Angriff länger verfchieben ſollte. Schumar traf am
9. Muharram d. J. 61 (9. Dftober 680) im Lager ein.
Hufein ward vom Cuphrat abgefchnitten und abermals aufs
gefordert, dem Heere nah Kufa zu Ubeid Allah zu folgen.
Hufein fannte aber den Statthalter von Kufa als den grau-
famften Feind und Berfolger feines Geſchlechts und wußte
wohl, dag er ihn darum nicht geradewegd nad Damask
bringen laffen wollte, weil er entweder befürchtete, Jezid
möchte ihn begnadigen, oder durch feine Hinrichtung den Haß
der frommen Mufelmänner gegen fi) noch vermehren. Er
zog vor, auf dem Schlachtfelde zu fterben, als durch Ubeid
Allah’s Henker. Er erbat fih jedoch nod eine Nacht Be-
denfzeit, nach arabifchen Berichten nur in der Abfiht, feine
Begleiter zu bewegen, ihn allein feinem Schidfale zu über:
laffen und dur Unterwerfung ihr Leben zu retten. Cine
folde Schmach wollten jedoch die Meffaner, grüößtentheils
nabe Verwandte Hufein’s, nicht auf fih laden, Eben fo
wenig wollte diefer, als ein Araber ihm vorſchlug, er möchte
es verfuchen, fih auf feinem vortrefflihen Dromedare in der
Nacht durchzufchlagen, feine Freunde und feine Familie, die
er in eine folche Lage verſetzt, ſchmählich verlaffen 1). Uebri—
gens hoffte er auch noch immer, die Truppen würden fid
1) Tab, ©. 33. Sein Name war Dirmaf. Derfelbe berichtet
dann auch, daß Hufein im Traume Mohammed fah, weldher ihn
tröftete und ihm die Vereinigung mit ihm auf den folgenden Abend
vorherfagte. Als Hufein des Morgens feinen Traum erzählte und
Alle zu meinen anfingen, fagte er: weinet nicht, damit der Feind
Jezid. 315
ſcheuen, den Enkel ihres Propheten zu verletzen. Ehe er ſich
am folgenden Morgen zum Kampfe rüſtete, ſoll er ihnen von
ſeinem Kameele herab zugerufen haben: Wiſſet ihr denn nicht,
daß ich der Sohn Fatima's, der Tochter Mohammed's, bin
und Ali's, des erſten Gläubigen, dem der Prophet geſagt:
dein Fleiſch iſt mein Fleiſch und dein Blut mein Blut, und
den er die Pforte der Stadt der Wiſſenſchaft genannt? war
nicht Djafar , der Beflügelte, mein Oheim und Hamza 2),
der Herr der Märtyrer, meines Vaters Oheim? bin ich nicht
Haſans Bruder, von dem der Prophet geſagt: dieſer Jüng—
ling iſt der Herr aller Bewohner des Paradieſes? wenn ihr
Muſelmänner ſeid und zur Nation meines Großvaters gehört,
wie wollt ihr eure Feindſeligkeit gegen mich am Tage der
Auferſtehung rechtfertigen? was habe ich gegen euch begangen,
daß ihr euch für berechtigt haltet, mein Blut zu vergießen?
bin ich denn ein Mörder oder ein Räuber? O ihr Kufaner,
ich lebte zurückgezogen in Mekka, bis ihr mich ſchriftlich ein—
geladen, als euer Herrſcher in eure Mitte zu kommen, wollt
ihr euch Gottes Gnade und meines Großvaters Fürbitte er—
halten, ſo laſſet mich nach Mekka zurückkehren, denn ich ge—
lüſte nicht nach weltlicher Herrſchaft 2).“
nicht lache! Diefer Traum hielt ihn jedoch nicht ab, alles Mögliche
noch zur Rettung feines Lebens zu verfuchen.
1) Djafar fiel in dem Treffen bei Muta im 8. Sabre d. 9.
Mohammed, um deſſen Verwandte zu tröften, fagte ihnen: er habe
im Traume gejehen, wie Djafar im Varadiefe mit zwei Flügeln
aus Edelfteinen umbherfliege, welche ihm Gott ftatt der beiden Arme
geihenft, die er im Kampfe verloren. ©. Leb. Moh. ©. 206.
2) Hamza, ein Oheim Mohammed’s, fiel im Treffen von Ohod,
in der Nähe von Medina, im dritten Jahre d. H. und ward aufs
Grauſamſte verftümmelt. ©. ebdf. ©. 129.
3) Abd Almahafin und Tab. Bei Lesterm fagt er noch: „ver:
ehren doch die Chriften felbft den Staub unter den Füßen von
Chriſtus Ejel, und die Suden jede Spur, die ſich von Mofes erhal:
ten, wie wollt ihr, da ich doch bei unferm Propheten fo hoch ftand,
mein Blut vergiegen?“
316 Schftes Hauptſtück.
Die für Hufein fhwärmenden arabifchen Autoren führen
natürlich feine Widerlegung diefer Rede an, fondern blog die
Thatfache, daß fie ohne Erfolg blieb. Hufen war in den
Augen-der Truppen, welche für Jezid Fämpften, ein Dochver-
räther, der in Kufa und Baßra eine Verſchwörung angezettelt,
die bereits viel mufelmännifches Blut gefoftet, der aus Ehr—
geiz aufs Neue über fein Vaterland alles Unheil eines Bür-
gerfriegs bringen wollte, und der durch doppelten Wortbruch
fih der Begnadigung unmwürdig gezeigt. Darum fand auch
Amru's Befehl zum Angriff feinen Wiverftand, obgleih Hu—
fein fich zuleßt no, wie einft Muawia, durch an Stangen
geheftete Korane zu ſchirmen verfuhte 1). Indeſſen dauerte
doch der Kampf länger, als fich bei fo ungleicher Truppen-
zahl erwarten ließ, was wohl dadurch zu erklären ift, daß
wie gewöhnlich viele Zweifämpfe 2) dem allgemeinen Hand—
1) Abd Almahafin und Elmakin ©. 51.
2) Abulfeda erwähnt zwar nichts von Zmeifämpfen und Abd Almahafın
fagt ausdrücklich: „Huſeins Leute forderten mehrere zum Zweikampf
heraus, ihre Herausforderung ward aber nicht angenommen, fondern
der Feind griff fein Maffe an, lähmte ihre Pferde und trieb fie mit Pfeilen
zurück.“ Tabaris Bericht über diefes Treffen füllt mehrere Seiten
aus, ich will das Mefentliche hier mittheilen, obgleich der Anfang
“fchon zeigt, wie wenig Glauben er verdient.“ Ein gemilfer Abd Allah
trat zuerft aus den Reihen von Amru’s Truppen hervor und mollte
auf Hujein losftürmen, Diejer rief: o Herr! vernichte diefen Auch:
ofen! Sm Augenblick ftürjte der Reiter und blieb mit einem Fuße
am Steigbügel hängen, das Pferd aber lief fort und fehleppte ihn
nach bis er ganz zerfegt ward. Hierauf kömmt, wie fhon oben be:
richtet, Hurr zu Hufein und ftirbt an feiner Seite fechtend. Dann
folgen vier Zweitämpfe, die alle zu Gunften Hufeing enden. Amru
befiehlt dann einen allgemeinen Angriff, die Schügen treten vor,
tödten 20 Mann von Hufein’s Leuten und verwunden viele. Hufein
will felbft fein Pferd befteigen und auf den Feind losftürmen, aber
feine Freunde geben es nicht zu. Als die 140 Mann gefallen wa—
ren, fagte er: nun ift die Reihe an mir, Nocd waren aber feine
Jezid. 317
gemenge vorangiengen; denn obgleich das Gefecht ſchon am
Morgen des 10. Muharram (10. Oktober 680) eröffnet
ward, fiel doch Huſein ſelbſt erſt Nachmittags, und erſt auf
Brüder, ſeine Söhne und ſeine Vetter übrig, als er daher in die
Schranken treten wollte, kam ihm fein Sohn Alt der ältere zuvor.
Diefer drang zehnmal auf den Feind ein und ſtreckte jedesmal drei
oder vier Ruchlofe zu Boden. Als er ſich dann über Durft beklagte,
ſtreckte Huſein ihm feine Zunge hin. Ali ſog daran und ward neu be—
lebt; als er fih aber zum eilften Male in’d Schlachtgetümmel ftürzte,
erhielt er von hinten einen Schwerdtftreih, der ihn tödtete. Hier—
auf kämpfte ein Sohn und ein Enfel Akils, welche beide von Pfeilen
todtlich getroffen wurden. Nun ergriff ſogar Kaſim, ein zehnjühriger
Bruder Hufeins, das Schwerdt, und ward in Stüden gehauen. Seine
fünf Brüder dringen dann zumal auf den Feind ein und kämpfen
bis zum Tode. Jetzt ward auch Hufein’d Pferd von einem Pfeile
getroffen und zu Boden geftredt. Hufein blieb nun zu Kuß, der
brennenden Mittagshise ausgefest, ohne einen Trunk Waſſer, und
hatte dabei noch den Schmerz, daß ihm ein Kind, das noch in der
Wiege lag, auch getödtet ward. Als er nahe daran war, vor Durft
zu fterben, lief er an das Waſſer und wollte trinken. Amru rief
aber feinen Soldaten zu ihn nicht trinken zu laſſen, ed ward nad
ihm geſchoſſen und es blieb ein Pfeil in feinem Halfe ſtecken, den
er jedoch wieder herauszog. Amru wollte ihn tödten, aber er ver:
mochte es nicht, als Hufein ıhm in’s Geſicht ſah, doch befahl er fei:
nen Leuten, nicht länger zu faumen. Sie drangen auf ihn ein, aber
er tödtete mehrere von ihnen, fo dag Amru und Schomar, welde in
einiger Entfernung zufahen, über feine Tapferkeit und Kraft nach fo
vielem Blutverluft und bei Mangel an Waffer, erftaunten. Doch
zulest feste er fich ermattet hin, denn er hatte nicht weniger ald 34
Schmwerdt- und Lanzen: und 33 Pfeilmunden. Schomar fiel mit 6
Mann über ihn her, ein gewiſſer Dfurah drang mit dem Schwerdte
auf ihn ein und Hufein hatte nicht mehr die Kraft den Schlag ab:
jumehren, ein anderer ftah mit der Lanze nach ihm und Schomar
ſelbſt fchnitt ihm dann den Kopf ab. Hufein’s Zelt ward ausaeplün:
dert, Schomar wollte fogar Alt den Süngern, einen Sohn Hufeins,
der frank lag, tödten, aber Amru rettete ihn, obgleich jener behaup-
tete, Ubeid Allah habe befohlen, alle männlihe Nachkommen Ali's
zu tödten. Nun werden die Todten begraben, deren Schomar 88
318 Sechſtes Hauptflüd,
Schomars ausdrücklichen Befehl ward er mit Schwerbt und
Lanze angegriffen und getödtet, während bisher nur mit Pfei-
len gegen ihn gefhoffen ward. Die Meffaner opferten fich
alle für Hufein und follen dem Feinde, ehe fie fielen, 38,
nah andern fogar 85 Mann getödtet haben. Außer den
Freunden aus Meffa fielen auf Hufeins Seite vier feiner
Söhne, vier Brüder und mehrere Better, Söhne Akils und
Abd Allah's Fon Djafar. Die übrigen Frauen und Kinder
Hufein’s fandte Amru mit feinem Haupte an Uberd Allah,
der fie nach Damask bringen ließ. Was aus Hufeins Haupt
geworden, ift unbefannt, denn nur fein Rumpf ift in Mefchhed
Hufein (Drt von Hufeins Märtyrertod) begraben, wo noch
alljährlich am 10. Muharram ZTrauerfeierlichfeiten Statt fin-
den. Hufeins Familie ward aber von Jezid mit Schonung
behandelt und unflugermweije nad Medina geſchickt, wo ber
Anblick ihres Jammers und ihre Schilderung ber legten Bor-
fälfe, die ohnehin ſchon gegen Jezid aufgebrachten Gemüther
noch mehr empören mußte, Hatte doc) Zeid Ibn Arkam zu
Ubeid Allah felbft gejagt, als .diefer mit einem Rohre nad
Huſeins Mund flug: „Laffe dieg! denn bei Gott, ich babe
gefehen, wie die Lippen des Gefandten Gottes an biefem
Mund ruhten N).
zählt (bei Elmafin nur 38). Hufein’d Rumpf ward von den Be,
wohnern von Amirija, ein Dorf am Euphrat nad) drei Tagen beer-
diat. Ginige Verfe welche von einer unfichtbaren Stimme famen,
übergehe ih. Umm Kolthum, eine Tochter Hufeing, welche fab, wie
die Kufaner bei ihrem Einzuge meinten, fagte ihnen: Warum mweinet
ihr? etwa unjertwillen? ihr habt ung doc durd Briefe und Boten
hierher geloct, dann dem Feinde überliefert und getödtet, wie wollt
ihr ung jegt wieder beweinen ?* Die nun folgenden Zwiegeſpräche
zwifchen Ubeid Allah und den Gefangenen verdienen Feine Er—
mwähnung.
1) Abulfeda S. 390 und Abd Almahafin. Bei Tab. ©. 47 fchlägt
Jezid, nicht Ubeid Allah, nah Hufein und Abu Burirah Aslami weißt
ihm zurecht. Doch von Jezid ift dies um fo unglaublicher, da Tab.
Jezid. 319
Auch in Mekka, wo Hufein fih längere Zeit aufgehalten,
und durch Frömmigfeit ausgezeichnet hatte, wo viele Vetera—
nen des Islams noch Tebten, welche ihn oft an ver Geite
Mohammeds gefehen, denn er war ſchon etwa fieben Jahre
alt als Mohammed ftarb, mußten die Vorfälle von Kerbela
die größte Entrüftung gegen Jezid hervorrufen, obgleich die—
fer Hufeins Tod ganz auf das eigenmäcdhtige Verfahren fei-
nes Statthalters zu wälzen fuchtee Der gleißnerifche Abd
Allah Ibn Zubeir, welcher, wie oben berichtet, aus Selbft-
fuht und Ehrgeiz, Hufein in feinem gewagten Unternehmen
beftärkt, beuchelte jegt die tieffte Trauer und benützte Die all-
gemeine Entrüſtung zu feinen ehrgeizigen und habfüchtigen 7)
felöft ihn, als Hufein’s Haupt ihm vorgefegt ward, fagen läßt: „Gott
fei dir gnädig, Ubeid Allah! wir häften ung mit der Unterwerfung
der Srafaner begnügt und verlangten nicht, daß Du diefen tödteft, aber
dur haft die Bande der VBerwandtfchaft zerriffen und was vereint war
getrennt.“ Zu bemerken ıft übrigens, daß nah einigen Berichten
Zeid Ibn Arkam ſchon im Sahre 56 d. H., geftorben (S, Nawawi
©. 257).
1) Daß wir Abd Allah Ibn Zubeir nicht zu hart beurtheilen,
bemweißt, außer den ſchon oben angeführten Quellen über fein Ber:
hältniß zu Hufein, nocd folgende Stelle aus dem Kitab Alaahani,
(ed, Kofegarten, ©. 18), „Abd Allah Ibn Zubeir ging zu Saftah,
Tochter des Abu Ubeid, Gattin des Abd Allah Son Omar und fagte
ihr, feine Empörung entipringe aus Eifer für die Sache Gottes,
feines Gefandten, der Ausgewanderten und Hilfsgenoffen, indem Mua:
wia, fein Sohn und feine ganze Familie Cauf ihre Koften) ſich alle Beute
jueignen, und bat fie, Abd Allah Sbn Omar zu bewegen, daß er ihm
huldige. Safiah trug ihrem Gatten beim Abendeffen Abd Allah Son
Zubeir’d Anliegen vor; fie lobte feinen heiligen Eifer und andere
gute Eigenjhaften und fagte unter Anderm: er fordert nur zum Ge:
horfam gegen Gott den Erhabenen auf. Darauf erwiederte Dmar’s
Sohn: Hajt du die weiſen Maulefelinnen geiehen, welhe Muawia
bei feiner Pilgerfahrt bei fih hatte? Wahrlih Ibn Zubeir will
nichts Anderes.“ Abd Allah Son Dmar, vielleicht der einzige wahr:
haft fromme und uneigennügige Mann jener verdorbenen Zeit durd):
fhaute aljo Abd Allah Son Zubeir und wußte, daß Habgier und
Herrſchſucht die Triebfedern feiner Handlungen waren,
320 Sechſtes Hauptſtück.
Zwecken. Schon früher hatte er fortwährend gegen die
Dmejjaden Aufruhr gepredigt. Er und feine Freunde bete—
ten, als Zeichen der Nichtanerfennung Jezids, feinem Statt-
halter Amru Ibn Saad Alaſchdak niht nad), und bildeten
auch fpäter noch eine abgefchloffene Gemeinde, als Amru we—
gen feiner Nachſicht entfegt ward und Welid Ibn Otba, un:
ter deifen Oberbefehl auch Meffa geftellt ward, einen andern
Präfeften nad Medina fandte 1). So Tange indeffen Hufen
lebte, wagte es Abd Allah nicht, felbft als Prätendent gegen
Jezid aufzutreten. Bei der Kunde von Hufeins tragiſchem
Ende ließ er fih aber, nach einer heftigen Rede gegen die
treulofen Rufaner fowohl, als gegen Jezid felbft, von feinen
Freunden als den Würdigſten erflären, die Gläubigen zu be:
bereichen 2). Bon diefem Augenblide an nahm er unter ſei—
nen Dertrauten den Chalifentitel an, obſchon er öffentlich, aus
gebeuchelter Anfpruchlofigfeit, fih no immer „Schügling des
1) Tab. ©. 48 auch Quatremere a. a. D. ©. 330. Diefer ſetzt
aber hinzu: „enfin Abd Allah reussit ä contraindre cet oflicier (We:
lid's Stellvertreter) de quitter la ville« wihrend es bei Tab. im Ge—
gentheile heißt: „Abd Allah Ibn Zubeir fonnte Welid's Gtellver:
treter nicht aus Mekka vertreiben.“ (Abd Allah Ibn Zubeir anun
naibini Mekkahden Tschekarehmedi).
2) Tab. ebendaf. Die Rede felbit führt er aber nicht an, fie
findet fih bei Quatremere nah Makrizi. Sch übergehe, was er über
die treulofen Kufaner fagt, und theile bier nur den Schluß mit:
»Apres une catastrophe si tragique devons nous accorder ä ces hom-
mes fourbes une confiance aveugle, ajouter foi a leurs paroles, et
recevoir leurs sermons? Non certes non, ils ne sont pas dignes d’un
pareil temoignage d’estime. Celui qu'ilsont lächement egorge prolon-
geait ses veilles pendant la nuit et consacrait frequemment les jours
au jeüne. Cet homme, ä coup sür, par son zele pour la religion et
ses @minentes qualites, meritait bien mieux qu’eux le rang qu’ils ont
usurpe. Pardieu! on ne le vit jamais preferer la musique ä la lec-
ture du Coran, des chants effemines ä la componction produite par la
erainte de Dieu, la debauche du vin au jeüne, les plaisirs de la chasse
aux conferences destinees ä de pieux entretiens. Bientot ces hommes
recueilleront le fruit de leur conduite perverse.«
Jezid. 321
beiligen Hauſes“ nannte. Dieſer Zuſtand dauerte das ganze
61. Jahr hindurch und ſelbſt als Welid Ibn Diba in eige—
ner Perſon, gegen Ende des Jahres, an der Spitze der Pil—
ger nach Medina zog, verharrte Abd Allah Ibn Zubeir in
ſeiner Weigerung, Jezid als Chalifen anzuerkennen und ver—
richtete die Ceremonien der Pilgerfahrt nicht gemeinſchaftlich
mit Otbah ). Jetzt ſchwur Jezid, welcher wahrſcheinlich
nicht allzubald nach Huſeins Tod durch einen Gewaltſtreich
in dem Bezirke des heiligen Tempels auf's Neue alle gläu—
bigen Muſelmänner gegen ſich aufbringen gewollt, Abd Allah
müſſe mit gefeſſelten Händen und einer Kette am Halſe vor
ihm erjcheinen. Um diefen Schwur bucftäblih zu erfüllen,
den er vielleicht Doch bald wieder bereute, ließ er eine filberne
Kette machen und ſchickte ſie durch Numan Ibn Beſchir mit
noch neun andern Geſandten nach Mekka 2), um fie Abd
1) Tab. ebendaſ.
2) Bei Tab. lieſ't man: er ſchickte fie nah Medina an Welid
Ibn Dtba und und diejer beförderte fie weiter nach Meffa. Quatre-
mere berichtet nad Mafrizi, dag Merwan feinen Sohn Abd Alaziz
auch mit den Gefandten nach Meffa ziehen lieg, und ihn beauftragte
Abd Allah folgende Verſe zu recitiren, von denen der erfte und der
dritte auh in der Hamafa (ed. Freytag p. 215) vorfommen, und
dem Dichter Abbas Ibn Mirdas zugefchrieben werden: »Prends cela!
Sans doute il n’y a rien la qui soit digne d’un homme eleve et l’homme
accoutume ä l’humiliation y trouverait m&me un sujet de plainte.
O Amer! on a exige de toi une chose penible, que tu t’avilisses
au milieu de tes voisins en filant au fuseau.
Il me semble voir en toi un chameau destine a l’irrigation des
terres, et auquel on dit, avance ou recule avec le sceau que tu
conduis.«
Abd Allah antwortete auf dieje Verſe:
»Je suis fait d’un bois dont les souches restent inebranlables au
milieu du choc des vents et da la tempete.
Jamais je ne ploierai le doigt sous l’effort des orages de l’atmos-
phere, jusqu’ ä ce qu’on voie la pierre broy&e sous la dent.«
Auch bei Tab. antwortet Abd Allah durch ähnliche Verfe, von dem
Einfperren der Gefandten erwähnt er aber nichts.
21
322 Sedhftes Hauptftüd,
Allah Fon Zubeir zu umhängen und ihn fo nad) Damasf zu
bringen. Abd Allah Fon Zubeir war aber auf feine Weife
zur Huldigung zu bewegen, er ließ fogar ſämmtliche Gefandtes
einen ganzen Monat im Kerfer ſchmachten, dann fchidte er
fie, ohne in irgend einem Punfte nachzugeben, nad) Damasf
zurück, obgleih ihm damals fchon gedroht ward, daß eine
Armee gegen Mekka ziehen und ohne Nüdficht auf das heilige
unverlegliche Gebiet, gegen ihn und feine Anhänger wie gegen
fonftige Feinde verfahren würde. Dieß fehen wir aus folgen-
dem Borfalle, der feiner Eigenthümlichkeit willen vollftändig
berichtet zu werden verdient ):
Numan Ibn Beſchir war oft allein mit Abd Allah Ibn
Zubeir, in dem Theile des Tempels, welcher Hodjr ?) beißt,
Eines Tages fagte Abd Allah Fon Idhah, einer der Beglei-
ter Numans, zu Abd Allah Jon Zubeir: Bei Gott, diefer
Hilfsgenoffe (d. h. Numan, der ein Medinenfer war) hat
feinen Auftrag, den wir nicht gleich ihm hätten, nur ift er
als Häuptling über ung geſetzt. Aber bei Gott, ich fenne
feinen Unterfchied zwifchen Auswanderer und Hilfggenoffen ?).
Der Sohn Zubeir’s erwiebderte: D Ibn Idhah! was haben
wir mit einander gemein? Ich nehme doc gleichen Nang
mit einer Taube von den Tauben Meffa’s ein. Möchteft du
eine der Tauben Mekka's tödten )? Sa wohl, verſetzte der
— —
1) Kitab Alaghani ed. Kofegarten p. 17 und 18.
2) Hodjr bedeutet Heiligthum und Schoof, und bezeichnet hier
den nördlihen Theil des Tempels, welcher von der heiligen Mauer
Hatim umgeben if. Kamus.
3) Damit mollte er wahrfcheinfich überhaupt fagen, daß er der:
artige Eigenjchaften, auf welche vielleicht Numan Ibn Beſchir ftolz
fei, und auf die auch Ibn Zubeir, ald Sohn eines Ausgemanderten,
feine Anſprüche gegen Jezid ariindete, für nichts achte.
4) Das Gebiet von Mekka war bekanntlich ſchon vor dem Js—
fam ein geheiligtes, in welchem fein Blut vergojfen werden follte.
Nicht nur Menihen follten in der Nähe des Tempels eine fichere
Jezid. 323
Sohn Idhab's, warum follten die Tauben Meffa’s mir bei-
lig ſein? Junger! rief er dann feinem Diener zu, bringe
mir Bogen und Pfeil! Als ihm der Junge Bogen und Pfeil
brachte, fpannte er den Bogen, zielte gegen eine der Tauben
der Mofchee und fagte: D Taube! trinft Jezid, der Sohn
Muawia's Wein? fage ja, dann bei Gott, fchleudere ich die
fen Pfeil nah dir. D Taube! willt du Jezid den Sohn
Muawia’s enttbronen, did von Mohammers Volk trennen
und auf heiligem Gebiete bleiben bis es dur dich entmweiht
wird? N) Bei Gott, tbuft du dieß, fo durchbohrt dich mein
Pfeil. Da fagte Abd Allah Fon Zubeir: Wehe dir! fann
denn ein Vogel ſprechen? Dein, antwortete der Sohn Id—
bah’s, aber du, Sohn Zubeirs, Fannft ſprechen, und ich ſchwöre
bei Gott, du huldigſt, gleichyiel ob freiwillig oder gegen dei—
nen Willen, wo nit, fo wirft du die Fahnen der Afchart-
den 2) in diefem Thale erfennen, deſſen Rechte mir dann
Zuflucht finden, ſondern fogar wilde Thiere und Vögel follten vor
den VDfeilen des Jägers fiber fein. Mohammed behielt alle den
Tempel betreffenden frühern Gefege und Gebräuce bei, obaleic er
felbft mit bemwaffneter Macht gegen Mekka zog und die heilige Stadt
mit Blut befledte. ©. Leb. Moh. ©. 225 und 226.
1) So überjege ich die Worte »halla justahalla bika.« De Sacy
überfegt a. a. O.: »en forte qu’on doive t'y laisser en paix et im-
punie.« OQuatremere, welcher auch diefe Stelle anführt: »jusqu’äa
ce que tu y sois livree ä l'insulte et a l’outrage.« Kojegarten: »Ta-
menque apud sacrarium commorari vis, quoad cujusvis arbitrio per-
mittaris?« istahalla bedeutet nach dem Kamus: etwas als hilal be:
traten, zum hilal machen, aljo im passivum, als nicht heilig anges
fehen, entweiht werden, d. h. willſt du fo lange als Rebelle auf hei:
ligem Gebiete verweilen, bi8 man genöthigt wird, es um deinetwillen
feiner Unverleglichfeit zu berauben ?
2) Die Afbariden ftammen aus Semen von Nabt Ibn Odad,
welher den Beinamen Aſchar (der Haarige) führte. Kamus, Diefer
Stamm hatte ih wahriheinlih in Syrien niedergelajien, weil be-
fonders mit demjelben gedroht wird,
ZLr
324 Sechſtes Hauptſtück.
nicht fo heilig fein werden wie dir. Wie! fagte Ibn Zubeir,
follte Das heilige Gebiet entweiht werden ? Derjenige ent
weiht es, verfegte Jon Idhah, der feinen Aufenthalt darin
zu ruchlofen Zweden benügt ).“
Im folgenden Jahre traf indeffen Welid Ibn Otba An:
ftalten, um fi der Perfon des Abd Allah Fon Zubeir zu
bemächtigen. Amru Ibn Zubeir, wie oben. berichtet, wegen
einer Liebesintrigue der größte Feind feines Bruders Abd
Allah, ward an der Spite eines Fleinen Heeres nad) Meffa
gefhict, um ihn zur Huldigung zu zwingen und nad Da—
masf zu bringen. Diefe Truppen wurden aber von den
Meffanern, unter der Führung Abd Allah Ibn Safwan’g, ge-
ſchlagen. Amru felbft ward als Gefangener nad) Meffa ges
bracht und auf Befehl feines Bruders öffentlih ausgeftellt,
damit ein jeder, der fich gegen ihn zu beflagen gehabt, an
ihm Nahe nehme. Amru_erlag unter den Mißhandlungen
feiner Feinde und feine Yeiche ward, abermals auf Befehl fei-
nes Bruders, yon dem Begräbnißplaße der ——— aus⸗
geſchloſſen.
Dieſer mißlungene Feldzug, verbunden mit andern Kla—
gen, welche gegen Welid laut wurden, veranlaßte wahrſchein—
lich den Chalifen, ihn ſeines Amtes zu entſetzen und einen
andern Vetter, Othman Ibn Mohammed, Jon Abu Sofian,
zum Statthalter von Hedjas zu ernennen 2). Dieſe Wahl
1) Weber die Bedeutung des Wortes ilhäd ©. den Kamus.
2) Bei Tab. ebdf. heißt es bloß: Sm 62. Sahre d. H. gieng
Welid damit um, Abd Allah Ibn Zubeir feit nehmen zu laffen und
in Ketten dem Chalifen zu ſchicken. Abd Allah Son Zubeir ward
aber davon unterrichtet, und fchrieb an Jezid: „Diefer Welid ift ein
blödfinniger Menſch, der zwifchen ung Unfrieden und ernfte Unruhen
ftiften will. Sende einen Andern an feine Stelle der alles in Güte
ordne!“ u. f. w. Ob Tab. unter diefen Verſuchen MWelids den Zug
Amru's meint, weiß ich nicht, doch wird an feinem andern Orte
mehr etwas davon erwähnt. Amru follte wahrfheinlich feinen Bru-
Jezid. 325
war eine unglüdliche, denn Othman, ein junger Mann, der
wie fein Herr, die alte, ftrenge und einfache Lebensweife der
Araber mit der genußfüchtigen und luxuriöſen der Byzantiner
vertaufeht batte, paßte nicht zu den Bewohnern Medina’s,
die bei aller innern Schlechtigfeit doch immer nod) den äußern
Anftand berüdjichtigt haben wollten. Abd Allah Fon Zubeir,
ber, als er bei Jezid gegen Welid klagte, hoffen ließ, er
werde ſich unterwerfen, fobald er es mit einem andern Statt:
halter zu thun baben würde, fuhr fort, fid in Meffa huldigen
zu laffen, und in Medina, wo er weniger Freunde hatte, doch
wenigftens den Aufruhr zu predigen. MWahrfcheinlich hatte er
nur darum auf Welid's Entfegung gedrungen, weil er hoffte,
dag unter einem andern Statthalter er noch ſchneller zum
Ziele gelangen könnte. Othman beging gleih anfangs bie
Thorbeit, einige der angejeherften Männer Medina’s nad)
Damasf zu ſchicken ), in der Hoffnung, Jezid's freundliche
der überfallen, da diefer aber Kunde davon erhielt, traf er feine An:
ftalten zur VBertheidigung. Quatremere läßt den Zug Amru's nad
Mekka auf Befehl Amru Ibn Said Alafhdaf’s ftatt finden, der fhon
früher Statthalter von Meffa gewefen und jegt wieder nad) Medina
gerufen ward, an die Stelle des Dthman Son Muhammed, der wer
gen feines leichtfinnigen Lebens nur kurze Zeit in feinem Amte blieb.
Sch habe in den mir zugänglihen Quellen Feine Spur von einer
MWiederernennung Amru’s Son Said gefunden und glaube um fo
eher, daß Quatremere’s Behauptung auf einem Verſehen beruht, als
fomwohl bei Abd Almahafin, wie bei Abulfeda (S. 399) bei Tab. a.
a. D. und im Kitab Alaghani ©. 19 bei der im folgenden Sabre
ftatt findenden Empörung der Medinenfer, Othman 36% Muhammed
noch als ihr Statthalter genannt und von den Rebellen fortgejagt
wird. Bei Abd Almahafin wird als Grund von Welid's Zurückbes
rufung angegeben, weil er fih 300 Sflaven zugeeignet, welche ſei—
nem Vorgänger Amru Ibn Said Alafhdaf gehörten. Das Mähere
über Amru’s Feldzug ©. bei Quatremere a. a. O. ©. 338, 8389,
885 und 386.
1) Abd Almahafın und Tab. ©. 48: „Sn diefem Sahre fandte
Dthman der Sohn Mohammeds eine Anzahl von den Edlen Medi:
326 Sechſtes Hauptſtück.
Aufnahme und koſtbare Geſchenke würden ſie für ihn einneh—
men. Trotz aller Zuvorkommenheit und Freigebigkeit Jezid's
konnten ſie ſich aber dennoch mit ſeinem, gegen arabiſche Sit—
ten ſowohl, wie gegen muhammedaniſche Geſetze und Ge—
bräuche verſtoßenden Leben, nicht befreunden. Sie verſchrieen
ihn bei ihrer Rückkehr als einen irreligiöſen Menſchen, der
Jagd, der Muſik, der Liebe und dem Weine ergeben, und er—
klärten ihn des Imamats, d. h. der mit der Oberherrſchaft
verbundenen geiſtlichen Rechte unwürdig. Führer der Empö—
rer waren Abd Allah Ibn Hanzala, welcher an der Spitze
der Medinenſer ſtand, und Abd Allah Ibn Muti, von dem
ſich die in Medina angeſiedelten Ausgewanderten leiten lie—
fen D. Ein gewiſſer Abd Allah Ibn Amru Jon Hafß nahm
na’s zu Sezid, damit fie ihn fehen, von ihm Gefchenfe empfangen,
ihm huldigen und fich mit ihm befreunden follten. Es waren ihrer
zehn von den Söhnen der Hilfsgenoſſen und Ausgemwanderten, bei
ihnen war auh Mundfir Son Zubeir, der Bruder Abd Allah’8 und
Abd Allah Ibn Hanzala. Jezid ermwieg ihnen viele Ehre und Wohl:
thaten. Er jibentte ſowohl Mundfir Ibn Zubeir alg Abd Allah Fon
Hanzala 100,000 Silberftüce, und den übrigen, je nad ihrem
Range, 29,000 oder 10,000 Silberftüde u. f. w.
1) Bei Tab. a. a. DO. heißt es bloß: fie wählten Abd Allah
Son Hanzala zu ihrem Dberften. (Bey) Ber Abd Almah. aber:
Die Hülfsgenoſſen (Ankar) huldigten dem Abd Allah Son Hanzala,
defien Vater bei Ohod gefallen, unter der Bedingung, daß fpäter
eine allgemeine Chalifenwahl ftatıfinde, welche die Shrige beftätige,
Abd Allah Ibn Muti ftand an der Spige der Kureijchiten, und diefe
beiden vereint vertrieben die. DOmejjaden aus Medina. Auch im
Kitab Alaghani ©. 18 werden dieſe beiden als Häupter der Me:
dinenfer genannt. In diefer Stelle (legte Zeile) alaube ich, iſt das:
Mort valaihie zu ftreihen, oder wenn es fich wirklich auf das vor
hergehende „Ibn Zubeir” bezieht, fo iſt darunter nicht Abd Allahı
fondern fein Bruder Mundfir zu verftehen, denn die folgende Scene
ereignete fich Doch in der Moſchee zu Medina, während Abd Allah
in Mekka lebte. Quatremére, der diefe Stelle anführt, fcheint das
Jezid. 327
feine Binde vom Haupte und rief: ich entfleive Jezid des
Chalifats wie mein Haupt diefer Binde. Dieß erfläre ich,
obgleih er mich freundlich behandelt und reichlich beſchenkt,
weil er ein Feind Gottes, ein Trunfenbold. Ein Anderer zog
feine Sandalen aus und rief: ich fage mich los von Jezid
wie von diefen Sandalen. Ein Dritter fein Kleid und ein
Bierter feine Schuhe, fo daß bald in der Mofchee ein gan-
zer Haufe Sandalen, Kopfbinden und andere Klerdungsftüce
beifammen Jagen I). Nur drei Männer, obgleich nichts weniger
als Anhänger der Dmmejjaden, weigerten fih, mit den Rebellen
gemeine Sache zu machen. Abd Allah der Sohn des Chali-
fen Omar 2), Mohammed der Sohn All’s und Ali der Sohn
Hufein’s, obſchon manche Letzterm als Chalifen huldigen woll-
ten 3). Mohammed Fon Ali #) 309 fih fogar, als die Auf-
salaihie gar nicht gehabt zu haben, denn man Tieft bei ihm bloß:
»Un jour Abd Allah ben Moti et Abd Allah ben Handalah, accom-
pagnes des habitans de Medine, se rendirent à la mosquée de cette
ville, monterent dans la tribune et declarerent la decheance de Jezid
etc.« Kofegarten aber überjegt, ohne Mundfir’s vorher zu erwäh—
nen: »Itaque ad Ebn Essobeirum, qnum in templo esset, Abd allah ben
Muti atque Abd Allah ben Handala, hominesque Medinenses perrexerunt etc.«
Was die vorhergehende Erzählung von Heitham angeht, fo mag dief
fpäter vorgefallen fein, als Abd Allah Son Omar ſchon in Meffa
war, oder früher, als er, vielleicht sur Zeit der Pilgerfahrt, ſich einige
Zeit dafelbft aufhielt.
1) Kitab Alaghanı ©. 19.
2) Ebdſ. Bei Kojegart:n liegt man zwar ſowohl im Terte
als in der Ueberjegung, Abdalla ben Amr, bei Quadremere aber aus—
drücklich »Abd-Allah fils du Khalife Omar.« Sch ftimme Letzterm bei,
da gleich weiter unten berichtet wird, daß Merwan fib an Abd
Allah Son Dmar wendete, (bier hat auch Kojegarten Omar) und
diefer ſagte: „ich will weder mit Euch noch mit Senen (den Rebellen)
etwas zu thun haben.“
8) Tab. Ebdf. er nahm ihre Ynträge nicht an, weil ihm der
Tod feines Vaters in Kerbela noch vorjchwebte, er der Leute Un
zuverläßigfeit Funnte und überhaupt ſich mehr zur Andacht als zü
weltliben Dingen hingezogen fühlte,
4) Kitab Alaghani ebdſ.
328 Sechſtes Hauptſtück.
rührer ihn nöthigen wollten, gemeine Sache mit ihnen zu
machen, nach Mekka und Ali Ibn Huſein ſpäter nach Janbu
zurück. Die Rebellen rotteten ſich indeſſen gegen Jezid's Statt—
halter Dibman Ibn Muhammed zufammen und verlangten
von ihm fowohl, als von Merwan, Welid und den übrigen
Dmejiaden, die fi in Medina aufpielten, daß fie die Stadt
verlaifen und fih verbindlich machen, nie mehr in feindfeliger
Abſicht zurüczufehren, und ſelbſt, 10 weit fie es vermögen,
die Truppen des Chalifen von einem Zuge gegen Medina ab-
zuhalten. Bergebens beſchwor fie Othman, in ihrem eignen
Intereſſe, nicht durch feine Vertreibung den Zorn des Chalifen
zu reizen, der ein Heer gegen fie fchiefen würde, welchem fie
nicht zu widerfteben mächtig genug wären. Sie antworteten
nur mit Schmähungen gegen ihn und den Chalifen. Mer-
wan wendete fich vergebens an Abd Allah Fon Omar mit
der Bitte, fich feiner Familie und feiner Habe anzunehmen.
Abd Allah wollte fih auf feine Weiſe in diefe Händel ein-
miſchen 1). Alt Jon Hufen aber nahm Merwan unter feinen
Schutz und lieg deffen Frauen und Kinder, fo wie alles ihm
Angehörige nah Taif bringen ?). Merwan felbft mit den
übrigen Dmejjaden wurden aber von dem Pöbel mit Steinen
aus der Stadt getrieben und bis Dfu Choſchb 3) verfolgt,
1) Später, als die Dmejjaden vertrieben waren und er das ge:
meine Benehmen der Medinenfer gegen fie fah, bereute er es doch,
Merwan abgemwiefen zu haben, und fagte zu feinem Sohne: wüßte
ih ein Mittel, diefen Leuten beizuftehen, jo würde ich ed anwenden,
denn es iſt ihnen Unrecht und Gewalt gefchehen. Als hierauf fein
Sohn ihn aufforderte, die Rebellen jurechtzumweifen, fagte er: dieſe
Leute find von ihrem Beſchluſſe nicht mehr abzubringen, doch ftehen
fie unter Gottes Auge, will er fie ändern, fo kann er ee. A.a.O.
©. 20.
2) Auch ein anderer edler Araber bot dem flüchtigen Merwan
feinen Schuß an, aber Merwan wollte ihn nicht in ſein Schickſal
verwickeln.
3) Dſu Choſchb iſt nah dem Kamus der Name eines Thales
in der Nähe von Medina.
Jezid. 329
von wo aus ſie einen Boten nach Damask ſchickten, um von
Jezid ſchleunige Hülfe zu verlangen. Als aber die Medinen—
ſer dies erfuhren, zogen ſie nach Dſu Choſchb und mißhan—
delten die Vertriebenen und nöthigten ſie bis Hakil ), oder
nad Andern bis Wadi'l Kura zu fliehen.
Als Jezid die Nachricht von dem Aufruhr in Medina
und dem fchmählichen Auszug der Dmejjaden hörte, war er
gegen letztere nicht weniger aufgebracht, als gegen die Nebel:
len, weil fie, obgleich einige Taufend Mann ſtark, auch nicht
einmal eine Stunde ſich vertbeidigt 2). Indeſſen handelte es
fih für ihn nicht blos darum, den DVertriebenen beizuftehen,
fondern feine Herrfchaft wieder in Medina geltend zu machen.
Die beiten Truppen Syriens wurden zufammengezogen und
Sadr Jon Abi-I-Djahm an ihre Spige geftellt 3). Zu—
gleich erging an Ubeid Allah nad Kufa der Befehl, ein Heer
gegen Meffa zu führen, um Abd Allah Ibn Zubeir zu züch—
tigen, oder wenigftens in Schach zu halten %). Ubeid Alla,
D) Hafil heißt nah dem Kamus eine fleine Anhöhe, ein von
Hügeln durchſchnittener Sandftrih und endlich ift ed der Name einer
Pilanze. Hier bezeichnet diefes Wort einen befondern Hügel zwiſchen
Diu Chofhb und Wadi-l-Kura. Kofegarten fchreibt (S. 257):
»Vocabulum »hakil« clivum significare, atque etiam nomen loci cujus-
dam esse perhibet Kamus.« Aber in meinem in Bulaf gedrudten
Kamus kömmt diefes Wort nicht als Ortsname vor.
2) Er fragte den Boten: „zählen die Söhne Omejja’s mit ihren
Freigelaifenen in Medina nicht 1000 Mann?" Gewiß, fogar 3000
Mann. „Und doch vermochten fie nicht weniaftens eine Stunde zu
kämpfen?“ Das Bolt ift in Mafle gegen fie aufgeftanden, fie ver:
mochten nichts gegen dajlelbe. A a. O. ©. 21.
3) Ebendaf.
4) Tab. ©. 49. Als Grund der Weigerung Ubeid Allah’s be-
rihtet Tab.: „Er dachte bei ſich felbft, eine doppelte Sünde will ich
nicht auf mich laden, zuerft habe ich Hufein, den Enkel des Pro:
pheten erjchlagen, und man dankte mir es nicht, jest foll ich auch
noch mit einem Heere gegen das Haus Gottes in den Krieg ziehen ?
330 Sechſtes Hauptſtück.
der aber für ſeinen Kampf gegen Huſein nicht den erwarteten
Lohn gefunden, leiſtete, Krankheit vorſchiebend, dieſem Befehle
keine Folge, während der zum Feldherrn ernannte Sachr ſtarb,
noch ehe die Armee von Damask aufgebrochen !). Dies be—
wog wahrſcheinlich Jezid, welcher auch vergebens Amru Ibn
Said Alaſchdak an Sachr's Stelle ben Oberbefehl antrug 2),
noch einmal den Weg der Unterhandlung mit den Mevdinen-
fern einzufchlagen. Er fandte daher Numan Ibn Beſchir 3),
einen gebornen Medinenfer, in feine ehemalige Vaterftadt,
um fie zur Unterwerfung aufzufordern, ehe er fich genöthigt
fähe, ein Heer gegen fie zu ſchicken, das ihre Frauen zu
Wittwen und ihre Kinder zu Waifen mache. Numan’s War:
nungen und Drohungen fanden aber bei feinen Landsleuten
fein Gehör, er mußte die Nachricht nad) Damasf bringen,
daß fie nur mit Gewalt der Waffen wieder zum Gehorfam
zurüczuführen feien. Jetzt wendete fich Jezid an einen alten
erfahrenen Krieger, Muslim Ibn Dfba, der zwar Damals
fhon franf war, doc um fo Lieber den Oberbefehl üser ein
gegen Medina ziehendes Heer übernahm, als er noch vor
feinem Tode an den Medinenfern die Ermordung des Chali-
fen Othman, feines Verwandten, rächen wollte t). Muslim
Niemals! Er fchrieb daher an Sezid, er fer Franf u. f. w. Golde
Reflerionen mochte wohl Tabarı an Ubeid Allah's Stelle machen,
der wahre Grund ift aber gemiß nur feine Unzufriedenheit mit Jezid,
der ihm, wie Tab. jelbft ©. 47 berichtet, zur Statthalterfchaft von
JIrak auch noch die von Chorafan verfprochen, welche ihm fchon unter
Muamia verliehen worden ıdar, fie aber dann UÜbeid Allah’s Bruder
Aslam oder Salim gab. Ubeid Allah war darüber jo aufgebracht,
daß er jogar im Stillen die Truppen, welche fein Bruder zum Zuge
nad Choraſan warb, zu überreden fuchte, ihm nicht zu folgen.
1) Kitab Alaahani ebendaf.
2) Abd Almahafin. Ein Beweis mehr, daß Amru damals nicht
wieder Statthalter von Medina war, wie Quatremöre glaubt.
8) Tab. ©. 48.
4) Tab. ©. 49 und Kitab Alaghani S. 21. Bei Erfterem fagt
Jezid zu Muslim: wenn deine Krankheit eine ſchlimme Wendung
Jezid. 331
brach, ſeines Sieges gewiß, an der Spitze von 12,000 Mann
auf und verſprach ſeinen Truppen, um ihrer Anſtrengungen
deſto ſicherer zu ſein, außer einem ungewöhnlich hohen Solde N),
auch noch eine dreitägige Plünderung der zu erobernden Stadt.
Die Medinenſer ſuchten inzwiſchen ihre Stadt durch Schanzen
und Graben zu befeſtigen und rüſteten ſich zum Kriege, als
Muslim vor ihren Mauern erſchien und fie wiederholt zur
Unterwerfung aufforderte 2). Am 26ten 3) Dſu⸗-l-Hudjah des
Sahres 63 (26. Auguft 683) machten die Belagerten einen
nimmt, fo übertrage den Dberbefehl dem Haßin Ibn Numeir, Bei
Letzterem ſagt Muslim zu Zezid: Wen du auh nah Medina
fhiden würdet, der müßte unterliegen, ich allein werde über fie
Meiiter. Sch habe im Traume eine Stimme aus dem Baume Ghar—
Fad vernommen, welche rief: „Durch Muslims Hand.” Als ich mid)
der Stimme näherte, vernahm ich die Worte: „Bewohner Mevdina’s!
Mörder Othmans! die Zeit der Blutrache ift für euh gefommen !”
Auch Abd Almahafin berichtet: Muslim war Frank, mußte Arznei
nehmen und durfte nur wenig ejfen. Gr befolgte die ärztliben Vor:
fhriften bis zur Ginnahme von Medına. Dann aß er aber nad)
Herzensluft und ſagte: Jetzt find die Rebellen gezüchtigt, ich will
jest gern fterben. Für den Lohn, daß ich Othmans Mörder getödtet,
wird mir Gott meine Sünden vergeben.
1) Nah Abd Almabafin einem jeden Soldaten 100 Dinare.
Diefer fowohl als Tabarı ©. 49 und Elmafin ©. 58 geben die
Zahl der ſyriſchen Truppen auf 12,000 an, Abulfeda ©. 394 nur
auf 10,009,
2) Drei Tage lang nah Tab. ©. 49.
3) Nicht wie bei Quatremere a. a. D. ©. 399: Mittwoch, den
28ten, denn der Ite Muharram d. $. 64 war Sonntag, den Sften
Auguft, das J. 65 war fein Scaltjahr, der Monat Dſul Hudjah
hatte alſo nur 29 Tage. Wenn daher der Schlahttag wirflih ein
Mittwoch war, was auch Abd AUlmahafin berichtet, fo Fonnte er nur
am 26ten ftattgefunden haben; fo lieft man auch bei Abulfeda und
Andern: ald noch drei Tage vom Diul Hudjah übrig waren, was
bei einem Monate von 29 Tagen gewöhnlich den 26ten bezeichnet.
Quatremere’s Datum wäre jedenfalls, auch abaefehen von der Nicht:
übereinftimmung mit dem Wochentage, um einen Tag zu fpät.
332 Sechſtes Hauptftüd,
Ausfall und trieben die Syrer, welche die Stadt von ber
Seite von Harra M angriffen, daher auch diefe Schlacht die
von Harra heißt, zurüd. Fadhl, ein Sohn des Abbas, wel-
her die medinenfifche Neiterei anführte, drang bis vor Mus—
lims Zelt, welcher felbft, wegen feiner Krankheit, feinen An—
theil am Treffen genommen hatte, und erfchlug deffen Sklaven,
welcher eine Fahne trug und darum für Muslim felbft gehal-
ten wurde. Sitegestrunfen fehrte jet Fadhl zu den Seinigen
zurück und rief: ich habe Muslim getödtet. Diefer raffte ſich
aber jest zufammen, und ermuthigte durch feine Gegenwart
und fein Beifpiel die beftürzten und ſchon auf Flucht bedach—
ten Syrer. Er felbft drang auf Fadhl ein und erſchlug ihn,
die Syrer folgten ihm aufs Neue in die Schladht und brach—
ten der medinenfiichen Reiterei eine gänzliche Niederlage bei.
Als hierauf das medinenfifche Fußvolf, unter Anführung Abd
Allah's Fon Hanzala, auf das Schlachtfeld zog, befahl Mus—
lim aud feinen Leuten abzufteigen und lieg Haßin Jon Nu—
meir, welcher die Schügen aus Himß befehligte, in die vor—
derſte Reihe treten. Trotz der Tapferfeit Abd Allah’s und
feiner Söhne ward doch der Kampf zu Gunften Jezids ent-
ſchieden 2). Mehrere Taufend Medinenfer, worunter Abd
Allah und feine Söhne und viele alte Gefährten des Prophe-
ten blieben auf dem Schladhtfelde 3), andere flüchteten fich ing
1) Harra ift nad dem Kamus ein Ort außerhalb Medina, am
Fuße einer Burg, welche Wakim hieß. Nah Abd Almahafin fol
Abd Almalif, der Sohn Merwans, Muslim gerathen haben, die
Stadt von diefer Seite anzugreifen, auch berichtet derjelbe, daß
Muslim den Vertriebenen in Wadi-l-Kura begegnete, daß fie aber,
dem mit den Medinenfern gefchloffenen Vertrage zufolge, ihm über
nichts Auskunft gaben.
2) Tab. ebendaf.
8) Nach Abulfeda, der eine Tradition von Zuhri anführt, fielen
700 vornehme Männer, theild Ausgemanderte, theild Hülfsgenoſſen,
oder fonftige angefehene Bewohner Medina’s und 10,000 Freigelaffene
und fremde Krieger, daffelbe berichtet auch Abd Almahafın, Bei
Jezid. 333
Gebirge oder gegen Mekka hin. Die Stadt Medina fiel in
Muslims Hand und ward drei Tage lang der Wuth, Raub—
ſucht und Lüſternheit der ſiegenden Truppen Preis gegeben.
Erſt am vierten Tage ließ Muslim dem Morden, Rauben
und Schänden Einhalt thun und verſprach den Zurückkehren—
den volle Begnadigung, begnügte ſich aber nicht mehr mit
der bisher üblichen Huldigungsformel, ſondern forderte aus—
drücklich die Anerkennung Jezids „zum abſoluten Herrn über
ihr Gut und ihr Leben“ N).
Muslim, welcher wegen der Härte, mit der er gegen
die Beftegten verfubr, den Beinamen Musrif 2) (ver alle
Grenzen überfchreitende) erhielt, feierte nicht lange in Me—
Dina. Trotz feiner fi) immer verfchlimmernden Krankheit,
brach er doch, auf Befehl Jezid's, bald wieder auf, um ber
Quatremere (a. a. O. ©, 397) heißt es aber, ich weiß nicht, nad
welcher Quelle: »On porta à 4000 le nombre des Arabes qui perirent
dans cette horrible catastrophe, sans compter ceux dont la mort ne
fut point remarquee. Plus de 90 Koraischs et autant d’Ansaris (au-
xiliaires de Mahomet) perdirent egalement la vie.a Webrigeng glaube ich
auch, daß jedenfalld die Zahl 10,000 übertrieben ift. Ali Sbn Hufein,
berichtet Tab, ward gut aufgenommen von Muslim. Sezid felbft hatte
ihm befoblen, ihn freundlich zu behandeln, weil er am Aufruhr feinen
Antheil genommen, Derfelbe berichtet auch, daß an dem Tage des
Treffens bei Harra Ali Sbn Abd Allah Son Abbas, der Stanım:
vater der Abbafiden, geboren wurde, während Nawawi feine Geburt
in das J. 40 fest und auch Quatremere berichtet, er fei bei der Ein:
nahme von Medina durch die Verwendung einiger Männer aus den
Stämmen Kinda und Rabia gerettet worden.
1) Abulfeda u. A. Abd Almahaſin ſetzt hinzu: einige huldigten
wie bisher nah den Gebräuchen der erften Shalifen, wurden aber
fogleih hingerichtet. Iene frühere Eidesformel war mitunter Ver;
anlafung zu den häufigen Empörungen; denn jobald einer glaubte,
der Chalife weiche von dem Wandel feiner Vorgänger ab, hielt er
fih von feinem Eide entbunden.
2) So erflärt der Kamuß dieſes Wort: (hadden tadjawaz eile-
mekileh telkib olundi) gewöhnlich bedeutet ed: im Webermaße, befon-
ders für unheilige Zwede, Geld ausgeben, hier aljo Blut vergießen.
334 Sechſtes Hauptſtück.
Schweſterſtadt Mekka, welche längſt dem Abd Allah Ibn Zu—
beir gehuldigt und ein Sammelplatz aller Flüchtlinge und mit
der Regierung Unzufriedenen geworden war, gleiches Loos zu
bereiten. Muslim ftarb aber in Kudeid I), drei Tagereifen
von Meffa, und an feine Stelle ald Oberfeldherr trat Hain
Ion Numeir, welchen ſchon Fezid bei Eröffnung des Feld-
zugs, für diefen leicht vorauszufehenden Kal, dazu ernannt
hatte 7).
Als Haßin am ATten Muharram des J. 64 (25. Sept.
683) vor den Thoren Mekka's anlangte, forderte Abd Allah
Ibn Zubeir alfe in Meffa verfammelten freitfähigen Männer
auf, die Rechte der heiligen Stadt zu verteidigen. Aber
gleich bei dem erften Ausfalle der Meffaner fiel Abd Allah’s
Bruder Mundfir 3). Abd Allah felbft verdanfte die Rettung
feines Lebens nur einer Fleinen Abtheilung feiner Truppen
unter Anführung Mufawar’s und Mußab's %), welche mit
ber größten Hingebung den Feind fo lange aufhielten, big
ber fogenannte „Schützling des Tempels“ in Sicyerheit war.
Konnten aber auch die Jubeiriden fi) auf offnem Felde nicht
mit den Syrern meſſen, fo waren fie doc ftarf genug, um
die, theils durd) die Natur, theils durch Kunft befeftigte Stadt,
zu vertheidigen. Haßin mußte eine fürmliche Belagerung ans
ordnen. Er richtete gegen die Stadt, befonders aber gegen
den Tempel, in welchem Abd Allah ſelbſt ſich aufbielt, von
1) Masudi f. 237 und zwar nach Abd Almahafin am 24ten Mu-
harram 64. (22. Septbr. 683.)
2) Glmafin ©. 54 u. Tab. S. 49. Ich weiß nicht, warum Flü—
gel S. 70 fchreibt: „Das Heer... verlor aber unterwegs feinen
Anführer, den es nad eianer Wahl durch Hafin erfegte.“ Auch
bei Quatremere beißt es: »Avant d’expirer, il (Muslim) designa pour
conduire l’expedition Hasin ben Nomair ete.« So iſt audy dieje Stelle
bei Abulfeda ©. 396 zu überjegen.
8) Tab. ©. 50.
4) Quatremere a. a. D. ©. 401. -
Je zid. 335
den ſie umgebenden Anhöhen aus, allerlei Wurfgeſchütz und
Brennmaterialien, welche viele Menſchen tödteten und den
Tempel vielfach beſchädigten M.
D) Tab. ebendaſ. „Ein ſchwarzer Ungläubiger (Neger oder
Abyſſinier) leitete das Geſchütz und hatte große Freude an der Zer—
ſtörung der heiligen Stadt und des heiligen Tempels, deſſen Pfeiler
von den jchweren Steinen zertrümmert wurden; auch füllte er Ges
fäße mit Pech, zündete fie an und fchleuderte fie gegen die Caaba,
fo daß alle Stoffe um diefelbe verbrannten.” Nun fommt nod ein
Wunder: Eines Tages, als diefer Schwarze ſolche Pechgefäße nach
dem Tempel ſchleudern wollte, erhob ſich plöglich ein Sturmmwind,
die Flamme ergriff die Wurfmaſchinen und verzehrte den Schwarzen
mit zehn andern Männern — ed war der Tag, an welhem Zezid,
der Sohn Muamia’s, in Damask ftarb — auch verfolgte das Feuer
alle diejenigen, welche mitgeholfen, die Stadt zu beſchießen und ver:
zehrte fie inggefammt. Als die Syrer diefen Zorn (Gottes) fahen,
fürchteten fie fid und Fehrten an diefem Tage um ıd. h. verließen
die Anhöhe des Abu Kubeis, von welcher fie die Stadt bejchoifen),
indem fie jagten: mit Gotted Tempel wollen wir nichts zu thun
haben. Hafin, der von Jezid's Tod noch nichts wußte, fehrieb nad
Damask und fchilderte die Lage Abd Allah’. Am folgenden Tage
fandte diefer einen Boten an Haßin und lies ihn fragen: da Zezid
todt ift, für wen kämpft ihr denn? Hafin hielt aber diefe Nach—
richt für eine Lüge umd wartete ab, bis Thabit Ibn Keis von Me:
dina Fam und die Nachricht von Jezid's Tod beftätigte.” Daß Abd
Allah vor Hakin Jezid's Tod Fannte, ift nicht unmwahrfcheinlich, aber
natürlich, da wir nichts von Telegraphen zwiihen Himß und Meffa
wiſſen, nıht „am folaenden Tage.” Weber den Brand der Caaba
führt Quatremere 1. I. nod andere Traditionen an, denen zufolge er
niht von den Belagerern verurfacht ward. Noch ift zu bemerken,
dag wenn, wie Abulfeda ©. 396 und Andere berichten, die Belage:
rung 40 Tage dauerte und am 2Tten Muharram begann, fie vor
Mitte Rabia Ammwal, alfo vor dem Tode Tezid’3 aufgehört haben
mußte. Nimmt man aber mit Madudi f. 237 an, daß der Brand
der Caaba am Sten Rabia ftatt fand und in Folge defielben die
Eprer fie aufhoben, fo fehlen einige Tage zu den 40. 9. Flügel,
welher (S. 40) die Belagerung fortdauern läßt, bis die Nachricht
von Jezid's Tod in Mekka eintraf, alfo, wenn wir nicht an Wunder
alauben, ohngefähr bis zum 2dten Rabia Awwal (23. Nov.) hätte
336 Sechſtes Hauptflüd,
Die Meffaner ertrugen ftandhaft alle Noth und Drang-
jal einer Belagerung, bis die Nachricht von Jezid's Tod nad)
Mekka gelangte, welcher den 1dten des Monats Rabia-I-Arw-
wal (11. November 683), noch nicht vierzig Jahre alt N),
auf feinem Pieblingsfchloffe in Hawarin dag Zeitliche verlaffen.
Abd Allah Ibn Zubeir, welcher zuerft von diefem für ihn fo
günftigen Borfalle unterrichtet ward, theilte ihn Haßin mit
und forderte ihn auf, die Belagerung aufzuheben, Haßin
wartete aber die Beftätigung diefer Trauerbotfchaft ab, und
erft als er fie von dem aus Medina angelangten Thabit Jon
Keis erhielt, welcher noch binzufegte, daß die Syrer Jezid’s
Sohne Muawia als Chalifen gehuldigt, fnüpfte er, in der
Ueberzeugung, diefer junge Mann würde fih nicht auf dem
Throne behaupten fünnen, mit Abd Allah Ibn Zubeir Unter-
bandlungen an. Sie führten aber zu feinem andern Refuls
tate, als daß die Feindfeligfeiten aufhörten, Haßin und den
Seinigen der Befuh des Tempels geftattet wurde, worauf
fie wieder nad Syrien zurüdfehrten 2). Nach einigen Be—
richten erbot ſich Haßin, Abd Allah Ibn Zubeir als Chalifen
anzuerfennen 3) und ihm die Unterwerfung feines Heeres zu
fihern, wenn er ſich in deffen Mitte begeben, eine volle Be—
gnadigung für alles Gefchehene gewähren und mit ihnen nad)
Syrien aufbrechen wollte, um die Anhänger der Dmejjaden
zu befämpfen, deren Hauptmacht übrigens in Haßins Hand
war. Abd Allah, es fei nun, daß er dem von Jezid und
Muslim erwählten Feldherrn nicht traute, oder, felbft feiner
Unterftügung gewiß, doch noch einen Zug nad Syrien, unter
Truppen, die ihm bisher als Feind gegenüber geftanden, für
—
nicht von einer 40tägigen Belagerung ſprechen ſollen, da ſie doch
mehr als 50 Tage gedauert.
1) Nach einigen ſtarb er im 38ten, nach Andern im 89ten Le—
bensjahre.
2) Abd Almahafin.
8) Ibid. Tab. ©. 50. Abulfeda ©. 396.
Jezib 8387
zu gewagt hielt ), ſchlug dieſes Anerbieten aus. Obſchon
er fpäter diefen Mangel an Bertrauen bereut haben fol, fo .
jcheint er doch nicht ungegründet gewefen zu fein, denn wäre
Haßin, wie arabifhe Quellen 2) behaupten, wirklich von der
Rechtmäßigkeit der Ansprüche Abd Allah's überzeugt gewefen,
jo hätte er ihn, auch ohne daß er mit ihm nad Syrien ziehe,
als Chalifen anerfennen müffen. Abd Allah entwicelte aber
überhaupt auch in der Folge nicht mehr jene Kühnheit und
jene Thatkraft, durch die er fih früher in Afrifa und im
1) Daß Abd Allah bloß darum fich nicht mit Hain verftändigen
fonnte, weil er für das bei Harra und während der Belagerung von
Mekka vergofiene Blut Rache nehmen wollte, ift nicht wahrfcheinfich,
obgleich er nach einer bei Abd Almahaſin und Chamis, fo wie auch von
Quatremere angeführten Tradition Haßin geantwortet haben foll, daß
er ſelbſt den Tod von zehn feindlichen Soldaten für jeden feiner Gefähr—
ten noch nicht als Genugthuung anjehen würde. Derfelbe berichtet auch,
dab Hafın während diefer Unterredung leife jprah, während Abd
Allah, wahrfheinfih um ihn bei den Truppen zu compromittiren
und dadurch zum Abfall zu nöthigen, ganz laut redete, Haßin brach
daher die Unterredung bald ab und jaate: Verflucht fei derjenige,
der dich für einen klugen verftändigen Mann hält! ich ſpreche leife
zu dir und du antmworteft mit lauter Stimme; ich biete dir das
Chalifat an und du drohft mit dem Tode. Abd Allah foll ihm dann
einen Boten nachgefandt und in Betreff der Amneftie nachgegeben
haben, Haßin aber darauf beftanden fein, daß er felbft mitziehe
nah Syrien.
2) Abd Almahafin. Auch bei Quatremere fagt Hafin zu Abd
Allah: »Cest toi qui es reellement digne du Chalifat.« Eine ſolche
Tradition iſt aber fhon darum verdächtig, weil fie jedenfalls nur
von Abd Allah oder einem feiner Freunde herrührt, denn Haßin
klagte ſich doch gewiß nicht felbit als WVerräther an. Auch nehmen
die Mufelmänner in dem Streite zwifchen Abd Allah und den Dmejs
jaden allzufehr für Jenen Partei, als daß derartige Berichte vielen
Glauben verdienten. So läßt ja auch Tabari ©. 42 in dem Kampfe
zwifchen Sezid und Hufein den Feldherrn der Dmejjaden Amru Ibn
Saad zu Hufein fagen: „D Sohn (Enfel) unfres Propheten! wir
wiſſen, daß du die gerechteiten Anfprüche auf das Chalifat haft, aber
Gott der Erhabene hat es euch nicht bejchieden.“
22
338 Sechſtes Hauptftüd,
Kampfe gegen Ali ausgezeichnet, Wäre er während der fol-
genden Zerrüttung und Uneinigfeit in Damasf, auf die wir
fogleich übergeben werden, an der Spite feiner Anhänger
nad) Syrien gezogen, wo er viele verborgene und fpäter ſo—
gar offene Freunde zählte, fo hätte wahrſcheinlich damals ſchon
die Dynaftie der Omejjaden untergehen müffen. Abd Allah
überließ aber felbft in Arabien und Irak die Leitung aller
Kriegsoperationen feinen Feldherrn und blieb unthätig in
Meffa unter dem Schuße des heiligen Tempels, den er, meil
er während der Belagerung vielfach, befhädigt worden, ganz
ungreißen und neu aufbauen ließ N).
Jezid's Negierungsdauer war zu furz, als daß fih ein
vollftändiges Gemälde von feinem Charakter entwerfen ließe.
Den Mufelmännern ift fein Andenfen ein Gräuel, weil er
manche Vorſchriften des Korans verleste, und weil unter
feiner Herrſchaft der Enfel des Propheten erfchlagen, Medina
geplündert und Meffa belagert worden. Vom politifchen
Standpunkte aus beurtheilt, trifft ihn Fein Tadel, denn erft
nachdem alle Verſuche, die Nebellen durch Güte zu befänf-
tigen, gefcheitert waren, gebrauchte ex die Waffen gegen fie
1) Abulfeda ©. 406 u. A. im J. 64 d, 9. Quatremere a, a. O.
©. 411— 414 theilt aus Faſi's Gefhichte der Stadt Meffa Näheres
über den Bau der Caaba mit. Viele fromme Mufelmänner wünſch—
ten nur eine Ausbefferung des Tempels und fürchteten fich, das noch
Beftehende umzureißen. Abd Allah beftand darauf und begann mit
eigner Hand die Zerftörung, obgleich viele Leute, aus Furcht vor
einer Strafe Gottes, die Stadt verließen. Erft nad drei Tagen, ald
ſich Feine Spur von einem zürnenden Himmel zeigte, Fehrten fie in
die Stadt zurück und halfen felbft. Die meiften Baumaterialien
wurden aus Sanaa herbeigefchafft, die Arbeiter waren Perfer und
Griehen. Grftere follen zu jener Zeit auch die Liebe zur Muſik in
Mekka angeregt haben. Nah Masudi (f. 236) foll indeſſen ſchon
zu Jezid's Zeit in Mekka Gefang und Muſik einheimifch geworden
fein. Die Vollendung des Baues wird nad) Einigen erft in das
5. 69 d. H. geſetzt.
Jezid. 339
und die Beſiegten fanden Gnade bei ihm, wenn auch ſeine
Feldherrn ſich mancher Härte gegen dieſelben ſchuldig machten.
Als Sohn der Wüſte ) liebte Jezid ein freies heiteres Leben,
Dichter und Jäger, Sängerinnen und Tänzerinnen fanden an
feinem Hofe eine freundlichere Aufnahme als Koranslefer,
Gejeßgelehrte und Leberkieferungsfundige, Weil aber nur
Lestere die Gefchichtsquelle des Islams bilden, ward er yon
feinen Glaubensgenoſſen als „Lafterhafter” gebrandmarft.
I) Seine Mutter war eine Beduinin, welche Muawia wegen
eines Gedichts, in welchem fie ihre Sehnſucht nach dem Beduinen—
leben ausſprach, wieder entließ und erft nah ihrem Tode Fehrte
Jezid wieder zu feinem Vater zurüd. Das auch von Abulfeda, (S. 398)
jedoh mit manchen Verfehen, fowohl im Terte als in der Weber:
fegung, angeführte Gedicht, lautet nah Sujuti zum Mughni: „Ein
Zelt, dem Winde ausgefest, ift mir lieber als ein hohes Schloß.
Ein Hund, der zudringlidde Wandrer von mir fern hält, lieber als
eine zahme Katze, lieber ift mir ein wollnes Tuch, das mein Aug’
ergdst, als das feinfte Gewand. Mehr freut mich ein junges kräf—
tiges Kameel, dag meiner Sänfte folgt, als ein bräutlih geſchmück—
tes Maulthier. Lieber fehe ich einen edlen Mann aus meinem
Stamme, als einen Dieleibigen mit duftigem Barte. Das Saufen
des Windes in freier Wüſte Elingt meinem Ohre füßer ald Trom-
petenſchall. Ein Stückchen Brod in einer Ecke meines Zeltes ſchmeckt
mir beffer als die feinften Leckerbiſſen. Nach meiner Heimath fehne
ih mich, Fein Fürftenhaus kann fie mir erjegen.‘
228
Sicbentes Hauptftüc.
Aunawia I.
Haßin hatte mit Recht vorausgefehen, daß der einund-
zwanzigjährige Sohn Jezid's ſowohl förperlich als geiftig zu
ſchwach fein würde, um in einer fo bewegten Zeit das Staate-
ruder zu Ienfen. Er ftarb bald nad) feiner Thronbefteigung
und foll fogar vor feinem Tode fchon, im Gefühle feiner Un-
fähigfeit zum Herrfchen, und aus Gleichgültigkeit gegen irdiſche
Größe, abgedanft haben ). Doch umfchwebt fein Leben und
1) Man lieſt bei Abulfeda ©. 402: „Muawia war ein durch
Frömmigkeit ausgezeichneter Süngling. Sein Chalifat dauerte nur
3 Monate, nad) Andern nur 40 Tage. Er ftarb in einem Alter
von 21 Sahren. In feinen legten Tagen verfammelte er das Volk
und fprach: „ich bin zu ſchwach, um über euch zu regieren. Sch Fenne
Miemanden wie Omar, Cohn Chattab’8, den ich zu meinem Mad:
folger ernennen konnte, auch nicht würdige Wähler wie die von
Dmar beftimmten, darum ziemt es fich, daß ich euch felbft zum Herr;
fher wählen laffe wen ihr wollt.“ Hierauf begab er fih in feine
Wohnung und blieb darin verborgen, bis zu feinem Tode, Doc
Muawia II. 341
ſeinen Tod ein Dunkel, aus dem ſich nur ſo viel mit Gewiß—
heit beſtimmen läßt, daß er jedenfalls nicht länger als fünf
Monate ſeinen Vater überlebte. Nicht unwahrſcheinlich iſt,
daß ſein Lehrer und Erzieher ein heimlicher Anhänger des
Hauſes Ali war, welcher dem ſchwachköpfigen Jüngling ſchii—
tiſche Lehren einimpfte, ſo daß er ſeinen Großvater Muawia
für einen Uſurpator und darum auch ſich ſelbſt nicht des
Thrones würdig hielt. Der Chalife ſoll von ſeinen eignen
Verwandten vergiftet und ſein Lehrer lebendig begraben wor—
den fein N),
wird behauptet, er habe Dhahhaf Ibn Keis als Vorbeter beftimmt
bis zur Chalifenwahl.“ Bei Elmakin ©: 55 heißt es: „Man huldigte
ihm am Todestage feines Vaters und er lebte noch 45 Tage, nad
Andern 20 Tage, nah Andern 4 Monate. Manche behaupten, er
habe abgedanft und fei 40 Tage oder drei Monate nachher in einem
Alter von 23 Suhren geftorben.”“ Seine Rede bei Abulfeda ift noch
ald wahr anzunehmen. Bei Tab. ©. 50 fagt er aber am dritten
Tage nach feiner Thronbefteigung: „Sch vermag es nicht, den Ver:
wandten und Gefährten des Gejandten Gottes irgend etwas zu leid
zu thun.“ Er zog ſich dann ın die Einfamfeit zurück und ftarb nach
40 Tagen. Bei Masudi f. 238 heißt es: „Muamia ftarb in einem
Alter von 22 Sahren, nad) Einigen an Gift, nach Andern ward er
erdolht, manche behaupten, er jtarb einen natürlichen Tod." Vergl.
auh Abulfaradj S. 197.
1) Chamis.
Achtes Hauptſtück.
Merwan ll.
Aufitand in Arabien, Sraf und Egypten. — Zmiefpalt über die
Thronfolge in Damasf. — Merwan wird Reichsverwefer. — Schlacht
bei Merdj Rahit. — Merwan’s Zug nah Egypten. — Mukab’s
Einfälle in Syrien. — Niederlage der Syrer vor Medina. — Ber:
hältnig Abd Allah’s zu den Charidjiten. — Muchtar und Suleiman.
— Die Azrafiten und Keifaniden. — Schlacht bei Ein Alwardah. —
Suleiman fällt. — Merwan wird ermordet, nachdem er Abd Alma-
lik zum Nachfolger beftimmt.
Waͤhrend unter Jezid's Regierung, fo ſehr auch die
Mufelmänner über fein frivoles Leben fpotten mögen, ber
Aufftand allentbalben unterdrüdt worden, und Abd Allah nur
noch in Meffa Zuflucht fand, ward unter dem frommen aber
ſchwachen Muawia und nad) feinem Tode die Herrfchaft des
Gefchlehts Omejja's aufs Neue von allen Seiten erfchüttert.
Medina fchüttelte bald wieder das Joch der verhaßten
DOmejjaden ab und Merwan mußte abermals nah Syrien
Merwanl. 343
fliehen I. Kufa und Baßra folgten dem Beiſpiele der Pro—
phetenſtadt, ſo daß der bisher gefürchtete Ubeid Allah Ibn
Zijad ſich nicht länger halten konnte 2). Auch das ſüdliche
Arabien ging zu Abd Allah's Partei über 3) und ſelbſt ein
Theil Egyptens erklärte fih zu Gunften des Prätendenten
aus dem Gefchledhte des Propheten %). Gefährlicher als alle
diefe Empörungen war aber noch die Spaltung, welche in
Syrien felbft herrfchte, das nur durch feine Cinigfeit bisher
ftarf genug war, um den übrigen Ländern des islamitifchen
Reichs Gefege vorzufchreiben.
Muawia II war ohne Nahfommen aus der Welt ge-
fhieden; fein jüngerer Bruder Chalid Fon Jezid war erft
fechzehn Jahre alt 5). Welid Fon Diba, der frühere Statt:
halter von Medina, der als Enfel Abu Softan’s Anfprüde
auf den Thron hatte, ftarb, oder ward ermordet, als er für
Muamwia das Todtengebet verrichtete 9), Othman, ein ande:
1) Tab. ©. 50. Abulfeda ©. 404. Erſterer berichtet: Abd Al—
lah fandte feinen Bruder Ubeida als Statthalter von Medina.
2) Ebendaf.: Baßra huldigte zuerft jemanden aus dem Geſchlechte
Abd Almuttalibs und Kufa dem Amru Son Saad bis zur allgemei-
nen Chalifenwahl, jpäter aber, als Abd Allah in Arabien und an:
dern Provinzen als Chalife anerkannt ward, erklärte fih ganz Irak
für ihn.
3) Ibid.: Er ernannte Sbada Son Raſchid (als feinen Statthal-
ter) für Semen.
4) Ibid.: Er fandte Abd Errahman Ibn Hudjr nach Egypten.
Bei Abd Almahafin heißt er Abd Errahman Son Djabdam. Bei
Elmafin S. 50 Abd Errahman Zbn Okba Ibn Djahram. Quatre-
mere ©. 420 nennt ihn auch Abd Errahman Ibn Djahdam.
5) Tub, ©. 51.
6) Masudi f. 238, „Welid Ibn Dtba Son Abu Softan betete
für Muamia und hoffte ihm als Chalife zu folgen, aber bei dem
zweiten Tafbir (Uusruf „Allah Akbar“ Gott ift der Größte) ward
er erdolht.” Don wem wird nicht gefagt, wahrfheinlih von einem
Anhänger Abd Allah’s Ibn Zubeir, oder einem andern omejjadijshen
344 Achtes Hauptſtück.
rer Enkel Abu Sofian's I), dem die Dmejjaden den Thron
anboten, fühlte fi zu fhwah, um ihn mit dem Schwerbte
in der Hand gegen die Freunde. Abd Allah’s zu vertheidigen,
zu denen fogar einige Statthalter von Syrien gebörten. Selbit
Merwan fol ſchon den Entſchluß gefaßt haben, mit Abd AL
lab Ibn Zubeir zu unterhandeln, als Haßin Ibn Numeir
ihn gegen denfelben einnahm, und der aus Bafra entflohene
Uberd Allah ihn ermuthigte, wegen der Minderjährigfeit Cha-
lid's, ſich felbft an die Spige der Omejjaden zu ftellen und
als Chalifen Hufdigen zu laſſen 2). Dhahhak Fon Keis,
Emir (gouverneur) von Damasf, ehedem einer der eifrigften
Kämpfer für Muawia und Oberft jeiner Leibwache, nunmehr
Prätendenten. Bei Elmafin ©. 55 ſcheint ein Wort (er ftarb, oder
ward getödtet) zu fehlen, denn es heißt: „manche behaupten, Welid
Son Dtba habe für ihn gebetet und ald er zwei Tafbir verrichtet
hatte ... da betete Merwan Ibn Albakfam für ihn.“ Ber Tabari
©. 51 kömmt indeſſen Welid noch bei den Unruhen vor, welche fpäs
ter in Damasf vorfielen. Quatremere läßt ihn ©. 415, ohne feine
Quelle zu nennen, während des Gebets an der Veit jterben.
1) Nach Masudi 1. 1. und Abd Almahafin, wollte er das Cha—
fifat nur unter der Bedingung annehmen, daß er feinen Krieg gegen
Abd Allah führe, d. h. er wollte mit ihm unterhandeln und vielleicht
mit ihm die Herrihaft theilen. In beiden Quellen heißt er Othman
Son Uneifa (oder Anija) Ibn Abu Sofian, bei Quatremere ©. 415:
»Othman fils d’Atabah«; vielleicht war Uneifa der Name feiner Mut:
ter. Gr ging dann nah Mekka zu Abd Allah Son Zubeir.
2) Abulfeda ©. 402 berichtet bloß, dag Merwan gefonhen war
Abd Allah zu huldigen, dann aber mit den Webrigen fih nad Sy—
rien begab. Bei Tab. ©. 5V u. 51 fagt Haßin zu den ſchwankenden
Syrern: Huldiget Chalid! Abd Allah Ibn Zubeir will eure Huldi-
gung nicht, ic habe mir Mühe gegeben, ihn nah Syrien zu brin:
gen, alle meine Bemühungen waren aber vergebens. Derjelbe er-
zählt dann, daß Ubeid Allah-dem Chalid nicht gewogen war, weil
er ſchon mit Zezid zulegt wegen feiner Weigerung gegen Abd Allah
Son Zubeir nah Mekka zu ziehen, in fchlehtem Ginverftändniffe
gelebt und fogar kurz vor deſſen Tod mit Abfegung bedroht worden
war, darum ſchloß er ih Merman an,
Merwanl. 345
aber, entweder ſelbſt nach dem Chalifate gelüftend, oder eben:
falls im Einverftändnijfe mit Abd Allah, wagte es indeffen
öffentlich, in der Mofchee von Damasf, die Regierung Je—
zid's und fein Verfahren gegen Hufein und Abd Allah Ibn
Zubeir zu tadeln Y. Diefe Nede, aus dem Munde eines
Mannes, welhen Muawia und Yezid mit Wohlthaten und
Ehrenbezeigungen überhäuft, empörte die Anhänger der Omej—
jaden, welche Dhabbaf einen Undanfbaren nannten. Als die
jer hierauf die ihm Widerfprechenden verbaften laſſen wollte,
erhob fi das Volk zu ihrer BVertheidigung. Die Partei
Dhahhak's unterlag und mit Mühe gelang es ihm, fih in
jein Schloß zu retten und in der Nacht das Freie zu ge-
winnen ?).
Diefer Borfall überzeugte Merwan und Ubeid Allah,
dag die Damascener noch eine große Anhänglichfeit zu den
Dmejjaden ?) hatten und daß fie wohl einfahen, daß wenn
Abd Allah den Sieg davon trage, nit nur Damask aufhö-
ven würde, Sit der Regierung zu fein, fondern fie auch noch
1) Tab. ©. 51. Diefer nimmt für entjchieden an, dag Dhahhaf
damals ſchon öffentlih für Abd Allah Son Zubeir warb, was aber
nicht wahrjceinlich tft, da, wie wir in der Folge fehen werden, die:
jer zweideutige Mann auch noch an fich ſelbſt dachte und dann mie:
der mit den Anhängern Chalid's in Unterhandlung ftand. Gewiß
ift nur, dag er Merman abgeneigt war und Abd Almahafin bemerft
ausdrüdlih, daß er fib in Damask huldigen ließ, aber fein Ber:
hältnig zu Ibn Zubeir noch geheim hielt.
2) Ebendaf. Gegen Dhahhaf erhob fich zuerft Chalid Ibn Je—
zid, dann Welid Son Dtba, Sofian Sbn Dhahhaf und Sezid Son
Anan. Anıru Ibn Seid Elhakami, ein Anführer der Truppen, nahm
fih Dhahhak's an, der dann den Muth hatte, die drei genannten
Gegner feftnehmen zu laffen, aber das Volk ftand auf, verfolgte
Dhahhaf mit Steinen u. f. m.
3) Merwan feldft gehört auch noch zu den Omejjaden, das heißt
ftammt von Omejja ab, mie Muawia felbft. Diefer durh Abu So:
fian und Harb, jener durh Hafam und Abu'l-Aaß, welcher Lestere
346 Achtes Hauptftüd.
früb oder ſpät die frühern Sünden gegen das Geſchlecht des
Propheten bügen müßten. Am folgenden Morgen verfam-
melten fie daher die Häupter der Stadt, Ubeid Allah ftellte
ihnen vor, wie thöricht und felbit gefährlich es wäre, nad
fo vielen Kämpfen feit dem Tode Othman's, jetzt die Dmej-
jaden aufzugeben, und forderte fie auf, Merwan, als dem
älteften und erfahrenften unter ihnen, zu huldigen. Er geftand
zwar ein, daß das Chalifat dem Sohne Jezid's gebühre, da
diefer aber zu jung, um gegen die immer mächtiger werdende
Partei Abd Allah's zu kämpfen, follte Merwan bis zu defjen
Großjährigkeit den Szepter führen N).
As Merwan yon der Stadt und dem Gebiete yon Da-
masf zum Chalifen, oder wenigftens zum Neichsverwefer er—
nannt war, erflärte fi) Dhahhak, der jest für fich felbft feine
Hoffnung mehr Hatte, öffentlich als Verfechter der Rechte Abd
Allah's Fon Zubeir, ftellte fi an die Spige der Araber aus
dem Stamme ?) Keis und einiger Andern, welche ſchon längſt
auch des Chalifen Othman Großvater war. Die ganze Abjftammung
der erften Dmejjaden überfieht man aus Folgenden:
Dmejja
Abul Aaß Harb
Hafam Affan Abu Sofian
Merwan Othman ler
a Almalik 9
Chalid
1) Tabari ©. 52.
2) Hamafa ed. Freytag ©. 319: „Als Muamia, der Sohn Abu
Softan’s, feinen Sohn Sezid zum Machfolger ernannte, huldigten
ihm alle Leute, mit Ausnahme des Stammes Keis, welcher jagte:
bei Gott! wir huldigen nicht dem Sohne einer Frau aus dem Stamme
Kelb, denn Meifun, Jezid's Mutter, war die Tochter Malik's Ibn
Bahdal des Kelbiten, Dies Fränfte Zezid und ward der Anfang
Merwan l. 347
mit den Omejjaden zerfallen waren und erbat ſich auch Trup-
pen von den Statthaltern von Himß, Kinesrin und Paläftina,
die früher ſchon die Partei- Abd Allah's ergriffen hatten 7)
und 309, nad einigen Berichten, mit einem 60,000 Mann
des Haders zwifhen den DOmejjaden und dem Stamme Keis. Als
nach Jezid's Tod fein Sohn Muamia Chalife ward, dejien Mutter
ebenfalld dem Stamme Kelb angehörte, war Meiſun's Bruder Ha:
fan Sbn Malik Son Bahdal (als Oheim des ſchwachen Muamia I.)
gemwiffermagen das Haupt der Regierung. Das Chalifat Muamia’d
war aber nur von furzer Dauer und die Empörung des Ibn Zubeir
nahm überhand, darum wußte Hafan Son Malik ſich gar nicht zu
rathen. Bald forderte er die Leute auf, ihm feldft zu huldigen, bald
einem Abkömmling Dmejja’s.” Aus DObigem geht hervor, dag auch
hier wieder nähere Stammverwandtfchaft mit den einen oder andern
Prätendenten, Beweggrund zur Enticheidung für oder gegen denſel—
ben war. Der alte Haß zwifchen den Kahtaniden, auch Jemeniden
genannt, weil fie urfprünglich in Semen ihren Sis hatten, und den
Ssmaeliten ift befannt. Zu den lestern, welche auch Muftariba hei:
gen, gehörte der Stamm Keis, zu den Gritern aber der Stamm
Kelb. Weil Muamwia eine Frau aus dem Gefchlehte Kahtan’d ge:
heirathet, die ihm Sezid gebar, mwendeten fih die Keiltten von ihm
ab, während die Jemeniden ihn unterftügen. Won väterliher Seite
ftammen ſowohl Abd Allah Son Zubeir, als die Omejjaden von den
Sömaeliten her und zwar gehören beide dem Geſchlechte Kureiich
an. Dmejja war ein Urenfel Kußei's, eben fo Zubeir’s Großvater
Chumeilad (S. Nawawi ©. 250). 9. v. H., welcher (Gemäldefaal
II, 65) ſchreibt: „Abd Allah, der Sohn Sobeir’s, gehörte von väter-
liher Seite niht dem Stamme Koreifch an” und in einer Note 9.
Quatremere tadelt, diefen Umftand nicht hervorgehoben zu haben, ift
daher vollfommen im Irrthume. Vergl. auch Elmakin ©. 55.
1) Abulfeda S. 404 und ausführliher bei Tab. ©. 50, wo e8
heißt: Als Jezid ftarb, ftanden fünf Männer an der Spike der Re:
gierung in Syrien: Nu'man Son Beihr, Bey von Himß, Dhahhak
Son Keid, Bey von Damasf, Zufr Son Harith, Emir von Kinesrin,
Mail Son Keis, Emir von Paläftina, und Hafan Son Malik, Bey
des Sordangebiets. Alle dieſe Emire waren für Abd Allah Son Zu:
beir, nur Hafan Ibn Malik hielt es mit Chalid Ibn Jezid.“ So
heißt es auch bei Abul Faradj ©. 197: „Ganz Syrien huldigte dem
Abd Alan Ibn Zubeir, nur das Sordangebiet nicht,“
348 Achtes Hauptſtück.
ſtarken Heere, gegen Damask. Merwan verlor einen Augen-
blick den Muth, und ſtand abermals im Begriffe mit Abd
Allah zu unterhandeln; ſchon wollte er ſogar Dhahhak mit
ſeinen Anträgen nach Mekka ſchicken, doch ſein Sohn, der
nachherige Chalife Abd Almalik und Amru Ibn Said hielten
ihn von dieſem Schritte ab, indem ſie von Neuem ſeinen
Ehrgeiz anſtachelten )Y. est knüpfte Dhahhak Ibn Keis
Unterhandlungen mit Haſan Ibn Malik an, dem angeblichen
Verfechter der Rechte Chalid's, der aber in der That auch
ſelbſt nach der Herrſchaft gelüſtete. Dieſer Haſan, Statthalter
des Jordangebietes, war ein Oheim Muawia's des Zweiten
und von demſelben bis zur Chalifenwahl als Reichsverweſer
beſtimmt worden. Er gehörte aber dem Stamme Kelb an,
welcher dem Stamme Keis, der die Hauptmacht Dhahhak's
bildete, verhaßt war. Als daher die Keiſaner merkten, daß
Dhahhak ſich mit Haſan zu verbinden beabſichtige, warfen ſie
ihm ſeinen Verrath gegen Abd Allah vor, und drohten ihm
ihn zu verlaſſen, während Andere ihn aufforderten, ſich ſelbſt
huldigen zu laſſen 2), und fo zog er, die Zubeiriden im Na—
men Abd Allah’ und die Andern in feinem eignen Namen
zum Gehorfam auffordernd, nad Merdj Rahit 3), einige Mei-
len öftlih von Damasf. Merwan, welchem jest auch Haſan,
nachdem er fi von Dhahhak verlaffen ſah, die Huldigung
nicht länger verweigerte, bot Chalid's Stammgenoffen, die
Kelbiten, und alle Ffriegsfähigen Bewohner Damasfs zum
Kampfe auf und, nad zwanzigtägigen Scharmügeln zwifchen
den beiden Heeren, fam es endlich zur entfcheidenden Schlacht,
melde Merwan, nach einigen Berichten nur durch Lift und
1) Hamafa ©. 818.
2) Ebendaj.
3) Abulfeda ed. Schier ©. 131 u. Kamuf. Das Wort Merdj
bedeutet Wiefe und Rahit ift nach Tebrizi zur Hamafa ©. 317 der
Name eines Mannes aus dem Stamme Kudhaa, der ſich wahrſchein—
fih auf diefem Gebiete niederließ.
Merwan I. 349
Verrath, gewann ). Als Dhahhak geichlagen war, huldigte
ganz Syrien dem Merwan und die Freunde Abd Allah’s
fonnten nur durch ſchnelle Flucht ihr Leben 2) retten. Mer—
wan brach jetst gegen Egypten auf, vertrieb Abd Allah Ibn
Diabdam, der im Namen Abd Allah Ibn Zubeir's das Re—
giment führte, nad) einem mörderifchen Treffen bei Heltopolig,
züchtigte die Anftifter des Aufrubrs gegen Othman ſowohl,
als gegen die andern Omejjaden, und ließ feinen Sohn Abd
Alaziz als Statthalter zurück 9).
Merwans rafhe Nüdfehr nah Syrien, im Anfang des
6öten Jahres d. H. (Auguft 684), war dringend nothwendig,
denn während feiner Abwefenheit hatte Mußab, ein Bruder
Abd Allah's Ibn Zubeir, einen Einfall in dieſes Land ges
macht . Es gelang Merwan, mit Hülfe feines Feldberrn
- 2) Bei Abd Almahafın heißt es, übereinftimmend mit einer aud)
von Quatremere ©. 419 angeführten Tradition, dag Merwan, als
er die Unmöglichkeit einfah, Dhahhak mit Gewalt der Waffen zu
befiegen, feine Zufluht zur Lift nahm. Er zeigte fih nämlih, auf
den Rath Ubeid Allah's, geneigt nachzugeben und Abd Allah Son
Zubeir als Chalifen anzuerfennen, fiel aber dann, ald Dhahhak den
Krieg beendigt glaubte, treuloferweife über ihn her. Dies fomwohl,
ald was Quatremere a. a. O. von einem »carnage aflreux des troupes
de Dahaka jchreibt, jcheint aber eine bösmwillige Erfindung der Feinde
der Dmejjaden zu fein, denn bei Tebrizt ©. 318 heißt es: „Bon
dem Stamme Keis wurden 1000 und von den Semeniden 1300 Mann
getodtet,“ und ©. 657 fagt ein Dichter aus dem Stamme Kelb:
„Wenn die Keifiten groß fprechen, fo erinnere fie an ihre Niederlage
auf den Gefilden Dhahhak’s, vftlih von Djaubar,“ wobei Tebrizi
bemerft: „Die Keiiiten waren Hülfsgenoffen der Söhne Merwan's,
fie hielten es (ehedem) mit Dbahhaf und lieferten ihn aus bis er
getödtet ward; daraus jomohl, wie aus der geringen Zahl der Ge
todteten, geht hervor, daß fte fich nicht tapfer fchlugen.
2) Tab. ©. 52. Nu'man ward von den Bewohnern von Himß
erſchlagen. Abulf. S. 406.
3) Elmafin ©. 57 u. Tab. Das Nähere bei Quatremere ©.
420 u. 421.
4) Tab. ©. 57 u. Abd Almahafin.
350 Achtes Hauptſtück.
Amru Ibn Said die Zubeiriden zurückzuſchlagen, doch erlitten
auch bald nachher die ſyriſchen Truppen, die unter Anführung
Habaſch's Ibn Daldja ) ſich der Stadt Medina bemächtigen
ſollten, eine blutige Niederlage. Djabir Jon Alaswad, Abd
Allah's Statthalter von Medina, hatte zwar ſchon ſeinen
Poſten verlaſſen, aber es trafen noch zeitlich genug zwei Ab—
theilungen Zubeiritiſcher Truppen aus Baßra ein, nicht nur
um die Stadt Medina zu retten, ſondern auch um die Syrer
auf offnem Felde zu ſchlagen. Habaſch blieb im Gefechte 2)
und Abbas Fon Sahl, Anführer der Zubeiriten, ward von
Abd Allan zum Statthalter von Medina ernannt,
Gllücklicher als diefe fyrifche Truppenabtheilung war eine
andere, welche Merwan unter Anführung Ubeid Allah’s Fon
Zijad und Hafin’s Fon Numeir gegen Kirkifia fchickte, wohin
fih Zufr Jon Harith, einer der Kampfgenoffen Dhahhaks,
nach der Niederlage bei Merdj Nahit, geworfen hatte. Wir
müffen aber vorher das Treiben der Schtiten oder Charidjiten,
mit denen Zufr in Bündniß trat und die Abd Allah nicht
weniger als die Dmejjaden fürchtete, und darum auch nicht
unterftügte, näher erörtern. Sn der erften Zeit, fo lange
Abd Allah nur noch die Nolle eines „Schüßlings des heili-
gen Hauſes“ fpielte und mehr Aufruhr gegen die Omejjaden
predigte, als von feiner eignen Perfon ſprach, fchmeichelte
1) Abd Amahafin. Bei Quatremere ©. 421 heißt er Habifch
ben Waldjeh. Derfelbe gibt aud die Zahl der fyrifchen Truppen
auf 4000 an, dies fcheint mir aber zu wenig für ein Corpse, dad
gegen Arabien ziehen follte, wo allenthalben Abd Allah als Chalif
anerfannt war. Unter den Syrern war auch der junge Haddjadj
mit feinem Vater Sufuf, mweldher in der Folge eine fo furchtbare
Berühmtheit erlangte.
2) Er ward nah Abd Almahafin von Zezid Ibn Siah erſchla—
gen. Diefer ward als ein Heiliger verehrt. Er trug ein meißes
mwollenes Gewand, das aber ganz ſchwarz geworden, weil alle from—
men Mufelmänner ſich zu ihm drängten, um es zu füllen oder auch
nur zu berühren,
Merwan ll. 351
er auch den Charidfiten und gebrauchte fie zu feinen Zweden.
Sobald er aber den Chalifentitel annahm, war ein Bruch
unvermeidlich. est erinnerten fi) die Charidjiten, daß Abd
Allah Ibn Zubeir einer der Erjten gegen Alt aufgetveten und
für Othmans Blut Rache begehrt, während fie befanntlicd) den
Tod Dibmans als gefeßmäßig erklärten und die größte Anz
bänglichfeit, wenn auch nicht zur Perſon, doch zum Geſchlechte
Ali's hatten. Sie begaben ſich daher zu Abd Allah und for-
derten von ihm eine Erflärung in Betreff Othmans, um zu
feben, ob er von feinen frühern Grundfäsen abgewichen, Da
Add Allah allein war, fürchtete er fich, diefen Schwärmern
eine ihnen mißfällige Antwort zu geben, er fehüste daher ein
dringendes Gefhäft vor und lud fie auf den Abend zur Er-
örterung ber an ihn gerichteten Fragen ein. Als fie des
Abends wiederfehrten, fanden fie Abd Allah von vielen Freun-
den umgeben, von denen mehrere wohl bewaffnet ihm zu
Häupten fanden, woraus fie erfannten, daß er keineswegs
freundliche Gefinnungen geger fte hegte. Indeſſen bielt einer
von ihnen eine Rede, in welcher er fi über Mohammed und
feine beiden erften Nachfolger in großen Yobeserhebungen ers
ging, dann aber auf Othman übergehend, ſagte: „diefer
Chalife hat öffentliche Güter zu feinem Privateigenthum ges
macht, hat feine Verwandten bevorzugt, hat die Ruthe und
den Stab gefhwungen, die heilige Schrift zerriffen, den vom
Sefandten Gottes Berbannten zurüdgerufen, die Beute Un—
würdigen vertheilt und die älteften tugendhaften Mufelmän-
ner gejchlagen und verbannt. Männer, von heiligem Eifer
befeelt, Haben fi darum gegen ihn aufgelehnt und ihn ge-
tödtet, Wir rühmen ung Freunde dieſer Männer zu fein,
fagen ung von Othman und feinen Bertheidigern los und
fordern dich auf, deine Anficht über ihn offen auszufprechen.”
Abd Allah, der nicht in Widerſpruch mit fich felbft gerathen,
auch gern Othmans unvervienten Tod und Ali's Mitfchuld
als Waffe gegen deſſen Gefchleht gebrauchen wollte, dag
er, wie wir bald feben werben, in der Perfon Moham—
352 Achtes Hauptſtück.
meds Ibn Hanafije fürchtete, nahm Othman in Schutz
und ergoß ſich in Schmähungen gegen diejenigen, die ihn
eines Briefes willen, den er nicht geſchrieben, ermordet.
Hierauf trennte man ſich unter gegenſeitigen Verwünſchungen.
Wie nach der Schlacht bei Siffin die Charidjiten es be—
reuten, Ali zur friedlichen Unterhandlung mit Muawia ge—
nöthigt zu haben, und ſogar gegen ihn ſelbſt ſich empörten,
weil er ſein Unrecht nicht bekennen wollte, ſo klagten ſie ſich
auch wieder, nachdem fie Muslim und Huſein jchmählich
verlaſſen, als böſe Sünder an, die ihre Schuld nur im
Blute der Mörder Hufeins abwafchen könnten ). So lange
indeffen Jezid lebte, arbeiteten fie nur im Stillen an ver
Verbreitung ihrer Sefte; erft nach deffen Tod, als voraus:
zufehen war, daß Die Omefjaden nit im Stande fein wür-
den, Truppen nad) Irak zu fenden, liegen fie es zum Aus—
bruche fommen. Die Kufaner, welche Suleiman Ibn Surad
zu ihrem Oberhaupte gewählt, empörten ſich gegen Ubeid
Allah und nöthigten ihn, wie oben berichtet, fih nad) Syrien
zurüczuziehen, während die Baßrenfer, unter Leitung Nafi's
Ibn Azraf, ebenfalls Amru Ibn Hureith, den Statthalter der
Dmejjaden, aus der Stadt trieben. Zwiſchen den Charidjiten
von Rufa und denen von Baßra warb aber bald nach ihrer
Befreiung von ihren fyrifhen Tyrannen das gute Einverneh-
men geftört, Nafi Ibn Azraf wollte gleich gegen alle Feinde
Ali's und feines Gefchlehts ins Feld ziehen ?), während
N
1) Tab. ©. 53 und Abd Almahafın. Nach Letzterem gingen
diefe Charidjiten fo weit, daß fie die übrigen Mufelmänner wie Un:
gläubige behandelten, Feine Ehe mit ihnen ſchloſſen, ihre Speifen
nit genoſſen, ihr Zeugniß für ungültig erklärten, ihre nächſten
Verwandten enterbten und, was man auch bei Schehreftani (ed.
Cureton I, p. 90) von den Azrafiten lieft, es fogar für erlaubt hiel-
ten, der Andersyläubigen Frauen und Kinder zu tödten. Weber das
Berhältnig Abd Allah's zu den Charidjiten vergl. auch Quatremere 1.1.
2) Es heißt bei Tab. ©. 58: Als Suleiman fih in Kufa als
Anführer der Bluträcher Hufeins huldigen lieg und auch von andern
Merwan I. 353
Suleiman den Augenblick noch nicht günftig fand, weil er
wahrfcheinlih während des Krieges zwifchen Abd Allah und
den Omejjaden auf Koften Beider feine Macht zu verftärfen
boffte. Suleiman ließ es darum auch zu feinem fürmlichen
Brud mit Abd Allah Ibn Zubeir fommen und Tebte mit
deſſen Statthalter Abd Allah Ibn Jezid in gutem Vernehmen,
während Naft, Abd Allah’s Statthalter von Baßra, Abd
Allah Ibn Mimar, nicht anerfannte, fo daß diefer gendthigt
war, mit Hülfe eines Theiles der Bewohner Baßra's, ſich
mit Gewalt der Stadt zu bemächtigen und die Charidjiten
daraus zu vertreiben I). Wir werden auf die Fehden zwifchen
Abd Allah’s Statthalter und den Azrafiten ), — fo hießen
Städten dur feine Abgefandten Huldigungen empfing, fchloffen ſich
ihm auch die Bafrenfer an. Nach Sezids Tod forterten fie ihn auf,
öffentlich aufzutreten, und ale er immer fäumte, fagten fie fi von
ihm los, denn fie wollten den Augenblick benügen, wo Baßra von
Truppen entblößt war, fie ernannten daher Nafi Son Azrak zu ihrem
Oberhaupte und bemächtigten ſich der Stadt u. f. w.
1) Tab. ebendaf.
2) Ueber die Azrafiten als Sekte lieft man bei Schehreftani
a.a. D.: Sie haben acht fügenhafte Lehren; 1) nennen fie Alt einen
Ungläubigen und beziehen auf ihn den Koransvers: „Es gibt Leute,
deren Reden in Betreff diefer Welt dir gefallen, die Gott über ihre
Abfihten zum Zeugen rufen, diefe find aber die bitterften Wider:
ſacher,“ während fie Abd Allah Son Muldjim (Ali's Mörder) loben
und auf ihn den Koransvers anwenden: „Es gibt Leute, die ihr
geben hingeben, um Gottes Wohlgefallen zu erlangen.” Amran
Son Hattan, der Mufti und Dichter der Charidjiten hat zum Lobe
Abd Allah Son Muldjims gedichtet: „Der Edle dachte, als er (All)
zu Boden fhlug, nur an den Beifall des Herrn des Thrones, id)
werde eines Tages fein gedenken und ihn unter denen zählen, deren
Waage vor Gott am vollften (mit Verdienften) ift.“ Diefer Trug:
fehre ſtimmen au die Azrafiten bei und halten auch Othman, Talha
Zubeir, Alba, Abd Allah Zon Abbas und andere Mufelmänner
für Ungläubige, welche zu ewiger Holle verdammt werden. 2) Wen:
nen fie alle diejenigen Ungläubige, die nicht mit Naſi auszogen,
oder fpäter zu ihm wanderten, 8) Erlaubten fie Andersgläubiger
23
354 Achtes Hauptſtück.
die unter Nafi Ibn Azrak ftehenden Charidjiten, — fpäter
zurüdfommen und ung zunächſt mit Suleiman und feinen An-
hängern befhäftigen. Diefer widerftand mit Beharrlichfeit den
Anforderungen mancher Charidjiten, welche ftatt leerer Phra-
fen gegen Ali und für Hufen Handlungen zu Gunften ihrer
Nahfommen und gegen ihre Feinde verlangten. „Die Zeit
zum Handeln ijt noch nicht gefommen,” fagte er immer, bis
die Ankunft Muchtars in Kufa, der feine Stelle als Anführer
der Schiiten einzunehmen wünfchte und ihn wegen feiner Un-
thätigfeit bei den Schwärmern bdiefer Sefte zu verbächtigen
fuhte, ihn zum Handeln nöthigte. Muchtar, nah Einigen
Stifter der Sekte der Keifaniden ), war, wie alle hervor:
Kinder und Frauen zu todten. 4) Gteinigen fie die Ehebrecher nicht,
mweil im Koran nichts davon erwähnt wird, auch ftrafen fie nur die—
jenigen, die Frauen ohne Beweiſe des Ehebruchs anflagen, nicht
aber die, welhe Männer fälſchlich befhuldigen. 5) Behaupten fie,
Kinder der Götzendiener jeien auch mit ihren Vätern zur Hölle ver-
dammt. 6) Furt ift fündhaft, fowohl in Wort als in That.
7) Gott kann jemanden als Propheten fenden, wenn er auch weiß,
dag er fpäter ungläubig fein wird, oder daß er es vorher war,
während nah den Orthodoxen ein jeder als Ungläubiger gilt, welcher
glaubt, dag Propheten je große oder Fleine Sünden begangen haben.
8) Glauben die Azrafiten, daß, wer einmal eine fchwere Sünde be—
geht, dadurch die Eiaenfchaft des Muslim verliert und wie ein Um,
gläubiger zu ewiger Höllenftrafe verdammt wird. Sie beweifen dies
durd Iblis, der nur eine einzige ſchwere Sünde beging, indem er
fih weigerte, auf Gottes Befehl fih vor Adam zu verbeugen, übri—
gend aber doch die Einheit Gottes nicht läugnete,
1) So bei Masudi f. 239, welcher hinzufest, dag Muchtar
auch Keifan hieß, eben fp im Kamuß: „Keiſan ift der Beiname
Muchtar’s Ibn Abu Ubeid, von dem die Fegerifche Sekte der Keifas
niden herrührt. Bei Schehreftani p. 109 heißt es aber: „die Keifas
niden find die Anhänger Keiſans (nah dem Kamuß wie Salman,
alſo nicht Kifan, wie bei Quatremere), welcher ein Freigelaffener des
Chalifen Ali war, oder nach Andern ein Schüler Mohammed’s Ibn
Hanaftje, an den fie einen unbegrenzten Glauben hatten, weil er
alle Wiſſenſchaften umfaßte und von den beiden Meiftern (Ali und
Merwanl. 355
ragenden Männer feiner Zeit, im höchſten Grade ehrgeizig
und felbftfühtig. Er war einer derjenigen, die Haſan miß—
bandelten, als er gegen Muawia Krieg führen wollte und
dem Statthalter von Madain rieth, ihn gefangen zu nehmen
und Muawia auszuliefern. Später fam er aber nad Kufa
und gefellte fi den „Reuigen“ an, reifte nah Meffa, um
Hufein einzuladen, fih an die Spike der Kufaner zu ftellen
und feine Rechte gegen die Dmejjaden geltend zu machen,
Muslim Jon Akil reiſte m Muchtars Gefellfehaft nah Kufa
und wohnte fogar einige Zeit in feinem Haufe, weshalb er
auch fpäter, als Ubeid Allah Ibn Zijad der Empörung Meifter
geworden, gefangen genommen, mißhandelt und eingefperrt
wurde 9. Abd Allah Ibn Omar, Muchtars Schwager, er-
langte indeſſen vom Ghalifen Jezid wieder deffen Befreiung ?),
worauf er fih nah Mekka zu Abd Allah begab, der aber
Mohammed) alle Geheimniffe der natürlichen wie der allegorifchen
Snterpretation, fo wie der pſychologiſchen und uranologiihen Wif:
ſenſchaften erlernt hatte.“ Ihr Hauptdogma ift, daß die Unterwer—
fung unter einen beftimmten Imam Glaubensſache ift und dahin
deuten fie fogar mande pofitive Vorfchriften, wie die Faften, Pil—
gerfahrt, Almofen ıc., deren wörtlihe Befolgung fie für Nebenfache
halten. Mandye glauben aud an GSeelenwanderung und an die
Wiederkehr nach dem Tode. Bon den Muchtariden heißt es dann,
es find die Anhänger Muchtar’s Son Abu Ubeid. Diefer war zuerſt“
Charidjite, dann Zubeiride, dann Schütte und Keifanite, und lehrte,
dag Mohammed Ibn Hanafije der wahre Smam nad Alt, oder, wie
einige glauben, nad) Hajan und Hufein. Das Weitere über Much:
tar weiter unten.
1) Abd Almahafin und Tab. ©. 54. Lesterer erzählt, daß die
Rufaner, als fie fahen, wie viel er für die Sache Hufeins gethan,
fih bei ihm entfchuldigten, ihn in Verdacht gehabt zu haben, daß
er Hafan verwundet, Der Tumult war wahrfcheinlih damals fo
groß, dag man nicht genau willen Fonnte, von wen Hafan verwun—
det worden.
2) Ebendaf., dod; bemerkt Tab., dag er ſchon, ehe Zezidd Frei-
laflungsbefehl anlangte, aus dem Gefängniſſe entflohen war.
23"
356 Achtes Hauptſtück.
damals noch ſehr zurückhaltend gegen ihn war D, Erſt im
folgenden Jahre (62 d. H.) kam, durch die Vermittlung des
oben genannten Abbas Ibn Sahl, eine Annäherung zwiſchen
den beiden gleich herrſchſüchtigen und verſchlagenen Menſchen
zu Stande. Muchtar wollte gern Abd Allah's Intereſſen ver—
fechten und ihm den Herrſchernamen gönnen, ihm aber ſollte
in der That eine unbeſchränkte Gewalt anvertraut werden.
Dann ſtellte er ihm noch beſonders folgende drei Bedingungen ?):
du mußt mic in alle Staatsgeheimniffe einweihen und darfſt
mir nie etwas verborgen halten; ich muß der Erfte fein, der
dir jeden Tag den Morgengruß bringt, und wenn du allges
mein als Imam anerfannt bift, darf ich mir die befte Statt-
balterfchaft wählen. Da Ibn Zubeir zu jener Zeit in großer
Noth war, geftattete er Muchtar, was er begehrte, und diefer
huldigte. Während der Belagerung von Meffa durch Haßin
Ibn Numeir bewährte fih Muchtar durch feine häufigen Aug-
fälle mit feinen fechzig, von feinem Water Abu Ubeid geerbten
Sflaven als ein waderer unerfchrocfener Krieger 3), weshalb ihn
Abd Allah durch allerlei Ehrenbezeugungen auszeichnete. Add
Allah vernachläffigte aber Muchtar, fobald er als Herr von
1) Davon fagt Tab. nichts, aber Abd Almahaſin fagt, daß er
fih ein Sahr lang nah Taif zurüdzog, weil ihm Abd Allah nicht
mit dem gemwünjcten Vertrauen entgegenfam. Mach Quatremere
©. 425 hätte Muctar damals fchon eine unbeichränfte Vollmacht
von Abd Allah begehrt, was diefem zu bedenklich fchien.
2) Tab. ebendaf. u. ©. 55. Ber Abd Almahafin verlangt er nur
in einem Worte erfter Rathgeber zu fein, bei Quatremere ©. 426:
»je serai le premier qui aie droit d’entrer aupres de toi, et j’en sor-
tirai le dernier, si tu obtiens sur Jezid une victoire complete, tu ne
decideras aucune affaire sans prendre mes conseils..« Es ift aber
nicht mahrfcheinfih, daß er erft nah dem Siege über Sezid erfter
Rathgeber fein wollte.
3) Tab. ©. 55. Auch beim Wiederaufbau der Kaaba, ſetzt er
hinzu, leiftete Muchtar große Dienfte. Alles Folgende ift auch faft
wörtlid nad) Tab., der hier noch weit ausführlicher ald Abd Alma:
haſin ift.
Merwanl. 357
Arabien, Egypten und Irak ihn entbehren zu fünnen glaubte,
und übertrug, nad) Ubeid Allah's Entfernung aus Kufa, die
Statthalterfchaft von Irak, um die Muchtar anbielt, dem Abd
Allah Fon Jezid. Dies bewog Muchtar, das Bündnig mit
Abd Allah Fon Zubeir zu brechen und das Ziel feiner Wünfche,
Reichthümer und Macht, auf anderm Wege zu verfolgen. Er
reifte noch vor dem neuen Statthalter ) nad) Kufa, ſetzte ſich
mit den Charidjiten in Verbindung und behauptete, von Mo—
bammed Jon Haniftfe, einem in Meffa Lebenden Sohne Ali's,
abgefandt zu jein, um fie gegen Huſein's Mörder zu führen,
da es doch Suleiman an dem nöthigen Eifer zu einem folchen
Unternehmen, feinem langen Zögern nad, zu gebrechen fcheine,
Manche Ehwärmer und friegsluftige Leute verließen nun Eu:
leiman und ſchloſſen fih Muchtar an. Noch größer ward fein
Anhang, als Abd Allah's Statthalter anlangte und von Kufa
Befig nahm, indem er Suleiman anflagte, dur feine Un—
thätigfeit den Berluft diefer bedeutenden Stadt, derer fie ſich
leicht hätten bemächtigen fünnen, berbeigezogen zu haben,
Bald blieb Suleiman, wollte er nicht das Vertrauen aller
Charidjiten verlieren, nichts übrig, als ihnen den Befehl zu
ertheilen, fich zu einem Auszuge gegen die Mörder Hufeing
zu bewaffnen. Abd Allah Ibn Fezid, überzeugt, daß es ihm
leicht fein werde, Suleiman wieder mit Abd Allah Ibn Zu:
beir zu verföhnen und beffen friegerifche Unternehmungen
gegen die Dmejjaden, ihren gemeinfchaftlihen Feind, zu len—
fen, fobald Muchtar aufhören würde, das Volk aufzumwiegeln,
ließ diefen verhaften ?), und Euleiman, froh, feinen Neben-
1) Nach Abd Almahafın im Ramadhan 64.
2) Nah Tab. a. a. D. gefhah dies auf den Rath Amru's Ibn
Saad, welher bei einem Aufftande der Eharidjiten zunächſt für fein
Leben bejorgt war, weil er Anführer der Truppen gegen Hufein
geweſen. Er war fo ängitlih, daß er nicht wagte, in feinem Haufe
zu übernadten, fondern alle Nächte auf der Burg bei dem Statt:
halter zubrachte.
358 Achtes Hauptſtück.
buhler mehr zu haben, that nichts zu deſſen Befreiung. So—
bald Muchtar aus dem Wege geräumt war, verſammelte Abd
Allah Ibn Jezid die Charidjiten in der Moſchee und redete
fie folgenderweiſe an ): „Sch habe vernommen, daß manche
unter euch feindlic gegen mich gefinnt find, mich befämpfen
und Hufeins Blut rächen wollen. Bei Gott! Hufeins Blut
haftet nicht an meinem Halſe, fondern an dem Ubeid Allah
Ibn Zifads, der an der Spige eines fyrifchen Heeres gegen
ung aufgebrochen ift. Ziehet ihm entgegen und befämpfet ihn,
ich will euch auch unterftügen.” Diefe Worte des Statthal-
ters machten einen günftigen Eindruf auf die Charidjiten,
welche nunmehr befchloffen, gegen Ubeid Allah auszurücen,
Zu einem gemeinfchaftlichen Kriegszuge fam es indeffen nicht,
weil man fich entweder gegenfeitig nicht traute, oder weil
Abd Allah überhaupt wenig Truppen bei fi hatte. Aber
auch diesmal wiederholten die Charidjiten ihre frühere Weife,
Nachdem fie feit langer Zeit Suleiman wegen feiner Saum:
feligfeit Vorwürfe gemacht, blieben fie jest, wo er fie zum
Auszuge aufforderte, zurück, wahrfcheinlic weil fie eher zu
Mord» und Raubzügen, als zu einem fürmlichen Kriege gegen
den ihnen wohlbefannten UÜbeid Allah bereit waren. Bon 20,000
Mann, welde Suleiman im Lager von Nuceila erwartete 2),
1) Sbid. ©. 54. Bei Abd Almahafin aber fordert er fie auf,
ihren Auszug noch zu verjchieben, bi8 auch er eine Armee ausge:
rüftet, damit fie vereint den gemeinfamen Feind befämpfen. Auch
fpäter, als fie fhon in Anbar waren, foll ihnen Abd Allah Ibn
Sezid noch einen Boten nachgefchict haben, um fie aufzufordern,
noch einige Zeit zu warten, aber Suleiman, vielleicht doch der Be:
mwegung nicht mehr Herr, ließ ſich nicht länger zurüchalten. Nach
obiger Stelle bei Tab. wäre Muctar damals noch in Freiheit ge—
mefen und hätte mit feinen Anhängern einen bejondern Auszug
beabfihtigt, den er aber doc nicht allein auszuführen gewagt.
2) Suleimand Auszug aus Baßra fand nad Tab, ©. 55 An-
fangs Rabia Awwal 65 ftatt, nach Abd Almahafin den 5ten Rabi
Achir. Ich vermuthe aber einen Schreibfehler, denn es heißt: „Don:
nerftag Abend, als fünf Tage von Rabia Achir vorüber waren, was
v
Merwan l. 359
ftellten fich in den erften drei Tagen nur 4000 Dann. Su:
leiman fagte daher zu den Häuptern der Schiiten: dieſe treu-
loſen Menfchen, die ſich Echiiten nennen und mir als ihrem
Dberbaupte huldigen, machen mir e8, wie Muslim dem Sohne
Akils. Es wurden nun Emiffäre zu allen in Suleimans
Buch eingetragenen Schiiten geſchickt und nad und nad trafen
noch einige taufend Mann ein . Piele verlangten aber,
dag man zuerft gegen Amru Ibn Saad ziehe, welcher bei
Kerbela die Truppen gegen Huſein befehligt, und als auf
Suleimans Antrag befchloffen ward, Ubeid Allah, nad) deſſen
Befehl Amru gehandelt, zuerft anzugreifen, riffen wieder viele
aus. An den Euphrat angelangt, fagte Suleiman zu den
ihm Folgenden: da wir doch fo nahe an Huſeins Grab ung
befinden, fo laffet ung dahin wallfahren, um unfre Schuld
zu befennen und feine Gnade zu erflehben, dann wollen wir
uns mit erneuter Wuth über den Feind ftürzen. Diefer Vor—
fhlag fand großen Beifall, Sobald fie Hufeins Grabmahl
anfichtig wurden, fliegen fie von ihren Pferden ab, zerriffen
ihre Kleider, ftreuten Erde auf ihr Haupt und erhoben ein
lautes Wehegefchrei. Bor dem Grabe ſprach Suleiman:
„Friede fei mit dir, Sohn der Tochter unferes Propheten!
Märtyrer, Sohn eines Märtyrers! Wahrhaftiger, Sohn
eines Wahrhaftigen! Imam, Sohn eines Jmams! Welchen
ungerechten und gewaltfamen Tod mußteft du fterben! Welche
Familie der Hand des Feindes als Gefangene überlaffen!
Welcher edle Körver wurde unter Pferdeshufen zertreten!
Welches Haupt auf feindliche Lanzen gefpießt! Wir haben
nur auf den Monat Rabia Awwal paßt, der Sonntags anfing,
während der Ite Rabia Achir ein Dienftag, der Ste alfo ein
Samftag war.
1) Nach Tab. fanden ſich zulegt 10,000 Mann ein, nach Abd
Almahafin nur 5000, von denen ſich fpäter manche wieder entfern-
ten, mwahrfcheinlih nachdem befchloifen ward, gegen Ubeid Allah zu
ziehen.
360 Achtes Hauptſtück.
unſer Geſicht geſchwärzt und mit ſchwarzem Geſichte erſcheinen
wir vor dir, um dich um Vergebung zu bitten, denn wir
waren die Sünder, die den Bund gebrochen und dich der
Gewalt des Feindes überließen, ſo daß er dich und deine
Angehörigen morden konnte. Dein Blut haftet an unſerm
Halſe. Doch haben wir vor Gett Buße gethan und erröthen
vor deinem Großvater Mohammed, Wir haben gelobt, mit
Aufopferung unfres Lebens dich zu rächen, damit ung Gott
vergebe und Mohammed der Augerfohrene ung feine Fürbitte
nicht entziehe 1).
Am folgenden Tage verließen die Echiiten wieder Ker-
bela und fchlugen den Weg nad der feften Stadt Kirkiſia
ein, welche Zufe Fon Alharith im Namen Abd Allah Ibn
Zubeirs befegt bielt. Zufr, welcher das Gefindel, das ſich
unter den Charidjiten befand, fürchtete, aucd wußte, daß fie
Abd Allah Fon Zubeir nicht fehr gewogen waren, ließ die
Thore der Stadt ſchließen. Als er jedoch vernahm, daß fie
entichloffen feien, gegen die Dmejjaden zu fämpfen, während
er auf der andern Eeite von dem Heranrüden einer fyrifchen
Armee Nachricht erhielt, fandte er ihnen allerlei Proviant
und ſchlug Euleiman vor, in der Nähe zu bleiben, um im
Falle einer Niederlage fih in die Feſtung werfen und fie
gemeinfchaftlih mit ihm gegen den Feind vertheidigen zu
fönnen. Guleiman gab ihm aber fein Gehör, fondern fekte,
auf Gott vertrauend, feinen Zug fort, bis er bei Ein Al—
wardah, zwifchen Kirfifta und Rakka auf den Feind ftieß.
Die Borpoften der Syrer unter Schurabbil, welche von der
Nähe eines Feindes Feine Ahnung hatten, wurden zu Stüden
gehauen. Als aber das Hauptheer, von Haßin Ibn Numeir
befehligt, heranrüdte, begann eine mörderiſche Schlacht, welche
drei Tage lang dauerte und ſich zu Gunften Haßins entſchied,
den Uberd Allah jeden Tag dur frifche Truppen verftärkte,
während die Charidjiten von Feiner Seite Hülfe erhielten.
1) Tabarı ©. 55 u. 56.
Merwanl. 361
Suleiman felbft fiel am dritten Tage und nach ihm drei ans
dere Feldherrn, welche er zum Voraus als Anführer nad
feinem Tode beftimmt hatte, Rifaa Ibn Keis, der vierte
son Suleiman ernannte Nachfolger, ſah die Unmöglichfeit
ein, das Schladhtfeld Tänger zu behaupten, und ſuchte daher
in der folgenden Nacht in der Flucht fein Heil, Dieſes
Treffen fand furz vor dem Tode Merwans ftatt ), welcher im
1) Den ganzen Krieg zwifhen Suleiman und Hafin befchreiben
mit einander übereinftimmend, Abd Almahafin und Tab. ©. 56 u.
57. Weber die Zeit des Treffens, weldhe bei Erſterm gar nicht näher
angegeben ıft, it Lerterer mit fich jelbft mehrmals in Widerſpruch.
©. 56 läßt er Zufr Son Harith den Charidjiten fagen: „Mermwan
ift todt, fein Sohn Abd Almalif ift fein Machfolger geworden,
und da diefer von euerm Auszuge Kunde erhalten, hat er die tapfer:
ften Araber, wie Hafin und Shurahbil, mit einem Heere euch ent:
gegengeſchickt, damit fie euch angreifen, wo fie euch treffen u. |. w.
Auf derielben Seite heißt es dann weiter unten: „Ald Ubeid Allah
vernahm, daß die Borpoften feiner Armee gejchlagen worden, fandte
er Hain Son Numeir mit 12,000 Mann gegen Suleiman, es war
der Tte Diumadſi-l-Awwal des 3. 65, ald Haßin mit ihm zu:
fanmentraf. Haßin fagte denn zu Suleiman: „da doch jegt die
Mufelmänner fi in zwei Parteien, in Zubeiriden und Mermwant-
den theilen, was wollt ihr hier, da ihr doc feinen Smam habt,
für wen wollt ihr euer Blut vergießen?“ Darauf antwortet Sulei—
man: behalte deinen Rath für dvih!.... unfer Smam tft aus der
Familie des Propheten und der Eurige it Merwan,.... wollt
ihr, daß wir euch in Frieden laffen, fo liefert uns Ubeid Allah Ibn
Zijad aus und entjeget Abd Almalif Ibn Merwan des Chalifats,
dann wollen wir Freunde fein. Endlich heißt ed noh ©. 57: „Als
Merwan von dem Auszuge Suleimans Nachricht erhielt, fandte er
ihm Ubeid Allah Ibn Zijad entgegen und zur Zeit, als diefer Su:
feimans Truppen ſchlug und zurücfehrte, war Abd Almalif ſchon
Chalife,* und am Schluffe der Seite: „Als Abd Almalıf das Cha:
lifat übernahm, ſchrieb er an Ubeid Allah: Wenn du mit den An—
gelegenheiten der Charidjiten im Keinen bift, fo fomme hierher zu
mir! Ubeid Allah Fehrte, nahdem er Suleiman getödtet und die
Schiiten gefhlagen hatte, zu Abd Almalit zurüd, Merwans Tod
war im Monat Ramadhan des 3. 65 d. H.“
362 Achtes Hauptſtück.
Ramadhan des Jahres 65 (April 685) wegen feines Wort-
bruches von feiner Gattin ermordet ward, Er hatte nämlic)
bald nach feiner NRüdfehr aus Egypten, um die Partei Cha-
lids Jon Fezid zu befriedigen, deffen Mutter Meifun gehei-
rathet und ihr verfprochen, ihren Sohn zum Nachfolger zu
beftimmen, fpäter aber, als er von den Beſchützern ) Chalids
nichts mehr zu fürdten, fie zum Theil auch durch Beftechung
gewonnen hatte, ihm feinen eignen Sohn Abd Almalif vor-
gezogen ?), wofür er mit dem Leben büßen 3) mußte.
1) Tab. ©. 57. Cr nennt auch hier wieder Hafan Ibn Malik,
den Bey des Sordangebiets, als den Verfechter der Rechte Chalids,
der fich jedoch fpäter beftechen ließ. Abd Almahafin nennt auch Malik
Son Hubeira, ebenfalld ein alter fyrifcher Feldherr, der ſchon unter
Muawia I. gedient.
2) Merwan, heißt es bei Abd Almahafin, ließ darum feinem
Sohne fhon vor feinem Tode huldigen, weil Amru Ibn Said Son
Alaaß, welher Mußab Son Zubeir, als er in Syrien einfiel, zurüd:
gefchlagen, damit umging, ſich zum Thronfolger emporzufchmwingen.
Die Anſprüche Chalids auf den Thron erklären übrigens ſchon zur
Genüge diefe Magregel.
3) Nah Tab. a. a. D. ward er unter Kiffen erftictt, bei Masudi
f. 245 heißt es: „Nah Einigen ward Merwan erſtickt, nach Andern
vergiftet; manche behaupten, er fei erdolcht worden.“ Letzteres tft
um fo unmahrjcheinliher, als Meifun behauptete, er fei einen na—
türlihen Tod geitorben. Er ftarb nach den meiften Berichten in
einem Alter von 65 Sahren, nur bei Tab. erreicht er ein Alter von
80 Sahren. Bei Nawawi ©. 545 heißt es: Merwan ward zur Zeit
des Gefandten Gottes in Meffa oder nach Andern in Taif im 2ten
Sahre der H. geboren. Malik berichtet: am Schlahttag von Ohod
(im Schammal des J. 3), nah Andern am Schladhttag des Grabens
(während der Belagerung von Medina im Schammal des J. 5).
Er wäre alfo nach lesterer Tradition nur 60 Jahre alt geworden.
Reuntes Hauptftück.
Abd Almalik.
Kampf in Baßra zwifchen den Azrafiten und dem Statthalter
Abd Allah’s. — Muhallabs Krieg gegen die Azrakiten. — Muchtar
fol! in Rufa eingeferfert werden. — Sein Verhältniß zu Moham—
med Ibn Hanafijeh. — Muchtar vertreibt Abd Allah’s Statthalter
aus Kufa. — Sendet Sbrahim Son Malik Alafchtar gegen Ubeid
Allah. — Aufruhr in Kufa. — Ibrahim züchtigt die Rebellen. —
Schlacht am Zab. — Ubeid Allah’s Tod. — Muchtar unterhandelt
mit Abd Allah. — Seine Truppen werden in Arabien niedergemegelt.
— Mohammed wird in Mekka eingefperrt. — Muchtar befreit ihn.
— Rampf zwifhen Mufab und Muchtar. — Sbrahims Verrath und
Muchtars Tod. — Mußabs Graufamkeit gegen die Beſiegten. —
Meue Züge der Azrafiten. — Der Ehalife fchließt Frieden mit den
Geiechen. — Zieht gegen Sraf. — Aufftand in Damask. — Rüdkehr
des Chalifen in die Hauptftadt. — Züchtigung der Rebellen. —
Zweiter Zug gegen Irak. — Aufruhr in Baßra. — Schladt bei
Masfan. — Mufab wird verrathen. — Gr und Ibrahim fallen. —
Abd Almalifs Einzug in Kufa. — Haddjadj wird gegen Abd Allah
Son Zubeir gejandt. — Belagerung von Meffa. — Ginnahme der
Stadt und Tod Abd Allah's Son Zubeir. — Muhallabs Zug gegen
die Charidjiten. — Aufftand in Kufa und Baßra. — Haddjadj’s
Statthalterfchaft in Sraf. — Kriege mit den Charidjiten Salih und
364 Neuntes Hauptſtück.
Schebib. — Letzterer überfällt Kufa. — Sein Tod. — Empörung
Mutarrifd und Katarij’d Son Fudjaa. — Muhallabs Statthalter:
fhaft von Chorafan. — Sein Zug gegen Buchara. — Ubeid Allah’s
verunglücter Zug gegen die Turfomanen. — Abd Errahman wird
Statthalter von Sedjeftan. — Empört fih gegen Haddjadj. —
Nimmt Baßra und Kufa ein. — Abd Almalik unterhandelt mit ihm.
— Wird von Haddjadj gefchlanen und flüchtet zu den Turfomanen.
— Scha'bi und Haddjadj. — Abd Errahman’d Tod. — Gründung
der Stadt Waſit. — Jezids Son Muhallab Kriege und Entfegung.
— Kuteiba's Statthalterfhaft von Chorafan. — Kriege zmwifchen
dem Chalifen und den Byzantinern in Kleinafien und Armenien. —
Hafans und Mufa’s Kriegszüge in Afrika. — Raubzüge nach Sici—
lien und Sardinien. — Streitigkeiten wegen der Erbfolge mit dem
Statthalter von Egypten. — Abd Almalif läßt feinen beiden Söh—
nen huldigen. — Widerftand Saids Ihn Muſajjab. — Abd Almaliks
Charakter. — Die Dichter feiner Zeit. — Seine Liberalität gegen
diejelben, — Sein Tod.
Obgleich Abd Almalik eigentlid den Thron ufurpirt hatte,
indem er, dem von Muawia eingeführten Erbrechte zufolge,
dem Chalid Ibn Fezid gebührte und Merwan felbft nur mit
Hülfe der Anhänger Chalids fih auf den Thron ſchwingen
fonnte, fo fand doch feine Thronbefteigung in Syrien nicht
den mindeften Widerftand, Mochten auch einige mütterliche
Stammgenoffen Chalids dem neuen Chalifen grollen, fo
ſchloſſen ſich ihm die Keiſiten, weil er ein veinerer Sprößling
Omejja's war, denn feine Mutter ftammte auch von Abu—
l-Aaß her, um fo enger an ihn an). Er trat feine Re—
gierung unter glücklichen Aufpizien an, denn faum hatte er
—
1) Eine ſeiner Urgroßmütter war jedoch auch von Jemenidiſcher
Abſtammung, fie hie Zurka und gehörte zu den Benu Kinda.
Darum nannte ihn auch einft der Dichter Abu Katifa, ald er feine
Abftammung über, die des Chalifen erheben wollte, „Sohn der
Zurfa.” ©. Kitab U Aghani ed. Kofegarten ©. 27,
Abd Almalik. 365
den Thron beftiegen, als die Nachricht von der Niederlage
Suleimans bei Ein Alwardah in Damasf eintraf. Mehr als
feine eignen Feldherrn arbeiteten aber an der Befeftigung
feines Thrones die Feinde Ber Dmejjaden, welche, unter ſich
felbft uneinig, ftatt mit vereinten Kräften gegen Syrien zu
ziehen, ſich gegenfeitig befehdeten.
Ohngefähr gleichzeitig mit dem Siege Haßins Ibn Nu-
meir gegen die Charidjiten von Kufa, fand auch der Krieg
des Abd Allah Fon Zubeir, oder vielmehr feines wadern
Feldherrn Muhallab Fon Abt Sofra gegen ‚die Charidjiten
yon Baßra oder die Azrafiteh ftatt. Diefe hatten fih, wie
fhon oben erwähnt, unter Leitung Nafi's Ibn Azraf, der
Stadt Baßra bemächtigt und geweigert, den von Abd Allah
Fon Zubeir abgefandten Statthalter Abd Allah Jon Mi’mar
aufzunehmen. Da indeffen ein großer Theil der Bewohner
Baßras mit den Azrafiten unzufrieden war, fam eg zu einem
Straßenfriege, in welchem die Azrafiten unterlagen, worauf
Abd Allah Ibn Mi'mar feinen Einzug in die Stadt hielt,
Nafi, welcher aus der Stadt vertrieben ward, fammelte aber
bald ein bedeutendes Heer aus der Umgegend, und nad) vie
len Kämpfen vor den Thoren Baßra’s gelang es ihm, Abd
Allah zu ſchlagen und zur Flucht nah Meffa zu nöthigen M.
Die Charidjiten beberrfchten wieder die Stadt, big ein neuer
Statthalter, Abd Allah ?) Ibn Alhartd mit einigen Truppen
von Meffa fam, an deren Spike Muslim Ibn Übers 3) ftand,
welher mit Hülfe der Bewohner Baßra’s die Charidjiten
abermals vertrieb. Später verfolgte er fie fogar bis Ahwas
— —
1) Tab. ©. 58.
2) So bei Tab. a. a. O, bei Schehreftani ©. 89 heißt er Ubeid
Allah Ibn Alharth Son Naufal, bei Quatremere ©. 429 „Harith
Ibn Abd Allah,“ der nah Tab. erft fpäter dahin Fam.
3) Co bei Abd Almahafin, bei Tab. heißt er Muslim Ibn Ane
das, bei Schehreftani Muslim Ibn Anbas, Ibn Kureiz, Ibn Habib,
bei Quatremere Abd Allah Ben Moslem.
366 Neuntes Hauptſtück.
und tödtete (Djumadi Adir 65 — Yan. 685) ) Nafi Ibn
Azraf, doch bezahlte auch er feinen Sieg mit dem Leben.
Die Azrafiten fammelten fih bald wieder unter Abd Allah
Fon Madjur ?) und da die Bahrenfer, des Krieges müde,
fih in ihre Heimath zurüdzogen, drangen jene nach und nad
wieder bis zu den Thoren Baßra’s vor, behandelten das
ganze Land von Baßra bie Ahwas wie eine eroberte Pro-
vinz und ermordeten jeden, der fich nicht zu ihrer Sefte be-
kannte. Als Abd Allah Fon Zubeir von der wieder überhand
nehmenden Macht der Charidjiten Nachricht erhielt, ernannte
er an Abd Allah Ibn Alharth’s Stelle, den er der Feigheit
und Unthätigfeit befchuldigte, Harth Ibn Abd Allah Ibn Ra—
bia. Aber auch diefer Statthalter vermochte nichts gegen die
Charidjiten, weil die Baßrenfer zu wenig Vertrauen zu ihm
hatten, um fih unter feiner Leitung ins offne Feld gegen den
Feind zu wagen. Zum Glüd für den bedrängten Statthalter
fam Muhallab Fon Abi Sofra, der ſchon unter Jezid's Ne-
gierung fih in Chorafan ausgezeichnet hatte und jeßt aber:
mals als Statthalter Abd Allah Ibn Zubeir's ſich dahin be:
geben follte I), nach Baßra, wo fi feine Familie aufhielt.
— — —
1) Das Datum bei Abd Almahafın, ebenſo Muslim's Tod, den
auch Schehreftani berichtet, das Uebrige auch bei Tab., welcher die
Schlacht in die Nähe des Ortes Dulab fest, das wahrfcheinfich bei
Ahwas lag, da Abd Almahafin legteren Drt ale Kampfplag nennt.
2) So heißt er bei Tab, u. Quatremere 1. 1., bei Abd Almahafin
aber Abd Allah Son Machur, und bei Schehreftani Abd Allah Ibn
Mahun.
3) So bei Tab. „Muhallab erhielt von Abd Allah die Statt
halterfchaft von Chorafan und er Fam nad Baßra, um dafelbft feine
Vorkehrungen zur Reife zu treffen, weil fein Haus in Baßra war.“
Auch Abd Almahafın fchreibt: „Die Basrenfer wählten Muhallab
zu ihrem Anführer, er nahm es aber nicht an, weil ihn Abd Allah
Ibn Zubeir zum Statthalter von Chorafan ernannt.” Sch weiß nicht,
warum Quatremere, der auch Tab. citirt, S. 429 fchreibt; »Mohalleb
ben Abi Sofrah &tait alors de retour du Khorasan, ou il avait rem-
Abd Almalik. 367
Die Häupter der Stadt erfannten fogleih in Muhallab den
Mann, der fie von den Charidjiten zu befreien im Stande
wäre. Sie ſchrieben daber, in Uebereinftuinmung mit ihrem
Statthalter, einen Brief im Namen Abd Allah Fon Zubeir’g
an ihn, welcher den Befehl enthielt, vor feiner Reife nach
Chorafan das Land von den Charidjiten zu fäubern. Diefen
falfhen Brief fandten fie ihm des Nachts dur einen Be—
duinen, fo daß er feinen Verdacht gegen bie Hechtheit deffelben
ſchöpfte. Muhallab ftellte indeffen mehrere Forderungen und
erft nad) deren Gewährung von Seiten Abd Allah’s, den die
Baßrenfer gleichzeitig fowohl von ihrer großen Noth, als von
dem Mittel, nad) dem fie gegriffen, unterrichteten, traf er die
nöthigen Anftalten zu einem Feldzuge, Den von ihm geftell-
ten Bedingungen gemäß war er ermächtigt, 20,000 Mann
auszubeben 1), von denen die Hälfte fi gleich feinen nad)
Chorafan beftimmten Truppen anjchließen und die andere
Hälfte in der Nähe der Stadt die Reſerve bilden follte. Das
porte sur les Kharedjis des avantages signales et venait d’etre nomme
gouverneur de Koufah.«e Nadı Tab. ©. 52 war Muhallab fhon früs
ber, doch nur ganz kurze Zeit, Statthalter von Chorafan. Er ward
von Aslam (Salim oder Muslim) Ibn Zijad dazu ernannt, als dies
fer nad Jezid's Tod nah Syrien zurückehrte. Sn Nifabur ſtieß
aber Aslam auf eine Abtheilung Truppen, an deren Spike Abd Als
lab Ibn Hazim aus Baßra ftand, mwelher ihn nöthigte, ihm die
Stutthalterfhaft von Chorafan zu verleihen, worauf Muhallab auch
nad Syrien reifte, dann aber fih der Partei Abd Allah's Ibn Zus
beir anſchloß. Der genannte Abd Allah Son Hazim bemädtigte fih
nach und nach der ganzen Provinz Chorafan, denn er vertrieb auch
Suleiman Ibn Muzid, welhem Aslam die Statthalterihaft von
Merurud verliehen und nahm Herat nach einer Belagerung von
einem Sahre, trog der tapfern Gegenmwehr der Benu Dhabba, welche
länaft fbon mit den Basrenfern in Feindfchaft lebten. Warum Mu:
hallab von den Dmejjaden abfiel und fich dem Abd Allah Son Zu:
beir anfchloß, wird nicht angegeben.
1) So bei Tab., bei Quatremere ift nur von 10,000 Mann die
Rede und bei Abd Almahafin von 12,000.
368 Neuntes Hauptflüd.
ganze Heer mußte, was damals noch Feineswegs regelmäßig
geihah, von dem Staate unterhalten, und außer den nöthigen
Kriegsfoften ibm noch eine große Summe "Geld zugeftellt
werden, damit er „die Charidjiten zumal durch Schwerdt und
Beftehung” befämpfen fünnte I). Sobald Muhallab mit fei-
nen auserlefenen Truppen ausrüdte, zogen ſich die Azrafiten
zurüd, weil fie das Schlachtfeld fo weit ald möglich von der
Stadt Baßra wegrüden wollten, die den Feind ſtets mit neuer
Mannfchaft und allerlei Proviant verfehen konnte. Erſt in
der Nähe von Ahwas ?) machten fie Halt, und zogen ihre
Verbündeten aus Kerman und Ispahan an fi), fo daß ihre
Truppenzahl der Muballab’S bei weitem überlegen war 3).
Der unerſchrockene Muhallab Tieferte ihnen aber dennoch eine
Schlacht und behauptete noch feinen Poften, als ſchon der
größte Theil feiner Truppen die Flucht ergriffen hatte. Wäh-
rend dann die Azrafiten, ſchon ihres Steges gewiß, theils in
Unordnung die Flüchtlinge verfolgten, theils im Lager umber
serftveut waren, fiel er aufs Neue mit 3000 Mann, die fid
nad und nad wieder um ihn fammelten, über fie her und
tödtete ihnen viele Leute, unter Andern auch ihren Anführer
Abd Allah Ibn Madjur. Bald nahmen alle Flüchtlinge aus
dem Heere Muhallab's wieder an dem Angriffe Theil und
ſchlugen die Azrafiten gänzlich aufs Haupt, fo daß fie gend»
thigt waren, fi gegen Ispahan und Kerman bin zu zer
ftreuen.
Kaum war Abd Allah Ibn Zubeir dur die Tapferfeit
—— — —
1) Eine fernere Bedingung war nach Tab, daß jede Stadt, die
er den Charidjiten wegnehmen würde, unter ſeiner Botmäßigkeit
bleibe; nach Abd Almahafin ſollte auch alle eroberte Beute ihm
gehören.
2) Bei Tab. ©. 59 in der Nähe von zwei Dörfern, weldye Sil
und Silir hiegen, nach Abd Almahafin bei Sulak.
3) Die Zahl der Charidjiten wird auf 30,000 angegeben, die
der Truppen Muhallab’s betrug nur 12,000.
Abd Almalik. 369
Muballab’s, der nunmehr von Ahwas aus alle weitern Ver—
ſuche der Azrafiten, wieder gegen Jrak zu zieben, vereitelte,
von dieſer gefährlichen Sefte befreit, als die Keifaniden ſich
wieder mächtiger als je unter Muchtar erhoben. Durd die
Berivendung feines Schwagers Abd Allah Ibn Omar ward
diefer nämlich abermals, bald nad) der Niederlage Suleiman’g
bei Ein Alwardah ), von Abd Allah Fon Jezid, dem das
maligen Statthalter von Kufa, aus dem Gefängniffe befreit.
Alle ehemaligen Anhänger Suleiman’s erfannten ihn jest als
Oberhaupt an, und bofften unter feiner Leitung glücklicher
gegen die Mörder Hufein’s zu fein als unter der Suleiman’s,
Sp lange indeffen Abd Allah Fon Jezid Statthalter in Kufa
war, verbielt fih Muchtar ruhig, denn er hatte feine Freiheit
nur durd den Schwur erlangt, ſich nie gegen ihn aufzulehnen.
Als aber Abd Allah Ibn Muti Statthalter von Kufa warb 7),
1) Es heißt bei Tab. ©. 59: Als Rifaa Son Schaddad mit den
flüchtigen Charidjiten nah Kufa zurücfehrte, war Muchtar im Ge:
fänaniffe, er tröftete fie aber in einem Schreiben, das er ihnen
fandte, und verfprach ihnen unter Andern, fo viel Blut um Huſein's
willen zu vergiegen, ald Baht Naßr (Nebukadneßar) jüdiiches Blut
um Jahja (Sohannes) Sohn Safaria’s willen vergoffen.“ Seine
Freunde wollten ihn in der Naht aus dem Gefängniffe befreien, er
309 aber vor, die Fürbitte feines Schwagers in Anſpruch zu
nehmen, um es dffentlich verlaffen zu können. Die Schlacht bei Ein
Alwardah war, wie fhon oben erörtert worden, ohmgefähr gleich:
zeitig mit Mermwan’s Tod. (Ramadhan 65). Nun vergingen nod
einige Monate bis Muchtar befreit wurde und die Empörung unter
dem folgenden Statthalter zum Ausbruh Fam. Wenn daher Tab.
©. 61 Muchtar's Auflehnung in den Monat Rabia Awwal 65 fest,
fo irrt er um ein ganzes Sahr, und ich würde es für einen bloßen
Schreibfehler halten, wenn er niht ©. 63 auch wiederholte, daß
Muchtar's Befisnahme von Kufa im Rabia Awwal 65 ftatt fand.
2) Nah Abd Almahafin Ende Ramadhan 65. Dies fcheint mir
aber um einige Monate zu früh, wenn, wie oben bemerft, Muchtar
bei der Rückkehr Rifaa's noh im Gefängniffe war, und erſt nad)
Medina ſchicken mußte, um Abd Allah's Fürſprache zu erflehen. Als
24
370 Neuntes Hauptſtück.
nahmen Muchtar’s Umtriebe dermaßen überband, daß der
neue Statthalter es für rathſam hielt, ſich feiner Perfon zu
bemächtigen. Um aber fein Auffehen zu erregen, und um fo
weniger Widerftand zu finden, lieg er ihn nur von zwei Leu—
ten ganz böflih zu fih laden. Muchtar war fchon auf dem
Punkte, in die Falle zu gehen, ald einer diefer Boten, wahr-
Iheinfih ein verborgener Schiite, ihm von der ihm bevor-
ftehenden Gefahr einen Winf gab). Sogleich ftellte ſich Muchtar
fieberfranf und ließ dem Statthalter fagen, er fünne wegen
Unpäßlichfeit erft morgen die Ehre haben, vor ihm zu erfchei-
nen. In der Nacht ließ Muchtar feine Freunde zu fich rufen
und forderte fie auf, am folgenden Morgen alle Schitten zu
bewaffnen, um Abd Allah Jon Muti zu überfallen und von
der Stadt Befts zu nehmen, Saab Ibn Abi Saab, einer
der einflußreichften Sciiten, begehrte aber eine Friſt von
zehn Tagen, angeblich, weil man fo viel Zeit brauchte, um
bie zerftreuten Verſchworenen einzuberufen und den Aufſtand
zu organifiren, in der That aber um fich zuerft zu überzeugen,
Urfahe der Entfegung Abd Allah Ibn Jezid's führt Quatremere an,
daß er fich durch eine Kanzelrede lächerlich gemacht und den Schimpf:
namen „Rameeljchäger” zugezogen. Er fagte nämlich einft in feiner
Predigt: „Wißt ihr, warum Gott das Volk Salih’8 ausgerottet?
weil neun ruchloſe Menſchen das Wunderfameel verwundet, ohne
daß ſich ihnen jemand widerjekte. Gottes Zorn traf darum das
ganze Volk und zwar um eines Kameeles willen, das nur 500 Sil—
berjtücte werth war.“ Das Gleiche findet man bei Abd Almahafın,
doc nicht als Grund der Entfesung Abd Allah Ibn Jezid's, fondern
als der Ubeida's Son Zubeir von der Statthalterfchaft von Medina,
Ueber den Propheten Salıh, von dem ald Zeichen feiner Sendung
verlangt ward, daß er ein Kameel aus einem Felfen hervorbringe,
vergl meine „Biblische Legenden der Mufelmänner u. f. w.“ Frank:
furt a. M. 1845. ©. 56 u. ff.
1) Er las den Koransvers: „Gedenke der Zeit, als die Ungläu:
bigen eine Liſt erfannen um dich feit zu nehmen, oder dich zu tödten
oder zu verbannen u. f. w.“ ein Vers, der fi auf Mohammed’s
Flucht aus Mekka bezieht. Tab, S. 60,
Abd Almalik. 311
ob Muchtar wirfliih von Muhammed, dem Sohne Ali's,
abgefandt, und wie jener vorgab, zum Anfübrer der Schiiten
ernannt, oder nicht. Diefer Saad Jon Abi Saad war näm—
lich ein Hanafite I), das heißt, gehörte dem Stamme Pants
fah an, aus welchem auch des genannten Mohammed's Mutter
war 2), weshalb er aud gewöhnlich nicht Sohn Ars, fon-
dern Sohn der Hanafitin genannt wird. Saad war es alfo
wirffih darum zu thun, feinen Verwandten auf den Thron
zu heben und nicht Muchtar's Ehrgeiz Vorſchub zu Leiften;
Doch verfprah er diefem jeden Augenbli feinen Beiftand,
falls Abd Allah Ibn Muti fih eine Gewalttbat gegen ihn
erlauben würde. Abd Allah, entweder wirklich an Muchtar’s
Krankheit glaubend, oder zu ſchwach, um ſich mit Gewalt
der Perſon Muchtars, der nunmehr ſtets von feinen Freunden
umgeben war, zu bemächtigen, Lieg ihn in Ruhe ?), traf
jedoch im Stillen Anftalten, um einem etwaigen Aufftande
fräftig zu begegnen. Saad fandte inzwiſchen vier Männer
nad) Medina, um Mohammed Fon Hanafije zu fragen, ob
er damit einverftanden, dag Muchtar an der Spige ber
Schiiten gegen Hufein’s Mörder ausziehe. Mohammed, der
einen ſolchen Aufftand gern ſah, jedoch nicht geradezu erflä-
ven wollte, daß Muchtar in feinem Auftrage handle, gab
1) Ebendaj.
2) Sie hie Chaula, Tochter Djafars, und gebar Mohammed
im Sahr 21 oder 22 d. 9. Nawawi ©. 114,
3) Tab. foricht ſich gar nicht darüber aus, warum der Gtatt-
halter nicht fpäter Muchtar einfperren ließ; er erzählt nur, daß die
beiden Boten ihm fagten, er fei Frank und daß, als fie Muchtar’d
Haus verließen, fih auf die Nachricht von deſſen Verhaftung ein
großer Volkshaufe verfammelte, bereit, ihn zu befreien. Bei Abd
Almahafın aber heißt ed: „Muctar verließ noch im derfelben
Naht die Stadt.” Indeſſen berichtet auch diefer Autor fpäter, daß
Muchtar ſelbſt fih zu Shrahim begab, um ihn für feine Sache ein-
zunehmen, er mußte aljo jedenfalls in der Nähe, vielleicht ver:
borgen, gelebt haben,
24*
372 Neuntes Hauptftüd.
eine ausmweichende Antwort. „Hufein’s Blut rächen,” fagte
er, „it gewiß für jeden Mufelmann eine verdienftlihe Hand—
lung ).” Saad’s Boten, welde vielleiht von Muchtar
beftodhen waren, oder felbft den Ausbruch der Empörung
wünfchten, deuteten dieſe Antivort als eine Beltätigung ber
1) Tab. ebendaf. u. Abd Almahafin. Mohammed’s Charakter
ift durch feine Thaten nicht klar ausgeſprochen und den Schilderun—
gen der Mujelmänner ijt wenig zu trauen, weil er ſchon ald Sohn
Ali's in ehrwürdigem Andenken fteht. Schehreftani ©. 111 bemerft:
Muchtar habe fih darum auf Mohammed geftügt, weil diefer den
Leuten das größte Vertrauen einflößte und jedes Herz von Fiebe
für ihn erfüllt war; er war auch fehr gelehrt und mit vielem Geifte
begabt, er zog die Zurücgezogenheit dem Ruhme vor. Mande
Sihiiten behaupten, er allein habe die wahre Lehre vom Imamat
gekannt und vor feinem Tode fortgepflanzt, amdere alauben, er fei
nicht geitorben, fondern halte jich auf dem Berge Radhwa (in der Nähe
von Mekka) auf, wo ihn ein Lowe und ein Tiger bemwahen. Aus
feinen beiden leuchtenden Augen fließt Waſſer und Honig. Er wird
einft mwiederfehren und die Welt mit Gerechtigkeit erfüllen, wie fie
vor ihm mit Gewalt erfüllt war. Hier, fo jest Schehreſtani hinzu,
bradten die Schiiten zuerjt die Lehre von einem Verborgenfein und
wieder zum Vorſchein fommen an den Tag, und fie ward bei man-
chen Gemeinden zum Doama und Grundpfeiler des Schiismus. Nach
der oben ©. 173 angeführten Stelle aus Tabari, wäre übrigend
fhon unter Othman die Rückkehr Mohammed's (des Propheten)
gelehrt worden, doc dort mehr eine Art Auferftehung, hier ein
Verihminden. Mohammed fheint in der That nit herrſchſüchtig
geweſen zu fein, Abd Allah Ibn Zubeir aber des Chalifats eben fo
unwürdig gehalten haben, als Abd Almalit.e Muctar mollte er
nicht ftürzen, weil er erftend Krieg gegen die Feinde feines Hauses
führte und zweitens ihm jelbft, wie wir in der Folge fehen werden,
als Stüsge gegen Abd Allah diente. Mohammed ift aud der Erſte,
welcher den Beinamen Mahdi (der Geleitete) erhielt, und als Grund
der Zweifel an Muchtar’d Sendung wird unter Andern auch ange-
führt, weil er Mohammed zuerit diefen Namen dab, den vor ihm
Niemand Fannte, nad ihm aber viele Imame annahmen, und der
von den Sciiten befonders dem zwölften Smam aus dem Gefchlechte
Ali's, Mohammed Abul Kafim, beigelegt wird. Vergl. Not. et extr,
des msc. de la bibl. du roi t. IV. ©. 146 u. ff.
Abd Almalik. 373
Behauptungen Muchtar's und befchwichtigten, bei ihrer Rück—
kehr nah Kuſa, alle Zweifel und Bedenflichfeiten Saad's
und feiner Freunde. Sollte indeffen dag Ilnternebmen der
Schiiten gegen den vorfichtigen und auf einen Angriff vore
bereiteten Statthalter gelingen, fo war die Mitwirfung Ibra—
bim’s, Sohn des berühmten Malik Afchtar, theils wegen
feines mächtigen Anbangs, theils wegen feiner perfünlichen
Zapferfeit und großer Neichtbümer unentbehrlich. Ihn für die
Sade der Sciiten zu gewinnen, war nicht fchwer, da be-
fanntlich fein Vater einer der treueften Freunde und fiherften
Stügen Ali's bis zu feinem Tode war. Hufein’s Blut zu
rächen, mußte auch ihm als eine gegen das Andenfen feines
Baters zu erfüllende Pflicht erfcheinen, nicht weniger die Er-
bebung Mohammed's auf den Thron des Chalifats, Ibrahim
war aber nicht minder ehrgeizig als Muchtar felbft, darum
erklärte er den Schiiten, welche ihn im Namen Muchtar’s
aufforderten, gemeine Sache mit ihnen zu machen, er würde
dies nur unter der Bedingung thun, daß fie ihn als ihr
Dberhaupt anerfennen. Auf ihre Erwiederung, dag Muchtar
von Mohammed Fon Hanaftje felbjt als deffen Stellvertreter
ernannt fei, forderte er Bedenkzeit. Muchtar, von Jbrahim’s
Antwort unterrichtet, mochte wohl vermutben, daß auch dieſer,
wie früher Saad, daran zweifle, ob Mohammed ihn wirklich
zu feinem Stellvertreter ernannt. Er fchrieb daher einen
Brief im Namen Mohammed’s, feste ein falſches Siegel
darunter und begab fih am folgenden Tage mit einigen
Männern, welche nöthigenfalls die Aechtheit des Briefes be-
zeugen follten, zu Ibrahim und überreichte ihm dag Schrei-
ben, welches lautete: „Sch babe Muchtar nah Kufa gefandt,
um das Bolf aufzufordern, mir zu huldigen und Huſein's
Dlut zu rächen. Nun, o Ibrahim! dein Bater war ein treuer
Freund unferes Hauſes, darum ziemt es, daß auch du zum
Gelingen diefes Unternehmens mitwirfeft und Muchtar Ge-
horſam Teifteft. Zum Lohne ernenne ich Did als meinen
Statthalter über das ganze Land, das zwifchen Kufa und
374 Neuntes Hauptſtück.
Syrien Tiegt, ih nehme Gott zum Zeugen dieſes Bünd-
nijfes ).“
Als Ibrahim diefen Brief gelefen hatte, und Muchtar’s
Freunde deſſen Aechtheit hezeugten, erhob er fih von dem
Ehrenplabe des Teppich, den er bisher eingenommen ımd
trat ihn, als Zeichen der Unterwerfung, an Muchtar ab und
ſchwur ihm, als dem Stellvertreter Mohammed’s, Treue und
Gehorfam. Sie verabredeten dann mit einander, ſich in der
Naht vom 13. auf den 14. Rabia Amwal 2) des Jahres 66
zu verfammeln, um den Statthalter Abd Allah Ibn Muti
aus Kufa zu vertreiben. Diefer ward durch feine Spione
son dem Borbaben der Charidjiten zeitlich) genug unterrichtet,
um fräftige Maßregeln zur augenbliclihen Unterdrüdung des
Aufftandes zu ergreifen 3); fie wurden aber durch Ibrahim's
1) Tab. ©, 61.
2) Diejes Datum hat Abd Almahafin, der noch ausdrücklich
fagt »leilat Alghamis,« das heißt Mittwoh Nacht, nah arabifcher
Zeitrehnung, die zum fünften Wocyentage gehörende Naht. So
ftimmt auch der Wochentag mit dem des Monats überein, denn
der erite Rabia Awwal des Sahres 66 war ein Freitag, der 14. alſo
ein Donnerjtag, nicht wie bei Quatremere ©. 454 »jeudi le 15. jour
du mois de rebi premier de l’an 66.«
3) Tab. bat dem Kampfe zwifhen Muchtar und Abd Allah Ibn
Mutti andertbalb Seiten gewidmet, ohne jedoch viel Licht über dieſe
Vorgänge zu verbreiten, weshalb ih mich auf das Wefentlichite,
nadı Abd Almahafin, beſchränkte. Ajas Sbn Mudharib, der Stadt:
fommandant oder eigentlih Volizeipräfeft (Emir Asas), ließ jedes
Stadtviertel — e3 gab deren fieben in Kufa — mit 500 Mann
bewachen und er felbft machte die Runde mit 500 Mann. Die
fieben Häupter der Truppen, die Tab. alle beim Namen nennt und
unter denen auch Schomar Ibn Djaufhan war, der fih im Kampfe
gegen Hufein ausgezeichnet, erhielten Befehl, jeden zu tödten, der
des Nachts auf der Straße gefunden wird, und in das Stadtviertel
zu eilen, wo ein Aufitand ftatt findet. Demungeachtet begibt fich
Sbrahim mit den Feuten, die bei ihm verfammelt waren, zu Muctar
und todtet unterwegs Ajas, deffen Soldaten dann zum Statthalter
Abd Almalık, 375
Theilnabme an der Verſchwörung, von welcher der Statt—
balter wahrfcheinlih nichts wußte, vereitelt, denn Ibrahim
faufen, Ibrahim durchzieht dann alle fieben Stadtviertel, um feine
Anhänger zu verfammeln, todtet die fieben Anführer einen nach dem
Andern (2) und jchlägt ihre Truppen. Inzwiſchen fandte der Statt:
halter Scheib Sbn Rabia mit 2000 Mann gegen Muctar, welche
Ibrahim auch aufs Haupt jchlägt. Es fammeln fi dann 20,000
Mann vor Abd Allah’s Palaft, um die Charidjiten zu befümpfen,
die fih vor Muchtar’8 Wohnung zufammenrotten. Da indeffen von
Lestern, zu Ibrahim's Verdruß, ſich nur 1600 Mann einftellen, fo
verläßt Muchtar, an ihrer Spise, die Stadt und lagert vor dem
Thore. Hierauf fendet Abd Allah 6000 Mann gegen ihn, fie wer:
den aber geſchlagen, obaleich ihnen noch einige tauſend Mann nach:
folgen. Muctar dringt wieder in die Stadt und verfolgt Abd
Allah’8 Truppen bis in das Schloß u. ſ. w.“ Man ſieht wohl, dag
hier auf der einen Geite die Zahl der Truppen übertrieben und auf
der andern zu gering angegeben ift, und daß nad den getroffenen
Anstalten die Empörung nur durch Berrath, oder dadurch, daß man
von Ibrahim's Uebergang zu den Charidjiten nichts wußte, gelingen
fonnte. Bei Quatremere ©, 434 lieft man über diefe Vorfälle:
»La nuit fixee pour la revolte, plusieurs hommes bien armes s’etaient
reunis à la porte de la maison d’Ibrahim; ce general jortant de chez
lui vit Aias qui lui barrait le passage a la tete de 500 hommes; il
lui decocha une fleche qui lui traversa le ventre et lui sortit par le
dos. Les soldats d’Aias prırent aussitot la fuite (500 vor plusieurs
hommes?) et regagnerent le palais d’Abd Allah ben Moti, qui avait
deja pris ses armes. Üependant les Schiites s’etaient reunis aupres
de Mokhtar: Ibrahim etant arrive declara que des rassemblemens par-
tiels seraient le comble de l’imprudence, puisque les ofliciers places
dans chacun des quartiers de la ville avaient ordre de tuer tous les
hommes isoles (und mehrere zufammengerottete nicht?) qu'ils recon-
treraient. Il s’offrit de parcourir les differens quartiers (wie konnte
er died, nachdem er Ajas getodtet?) afin de rassembler succesive-
ment les Schiites qui devaient prendre part a l’entreprise (Sie waren
ja jhon bei Muchtar?) Apres quelques engagemens peu decisifs,
Ahd Allah qui avait rassemble sous ses drapeaux un corps de 20,000
honmes, se preparait a accabler les rebelles: Mokhtar qui n’avait
autour de lui que 1600 hommes se decida à sortir de la ville. Trois
corps d’armee envoyes contre lui furent completement battus et leurs
376 Neuntes Hauptftüd.
tödtete gleich den Stadtfon.mandanten, fo daß es den Truppen,
welche die verfchiedenen Stadtviertel befegt hielten, an einem
Anführer fehlte. Indeſſen fchlugen fie fi) doc) gegen bie
Rebellen die ganze Nacht durch, und erft gegen Morgen über-
liegen fte ihnen die Stadt und befchränften fih auf die Ver—
theidigung des Schloffes, welches der Statthalter bewohnte,
Das Schloß ward jest von Muchtar belagert, und da es
der Beſatzung an Lebensmitteln fehlte, mußte fie ſich ſchon
am vierten Tage ergeben, nachdem der Statthalter eg vor
Zagesanbruc heimlich verlaffen und fid) in das Haus Abu
Muſa Alaſchari's geflfichtet hatte Da Muchtar in dieſem
Schloſſe eine gefüllte Schatfammer fand, die er unter den
Truppen vertheilte, jo ward es ibm um fo Teichter, alles
weitern Widerftandes Herr zu werben und fämmtliche Ein-
wohner der Stadt zur Huldigung zu nöthigen. Gegen den
gefchlagenen Statthalter, deſſen Verſteck er bald ausjpürte,
war er, theils weil fie früher mit einander befreundet ge-
weſen, theils aus Nüdficht für Abd Allah Fon Zubeir, mit
dem er noch nicht förmlich brechen wollte, äußerft großmüthig.
Er Tieg ihm näwmlich fagen, er möchte in der Nacht die Stadt
verlaffen, um nicht in die Hand der gegen ihn erbitterten
Sharidjiten zu fallen, und als jener ſich eine Frift von eint-
gen Tagen erbat, um das nöthige Neifegeld aufzubringen,
fandte ihm Muchtar 100,000 Silberftüde. Abd Allah Ibn
commandans resterent sur Je champ de bataille. Un corps de 2000
hommes detaches par Abd Allah fut mis egalement en deroute. Mokhtar
rentra dans la ville et Abd Allah se retira dans le palais ete.« Sit
es glaublih, daß Muchtar, der fih in der Stadt nicht mehr halten
fonnte, außerhalb derfelben, wo ein großes Heer nur um fo beifer
pperiren kann, eine Schlacht wagte? Wir find weit entfernt, 9.
Quatremere einen Vorwurf zu machen, der nur feine Quellen trifft,
nur glauben wir, daß man in folhen Fallen fich entweder ganz von
denfelben emancipiren muß, oder wenn man das nicht will, fich
damit begnügen, fie einfach zu überfegen, und das Urtheil darüber
dem Gritifer anheimftellen.
Abd Almalık, 377
Muti 303 fh nah Baßra zurück, wo zwar bald nachher bie
Charidjiten au eine Umwälzung zu Gunften Muchtar’s ver:
fuchten, von dem Statthalter Abd Allah Ibn Alharth aber
aus der Stadt getrieben wurden D. Bon größerm Erfolge
waren die Bemühungen Muchtar’s in Madain, Hulwan und
gegen Moßul bin. In letzterer Provinz ftanden fchon die
Borpoften eines ſyriſchen Heeres, welches unter dem Ober-
befehle Ubeid Allah Ibn Zijad's gegen Irak beftimmt war.
Jezid Ibn Anas, welder an der Spike von 3000 Charid-
jiten ftand, ſchlug zuerft eine 3000 Mann ftarfe Abtheilung
Syrer unter Rabia Jon Mucharrif, dann eine zweite von
gleiher Zahl unter Abd Allah Fon Hamlah. Als indeffen
Uberd Allah felbft mit dem Hauptheere heranrücdte, mußten
die Charidiiten fid) zurüdziehen, bis Muchtar 7000 Mann, unter
Anführung des tapfern Ibrahim Ibn Aſchtar zu ihnen rücken
lieg 9). Aber Ibrahim hatte nicht lange die Stadt Kufa
1) Tab, ©. 65, ihr Häuptling, Muchtar's Emiſſär, hieg Mus
thanna Sbn Mahrama, aus dem Stamme Abd Alfeis.
2) Sp ganz wörtlih und auch mahricheinlich bei Abd Almahafin.
Nah Tab. ©. 65 hatte Rabia 50,000 Mann bei fih und doc
ward er gejchlagen. Als die Klüchtlinge zu Ubeid Allah kamen,
brach er jelbjt mit einem Heere von 80,000 Mann auf. Dies erfuhr
Waraka Son Harith, der nach Jezid's Tod den Dberbefehl über die
Charidjiten übernommen, er zog fich daher an die Grenze von Sraf
zurück und verlangte Berftärfung. Hier geht H. Quatremere nod)
meiter ald Tabari, denn er berichtet (Bd. X. S 45) Obaid Allah
ben Ziad, general des armees d’Abd Almelik ben Merwan, ayant sous
ses ordres une armee de 80,000 hommes, s’avanga vers l’Irak, dans
lVintention d’accabler Mokhtar et de marcher en suite contre Mosab
et Abd Allah ben Zobair. Ses troupes etaient deja arrivees pres de
Mausel, lorsque Jezid ben Anas, envoy& par Mokhtar, remporta sur
elles un avantage marque. Mais ce general etant mort immediatement
apres sa victoire, Mokhtar fit partir pour le remplacer Ibrahim ben
Malek Aschtar.« Jezid, bemerft Tab., war ſchon frank, als er Kufa
verließ, er ernannte daher Warafa Ibn Harth zum Stellvertreter
und diefer trug den Sieg davon über die Syrer, von denen viele
378 Neuntes Hanptftüd.
verlaffen, als die zurüdgebliebenen Zubeiriden fih gegen
Muchtar auflehnten und alle ehemaligen Truppen Abd Allah
Ion Muti’s um fi verfammelten, welche zwar Muchtar ge-
buldigt, doch weder ihre Niederlage vergeffen, noch ihm ver-
ziehen hatten, dag er fie in jeder Beziehung hinter feine
alten Anhänger zurückgeſetzt. Selbft mande Charidjiten
ihloffen jich ihnen an, weil die Zweifel an Muchtar's Er-
nennung zum Stellvertreter Mohammed’s Ibn Hanafıje wieder
von Neuem auftauchten. Dazu verbreitete man noch das Ge-
rücht, Jezid Ibn Anas, der nad) feinem Siege über bie
Syrer in Folge einer Krankheit ftarb, jet befiegt und vom
Feinde getödtet worden. Muchtar Tieß fih mit den Rebellen
in Unterbandlungen ein, und verfprach ihnen, um Zeit zu
gewinnen, die Abhülfe aller ihrer Befchwerden, fandte aber
zugleich einen Eilboten an Ibrahim mit dem Befehle, fchleu-
nigft nad) Kufa zurüczufehren. Während nun die Rebellen ”),
getodtet und 300 gefangen wurden. Sezid war fterbend, ald man
ihm die Gefangenen in Feffeln vorführte, und hatte fhon die Sprache
verloren, jo daß es ihm nicht möglich war, den Befehl zu ertheilen,
fie hinzurichten, doc hatte er noch Kraft genug, mit der Hand gegen
den Hals ein Zeichen des Schlachtens zu geben. Sie wurden vor
feinem Zelte hingerichtet und denjelben Abend hauchte auch er das
Leben aus.
1) Um nicht mißverftanden zu werden, muß ich erklären, daß
ih mit diefem Worte immer die Partei bezeichne, die fich gegen die
beftehende Regierung auflehnt, felbft wenn dieje eine revolutionäre
ift, wie Dies 3. B. bier der Fall ift. Tab. berichtet ©. 64 ganz aut,
als Einleitung zu diefem Aufftande: „Als Muchtar Kufa nahm und
darin herrfchte, beftand fein Heer aus zwei Theilen. Der eine
Theil hatte ihm ſchon früber gehuldigt und ihn in feinem Aufftande
unterjtüßgt, der andere aber beitand aus Truppen des Sultans (Abd
Allah Son Zubeir’s), die dem Muctar erft nah der Miederlage
Abd Allah's Son Muti huldigten. Erſtere waren Menfhen von
niederem Stande, meiſtens freigelaffene Sklaven und fonftiges Ge—
findel, Letztere waren eigentliche Soldaten und andere tapfere und
angejehene Männer, Muchtar organifirte nad) feinem Giege feine
Abd Almalik. 379
ftatt ih gleich der Perſon Muchtar's zu bemächtigen, viele
Zeit verloren, bis fie über die gegen ihn zu nehmenden Maß-
regeln fih unter einander verftändigen Fonnten, bielt Ibrahim
an der Spige zuverläffiger Truppen feinen Einzug und fiel
unter dem Rufe: „Auf, ihr Bluträcher Hufein’s!” über die
Empörer ber. Diefe ſchlugen fid eine Weile mit dem Lo—
fungsworte: „Herbei, ihr Bluträcher Othman's!“ in den
Straßen Kufa's; doch gelang es Ibrahim bald, fie zu Paaren
zu treiben und die Anftifter des Aufruhrs zu tödten. Jetzt
ließ Muchtar auch, angeblih auf den Befehl Mohammed’s
Ibn Hanafije, gewiß aber nur, weil fie die Anftifter und
Häupter des Aufruhrs geweſen I) und zur Befriedigung der
hwärmeriihen Schtiten, alle, welche bei Kerbela am Kampfe
gegen Hufein Theil genommen, auffuchen und binrichten, zum
Theil auch verftümmeln und verbrennen. Die Köpfe der Ans
führer Schomar Ibn Diaufchan und Amru Jon Saad, fandte
er an Mohammed Ibn Hanafije mit folgendem Schreiben:
alten Anhänger aufs Neue. Er gab dem Fußvolk Pferde und
machte die Reiter zu Generälen und überbäufte fie mit Gnadenbe—
jeugungen, was den zu ihm übergegangenen Truppen im höchſten
Grade mißfiel u. f. w.”
1) Bei Abd Almahafin wird Schebt Ibn Rabia als Häuptling
der Empörer genannt, bei Tab. ©. 64: Scheib Ibn Rabia, Scho—
mar Son Djaufban und Mohammed Ibn Aſchath. Erfterer, wel:
hen Quatremere ©. 46 Scheith nennt, jo wie auch Legterer, entka—
men nah Baßra. Sm Kampfe fielen nah Tab. 700 Mann und
außer diefen wurden von den Gefangenen 250 als Mitfämpfer bei
Kerbefa getddtet. Nah drei Tagen läßt fihb dann Muchtar von
einem aus Medina angefommenen Kufaner jagen, Mohammed Sbn
Hanafije nenne ihn einen Lügner und beffage fih über ihn, daß er
fo fange die Männer am Leben laffe, die gegen Hufein gekämpft
und dies diente ihm als Weranlafjung zu ihrer Verfolgung. Omar
Son Saad, fo wie fein Sohn Hafß wiunden hingerichtet, obgleich
fie am legten Aufftande gar feinen Antheil genommen und Pehterer
fogar nicht einmal bei Kerbela mitgefochten. Nach Quatremere
a. a. D. war jogar Dmar Ibn Saad Muchtar's Schwager, oder
nach Andern jein Schmiegerfohn.
380 Neuntes Hauptftüd.
„Dem Mahdi Mohammed Ibn Hanafiie von Muchtar,
dem Sohne Abu Ubeid's.
Nah dem Salam wife, dag ich mid) erhoben habe, um
Hufein’s Blut zu rächen, und für den Mahdi den Hul-
Digungseid abzunehmen. Meine Nahfiht und Schonung ift
jest zu Ende, darum habe ich aud) die Köpfe derjenigen, welche
Hufein getödtet haben, abgefchnitten und überfende fie dir
hiermit. Auch werde ich weder Brod effen noch Waffer trin-
fen, bis ich alle, welche an jenem Kriege, mit welcher Waffe
es auch fei, Theil genommen, mit Gottes Hülfe aufgefunden
und getödtet. Friede fei mit dir!”
Diefen Schwur erfüllte Muchtar vollfommen, denn nach—
dem alle an dem Morde Hufein’s Betheiligten, welche Kufa
noch nicht verlaffen hatten, aus dem Wege gefchafft waren,
fandte er Ibrahim aufs Neue gegen Ubeid Allah, welcher
eigentlih der Schuldigfte aller Dmejjaden an dem tragifchen
Ende Hufein’s war. Am Fluffe Zab, in der Nähe von
Moßul, ftiegen die beiden Heere auf einander. (Muharram
67. Auguft 686 ID. Das der Syrer war dem Srafanifchen
an Zahl überlegen ?), aber Ibrahim's perfönliche Tapferkeit,
der Fanatismus feiner Truppen, welchen Muchtar, der bei
Manchen felbft als ein halber Prophet galt, verfchiedene Ne-
liquien mitgegeben 3) und der Berrath des fyrifchen Generals
1) Abulfeda ©. 410 und Abd AUlmahafin, weldher auch die lekte
Empdrung in Kufa in den legten Monat des Jahres 66 fest. Nach
Tab. ©. 69 fcheint diefer Krieg noh im Sahr 66 ftatt gefunden
zu haben.
2) Nah Tab. a. a. D. zählte Ubeid Allah’8 Heer 70,000 (2)
Mann, das Sbrahim’s nur 7000.
5) Abulfeda a. a. D. und Tab. Diefer fagt: Ibrahim hatte in
diefem Kriege den Thron oder Seſſel bei fih, auf welchem Ali einft
gejeffen. Auch wurden Feken von Hufein’d und anderer Märtyrer
Kopfbinden und Kaftanen in eine Kifte aelegt und vor den Truppen
hergetragen. Abd Almahafin erzählt: „Ibn Djada habe diefen Stuhl
von einem Delhändler gefauft und Muchtar gefaat, es haften Spu—
Abd Almalik. 381
Dmeir Ibn Alhubab, der zu Ibrahim überging, entjchieden,
nach einer langen und blutigen Schlacht, zu Gunſten Much—
tar's. Ubeid Allah's Heer beftand nämlidh zum Theil aus
folhen Truppen, welche früher unter Dhabhaf Ibn Keis
gegen die Merwaniden bei Merdj Rahit gefämpft hatten,
An ihrer Spitze ftand Dmeir Ibn Alhubab, welcher früher
felbft ein Anhänger Abd Allah’s Ibn Zubeir gewefen. Diefe
fanden jest eine gute Gelegenheit, das von den Ihrigen ver—
goffene Blut, an den jemenidifchen Stämmen, die ihnen bie
Niederlage von Merdj Rahit bereitet, zu rächen, indem fie
mitten im Treffen ihre Waffen gegen fie fehrten, und für
Ibrahim fochten ). Ubeid Allah jelbft blieb in diefer Schladht,
ren von Wilfenfchaft (oder Kenntnig geheimer Dinge »fihi athrun
min alilmi«) daran. Sbrahim wollte aber von dergleihen Gaufeleien
nichts mwiffen. Als formliche Prozeſſionen mit diefem Stuhle gemacht
wurden, betete er: „Gott! firafe uns nicht wie die Kinder Israel,
als fie mit dem goldenen Kalbe Abgötterer trieben.“ Scehreftani
©. 110 berichtet: Muchtar gab vor in die Zukunft zu fchauen, theils
durh Dffenbarung, theild durch Mittheilung des Imams. Da
indejjen feine Vrophezeihungen nicht immer eintrafen, behauptete
er, Gott habe feinen Willen wieder geändert. Weber diefen Stuhl
fagt er auch: er habe ihn mit Seide bedeckt und vor den Truppen
hertragen laſſen und ihnen gefagt: diefer ift euch, ıva8 den Kindern
Söraels die Bundeslade war, die Sefina ruht darin. Auch be:
hauptete er, es fteigen Engel in Geftalt weifer Tauben herab, die
ihnen beiftehen. Auch berichtet Almahaſin, daß Surafa Ibn Mirdag,
einer der Rebellen in Kufa, von Muchtar begnadigt wurde, weil
er erzählte, er habe im Traume gejehen, wie Engel für ihn Fämpften.
1) Masudi f. 246 und 247. Er jest noch hinzu, daß Omar
ſchon früher deshalb mit Ibrahim mehrere Briefe gewechſelt. Auch
Tab. ©. 69 erzählt, daß Amru (Dmeir) Ibn Hubab, welcher Ubeid
Allah's Iinfen Flügel vefehligte, in der Nacht vor der Schlacht
heimlich zu Ibrahim Fam, und ihm verſprach, am Schlachttage mit
allen feinen Truppen zu ihm überzugehen. Bei der Schilderung
der Schlacht erzählt er aber, daß, nachdem zuerft Shrahim’s linker
Flügel zu weichen anfing, er mit dem rechten den linken Ubeid
Allah's angriff, in der Hoffnung, Omeir würde zu ihm übergehen
382 Neuntes Hauptſtück.
eben fo Haßin Ibhn Numeir, welcher Mekka beichoffen, und
mit ihnen famen viele Taufende um, theils durch das Schwerdt
des Feindes, theild in den Fluten des Zabfluſſes, hinter
welchem die Flüchtlinge einen Zufluchtsort fuchten.
As Muchtar die Nachricht von Ibrahim's Sieg und
bald nachher auch Uberd Allah's Kopf in demfelben Schloffe
erhielt, in das ohngefähr fehs Jahre früher Hufein’s Haupt
diefem gebracht ward, boffte er, Abd Allah Ibn Zubeir würde
endlich, in Anerfennung der von ifm vollbrachten oder wentg-
ftens angeordneten Waffenthaten gegen die Dmejjaden, nach—
giebiger gegen ihn werden und ihm gern die Statthalterichaft
son Kufa überlaffen. SIn/diefem Falle hätte wahrſcheinlich
Muchtar den Sohn der Hanafija aufgegeben, mit dem er
ohnebin nicht ganz zufrieden war, weil er immer nod eine
höchſt zweideutige Rolle fpielte, allen Anſprüchen auf die
Herrſchaft entfagen zu wollen fchien, ibn zwar wegen ber
Kriege gegen Hufein’s Mörder lobte, ohne ihn jedoch aug-
drüdlih als feinen Agenten anzuerfennen ). Muchtar fchrieb
Daher an Ubeid Allah: „Du weißt, dag ich einer der Erſten
oder gefchlagen werden. Dmeir hatte aber (früher) die Truppen
zum Kampfe angefeuert und blieb daher bei feinen Reden (den
Syrern gegenüber), jo dag Ibrahim feine Hoffnung auf ihn auf
gab und mit feinem ganzen Heere über das der Syrer herfiel. Ber:
gleibe auch Tebrizi zur Hamafa ©. 260 u. 317. Masudi's Bericht
ift mie wahrfcheinficher, übrigens mochte auch Omeir ſelbſt nicht,
doch ein Theil feiner Truppen zum Feinde übergegangen jein.
1) Tab. ©. 66. Er jest noch als bejondern Grund hinzu, daß
Mohammed ihm nicht einmal für die überjandten Köpfe dankte,
fondern blos fchrieb: „Gott gebe, daß du und wir ftets nach feinem
Willen handeln.” Daraus ſchließe ih, dag Muchtar diefen Brief
nad dem Aufitande in Kufa, auf den unmittelbar der Krieg gegen
Ubeid Allah folgte, ſchrieb, und nicht gleih nad der Vertreibung
Abd Allah’3 Jon Muti, wie H. Quatremere (l. IX. p. 436) berichtet,
obgleich der Inhalt des Briefes ſelbſt allerdings dafür ſpricht, daß
er nicht allzulange nad) der Vertreibung Abd Allah’s Son Muti
gefhrieben worden,
Abd Almalik. 383
war, die dir gebuldigt, deinen Namen in Mekka befannt ge-
macht, und für deine Erhaltung gegen die Syrer gefämpft.
Du aber baft dein Verſprechen nicht gehalten, haft mich un-
tbätig in Meffa gelaffen, ftatt mir irgend eine Statthalter:
fchaft zu verleihen, darım begab ich mich nad) Kufa. Hier
lebte ich ruhig in meinem Haufe, bis das Volk, mit Abd
Allah Ibn Muti unzufrieden, ihn aus der Stadt jagte und
mich aufforderte, die Öffentlichen Angelegenheiten fo lange zu
leiten, bis der Fürft der Gläubigen einen andern Statthalter
fenden würde. Ich nahm diefen Antrag an, blos um dir
die Stadt zu erhalten und erwarte jest deinen Befehl I.”
Der diesmal mit Recht mißtrauifche Abd Allah Ibn Zus
beir jab in dieſer gebeuchelten Unterwerfung nichts als den
verftedten Wunfch, Öffentlich von ihm als Statthalter von Kufa
anerfannt zu werden, um nicht nur den Anhängern der Ali
den gegenüber, fondern auch vor den Augen der Partei Ibn
Zubeir’s als rechtmäßiger Statthalter zu erfcheinen. Diefem
Wunſche fonnte aber Abd Allah, ohne fich felbft die größte
Blöße zu geben, nicht willfahren. Er ernannte daher einen
andern zum Statthalter von Rufa, berief Muchtar nad) Meffa
und jchrieb ihm, dag fo rein auch feine Abfichten fein mögen,
er doch einmal vor Jedermann als fein Feind daftehe, er
ihn daber unmöglich zum Statthalter ernennen könne, ehe er ein
— — —
1) Ebendaſ. Nah Masudi f. 238 wäre Muchtar von Abd Allah
Son Zubeir Cwahrfcheinfih vor Vertreibung der Omejjaden) nad
Kufa geſchickt worden, um die Schtiten zu aewinnen. Muchtar war
aber ein großer Verfchmender und Abd Allah Ibn Zubeir Fonnte
nicht Geld genug für ihn auftreiben, weshalb Muchtar ihn aufgab
und ſich zuerft an Alt, den Sohn Huſein's, mendete und ihn als
Imam anerfennen wollte. Da ihm Ali aber fein Gehör ſchenkte,
fhrieb er an Mohammed Ibn Hanafije. Diefer, fo fährt Masudi
fort, wollte ihn auch geradezu von fich weifen und fogar, wie Ali,
öffentlich ſchmähen, aber Sbn Abbas rieth ihm ab, weil man doc
noch nicht wilfen könnte, wie es mit Abd Allah Son Zubeir enden
würde,
384 Neuntes Hauptſtück.
Zeichen des Gehorfams gegeben. Später wolle er ihn gern
für diefe Stattbalterfchaft auf irgend eine andere Weije entſchädi—
gen I. Muchtar war natürlich keineswegs gefonnen, die
jauer erworbene Herrfchaft, die er nach Ibrahims Sieg über
den größten Theil von Mefopotamien 2) ausdehnte, an Abd
Allah abzutreten. Er fandte daher Saida Ibn Kudama dem
von Abd Allah ernannten Statthalter mit 500 Mann und
60,000 Silberſtücken entgegen, und beauftragte ihn, denfelben
entweder durch Beftechung oder durd Gewalt von Kufa fern
zu halten. Saida entledigte fich feines Auftrags und Amru
Fon Abd. Errahman, fo hieß der von Abd Allah ernannte
Statthalter, nabm das Geld und begab fih nach Baßra 3).
Muchtar fuhr indeffen in feiner Deuchelei gegen Abd Allah
Son Zubeir fort und ftellte fi ganz verwundert darüber,
dog Amru Ibn Abd Errahman ftatt feinen Poſten in
Kufa einzunehmen, fih nah Baßra zurüdgezogen habe. Zu-
gleich bot er dem Abd Allah Truppen M zur BVertheidigung
der Stadt Medina an, welde von einem fprifchen Deere be—
brobt war, das ſchon bis Wadi-l-Kura vorgedrungen. Much-
tar hoffte nämlich, ſich bei diefer Gelegenheit der Propheten—
ftadt zu bemächtigen, um dann fpäter defto leichter Abd Allah
Fon Zubeir in Meffa felbft von zwei Seiten ber angreifen
zu fönnen, Aber auch diesmal durchſchaute ihn Abd Allah
1) Tab. ©. 66.
2) Abd Almahafın nennt Nigibin, Sindjar, Kirkifia und Harran.
3) Tab. ©. 67.
4) So bei Tab. und Abd Almahafin, ohne daß fie die Zeit die:
fes Feldzugs näher angeben. DBermuthlicd fand er unmittelbar nad
Ibrahims Sieg über Ubeid Allah ftatt, obſchon Weide ihn in das
Zahr 66 fegen, denn der Krieg gegen Ubeid Allah war doc jeden:
falls für Muctar wichtiger ald der gegen Abd Allah Ibn Zubeir.
Auch haben wir oben bemerkt, dag Muchtar's Korrefponden; mit Abd
Allah wahrſcheinlich nach der Unterdrüdung des Aufftandes in Kufa
ftatt fand, dieje aber gewiß vor dem Untergange von Muchtar’s Heer
in Wapdi-l:Kura.
Abd Almalik. 385
Ibn Zubeir. Er lehnte zwar das Anerbieten nicht ab, befahl
aber feinem Feldherrn Abbas Ibn Sabl mit einigen taufend
Mann nah Medina aufzubrechen und die Abdfichten des von
Muchtar abgefandten Generals Schurahbil Jon Warafıh Ham—
dani forgfältig zu eripäben und ibn als einen Feind zu bes
bandeln, fobald er eine andere Abjicht, als die gegen die Sy-
rer in Wadi-l-Kura zu kämpfen, verrietbe. Abbas traf die
Srafaner in Rafim in der Nähe von Medina und über-
zeugte ſich bald von den verrätherifchen Gefinnungen Schu:
rahbils, indem er, auf feine Aufforderung, mit ihm gegen den
Feind nah Wadil-I-Rura zu ziehen, Muchtars Anweifung ger
mäß behauptete, er müſſe in Medina noch weitere Befehle
abwarten I). Abbas zeigte fih nicht im Mindeften befremdet
über diefe Antwort, fondern fuhr fort, Schurahbil als einen
Berbündeten zu behandeln und Lich fo viele Kameele ſchlach—
ten und andere Lebensmittel aus Medina herbeifchaffen, als
nöthig waren, um die 3000 Mann, weldhe Schurahbil bei
fih hatte, zu bewirthen. Während der Mahlzeit aber, als fie
ihre Waffen abgelegt hatten, fiel er mit feinen Truppen über
fie her, mordete einen Theil von ihnen und begnadigte nur
die, welche Abd Allah Ibn Zubeir huldigten. Schurahbil
1) Ebdf. ©. 67. Dort antwortet jedoh Schurahbil, er wolle
gegen die Syrer kämpfen, hernach aber in Medina weitere Befehle
abwarten. Ber Abd Almahafın hingegen, und dieg ift wahrrcheinfi-
cher, will er gar niht nad Wadi⸗l-Kurg ziehen, jondern in Medina
warten. Weiter oben berichtet übrigens Tab. felbft, dab Muctar
zu Schurahbil fagte: „Sch muß mir den Anjchein geben, als jende
ih dich um die Syrer in Wadi-l-Kura zu befümpfen, aber meine
Abficht ift, das du nah Medina gehejt und diefe Stadt bejekft, da—
mit unjere Truppen zwifhen Kufa und Medina feinen Widerftand
mehr zu befürdten haben; ich werde dann noch andere Truppen
nachſenden, mit denen du Abd Allah in Mekka angreifen Fannft. Mache
dich jest auf, und fragt dich jemand, wohin du ziehft, jo antworte,
nah Wadi-l-Rura gegen die Syrer, wenn du aber nach Medina
kommſt, jo bleibe dort und fchreibe mir u. f. mw.“
25
386 Neuntes Hauptftüd.
felbft ward getödtet, und faum gelangten einige Flüchtlinge
durch die Wüfte bis Kufa, um Muchtar die traurige Nach—
riht von dem Untergange feiner Truppen zu melden I).
Muchtar beffagte fi) vergebens bei Mohammed Ibn Hanas
fife und forderte ihn ohne Erfolg auf, ſich öffentlih gegen
Abd Allah Fon Zubeir aufzulehnen und an die Spige der
Truppen zu ftellen, welche er ihm zuführen wollte. Eben ſo
bartnädig weigerte fih Mohammed aber auch fortwährend
Abd Allah Ibn Zubeir als Chalifen anzuerkennen, indem er
vorgab, nicht eher zu huldigen, bis der Krieg mit Syrien zu
Ende und er allgemein als Chalife anerkannt fein würde,
Abd Allah hatte fi) bisher um Mohammeds Neutralität we—
nig befümmert, obgleich er als Sohn Ali's feinen unbeden-
tenden Anhang hatte. Jetzt aber, wo er mit Muchtar fürm-
lich gebrochen, glaubte er ihm feinen härtern Schlag verfegen
zu fünnen, als wenn er Mohammed nöthigte, ihm zu buldi-
gen, weil jener dann fi nicht mehr länger für deſſen Ber
vollmädtigten ausgeben und dadurd alle Schiiten gewinnen
fönnte, Als daher Mohammed nad) Meffa fam 2) und aber-
1) Ebdſ. ©. 68, übereinftimmend mit Abd Almahafin. Sch
weiß nicht marum Quatremere ©. 40 ſchreibt: »il se Jivra plusieurs
Combats qui se terminerent par Ja mort de Scharhabil et de la plus
grande partie de ses soldats « Bei Tab. kämpfen nur 60 Mann an
Skhurahbil’8 Seite, welben Abbas tödtet, dann huldigen alle, bie
auf 300 Mann, dem Abd Allah, diefe 300 fchlägt dann Abbas aud.
Bei Abd Almahafın heißt es auch: „die meiften Truppen gingen zu
Abbas Über, nur wenige griffen zu den Waffen und zogen den Tod
vor.”
2) Nah Tab. S©.78 im Jahre 66, was ich aber fehr bezweifle,
um fo mehr, da er noch hinzufegt „um mit feiner Familie die Pil—
gerfahrt zu vollziehen“ aljo im Monat Djusl:-Hudja. Nah Tabari’s
eianer Erzählung foll er dann nach feiner Meinerung zwei Monate
eingefperrt, dann von Muchtar befreit worden fein. Wir haben aber
oben gefehen, (©. auch Abulf. ©. 410) daß der Aufftand in Kufa
gegen Muchtar im Monat Dusl:Hudja 66 ftatt fand und daß nad
Abd Almalik. 387
mals nicht huldigen wollte, erflärte ihm Abd Allah geradezu,
dag er dieſes zweideutigen Benehmens endlich überdrüfftg,
und forberte ihn auf, doch nicht länger auf der einen Seite
die größte Sleichgültigfeit gegen die Herrfchaft zu beucheln,
während er auf der andern Muctar auf Eroberungen aus—
jende und zum Kriege gegen ihn anfporne. Als Mohanımed
nicht nachgab, ließ ihn Abd Allah drei Tage lang einfperren
und am vierten drohte er ihm mit dem Tode, wenn er ihm
nicht augenblicklich huldige. Doch lieg er fih von feinen
Freunden bereden , ihm eine Bedenfzeit von einigen Mo—
naten zu gönnen, die er, wohl bewacht im Gefängniffe zu:
bringen follte. Mohammed fah wohl ein, daß er nur durch
Muchtar's Hülfe gerettet werden fonnte, Er entichloß ſich
Unterdrüfung deſſelben Muctar die Köpfe Schomar’s Ibn Djau:
fban und Dmar’s Sbn Saad nah Medina an Mohammed Ibn
Hanafije fchicte, welcher den Brief nur mit dem Wunjce, „er möge
ftets nach Gottes Willen handeln“ beantwortete. Wie war das
möglih, wenn er um dieje Zeit ın Mekka im Gefängniſſe war und
Muchtar jelbit, ebenfalls nach Tabari’s eianen Worten (©. 69), es
fo fpät erfuhr, daß die Truppen, die er zu feiner Befreiung jchidte,
nur zwei Tage vor Ablauf der beftimmten Friit von zwei Monaten
in Meffa eintrafen Abgejehen von dieſem Widerſpruche fcheint es
mir überhaupt natürlicher, dieſen Vorfall, welcher doch nothwen—
dig einen Brud zwiſchen Muchtar und Abd Allah herbeiführen
mußte, nah ihrer oben angeführten Korreipondenz zu fegen, jo wie
auch den Berrath bei Rafım, Nah Abd Almahafın bleibt übrigeng
gar fein Zweifel übrig, dag Mohammed erſt im Jahre 67 einge:
fperrt ward, denn diejer läßt ihn nad feiner Befreiung nicht wie
Tab. a.a.D. wieder nad Medina zurüdfehren, fondern bis zu Mud):
tard Tod in der „Schlucht Ali's“ bleiben.
1) Auch faate ihm Mohammed felbit: „Safman, der Sohn
Dmejja’d mar ein Ungläubiger; der Prophet, über den Gottes Friede,
forderte ihn auf, fih zum wahren Glauben zu befehren, er aber be-
gehrte eine Bedenfzeit. Da gewährte ihm der Prophet eine Frift
von zwei Monaten und du mwillft mir nicht einmal eine Stunde gön—
nen?" Tab, ©. 68.
29."
388 Neuntes Hauptſtück.
daher endlich, ihn als feinen Chalifen (Stellvertreter) zu er-
ſuchen, auf irgend eine Weiſe feine Befreiung zu bewerfftelli-
gen. Muchtar freute fih, durch diefen Brief einen neuen
Beweis von feiner vielfach bezweifelten Sendung geben zu
können. Er las ihn dem Volke auf der Kanzel vor und ſo—
gleich erhoben ſich zahlreihe Stimmen, mit der Erflärung,
gerne für die Nettung ihres Imams fterben zu wollen, Much—
tar ließ fie, um Abd Allah's Wachſamkeit zu täuſchen, in flei-
nen Abtheilungen nah Meffa ziehen, und zur verabrebeten
Stunde ftanden ylöglih 1000 Mann I) vor Mohammed’s
Gefängnig, melde, ohne daß Abd Allah eine Ahnung davon
hatte, ihn befreiten, unter dem Nufe: „Herbei ihr Bluträcher
Hufein’s! herbei ihr Freunde Mohammed's!“ Abd Allah Ibn
Zubeir flüchtete fih in die Kaaba und rief Gottes Schuß an,
Dod Mohammed felbft begnügte fi mit der wieder erlang-
ten Freiheit und beſchwor feine Befreier, fih auf dem heiligen
Gebiete feine Gewaltthat zu Schulden fommen zu laffen. Er
ließ fih dann nach einem befeftigten Orte „Ali's Schlucht“
genannt, geleiten, wo ſich bald fo viele Freunde um ihn ſam—
melten, daß er von Abd Allah nichts mehr zu befürchten
hatte 2). Dbgleih aber Muchtar's Anfehen durch dieſes
1) So bei Tab. a. a. O. bei Masudi L. 239 nur 800. Diefe
Leute erhielten, nah Abd Almahafıin, den Beinamen Hajdabija
(Holzmänner), entweder weil fie Mohammed vom Feuertode errettet,
denn Abd Allah hatte ſchon um fein Gefängniß viel Holz gelegt, um
es in Flammen aufgeben zu laffen, oder weil fie, aus Ehrfurcht
vor dem heiligen Tempel, Feine Waffen, fondern nur Prügel ge:
brauchten.
2) Hier blieb er, nah Abd Almahafın, wie fchon berichtet, bie
zu Muchtars Tod. Als er an Muctar feine Stüge verlor, drängte
ihn Abd Allah Son Zubeir aufs Neue. Mohammer, um diefem
Heuchler zu entgehen, war auf dem Punkte, Abd Almalik anzuer:
fennen, und begab ſich ſchon nach Madjan, doch kehrte er wieder
um, weil er Abd Almalif nicht traute, Sn der Schluht Ali's ließ
Abd Almalik. 389
Schreiben Mohammed's, fo wie durch die dem Abd Allah
zugefügte Demüthigung ſich wieder in Kufa gehoben hatte,
berubte doch feine Macht Tediglih auf die ihm ergebenen
furchtbaren Charidjiten, Unter der großen Maffe des Volks,
das ohnehin ven Wechſel liebte, herrſchte eine große Abnei-
gung gegen ihn und ein Theil der Bewohner fand mit den
Flüchtlingen in Verbindung, die nad) dem verunglücten Auf-
flande in Kufa, ihre Heimath zu verlaffen genötbigt waren,
Biele diefer Ausgewwanderten oder Vertriebenen hatten ſich in
Baßra niedergelaffen und Mußab Fon Zubeir, den Bruder
Abd Allah's, ver gegen den Anfang des Jahres 67 daſelbſt
Statthalter geworden I), aufgefordert, ein Heer gegen Kufa
ihm aber Abd Allah feine Ruhe, er zog fih daher nach Taif zurück,
wohin ſich auch Abd Allah Son Abbas begab, der zwar dem Ibn Zus
beir gehuldigt hatte, doch fortwährend in Hader mit-ihm lebte und
befonders fein gewaltfames Verfahren gegen Mohammed offen ta-
delte. Als Haddjadj nach Hedjas Fam, kehrte Mohammed wieder in
die Schlucht Ali's zurück, und nah Ibn Zubeir’d Tod huldigte er
dem Abd Almalit Son Merwan. Ueber Abd Allah Son Abbas, wel:
her im Sahre 68 in Taif ftarb, (S. Abulfeda ©. 416) und fein
Berhältnig zu Abd Allah Ibn Zubeir vergl. Quatremere ©. 64 u. f.
Der Sohn des Abbas hatte matürlih eine große Vorliebe zu dem
mit ihm fo nahe verwandten Geſchlechte Ali's, und fah in feinem
Snnern den Sohn Zubeir’s als einen Uſurpator an. Als diefer einft
auf jeine Verwandtfhaft mit Aiicha, Chadidja, Safta und Asma
(S. oben ©. 295) ſich berief, faate ihm Ibn Abbas: Sind nicht alle
diefe edlen Frauen erft dur den Gejandten Gottes geadelt worden ?
wie willſt du diefe Vorzüge gegen mich geltend machen, der ich felbft
zur Familie des Propheten gehöre? Ibn Abbas war ındejien, mie
wir oben gefehen, auch Fein reiner Charafter und mit Recht warf
ihm Son Zubeir vor, dag er Alt verlaffen und mit der Kaffe von
Baßra fih davon gemacht habe.
1) Tab. S. 69. Ebenſo bei Abd Almahafin, der jedoch hinzu:
fest: nad) — Ende 66. Ueber Mußab findet man auch manche
Anekdoten bei Quatremere ©, 47 u. f. Hier nur eine, die zur Cha—
rakteriftif jener Zeit gehört. Gr hatte (Abulfeda S. 218) zwei
390 Neuntes Hauptftüd,
zu führen, indem fie ihn verfiherten, ein Theil der Bevoͤlke—
rung von Kufa würde beim Anblick eines fremden Heeres ſich
gegen Muchtar bewaffnen. Der eben fo vorfichtige alg tapfere
Mußab hielt jedoch jedes Unternehmen, deffen Gelingen von
der Unterftügung der treulofen und wanfelmüthigen Kufaner
abhängen follte, für tollkühn. Er wartete daher, mit einem
Feldzuge gegen Muchtar, bis ihn Muhallab Ibn Abi Sofra,
der wie oben berichtet, mehrere Provinzen Perfiens für Abd
Allah verwaltete, feiner weit Fräftigeren und zuverläfftgen Mit-
wirkung verſicheree. Im Monat Ramadhan des Jahres 67
brach er von Baßra auf, nachdem Muhallab von Ahwas ber
zu ihm geftogen war, und fchlug die Kufaner zuerft bei Ma-
dar, wo Ahmed Fon Sumeit ihm den Weg verfperren wollte,
Diefer ward glei bei Eröffnung der Schlacht getödtet, und
ein Mann aus dem Stamme Chothum, der nad) ihm die Fahne
ergriff, fonnte die Truppen nicht mehr zum Stehen bringen,
denen Muhallab zurief: „Für wen fechtet ihr denn, da ihr
Frauen, von denen die eine Huſein's und die andere Talha’d Tod:
ter war. Letztere mar von ausgezeichneter Schönheit, weshalb ſie
auch nie einen Schleier trug, denn nah Tebrizt zur Hamafa ©. 555
bedeckten früher nur die bäfliben Araberinnen ihr Geſicht. Mußab
machte ihr deßhalb Vorwürfe, denn der Islam Eannte natürlich Fei-
nen ſolchen Unterſchied, obgleih das Werjchleiern des Geſichts aller:
dinas nur beim Ausgehen im Koran geboten if. (S. Feb. Moh.
©. 154 n.) Sie antwortete: Da mich Gott mit fo vollfommener
Stönheit ausgeftattet, fo mögen alle Menſchen meine Vorzüge be-
wundern. Sch darf wohl mein Gefiht offen tragen, denn es bietet
einen Stoff zum Scherze dar, Cie war aber gegen Mußab felbft
fo fpröde, daß er ihr mit dem Tode drohen mußte, um ihre Hinge-
bung zu erlangen, obaleih Mußab einer der fchönften Männer feiner
Zeit war. Sch weiß nicht, warum Quatremere nichts über Mußabs
Beinamen ſagt, den er fich felbft in der erften Kanzelrede in Baßra
gab, und zwar nah Tab. ©. 70. Djarar, (Bettler) und nad Abd
Almahafin Djazzar (Schlädhter), Lestern Namen mochte er wegen
feiner Gaftfreundjchaft, die bei den Arabern bejonders im Schlach—
Abd Almalik. 391
weder einen Jmam noch cinen Emir habt?’ I) Sekt ftellte
ſich Muchtar felbft an die Spige feiner Truppen und erwartete
den Feind in Harura ?) unweit Kufa. Hier fchlug man ſich
den ganzen Tag, und Muchtar focht noch bei dunkler Nacht,
als man ibm fagte, fein gefchlagenes Heer habe fih ſchon
in die Stadt geworfen. Am folgenden Morgen wollte Much—
tar, troß der Ueberlegenheit des Feindes, den Kampf erneuern,
ten von Kameelen fih Fund gibt, erhalten haben, was aber GEriterer
bedeuten foll, weiß ich nicht; für einen Trucdfehler kann ich ed auch
nicht halten, denn neben dem arabiihen Morte findet fich auch die
türkiſche Weberfegung (Dilendji). Arm war Mufab Feineswegs, feine
Gattin Aiſcha erhielt von iym eineMorgengabe von 100,000 Soldftücen.
Als fie einst fchlief, ließ Mußab aht Perlen auf ihren Bujen fallen,
die 20,000 Goldſtücke werth waren. Auch ſoll Mußab, wegen feines
fururiöien Lebens (S. Quatremere ©. 56) auf kurze Zeit die Statt:
halterfhaft von Kufa verloren haben und Hamza, ein Sohn Abd
Allah's an feine Stelle gefommen fein. Wahrſcheinlicher ift jedoch,
daß er wegen der Hinrichtung der Gefangenen beftraft ward, denn
Abd Almahafin fest feine lingnade gerade in jene Zeit. Den Namen
Schlächter hatte er vielleiht jpäter erit nach diefer graujamen Hin:
richtung erhalten und diefe Bedeutung wide ich für die allein rich—
tige halten, wenn nicht Tab. jaate, daß er gleich in der erften Kan:
zelrede fich felbft diefen Namen gegeben. Sollte ed etwa eine
Drohung fein, oder fib nur auf feine Strenge gegen die Anhänger
Muchtars beziehen? Wielleiht bie er auch darum Bettler, weil er
wegen feines verſchwenderiſchen Lebens, trog feiner Reichthümer
doch immer genöthigt war, von feinem Bruder neue Summen zu
verlangen.
1) Tab. ©. 70 und Abd Almahafin.
2) So bei Abd Almahafin une im Kamus unter dem Worte
Harurija „Name einer Sefte Charidjiten, welcher von dem Orte
Harura hergeleitet wird.” Bei Tab. unrichtig Tharwar ein Ort zwi:
fhen Kufa und Sumad. Ber Ad Almahafin: am Zufammenfluffe
des Kanals von Kadefia, von Geilhun und von Djuweiſa, wo ein
Theil der Truppen von Bafra landete. Die Baßrenſer waren nad)
Tab, 40,000 Mann ftarf, die Kufaner zählten nur 20,000,
392 Neuntes Hauptftüd.
aber feine Freunde riethen ihm davon ab, weil fonft die
feindlih gegen ihn gefinnten Bewohner der Stadt ſich hinter
feinem Rüden gegen ihn erheben würden; auch zeigten feine
Truppen wenig Luft mehr, ein zweites Treffen zu wagen.
Es blieb ihm nichts übrig, als fih in das befeftigte Schloß
einzufchliegen, in der Erwartung, die auswärtigen Charidjiten
oder fein Statthalter Ibrahim, würden zum Entſatze berbei-
eilen. Als aber mehrere Tage vergingen, ohne daß fich je-
mand für ihn bewaffnete, und Mußab das Schloß dermaßen
belagerte, daß es ihm nicht mehr möglich ward, Lebensmittel
aus der Stadt zu erhalten, forderte er die mit ihm einge-
fhloffenen Truppen — ihre Zahl belief fih auf 6 bis 7000
— auf, mit ihm die Delagerer zu überfallen und Tieber alg
Männer zu fterben, denn vor Hunger umzufommen, oder fich
bei der Uebergabe der Burg von dem Sieger wie Schafe
ſchlachten zu laffen. Aber die feigen Soldaten, welde hoff—
ten, fpäter begnadigt zu werden, fchenften ihm fein Gehör.
Nur neunzehn Mann fchlogen fih ihm an und fochten und
ftarben an feiner Seite als Helden D. Wie Mucdtar vor:
ausgefagt, entgingen aber auch die Truppen, die um ihr Le-
ben zu reiten ihn verließen, und fih ohne Kampf ergaben,
dem Tode nicht. Zwar ward Mußab von den Bitten und
Borftellungen ihres Spreders Babir Ibn Abd Allah ge-
rührt. Diefer fprad auf dem großen Ay in Kufa, wo fie
alle in Feſſeln bingefchleppt wurden: „O Emir! du befindeft
1) Muctar ftarb, nah Abd Almahafin, in einem Alter von 67
Sahren. Seine Frauen mußten, um ihr Leben zu erhalten, ihn ver:
fäugnen, eine einzige, (Masudi f. 246), ihr Name war Umra, lieg
fich lieber hinrichten, als daß fie ihren Gatten im Grabe verdammte.
Abd Allah Ibn Abbas joll ſich auch des Unglüdlihen angenommen,
und Avd Allah Ibn Zubeir öffentlich widerſprochen haben, als er
ihn einen Lugner nannte. Muchtars Hand lieg Mußab an die große
Moſchee nageln, wo fie angenagelt blieb, bis Haddjadj nah Kufa
fam.
Abd Almalik. 393
dich heute zwifchen zwei Lagern (d. h. Entichlüffen) entweder
du begnadigft uns, um auch Gottes Barmherzigfeit und Wohl—
gefallen zu erlangen, oder du läßt ung binrichten und ziehft
dir dadurch Gottes Zorn zu. Wir wiffen aber, daß du Got—
tes Gnade und Barmberzigfeit vorziehen wirft. O Emir!
wir bilden eine Gemeinde unter den Befennern des Islams;
wir befennen wie du, dag Gott einzig und dag Mohammed
fein Gefandter in Wahrheit. (Du baft etwas gethan, wag
feiner vor dir getban bat.) Die Bewohner Kufa’s find in
verfhiedene Secten getheilt und es kam wegen Glaubens—
verfchiedenheit zu einem Kriege unter uns. Unſere Gegner
haben von den Unfrigen getödtet und wir von den Ihrigen.
Heute kift du Sieger, wir hoffen daß du von deiner Macht
den Gebraudy machen wirft, der mit deiner Großmuth im
Einklang fteht I.” Aber Abd Errahman, Sohn des bei Ha-
.._— [m
1) Zub. ©. 71, Die eingeflammerten Worte, die ich wörtlich
überfegt, (sen bir isch kildun ki kimseh kilmamisch dör) bedeuten ent:
weder: du haft einen alänzenden Sieg über und davon getragen,
oder: dein über uns gefälltes Tovdesurtheil iſt etwas unerhöre
tes. Bei Quatremere, der ©, 57 auch Ddiefe Bitte Bahirs ziems
lich übereinftimmend mit Tab. anführt, fagt er, ftatt der hier einge:
Elammerten Worte: »nous m’avons rien fait que d’autres avant nous
n’aient fait egalement.e Bei Abd Almahafin, der auch diefe Rede
hat, fehlen dieſe Worte ganz. Bahir jagt nur noch, „wir find meder
Türfen noch Deilamiten, wir haben unter ung Krieg geführt, wie
ed auch ſchon unter den Gayptiern und Syrern vorgefommen. Wir
waren anderer Anfiht als unfere Brüder, vielleicht waren wir im
Serthum, doc verdienen wir darum nicht wie Ungläubige behandelt
zu werden._ ende ung lieber gegen Abd Almalif, wir wollen in
den vorderften Reihen kämpfen, fallen wir, fo haftet unfer Blut
nicht an deinem Halfe, fliegen wir, fo kannſt du es nicht bereuen
uns dad Leben geſchenkt zu haben.“ Letztere Worte hat auch Tab.
ale Ermiederung Bahir’s auf die Klage Abd Errahman's. Abd Allah
Son Dmar fagte zu Mußab, der ihn fpäter fragte, ob er ihn nicht
fenne: „Biſt du nicht derjenige, der 6000 Mufelmänner im Monat
Ramadhan auf einem Flecken hinrichten ließ? und als Mußab ſich
394 Neuntes Hauptftüd.
rura gebliebenen Mohammed Ibhn Aſchath dürftete nad) Blut—
rache und die Bewohner Kufa’s, welche von Muchtar tyran-
nifirt worden, fchilderten feine Anhänger auch als gemeine
Mörder und Räuber, fo daß Mußab das Gefühl der Menſchlich—
feit unterdrücte und den Befehl gab, fie alle hinzurichten.
Diefe Graufamfeit Mußab’s brachte eine folhe Entrüftung
unter den Gläubigen hervor, dag Abd Allah Ibn Omar, dem
er bald darauf während der Pilgerfahrt begegnete, ihm nicht
einmal feinen Gruß erwieberte, und er, jedoch auf furze Zeit
nur, feine Stelle dem halbverrüdten Hamza, einem Sohne
Abd Allah Fon Zubeir’s überlaffen mußte. Ibrahim, Sohn
des Malik Afchtar Hingegen, der Kampfgenoffe Muchtar's,
ging, in der Hoffnung, die Statthalterichaft von Moßul be-
halten zu dürfen, zu Mußab über, und ftand wahrſcheinlich
fhon vor deffen Zug nah Kufa in Unterhandlung mit ihm
fowohl, als mit Abd Almalif, der ihn auch zum Berrätber
gegen Muchtar machen wollte. Ibrahim foll fogar, weil Abd
Almalif ihm die Statthalterfchaft von Irak in Ausficht ges
ftellt, erflärt haben, daß er diefen Antrag gern angenommen
hätte, wenn nicht feine Stellung unter den Omejjaden, wegen
des Krieges gegen UÜbeid Allah, den er nach einigen Berichten
fogar mit eigener Hand erfchlagen, ftets eine ſchwierige und
gefährliche geblieben wäre ’). Mußab fchien ihm doc an—
fangs nicht zu trauen, denn er ernannte ftatt feiner Muhallab
Fon Abi Sofra zum Statthalter von Moßul ”), obgleich dies
damit entfchuldigte, daß ed Wehelthäter waren, faate er: „bei Gott,
wären e8 Schafe gemefen, die dir dein Vater als Erbe hinterlaffen,
würde Gott dich auch fragen, warum du fie gefchlachtet, um fo we—
niger ftand es dir zu, fo viele Menjchen zu tödten.“
1) Abd Almahafin. Daß er gegen Muctar treulos gehandelt,
kann kaum bezweifelt werden, fonft hätte er doch von Moful her
ihm mit Truppen zu Hülfe fommen müſſen.
2) Nach Tab. hatterfogar Mußab, als er Sbrahim einlud, ihm
oder vielmehr feinem Bruder zu huldigen, förmlich verſprochen, ihm
die Statthalterihaft von Moßul zu laſſen. Nachdem er aber gehuls
Abd Almalik. 395
fer in Werften größere Dienfte hätte leiften fünnen, wo bie
Azrafiten, feit feiner Entfernung, unter der Leitung Zubeir’s
Ion Madjur auf's Neue wieder ihr Haupt erhoben, und ſo—
gar bald wieder das ganze Euphratgebiet beunrudigten. Zus
beir fiel zwar vor den Mauern von Iſpahan, aber fein Nach—
folger Katarij Yon Alfudjaa war noch furdtbarer und fam,
nahdem er fich mehrere Monate in den Gebirgen Kermang
berumgetrieben, plöglich wieder in Ahwas zum Vorfchein und
bereitete einen Einfall in das Gebiet von Bafra vor. et
fab fih Mußab (Ende des Jahres 68) endlich genöthigt, die
Statthalterfchaft von Moful wieder Ibrahim zu verleihen,
und Muballab, der es allein veritand, mit Diefen fanatifchen
Freibeutern Krieg zu führen, wieder nad) Abwas zu fenden;
doch kämpfte felbjt diefer Feldherr acht Monate gegen fie, ohne
diefe Provinz gänzlich von ihnen fäubern zu können N).
diat hatte, faate er ihm: marte bis Syrien erobert ift, dann follft
du deine Statthalterfhaft wieder erhalten, (senün welajeteni jeneh
senä wirehlüm.) Bei Quatremere faat er ihm: »Quand nous aurons
fait la conquete de la Syrie c’est toi qui auras le gouvernement de
cette province importante.
1) Folgendes ift das resume von Tab. Beriht über diefen
Krieg. (S. 71 und 72). Als Muhallab Fars verließ, ernannten fie
Zubeir Sbn Madjur zum Gmir und zogen gesen Mußab. Diefer
ihlug jie und frieb fie nach Kerman, aber nad vier Monaten hatten
fie ſich wieder erholt, famen aufs Meue nach Fars, dann nah Ma:
dain, endlich dehnten fie ihre Raub - und Mordzüge bis an den
Guphrat aus. Die Kufaner braben gegen fie auf, fie zerftören die
Brüden und ziehen ſich gegen Sipahan hin und belagern 4 Monate
fang Attab Sbn Uſeid, den Emir von Sfpahan. Doch macht diefer
einen nächtlichen Ausfall und tödtet Zuveir Zbn Madjur. Sie wäh”
fen jegt Katarij Son Alfudjaa, der fie einige Zeit in den Gebirgen Ker—
man’s lüßt, dann wieder nach Ahwas führt und von bier gegen
Bafra. Nun fasten die Baßrenſer: Muhallab allein kann diefem
Kriege eın Ende mahen u. f. w. Abd Almahafins Bericht ſtimmt
im Werentlichen mit Tab. überein. Den Statthalter von Iſpahan
nennt er Attab Fon Warafı, Am Schluffe heißt es auch: „Muhallab
396 Neuntes Hauptftüd.
Sp lange die Feinde der Omejjaden unter fich felbft
uneinig waren und ſich gegenfeitig fchwächten, fonnte Abo
Almalif feine eignen Truppen fehonen, und zur Vertbeitigung
des Landes gegen die Griehen und Mardaiten verwenden,
welche um dieje Zeit in Syrien einfielen. Gegen Ende des
Jahres 69 aber N), als ganz Arabien, Irak und Perſien dem
Abd Allah Fon Zubeir unterworfen und die Schiiten allenthal-
ben, wenn auch nicht gänzlich ausgerottet, doch für den An-
genblick ſehr geſchwächt waren, mußte er der wachfenden Macht
Abd Allap's und Mußab’s Schranken fegen, wenn er nicht
zuletzt auch noch Syrien verlieren wollte. Er erfaufte daher
von den Griechen den Frieden gegen einen Tribut von 1000
Dinaren wöcentlih und brad mit einem Heere gegen Mes
fopotamien und Fraf auf. Mufab’s Teste Stunde hatte aber
noch nicht geichlagen. Amru Ibn Said Alaſchdak, der ſchon
oft erwähnte Better Abd Almalif’s 2), der ald Gouverneur
Fämpfte acht Monate in der Gegend von Sulaf gegen fie.” Statt
Sulak ift mahrfcheinlih Sulaf, ein Ort in Chuftftan, zu lefen. Auch
Tab. fpriht von 8 Monaten, ich vermuthe daher, daß es bei Quatre-
mere (5.72) nur ein Schreibfehler ift, wenn er fast: Muhallab habe
acht Sahre ohne entjcheidenden Sieg geaen die Ajrafiten gekämpft.
1) Bei Abd Almahafin heißt es: „Im 3. 69 (Anfang 6. Zuli
688) fielen die Griechen über Syrien ber und Abd Almalik erfaufte
einen Frieden gegen 1000 Dinare jede Woche. Bei Tab. T. X. f.4
verso (Berl. mse.) im 5. 70. Sch nehme lieber das 3. 69 an, weil
nad Theophanes S. 555 diefer Friedensſchluß ſchon im erften Re—
gierungsjahre Suftinians II. (686) vorfiel. Gleich bei feinem Regie:
rungsantritte hatte der Chalife nach Theoph. S. 552, auch einen Frie-
den erfauft. Für den zweiten foll er nad) demf. 1000 Goldftücde
täglich niht wöchentlich bezahlt haben.
2) Umm Albenin, Amru’s Mutter, war eine Tochter Hafam’s
Son Abi⸗l-Aaß, aljo eine Tante Abd Almalik's. Won väterlicher Seite
waren fie ohnehin verwandt, denn beide ftammen von Omejja ab.
(Zab. f. 3. v.) Amru’s Vater Said war Sohn des Abu—-l-Aaß, Sohn
Saids, Sohn des Abu-l-Naf, Sohn Omejja's. Abd Almaliks Ger
Abd Almalik. 397
in der Hauptitadt zurücgeblieben war, benügte des Chalifen
Abwefenbeit, um fich jelbft auf den Thron zu fchwingen, den
ibm fhon Merwan, zum Lohne für feine Dienfte gegen die
Zubeiriden verbeißen hatte 1). Diefe Empörung Amru’s, der
die in Dumasf zurücgeblieben Truppen gewann und die Be-
wohner der Stadt zur Huldigung zwang, nöthigte Abd Alma-
if wieder zum Rückzuge ?), um feine eigene Hauptſtadt zu
unterwerfen. Der Kampf dauerte indeſſen nicht lange, denn
Amru fonnte dem nad) Irak beſtimmt' gewefenen Heere feine
Schlacht liefern, feine Truppen wollten fi) nicht gegen Abd
Almalif fhlagen, und die Bewohner von Damasf fürd-
teten eine Belagerung, jo daß ihm nichts übrig blieb, als die
von Abd Almalif ibm angebotene Amneftie anzunehmen und
die Stadt zu übergeben. Bald nachher aber, als die Ord—
nung wieder bergeftellt war, beſchloß Abd Almalif, vor einem
zweiten Feldzuge nach Irak, Amru aus dem Wege zu räu-
fhlechtslinie ift fhon oben angegeben worden. Amru’s Water war
nad Nawawi ©. 281 jomohl durd Beredfamkeit ald durch Freige:
bigfeit ausgezeichnet, und hatte unter Othman's Chalifat fi ſowohl
im Kriege als in der Verwaltung hervorgethan. Unter Muamia
war er mehrmals Statthalter von Medina abwechjelnd mit Merwan,
fo daß alfo fhon unter ihren Vätern eine gewiſſe Rivalität ftatt fand,
die nah Tab, a. a. D. Merwan’s Mutter auch zwifchen Amru und
Abd Almalif, als fie nody Knaben waren, hervorrief.
1) Tab. (türk.) ©. 72: Als Iezid der Sohn Muawia's ftarb,
hoffte Said, er würde das Ihalifat erhalten, denn Merwan ftrebte
gar nicht darnach, bis Fon Zijad feinen Ehrgeiz mwedte, Merman hin:
terging dann Amru und fagte ihm: ich bin alt und ernenne dic) zu
meinem Nachfolger. Amru, der ein tapferer Krieger war, trug viel
zum Siege bei Merdj Rahit bei u. f. w.
2) Er war nach dem türf, Tab. a. a. O. fhon in Ein Alkura,
wo er den Winter zuzjubringen gedadhte. Nach den arab. Tab. f.4
verso, wo Wafidi angeführt wird, befand er fih, ald er Nachricht
von der Empörung Amru’s erhielt, in Butnan Habib. Derjelbe
berichtet audı, daß der Aufftand im 3. 69 ftatt fand, Amru's Tod
aber erſt im 3. 70.
398 Neuntes Hauptflüd,
men. Eines Tages lieg er ihn rufen, nachdem er vorher
viele Vertrauten zu fich beftellt hatte, um im Falle eines Wir
derftandes feiner Herr zu werden. Amru, der nichts Gutes
ahnte, nahm ein zahlreiches Gefolge mit, fobald er aber in
das Schloß eintrat, ward das Thor hinter ihm gefchloijen D).
Bor Abd Almalif geführt, fagte ihm dieſer: ich habe zur Zeit
D) Nach dem türf. Tab. a. a. D. nahm er auf feines Bruders
Sahja Rath, der ihn eigentlich gar nicht gehen laſſen wollte, 100
freigelajfene Sflaven mit. Nah Macudi f. 247 folgten ihm 500
Mann. Diefer bemerft au, daß das Gefolge nicht in das Schloß
gelaſſen wurde, Leider beginnt die arab. Handſchrift Tabaris erft
mit Abd Almalif’s Mordthat, fo daß ich bis zu dieſem Momente
noch der türk. Heberfegung folgen muß. Aus dem Verſe, den Abd
Amalif, im Augenblicde, wo er Amru todtete, dichtete, geht jedoch
fhon hervor, daß Amru die ihm gewordene Begnadigung migbraudht.
Diefer Vers lautet: „O Amru! du hörft nicht auf mich zu ſchmähen,
und herabzufegen, drum fchlage ich dich bis der Hama ruft: tränket
mich!“ Hama ift der Name eines Vogels, der nah arabiſchem
Volksglauben aus dem Gehirne eines Getödteten entipringt, und auf
deſſen Grab ruft: gebet mir das Blut meined Mörders zu trinfen!
His Blutrahe genommen worden. Auch fagt Abd Almalif bei Zab.
f. 4. r. zu Amrus Söhnen, deren Anblie ihn auf's tieffte rührte:
„Euer Vater bat mic in eine Lage verjegt, wo mir feine andere
Wahl blieb, als entweder ihn aus der Welt zu fchafen oder mich
von ihm verderben zu laffen. Sch habe Griteres vorgezogen.“
Obigen Vers fand ich bei Sujuti zum Mughni in einem grö—
fern Gedichte des Dful Ißba, von dem weiter unten die Rede fein
wird, Statt „o Amru“ heißt ed dort „wahrlich du” (innaka). Auch
heißt es dort ftatt „biß“ Chatta) „wo“ (heithu) das heißt auf den
Kopf, weil der Vogel Hama im Gehirn entjpringt und fih da aufs
hält, bis Rache genommen worden. Auch dieſer Dichier beklagt fich
über einen Vetter und fährt nah obigem Merje fort: „Sedermann
fäßt zulegt fein Inneres durchblicken, wenn er auch noch jo lange
fremde Zugend heuchelt. Bei Gott! meine Thüre ift nie dem Freunde
verjchloffen und offen liegt mein Gut vor ihm. Meine Zunge redet
Freunden nichts Schlimmes nad, drum wehe dem, der meinen Ruf
antaftet u. j. w.
Abd Almalik. 399
des Aufruhrs in Damasf gefhworen, dih an Händen und
Füßen zu feffeln, laß’ mich jest meinen Eid erfüllen! ich
ſchwöre dir, daß ich felbft dir die Feſſeln wieder abnehme.
Amru glaubte diefen Schwur, obgleich Abd Almalif Feine Zeit
beftimmt, noch ſich darüber ausgefprochen hatte, ob er fie ihm
lebend oder todt wieder abnehmen würde; übrigens ſah er
auch wohl ein, daß hier jeder Widerftand vergebens fein würde,
er wollte daber den Chalifen nicht umfonft reizen und Tieß
fih willig in Ketten legen. Als er eine Weile fo da geftan-
den, fagte er zu Abd Almalif; „nun erfülle dein Verſprechen!“
„Ich werde, was ich dir zugefagt, halten,” ermiederte ber
Chalife, ‚aber du haft deinen Schwur gebrochen und dich ger
gen mich aufgelebnt.“ Bei diefen Worten faßte er ihn am
Kragen und ftieg ihm das Gefiht auf den Thron, daß ihm
feine Zähne zerbraden. In dieſem Augenblide rief der
Muaddfin zum Gebete. Der wortbrüdhige und meuchelmör—
derifche Chalife verließ den Saal, um fein Gebet zu verrich-
ten, und beauftragte feinen Bruder Abd Maziz, inzwifchen
Amru zu tödten. Als Amru’s Begleiter den Chalifen allein
aus dem Schloffe fommen fahen, liefen jte zu feinem Bruder
Jahja und benadhrichtigten ihn davon. Diefer fammelte ſo—
gleich feine Sklaven und Tief in die Mofchee. Der Tumult
ward fo groß, dag Abd Almalif das Gebet unterbrach und
fragte: was bedeutet diefer Lärmen? „Wo ift mein Bruder
Amru?” vief ihm Jahja zu. „Er it im Schloffe bei meinem
Bruder Abd Alaziz‘ antwortete Abd Almalik, ih will dir ihn
fogleidy herausſchicken. Jahja mit feinen Sflaven und Freun—
den folgten nun dem Chalifen nad dem Schloffe, fobald
diefer aber darin war, lieg er alle Thore fchliegen )Y. In
— — —
1) Da, wie oben berichtet, Amru gleich von ſeinem Gefolge
getrennt worden, iſt ſchwer zu begreifen, wie jetzt Jahja mit ſeinen
Leuten ſich nochmals täuſchen und Abd Almalik allein ins Schloß
zurückgehen ließ, um ſo weniger, da er nach Tab. 1000 Mann bei
400 Neuntes Hauptſtück.
den Saal zurückgekehrt, in welchem er Amru gelaffen, verwünfchte
er feinen Bruder, als er fab, daß er feinen Befehl nicht voll-
zogen. Er nahm dann den Dolch eines feiner Sflaven und
flieg nah Amru, vermochte aber nicht ihn zu verwunden,
weil er ein Panzerbemd auf dem Leibe trug. Er foll aber dann,
fo wird ven Manchen erzählt, nady einem Schwerdte gegrif-
fen, Amru auf den Boden geſtreckt und ihn im eigentlichen
Sinne des Wortes gefchlachtet haben D. Den noch bluten-
den Kopf warf er dann zu den Füßen Jahja's, der vor dem
Schloſſe mit feinen Sflaven ein aufrührerifches Geſchrei er-
bob, während er unter dem Bolfe, das diefer Tumult herbei-
gerufen hatte, viel Geld austheilen Tieg, fo daß dann die
Berhaftung Jabjas und der übrigen Berwandten Amru’s ohne
große Schwierigfeit vorgenommen werden fonnte, Abd Mlaziz
nahm ſich jedoch der unglüdlihen Verwandten Amru’s an
und bewog Abd Almalif, ver fie hinrichten laffen wollte, fie
lieber aus Syrien zu verbannen ?). Um die Beweife feines
fih hatte. Wahrſcheinlich zog fih Abd Almalik gleih beim erften
Tumulte in dag Schloß zurüf und lieg alle Thore jchliegen, oder
Jahja hatte nur wenig Leute bei ſich, welche Abd Almalik's Wache
leicht von ihm fern halten fonnten und erft fpäter ward der Volks—
haufe größer. Uebrigens ergibt fih auh aus dem Wenigen, was
noch der arab. Tab. darüber erzählt, dag die Thüre der Loge Abd
Almalik's in der Mofchee zerbrohen und fein Sohn Welid im Tu:
multe verwundet ward.
1) Arab. Tab. f. 2 verso, den ich von num an, wenn ich nicht
ausdrücklich den türfifchen nenne, immer citiven werde, big zum
Schluſſe diefed Bandes. Doc führt er f. 3 rect, eine andere Tra—
dition an, derzufolge Abd Almalif, als er zum Gebete ging, feinem
Sklaven Ibn Affueirija befahl, Amru zu todten und daß diefer auch
wirklich den Befehl feines Herrn vollzog.
2) Ein Rathgeber Abd Almalik's fagte: eine Schlange kann
doch nur wieder eine Schlange zur Welt bringen, drum, o Fürft
der Gläubigen, lag ihn (GJahja) tödten, denn er ift ein Heuchler,
ein Feind. Darauf verfegte ein Anderer: O Fürft der Gläubigen!
Abd Almalik. 401
Wortbruchs nicht zu verewigen, ließ Abd Almalif von Amru’s
Wittwe die Capitulationsurfunde zurüdfordern, fie antwortete
aber: „sch babe dieſe Urfunde in meines Gatten Tudtenges
wand geftedt, damit er einſt Rechenfchaft von dir fordere ).
Als die Drdnung in Damasf wieder bergeftellt war,
brah Abd Almalif mit feinem Heere wieder (I. 71 d. H.
690-691) gegen Irak auf. Er felbft lagerte in der Nähe
von Kirkifia und unterwarf diefe Stadt fowohl, welche bisher
noch immer unter Zufr Ibn Harith’s Bothmäßigfeit geftan-
den, als einige andere in Mejopotamien, die theils von Schiiten,
theils von Mußab’s Statthalter befegt waren 2). Während
er felbft am obern Euphrat und jenfeits defjelben feine Herr-
haft geltend machte, verfuchte es einer feiner Generäle,
Chalid Ibn Abd Allah, in Baßra eine Bewegung gegen
Mußab hervorzubringen, wo das Haus Omejja viele heim
liche Freunde zählte und wo viele Araber wohnten, die mit
den in Syrien angefiedelten Stämmen verwandt waren, Die
Anhänglichfeit an Stammgenoffen war, jo fehr auh Moham-
med dahin geftrebt hatte, alle Araber zu einer großen Nation
zu verjchmelzen, doch noch immer, wie wir faft in jeder Epoche
ber Geſchichte des Islams gefehen, ftärfer als jedes andere
du weißt, daß Zahja dein Vetter ift, diefe Leute haben gegen dich
gehandelt, wie du wohl weißt und du fie auch dafür beftraft, mie
dir wohl bekannt; du Fannft ihnen allerdings nicht mehr trauen,
doch rathe ich dir nicht, fie zu tödten, laß fie zu deinem Feinde über:
gehen, werden fie getödtet, jo haben dir doch Andere vor ihnen
Ruhe geihafft, werden fie verfchont und kehren mieder, fo Fannft
du immer nad deinem Gutachten gegen fie verfahren. Abd Almalik
lieg fie dann nach Sraf bringen. Tab. f, 3 v. Dies gefhah, nad:
dem fie über einen Monat eingefperrt waren, aber im erften Augen:
blife rettete fie Abd Alaziz.
1) Ibid. f. 3 verso.
2) Masudi f, 248. Kirkiſia ward belagert, bis Zufr die Stadt
übergab, eben jo die Stadt Nißibin, welche in den Händen der
Schiiten war,
26
402 Neuntes Hauptſtück.
politiſche und feldft religisfe Band, Chalid fand in dem
Haufe Amru's Ibn Ama eine freundliche Aufnahme und
diefer hoffte fogar, Abad Jon Hußein, den Polizeipräfeften
von Bafra, für Abd Almalif zu gewinnen, Da aber Abad
einen folhen Verrath mit Entrüftung und Drohungen von fi)
wies I), rieth Amru feinem Gaſte, fein Haus zu verlaffen
und in dem Malik's Ibn Masma Schus zu fuhen. Diefer
trogte Abad fowohl als Mußab's Statthalter Ubeid Allah
Ibn Ubeid Allah Fon Mamar, denn er ward von den Benu
Ber, von den Benu Tamim und andern Stämmen unter:
flüst, auch waren inzwifchen ſyriſche Reiter, welchen Chalid
sprausgeeilt war, in die Stadt gekommen. Chalid behauptete
fih vier und zwanzig Tage in Bafra ?) gegen Abd Allah
Ibn Mamarz als diefer aber Berftärfungen ?) von Kufa er-
hielt und Malik verwundet ward, fonnte Chalid fih nicht
mehr länger halten. Bald nachher kam Mugab felbft nach
1) Tab. f. 5 v. führt zwei Traditionen an, nad der einen
fandte Amru felbft einen Boten an Abad und lieg ihm fagen, er
habe Chalid bei fih aufgenommen und hoffe auf feine (Abad’s) Un—
terftügung. Abad Fam gerade nah Haufe, ald er diefe Nachricht
erhielt, er fagte zum Boten: fage deinem Herrn, ich werde die Dede
meines Pferdes nicht abnehmen laffen, bis ich an der Spise meiner
Keiter fein Haus überfallen. Nah einer andern Tradition ward
Abad nicht durch Amru felbft von der Ankunft Malik's in Kenntnig
geſetzt.
2) Gr lagerte auf einem Platze, der nach Tab. a. a. O. Djufrah
Naft Son Harith hieß und fpäter Djufrah Chalid genannt ward.
Auch im Kamuß lieft man: „Djufrah ift der Name eines Platzes
in Bafra, wo im 3. 70 unter der Herrfchaft der DOmejjaden ein
großes Gefecht vorfiel; der größte Koranslefer von Baßra, Djafar
Son Atarid, heißt darum auch der Djufrite, weil er in dem Jahre,
wo das Gefecht auf diefem Plake vorfiel, geboren worden.‘
3) Mußab fandte ihm Zadjr Son Keis mit 1000 Mann, zwar
fandte Abd Almalit auch einige Truppen nah, aber UÜbeid Allah,
ihr Anführer, fürchtete fih in die Stadt einzuziehen, er fandte Matar
Son Alnawam, ald aber diefer Fam, war es jchon zu fpät.
Abd Almalik. 403
Baßra und verfuhr mit der größten Strenge gegen alle, bie
an der Verſchwörung Theil genommen. Malif Hatte jedoch,
weil er troß dem mit Abd Allah Fon Mamar gefchloffenen
Bertrage ) Mußab nicht traute, vor deffen Anfunft die Stadt
verlaffen und büßte feinen Verrath nur mit dem Berlufte
aller feiner Güter. Die übrigen Näpdelsführer, welche in
Mußab’s Hand fielen, der fogleich feinen Statthalter abfekte,
erhielten jeder bundert Stodftreiche, ihre Häufer wurden, wie
das Malif’s, eingeriffen, man fehnitt ihnen den Bart und die
Haupthaare ab und führte fie in allen Theilen der Stadt
umber, dann ftellte man fie drei Tage der Sonne aus, nö—
tbigte fie, fih von ihren Frauen zu fcheiden und zu ſchwören,
daß fie nie mehr eine Freie heirathen würden.
War aber auch Chalid's Verſuch, fih der Stadt Baßra
zu bemächtigen, mißlungen, fo hatte er doc für Abd Almalik
den Bortbeil, dag Mußab, ftatt Truppen aus Baßra zu zie-
ben, noch gendthigt war, yon dem zum Kriege gegen bie
Syrer beftimmten Heere einen Theil als Beſatzung, und
Abad, einen feiner beiten und zuverläffigften Generäle, ale
Gouverneur dafelbft zurüdzulaffen. Ueberhaupt verſetzte die—
fer, dur Chalid bewirkte Auffitand in Baßra, fowohl Mu—
ßab ſelbſt, als auch) fein Heer in die ungünftigfte Stimmung.
Alles Vertrauen verfhwand, denn auch in Kufa hatten die
Dmejjaden einen bedeutenden Anhang und ale Mußab nad)
feiner Rüdfehr von Baßra die Kufaner aufforderte, gegen
den immer näher rüdenden Abd Almalif, welcher die Treu—
Ipfigfeit der Irakaner wohl kannte ?), auszurüden, fand er
1) Der Statthalter oder vielmehr Abad gewährte ihm für fi
ſelbſt ſowohl als für Chalid volle Gnade, unter der Bedingung, dag
diefer die Stadt verlaffe. 1.1.1.6 v. Der türk. Tab. ©. 74 läßt
Malik zu Chalid fagen: Gehe zurück zu Abd Almalif und fage ihm:
die Mehrzahl der Bewohner Bapra’s feien mit ihm, doh würden
fie nicht eher für ihm kämpfen, bis er felbit erfcheine.
2) Als Abd Almalik gegen Mußab ziehen wollte, widerfprachen
206
404 Neuntes Hauptflüd.
wenig Gehör. Sogar unter den Generälen I), welche mit
ihm in den Krieg zogen, waren Verräther, Die mit Abd Al-
malif in Briefwechfel ftanden. Ibrahim erhielt auch einen
Brief von Abd Almalif, er brachte ihn aber verfiegelt vor
Mugab und als diefer ihn erbrach, fand er darin eine Auf—
forderung an Ibrahim, zu ihm überzugehen und das Ber:
fprehen, ihm die Statthalterfchaft yon Irak zu verleihen,
Ibrahim, welcher wußte, daß derfelbe Bote ähnliche Briefe
andern Generälen überbracht, ohne daß fie Davon eine Anzeige
gemacht, verlangte von Mußab ihre Hinrichtung als Verräther.
Mußab erwiederte: dann machen wir ung ihre Stammgenoffen
zu Feinden. Ibrahim fchlug dann vor, fie gefefjelt in dag
weiße Schloß nad Madain bringen zu laffen und den fie
bewachenden, zuverläfftgen Männern den Befehl zu ertheilen,
fie im Falle einer Niederlage hinzurichten, im Falle des Sie—
ges aber fie, aus Nüdjicht für ihre Stammgenoffen, zu be—
gnadigen. Mußab wollte aber aud) davon nichts wiffen und
fagte nur: Gott erbarme ſich des Abu Bahr, der hat mid)
vor der Treulofigfeit der Irakaner gewarnt, als hätte er bie
Lage vorausgeſehen, in der wir uns jett befinden 2), Wenig
ihm alle Häupter Syrieng und verlangten, daß er bleibe und fein
Heer unter einem andern Anführer vorausſchicke. Giegt es, fagten
fie ihm, fo ift es gut, wo nicht, fo Fannft du es mit einem zweiten
Heere unterftügen. Abd Almalif ermwiederte: Um diefen Krieg zu
führen bedarf es eines Elugen Kureifchiten, der Kenntniß des Krier
ges mit Tapferkeit paart. Sch Fann mich rühmen, im Kriegsmefen
erfahren zu fein und wenn es Noth thut, auch muthig das Schwert
zu führen. Mußab ift freilih auch aus einem wadern Gefchlechte;
fein Vater war der tapferfte Kureifchite und er felbft ift tapfer; er
hat aber wenig Kriegsfenntniß, denn er zieht das Wohlleben dem
Kriege vor, auch ift er von Leuten umgeben, die ihm entgegen find,
während ich mich unter treuen Freunden befinde. ibid. f. 7 verso.
1) Tab. a. a. D. nennt derer fieben, worunter auch der oben
genannte Zadjr Ibn Keis und Attab Son Waraka.
2) Tab. L. 8 recto. Abu Bahr ift fein anderer als Dhahhaf
Abd Almalik. 405
fehlte, ſo wären die Irakaner ohne Schwertſtreich zu Abd
Almalik übergegangen, doch bewogen ſie die Worte des Keis
Ibn Heitham, dem Mußab auf das Schlachtfeld zu folgen,
Sener ſprach: „Wehe euch! haltet doc) die Bewohner Syrieng
fern von euch! fie werden bald euer Leben beneiden und euch
in euren eigenen Wohnungen beengen. Bei Gott! ich habe
gefeben, wie der Erſte unter den Syrern vor der Pforte des
Chalifen harrt und fi freut, wenn er ihn mit irgend einem
Son Keis, der unter dem Namen Ahnaf befannter ift und von
dem ſchon oben die Rede war. Wir feken hier noch eine Anef-
dote aus Abulfeda (S, 412) her, weil daraus hervorgeht, daß felbft
Männer wie Muamia wahre Tugend und Männlichkeit ſchätzten und
nur weil fie, auch zu jener Zeit, unter den Arabern jelten waren,
immer mehr ihrer Leidenfchaft folgten. Ahnaf Fam einft zu Mua:
wia, da trat ein Syrer herein, welcher eine Rede hielt, die mit einer
Verwünſchung Ali's endete. Die ganze Verfammlung fhwieg dazu,
aber Ahnaf erhob fih und ſprach: „DO Fürft der Gläubigen! wenn die:
fer Sprecher wüßte, dag er dein MWohlgefallen dadurd erlangt, fo
würde er eben fo gut die Gefandten Gottes verfluhen. Fürchte
Gott und laſſe Alt, der allein ins Grab geftiegen und nun bei fei-
nem Herrn ift, der, bei Gott! edler Natur war und ein bartes
Shidjal hatte. Darauf ſprach Muawia: O Ahnaf! du drückſt das
Aug’ auf einen Spreifen (du thuft mir wehe), bei Gott! du befteiaft
jest die Kanzel und fluchft Ali auch, freiwillig oder gezwungen. Ah:
naf ermiederte: Erläffeft du mir dies, jo wird es dir Segen bringen.
Als Muamia mweiter in ihn drang, fagte er: bei Gott, ich werde dir
Gerechtigkeit miderfahren laſſen und nah dem Lobe Gottes und
dem Gebete für feinen Gefandten jagen: „D ihr Leute! Muamia,
der Fürft der Gläubigen, hat mir befohlen, Alt zu fluchen. Aber
Ali und Muamia waren in Streit und Krieg. Jeder von ihnen be:
hauptete, ihm fei Unrecht gefhehen, wenn ih nun fluhe, fo faget
Amen!” dann werde ih fortfahren: „Gott! fluche du und deine
Engel und deine Gefandten und dein ganzes Heer denjenigen von
ihnen, der Unrecht hatte und die ganze Schaar, die ihm beiftand!
Gott, fende fchweren Fluch über fie! faget Amen! Gott erbarme
fih eurer!“ fo werde ich mich ausdrücken, o Muamia, und wenn es
mein Leben Foftete. Muamia erlieg ihm dann gerne feinen Fluch.
Er ftarb im 3. 67,
406 Nenntes Hauptflüd,
Auftrage beehrt. Mir ift, als ſähe ich uns fchon zu Felb-
zügen gegen die Griechen angehalten, und während mancher
von ung über taufend Kameele gebietet, ziehen die vornehmften
Syrer auf einem Pferde in den Krieg, das auch ihren gan-
zen Proviant trägt I.” Die Schladt fiel in der Nähe von
Maskan an einem Tigrisfanale bei dem Klofter Djatblif vor,
So lange Jbrahim, der Sohn des Malik Alchtar, an der
Spise der Jrafaner focht 2), blieb fie unentfchieden, als er
aber fiel, war fie für Mußab verloren, denn Attab Ibn
Warafa, der den Oberbefehl über einen Theil der Reiterei
hatte, ergriff die Flucht ?), andere Generäle, welchen er gegen
den Feind vorzurüden befahl, Teifteten ihm feinen Gehorfam.
Als er ſich von vielen verlaffen und außer Stande ſah, über
Abd Almalif zu fiegen, bat er feinen Sohn Iſa, fein Leben
zu retten und fih nah Meffa zu feinem Obeim zu begeben.
Iſa wollte aber feinen Bater nicht verlaffen und ſchlug ihm
vor, mit ihm entweder nad) Baßra oder nah Mekka zu flie-
ben. Eine folhe Schande wollte aber Mußab nicht auf fi
laden, Eben fo wenig wollte er fih dem Abd Almalif er-
geben, obgleich er ihn durch feinen Bruder Mohammed feiner
Begnadigung verfihern ließ. Ein Mann wie ich, fagte er,
1) Tab. ibid. Die Feldzüge gegen die Griechen heißen „Sa—
mwaif”, (mit fad) Mehrzahl von „Saifah”, ein Wort, das eigentlich
„ſommerlich“ bedeutet und das, dem Kamuß zufolge, darum zur
Bezeichnung Ddiefer Feldzüge gebraucht wird, weil das Land der
Griechen (Kleinaftien und Armenien) für die Araber zu Falt war,
um im Winter darin Krieg zu führen.
2) Er griff zuerft Mohammed Ibn Merwan an, und trieb ihn
zurüd, aber Abd Allah Son Zezid Son Muamwia Fam diefem mit
feinen Leuten zu Hülfe. Ibid.
3) So bei Tab. nach Masudi f. 248 follte Attab Ibrahim bei-
ftehen, statt deffen bradte er ihm im Namen Mußab's den Befehl
zum Rückzug. Als aber Ibrahim demungeachtet, wie fein Vater in
der Schlacht von Siffin, den Kampf fortjegte, ließ Attab den rechten
Flügel zurüctreten, jo dag Ibrahim bald vom Feinde umzingelt war.
Abd Almalik. 407
darf das Schlachtfeld nur als Sieger oder als Beſiegter ver—
laſſen. Mohammed beſchwor dann Iſa, ihm zu Abd Almalik
zu folgen, und Mußab ſelbſt rieth ihm dazu, aber Iſa er—
wiederte: die Frauen Kureiſch's ſollen mir nicht nachreden,
dag ich meinen Vater verlaſſen ). Er kämpfte dann, bis er
unter den Streichen der Syrer erlag und fein Vater folgte
ihm bald nah in den Tod (13. Djumadi Adir 71 = 22.
Nov. 690) 2). Den Todesſtoß erhielt Mußab von Ubeid
1) Zu den Wenigen, welhe bei Mußab ausharrten, gehörte
auch Ismail Ibn Talha, der jedoch auf eine fonderbare Weife ge,
rettet ward. „Zijad Sbn Amru, ein Srafaner, der unter dem fyri-
fhen Heere diente, Fam zu Abd Almalif und fagte ihm: Ismail
Ibn Talha war mir ein treuer Nachbar und bewahrte mich vor
manchem Webel, das mir Mußab zufügen wollte, möchteſt du ihn
nicht begnadigen? Sobald der Chalife feine Begnadigung ausfpradh,
forang Zijad zwifhen die Reihen der Krieger und ſchrie: wo ift
Semail Fon Talha? Als Ismail hervortrat, fagte ihm Zijad: ich
habe dir etwas mitzutheilen und näherte fih ihm, fo daß ihre Roffe
fih berührten. Dann faßte Zijad, der ein großer ſtarker Mann
war, den fhmäctigen Ismail an dem Gürtel und hob ihn aus dem
Sattel zu fih berüber und fprengte mit ihm davon. Jsmail rief
fortwährend: das ift Verrath gegen Mußab. Ztjad erwiederte aber:
das ift mir lieber, als daß ich dich morgen unter den Todten finde.
Tab. L. 8 vers. u.9 r.
2) Nah Masudi f. 249, welhem auch Quatremere ©. 84 folgt,
ftarb Mußab Dienftag den 13. Djumadi Ammal des 3. 72. Abd
Almahafin fest Mußab's Tod in das 3. 7L, bemerkt jedoch, daß
Andere, worunter auch Dfahabi, ihn in das J. 72 fegen. Tab. be
rihtet diefe Schlaht und Mußab's Tod unter den Begebenheiten
des 5. 71, jest aber dann f. 10 rect, hinzu: „Manche behaupten,
Mußab's Krieg mit Abd Almalif und fein Tod fei im $. 72 vor:
gefallen, Chalid's Zug nah Baßra aber im 3. 71. Mußab ftarb
im Monate Djumadi Achir. Sm diefem Sahre (71) aing auch nad
Wakidi Abd Almalif nah Kufa und ernannte Statthalter über Kufa
und Baßra und die dazu gehörenden Provinzen, während Hafan
erzählt, dies fei erit im 3. 72 gefchehen. Dmar berichtet nach einer
Yeberlieferung von Ali Son Mohammed: Mußab wurde Dienftag
den 13, Djumadi Awwal oder Achir des 3. 72 getödtet.“ Halten
408 Neuntes Hauptſtück.
Allah Ibn Zijad Ibn Tiban, welcher ihm aud den Kopf
abfhnitt und dem Abd Almalif brachte. Diefer wollte ihm
1000 Dinare fchenfen, er nahm fie aber nicht an und fagte:
ich babe ihn nicht aus Liebe zu dir getüdtet, fondern um den
Tod meines Bruders zu rächen, der auf Mußab’s Befehl
(als Straßenräuber) hingerichtet worden. Nach andern Bes
richten fol jedoch Abd Almalif, der früher mit Mußab be-
freundet gewefen, feinen Tod betrauert und ausgerufen ha—
ben: wann wird Sureifch wieder ein folhes Haupt befiten,
bei Gott! er war mir früher heilig, wo es aber Herrichaft
gilt, gibt es Feine heiligen Bande mehr. Kurz und wahr
wird Mußab's Schickſal in folgenden Verſen des Dichters
Rukejjah I) gefhildert, der ein Freund Mußab's war:
wir nun diefe verfhiedenen Angaben zufammen und bedenfen, daf
über den Tag der Woche und des Monats Hebereinftimmung herrfcht,
fo bleibt an dem im Terte angegebenen Datum Fein Zweifel, denn
nur im Monat Djumadi Achir des 5. 71 war der 13. ein Dienftag,
der 13. Djumadi Ammwal (23. Oft.) aber war ein Sonntag. Im
J. 72 war der 13. Djum. Am. (12. Oft. 691) ein Donnerftag und
der 13. Djum. Ad. (11. Nov.) ein Samftag. Auch Abulfeda ©. 418
fegt Mußab's Tod, ohne jedoch den Tag zu beftimmen, in den Mo:
nat Djumadi Achir des 3. TL.
1) Der Name diefes Dichters war Ubeid Allah Ibn Keid aus
dem Stamme Amir. Er erhielt den Beinamen Rufejjah, entweder
weil er mehrere Geliebten hatte, welche Rukejjah biegen, oder weil
zwei feiner Großmütter diefen Namen führten. Said Ibn Mufejjab
fragte einft Semanden, welcher Dichter größer fei, Rukejjah oder
Dmar Ibn Abi Rabia und man antwortete ihm: Letzterer hat die
fhönften Gazellen gedichtet, Erfrerer ift aber in allen Gattungen
der Poefte groß. Er fcheint mehr Talent als Charakter gehabt zu
haben, denn fpäter trat er ald Panegyriker am Hofe Abd Almalif’s
auf. Sujuti zum Mughni erzählt: Als Mußab von Feinden um:
zingelt war, fagte er zu Rukejjah: nimm aus meinem Scake ſo
viel du willſt und rette dein Leben! Rukejjah ermwiederte: ich werde
dich nie verlaffen. Er Fämpfte dann mit Mußab, bis er getödtet
ward, dann entfloh er nah Kufa. Als er, fich furdtfam umfehend,
vor einer Thüre ftand, trat eine Frau zu ihm heraus und hieß ihn
Abd Almalik. 409
„Meber den Gefallenen bei dem Klofter Djathlik find die
beiden Städte (Kufa und Bafra) in Trauer und Zerfnirfchung.
Ber Ibn Wail war nicht treu und Tamim harrte nicht aug
im Rampfe. Wäre er ein Bekrite gewefen, fo hätten viele
Mächtige ihn bemitleidet, er aber blieb ſchutzlos, die Söhne
Mudhar’s blieben ferne an diefem Schladhttage. Gott befchäme
die Kufaner und Bafraner! den Niedern gebührt nur Schmad),
Die Söhne Illat I) haben unfere Rüden bloßgeftellt, fo daß
—— —— —— —
einkehren. Sie führte ihn dann in ein oberes Gemach und verpflegte
ihn 4 Monate, ohne ſich nach ſeinem Namen zu erkundigen. Jeden
Morgen und jeden Abend ward er aber von einem öffentlichen Aus—
rufer für vogelfrei erklärt und es ward noch ein Preis auf feinen
Kopf geſetzt. Eines Tages fagte er ihr: ich fehne mich nach meiner
Familie. Gut, erwiederte fie, übereile dich nur nicht! Des Abends
hieß fie ihn dann herabfommen und fiehe da, vor der Thüre ftanden
zwei Kameele, eines für ihn und eines für zwei Sklaven, welde fie
ihm zugleih als feine Führer vorftellte. Er fragte fie: wer bift dur,
edelite aller Frauen? Da recitirte fie einige Verſe, die er früher
gedichtet und ſagte ihm: mir haft du einft diefe DVerfe geweiht. Er
reifte num, ohne fih aufzuhalten, nah Medina und traf des Nachts
bei feinen Leuten ein. Dieje empfingen ihn mit Thränen und ſag—
ten: rette dein Leben! denn erft geftern Abend bift du hier geſucht
worden. Er begab fih zu Abd Allah Son Djafar und flehte ihn
um Schuss an. Diefer ritt zu Abd Almalif und erbat fich eine
Gnade aus. Sch gewähre dir Alles zum voraus, ſagte der Chalife,
nur nicht die Begnadigung des Dichters Ubeid Allah. Abd Allah
verfegte: du haft mir bisher alles ohne Vorbehalt gewährt. „Nun,
fo will ih aud) diesmal feine Ausnahme machen, was ift dein Be—
gehren ?“ „DBerzeihung für die Vergehen Ubeid Allah’s.” „Sch ver:
gebe ihm.” Ubeid Allah reifte dann zum Chalifen und trug ihm ein
Lobgediht vor, in welchem er unter Anderm fagte: „Feſt liegt die
Krone auf feinem Haupte und ſchmückt eine Stirne, die wie Gold
ftrahlt.“ Da fagte der Ehalife: du lobft mid, wie man Heiden zu
loben pflegte, von Mußab fagteft du aber: „Er ift ein Lichtftrahl,
von Allah ausgegangen, Finfterniß ift aus feinem Antlig verbannt“
2. f. w.
1) Die Söhne Illat's bilden einen Zweig vom Stamme Ku:
dhaa. Kamuß.
410 Neuntes Hauptſtück.
die Edelften unter ung von Feindes Hand fielen. Nach dei-
nem Tode haben diefe Verräther aufgehört, den Mufelmännern
heilig zu fein 1).“
Nah Mußab's Tod hielt Abd Almalik feinen Einzug in
Kufa und empfing die Huldigung aller Bewohner Irak's,
denn auch in Baßra erhielten die Omejjaden die Oberhand,
fobald die Nachricht von Mußab's Tod dahin gelangte. Unter
den verfchiedenen Stämmen, die ihm der Reihe nad ſich un-
terwarfen, waren auch die Benu Adwan, denen der berühmte
Dichter Hurthan Ibn Alharith, mit dem Beinamen Dfuzl-
Ißba ?), angehörte. Die Benu Djufa, zu denen Jahja, Amru’s
Bruder, fich geflüchtet hatte, baten bei ihrer Huldigung um
Gnade für ihn ?), denn er war von mütterlicher Seite her
mit ihnen verwandt und der Chalife gewährte fie ihm. Abd
Almalif brachte vierzig Tage in der Burg von Kufa ) zu
1) Tab. f. 10 recto.
2) 1.1. f. 10 verso. Er führte den Beinamen Dſu—lIßba (der
mit dem Finger oder der Zehe), weil er einft von einer Schlange
gebiffen worden. Der Dichter Djamil, welcher in der Mühe Abd
Almalik's war, wollte von Dſu-l-Ißba nichts wiffen, Mabad Ibn
Chalid, der ihm Auskunft über ihn gab, erhielt deshalb einen Theil
von Djamil’d Gehalt. Im Kamuß unter dem Woıte Ißba wird
Hurthan’s Vater, Muhrith, genannt. Bei Sujuti zum Mughni heißt
es: Hirthan Ibhn Alharth, Son Amru, Ibn Sbad, Ibn Jaſchkar,
Son Adwan, einer der beiten Dichter des Heidenthums. Vergl. auch
Zeitfehr. für Kunde des Morgenl. II. 229. Weber Djamil und den
oben erwähnten Omar Sbn Abi Rabia fiehe am Schluſſe dieſes
Hauptftüdes.
8) Tab. l.l.
4) Masudi f. 249 und Chamis erzählen folgende, ſchon durd
Herbelot befannt gewordene Anekdote: Ald Mußab's Kopf an dem
Thore der Burg aufgeſteckt ward, ergriff den Abd Almalif (bei Cha:
mis Abd Allah) Ibn Dmeir, welcher fi) in der Nähe des Chalıfen
befand, ein unwillkührliches Schaudern, Auf des Chalifen Frage,
was ihn fo fehr bewege? antwortete er: ich habe an diefer Stelle
Hufein’s Haupt gejehen, ald man es Ubeid Allah brachte, dann UÜbeid
Abd Almalik. 411
und beftellte zum Theil neue Statthalter ) für die verfchie-
denen Provinzen Irak's und Perfiens, beftätigte zum Theil
die alten, welche bald nah Mußab's Tod auch für Abd Allah
Fon Zubeir nicht mehr länger Partei nahmen, Zu Lesteren
gehörte der fchon oft erwähnte Muhallab Ibn Abt Sofrab,
der unglüdlicherweife für Mußab, auch fern vom Kriege-
fhauplage, noch immer mit den Charidjiten in Ahwas ?) be-
Ihäftigt war. Aus folgender Geſchichte jehen wir übrigeng,
daß er auch- feineswegs zu denen gehörte, die fih für ihn
geopfert hätten:
Die Charidjiten, fo erzählt eine arabiſche Duelle, erhielten
vor Muhallab Nahriht von Mußab’s Tod. Um feine und
feiner Freunde Charafterlofigfeit recht ans Tageslicht zu zie—
ben, verlangten fie, den Schein annehmend, als wollten fie
Allah's Haupt, das Muchtar zugefhidt ward; des Letztern Haupt
lieg hier Mußab aufpflanzen, der nun felbit auf euern Befehl hier
zur Schau ausgeitellt ift. Abd Almalik ließ, gleihfam um ein ähns
liches Schickſal von ſich felbit abzuwenden, die Pforte, an welcher
fih die Nemeſis fo furhtbar bewährt, abreißen. Aus Tabari's Still
ſchweigen möchte ich faft jchliegen, daß dies nicht mehr als eine
Sage ift.
1) Er ernannte feinen Bruder Befhr Son Merman zum Statt:
halter von Kufa und Chalid Son Abd Allah zum Statthalter von
Bafra, wo nad der Vertreibung der Zubeiriden fi) Ubeid Allah
Son Abi Befra und Hamran Ibn Aban um die Herrichaft ftritten.
Tab. f. 11 verso.
2) So bei Tab. f. 13 recto u. verso, f. 8 verso heißt e8 aber:
Als Abd Allah Son Chazim, Statthalter von Chorafan, hörte, daß
Abd Almalif nad; Jrak ziehe, fragte er: ift Amru Ibn Abd Allah
Son Mamar bei Mußab? man antwortete: nein, der ift Statthalter
von Fars. „Iſt Muhallab Son Abi Sofra bei ihm?” nein, der ift
Statthalter von Moßul. „Sit Abad Son Hufein bei ihm?” nein,
der iſt Statthalter von Bafra, und ich bin in Chorafan, rief er,
wehe ihm!’ Uebrigens mochte Muhallab, obgleich er in Ahwas
Krieg führte, nod immer den Namen eines Statthalters von Moßul
führen, was er früher war,
412 Neuntes Hauptftüd,
zu ihnen übergeben, gleichfam eine Darlegung ihres politifchen
Glaubensbefenntniffes. Sie fragten zuerft: was haltet ihr
von Mußab? Jene antworteten: er ift unfer Jmam in Wahr:
heit, „Iſt er euer Herr in diefer und jener Welt?” „Fa,“
„Seid ibr feine Freunde im Leben und im Tode?“ „Das
find wir.” „Und was fagt ihr von Abd Almalit Ibn Mer-
wan?“ „Er ift der Sohn eines Berfluchten, wir jagen ung
vor Gott von ihm los und halten eg nicht weniger als ihr
für erlaubt, fein Blut zu vergießen.“ „Saget ihr euch los
von ihm in diefer und jener Welt?” „ja, jo gut wie von
euch,” „ſeid ihr feine Feinde im Leben und im Tode?” „ja,
fo gut wie die Eurigen,’ Nun, euer Imam !) Mußab ift
son Abd Almalik erfchlagen worden; ich fehe euch aber jchon,
wie ihr Diefen bald als euern Imam anerfennet, obgleich ihr
euch heute von ihm Tosgefagt und feinen Vater einen Vers
fluchten genannt habt. „Ihr Tüget, ihr Feinde Gottes!” Als
ihnen aber am folgenden Morgen volle Gewißheit über den
Ausgang der Schladht bei Masfan ward, nahm Muhallab,
der DVorausfagung der Azrafiten gemäß, den Truppen den
Eid der Treue für Abd Almalif ab. Natürlich warfen ihm
jet die Azrafiten vor, wie er einem Manne huldigen fünnte,
der feinen Imam erfchlagen und von dem er fih noch geitern
für Leben und Tod Iosgefagt. Muhallab wußte nihts darauf
zu antworten als: wir waren Mußab treu, fo Tange er unfer
Herr war, jest wählen wir Abd Almalik. Mit Necht ver:
festen aber die Azrafiten, die doch wenigftens für einen Grund»
fat fämpften: „Wer von uns ift auf dem Wege der Yeitung
und wer im Srrtbum! feid ihr nicht Brüder Satans, Ges
fährten der Gemwalthaber und Sklaven biefer Welt ?) 2
1) Da Mußab hier fortwährend Imam genannt wird, ließe
fih vielleiht daraus fchliegen, daß er in feinem eigenen, nicht in
Abd Allah’8 Namen in Jrak herrfchte. Dies erklärt vielleicht, warum
Abd Allah während des ganzen Krieges zwiſchen Mußab und Abd
Almalik von Arabien aus gar nichts für feinen Bruder gethan.
2) Ibid. f. 13.
Abd Almalik. 413
Die Charidiiten festen nun natürlich ihre Feindfeligfei-
ten gegen Abd Almalifs Statthalter in Perfien mit noch
mehr Bitterfeit als früher gegen die Stellvertreter Mußab’s
oder feines Bruders fort und brachten ihnen mehrere Nies
derlagen in Perfien und Bahrein bei ), Muhallab der in
ber erften Zeit mit der Verwaltung der Finanzen in Ahmas
beſchäftigt gewefen, rückte auf den ausdrücklichen Befehl Abd
Almalifs 2) wieder gegen fie und ſchlug fie, in der Nähe der
Stadt Ahwas. Die Charidjiten in Bahrein aber 9) Fonnten
1) Chalid Sbn Abd Allah, der ald Emir von Baßra auch über
die Statthalter von Perfien den Oberbefehl führte, vertraute die Lei—
tung des Krieges gegen die Azrafiten feinem Bruder Abd Alaziz
und Mukfatil Son Masma. Sie wurden aber des Nachts bei Da:
rabgerd von Katarij Ibn Alfudjaa überfallen. Mukatil kämpfte jedoch
bis er unter feinen Wunden erlag, Abd Alaziz ergriff aber die Flucht
und überließ fogar dem Feinde feine Gattin, welde fo ſchön war,
daß fie für 100,000 Silberftüce verkauft, doc bald nachher von einem
ihrer Stammgenoffen, der ihre Ehre retten wollte, ermordet ward,
Abd Aaziz floh nah Ram Hormus, wo Muhallab ihn zu tröften
fuchte. ibid. verso.
2) Abd Almalik fchrieb an den Statthalter von Baßra: „Dein
Bote ift zu mir gelangt und ich erfehe aus deinem Schreiben, daß
du deinem Bruder den Krieg gegen die Charidjiten übertragen und
daß die Einen getödtet die Andern in die Flucht gefchlagen worden.
Sch habe dann deinen Boten nah Muhallab Ibn Abi Sofra gefragt,
und gehört, daß du ihn zum Verwalter über Ahwas gefest. Hat
Gott deinen Berftand fo getrübt, daß du deinem Bruder, einem
Mekkaner, die Leitung des Kriegs anvertrauft und Muhallab anftellft
um Steuern einzutreiben? Muhallab, den edlen Mann, der eben fo
gut die Kunft zu regieren verfteht, ald er im Kriegsmwefen erfahren
ift, in das ihn ſchon fein Vater und Großvater eingeweiht? u. f. w.
f. 14. v.
3) An der Spige diefer Charidiiten ftand Abu Fudeik. Chalid
Ibn Abd Allah fandte auch gegen diefe einen feiner Brüder (Dmejja)
der aber eben fo unglüdlic war, als Abd Ulaziz gegen Katarij und
auch eine Sklavin verlor, die jo jhon war, daß fie Abu Fudeik für
414 Neuntes Hauptſtück.
erft im folgenden Jahre befiegt werden, weil nad) der Unter
johung Srafs, Abd Almalif zunächft auf Abo Allah Ibn Zu:
beir fein Augenmerk richtete, der wegen feines Aufenthaltes
in Meffa, in der Geburtsftabt des Propheten, in dem eigent-
lihen geiftlihen Mittelpunfte des Islams, durch den mora=
liſchen Einfluß, den er auf die, ſich dort alljährlich verfammeln-
den Pilger ausübte ), noch immer fehr gefährlich blieb,
obgleich er Längft in eine unbegreifliche Unthätigfeit verfunfen
war, Er hatte ruhig dem Kampfe feines Bruders gegen
Abd Almalif zugefehen, obne irgend etwas für feine Rettung
zu unternehmen. Als aber die Nachricht von feinem Tode in
Mekka eintraf, beftieg er die Kanzel und predigte ?): „Gepriefen
fei Allah, der einzige Schöpfer und Herrfcher, der die Herrfchaft
verleiht nach feinem Willen, und fie entzieht nach feinem Willen,
ber erhebt wen er will und erniedrigt wen er will. Doch erniedrigt
Gott niemals denjenigen, auf deffen Seite dag Recht ift, und
ftände er auch ganz vereinzelt da, eben fo wenig erhebt er den-
jenigen, der mit Satan und feinen Schaaren im Bunde fteht,
und ftünden ihm auch noch fo viele Menfchen zur Seite, Wir
ſich felbft behielt. Ibid. f. 16. Die Interwerfung von Bahrein
meldet Tab. f. 24 vers. unter den Begebenheiten des $.73. Amru
Son Uberd Allah führte 10,000 Mann gegen Abu Fudeik doch blieb
die Schlaht unentjchieden, bis diefer fiel. Omejjas Sklavin ward
wieder erbeutet, doch war Abu Fudeik's Liebe nicht fpurlos an ihr
vorübergegangen.
1) Abd Almalif hatte zwar längſt ſchon, aus Furcht vor Abd
Allah's Einfluß auf die Pilger, feinen Anhängern verboten, nad)
Mekka zu mwallfahren. Auch hatte er in Serufalem die Mojchee
Alakßa erbauen laffen und den Syrern befohlen, nah Serufalem zu
pilgern und eine Kapelle, die er auf dem heiligen Felſen errichten
lieg, fratt der Kaaba in Meffa zu umkreiſen, aber die wahren Gläu—
bigen mochten doch mit diefer Wallfahrt fih nicht vollfommen be-
ruhigen.
2) Tab, f. 12 recto, Madudi f. 250.
Abd Almalik. 415
baben aus Jraf eine Kunde erhalten, die ung zugleich erfreut
und betrübt. Wir haben den Tod Mußab’s vernommen,
deffen fih Gott erbarmen möge! was uns dabei freut, ift
die Gewißheit, daß er als Märtyrer geftorben, uns betrübt
aber die Trennung von Berwandten, welche im erften Augen-
blide einen brennenden Schmerz verurfacht, doch wendet fich
bald der Verftändige zu demjenigen, der die Leiden mit Ger
duld und Ergebung erträgt. (Bin D) ih doch fchon früher
mit dem Tode Zubeirg heimgefucht worden und ift auch Oth—
man’s Tod noch frifch in meiner Erinnerung. Auch Mußab
war nur ein Diener von den Dienern Gottes und einer mei-
ner Gehülfen) den die treulofen und heuchlerifhen Srafaner
ausgeliefert und für einen geringen Preis verfauft. Werben
wir erfchlagen, num gut! bei Gott! wir fterben nicht auf un—
fern Betten wie die Söhne des Abul Aaß, von denen noch
fein einziger, weder zur Zeit bes Heidenthums noch des Js
lams, im Schlahtgetümmel umgefommen; wir find gewöhnt
yon Lanzen durhbohrt oder vom Schwerdte getroffen zu flers
ben. Dieje Welt ift doch nur ein entliehenes Gut, von dem
höchſten König, deffen Macht nie vergeht und deſſen Reich
ewig dauert, Kömmt fie mir entgegen, fo bafche ich nicht
mit übermäßiger Freude darnach ?), wendet fie ſich von mir
1) Bei Quatremere (S. 140), weldyer auch diefe Rede, nad)
Masudi und Makrift, anführt, fehlen die hier eingeflammerten Worte.
Da Masudi nicht mehr vor mir liegt, und ich diefe Rede nur ihrem
Hauptinhalte nach ercerpirt habe, fo weiß ich nicht, ob fie im Terte
fehlen. Bei Tab. lauten fie: »walain ussibu bimussabin lakad ussibtu
bizzubeiri kablahu wama ana min Othmana bichalaki mussibatin etc,«
Ich führe deshalb den Urtert an, weil die beiden legten Worte viel:
leicht auch anders gedeutet werden fünnen. Sch glaube, es heißt
wörtlih; ich bin nicht wegen Othman's abgenügt Cabgeftumpft) an
Unglüd.
2) Ich glaube dag hier im Terte ein Fehler ift, er lautet: »la
achudsuha illa achdsa-l aschiri-l- batiri,« illa ift wahrfcheinfich zu ftrei:
Shen, denn auch Quatremere hat dafür; »je ne le saisis point avec
416 Neuntes Hauptſtück.
ab, fo weine ich nicht nach ihr wie ein verachtungsmürbiger
Schwächling ). Dies find meine Worte, Gott verzeihe mir
und euch!“
Diefe und ähnliche Predigten mochten ihm als Imam
vielen Beifall zuzieben, fie waren aber um fo weniger geeig-
net, die nach weltlichen Genüffen, nad Herrſchaft, Ehre und
Reichthümern ringenden Araber zu begeiftern, als fein ganzes
Wefen nichts Einnehmendes hatte und er durd) feinen ſchmutzi—
gen Geiz bei unermeßlichem Beſitze fich felbft Lügen ftrafte,
Sp fam es denn, daß Haddjadj 2) Ibn Jufuf, der im
l’empressement d’un homme &tourdi et temeraire.e Mit dem Worte
batiri allein ließe fih das »illa« noch beibehalten, denn es bezeichnet
auch eine gewiffe Verlegenheit und Rathlofigkeit, in der fih der be
findet, welcher zu viel Glück nicht ertragen Fann. Won dem Worte
»aschara« weiß ich aber Feine andere Bedeutung als „fih übermäßig
freuen.“
1) Sm Terte: »Bukaa aldharii (mit ain) almuhini.e Dafür hat
Quatremere: »je ne pleurerai point comme un animal insense.« Dha-
run bedeutet aber nicht ein wildes Thier, fondern das Guter eines
wilden oder auch zahmen Thieres und muhin auch nicht insense.
Dharaun oder Dhariun, wie in unferm Terte fteht, ift nah dem
Kamus, ein vom Zeitworte Dharaa abgeleitetes Eigenſchaftswort, das
einen niedrigen, ſchwachen Menfchen (dhaif und zabun adam) be-
zeichnet.
2) Tab. f. 16 recto berichtet: „Als Grund, warum Abd Alma
lik gerade Haddjadj die Leitung des Kriegs gegen Abd Allah Ibn
Zubeir übertrug, wird erzählt: Als Abd Almalif nad Syrien zurück—
ehren wollte, trat Haddjadj Son Zufuf vor ihn und fagte ihm:
„Fürft der Gläubigen! mir hat geträumt, ich habe Abd Allah Ibn
Zubeir die Haut abgefehunden, drum ſchicke mich gegen ihn in den
Krieg!” Der türf, Tab. ©. 76 weiß ſchon mehr, der berichtet,
Haddjadj habe nad) feiner Rückkehr nach Damask fein Heer verſam—
melt und dreimal alle feine Generäle und Heerführer aufgefordert,
die Truppen gegen Abd Allah Ibn Zubeir zu führen, aber Feiner
wollte den DOberbefehl übernehmen. Als Grund diefes falfhen Be:
richts wird dann von fpätern Quellen angegeben, weil fie ſich ſcheu—
ten, das heilige Gebiet zu entweihen. Die Zahl der Truppen Had—
Abd Almalik. 417
Monate Diumadi Awwal des Jahres 72 D) mit 2000 Mann
Syrien verließ, von Irak ber 2) bis nah Taif ohne Widers
ftand gelangen fonnte, Er wagte es fogar, feine Weiter big
nah Arafa zu ficken, welche auch die Neiterei, die Abd Allah
aus Meffa ihnen entgegen rücken lieg, zurüdjchlugen. Jetzt
fhrieb Haddjadi an Abd Almalif, dag Abd Allah fo geſchwächt
fei, daß er es wohl wagen fünnte, ihn in Meffa ſelbſt zu
befriegen, wenn er ihm nur die nöthigen Truppen zur Bela-
gerung der Stadt nachfenden wollte, Abd Almalif ließ 5000
Mann, unter der Anführung Tarifs Jon Amru, der fih ſchon
der Stadt Medina bemächtigt hatte ?), zu den ſchon in Taif
liegenden Truppen ftogen und Anfangs Dju-l-Raada, damit Abd
djadj’8 vermehrt der türk. Weberfeger auch um 1000 Mann. Nach
Masudi f. 248 hatte Haddjadj fhon im Kriege gegen Mußab nad)
Einigen die Vor» nach Andern die Nachhut angeführt,
1) Abulf. S. 418. Dieſer Monat entfpriht dem Dftbr, des
J. 691, nibt dem Novbr. wie bei Flügel ©. 76.
2) Sp ausdrüdlic bei Tab.: „er umging Medina und fchlug die
Straße über Sraf ein.”
3) Ueber den Vebergang Medina’s zu Abd Almalif habe ich
in Feiner mir zugänglihen Quelle etwas Näheres gefunden. Es
heißt blos bei Tab. f. 12 r.: „Sn diefem Sahre (71 d. H.) entfegte
Son Zubeir den Djabir Ibn Alaswad Son Auf und ernannte Zalha
Ibn Abd Allan Son Auf zum Statthalter von Medina. Diefer war
der legte Statthalter von Medina für Son Zubeir (er blieb) bis
Tarıf Ibn Amru, ein freigelaffener Othman's nah Medina Fam,
dann entfloh Talha, und Tarif blieb in Medina, bis ihm Abd Al—
malik fchrieb, (ih zu Haddjadj nach Zaif zu begeben). ©. auch El—
mafin ©. 61. Sch weiß nicht warum Quatremere ©. 143 von Tarif
fhreibt: »Ce general avait regu ordre de camper entre Ailah et Wa-
dialkora, afın d'empécher les excursions des lieutenants d’Abd Allah
et d’etre pret à se porter partout oü un renfort serait necessaire.«
Da Tarif doh nah Tab. und Elmafin in Medina lag und von Abd
Allah, der fih nicht in Arafa gegen 2000 Mann fchlagen Eonnte,
gewiß feine Excurſionen zwifhen Allah und Wadi⸗l-Kura zu befürd):
ten waren.
27
418 Neuntes Hauptſtück.
Allah die gegen Ende dieſes Monats eintreffenden Pilger nicht
zu feinen Zweden gebrauche, fchritt Haddjadij zur fürmlichen
Belagerung von Meffa I), nachdem er ſchon feit zwei Dos
naten allen mit Lebensmitteln beladenen Karawanen den Ein-
gang in die Stadt verfperrt hatte 2). Die Meffaner verſuch—
ten einige Ausfälle gegen die Belagerer, wurden aber ftets
mit Verluſt zurüdgefchlagen. Trotz der Hungersnoth, welde
in Meffa herrſchte und der furchtbaren Zerftörung, welche
Haddjadj's Wurfmafchinen ?) in der Stadt anrichteten, bielt
1) Die Ceremonten der Pilgerfahrt, bemerft Tab. f. 16 v. Fonn:
ten von feiner Seite vollitindig ausgeübt merden, denn die Belas
gerer fonnten den Tempel nicht umfreifen und die Belagerten nicht
nac) Arafa ziehen. ©. über die dem Pilger obliegenden Verrichtun—
gen Leb. Moh. ©. 298 und 299,
2) Türf. Tab. ©. 76. Dies erklärt die Meinungsverfchieden-
heit in den mufelmännifchen Quellen über die Dauer der Belage:
rung, die entweder von Haddjadj’s Ankunft in Taif oder von feinem
Vorrücken bis zu Meimuns Brunnen gerechnet wird. Erſtere fand
nah Tab. im Monat Schaban ftatt und Lesteres Anfangs Diul
Kaada.
3) Tab. f. 21 v. erzählt: Eines Tages als Haddjadj die Stadt
beſchießen lieg, donnerte und bliste es und der Donner war fo ftarf,
dag man von dem Getöſe der Steine gar nichts vernahm. Die
Syrer fürdteten fih und hielten ein. Als Haddjadj dieg fah, fhürste
er fein Kleid zurück, hob felbit einen Stein auf und legte ihn auf die
Wurfmaſchine, dann fagte er: fchleudert nur fort, und er ſelbſt warf
einige Steine in die Stadt. Dann mwurden aber zwölf feiner Ge—
fährten vom Donner erjhlagen und die Syrer waren auf's Neue
ängftlih. Haddjadj fagte ihnen: Mißdeutet dieg nicht! ich bin ein
Sohn Tehama's, dieß ift ein Gewitter aus (der Provinz) Zehama!
Unſer Sieg ift nahe, freuet euch! Das Gleiche kann auch dem Feinde
widerfahren. Am folgenden Tage zog wieder ein Gemitter heran
und ein Donnerfchlag tödtete eine Anzahl von den Gefährten Abd
Allah’ Son Zubeir. Haddjadj ſagte dann: feht ihr nicht, daß auch
fie erfchlagen werden? feid ihr doch treue Unterthanen und fie Re:
bellen!” Diefen Vorfall erwähnt auch der türf, Tab. 9.76, er fand
ihn aber wahrfcheinlich nit munderbar genug und ſchmückte ihn
no weiter aus, Bei ihm ummölfte fi der Himmel plöslich im
Abd Almalik. 419
fie fih do bis zum Monate Djumadi Alawwal des Jahres
73 (Sept.—Dft. 692). Dann wanderte aber die Bevölferung
von Meffa fchaarenweife aus und nahm die ihr von Haddjadj
dargebotene Begnadigung an, Selbft zwei Söhne Abd Allah’s
Hamza und Hubeib gingen zum Feinde über, Jetzt überzeugte
fih Abd Allah, der bisher immer hoffen mochte, feder gläu-
bige Mufelmann würde, wenn auch nicht zu feiner, doch zur
Bertheidigung der heiligen Stadt und des heiligen Tempels
fih erheben, und gern fein Leben opfern, dag ihm nichts übrig
bleibe, als fi auch dem Sieger zu unterwerfen, oder als ein
Märtyrer mit dem Schwerbte in der Hand an der Pforte des
Zempels zu fterben. Er felbft hätte wahrfcheinlich erfteres
vorgezogen, aber feine heldenmüthige Mutter, Asma, die Toch-
ter Abu Bekr's, beredete ihn, fein höchft zweideutiges Leben
wenigftens mit einem ruhmvollen Tod zu befchliegen. Diefer
ftellte er nämlich vor, wie er von allen Seiten, fogar von
feinen eigenen Söhnen verlaffen worden, wie er nur noch
wenige Leute bei fich habe, die dem Feinde feine Stunde mehr
Widerftand leiſten könnten und fagte ihr, daß ihm Haddjadj
Alles zugeitehen würde, was er von ihm begehre, wenn er
nur Abd Almalif als Chalifen anerfenne. Darauf antwortete
feine Hundertjährige Mutter 7): „Mein Sohn! du allein fannft
in dein Inneres fchauen 2). Warft du son deinem Rechte
Augenblid, wo ein Stein auf die Kaaba fällt, der Donner zerftört
die Wurfmafchine und tödtet die Schügen. Der Schluß der Erzäh:
lung, das zweite Gewitter nämlich, in dem auch Zubeiriden umkom—
men, Fam ihm fo proſaiſch vor, daß er ihn ganz wegließ. Das er-
laubt fich ein Weberfeger, wie mochten erft fpätere mwunderliebende
Autoren frühere Quellen verunftalten? ex uno omnia.
1) Sid f. 22 r. und v. Masudi f. 251.
2) Es heißt im Terte vanta aala (alif, ain, lam, ja) binafsika«
foll aber wahrſcheinlich aadlamu heigen, wörtlih: „Du Eennft dich
ſelbſt beſſer,“ fo überjegt e8 auch der türf. Zab. ©. 77: »sen gendü
halini jekrek bilürsen« und Quatremere, der (S. 148 u. ff.) auch die
fer Unterredung Abd Allap’s mit feiner Mutter nah Makrizi anführt:
»Tu connais mieux que personne ce qui te concerne.«
27%
420 Neuntes Hauptſtück.
überzeugt und forberteft du das Volk nur auf, Recht und
Wahrheit zu vertheidigen, fo verharre auch jest darin! Haben
doch deine Gefährten den Tod nicht gefcheut, fo gib auch du
deinen Naden nicbt dem Scherze der Jungen von den Söh—
nen DOmejja’s bin. Haft du hingegen nur nad) diefer Welt ger
ftrebt, fo bift du ein fchlechter Diener (Gottes) und haft dich
und die mit dir gefämpft in den Abgrund geftürzt. Sagſt
du aber, das Recht war allerdings auf meiner Seite, als aber
meine Gefährten ſchwach wurden, fühlte auch ich feine Kraft
mehr in mir, jo antworte ich; fo handeln nicht freie Männer,
denen ihr Glaube das Höchfte ift. Wie Iange haft. du denn
noch in diefer Welt zu bleiben? Beffer, du läßt dich vom
Feinde erfchlagen ). Ibn Zubeir fügte feine Mutter und
fagte: Bei Gott! das ift auch meine Anficht, und in biefem
Sinne habe ich bis zu dieſem Tage gelebt und zu wirken ge-
fucht, ich habe mich nie auf diefe Welt geftüßt und nie dag
Leben geliebt. Ich babe mih nur aus Eifer für Gottes
Sache und aus Entrüftung über das entweihte Heiligthum
gegen die Herrfcher erhoben, doch wollte ich auch deine An—
fiht fennen und deine Gefinnung hat nun die Meinige noch
beftärkt. Doch fieh’, meine Mutter, ich werde noch an dieſem
Tage getödtet, trauere nicht zu fehr um mich, ergieb Dich in
1) Hier hat num noch Quatremere: Abd Allah repondit: »O ma
mere, je crains, si je succombe sous les coups des soldats de Syrie,
qu’ils n’assouvissent leur vengeance sur mon corps et qu'ils ne lat-
tachent ä un gibet. Mon fils, dit Asma, la brebis lorsqu’ elle a ete
egorgee, n’eprouve point de douleur si on l’ecorche, Persevere dans
tes nobles projets, car la justice est pour toi et implore le secours de
Dieu.«a Obſchon man dieg aud bei Masudi findet, halte ich ed doch
für den fpätern Zufas eines Autors, der nicht glauben laffen wollte,
dag Abd Allah ſich fchlehtweg vor dem Tode gefürdtet. Weiter
unten f. 22 v. fagt er ja felbft: „mach meinem Tode bin ich doch
nur ein Stück Fleifch, dem nichts mehr wehe thut.“ Bei Quatre-
mere fehlen aber freilich diefe Worte. Bei Elmakin ©, 62 fürdtet
er, verftümmelt zu werden.
Abd Almalik. 421
den Willen Gottes! ) Dein Sohn hat nie das Schlechte
vorgezogen, noch eine Schändlichfeit begangen, Ich habe ftets
nad Gottes Urtheil Necht gefprochen, habe nie Verrath geübt
gegen den, der auf Sicherheit zählte, habe nie, weder einem
Mufelmanne noch einem (ungläubigen) Schußgenoffen Unrecht
gethan, noch geduldet, daß meine Statthalter ihre Untergebe-
nen mißhandeln, und habe nady nichts mehr als nad) dem
Beifalle meines Herrn geftvebt. Gott! ich fage dieß nicht
um meine Reinheit zu loben, du fennft mic ja am beften,
fondern um meine Mutter zu ermuthigen, damit fie nach mei—
nem Tode Troft finde. Asma verfeste hierauf: [ich hoffe
von Gott, daß ich, wenn du mir vorangehft, mit würbiger
Seelenfraft deinen Tod ertragen werde, follte ich jedoch vor
dir ing Grab fteigen, fo wird mein Geift wieder hervortreten,
um zu jehen wie es mit dir endet] ?). Gott Iohne dir eg,
D Diefe Ermahnung fcheint nach dem Dbigen überflüfftg, doc)
mochte Asma, als fie ihrem Sohne Muth einflößte, fein Ende noch
nicht fo nahe geglaubt haben. Das ganze Geſpräch trägt aber ſchon
darum das Gepräge der Aechtheit, weil es feinem Muſelmanne bei:
gefommen wäre, ed jo zu erdichten, daß doch eigentlich Abd Allah
noch zwifhen Unterwerfung und Kampf bis zum Tode fchmanfend,
erfheint. Wenn er nachher feiner Mutter fagt, er habe ftets den
Tod vorgezogen, jo ift dies die Fortjegung oder der Beſchluß eines
Lebens voller Heuchelei und Sceinheiligfeit. Gin Mann, der fort:
während fid; an den Mauern des Tempels anflammerte, während
feine Anbänger auf dem Scladtfelde fid für ihn tödten ließen,
mochte wohl, als diefer Tempel über ihn zufammenzuftürzen drohte,
an die Rettung feines Lebens gedaht haben und nur die Beredfam:
feit feiner Mutter, vielleicht auch noch die Furt vor Abd Almalif,
der feinen eignen Better nad der Begnatigung aus der Welt ge:
ſchafft, bewahrte ihn vor einem ſchmachvollen Ende.
2) Statt diefes eingeflammerten Satzes liest man bei Quatre-
mere ©, 50: »J’espere, o mon fils, n’avoir à ton egard que des mo-
tifs de consolation. Si tu me precedes au tombeau, ta mort sera
pour moi un sacrifice meritoire; si tu reviens vainqueur, je me re-
jouirai de tes succes. Pars et va voir toi même quelle marche vont
422 Neuntes Hanptſtück.
meine Mutter! ſprach Abd Allah, höre nicht auf vor und nad
meinem Tode für mich zu beten! Ich werde es nie unter-
Yaffen, felbft für die, welche eines Wahnes willen fterben, um
fo weniger für dich, der du für eine gerechte Sache dem Tode
entgegen geheſt. Dann fuhr fie fort: mein Gott! erbarme
Dich wegen der langen Nächte, die er inbrünftig betend durch—
wacht, wegen des Durftes den er (faftend) in der Mittags-
fonne von Mekka und Medina ertragen und wegen feiner
Zärtlichfeit gegen feinen Vater und gegen mid. Mein Gott!
ich überliefere ihn dir mit aufrichtigem Herzen I) und ergebe
mid in deinen Beihluß, ſchenke mir um feinetwillen den Lohn
der Zufriedenen und Geduldigen!
Bald darauf fehrte er dann wieder mit Helm und Pan-
zer beffeidet, drücte ihr die Hand und küßte fi. Da fagte
fie: das ift ein Abfchied, aber du entfernft dich doch nicht? ?)
„Ich fage dir lebewohl, denn ich fehe, daß diefer Tag mein
legter auf diefer Welt iſt. Wiffe, o Mutter, daß wenn id)
prendre tes aflaires.a Mein Tert bei Tab. lautet: »inni laardju min
Allahi an jakuna azai fika hasanan in takaddamtani wain takaddamtuka
fafı nafsi achrudju hatta anzura ma jassiru amruka,« wörtlih: „Sch
hoffe von Gott, daß fein wird meine Ergebung in Betreff deiner
ihon, wenn du mir vorangehit, und wenn ich dir vorangehe, fo in
meiner Seele (meinem Geifte) werde ich herausfommen, bis ich fehe
was fein wird deine Sache.“ Sc geftehe, daß die legten Worte in
dem Munde einer Araberin etwas befremdendes haben, doch glaube
ic nicht, daß ihnen ein anderer Sinn zu geben iſt. Mach dem türf,
Zab. jagt Adma: ich bedarf deines Zroftes nicht. So Gott will,
werde ich dir bald nachfolgen, und wenn ich noch (länger) zurücfbleibe, -
fo werde ih den Schmerz; mit Geduld ertragen.
1) Es heißt im Zerte »la makra fihi« wörtlich: „Feine Hinter:
lift darin“ d. h. entweder: es ift ohne Hinterlift, oder meine Reſig—
nation ift ganz aufrichtig, letzteres jcheint mir beſſer. Bei Quatremere
fehlen diefe Worte.
2) So deute ich die Worte »wala tabudu,« Quatremere über:
feßt: C'est la um adieu mais ne t’&loigne pas!«
Abd Almalik, 423
einmal das Leben ausgehaucht, fo bin ich nur noch ein Stück
Fleiſch, was mit mir auch noch gefchieht, das ſchadet mir nichts
mebr., Du haft recht, mein Sohn, beharre in diefer Gefinnung!
Komm näher, dag wir Abfchied nehmen!” Als fie ihn um—
armte und den Panzer fühlte, fagte fie: das braudt der nicht
der den Tod will. Er erwiederte: ich habe diefen Panzer
nur angezogen, um dich zu ftärfen, (Div noch einige Hoffnung
zu laffen). Sie verfeiste hierauf: „Diefer Panzer wird mir
feine Kraft geben. Er zog ihn dann aus, ſchob die Aermel
zurüd, beftete fein Kleid an den Gürtel herauf und begab
fi zu feinen Gefährten. Diefen befahl er zuerft, ihre Helme
abzunehmen, damit er noch einmal ihr treues Antlitz fchaue.
Dann fagte er: bewahret eure Schwerdter wie euer Ange-
fiht! Wer fein Schwerdt zerbricht um fein Leben zu erhal-
ten, ift fein Mann, denn ein Mann ohne Schwerdt ift ſchwä—
her als ein Weib, darum beſchützet euer Schwerbt mehr ale
eure Augen! Befchäftiget euch nur mit euren Feinden und
fümmert euh nicht um mih! Wenn ihr nad) mir fraget, fo
findet ihr mich in der erften Reihe I)! Nad) diefer kurzen
8) Bei Zab. kommen noc einige Verfe vor, die er während
des Kampfes dichtete oder recitirte. Ein oft wiederfehrender lautet:
„wenn ich meiß, daß mein legter Tag gefommen, fo bleibe ich ftand-
haft, während andere ihn von ſich abzumenden ſuchen,“ ein Anderer
lautet: „ich erfaufe nicht das Leben mit Schande und fteige nicht auf
Leitern, aus Furcht vor dem Tode.“ Als er verwundet ward, rief
er: „Unfere Wunden bluten nicht auf unfere Ferfen herab, fondern
das Blut tropft auf unfere Zehen,“ d. h. wir Fehren dem Feinde nie
den Rüden zu, darum werden wir ftets auf der Worderfeite unfres
Körpers verwundet. H. Quatremere hat dafür: »Ce n’est pas sur les
cous de nos ennemis que nous appliquons nos blessures; mais des
flots de sang coulent sur nos pas.« Doch weiß ich nicht, ob fein
Tert mit dem Tabari's gleich lautet: »Falasna ala-l-Aakabi tadma
kulumuna walakin ala Akdamina takturu-d-dama.« Tab. gibt die Zahl
derjenigen, die bei Abd Allah ausharrten, nicht näher an, es waren
gewiß nur menige und nur eine gemiffe Scheu vor der Entweihung
424 Neuntes Hauptſtück.
Anrede kämpfte er mit den wenigen Getreuen, bie fein Schick—
fal tbeilen wollten, gegen die von allen Seiten gegen ben
Zempel beranftürmenden Syrer und trieb fie fogar nod) ein—
mal zurüd, als er von einem Steine auf die Stirne getroffen
ward, der ihn zu Boden ſtreckte. Nach Ibn Zubeir’s Tod
(14. Djumadi-L-Ammwal ) des Jahres 73, [1. Dft. 6927)
beugte fih ganz Arabien unter das Joch des Chalifen von
Damask. Nur ein einziger Statthalter weigerte fi felbft
jest noch Abd Almalif als Chalifen anzuerkennen, dieß war
Abd Allah Ibn Chazim, der Statthalter von Choraſan. Als
Abd Almalik ihn zur Unterwerfung auffordern ließ und ihn auf
fieben oder zehn Jahre als Statthalter beftätigen wollte, fagte
des Tempels 309 den Kampf in die Länge, nicht Abd Allah’: Muth.
Doch mußte er in der erften Zeit fich tapfer gejchlagen haben, wie
man aus folgenden Worten Tabaris ſchließen Fann: Als Abd Allah
gefallen, fagte Zarik zu Haddjadj: nie hat ein Weib einen ftürferen
(adskara) Mann als diefen geboren. Haddjadj verſetzte darauf: lobſt
du einen Mann, der fih gegen den Fürften der Gläubigen aufge:
lehnt? Sa wohl, erwiederte Tarif, denn dies allein rechtfertigt, daß
wir ihn fieben Monate belagern mußten, obgleih er weder eine Ar—
mee bei fich hatte, noch in einer -Fejtung eingefchloffen war; auch
fämpfte er ftets mit gleichem Erfolge gegen uns, ja zumeilen bejtegte
er und fogar noch. Als diefe Unterredung dem Chalifen zu Ohren
Fam, gab er Tarik Recht.“
1) So bei Masudi f. 251 welcher noch ganz richtig hinzufegt:
„e3 war ein Dienſtag.“ Bei Tab. f. 23 verso falih „Dienftag den
17. Djumadi-l-Ammal, eben fo falſch im türf. Tab. den 13. Djumadi-
I-Anwal, Dienftags. Das es ein Dienftag war, wird auch in einer
andern Tradition f. 22 r. wiederholt. Abulfeda ©. 420 fest Abd
Allah Ibn Zubeir's Tod in den Monat Djumadi Ahir, da er indeſſen
feinen Tag des Monats beftimmt, hätte Flügel, felbft wenn er die-
fem folgte, ihn nit (S. 76) unbedingt in den Monat Novbr. 692
fegen follen, da ja der 1. Djumadı Achir fhon am 18. Oktober be-
ginnt. Bei Nawawi ©. 342: nah Son Saad und Andern ward
Son Zubeir Dienftag den 7. Djumadi--Awwal getödtet, manche be-
haupten Mitte Djumadi Achir. Buchari erzählt nah Dhamra noch
im 3. 72. Aber die erfte Meinung ift die meift Verbreitete.
Abd Almalik. 425
er dem Boten: wäreft du nicht ein Geſandter, fo würde ich Dich
umbringen; doch nöthigte er ihn, dag Schreiben des Chalifen
zu verichlingen, Als ihm dann Abd Almalif Abd Allab Ibn
Zubeir’s Haupt fhidte, wufh er es, balfamirte es ein und
fandte es Abd Allah Ibn Zubeiv’s Familie. Abd Almalif
gewann dann Bufeir Fon Abd Allah, Abd Allah Ibn Cha:
zims Unterpräfeft von Meru. Diefer zog gegen ihn mit den
Bewohnern Meru’s und andern ihm übelmwollenden Perfern
und Arabern, und Wafı Fon Amru tödtete ihn, um das Blut
feines im Treffen gefallenen Bruders zu rächen ), fo daß
gegen das Ende des Jahres 73 in allen Mofcheen des weis
ten islamitifchen Neihs für Abd Almalif gebetet ward 2).
1) Bon diefem Kriege gegen Abd Allah Ibn Chazim, den manche
in das J. 72 fegen, deſſen Einzelnheiten aber von feinem hiftoriihen
Snterejfe find, handelt Tab. f. 16 v. bis 18 1, Bet Quatremere
S. 166 heißt diefer Unterpräfeft Welid.
2) Bei Abd Almahafin wird folgende Anefdote erzählt, welche
an Hind’s Reife zur Priefterin und an Amru’s erfte Reife nad
Egypten erinnert: Einft waren Abd Allah Ibn Zubeir, Abd Allah
Son Dmar, Mußab und Abd Almalif beifammen im QTempel zu
Mekka, da fagten fie unter einander: es Eüffe jeder von ung einen
Pfeiler ded Tempels und wünſche fi etwas, vielleiht wird uns
Gott unfere Wünſche gewähren. Abd Allah Ibn Zubeir machte, als
erftes in Medina gebornes mufelmännifches Kind, den Anfang, und
betete um die Herrichaft über Hedjas, fein Bruder Mußab mwünfchte
Sufeina zur Gattin und die Statthalterfhaft von Srak als Mitgift,
Abd Almalik betete: Herr der fieben Himmel und der Erde, welches
du in ein grünes Gewand gehüllt, ich beſchwöre did) bei deinem hei-
ligen Antlis, bei deiner Allmacht, bei den Verdienften aller derer,
welche diefen Tempel umkreiſen, laß mich nicht fterben, bevor du mir
die Herrichaft über den Oſten und den Weiten verliehen, laſſe alle
meine Mebenbuhler untergehen und ihre Köpfe vor mir gebracht
werden! Abd Allah Ibn Omar aber betete zu Gott, er möchte ihn
fo lange eryalten, bis er des Paradieſes würdig geworden. Schabi,
von dem diefe Anekdote herrührt, und der bei diefer Zufammenfunft
anmefend war, erzählt: „ich habe lang genug gelebt, um zu fehen,
426 Neuntes Hauptſtück.
Für die Ruhe in Arabien forgte Haddjadj, der zuerft in Meffa
als Statthalter blieb, wo er den Tempel wieder herftellen
Tieg, wie er vor Abd Allah Ibn Zubeir's Zeit geweſen. Nach
einigen Monaten erhielt er auch noch die Statthalterfchaft von
Medina, wo er alle Gegner der Omejjaden mit der größten
Strenge behandelte, und die, welche an der Empörung gegen
Dihman Theil genommen, brandmarfte . In Irak führte
Beihr, ein Bruder des Chalifen, das Regiment, und in Egyp-
ten Abd Alaziz, ein anderer Bruder Abd Almalik's.
Hatte aber auch Abd Almalik feinen eigentlichen Neben-
buhler zu befämpfen, fo war doch das Neich zu lange vom
Bürgerfriege zerriffen worden, als daß plöglich eine gänzliche
Ruhe und Unterwerfung zu erwarten geweſen wäre. Noch
immer regten fih die Charidjiten, welche fih unter gar fein
Joch beugen wollten, zuerft wieder in den öftlichen Provinzen
des Reiche, dann aber mit unerhörter Kühnheit in der Ge-
gend von Moßul. Gegen die Charidjiten in Chufiftan ward
abermals Muhallab in's Feld gefchict, und zwar diegmal,
um fie gänzlich auszurotten, mit einem ftarfen, aus Kufanern
und Baßranern zufammengefesten Heere 2), Als er aber
wie alle diefe MWünfhe erfüllt wurden und felbft Abd Allah Son
Dmar hat in einem Gefihte die Verficherung erhalten, daß er in’s
Paradies fommen wird.“
1) Es heißt wörtlich bei Tab. f. 25 r. „er drüdte ihnen, am
Halfe ein Siegel auf.“
2) Sid. f. 25 v. Bon der Miederträchtigfeit jener Menfchen,
die wir uns fo gerne als reine Schwäarmer für Allah denken, gibt
auch hier unfer Autor einen ftarfen Beweis. Beſchr hätte nämlich
als Statthalter von Sraf, gern ſelbſt einen Feldherrn ernannt, und
mar fehr ungehalten darüber, daß Abd Almalif ihm Muballab dazu
beftimmt. Er drüdte daher gegen Abd Errahman Sbn Muhnif, den
Anführer der Srafaner, fein Bedauern darüber aus, daß er ihn, me:
gen des ausdrüdlihen Befehls des Chalifen, nicht an die Spike ded
ganzen Heeres ftellen könne. Statt ihn aber, aus Rüdficht für das
Abd Almalik. 427
vor Ram Hormus Tagerte, traf die Nachricht von dem Tode
Beſchr's Jon Merwan ein. Die ohnehin auf Muhallab's
Anfeben eiferfüchtigen Häupter der Kufaner und Baßraner,
benüßten diefen Umftand, um fih von ihm Toszufagen, und
febrten mit ihren Truppen, trogß der Ermahnungen des neuen
Statthalters von Irak 1), Abd Allah Ibn Chalid, Ibn Uſeid,
in ihre Heimath zurück. Dieß nöthigte Abd Almalik ?) einen
allgemeine Wohl, zur Unterwerfung und Einigkeit zu ermahnen, fagte
er ihm: „Indeſſen kannſt du doch eigenmächtig handeln und brauchft
bei Muhallab feinen Rath zu holen, behandle ihn nur mit Gerings
ſchätzung!“
1) Sein Schreiben an die Rebellen lautet, nach den gewöhn—
lihen Eingangsformeln: „Gott hat feinen Dienern den heiligen Krieg
zur Pflicht gemad;t, und den Gehorfam gegen die Obrigkeit. Wer
für Gott fämpft, dem kömmt es zu gut, wer ed unterläßt, deſſen
bedarf Gott nicht; wer jeinen Obern widerfpenftig ift, dem zürnet
Gott und der verdient eine Züchtigung. Sein Leben und fein Gut
wird dadurch blosgeitellt, oder er zieht fih eine Verbannung in ein
weites jchlechtes Land zu. O ihr Mufelmänner! wiſſet ihr gegen
wen ihr euch des Ungehorjams fchuldig gemacht? gegen Abd Alma:
lit Sbn Merwan, den Fürften der Gläubigen, bei dem Rebellen Feine
Nachſicht zu erwarten haben. Sein Stab fchmebt über jedem Unge—
horfamen und fein Schwerdt über jedem Aufrührer, drum rathe ich
euch, wenn euch euer Leben theuer, dem Chalifen zu gehorchen und
wieder auf euere Poften zurückkehren. Sch ſchwöre bei Gott, daß
ich jeden Rebellen, der auf diefes Schreiben nicht achtet, mit dem
Tode beftrafe. Friede über euch und Gottes Erbarmen!“
Der freigelafiene Abd Allah Ibn Chalid, der den Ausreißern
diefes Schreiben vorlas, ward verjpottet und verhöhnt. a. a. D-
f. 26 verso.
2) Siernach ift de Sacy, oder vielleicht Schihab Eddin, den er
überjegt, (mot. et extr. des msc. de la bibl. du roi t. IV. p. 142) und
der auch Schloſſer (Weltgefhichte IL, 1, 286) irre geleitet, zu be-
richtigen. Dort heißt ed namlich: »Sous le khalifat d’Abd Almelic
ben Merwan, Almahleb ben Sofra, gui etait gouverneur de Irak, ne
pouvant resister aux entreprises des rebelles qui troublaient cette pro-
vince, Ecrivit au khalife pour lui demandes du secours, protestant que
428 Neuntes Hanptflüd,
Mann nah Kufa zu ſchicken, der fchon gezeigt hatte, wie er
es verftebe, Rebellen zum Gehorfam zurüdzuführen. Diefer
Mann war Habdjadi der Sohn Jufufs, der Eroberer von
Mekka.
Haddjadi war in Medina ), als er vom Chalifen ben
Befehl erhielt, die Statthalterfchaft von Irak zu übernehmen,
Er brach mit zwölf Neitern (im Schaban oder Ramadhan
75 = Dez. 694 oder Jan. 695) auf, und traf bei Tages-
anbruch ganz unerwartet in Kufa ein. Er ging fogleih in
die Mofchee, wo fi) das Volk zum Morgengebete verfammelte
und beftieg die Kanzel. Niemand fannte ihn, denn bie rothe
Binde, die er um den Kopf trug, verhülfte auch fein Geficht.
Manche hielten ihn und feine Gefährten für Rebellen und
s'il ne lui en envoyait pas, il se verrait obligé d’abandonner son gou=
vernement.« Muhallab war keineswegs Statthalter von Sraf, fons
dern Beihr Son Merwan und nach feinem Tode Abd Allah Ibn
Chalid, welcher nad einigen Traditionen auch vorher fhon Statt;
halter von Baßra mar. Vergl. auh Elmafin ©. 62, wo zuerft Cha:
lid Ibn Abd Allah und dann Beſchr Ibn Merwan, hierauf Haddjadj
als Statthalter von Sraf genannt werden.
1) So ausdrücklich bei Tab. f. 28 v.: Charadja Alhaddjadju min
Almadinati hina atahu kitabu Abd Almaliki biwalajati-l-Jraki ... fi
ithna aschara rakiban u. f. w. Alles Folgende bei de Sacy a. a. D.
ift demnad als eine reine Erfindung fpäterer Autoren anzufehen, die
mit einander gemetteifert haben, Haddjadj, das Werfjeug der Omej—
jaden, den Zerftörer des Tempels, ald das größte Scheufal darzu—
ftellen. Dort jagt Abd Almalif, ald er Muhallab’8 Brief erhielt:
»C’en est fait de l’Jrak, il est perdu pour nous.« Tous gardaient le
silence. Hedjadj se leva et dit: »prince des fideles je defendrai cette
province.a Le Khalife lui ordonna de s’asseoir et repeta les m&mes
paroles une seconde et une troisieme fois. Hedjadj lui fit toujours
la m&eme reponse. Enfin le Khalife lui dit: »tu seras le frelon de
cette province et le fit partir pour l’Jrak avec les patentes de gou-
verneur et une armee de 24,000 hommes. Lorsque Hedjadj fut pres
de Kadessia, il prit les devants, monté sur son chameau et sans autre
bagage que la selle sur laquelle il etait assis et ordonna à son armee
ä le suivre lentement.«
Abd Almalik. 429
wollten fich ihnen anfchliegen. Als aber die Mofchee mit
Menſchen angefüllt war, enthüllte er fein Geficht und recitirte
ben Bers des Dichters Subeim: „Ich bin der Sohn deg
Morgens, der ſich über den höchſten Berg erhebt, wenn ich
meinen Schleier Tüfte, fo fennt ihr mich Y.“ Ber Gott! fuhr
er dann fort, ich werde der Schlechtigfeit mit gleichen Waffen
begegnen, ich febe reife Häupter, deren Erntezeit gefommen,
1) Diefen Vers findet man im Kamuß unter dem Worte »Djala«.,
(T. II. ©. 785 der Ausg. v. Bulak.) Der Sinn ift: ih bin ein
wohlbefannter Mann, der den fchwierigiten Unternehmungen ges
wahfen ift, fobald ich das Tuch vom Gefichte nehme, wird jeder
wiſſen, wer ich bin. Bei de Sacy’s Autor aus dem 16. Sahrhunderte
wird nun diefed Drama folgendermweife fortgefponnen: »Il entra se-
cretement dans la ville et fit appeler le peuple à la mosquee à l’'heure
de la priere. Les habitans ne l’eurent pas plutöt vu qu’ils se dirent
les uns aux autres: »que Dieu maudisse les enfans d’Ommia, s’ils
eussent trouve un homme plus meprisable que cet arabe ils nous
Vauraient certainement envoye.« Hedjadj cependant monta dans la
chaire et le peuple commenca à lui jeter des pierres... Hedjadj
demeurait assis tranquillement et paraissait insensible a leur insolence,
Ses troupes cependant se repandaient autour de la mosquee, pretes ä
faire main basse sur le peuple lorsqu’il leur en donnerait le signal en
decouyrant la tete. Quand il vit que ses troupes avaient ex&cute ses
ordres et que tout le peuple etait rassembl& et continuait à lui jeter
des pierres, comme pour le chasser, il commenga tout d’un coup ä
parler et sans prononcer aucune des formules ordinaires en l’honneur
de Dieu et du prophete, il s’ecria: »Je suis un homme genereux et
mon esprit ne concoit que de nobles projets, lorsque je decouvrirai
ma tete vous comnaitrez qui je suis.« Was den Steinregen betrifft,
mit dem Haddjadj auch in der Folge noch überfchüttet wird, fo lieft
man bei Tab. f. 29 r. nur: ed wird von Ginigen berichtet, daß, als
Haddjadj lange ſchweigend auf der Kanzel blieb, Mohammed, der
Sohn Dmeir’s, (ein Rebelle) einen Stein aufhob und ihn gegen
Haddjadj (den Unbekannten) ſchleudern wollte, indem er fagte: Gott
tödte ihn! wie ſchwach! wie erbärmlich! ich glaube, von diefem ift
nichts Gutes zu erwarten. Haddjadj ward nämlich, wie oben ere
mwähnt, für einen Aufrührer gehalten, als er aber fo lange fchwieg,
verlor Mohammed fein Vertrauen zu ihm.
430 Neuntes Hauptſtück.
ich fehe Blut zwifchen der Stirnbinde und dem Barte, Nach>
dem er dann noch) einige Verſe reeitirte, in welchen der Krieg
mit allen feinen Schreeniffen gefchildert wird, ſprach er: Bei
Gott! ihr Jrafaner! ich Laffe mich nicht zufammendrücen wie
getrocknete Feigen, ich Yaffe mich nicht durch das Geraffel
aufgeblafener Schläuche einfhüchtern; ich haffe Das Gemwöhn-
liche und ſtrebe nad) dem Höchſten. Der Fürft der Gläubigen
Abd Almalik Hat feinen Köcher ausgeleert und die Pfeile un-
terfucht, er hat mich als den Bitterften und Stärfften gefuns
den und darum zu euch gefandt. Bei Gott! wenn ihr nicht
zum Gehorfam zurüdfehret und in eurer Schlechtigfeit ver-
barret, fo mähe ich euch ab wie das Salamgefträuh und
fhäle euch wie ein Rohr und fchlage euch durch wie den
Nüden eines Kameels. Bei Gott! ich führe ſtets mein Vor—
haben aus und drohe niemals umfonft. Fern von mir biefeg
Zufammenrotten und diefes Hin- und Hergerede Y! entweder
ihr bleibet auf dem rechten Wege, ober es wird fchon ein
jeder von euch mit fich felbft genug zu thun befommen. Er
lieg ihnen dann das Schreiben Abd Almalik's vorlefen, das
mit dem gewöhnlichen Salam begann, und worauf die Ges
meinde mit den Worten: „Friede über den Fürften der Gläu—
digen!” zu antworten pflegte, Als aber diesmal Niemand
den Gruß des Chalifen erwiederte, ſprach er: o ihr Sklaven
des Aufruhrs! habt ihr fo wenig gute Manieren, daß ihr
den Salam eures Fürften unerwiedert laſſet? Bei Gott! dag
it das Lestemal, daß ich euch durch ein Schreiben zurechtzu—
weifen ſuche. Diefe Worte brachten die gewünfchte Wirfung
hervor, denn als ſich üblicherweife am Schluffe des Schreibens
der Salam wiederholte, ſchrien alle Anmwefenden: Friede und
*
1) Im Texte heißt ed: »waijjaja wahadsihi-l-djamaatu wakilan
wakalan.« Sch vermuthe, daß dieſe Worte, die vielleicht bei Schehab—
eddin anders lauten, durch de Sacy überfegt wurden: »les troupes
nombreuses, les voix confuses que j’entends vous menacent, denn
das Vorhergehende ftimmt ganz mit Tabarı überein,
Abb Almalik. 431
Barmherzigkeit Gottes über den Fürften der Gläubigen Y.
Haddjadj fuhr dann fort: Liege man bie Widerfpenftigen ohne
1) Tab, £ Str. Bei de Sacy kömmt nun hier die furdhtbare
Entwicklung des Dramas, da heißt es, nachdem Abd Almalif fie
über ihr Schweigen zurechtgewiefen: »En parlant ainsi il öta son
bonnet (?) et le mit sur ses genoux. Ses soldats qui observaient at-
tentivement tous ses mouvemens, n’eurent pas plutöt appergu ce
signal qu'ils entrerent dans la mosquee, l’epee à la main et firent
main basse sur tous les assistans; le carnage fut si grand que les
rues de la ville furent inondees de sang et que les hommes en ayaient
jusqu’a la moitie de la jambe. Il y perit, dit on, en ce jour, 70,000
personnes. Ceci arriva la 75me annee de l’Hegire. (694—5.) Es
bedarf wohl Feiner Erwähnung, daß Tab., einer der älteften Univerfals
hiftorifer der Araber, der alle Traditionen über die Gefhhichte des
Islams forafältig gefammelt und deſſen Geburt nur anderthalb
Sahrhundert von diefen Begebenheiten liegt, mehr Vertrauen ver:
dient, als ein Autor aus dem 16. Sahrhunderte. Es mochte freilich
Tabart manches entgangen fein, was nah ihm noch, theild aus
mündlichen Weberlieferungen, theils aus fhriftlihen, befannt und
von fpätern Hiftorikern aufgenommen ward. Hier handelt ed fi
aber offenbar von Webertreibung und Gntftellung. Wenn Tab. ſagt,
dag Haddjadj, von dem wir ja wiffen, daß er um jene Zeit Statt:
halter in Arabien war, in Medina das Schreiben des Chalifen er:
hielt und mit zwölf Mann aufbrab, fo kann er nicht mit 24,000
Mann von Damasf abgezogen und fhon vor Ankunft des Briefes
dort geweien fein. Wenn feine Rede auf der Kanzel in Kufa ädt
it, jo wäre fie im Widerfpruche mit feiner Handlung, denn fie ent:
hält zwar furchtbare Drohungen, aber doch immer nur gegen die
Rebellen. Wie jollte er, nachdem er auch bei de Sacy jagt: »Si
votre conduite est droite, vous serez heureux et tranquilles,« auf eins
mal alle in der Mofchee verfammelten Leute niedermegeln laſſen?
An der Aechtheit diefer Rede ift aber um fo weniger zu zweifeln,
da fie ſchon durch ihre eigene Sprache, die eben jo herb als Had—
djadj’s Charakter it, fi auszeichnet. Tab. felbft muß immer die
Ausdrüde Haddjadj’s interpretiren, fo verfhieden find fie von der
gewöhnlichen Sprade, Wenn Tab. ferner eg der Mühe werth hält,
zu erzählen, daß ein Widerfpenftiger nach drei Tagen, weil er nicht
in den Krieg gezogen und einer der Mörder Othman’d war, hinge-
richtet wurde, jo läßt fih nicht denken, daß einige Tage vorher
432 Neuntes Hauptftüd.
Strafe, fo würde ung feine Beute mehr zufliegen, fein Feind
würde mehr befriegt werden, und bie Grenzen des Reiche
blieben ohne Vertheidigung, darum müſſen diejenigen, die nicht
freiwillig in den Krieg ziehen, dazu gezwungen werden. Ich
babe gehört, wie ihr Muhallab verlaffen und als Rebellen in
m
70,000 Menſchen umkamen. Iſt es übrigens alaublich, dag Haddjadj
mit 24,000 Mann bis Kadeſia gekommen, ohne daß man in Kufa
etwas davon wußte? oder daß, wenn man ed wußte, man ed ge:
wagt hätte, ihn zu fhmähen und mit Steinen zu werfen? Man
braucht übrigens nur zu willen, was die Araber über Haddjadj’s
Geburt fabeln, um das, was fie von feinem Leben erzählen, gehörig
zu würdigen. „Als ihm feine Mutter,“ fo wird in allem Ernfte er:
zählt, „ihre Bruft hinftredte, ftieß er fie zurüd und dasgleiche that
er einigen anderen Frauen, die ihm zu trinken geben wollten. Die
Leute mußten nicht, was fie mit dem Kinde beginnen follten, als
Satan, in der Geftalt des erften Gatten feiner Mutter, erfchien und
ihnen fagte: tödtet einen ſchwarzen Bock und gebet dem Kinde zwei
Tage lang deſſen Blut zu trinfen, am dritten Tage fchlahtet eine
ſchwarze Katze und gebet dem Kinde wieder ihr Blut zu trinken,
dann tödtet eine Schlange und laffet das Kind ihr Blut ausfaugen,
und fehmieret ihm auch das Gefiht mit diefem Blute ein. Am
vierten Tage wird dann dag Kind an jeder weiblihen Bruft trinfen.
Satans Rath ward befolgt, aber die Folge diefer erften Nahrung
war, daß es ihm zum Bedürfniffe ward, Blut zu vergießen.” Man
wird freilich fagen, dieſes Mährchen beweift, daß er ein blutdürftiger
Mann war; ich erwiedere aber darauf, dag man ihm befonders darum
fpäter viel Gehäfiiges nachfagte, weil er eigentlih die Dynaftie der
Dmejjaden befeftigt und fich nicht gefcheut, die heilige Stadt und
den Tempel zu befchießen. Uebrigens war er allerdings ein höchft
energiicher und ftrenger Mann, der, wenn auch nicht aus Blutdurft,
doh um Ruhe und Ordnung herzuftellen, manchem Menjchenleben
ein Ende machte. Wendet man mir ferner ein, wie fonnte er eine
fo drohende Rede halten, wenn er nur zwölf Mann bei fi hatte,
fo antworte ih, daß erftens wohl nod” einige Truppen bald nach—
folgen mochten, zweitens aber, daß gewiß in Kufa fchon eine ftarfe
Befagung lag, auf die er zählen Fonnte und übrigens auch der Auf:
ftand feineswegs allgemein war, fondern es fich lediglih um eine
Truppenaushebung für Muhallab’3 Armee handelte,
Abd Almalik. 433
eure Heimat zurückgekehrt ſeid. Ber Gott! Ihr feid unter
der Stadt gemeint, von welcher es im göttlichen Buche heißt:
„fe war fiher und forgenlos, ihr Lebensbedarf ftrömte ihr
in Ueberfluß von allen Seiten zu; aber fie ward undanfbar
für Gottes Gnade, da fuchte fie Gott, zur Strafe, mit Hun—
ger und Todesangft heim,” Bet Gott! ich werbe euch de—
mütbigen, bis ihr euern aufrührerifchen Geift abgelegt, ich
werde euch mit dem Schwerte niederhauen, daß eure Frauen
Wittwen und eure Söhne Waifen werden. Am Schluffe fei-
ner Rede ſchwur er bei Gott, daß, wer von den aus dem
Lager Muhallab's zurücgefehrten Truppen nad drei Tagen
noch in der Stadt gefunden wird, fein Leben verwirft habe.
Diefe Drohung füllte die Straße nah Nam Hormus mit
Soldaten und Muhallab fagte bei ihrem Empfang: endlich iſt
ein ganzer Mann nad Irak gefommen, Ein einziger nur
blieb in Kufa zurüd, und obgleid er behauptete, er habe fei-
nen Sohn an feiner Stelle zur Armee geſchickt, ward er doch
hingerichtet, weil Haddjadi vernahm, daß er bei der Ermor-
dung Othman's betheiligt gewefen ). Nachdem in Kufa die
Herrichaft des Chalifen hergeftellt war, begab ſich Haddjadj
nach Baßra und hielt eine ähnliche Rede, welche eben fo er-
folgreich war, da auch dort ein Widerfpenftiger ſogleich zu-
fammengehauen ward. Indeſſen fam es doch in Ruſtukbads,
ein Drt zwiſchen Baßra und Ram Hormus, bis wohin Had—
djadj die Truppen begleitet hatte, zwifchen ihm und Abd Allah
Fon Djarud, einem Häuptlinge der Baßrenfer, wegen Feft-
fegung des Solds, zu einem Wortwecfel, der zu Thätlich—
feiten führte, Aber Haddjadj blieb Sieger. Abd Allah’s Kopf
1) Auch diefer Befehl Haddjadj’s wird bei de Sacy nod fol:
gendermweife entitellt: »Hedjad) fit ensuite publier un ordre à tous les
habitans de sortir de la ville dans trois jours sous peine de mort; le
quatrieme jour il fit couper la tete ä un des premiers citoyens de
Koufa que ses gens avaient trouve dans la ville; aussitot tous les
habitans s’enfuirent et se retirerent dans le canton nommé alsawad.«
28
434 Neuntes Hauptftüd.
und die son zehn oder achtzehn andern Aufrührern, die ihm
beigeftanden, wurden zur Warnung ins Lager gefandt N),
Ram Hormus ward bald darauf yon Muhallab erobert ?).
Abd Arrahman Ibn Muhnif aber, der mit einem Theile der
Truppen fern von Muhallab war, ward yon den Charidjiten
überfallen und mit vielen der Seinigen getödtet, fo daß Abd
Almalik's Vorſatz, fie gänzlich zu vertilgen, um fo weniger
ausgeführt werden fonnte, als auch fein Nachfolger Attab
Ibn Warafa nicht im Einklang mit Muhallab handelte und
Haddjadj ihn wieder zurüdzurufen genöthigt war 3).
Haddjadj felbft ward indeffen fehr bald von andern Re—
bellen beunruhigt, fo daß er zu feiner eigenen Vertheidigung
noch frifhe Truppen aus Syrien herbeirufen mußte. Häupt—
linge diefer Aufrührer, welche zuerft in Mefopotamien alle
Anhänger ber Negierung als Feinde behandelten, waren Salıh
Fon Misrah 9 und Schebib Jon Jezid ). Ihr Glaubens-
— — —
1) Tab. f. 32 r.
2) Ibid. f. 32 v. Nach einigen Berichten räumten die Charid-
jiten Ram Hormus ohne Kampf. Auch über die Art, wie Abd
Errahman überfallen worden, werden f. 83 verfchiedene Berichte an-
geführt, die wir übergehen.
3) Ibid. f. 33 v.
4) Ibid. f. 35 r.
5) Sezid, Schebib's Water, war bei den Truppen, melde unter
Welid Ibn Okba im J. 25 d. H. gegen die Griechen einen Feldzug
machten. Unter den Gefangenen war auch Schebib's Mutter, melde
Sezid Paufte. Sie beharrte, trog allen Mißhandlungen Jezid's, bei
ihrem alten Glauben, bis fie fehwanger ward, dann nahm fie aus
Liebe zu Jezid noch vor Schebib's Geburt den Salam an. Sie gebar
ihn am 10. Dſu'l Hudja des S. 25 und foll im Traume gefehen
haben, wie ein Feuerftrahl von ihr ausging, gen Himmel flog und
dann ins Waffer ftürzte. Sie habe dann gleich ihren Traum mit
dem Geburtstage ihres Kindes in Verbindung gebracht, an welchem
in Meffa geopfert wird, und gefagt:; mein Traum bedeutet die ein:
ftige Größe meines Sohnes, der aber auch viel Blut vergießen wird,
Abd Almalik. 435
befenntniß iſt in folgendem Schreiben enthalten, das Salıh,
der eigentlich ein Lehrer des Korans und der Nechte war,
feinen Schülern zufandte. „Lob dem Herrn, der Himmel und
Erde geſchaffen, Finfternig und Licht eingefegt. Die ihren
Herrn verläugnen, find hoffnungslos. Herr! wir wenden ung
nicht von dir ab, wir beugen ung nur vor dir und beten nur
dich an, dein ift die Schöpfung und die Herrichaft, von dir
kömmt das Gute und das Unangenehme und zu dir Fehrt alles
zurüd, Wir befennen, daß Mohammed dein Diener, den du
auserfohren und dein Gejandter, den du gewählt, deine Die-
ner durch die Offenbarung zu leiten, Wir befennen, daß er
feine Sendung vollbradıt, daß er feinem Volke aufrichtigen
Rath ertbeilt und es zu dem Schöpfer aufgerufen, daß er big
zu feinem Tode Gerechtigkeit übte, die Gößendiener befämpfte
und den Glauben fiegen machte. Ich ermahne euch zur Got—
tesfurdht, zur Enthaltfamfeit yon weltlichen Genüffen und zum
Berlangen nach den Freuden des zufünftigen Lebens. Denfet
oft an den Tod, liebet die Gläubigen und faget euch los von
den Sündern! Wer enthaltfam ift, der fehnt fich um fo mehr
nad) den Freuden jener Welt und ift um fo eifriger in der
Erfüllung feiner Prlichten gegen Gott. Wer oft an den Tod
denft, fürchtet um fo mehr feinen Herrn und ftrebt demuths—
sol nah deffen Gnade, Trennung von den Sündern ift
jedes Gläubigen Pflicht, wie es ja auch in der göttlichen
Schrift heißt: „bete niemals für ihre Todten und beſuche ihr
Grabmal nicht, denn fie haben Gott und feinen Gefandten
Als man ihr meldete, ihr Sohn fer getödtet worden, foll fie den
Todesboten Lügen geftraft haben, Als man ihr aber fagte, er fei
ertrunfen, glaubte fi2 es, weil fie aus ihrem Traume mußte, daß er
nur durh Waſſer umfommen könnte. Tab. f. 72 v. Es iſt zu be-
dauern, daß der Erfinder dieſes Mährchens in der Chronologie nicht
beſſer bewandert war und Schebib's Geburt auf einen Samftag fekt,
während der 10. Dſul Hudja des 3. 25 ein Mittwoch war. Bergl.
auch über Schebib und feine Mutter Son Challitan I. ©, 616,
28*
436 Neuntes Hauptſtück.
verläugnet und find als Ruchloſe geftorben DI’ Wer aber
die Gläubigen Tiebt, der erlangt dadurch Gottes Huld und
Gnade und Paradies. Möge Gott ung und euch zu den
Aufrichtigen und Beharrlihen zählen! Ihr wiffet, dag Gott
den Gläubigen, als Beweis feiner Gnade, einen Geſandten
aus ihrer Mitte gefchiekt, der fie die Schrift und die Weisheit
lehrte, der fie reinigte und läuterte und in ihrer Religion
unterrichtete. Er war. gütig und mild gegen die Gläubigen,
bis ihn Gott zu fi) nahm. Gottes Gnade über ihn! Nach
feinem Tode übernabm Abu Befr der Wahrhaftige, mit Leber-
einftimmung der Mufelmänner, die Derrichaftz er wandelte
nad) des Propheten Leitung und folgte feinem Beifpiele, bis
auch er ſich mit feinem Herrn vereinte. Gottes Barmbers
zigfeit über ihn! Omar, welchen Abu Bekr zu feinem Nach—
folger beftimmte, berrfchte über feine Untertbanen nach der
Schrift Gottes, und belebte die Lehren des Propheten wieder.
Er wid nie vom Rechte ab zu Gunften feiner Freunde und
handelte nad Gottes Willen, ohne jih um den Tadel der
Menſchen zu fümmern, bis auch er zu feinem Herrn überging.
Gottes Barmherzigkeit über ihn! Nach feinem Tode erwähl-
ten die Mufelmänner Othman zu ihrem Herridher, er theilte
aber die Beute unter die Seinigen aus, ließ die Grenzen
des Reichs ohne Schuß, war gewalttbätig in feinem Urtheil,
erniedrigte die Gläubigen und erhob die Uebelthäter, darum
ftanden die Mufelmänner gegen ihn auf und tödteten ihn,
Gott und fein Gefandter und alle wahren Frommen hatten
fih von ihm abgemwendet. Nach feinem Tode übertrug das
Volk die Herrfchaft Ali, dem Sohne Abu Talib's. Diefer
übertrug aber Menfchen das Urtheil über Gottes Sache, ſchloß
fih Sündern an und fpielte den Scheinheiligen, darum fagen
wir ung von Ali und feinen Anhängern los 2). Bereitet
..
1) Sura N. DB. 86,
2) Hier fowohl als bei Othman heißt es am Rande f. 35 v.
Abd Almalik. 437
euch vor, die gewaltthätigen Befehlshaber und ihre ruchloſen
Schaaren zu bekämpfen und dieſe vergängliche Wohnung ge—
gen die ewige zu vertauſchen! Laſſet uns gerne unſern gläu—
bigen Brüdern nachfolgen, die dieſe Welt für die zukünftige hin—
gegeben und ihr Gut geopfert haben, um Gottes Wohlgefallen
zu erlangen. Scheuet euch nicht, für Gottes Sache im Kriege zu
fallen, der Tod ereilt euch ja doch, ehe ihr es vermuthet und
trennt euch von euern Kindern, von euern Frauen und von
eurer Welt, ſo ungern ihr auch von ihnen ſcheidet, darum
verkaufet lieber Gott euer Gut und euer Leben, vollziehet ſei—
nen Willen, dann ſeid ihr des Paradieſes gewiß, wo ihr die
ſchwarzäugigen Huri umarmet. Möge Gott uns und euch zu
den Andächtigen und Dankbaren geſellen, die nur Wahrheit
zur Richtſchnur nehmen!“
Salih darf nicht nur dieſem Rundſchreiben zufolge nicht
mit den zahlreichen andern Rebellen verwechſelt werden, welche
die Religion nur als Hebel zur Befriedigung ihrer Herrſch—
ſucht, ihres Ehrgeizes, manchmal nur ihrer Habgier gebrauch—
ten, ſondern auch ſein erſter Tagesbefehl beweiſt, daß es ihm
wirklich rein um die Befreiung ſeines Volks zu thun war,
von dem Joche der Omejjaden ſowohl, als von dem aller
Laſter und Schandthaten, welche daſſelbe immer mehr zu ver—
derben drohten. „Bedenket,“ ſagte er ſeinen Leuten, als ſie
in der erſten Nacht des Monats Safar des J. 76 (20. Mai
695) Dara verließen, „daß ihr nur aus Eifer für Gottes
Sache euch erhoben, weil das Heilige entweiht wird, weil
ſeine Gebote nicht befolgt werden, weil Blut vergoſſen und
Gut geraubt wird ohne Recht, drum hütet euch, ſelbſt Hand—
lungen zu begehen, die ihr jetzt an Andern tadelt! Nur wenn
ihr angegriffen werdet, dürfet ihr von euren Waffen Gebrauch
doch von neuerer Schrift und ſchwärzerer Dinte, ſo daß es gewiß
ſpäterer Zuſatz iſt: „Gott! ich habe nichts gemein mit dieſem Salih
und ſeinen Worten und ſeinen Anhängern und allen denen, die ſich
zu ähnlichen Irrlehren bekennen.“
438 Neuntes Hauptftüd,
machen, aber felbft dem beftegten Feinde nichts rauben 9).“
Darum war aber auch fein Anhang, in jener Zeit, wo nur
Befriedigung der gemeinften Leidenschaften erftrebt ward, nicht
zahlreih, Doc die Wenigen, die jih um ihn fchaarten, wa-
ren von einem wahren Eifer für den Sieg des Rechts und
von einem beifpiellofen Muthe befeelt. Adij Ibn Adij, wel—
chen Mohammed Ibn Merwan, der Statthalter von Meſopo—
tamien, gegen dieſe Rebellen mit tauſend Mann ſchickte,
weil ſie ihm ſeine Kameele entführt hatten, ward von ihnen
überfallen und gefchlagen ?). Mohammed ſandte auf's Neue
3000 Mann gegen fie. Salih und Schebib behaupteten ſich
den ganzen Tag gegen biefe Truppen, doch in der Nacht
fanden fte es rathſam, das Feld zu räumen und fid) gegen
Irak zu flüchten, Haddjadj ließ ihnen aber, fobald er Kunde
von ihrem Kriege gegen Mohammed erhielt, von 5000 Mann
nachfegen und nöthigte fie, die Richtung son Chanifin und
Dialula zu nehmen. Aber au bier erreichte fie Harth Ibn
Dmeirah, der die irafanifhen Truppen anführte, und töbtete
Salih. Schebib zog fi mit den übrigen Charidjiten ) in
1) Ibid. f. 36 v. Unter Schebib wurden jedoch diefe Lehren nicht
immer ftreng beobachtet, obgleich auch er fo viel Vertrauen einflößte,
daß jo oft Geißeln gegeben wurden, er fie immer zuerft erhielt, weil.
man wußte, daß er feines Verraths fühig wäre.
2) Salth hatte nah Tab. f. 37 r. nur 110 oder 120 Mann bei
fih. Adij war ein Feigling, Mohammed gab ihm zuerft nur 500
Mann, mit diefen wollte er gar nicht ind Feld ziehen und felbit als
er 1000 Mann erhielt, ließ er noch Salih, ehe er ihn angriff, auf:
fordern, das Land zu räumen und lud ihn gemiffermaßen ein, eine
andere Provinz des islamitifhen Reichs zum Schauplas feiner Thä-
tigkeit zu wählen. Salih ließ ihn feinerjeits auffordern, fich zu fei:
nen Lehren zu befennen und als Adij's Bote mit neuen Friedens—
anträgen, jedoch mit einer Verneinung in Betreff des politiſchen
Slaubensbefenntniffes zurückkehrte, griff Salih an, ohne vorher den
Boten wieder entlaffen zu haben,
8) Es waren nad Tab. f. 38 v. nur noch fiebzig Mann, aber
hier fomwohl, wie bei allen folgenden Kriegen zwifchen Schebib und
Abd Almalik, 439
eine Burg zurüf und Harth verfhob die Erftürmung dieſer
Burg auf den folgenden Tag. Damit jedoch die Eingefchlof-
fenen in der Nacht nicht entrinnen, ließ er vor dem Thore
ein großes Feuer anzünden. Schebib, welcher nad Salih's
Tod I) Dberhaupt der Charidjiten geworden, vermochte jedoch
in der Nacht, wahrfcheinlih durch die Nachläffigfeit der Wa—
hen, das Feuer zu löfhen und die in ihrem Lager ruhig
fchlafenden Irakaner zu überfallen. Viele von ihnen wurden
getödtet und die Uebrigen zogen fih nah Madain zurüd,
Nun folgen eine Reihe von Gefechten, mworunter aud)
Eines in Nabrawan, wo die erften von Ali getöbteten Cha-
ridjiten betrauert wnrden, in denen Schebib fortwährend Sie—
ger blieb 2). Er wußte ſtets den größern Heeren geſchickt
Haddjadj, wird die Zahl der Charidjiten zu gering und die der Trup—
pen Haddjadj’s zu hoch angegeben, darum können auch die aller
Wahrſcheinlichkeit entbehrenden Ginzelnheiten diefer Feldzüge, welche
bei Tab. etwa 30 Blätter ausfüllen, im Terte eines europäiſchen Ge—
ſchichtswerks feinen Platz finden.
1) Ibid. f. 39 r. den Uten Diumadi:l-Amwwal d. $. 76. Tabari
feßt hinzu: ed war ein Dienftag, das ift nach dem art de verifier
les dates unrihtig, denn der erfte Djumadi-l:Awmwal war ein Dien-
ftag, der 17te alſo ein Donnerftag.
2) Bei Chanifin wird Softan Son Abi-l-Aliah (im türf. Tab.
Ibn Ghalib), der 1000 Mann von Tabariitan zurüdführte, geichla-
gen. Schebib fommt dann nah Madain und von hier nah Nahra—
wan, wo er Sauredj Ibn Abdjar eine Niederlage beibringt, dann
ftreifte er wieder in der Gegend von Tefrit umber und die Bewoh—
ner von Madain fürchteten jeden Augenblick einen Weberfall. Had-
djadj läßt aufs Neue 4000 Mann ausheben und fendet Dthman
Ibn Said gegen ihn. Diefem weicht Schebib lange aus, bis er ihn
endlich eines Nachts in der Nähe von Hulman ganz unerwartet von
verſchiedenen Seiten zugleih angreift. Scebib foll zwar nur 160
Mann bei fi gehabt und diefe in vier Abtheilungen aufgeftellt ha:
ben. Haddjadj ernennt jest Said Sbn Mudjallad zum Auführer
der Truppen gegen Schebib, aber auch er wird getödtet. Ihm folgt
Sumeid Ibn Abd Errahman, welher Schebib bei Karch findet. Die:
fer überfchreitei den Euphrat, treibt fih im Gebiete von Hira, dann
440 Neuntes Hauptſtück.
auszumweichen, Dann ganz unerwartet über kleinere Truppen-
abtheilungen berzufallen. Durd die firenge Mannszucht, die
am untern Guphrat und in der Gegend von Chaffan umher, dann
ging er wieder bei Anbar über den Euphrat und zog fih nach Ad:
ferbidjan hin. Haddjadj ließ ihn nicht weiter verfolgen, ging felbft
nah Baßra und ließ Urma Son Mugbira als feinen Stellvertreter
in Kufa. Balb erfuhr aber Urwa, daß Schebib wieder gegen Kufa
im Anmarjche fei, Haddjadj ward von Baßra zurüdgerufen und traf
nur ein Paar Stunden vor Schebib in Kufa ein, war aber fo von
Truppen entblößt, dag er fich in der Burg einſchließen mußte. Grft
am folgenden Tage, ald wahrfcheinlich Truppen von Baßra ankamen,
verließ Schebib die Stadt wieder und zog ſich gegen Kadefia hin.
Sahr Ibn Keis fest ibm mit 1800 Reitern nad, wird aber ver:
wundet und feine Mannfchaft in die Flucht getrieben, Saida Ibn
Kudama, der jetzt den Dberbefehl führt, wird am untern Euphrat
getodtet, ebenfo Mohammed Ibn Mufa, weicher mit Truppen nad)
Sedjeſtan ziehen mollte und fih von Haddjadj bereden ließ, vorher
Shebib zu befämpfen. Schon bedrohte er wieder Madain, als
Haddjadj aufs Neue 6000 Mann, unter Anführung des Abd Errah:
man Son Mohammed Ibn Aſchath, gegen ihn ins Feld jchicte.
Diefer verfolgte ihn bı8 über die Grenze von Moful, dann wollte
er umfehren, indem er fagte: mögen nun die Statthalter von Me-
fopotamien den Krieg fortfegen! Aber Haddjadj fchrieb ihm: „Der
Fürft der Gläubigen ift unfer Aller Herr und die Armee ift feine
Armee, drum verfolge Schebib bis du ihn befteaft oder aus dem
Neiche vertreibft.“ Da er ihm aber vergebens von einer Provinz
in die andere nachjeste, ward Othman Ibn Katan, der bisherige
Statthalter von Madain, an feine Stelle gejest und die Statthal-
terfchaft von Madain dem Mutrif Ibn Mughira übertragen. Sce:
bib mit 180 Mann (?) liefert Othman ein Treffen am Bache Hau:
laja, an der Grenze von Mefopotamien und Sraf. Othman wird
erfchlagen, Abd Errahman verwundet und 600— 1000 Kufaner (9
bleiben in dem Treffen. Nach einigen Monaten erjheint Schebib
mit 800 Mann wieder in der Gegend von Madain. Sekt begehrte
Haddjadj fyrifhe Truppen vom Chalifen. Die Srafaner wollten in:
deffen es nod) einmal verfuchen, ohne fremde Hülfe Schebib zu be:
kämpfen; es ziehen 50,000 (?) Streiter von Kufa aus, ihr Anführer
ift Attab Son Warafa, melden, wie oben erwähnt, Haddjadj aus
Perfien zurüdgerufen. Schebib, welcher nur 600 Mann (?) hatte,
Abd Almalik. A441
unter feinen Leuten berrfchte, welche überall das friedliche
Volk unbeläftigt ließen und nur gegen die Werkzeuge der Re—
gierung ſchonungslos verfuhren, warb er immer zur vechten
Zeit von den Zügen feiner Feinde unterrichtet, jo daß er, je
nach Umſtänden, fie in einer günftigen Stellung erwarten,
oder fih vor ihnen zurüdziehen konnte. Bald ftreifte er in
der Gegend von Madain umber, bald an der ſüdlichen Grenze
son Adferbidjan, bald im Gebiete von Moßul. Bald zog
er fih nach Kerman zurück, auf einmal erfchien er wieder
jenfeits des Euphrats an der Grenze der fyrifchen Wüſte.
Es gelang ihm fogar zweimal, die Stadt Kufa felbit zu über-
fallen. Das zweite Mal ſchlug man fih drei Tage lang in
den Straßen Kufa’s und Haddjadj verdanfte feine Rettung
nur der Tapferfeit der fprifchen Truppen, welche er berbei-
rufen mußte, weil die Jrafaner, nach den vielen Niederlagen,
griff die Kufaner doch an, ein Theil derfelben ergreift alsbald die
Flucht, andere, worunter Attab felbft, werden niedergehauen und
Schebib rüdt ohne weitern Widerftand bis Kufa vor, Haddjadj
treibt die feigen Kufaner aus der Stadt und fagt ihnen: „geht nad)
Hira zu den Juden und Chriften, ich will nur die Syrer und dieje—
nigen bei mir haben, die nicyt unter Attab fo viele Feigheit gezeigt!”
Nun folgen mehrere Fleine Treffen vor den Thoren Kufa’s, in wel:
hen Schebib den Sieg davon trägt. Dann jchlägt man fi in den
Straßen Kufa’s, bis Chalid Ibn Attab Schebib's Bruder tödtet, der
ein Drittheil von Schebib’s Leuten anführte; Schebib zog fih nun
zurück und zerftörte die Brücke hinter fih. Habib Ibn Abd Errah—
man fest ihm mit 3000 Mann nach und Haddjadj läßt allen, welche
Schebib verlaffen, volle Gnade und noch reihe Geſchenke verfprechen.
Nah einem unentjchiedenen Gefechte bei Anbar, zieht ſich Schebib
wieder nah Kerman zurüd. Haddjadj fendet neue Truppen gegen
ihn unter Anführung Sofian's Ibn Abrad. Diefer begegnete ihm an
der Brücke des Fleinen Tigris von Ahwas, wo man fich den ganzen
Tag flug. Gegen Abend mwollte Schebib fich wieder hinter dem
Fluſſe zurückziehen, als fein Pferd über die Brücke fprang. Dies
find die Hauptzüge aus diefem Kriege, die ich doch um fo mehr,
meniaftens in einer Note, mittheilen mußte, als fie bei den befann-
ten Autoren ganz übergangen werden,
442 Neuntes Hauptftüd,
die fie erlitten, allen Muth verloren. Erft gegen Ende des
77ten Jahres der Hidirah ( März 697), nachdem Haddjadj
duch Beftehung einen Theil der Charidjiten gewonnen, und
Schebib, um fi zu retten, über die Brüde des Karun fegen
mußte, ward fein Pferd fcheu und fprang ins Waffer, Noch
einmal tauchte Schebib auf und rief „Gottes Rathſchluß werde
vollzogen,’ dann verfanf er wieder und man fand ihn als
eine Leiche.
Gleichzeitig mit Schebib wurden zwei andere Rebellen
noch beftegt, von denen der Eine ihm fein Verderben ver-
dankte. Diefer war Mutarrif, Sohn des Mughira Ibn
Schuba, Haddjadf’s Statthalter von Madain, welcher durch
Handhabung des Rechts und durch feine Fürforge für das
Wohl feiner Untergebenen, fehr beliebt ward,
Als Schebib von allen Seiten die Tugend und Fröm—
migfeit Mutarrif’s rühmen hörte, hoffte er, es würde ihm
leicht fein, ihn für feine Sache zu gewinnen, Er wechielte
daher mehrere Briefe mit ihm und zur Zeit als er in Nahr
Schir Tagerte, fandte er ihm einige gelehrte Männer nad
Madain, um mündlich mit ihm zu verfehren. Mutarrif ftimmte
mit Schebib darin vollfommen überein, dag Abd Almalif und
fein Gefchlecht nicht auf dem Wege des Rechts auf den Thron
gelangt und daß er ſowohl als Haddjadj nicht nach dem gött-
lichen Gefege und den Lehren Mohammeds und der eriten
Nachfolger berrfchten. Als es ſich aber dann darum handelte,
zu entiheiden, wer an Abd Almalif’s Stelle auf den Thron
erhoben werben follte, waren ihre Meinungen getheilt. Mu—
tarrif behauptete, es müffe ein neuer Chalife aus dem Ger
fhlechte Kureifch gewählt werden, theils weil ihm Mohammed
angehörte, theils weil fih nur dann auf einen großen An-
bang von Seiten der Araber rechnn lieg. Die Gefandten
Schebib’s aber, der fchon Tängft felbft den Titel „Emir der
Gläubigen” angenommen batte, wollten den Kureifchiten fei-
Abd Almalik. 443
nen Vorzug einräumen ). Mutarrif war indeffen” fchon zu
weit gegangen, um nicht jeden Augenblick zu fürchten, bei
Haddjadj verrathben zu werden. Er verließ daher Mabdain
mit einigen hundert Mann, die ihm Treue gejchworen, und
zog gegen Hulwan. Der Stafthalter von Hulwan ?), der
ibn nicht gern befriegen wollte, doch auch nicht in feiner Nähe
dulden fonnte, ließ ihn auffordern, feine Provinz zu verlaffen.
Mutarrif zog gegen Hamadan, wo fein Bruder Hamza Statt-
balter war, doch hielt er fi fern von der Stadt, um ihn,
falls er ſich ihm nicht anfchliegen würde, nicht in den Augen
Haddjadj's zu verdächtigen. Hamza fah wohl ein, daß feines
1) Al Mutarrif nah Schebib's Glaubensbekenntniß fragte,
fagte Sumweid, einer der Gefandten: „Wir fordern zur Befolgung
der göttlihen Schrift und der Lehren feines Gefandten auf und
ftreiten gegen die mwillführlihe Vertheilung der Beute, gegen die
Bernadhläjiigung der Grenzen und gegen die Tyrannei der Gewalt:
haber.” Auf Mutarrif’s Vorfchlag, eine neue Wahl anzuordnen, die
jedoh nur auf einen Kureijchiten fallen dürfe, fagte Sumeid: Nach
Mohammed’s Tod war auch die Wahl ganz frei und nur dem Bor:
züglichften unter uns gebührt die Herrichaft, diefer ift Schebib, den
wir bereits gewählt. Was deine volitifhen Gründe für die Wahl
eines Kureifchiten angeht, jo können fie bei wahren Gläubigen nicht
in Betracht fommen, denn vor Gott ift eine geringe Zahl Gerechter
mehr als eine große Zahl Gemwaltthäter, und ohne vom Rechte ab-
zuweichen könnten wir feinem Kureiſchiten einen Vorzug einräumen.
Sollten ſie wegen ihrer Berwandtihaft mit Mohammed über den
andern Mufelmännern ftehen, jo müßten zulegt die Söhne Abu La:
habs auch noch über uns herrichen, und die älteften Auswanderer,
die nicht zu Kureifch gehören, fih vor ihnen beugen. Derjenige aber
fteht Mohammed am Nächten, der auf feinem Pfade wandelt, wir
waren die GErften, die fi gegen unfre gottlofen Tyrannen erhoben,
darum gebührt auch ung der Vorzug. Tab. ©. 77. Weber Abu La-
hab, vergl. Leb. Mob. ©. 52 und 114.
2) Sein Name war Sumeid Ibn Abd Errahman, er war Prä-
feft von Hulman und Mah Sindan. Mutarrif mußte fi jedoch
gegen Kurden jihlagen, welche die Päſſe des Zagrrßgebirges beſetzt
hatten. Ibid. f. 78,
444 Neuntes Hauptſtüͤck.
Bruders” Aufftand ein fchlechtes Ende nehmen würde D), er
fagte fih daher von ihm los, doch fandte er ihm heimlich
Geld und Waffen nad Mah Deinar. Mutarrif ſchickte dann
nad) allen Seiten Emiffäre mit einem Nundfchreiben, ähnlich
dem Salih's, jedoch mit: der ausdrüdlihen Erklärung,
daß nad) dem Sturze der Tyrannen eine neue Chalifenwahl
ftatt finden follte, umher und die Zahl feiner Anhänger nahm
täglich zu 2). Aber auch Haddjadj, dem nichts verborgen
blieb, war nicht unthätig. Er bot den Statthalter von Net
und den von Ispahan zum Kriege gegen Mutarrif auf und
fandte ihnen noch von Kufa aus Berftärfung. Auch ließ er
Hamza durch den Oberften der Leibwache verhaften und ver-
lieh diefem die Statthalterfchaft von Hamadan. Als Mutar-
rif fi von einem etwa 6000 Mann ftarfen Heere 3) bedroht
fab, ermahnte er feine kleine Schaar zur Standhaftigfeit im
Kampfe für das Recht und hoffte die gegen ihn ziehenden
1) Er fagte zu Sezid Ibn Abi Zijad, einem der eifriaften An-
hänger Mutarrif's, der ihm einen Brief überbradte: „Möge deine
Mutter Einderlos werden! du haft Mutarrif in's Verberben geftürzt.
Sezid erwiederte: Gewiß nicht, möge mich Gott als Sühne für did)
nehmen! er hat ſich jelbit und mic in's Verderben geſtürzt, wenn
er nur nicht auch dich noch nachzieht! Wehe dir! fprah dann Hamza,
mer hat ihn denn fo verblendet? Er hat fich felbft getäufcht, er-
miederte Sezid. Ibid. f. 79,
2) Bara Son Kubeifa, Statthalter von Sepahan, fchrieb an
Haddjadj: „Wenn dem Gmir, den Gott fegne, an der Erhaltung
von Sepahan und andern Provinzen gelegen ift, fo fende er ein ftar-
fes Heer, um Mutarrif und die Seinigen ausjurotten, denn es
fchliegt fih ein Haufen nach dem andern ihm an, und fchon find
feine Anhänger fehr zahlreich.“ Ibid,
78) Adij Son Wattad, Statthalter von Rei, hatte 3000 Mann
bei ſich Bara Ibn Kubeifa 1000 Kufaner, welche ihm Haddjadj ge:
fchieft, 700 Syrer und 1000 Kurden und Bewohner Ispahans. Adij
hatte den Dberbefehl und menig fehlte, fo wäre es zum Gtreite
zwifhen ihm und Bara gekommen, welcher mit dem Commando des
linken Flügels nicht zufrieden war, Ibid, f, 81.
Abd Almalik. 45
Truppen zum Abfalle zu bewegen. „O ihr Männer unſrer
Kibla,“ ließ er ihnen durch Bukeir Ibn Harun, der ſich ihnen
als Geſandter mit einer rothen Schleife um den Arm gebun—
den näherte, zurufen; „ihr Männer unfres Glaubens! Wir
fordern euch, bei Gott dem Einzigen, Allwiffenden, auf, faget
uns in Wahrbeit, ob nicht Abd Almalif und Haddjadj Tyran—
nen find, die alles nad) Gunft und nicht nad) Verdienſt ver—
tbeilen, die bloß ihren Leidenschaften folgen, die auf bloßen
Verdacht bin ftrafen und im Zorne Menfchenblut vergiegen?”
Man rief ihm aber von vielen Seiten zu: „du lügſt, bu
Feind Gottes, davon wiffen wir nichts.” Da er aber den-
noch fortfahren wollte, fie zum Aufruhr anzuftacheln, fprang
Sarim, der Freigelaffene und Fahnenträger des Statthalters
von Rei, mit dem Schwerdte in der Hand gegen ihn und
kämpfte mit ihm. Sarim fiel, aber fein Zod warb bald
durch ein allgemeines Treffen gerächt, in welchem Mutarrif
und alle, die nicht zu Haddjadj's Truppen übergingen und
um Gnade baten, getödtet wurden 1).
Der andere, ebenfalls no im J. 77 befiegte Aufrührer
war Katarij Ibn Fudjaa 2), der Häuptling der Azrafiten,
1) Ibid. f. 82 u. 88.
2) Fudjaa war ein ausgezeichneter Dichter aus dem Stamme
Tamim und führte den Beinamen Abu Nuama. Sujuti zum Mu:
ghni. Derjelbe jest Katarij's Tod in das J. 79. Katarij felbft war
auch als Dichter berühmt, fomohl nah dem Kamus als nach Sujuti.
Auch in der Hamafa (S. 44) fommt folgendes Gedicht von ihm vor:
„Sch fage ihr (meiner Seele), wenn der Anblick der Helden fie
außer Fafung bringt, mwehe dir! verzage nicht! Korderft du nur
einen Tag mehr, ald dir zu leben beitimmt, fo bleibft du unerhört.
Drum muthig auf dem Kampfplage! muthig! Ewigkeit erlangt ja
doch Fein Menih. Das Gewand der Erhaltung ift nicht das der
Ehre. Nur der Niedrige und Feige ſchlägt es zurück (um es zu
fhonen). Der Weg zum Tode ift das Ende aller Lebenden. Sein
Ruf erfchallt allen Bewohnern der Erde. Wer nicht früh dem Tode
verfällt, wird ſchwach und gebrechlich und zulekt übergibt ihn das
446 Neuntes Hauptflüd.
welcher fich fortwährend gegen Muhallab in der Provinz
Kerman behauptete und faft ein ganzes Jahr ihn fogar in
Fars beunruhigte. Als Farfiitan ganz von Rebellen gefäubert
war, wollte Haddjadj einen eignen Statthalter zur Erhebung
der Steuern dahin fenden, aber der Chalife ließ Muballab
die Einnahme eines Theiles der Provinz zum Unterhalte der
Truppen, welche jest in Djireft auf dem Gebiete von Kerman
gelagert waren !). Muhallab, der eben fo behutfam zu Werfe
ging, als er im entfcheidenden Momente fi tapfer zeigte,
ward nun von Haddjadj der Saumfeligfeit angeflagt und
Bara Ibn Kubeißa ins Lager gefchiet, um ihn zum Kampfe
gegen die Azrafiten anzuftaheln 2). Muhallab Tieferte ihnen
eine Schlacht yon Morgens bis Mittag, dann wieder von
—
Schickſal doch der Vergänglichkeit. Das Leben iſt kein Glück mehr
für einen Mann, wenn er als eine alte Waare betrachtet wird.“
Nach Tebrizi dauerte fein Aufftand 13 Sahre und fein Geburts:
ort war Aadan und nicht Katar, Name eines Ortes in Oman.
1) Ibid. f. 84 r. Er lieg ihm die Bezirke von Fafa, Darabgerd
und Iſtachr.
2) Haddjadj fehried an Muhallab: „Bei Gott, ich glaube, das,
wenn du wollteft, du fehon längft die Charidjiten vertilgt hättelt;
aber ihr Fortbeftehen ift dir lieb, damit du um fo länger das Land
um dich ber ausfaugen Pannft, drum fende ich dir Bara Son Ku—
beißa, daß er dich gegen fie führe... Kämpfe mit aller Kraft
gegen fie und hüte dich durch Ausflüchte und fonftige leere Worte,
die bei mir feinen Cingang finden, meinen Befehl unvollzogen zu
laſſen!“ Ibid. £. 84 v. Muballab’s Antwort nad der Schlacht lau:
tet: Das Schreiben des Emir’s, den Gott erhalte, ift mir zugefoms
men, ed hat mir gezeigt, wie er mich in Betreff meines Verhaltens
gegen die Charidjiten verdächtigt, und mir befohlen, fie in Gegen:
wart des Gefandten zu befriegen. Diefem Befehle bin ich nachge-
fommen, der Gefandte mag berichten, was er mit angefehen. Bei
Gott! wäre ih im Stande, die Charidjiten auszurotten, oder zu
vertreiben und thäte es nicht, fo würde ich gegen alle Mufelmänner
fhleht handeln, den Fürften der Gläubigen hintergehen und den
Emir verrathen, den Gott erhalte. Bewahre mich Gott davor, einft
mit folher Schuld vor feinem Gerichte zu erſcheinen!“ Ibid. 1.85 r.
Abd Almalik. 447
Nachmittag bis Nacht. Bara überzeugte ſich von der Tapfer-
feit der unter Muhallab dienenden Truppen, ſah aber auch
zugleich, daß der Feind nicht minder tapfer war und daß zur
Zeit von einem neuen Angriffe fein günftiger Erfolg zu er—
warten wäre. Dies berichtete Bara an Haddjadj, der nun,
mehr Muballab mehr Freiheit ließ und größeres Vertrauen
fchenfte. Diefer fchonte jest feine Truppen, big ein Theil
der Charidjiten wegen einer von Katarij verweigerten Ger
nugthuung für einen Erfchlagenen, von ihm abgefallen und
einem gewiffen Abd Errab gehuldigt hatte, und aud nad)
diefer Spaltung verhielt er fih noch ruhig, bis fie felbft ein-
ander durch fortwährende Fehden fo fehr geſchwächt hatten,
daß er feines Sieges fiher war 1). Abd Errab mit ber
Mehrzahl der Rebellen ward von ihm felbft angegriffen und
aufs Haupt geſchlagen. Katarij, der fih nad Zabariftan
geflüchtet hatte, ward von Sofian Ibn Alabrad verfolgt und
ebenfalls getödtet ?). Muhallab wurde, ald er im Anfang
des 5.78 d.9., nad) glücklich vollendetem Kriege, vor Habs
djadj in Baßra erihien, höchſt ehrenvoll empfangen und ers
bielt von ihm — denn Haddjadj war gewiffermaßen Vice—
fönig von allen öftlihen Provinzen des Reichs — die Statt:
balterfchaft von Chorafan, welches in den letzten Jahren Omejja
1) Haddjadj wollte auch wieder, daß er fie angreife, fobald fie
getrennt waren, aus Furcht, fie möchten fich wieder vereinigen, Mus
hallab fchrieb ihm aber: „Das Schreiben des Emirs ift mir zuge:
fommen und ich habe deſſen Inhalt verftanden, aber ich werde die
Charidjiten nicht befämpfen, jo lange fie felbft unter einander Krieg
führen und fi gegenjeitig ſchwächen. Bleiben fie getrennt, um fo
befjer, vereinigen fie fih, fo find fie dann doch dur ihre längern
Kriege fo zufammengefhmolzen, daß ich fie um fo leichter befämpfen
kann.“ Ibid. f. 85 v. Der Dichter Kaab Alasfari hat diefen Krieg
gegen die Tharidjiten in einem größern Gedichte verewigt, welches
bei Tab. über vier Seiten ausfüllt, dann folgt auch noch ein Klei-
neres von Tufeil Ibn Amir,
2) Ibid. £. 8 v. u. 89 r,
A48 Neuntes Hauptftüd.
Ibn Abd Allah, ein Abfümmling des Stammvaters der Omej-
jaden, verwaltet hatte. Dmejja hatte in Chorafan einen fol-
hen Aufwand gemacht, daß er felbft fagte: Chorafan fammt
Sedjeftan genügen nicht einmal zur Beftreitung meiner Kühe H.
Auch hatte er Bukeir Ihn Waffadf, den frühern Statthalter
von Tochariſtan, hinrichten laſſen, obfehon er ihm bei der
Uebergabe der Stadt Meru, welche Bukeir befest hielt, Gnade
verfprochen 2).
Muhallab machte einen Einfall in dag Gebiet von Bu—
hara, das vor ihm ſchon Omejja zu unterwerfen verfucht hatte,
wegen Bufeirs Aufftand in Meru aber wieder aufzugeben
genöthigt war. Zu gleicher Zeit ?) führte Ubeid Allah Ibn
Abi Bekrah, der neue von Haddjadj ernannte Statthalter von
—
1) Ibid. f. 92 v.
2) Bukeir follte zuerft felbft ein Heer über den Drus führen,
er ward aber bei Omejja verdächtigt und diefer entſchloß ſich, feldft
den Feldzug mitzumahen. Dann ließ er Bufeir als feinen Stell:
vertreter in Meru, wo auch fein Sohn war. Als Omejja jenfeits
des Drus war, ließ fih Bukeir dazu verleiten, die Schiffe in Brand
zu ſtecken, um ihm die Rückkehr zu erfchweren, dann erklärte er fich
in Meru unabhängig und verhaftete Omejja’s Sohn. Omejja ſchloß
mit den Bewohnern Buchara's Frieden, fobald er von Bukeir's Auf:
ftand Kunde erhielt und z0g gegen Meru, wo Bufeir, nah einem
verlorenen Treffen, fich einfchliegen mußte. Da bei Omejja’d Trup:
pen viele Krieger waren, deren Familie fih in Meru befand, welche
die Befakung niederzumegeln drohte, Fonnte er es nicht aufs
Aeußerfte kommen laffen und war gendthigt, Bufeir eine ehrenvolle
Sapitulation zu bemilligen, welche Abd Almalif beftätigte. ALS
Grund der fpätern Hinrichtung Bukeir's wurde angegeben, mehrere
Männer haben gehört, wie er in der Mofchee Omejja’d Härte gegen
das Volk getadelt. Ein Zug gegen Bald, den Omejja, nah Wie:
derherftellung der Ordnung in Meru, auch noch in diefem Sahre
unternahm, mißlang ebenfalld. Tab. f. 90 — 9.
3) Sm 3. 79 d. 9. (20ten März 698 — Iten März 699) Zenbil,
heißt ed bei Tab. f. 96, hatte bisher den Mufelmännern Tribut be
zahlt, ihn dann aber verweigert, Muhallabse Zug nah Buchara
wird jedoch von Manchen erft in das 3. 80 d. H. geſetzt.
Abd Almalık, 449
Sedjeftan, ein Heer gegen Zenbil, ein allgemeiner Name für
den König der Turfomanen, bier aber befonders dev Fürft
von Kabul und dem zwilchen Herat und Kabul gelegenen
Lande. Zenbil lockte ihn immer weiter in fein Land, bis er
ihn son feinen Truppen umzingelt hatte, die ihm den Nüd-
zug abjchnitten. Ein kleiner Theil des Heeres unter Schureih
Jon Hani ) ward aufgerieben und ein anderer capitulirte
mit Aufopferung von 300,000 Dirham. Diefer verunglückte
Feldzug bewog Haddjadj, den unvorfichtigen Ubeid Allah zu
entfegen und die Statthalterfchaft von Sebdjeftan, fo wie ben
Dberbefehl über ein neues gegen Zenbil beftimmtes Heer dem
Abd Errahman Ibn Mohammed Jon Mafchath zu verleihen 2),
1) Diefer jagte zu Ubeid Allah: dir ift Cjtatt des Kriegsruhms)
genug, wenn man fagt: dies ift der Garten Ibn Abi Bekrah’s, dies
ift das Bad Ibn Abi Bekrah’e. O ihr Mufelmänner! wer von euch)
den Märtyrertod liebt, der folge mir! aber nur wenige folgten ihm
in den Kampf, Ibid.
2) Als Abd Errapman ernannt ward, Fam fein Oheim Ismail Ibn
Alaſchath zu Haddjadj und fagte ihm: fende Abd Errahman nicht jo
weit weg, ich fürchte, er möchte fich empören, denn er ift noch nie
über den Euphrat gegangen, ohne gegen die Statthalter, denen er
Gehorfam fchuldig war, mwiderfpenftig zu werden, Haddjadj hörte
ihn aber nicht an, obgleich ihm, nach einer andern Tradition, Abd
Errahman damals ſchon fo verhaßt war, oder eigentlich ihm eine folche
Antipathie einflößte, daß er einft ſagte: „bei Gott! ich fehe diefen
Menihen nie, ohne dag mich die Luft anfalle, ihn zu tödten.“ Abd
Errahman, dem man diefe Worte hinterbracht, foll feinerfeits ge-
fagt haben, er werde nicht ruhen, bis er Haddjadj geftürzt. Tab,
f. 98 v. u. 99 r. Uebrigens Fommt ein derartiges Ahnen oder Vor:
herwiſſen zu oft bei den Arabern vor, als daß man es nicht für
fpätere Erfindung halten ſollte. Nach einer andern Tradition ward
Abd Errahman zuerft an die Spike eines Heeres geftellt, das Ham:
jan Ibn Adij, den rebelliiben Statthalter von Kerman befriegen
follte. Nach dejien Unterwerfung blieb Abd Errahman dann Statt:
halter von Kerman, bis zu Ubeid Allah Ibn Abi Bekrah’s Tod,
dann ward ihm erjt die GStatthalterfchaft von Sedjeftan verliehen.
Ibid, £. 100, ;
29
450 Neuntes Hauptſtück.
welcher bald Haddjadj und dem Chalifen noch weit gefährlicher
als alle bisherigen Rebellen ward.
Abd Errahman vereinigte mit den Truppen aus Kufa
und Baßra alle ftreitbaren Männer der Provinz Sedjeftan
und machte einen Einfall in das Gebiet Zenbils, welcher ver-
gebens um Frieden bat und für ben unter Ubeid Allah den
Mufelmänneen zugefügten Schaden Genugtbuung anbot. Als
er endlih Abd Errahmans Entfchloffenbeit Krieg zu führen
ſah, gebrauchte er wieder diefelbe Taftif gegen ihn, welche
deſſen Vorgänger zu Grunde gerichtet. Er 309 ſich nämlich
mit feinen Truppen immer zurüd und hoffte wieder eine
günftige Stellung zu finden, wo er den Feind umgehen und
überfallen fünnte, Aber Abd Errahman fchritt nur mit der
größten Behutfamfeit vorwärts, ließ überall kleine Beſatzun—
gen in feften Plägen zurüd, um ſtets in Verbindung mit der
Heimath zu bleiben. Er wagte fi in feinen Engpaß, ohne
vorher ſich verfichert zu haben, daß Fein Leberfall zu befürd)-
ten. Nachdem er eine weite Strede Landes durchzogen und
unermeßliche Beute gefammelt hatte, hielt er es für rathfam,
wieder umzufehren und weitere Eroberungen für das nächſte
Jahr aufzufchieben. Als er aber diefen Entihlug Haddjadj
mittheilte, klagte ihn diefer der Schwähe und Feigheit an,
befahl ihm entweder weiter vorzudringen, oder den Oberbefehl
feinem Bruder Ishak zu übergeben. Abd Errahman verfam-
melte die Häupter feiner Truppen und fagte ihnen: „Ihr
wiffet, daß ich euch ein treuer Natbgeber, daß mir euer
Wohl am Herzen liegt, und daß ich ſtets auf euern Bortheil
bedadht war. Der Entfhluß, den ich in Betreff meines Ver—
baltens gegen den Feind gefaßt, gründet fi auf den Rath
der flügften und erfahrenſten Männer unter euch, welche in
deffen Ausführung euer Heil in diefer und jener Welt er-
blifen. As ich ihn aber euerm Emir Haddjadj mitgetheilt,
nannte er mich einen verzagten Feigling und befahl mir, euch
fogleid) weiter vorwärts gegen den Feind zu führen, in das
Land, wo erft vor furzem eure Brüder umgefommen. Ich
Abd Almalik. 451
bin ein Mann aus eurer Mitte, ich ziehe mit euch, wenn
ibr es wollt, und widerſetze mich diefem Befehle, wenn ihr
euch widerfeget“ . Da erbob fih der Dichter Amir Ibn
Wathila und fügte: Was liegt Haddjadj daran, wenn wir
uns dem Berderben ausjegen? fiegen wir, fo fammelt er die
Früchte unfres Sieges, unterliegen wir, fo freut er fich mit
unferm Untergange, weil er uns doc auch als feine Feinde
anfiebt. Drum laffet ung Haddjadj, den Feind Gottes ab—
fegen und Abd Errahman als unferm Emir huldigen! ich will
euh mit meinem Beifpiele vorangeben, Von allen Seiten
börte man jest den Ruf: „wir fanen uns los von Haddjadj,
dem Feinde Gottes.” Abd Errahman ließ fih dann von den
Truppen ſchwören, daß fie ihm beiftehen würden, big Haddjadj
aus Jraf vertrieben. Bon Abd Almalif war aber gar feine
Rede bei Diefer Huldigung. Abd Errahman fchloß hierauf -
Frieden mit Zenbil unter der Bedingung, daß er im Falle
eines Sieges über Haddjadj ihm jeden weitern Tribut erlaffe,
wogegen er ſich aber verpflichten follte, ihm im Falle einer
Niederlage fein Land als Zufluchtsort zu öffnen 2). Er ſchrieb
auch an Muhallab und forderte ihn auf, fih mit ihm zu
verbinden. Muhallab ftellte ihm aber vor, wie gefährlich)
fein Unternehmen und ermahnte ihn, aus Gottesfurcht fein
Leben und das fo vieler Mujelmänner nicht aufs Spiel zu
jegen ?), und als diefe Crmahnung fruchtlos blieb, fehrieb er
an Haddjadj: „die Irakaner (die Truppen Abd Errahmans)
ziehen gegen dich beran, fie gleichen einem reißenden Strome,
den nichts in feinem Laufe aufhalten kann, denn die Bewohner
Srafs find in ihrem erften Anlaufe unaufhaltfam, auch treibt
fie das Heimweh zu ihren Frauen und Kindern, bis fie dieſe
wiedergeſehen, find fie unüberwindlich, drum warte, bis fie Diefe
Sehnſucht geftillt, Dann wird dir Gott beiſtehen“ . Haddjadj
1) Ibid. f. 108 r.
2) Ibid. v.
3) Ibid. f. 104 v.
4) Ibid. f£, 105 r.
29*
452 Neuntes Hauptſtück.
hielt Muballab für einen Verräther und faßte den Ent-
Ihluß, dem Feinde entgegen zu ziehen und fehrieb fogleih an
Abd Almalif, um Truppen aus Syrien zu erhalten ). Er
jelbft begab ſich nach Baßra, wo er ein Heer ausrüftete, Das
täglich von Syrern verftärft ward 2). Abd Errahman brach
indeffen gegen Irak auf und vereinigte mit feiner Armee noch
4000 Mann, welche in Kerman lagen. Setst fühlte er fich
fhon ftarf genug, um fich felbft gegen den Chalifen aufzu-
lehnen, und er ließ fih, an der Grenze von Fars angelangt,
förmlich als Fürften der Gläubigen huldigen 3). In der Nähe
von Schufter, am Karunfluffe, kam es zum erften Gefechte
zwifchen Abd Errahman’s und Haddjadj's Vorpoſten. Die
Syrer wurden (Ende 81 — Februar 701) zurüdgefchlagen und
nad mehrern andern Treffen gendtbigt, fi auf die Verthei—
Digung Baßra’s zu beichränfen, nad) einigen Berichten fogar,
1) Abd Almalıf erfchraf ſehr über diefe Nachricht, aber Chalid
Son Sezid Sbn Muamwia, dem er den Brief mittheilte, fagte gleich:
„O Fürft der Gläubigen! wenn das Ungemach von Sedjeftan her:
kömmt, fo ift es nicht zu fürdten, bricht es aber von Chorafan
(son Seiten Muhallabs) her, dann iſt Grund zur Furcht vorhanden.“
Ibid,
2) Es heißt im arabifhen Terte: e8 Famen täglih Truppen aus
Syrien zu 100, zu 50, zu 10 und noch weniger. Der türf. Weber-
feger nimmt (S. 86) die runde Zahl 1000 an, aud Chalids oben
angeführte Worte lauten bei ihm ganz verkehrt: „wenn ſich etwas
in Sedjeſtan ereignet, da iſt Vorſicht nöthig.“
3) An der Grenze von Fars, heißt es bei Tab. f. 104 v., ſagten
feine Leute Einer zum Andern: Wir haben Haddjadj den Statthalter
Abd Almalifs abgejegt, folglich haben wir auch Abd Almalik ſelbſt
abgefegt. Ein gewiſſer Tidjan erhob fih dann und ſprach: O ihr
Leute, ich verwerfe den Water der Fliegen, wie ich dieſes Oberhemd
ablege, fie fprangen dann auf Abd Errahman zu und wollten ihm
huldigen, Gr fagte: ſchwöret, daß ihr dem Buche Gottes und dem
Beifviele feines Gefandten gemäß leben und daß ihr die Männer
des Irrthums und die das Heilige Entweihenden befimpfen und
abjegen mwollet! Als fie dies fehmuren, nahm er ihre Huldigung an.
Ueber den Schimpfnamen Vater der liegen f. Abulfeda ©, 426,
Abd Almalik. 453
wabrfcheintih in Folge eines Aufftandes in der Stadt feldft,
fie zu verlaffen und ſich in einem Flecken, welcher eine ber
Borftädte Baßra's bildet, zu verfchanzen 1). Abd Errahman,
welher von der Bevölferung von Baßra mit Jubel aufges
nommen ward, lieferte Haddjadj eine Schlacht, welche ſchon
fo weit gewonnen war, daß diefer den Entfchluß faßte, dem
Beifpiele Mußabs zu folgen und lieber mit dem Schwerdte in
der Hand zu fterben, ala zu entfliehen. Aber Softan Ibn Alabrad,
einer der Generäle Haddjadj's, drang mit folhem Ungeftüm auf
den rechten Flügel der Irakaner ein, daß er ihn zum Weichen
brachte, worauf auch die übrigen jprifchen Truppen mit neuem
Mutbe fämpften und endlich einen glänzenden Sieg davon
trugen, in deffen Folge Abd Errahman fi gegen Kufa zu—
rüdzuziehen genöthigt war und Haddjadj ſich wieder der Stadt
Baßra bemächtigte 2), Abd Errahman fand in Kufa eine
eben fo freundliche Aufnahme, als in Baßra, und erftürmte
——
1) Es heißt bei Tab. f. 105 v.: Haddjadj zog fih (nah dem
Treffen) zurück bis nach Zawiah und überließ Baßra den Srafanern
und bereute ed, Muhallabs Rath nicht befolgt zu haben. Zamiah
ift nad dem Kamuß ein Flecken oder Städtchen in Bafra, alfo eine
Art Borftadt. Nach einer andern Tradition f. 106 wollte Abd Allah
Son Amir, der Oberfte der Wade in Baßra, die Brücde zerftören
und den flüchtigen Haddjadj nicht aufnehmen, aber Hakam Ibn Ajjub,
Haddjadjs Steuereinnehmer und geiftlihbes Oberhaupt, beftah ihn
mit 100,000 (Silber- oder Goldſtücken), fo daß Haddjadj in Bafra
einziehen fonnte. Später verließ er, wahrfcheinlich aus Miftrauen
gegen die Einwohner, die Stadt doch und lagerte in Zamwiah, daher
auch die folgende Schlacht die von Zawiah heißt.
2) Abd Erxrahman ward wahrfheinlih von Bafra abaefchnitten,
denn nah feinem Rückzug mit den Kufanern behauptete fih ein
anderer Abd Errahman, welchen die Bafrenfer zu ihrem Oberhaupte
wählten, noch fünf Tage gegen Haddjadj. Diefer Abd Grrahman
hieß Son Abbas, Ibn Rabia, Ibn Alharth Son Abd Almuttalib,
Legterer mar befanntlihd Mohammeds Großvater, Tab. f. 107 v.
Nah Tab. f. 129 v. follen während und nah der Schlaht von
Zamiah 11,000 Srafaner gefallen fein,
454 Neuntes Hauptſtück.
mit Hülfe der KRufaner die Burg, in welder Matar Ibn
Nadjie 1) mit einigen taufend Mann Yag. Als Kufa verlo-
ven war, fonnte Daddjadj nicht mehr länger in Baßra bleiben,
wo ihm die Verbindung mit Syrien nur noch auf großen
Ummegen offen blieb. Er zog daher durch die Wüfte an
Kadefia und Udſeib vorüber, und lagerte an einem Orte,
welcher nicht weit von der Feſtung Ein Tamı lag und Deir
Kurrab (Klofter der Freude) hie). Abd Errahman zog
mit feinem Deere von Kufa aus ihm entgegen und verfchanzte
fih in der Nähe von Deir Aldjamadjim (Klofter der Hirn-
Ihädel). Abd Errahmans Heer erhielt täglich neuen Zuwachs
aus Baßra ſowohl, als aus andern Städten, jo daß es über
100,000 Mann ohne die Sklaven und Freigelaffenen zählte,
und dem Chalifen dermaßen furdtbar fchien, daß er bereit
war mit ihm zu unterbandeln und ihm irgend eine Statt-
balterfchaft anzubieten, zur Befriedigung der Irakaner aber
Haddjadj entfegen wollte, Sobald aber Haddjadi davon Kunde
1) Matsr, ein Häuptling der Benu Sarbu, hatte jchon früher,
als fi die erfte Nachricht von der Empörung des Ibn Ajchath ver:
breitete, in Verbindung mit der Bevölkerung von Kufa, Haddjadjs
Statthalter Abd Errahman Ibn Abd Errahman Alhadhrami in der
Burg belagert und zu einer Kapitulation gendthigt. Dieſer Matar
beftah aber dann die Kufaner, welche fih nur für Ibn Afchath
erhoben hatten, und wollte felbft Herr der Stadt bleiben. Sobald
indeffen Sbn Aſchath nah Kufa kam, blied Matar verlafien. Sbn
Aſchath begnadigte ihn und fand an ihm einen feiner beiten Krieger
(£. 109). (Wegen der vielen Abd Grrahman nenne ich, dem Bei:
fpiele Tabari’8 folaend, den Hauptrebellen Ibn Aſchath, obſchon er
nur ein Enkel Ajchaths war).
2) Zuerft wollte er in der Gegend von Hit und gegen Mefopo-
tamien hin fich) ausdehnen, um den aus Syrien fommenden Hülfs-
truppen näher zu fein und fich aus Mejopotamien leichter Lebens:
mittel zu verfchaffen. Als er aber an Deir Kurrah vorüberfam, fagte
er: diejer Lagerplag ift doch auch nicht fern vom Fürften der Gläu—
bigen und die Falalıdj (die Dörfer von Samad Irak) und Ein Tamr
find an unfrer Seite. Ibid. v.
Abd Almalik, 455
erhielt, fehrieb er dem Chalifen: „O Fürft der Gläubigen!
gibft du den Jrafanern nach und entfegeft mich, fo wird es
nicht lange dauern, bis fie fich aufs Neue empören und gegen
dich felbft ausziehen, denn deine Nachgiebigfeit wird nur ihre
Kühnheit vermehren. Haft du nicht gefehen oder gehört, wie
die Irakaner, Aſchtar an ihrer Spise, gegen Othman, den
Sohn Affans, auszogen und die Entſetzung ihres Statthalterg
Said Ibn Aaß verlangten, und doc zogen fie, obgleich ihnen
Dies gewährt ward, noc ehe ein Jahr verftrichen war, wie-
der nad Medina und tödteten den Fürſten der Gläubigen.
Eifen kann nur mit Eifen gefchmiedet werden. Möge Gott
deinen Entfchluß leiten!“ I) Abd Almalif, fei eg nun aug
Furcht, oder um Blutvergiegen zu verhüten, bebarrte in
feinem Borhaben und fandte feinen Bruder Mohammed und
feinen Sohn Abd Allah ins feindlihe Lager mit dem Aner-
bieten, daß den Srafanern nicht nur volle Gnade, fondern
auch noch die gleichen Rechte auf Sold und fonftige Gaben
eingeräumt werden follte, wie fie die Syrer hatten; Abd Errab-
man follte fich felbft irgend ein Land ausfuchen, das er lebens—
länglich verwalten wollte, und an Haddjadj's Stelle follte deg
Chalifen Bruder Statthalter von Irak werden. Die Häupter
der Irakaner forderten Bedenkzeit und verfammelten ſich bet
Abd Errahman. Diefer war fehr geneigt mit dem Chalifen
Frieden zu fchliegen und fagte unter Anderm: „Wenn ihr
jegt die euch angetragenen Bedingungen annehmet, fo bleibt
ihr für alle Zufunft angefehen und geehrt, das, was ihr in
dem Treffen von Zawiah erlitten, fünnt ihr vergeffen, wenn
ihr. bevenfet, daß ihr die Syrer bei Schufter nicht weniger
mißbhandelt, drum ergreift, was euch geboten wird, fonft
möchtet ihr es morgen bereuen!” 2) Abd Errahmans Worte
fanden aber fein Gehör, Warum follen wir Frieden fließen ?
hieß es von allen Seiten, da wir doch dem Feinde an Zahl
1) Ibid. f. 110 v.
2) Ibid. verso,
456 Neuntes Hauptflüf.
überlegen, auch mit alfem wohl verfeben find, während bie
Syrer Hunger leiden? und fo ward denn Abd Almalik aufg
Neue von den Frafanern als entthront erffärt und gendthigt,
abermals feiner Herrſchaft durch Haddjadis Schwerdt Aner-
fennung zu verfhaffen. Die beiden Heere lagen einander
hundert Tage lang gegenüber und jeden Tag fielen kleine
Gefechte und Zweifämpfe vor, in welchen fich befonders die
Koranfefer ) aus Baßra und Kufa augzeichneten. Zur ent-
heidenden Schlacht Fam es aber erft gegen die Mitte des
Monats Djumadi Achir des Jahres 83 2) (Juli 702). Sie
ward abermals von Softan Ibn Mabrad, der Haddjadjs Rei—
terei befebligte, gewonnen. Doc foll ihm nad) einigen Be—
richten der Verrath Abrads Ibn Kurrah, Anführer des Yinfen
Flügels der Irakaner, der ihm gegenüber ftand, den Sieg er-
leichtert haben 3). Wenig fehlte, fo wäre Abd Errahman,
der die Flüchtigen zurücdhalten und den Kampf erneuern wollte,
son den Syrern gefangen worden. Haddjadj verfolgte bie
Srafaner mit feinem ganzen Heere, ließ jedoch befannt machen,
1) Zu diefen gehörte auch Abu -I-Buchtari, welcher durch feine
Predigten die Srafaner zum Kampfe anfeuerte.
2) Hier ift ein Widerfpruch bei Tab. f. 118 v. „Abul Mucharif
erzählt: wir befänpften fie gerade 100 Tage, die ich wohl gezählt.
Mir liegen uns bei Deir Aldjamadjim mit Abd Errahman Ibn
Mohammed Ibn Aſchath nieder, Dienftag früh, als eine Nacht vom
Monate Rabia-l-Awwal d. 3. 8% vorüber war und wurden Mitt:
woch Vormittag, den L4ten Djumadi Achir in die Flucht gefchlagen.“
Erſtens kämen auf diefe MWeife mehr als hundert Tage heraus, was
jedoch noch Fein MWiderfpruch wäre, denn der Krieg Fonnte erft nad)
einigen Tagen begonnen haben, aber der 14te Djumadi Achir war
fein Mittwoch, fondern ein Samjtag, darum läßt fih der Tag der
Schlacht niht mit Gewißheit angeben. Waren es wirklich gerade
100 Tage und rechnet man den Tag der Ankunft in Deir Aldjamadjim
dazu, jo wäre der Schlachttag auf den Ilten Djumadi Achir zu
ſetzen (12ten Juli 702).
3) Ibid.
Abd Almalik. 457
daß, wer fih zu ibm begebe oder zu Kuteiba, welcher Statt
balter von Rei war, Gnade finden würde, Viele gingen zu
ibm über, Andere zogen die Fremde vor, und unter Legtern
war auch Amir, der unter dem Beinamen Schabt berühmte
Schrift» und Trabitionsgelehrte I). Später gedachte Haddjadi
feiner und ließ ibn zu fich fommen, als er hörte, daß er fich
in Rei bei Ruteiba aufhalte. Schabi fragte Ibn Abt Muslim,
mit dem er befreundet war, um Rath, wie er fich gegen
Haddjadj benehmen follte. Jon Abi Muslim antwortete: er
wife ibm nichts Anderes zu rathen, als dag er alle'möglichen
Entichuldigungen erfinne, um feine Theilnahme am Aufruhr
zu befchönigen. Denfelben Rath ertbeilte er auc den Freun—
den und Gefährten Schabi’s, welche mit ihm gefommen wa—
ven. „Als ich aber vor Haddjadj ſtand,“ fo erzählt Schabi
feibft, „befolgte ich diefen Rath nicht, fondern fagte ihm,
nachdem ich ihn als Emir gegrüßt: O Emir! man hat mir
gerathen, mich vor dir auf eine Weife zu rechtfertigen, welche
Gott als unwahr erkennt, aber, bei Gott! ich werde an diefer
Stelle nur die Wahrheit fagen. Bei Gott! wir haben ung
gegen dich empört und Aufruhr gepredigt, und did, fo Tange
wir es vermochten, befämpft. Wir gehörten weder zu den
großen Verbrechern, noch zu den Keinften und Tugendhaf-
teſten. Nun ift Gott dir beigeftanden und hat Dir den Sieg
über ung verlieben, bift du ftreng, jo haben wir eg ung
durch unfre eigne Schuld zugezogen, bift du gnädig, fo ver-
danfen wir es deiner Milde, denn es fehlt dir nicht an Be—
weiſen unfrer Schuld.” Haddjadj ermwiederte hierauf: „Bei
Gott! deine Worte, o Schabi! gefallen mir beffer, als die
mandjer Andern, die mit einem noch blutigen Schwerbte por
mir erfcheinen und behaupten, fie haben an dem Aufruhr
feinen Antheil genommen. Du bift begnadigt, Schabi!“ Als
id) weggehen wollte, rief er mich noch einmal zurüd, Mein
1) Ibid. f, 125 v.
458 Neuntes Hauptflüc,
Herz zitterte mir, doch erinnerte ich mich feiner Worte:
„du bift begnadigt, Schabi,“ und berubigte mich wieder.
Er fragte mid dann: wie haft du die Leute nad) der Tren-
nung von mir gefunden? Ich antwortete: — denn er hatte
mich ftets mit Ehrerbietung behandelt — Gott erhalte den
Emir! ich habe viel Schlimmes erfahren, mein Herz war
ftets voller Furcht und Fein treuer Freund ftand mir zur Seite,
der mir den Emir erfegt hätte.’ Wenn dies der fromme und
von den Mufelmännern bochgepriefene Schabt yon Haddjadj
fagte, fo glauben wir um fo mehr mit vollem Rechte ihn
gegen manche Berläumbung fpäterer Hiftorifer in Schuß neh-
men zu dürfen.
Abd Errahman, der fih nach Kufa geflüchtet hatte, konnte
diefe Stadt nicht mehr vertheidigen, fie ward von den Sy—
rern geplündert, und wer fein Leben retten wollte, mußte nicht
nur aufs Neue Huldigen, fondern auch por dem Schwure ſich
jelbft als undankfbaren und ungläubigen Verräther anklagen ").
Abd Errahman Tieß fih nun abermals in der Stadt
Baßra nieder, aus welcher noch vor feiner Anfunft der Ku—
reifchite Ubeid Allah Ibn Abd Errahman, unmittelbar nad)
dem Treffen bei Deir Kurrah, Hadjaddj's Statthalter Ajas
Fon Alhafam vertrieben hatte. Nach und nad) fammelten
fih wieder viele Flüchtlinge um ihn, worunter auch Moham-
med, ein Eohn des Saad Ibn Abi Wakkaß, welcher fich der
Stadt Madain bemächtigt, doch bei Haddjadj's Heranrücden
fie wieder verlaffen hatte, und Boftam Fon Maßfalah, welder
siertaufend Koranslefer anführte, die ihm geſchworen bis zum
Tode zu fämpfen. Haddjadj lagerte (im Monat Schaban)
1) Ein Araber som Stamme Hothum erklärte, er habe während
des Krieges ganz zurückgezogen gelebt und am Aufruhr feinen An-
theil genommen, aber auch dies ward ihm zum Verbrechen angerech:
net, denn er hätte für den Chalifen Partei nehmen follen, und da
er fich weigerte, fich einen „Kafir“ zu nennen, ward er hingerichtet.
Ibid. ſ. 119 v.
Abd Almalik. 459
vierzehn Tage lang in der Nähe von Masfan, ohne daß er
den wohlverfchanzten Irakanern beifommen fonnte, In ber
Nacht vom vierzebnten auf den fünfzehnten, nachdem einer
feiner tbeuerften Generäle bei einem Ausfalle der Belagerten
gefallen war, machte er felbft die Runde im Heere und feuerte
die Truppen durch folgende Worte an: „Ihr feid die Männer
des Gehorfams, jene die Männer des Aufruhrs. Ihr ſtrebet
nad Gottes Wohlgefallen, jene laden fi) Gottes Zorn auf.
Auch feid ihr ihnen niemals mit Muth und Ausdauer be=
gegnet, ohne daß euch Gott den Sieg über fie verliehen hätte,
drum greifet jie morgen früh mit eurer gewohnten Tapferfeit
an, und ich zweifle nicht, Daß ihr ihnen abermals eine Nie-
derlage beibringen werdet 1). Am folgenden Morgen rüdten
die Syrer, welche noch duch Abd Almalif Jon Muhallab
verftärft worden, gegen Maskan vor und es dauerte nicht
lange, fo fingen die Frafaner an zu weichen). Nur Boftam
D Sbid f. 121 v.
2) Bei Tab. f. 129 wird die Schlaht bei Maskan anders be:
ichrieben. Dort heißt ed: „Das Heer des Ibn Afchath lagerte am Fluſſe
(oder Kanal) Chadaſch und hatte den Fluß Tira im Rücken. Haddjadj
lagerte am Fluffe Sfrind. Beide Heere befanden fich zwifchen dem
Tigris, Eib und Karch, und befriegten fi) einen Monat oder etwas
weniger. Haddjadj wußte auf feinem andern Wege zu dem Feinde
zu gelangen, als von der einen Geite her, wo er ihm gegenüber
fag. Da bradte man ihm einen alten Hirten, welcher Zurfa hieß
und einen Weg angab, hinter Karch her, welcher acht Pharaſangen
weit durh Sümpfe und Moräfte führte. Haddjadj wählte 4000
Mann von den beften fyriihen Truppen aus und ſagte ihrem An:
führer: Folge diefem Alten und wenn er dich zu dem Heere der
Irakaner führt, fo gib ihm 4000 Dirham, wo nicht, fo fihlage ihm
den Kopf ab! Gelangit du zum Feinde, fo greife ihn an und euer
Lojungsmwort fei: „o Haddjadj, o Haddjadj!“ Der Anführer ging zur
Zeit des Nacmittaggebets ab und alsbald begann ein Treffen zwi—
fhen Haddjadj und Ibn Aſchath, welches bis zur Nacht dauerte.
Eriterer mußte fih über den Sib zurüdziehen und Lesterem fein
ganzes Lager überlaffen. Man rieth dann Ibn Afchath, den Feind
460 Neuntes Hauptftüd,
blieb unerjchlitterlich und vief feiner tapfern Schaar zu: „Eünnten
wir durch die Flucht dem Tode entrinnen, fo würden wir
fliehen, aber wird er ung nicht doch in furzer Zeit erreichen?
D ihr Leute! ihr befennet euch zur Wahrheit, drum Fämpfet
auch für Recht und Wahrheit! Bei Gott, wäret ihr feldft
nicht auf dem Wege des Nechts, fo müßte ihr doc einen
ehrenvollen Tod einem fchmählichen Leben vorziehen.“ Diefe
feine Schaar machte Haddjadj den Sieg lange ftreitig, bis
er fie endlih von Schügen umzingelte, welche fie faft alle
niederſtreckten ).
Abd Errahman flüchtete nun mit einem Theile des Heeres
nad Chuſiſtan, ward aber yon Haddjadj's Sohn Mohammed
und von Umara Ibn Temim verfolgt, und bei Sufa noch
einmal aufs Haupt gefchlagen, Doch entfam er glücklich über
Kerman nad Sedjeftan. Als er vor Zerendf anlangte, wo
er Abd Allah Fon Amir als feinen Stellvertreter zurückge—
laſſen hatte, verfagte ihm dieſer den Eingang in die Stadt,
noch zu verfolgen, er fagte aber: wir find jekt zu müde, und
Fehrte in fein Lager zurüd, Um Mitternacht, als fie, des Sieges
gewiß, in voller Sicherheit umherlagen und die Waffen abgelegt
hatten, ftürmten die 4000 Syrer unter dem Rufe: o Haddjadj! über
fie heran und Ibn Aſchath's Truppen mußten gar nicht, mohin
fliehen, denn fie hatten den kleinen Tigris zur Linken und den
großen Tigris vor fih mit fteilen Ufern, jo dag noch mehr Leute er-
tranfen, als dur das Schmwerdt getödtet wurden. Auch Haddjadj kam
wieder über den Sib, fobald er das Krieasgefchrei hörte und fandte
jeine Reiter gegen Ibn Aſchath, jo daß Ddiefer fih zwiſchen zwei
feindlihen Heeren befand. Indeſſen verfolgte er mit 300 Mann,
die fih um ihn gefammelt, das Ufer des großen Tigris bis an den
fleinen Tigris hin, wo er Schiffe fand, in denen er nah Baßra
hinabfegelte. Sein ganzes Lager fiel in die Hände Haddjadj’s. Der
Fleine Tiarid (Dudjeil) ift der Name eines Kanals, welcher oberhalb
Bagdad, Kadefia gegenüber, den Tigris mit dem Guphrat verband,
Den gleihen Namen führte auch bei den Arabern der Karunfluß
in Ahwas. Bergl. Ibn Challitan I. S. 619 und I. ©. 296,
1) Ibid. v.
Abd Almalık, 461
Er zog daber nad Boft, wo Hamjan Ibn Jjadh bisher in
feinem Namen herrſchte. Diefer nahm ihn auf, nad) einiger
Zeit aber, als feine Truppen zerftreut waren, lieg er ihn
feſſeln und wollte ihn Haddjadj ausliefern. Zenbil, der König
von Kabul, der Davon unterrichtet ward, erinnerte ſich aber
feines Bündniffes mit Abd Errahman, er z0g mit einem
Heere !) nady Sedjeftan, belagerte Boft und drohte Hamjan mit
dem Tode und der Zerftörung der Stadt, wenn er nicht Abd
Errabman, ohne ihm ein Haar zu frümmen, in Freiheit fee.
Hamjan mußte nachgeben und Abd Errahman ging mit Zenbil
nad) Kabul, wo er die freundlichfte Aufnahme fand. Indeſſen
verfammelten fih bald wieder in Sedjeftan ?) alle, welche
mit Haddjadj unzufrieden waren, oder wegen ihrer wieber-
holten Empörungen feine Gnade zu erwarten batten, be=
lagerten die Stadt Zirendi und forderten Abd Errahman Ibn
Mohammed auf, fi wieder an ihre Spige zu ftellen, Abd
Errahman begab jih in ihre Mitte und es gelang ihnen,
Zirendf zu nehmen. Bald darauf fam aber Omara mit den
Syrern nad Sedjeftan, fo daß fie fih nicht Yänger in biefer
Provinz halten fonnten. Die Rebellen forderten nun Abd
Errahman auf, fie nach Chorafan zu führen. Abd Errah—
man ftellte ihnen vor, daß dieſes Unternehmen fehr gewagt
wäre, indem der tapfere Jezid, der Sohn Muhallab’s, der
nad feines Vaters Tod (Ende d. J. 82 8.9.3) zum Statt-
1) Es heißt im arabijchen Terte f, 123 v. fie beliefen ſich auf
60,000, die Bewohner Sedjeftans mit eingerechnet, die fih ihnen
anſchloſſen. Im türf. Tab, ©. 90 aber wird ihre Zahl nur auf
6000 angegeben, und das ift wahrfcheinlicher, weil fie fonft nicht
jogleich die Flucht ergriffen hätten, ald Omara nad Sedjeftan Fam.
2) Nach einer Tradition bei Tab. f.127 v. zogen fie zuerft nad)
Rei und huldigten Omar Ibn Abi Affalt, der ſich diefer Stadt be:
mächtigt hatte. Haddjadj fandte aber Kuteibah Ibn Muslim dahin,
der fie aus Rei vertrieb, worauf fie fih dann nad Sedjeftan
flüchteten.
8) Ibid. fol. 115 verso. Bor ihm ftarb fein Sohn Mughirah,
deſſen Tod ihn ſehr niederſchlug. Er befand ſich damals in
462 Neuntes Hauptſtück.
halter von Chorafan ernannt wurde, ſich wahrſcheinlich mit
den Syrern verbinden würde, um fie aus dem Lande zu
treiben. Er gab jedoch ihren wiederholten Aufforderungen
nad, in der Hoffnung, ein Theil der Bevölferung Chorafans
würde fih ihm anfchliegen, As fie aber auf dem Wege
nad) Herat waren, trennte fi der fhon oben erwähnte Ku—
reifchite Uberd Allah Fon Abd Errahman mit 2000 Mann ?)
son ihnen und fchlug einen andern Weg ein. Dies veran-
laßte Abd Errahman, die Nebellen wieder zu verlaffen und
mit feinen Getreuen nach Kabul zurüczufehren. Die Häupter
der Rebellen buldigten nun dem ebenfalls ſchon genannten
Abd Errakman Fon Abbas und bemächtigten fih unter feiner
Anführung der Stadt Herat ?). Jezid fandte Abd Errahman
einen Boten und ließ ihm fagen, daß er fehr ungern ihn
befriegen, dazu Doc gezwungen fein würde, wenn er fi)
nit aus der von ibm verwalteten Provinz entferne, wozu
er ibm allenfalls noch die nöthigen Mittel zukommen laſſen
wollte. Abd Errahman antwortete, er bevürfe feines Bei:
ftandes nicht, wolle aber auch feinen Krieg, fondern nur
Keſch jenfeits des Oxus, ſchloß aber bald darauf Frieden und wollte
nach) Meru zurückehren, wo er Mughirah als Statthalter gelaſſen
hatte, ftarb aber in der Nähe von Merurud, in einem Dorfe, welches
Zaghul hieß, nachdem er feine Söhne zur Einigkeit ermahnt hatte.
©, auch Abulfeda S. 424.
1) Tab. f. 123 v. im türk. Tab. ©. 90 wird ihre Zahl auf
12,000 angegeben, da er aber felbit die Gefammtzahl der Rebellen
nur auf 6000 angibt, fo verfteht fih von ſelbſt, daß bier die Zahl
12,000 übertrieben ift.
2) Nah einer andern Tradition bei Tab. a. a. D. war Hbeid
Allah vorher nach Herat gekommen, und hatte dort Abd Errahman
Son Mohammed wegen feiner Flucht nad Kabul getadelt; fpäter
fam dann Abd Errahman Ibn Abbas nach Sedjeftan, um den ſich
alle früheren Anhänger des Ibn Afchath verfammelten, und diefer
führte fie dann, 20,000 Mann ftarf, nah Herat. Dieje Tradition
ſcheint von Ibn Aſchath's nochmaliger Wiederfehr aus Kabul nichts
zu willen,
Abd Almalik. 463
einige Zeit in Herat ausruhen und dann wieder weiter ziehen.
Jezid begnügte ſich mit diefer Antwort, bis er vernahm, daß
Abd Errahman in der Gegend von Herat Steuern erhebe,
Er fandte nun feinen Bruder Mufaddhal mit vier bis ſechs—
taufend Mann nah Herat, er felbft folgte bald nad mit
einer gleichen Anzahl Truppen und forderte Abd Errahman
nochmals auf, Chorafan zu verlaffen. Diefer hoffte aber,
daß es ibm als Hafchimiten und fo nabem Berwandten von
Mohammed leicht fein würde, Jezid's Truppen zu verführen
und ließ es zum Kriege fommen. Jezid übertrug den Ober-
befehl feinem Bruder Mufaddhal, der ohne große Anftrengung
die Rebellen zu Paaren trieb, von denen fich ein Theil, gleich
beim erften Angriffe, aus dem Staube machte ). Unter den
Gefangenen, welche Jezid dem Haddjadj nad Kufa fehiekte,
wor Mufa Ibn Ubeid Allah, welcher früher Abd Errahman’s
Leibwache befehligt. Als Haddjadi ihm Vorwürfe machte,
fagte er: „Gott erhalte den Emir! e8 war eine Empörung,
welche fowohl den Tugendhaften als den Verbrecher mit fich
riß, nun bat dir Gott aber den Sieg über ung verliehen,
begnadigft du uns, fo verdanfen wir es beiner Milde und
deiner Großmuth, beitrafit du, fo haben wir deine Strafe
nur unferm Vergehen zuzufchreiben!” Haddjadj erwiederte
bierauf: „Es ift nicht wahr, daß diefe Empörung aud) die
Tugendhaften mit ſich riß, doc das Befenntnig deiner Schuld
mag dir nüsen 2).“ Halkam Ibn Nueim, einen andern Ge-
fangenen, fragte Haddjadj: „Was erwarteteft du von Abd
Errabman Fon Mobammed? hoffteft du fein Stellvertreter
zu werden?” Halfam antwortete: „Ja wohl, ich war ehr—
geizig und hoffte ihm das zu werden, was du jest Abd Al—
malif biſt.“ Diefem ließ er fogleich den Kopf abfchlagen.
Auch der Dichter Aaſcha Hamadani, welcher viele Satyren
1) Ibid. f, 124 v.
2) Ibid, f, 125 v.
464 Neuntes Hauptſtück.
gegen ihn gedichtet, ward hingerichtet, obſchon er jest eine
große Kaßidah herfagte, in welcher Haddjadj fowohl als Abd
Almalif verberrliht, die Irakaner aber mit Schimpf und
Schmach beladen werden ). Feirus Ibn Hußein, einer der
Gefangenen, ward gegeißelt, bis fein ganzer Körper wund
war, dann mit Eſſig und Salzwaffer gewafchen. Da fagte
er: „ich habe viel Geld ausjtehen, das für euch verloren ift,
wenn ihr mich jest zu tod martert, laſſet mich Lieber erft
meine Schulden einfordern. Als man ihn aber in die Stabt
führte, rief er: „Wer mic) erfennt, der weiß, wer ich bin,
wer mich nicht mehr erfennt, der wife, ich bin Feirus Hußein.
Biele Leute find mir Geld ſchuldig, ich erfläre aber hiermit,
daß ich Jedermann feine Schuld erlaffe und von Niemanden
einen Dirham zurücbegehre. Möge es der Anmefende dem
Abweſenden verkünden!” Er Tieg fih dann gerne hinrichten,
da er doch Haddjadj um einen Theil feiner Neichthümer
gebracht und fi fo für die erlittene Mißhandlung gerächt
hatte 2), Abd Errahman, der Hafchimite, entkam jedoch
glücklich nach Sind 3), während Abd Errahman Jon Mo-
bammed Ibn Aſchath im folgenden Jahre, oder nach Andern
im Sabre 85 der Hidjrah (14, Jan. 704 bis 2. Jan, 705)
umfam. Ueber fein Ende find die Nachrichten eben fo von
einander abweichend, wie über das Jezdedjed's. Manche
1) Ibid, f. 127 v. Sn diefem Gedichte heißt es unter Anderm:
„Gott wollte fein Licht in vollem Glanze ftralen laſſen und die
Flamme der Ruchlofen löfchen. Jrak follte gedemüthigt werden,
weil es das fefte Bündniß zerriffen.. . In ihren Worten it Feine
Aufrichtigkeit, in ihren Thaten Peine Ausdauer, nichts als eitles
Prahlen, darum hat fie auch Gott mac allen Seiten hin zerftreut
... Sie Elagen ihre Emire der Tyrannei an, während fie wider
fpenftige Hebelthäter find, Wir finden die Söhne Merwan's als
die beften Smame und die mildeften Herrfcher. Nach dem Propheten
find fie die edelften Sprofien aus dem Zweige Kureifch u. ſ. w.“
2) Ibid. f, 129 r,
8) Ibid. f. 125 r,
Abd Almalik. 465
behaupten, daß nicht lange nach feiner Rückkehr zu Zenbil,
Haddjadj diefem mit einem verbeerenden Kriege drobte, falle
er Abd Errahman Tänger bei fich behielte, ihm aber jeden
Tribut auf fieben Jahre erlaffen wollte, wenn er diefen Re—
beffen aus dem Wege räumte und daß Zenbil hierauf dem
Haddjadf das Haupt Abd Errahman's zugefandt habe. Andere
erzählen, er fei an einer Krankheit geftorben, als man ihn
aber beerdigen wollte, babe Zenbil feinen Kopf abjchneiden
laffen und Haddjadj geſchickt, nebft denen von achtzehn feiner
Verwandten. Einer dritten Tradition zufolge wollte Zenbil
von einer Auslieferung nichts wiffen, bis Abd Errahman bei
ihm von einem andern Araber verläumdet ward, dann fandte
er ihn gefeifelt mit feinen Verwandten an Omara, der in
Sedjeftan war. Als Abd Errahman fih aber verrathen ſah,
flürzte er fih von einem Dache herab. Sein Haupt ward
dann Haddjadj geichieft, diefer fandte es dem Chalifen nad)
Damasf ”) und son bier ward es auch noch nad) Egypten,
dem Bruder des Chalifen Abd Alaziz gebracht.
Als eine Folge der Empörung Abd Errahman’s 2) fann
1) Ibid. f. 1354, Die Frau eines Kureifchiten, welcher Abd
Almalit auch Abd Errahman’s Haupt zufchiete, rief, als fie es
erblickte: Ser mir willfommen, theures Haupt! das nicht mehr
ſprechen kann. Ein König von den Königen ftrebte nach dem, was
ihm geziemte, aber das Schieffal wollte es anders. Als des Chalifen
Berfchnittener hierauf den Kopf wieder weatragen mollte, ri fie
ihm denſelben aus der Hand, wuſch ihn ab und widelte ihn ein, dann
erlaubte fie ihm erit, ihn wieder zu nehmen. Als der Verfchnittene
dies dem Chalifen erzählte, bat er ihren Gatten, irgend eine Lift
gegen jte zu erfinnen.
2) Bei Tab. f. 150 wird erzählt: Als Haddjadj (im Sahr 85)
die Kufaner zu einem Feldzuge nad Chorajan aufbot, und fie in
Hamam Amru lagerten, befuchte ein junger Kufaner feine erft Fürz-
lich geheuratete Frau des Nachts. Während er bei ihr war, ward
an die Thüre geklopft und feine Frau fagte ihm, es fei ein fprifcher
Soldat, der ſchon mehrere Nächte betrunken zu ihr fomme und fte
mishandeln wolle, Der Aufaner ließ ihm öffnen und erjchlug ihn.
466 Neuntes Hauptſtück.
man die Erbauung der Stadt Waftt anfehen, in der Mitte zwi-
fhen Kufa und Baßra, deren Befagung diefe beiden aufrühreri-
ſchen Städte im Zaume halten follte. Eine zweite Folge diefer von
Srafanern ausgegangenen Empörung war die Entſetzung Jezid's
Ibn Muballab, der befanntlih auch aus Irak war und bei
Haddjadj angeflagt wurde, einige Nebellen, aus Rüdficht für
ihre Stammgenofjenfhaft verfchont 7), auch den Krieg in
Am folgenden Morgen befahl er feiner jungen Frau, fih zu
Haddjadj zu begeben und ihm von dem Worgefallenen Bericht zu
erftatten. Haddjadj jagte dann zu den Eyrern: beerdigt euern Er-
fhlagenen, der zur Hölle gefahren und für den weder Blutrache
genommen, noch Löſegeld bezahlt werden foll. Hierauf verbot er
den Syrern irgendwo einzufehren und fuchte einen geeigneten Platz
ald Hauptlager. Als er in der Gegend von Kasfar war, an der
Stelle wo fpäter Waſit erbaut ward, fam ein Mönch auf einem
Gfel geritten, welcher die Erde verunreinigte. Der Monk hob aber
die unreine Erde auf und warf fie in’s Waſſer. Hadvjadj fragte
ihn, warum er dies gethan? er antwortete: „ich habe in unfern
Büchern gefunden, daß hier eine Mojchee gebaut werden foll, in
welcher Gott angebetet wird, fo lange es Menichen gibt, die feine
Einheit befennen, da gründete Haddjadj die Stadt Waſit und baute
die Moſchee an diejer Stelle.
1) Nach Tab. f. 125 begnadigte er Mohammed Ibn Saad Ibn
Abi Wakkaß und Abd Grrahman Son Talha. Letztern wollte er
auch mit den andern Gefangenen fortfeicen, da fagte ihm fein
Bruder Habib: mit welchem Gefichte millft du je den Semeniden
entgegentreten, wenn du den Sohn Talha’s auslieferit? Sezid er:
wiederte: wer will aber Haddjadj mwiderfpenjtig fein? Habib ver:
ſetzte: ſchicke ihn nicht fort und made dich Fieber mit dem Gedanken
einer Entjegung vertraut, denn er hat einſt für unfern Vater 200,000
(Dirham) bezahlt, als fie ihm in der Mojchee der Vereinigung ge—
fordert wurden. Ibid. f. 128, wo auch eine andere Tradition angeführt
wird, der zufolge Mohammed Son Saad Ibn Abi Wakkas von
Haddjadj hingerichtet ward. Auch f. 129 beißt ed: einer der Gefange-
nen ja,te zu Haddjadj, Zezid habe feine Stammgenoſſen alle befreit
und ihm nur die Söhne Mudhar's zugeſchickt, dieß vergaß Haddjadj
nie. Muhallab war befanntlih aus dem Stamme Ad, weldyer aus
Semen fam und von Kahtan abitammte, Haddjadj war ein Tha—
Pifite und ftammte von Mudhar ab, Talha’s Mutter aber aus Zemen.
Abd Almalik. 467
Trangoranien nicht mit der erforderlichen Strenge geführt zu
haben 9. Der Chalife willigte ungern in diefe Entſetzung
und Haddjadj felbit wagte es nicht, an feine Stelle einen
Fremden zu ernennen, jondern übertrug die Statthalterfchaft
zuerft Jezid’s Bruder Mufaddhal, und erft nah neun Mo—
naten entfernte er diejen und ernannte Kuteiba Ibn Muslim,
der für die Ausdehnung des Islams im Oſten daffelbe that,
was Mufa und Tarif im Weften, deſſen Thaten aber au
erit dem folgenden Chalifate angehören. Unter Mufaddhal
ward jedoch noch das Gebiet yon Tirmez erobert, in welchem
bisher Mufa, ein Sohn des oben erwähnten Abd Allah Ibn
Chazim, bisher der Macht des Chalifen getrotzt hatte 2).
1) Die Legende weiß auch für diefe Handlung Haddjadj’s einen
andern Grund. Tab. f, 155 erzählt: Haddjadj Fehrte einft, auf einer
Reife nad) Syrien, in ein Klofter ein, wo ein fehr gelehrter
Scheich fih aufhielt, Er lieg ihn vor fih rufen und fragte ihn:
„findet ihr etwas in euern Büchern über eure und unfere Zuftände ?“
er antwortete: „ja wohl, wir finden darin fomwohl eure Vergangen:
heit, als eure Gegenwart und Zukunft aufgezeichnet.“ „Ausdrüclich
mit Namen oder nur allgemein gefchildert?* „Sie enthalten theilg
Schilderungen ohne Namen, theils Namen ohne nähere Befchrei-
dung.” „Was findet ihr über den jegigen Fürften der Gläubigen ?“
„Wir finden, daß in unferer Zeit ein furchtbarer König herrfcht,
der alles umftürzt, was fib ihm miderfegt. „Und nah ihm?“
„einen Mann, der Welid heißt.“ „Und nach diefem?” „einen
Mann, der den Namen eines Propheten führt.“ (Suleiman.) „Kennft
du auch mih?“ „ich habe von dir Kunde.“ „Weißt du, mas mir
verliehen?” „Sa.“ „Wer wird mein Nachfolger?“ „Gin Mann,
welcher Zezid heißt.” „Noch bei meinem Leben oder erft nach mei:
nem Tode?” „Das weiß ich nicht.“ „Weißt du etwas Näheres über
ihn?” „Sonft nichts, als dag er Verrath üben wird.” Haddjadj
dachte gleih an Zezid Son Muhallad, und ward fehr beunruhigt
durch die Worte des Mönchs. Er ſuchte ihn dann bei Abd Almalie
zu verdäctigen, erinnerte ihn an Muhallab’8 Anhänglichkeit für
Abd Allah Ibn Zubeir und meldete ihm die Worte des Schriftge:
lehrten, bis er endlich einmilligte.
2) Ibid. f. 138 u, ff. im Jahe 85,
30 *
468 Neuntes Hauptflüd.
Ehe wir nun zu Abd Almalik's Testen Tagen übergehen,
bleiben uns noch feine Striege gegen die Byzantiner, ſowohl
in Alten als in Afrifa, zu erwähnen übrig.
Wir haben ſchon oben gefehen, daß ohngefähr um die—
felbe Zeit, als Abd Almalif den erften Zug gegen Jraf
unternahm, alfo im Jahre 69 oder 70 der Hidjrah ) (688
oder 689 n. Chr.), er mit den Griechen, welche, wahrscheinlich
feine Abwefenbeit benügend, das mufelmännifche Gebiet über:
fielen, einen Frieden ſchloß. An der Erhaltung dieſes Frie-
dens lag dem tributpflichtig gewordenen Chalifen fehr viel,
weil er Mußab befriegen und das ganze Euphrat- und Tigrig-
gebiet wieder feinem Scepter unterwerfen mußte, Erſt im
Sabre 73 2) (692 — 95) entbrannte der Krieg aufs Neue
1) Wenn wir bei der Zeitbeftimmung der verfchiedenen Kriegs:
züge und Friedensichlüffe zwifhen den Griechen und Arabern auch
feinen Grund haben, den mujelmannifhen Quellen eher als dem
ältern Theophanes zu folgen, fo verdienen doc Gritere gewiß den
Vorzug, wo es fih um rein einheimifche Angelegenheiten handelt,
wie z. B. der Krieg Abd Almalit’s gegen Mußab und der Haddjadj’s
gegen Abd Allah Sbn Zubeir. Da nun ſelbſt Teophanes (S. 556)
diefen Friedensjchluß in daffelbe Sahr fest, wie die Empdrung Said's,
fo ift Fein Zweifel, daß er früheftens im Jahr 688 ftatt fand. Außer
dem ſchon oben angeführten Tab. lieft man auch bei Sujuti (S. 253)
und Masudi (f. 246): Abd Almalif erfuhr in einer Nacht die Wie:
derlage der gegen Medina abgefandten Truppenabtheilung, den Auf:
ftand in Damasf, den Einfall von Mußab's Truppen auf der einen
und der Griechen auf der andern Seite. Er befriedigt Lestere durch
Geld u. j. w.“
2) Es heißt bei Tab. L. 25 r. Sm Sahr 73 fchlug Mohammed
Son Merwan die Griechen in die Flucht, nachdem Othman Ibn
Welid ıhnen in Armenien mehrere Schlachten geliefert. Er hatte
nur 4000 Mann bei fi, die Griechen zählten aber über 60,000 (2).
Demungeachtet wurden Lestere gefhlagen. Mögen auch) diefe Zahlen
unrichtig fein, fo ſcheint doc jedenfalls das griecifche Heer dem
arabifchen um das doppelte oder dreifache überlegen gewefen zu fein,
deshalb glaube ich, daß hier von dem Kriege die Rede ift, in wel:
chem die Siaven den Kaifer verriethen, und entweder fih gar nicht
Abd Almalik. 169
fowohl in Armenien und Kleinafien als auf dem Gebiete von
Carthago und dauerte mit wenig Unterbrechungen bis zum Tode
Abd Almalik's fort. Der Friede ward yon Seiten des Kaiſers ge-
findet, der nad Unterjochung der Slaven, mit denen er
fein Heer verftärfte, den Durch innere Kriege gefhwächten
Mufelmännern die Spise bieten zu fünnen glaubte. Aber
Mobammed Ibn Merwan, ein Bruder des Chalifen, flug
die Griechen, nachdem der größte Theil der Slaven zu ihm
übergegangen war, bei Sebaftopolis, während Othman Ibn
Welid fie aus Armenien vertrieb und den größten Theil dieſes
Landes aufs Neue dem Chalifen unterwarf I. Aber fchon
im folgenden Jahre ftellte fih der Armenier Simpad, welder
glüklih aus feinem Gefängniffe in Damasf entfam, wieder
an die Spite feiner Glaubensbrüder und mit Hülfe byzan-
tinifcher Truppen unter Leontius’ Führung gelang es ihm,
die Mufelmänner wieder aus dem Herzen Armenien zu verz
treiben 2). In Folge diefer Niederlage feheinen jedoch die
fhlugen, oder gar zu den Mufelmännern übergingen. Freilich fest
Theoph. diefen Krieg in das Sahr 691 (6833— AL) aber die von ihm
angegebene Zeit kann doch Feinesfalld richtig fein, da er vorher den
Sieg Haddjadj’s (chagan) über Abd Allah Ibn Zubeir (zumir) meldet,
der erft im Sahr 73 itatt fand.
1) Theoph. S. 561, wo nur, wie fchon erwähnt, das Sahr
nicht richtig angegeben ift. Auch St. Martin (Mem. sur l’Armenie I.
340) nimmt an, daß im Sahr 695 ganz Armenien den Arabern
unterworfen war und von arabischen Statthaltern beherrfcht ward,
welche ihren Sig in Tovin hatten. Der Grite heißt bei St. Martin
Abd Allah. Nah der Meinung diefes Gelehrten ftritten fih By:
zantiner und Araber feit dem Sahre 686, wo wir oben (©. 294)
die Gefhichte Armeniens gelaffen, um den Beſitz dieſes Landes,
Sm Sahre 690 fandte Suftinian drei Heeresabtheilungen nad Ars
menien, die, wie es fcheint, erft im Jahr 695, als Abd Almalık
freier athmete, mit Nachdruck befämpft werden fonnten,
2) St. Martin a. a.D. Auch das Schweigen Tabari's von einem
Feldzuge im Sahre 74 d. H. (Mai 693—694) deutet auf eine Mies
derlage der Araber, ebenfo der Erfolg des Feldzuges im folgenden
470 Neuntes Hauptſtück.
Griechen wieder einen vortheilhaften Frieden oder wenigſtens
einen Waffenſtillſtand geſchloſſen zu haben D), der auch jetzt
noch dem Chalifen erwünſcht ſein mußte, weil er noch immer
ſeiner beſten Truppen zur Erhaltung der Ruhe in Arabien,
Irak und Perſien bedurfte. Aber auch dieſen Frieden brach
Juſtinian muthwilligerweiſe kurz vor ſeiner Entthronung (695)
und weigerte ſich, die neugeprägten arabiſchen Münzſorten als
Tribut anzunehmen. Bis zum Jahre 75 oder 76 d. 9. 2)
hatten nämlich die Araber fich theils fremden Geldes bedient,
theils neues Geld mit griechiihen oder perſiſchen Infchriften
prägen laffen. Abd Almalif ließ aber jet die eriten ara-
bifhen Münzen fchlagen mit Legenden, welche verfchiedene
Sprüde aus dem Koran enthielten 7). Sei es nun, dag
Sahre, welder nad) den Waffenthaten des 3.73 Feiner wäre, wenn
nicht Verluſte dazwischen fielen,
1) Dies geht fowohl aus Tesph. ©. 559 hervor, wo die Araber
zur Zeit, als Abd Almalif ein neues Münzweſen einführte, (694— 95)
als tributpflichtig erfcheinen, wie auch aus Sujuti und Makrizi, welche
eines Schreibens des Chalifen an den Kaifer und eine Drohung
deffelben wegen einer arabijchen Weberjchrift des Briefes erwähnen,
in Folge derer er neue Münzen prägen ließ.
2) Nah Tab. f. 56 v. im Sahr 76, ebenfo bei Glmafin ©. 64,
Bei Sujuti S. 249 aber im Sahre 75, ebenjfo im Chamis. Tab,
kann hier nicht als fehr gewichtige Autorität angefehen werden, weil
er nur Wakidi anführt, der befanntlich beſonders in chronologiſcher
Beziehung fehr unzuverläflig ift. Wenn, wie Theoph. berichtet, die
Münzveränderung noch einen Krieg zwiſchen Abd Almalif und Ju—
ftinian veranlaßt hat, fo muß fie nothmwendigerweife in das Jahr 75
gefegt werden, da Zuftinian im Jahr 695 entthront ward. S. auch
bei Möller (de numis oriental. innumpphylacio Goth. asserv. conıment. I.)
&.6 mehrere andere Quellen, welhe das Jahr 75 ald das der Vers
änderung im Münzmefen angeben.
5) Sch folge hier ohne VBedenfen dem gelehrten Numigmatifer
Frähn, mwelher Tychſen's Zweifel an Makrizi's Berichte von der
Griften; mufelmännifher Münzen vor Abd Almalik vollftändig wider:
legt. ©. befonders Sahresverhandlung der Kurländ. Gejellihaft für
Literatur und Kunft, Bd. I, ©, 401 u. ff. Frähn's Anficht zufolge,
Abd Almalik. a1
unter diefen Legenden mande für einen chriftlichen Kaifer
verlegend waren, oder daß das Gewicht diefer neuen Münzen
im Berbältniffe zu den früheren geringer war, genug, Juſti—
nian nahm diefe Neuerung zum Borwande eines neuen Frie—
densbruches. Die Araber fämpften mit Erbitterung gegen
die wortbrüdigen Griechen und löſchten die Schande einer
mehrjährigen Untertbänigfeit in dem Blute ihrer Feinde. Die
Griechen mußten das Gebiet von Maraſch räumen und der
byzantinifche Statthalter Simpad überließ ihnen wahrſcheinlich
wieder die ſüdlichen Provinzen Armeniens D. Bon diefer
Zeit an machten nun die Araber alljährlich Streifzüge nad)
dem Gebiete der Griechen und zogen fih mit Menfchen= und
Güterraub bereichert, wieder zurüd, ohne daß es mehr zu
einer größern Schlaht gefommen wäre, Doch nahmen die
welche inzwifhen durch aufgefundene Münzen noch mehr Gewicht
erhielt, lieg jhon Omar Silbergeld nad) periishem Gepräge fchlagen,
das nur ganz Furze Sprüche wie „Lob fei Gott“ u. dal. oder
den Namen Dmar’s enthielt. So ging das fort bis auf Muamia,
der auch Dinare prägen ließ, auf welchen er mit einem Schwerdte
umgürtet dargejtellt war. Auch Abd Almalik hatte in der erften
Zeit Münzen mit einer Figur prägen laffen, dann aber ein rein
Sälamitifhes Gepräge eingeführt, welches aus größern frommen
Sprüchen aus dem Koran beftand, von denen mandhe gegen Nicht:
Mufelmänner gehäffig waren, Auch die arabijchen Statthalter liefen
fhon unter Muawia Münzen jchlagen, und fo hat H. Dlshaufen,
der fih um die Entzifferung der Pehlewimünzen fo verdient gemacht,
im Sahr 1844 eine Münze gefunden, welche den Namen des Statt:
halter8 Zijad und die Zahreszahl 52 enthält. Andere von Ubeid
Allah und Salım aus den Sahren 60 und 63 d. 9. find ſchon früher
befannt worden. ©. Verhandlungen der deutihen Gefellfhaft für
Kunde des Morgenlandes. 1844.
1) Tab. f. 28 v. Sm Sabre 75, nah Hadji Chalfa im J. 74.
Auch Teoph. fpribt ©. 563 im Sahr 687 Al.) von einem Gtreif:
zuge der Araber in das4. Armenien d. h. in den anden Quellen des
Tigris gelegenen Theil Armeniens, welcher jest zum Paſchalik von
Amid gehört. St, Martin erwähnt nihts von einem Siege der Araber,
meder im Zahr 694, noh im Jahr 695.
472 Neuntes Hauptſtück.
Chriften im Jahre 79, als Syrien von einer verheerenden
Peſt heimgefucht ward, an den Muſelmännern des nördlichen
Syriens eine furchtbare Rache, und brachten befonders den
Bewohnern son Antiochien eine blutige Niederlage bei D).
Dies erzählen felbft arabifhe Duellen, denen zufolge dann
aber in den Jahren 81 (700—701) und 84 (703) Abd
Allah, ein Sohn Abd Almaliffs, die Griechen wieder ge—
Ichlagen haben fol. Im Jahr 81 foll er Erzerum einge-
nommen haben und im Jahr 84 Mafia 7) (mopsuestia),
woraus ſich von felbft ergibt, daß er in der Zwifchenzeit
alles im Jahr 81 eroberte Land wieder verloren. Auch
wiffen wir aus byzantinifchen Berichten, daß die Araber im
Jahr 83 durch einen Aufftand der Armenier 3) und im Jahr
84 dur die Truppen bes Heraklius, Bruder des Kaifers
Apfimarus, ſchweren Berluft erlitten, Jener Aufftand der
Armenier veranlaßte dann die Araber zu allerlei Graufam-
feiten und e8 wurden auf Befehl Mohammed's, Bruder des
Chalifen, fo viele Kirchen niedergebrannt, daß diefes Jahr
1) Tab. f. 94: Sm Sahr 77 machte Welid einen Streifzug gegen
die Griechen. Dann f. 9: Im Jahr 78 Sahja Son Alhafam,
Sm Sahr 79 Niemand, wegen der Vet, weldhe in Syrien haufte;
nach einigen Berichten brachten in diefem Sahre die Griechen den
Bewohnern von Antiochien eine Miederlage bei. Auch Theoph.
©. 569 erwähnt unter dem Sahr 692, (700) alfo nur um etwa ein
Sahr fpäter, einer furchtbaren Niederlage der Araber: »Romani autem
impressione in Syriam facta Samosatum usque penetrant, vicinasque
regiones populati, Arabum ad ducenta ut narrant millia (2) trucidant,
spoliaque optima innumerosque captivos abducentes, valido metu Ara-
bum animis incusso, domum reversi sunt.«
2) Erftere nach Tab. L. 100 im Sahr 81 und legtere f. 131 im
Sahr 84. Kalifala heißt Erftere bei Tab., vergl. St. Martin I, 69
und I. 215, auch Hadjı Chalfa bei Möller a. a. D. ©. 28.
3) Theoph. S. 570 im Sahr 695 (703). Tab. f. 181 Hadji
Shalfa 1. 1, ©. 24, Nach St. Martin (S. 341) hingegen fielen die
Siege und Graufamfeiten der Araber in das Sahr 704 ©. au
Johannes Catholicos trad. par St. Martin ©, 86 und 87.
Abd Almalik. 473
(das 84. d. H.) das des Brandes bei ihnen genannt ward.
Die Niederlage der Araber im folgenden Jahre hingegen
wird felbft von mufelmännifchen Autoren nicht geläugnet U),
doch wird der Ort, wo ein Treffen vorftel, nicht genannt.
In Afrika konnten die Araber feit Okba's Tod, weil
fie von Oſten ber ohne Unterftügung blieben, nicht mehr das
Gebiet von Barka überfchreiten, obgleich von einigen Autoren
behauptet wird, fie haben im J. 64 (683 bis 84) unter
Führung des Zubeir Ibn Keis den vebellifhen Berbern eine
blutige Schlacht geliefert, in welcher Rufeil Ihn Lemzem, der—
felbe Häuptling, der den aus Weftafrifa beimfehrenden Dfba
überfallen, getödtet 2) ward. Erſt im Jahr 73, als Ibn
Zubeir aus dem Wege geräumt war, fonnte fid) Abd Almalif
mit der Wiedereroberung der in Afrika verlorenen Provinzen
wieder beſchäftigen. Haſſan Jon Numan ward zum Statt
balter von Afrifa ernannt und er brad an der Spike eines
großen Heeres zuerft gegen die von Griechen befesten Küſten—
ftädte bis nad) Karthago auf ®), dann wendete er feine Waffen
1) Hadji Chalfa ©. 25.
2) Fon Abd Alhak. S. 109.
3) Wie Kartbago eingenommen ward, geht aus Ibn Abd Al-
hakl. 1. nicht ganz klar hervor. Es heißt wörtlih: „Sm J. 73
ward Haflan Sbn Numan zum Statthalter des Weſtens von Abd
Almalıf ernannt. Er bradı mit einem großen Heere auf und lief
fi in Tripoli nieder, wo fich diejenigen um ihn verfammelten, welche
die Provinz Ifrikija und Tripoli verlaffen hatten. Er jandte Mo:
hammed Ibn Abi Bekr und Hilal Son Thauban und Zuheir Son
Keis mit den Vorpoften voraus, eroberte das Land, machte große
Beute und zog aus (charadja) nad) der Stadt Kartagena (Karthago)
in welcher die Griehen waren, er traf (oder fchlug »lam jussib)
darin nur wenige von ihren Schwachen und er ging wieder und zog
gegen die Kahinah u. f, w.“ Dies kann nun fo gedeutet werden,
dag nur eine Fleine, ſchwache, griechiſche Befakung in Karthago
fag, die fich bald ergab, oder dag er nad) der Einnahme der Stadt
nur noch einige Franfe Griechen in derjelben fand, meil die übrigen
ſich wahrfheinlich zur See geflüchtet hatten. Nach Numeiri Gourn.
474 Neuntes Hauptftüd.
gegen die Berber, welche fih den Griechen anfchloffen, weil
fie unter ihrer Herrichaft doch wenigſtens in den von der
Küfte entlegenen Ländern eine gewiffe Freiheit und Unab—
bänigfeit behaupten fonnten. Haffan ward aber von den
Berbern auf's Haupt gefhlagen ) und genöthigt, ſich wieder
in das Gebiet von Barka zurüdzuziehben. Die Berber wurden
damals von einer Königin regiert, welche zugleich alg Prie-
fterin oder Wahrfagerin (Kahina) bei ihrem Bolfe unbe-
dingten Gehorfam fand und ihr allein war es gelungen, die
zahlreichen, fjowohl durch Abftammung als durch Sprache
von einander getrennten Berber, unter ihrem Scepter zu
vereinen. Mit ihrem Tode, welchen ihr ein treulofer Araber
bereitete, den fie, wie ihre eigenen Kinder, mit Wohlthaten
überhäuft, war daher auch die Macht der Berber gebrochen.
Diefer Berräther, Chalid Ibn Jezid, aus dem Stamme
Abs ?), ließ fih nämlih von Haflan Fon Numan beftechen,
Asiat. 3me Serie t. XI. p. 134, ward Sarthago mit Sturm genommen
und in eine Ruine verwandelt. Letzteres it unwahricheinlih, da ja,
wie wir aus Byzantinern willen, noch einmal darum gekämpft ward.
Die Zeit der Einnahme wird nicht näher angegeben; fie mochte, Da
nah Son Athir Haffan erit im Jahr 74 nad Afrika Fam und gewiß
viele Kämpfe zu beitehen hatte, bis er nad) Karthaao gelangte, im
Sahr 76 (695—696) ftatt gefunden haben. Sch weiß nicht, warum
Lembfe, der doch auch morgenlänvdifche Quellen benügt hat, in feiner
Geſchichte von Spanien (I., 251) fhreibt: „Endlich aber entichloß
fih der Khalif Abdelmelef Ben Merwan zu mwirfjameren Mitteln,
Afrika zu erobern. Er beauftragte damit den Statthalter von Eayp-
ten, Hhafan Ben Naaman u. f. w.“ Haſſan war aber niemals
Statthalter von Egypten, fondern vom weſtlichern Afrifa, Statt-
halter von Egypten war aber Abd Alaziz, ein Bruder Abd Almaliks.
1) Die Schlacht fiel nach Numeiri (a. a. O. S. 558) am Fluffe
Nini, zwei Stunden füdöftlib von Beahaya, bei Son Abd Alhaf.
1. 1. beißt es: „bei einem Fluſſe, welcher jest Fluß des Verderbens
(Albalai, wegen der verlorenen Schlaht) genannt wird.
2) Bei Numeirt „aus dem Stamme Keis,“ von dem Abs auch
einen Zweig bildet.
Abd Almalik, 475
und feste ihn von allen Bewegungen der Priefterin in Kenntniß,
fo daß es ibm leicht war, fie eines Tages mit einer über—
legenen Truppenzabl zu überfallen und zu tödten 7),
Test durchzog Haffan als Sieger das ganze Gebiet von
Kairawan und feste die Mufelmänner aufs Neue in biefer
Stadt feit, welche der Mittelpunkt arabifher Herrichaft in
Afrika ward 2), Als aber Haffan Afrifa verließ 3), wurde
1) Son Abd Alb. ©. 110. Als fie den Feind ſah, rief fie Cha:
fid zu ſich und ſagte ihm: ich habe dich ald Sohn angenommen,
damit du in einer ſolchen Stunde der Gefahr meine Göhne retteft,
ich bin des Todes, gehe aber zu Haflan und flehe feine Gnade für
fie an! Chalid that dies und Haſſan feste (jpäter) den ältejten Sohn
der Kahinah über einen Theil der Berber, welche mit ihm waren.
Die Kahinah aber wurde am Fuße des Berges mit ihrer Umgebung
von Haffan erfchlagen und der Ort ward „Brunnen der Kahinah“
genannt. Fabelhaftes findet man bei Son Abd Alh, gar nichts über
diefe Kahinah, wenn nicht etwa, daß fie, ald Chalid einen Brief
an Haflan in einen Laib Brod verbarg, vorausgefagt haben fol,
daß ihr Verderben in einem Wahrungsmittel enthalten fei. Zie
Zeit ihres Todes wird nicht angegeben, fällt aber jedenfalls zmifchen
den Fahren 76 und 73 d. H., da in dieſem Jahre Haſſan wieder
Afrika verließ, mwahrfcheinlich alfo in das Sahr 77 1696-697), da
ja Haffan nah ihrem Tode noch andere Krieaszüge unternahm und
auch längere Zeit in Kairaman verweiltee Numeirt, welchem die
meiften Guropier folgen, läßt Haſſan 5 Sahre in Barfa bleiben,
und fchreibt Haſſan's fpätere Siege den neuen, aus Syrien ange-
fommenen Truppen zu, auch läßt er die Griechen gemeine Sache mit
den Mufelmännern gegen die Kahinah madhen. Man fieht hier offen-
bar, daß Mumeiri oder einer feiner Vorarbeiter alles aufbot, um
die Wahrheit, dag Haffan feinen Sieg nur dem Verrath eines Ara-
bers verdanfte, zu verhüllen.
2) Bon der Wiedereinnahme von Karthago wird nichts erwähnt,
fie verſteht fih aber son felbft durch die Worte: „und er blieb da-
felbft, bis ibm das ganze Pand unterthan war” und geht auch aus
Theoph. ©. 567 hervor, demzufolge Sohannes fie erft mieder eins
nehmen mußte.
5) Nah einer Tradition im Sahre 76, nad) einer andern im
Sahre 78. Lesteres iſt wahrfcheinlicher und ftimmt auch, wenn wir
476 Neuntes Hanptflüd.
das ganze Küftenland abermals den Arabern entriffen. Der
Kaiſer Leontius fandte den Patricier Johannes mit einer
großen Flotte nach Afrifa, welcher Karthago wieder einnahm,
den Ibrahim Jon Alnußrani, welden Haffan als Präfeften
von Barfa zurücgelaffen, vertrieb und Zuheir Ibn Keig,
welcher ihm auf dem Gebiete der Pentapolis ein Treffen
lieferte, töbtete ). Haffan wurde daher von dem Chalifen
wieder nach Afrifa zurüdgefchict ?). Als er aber nach Egypten
zu Abd Alaziz kam, verlangte er die Zurückberufung Talid's,
eines Sklaven, welchen Abd Alaziz zum Statthalter des in-
zwifchen wieder eroberten Gebiets von Barfa erhoben, und
— —
den Anfang des Jahres nehmen (März 697) ſo ziemlich mit den
byzantiniſchen Berichten überein.
1) Ibn Abd Alh. S. 111. Dort heißt es zwar „im Jahr 76,“
dies kann aber jedenfalls nur nach der erſten in der vorhergehenden
Note angeführten Tradition richtig fein, denn Zuheir ward erſt, als
die Nachricht von dem Verfufte der Araber nad) Egypten Fam, alfo
lang nad) Haffan’s Abreife, wieder nach Afrika geſchickt. Numeiri,
1.1. ©. 135 läßt Zuheir fchon mehrere Sahre vor dem Tode Abd
Allah's Ibn Zubeir, alfo auch vor der erften Sendung Haſſan's nad
Afrifa, in einem Gefechte mit den Griechen in Barfa umfommen,
2) Haſſan war gar nicht abgefegt worden, wie fich aus Abd Alaziz’s
Vorwürfen ergibt, fondern wollte nur einen Triumphzug mit feiner
Beute und feinen Sklaven nach Egypten und Syrien feiern. Ganz
unrichtig ift daher bei Numeiri nach Slane’s Ueberfegung ©. 560:
II (Hassan) fut depose par Abd-el-Aziz Ibn Merwan, gouverneur de
’Egypte et de l’Afrique, lequel le rappela lors de la mort d’Abd-el-
Melik et de l’avenement d’el Welid, fils de ce Khalife. Befanntlich
ftarb ja Abd Alaziz im Sahre 84 oder 85 und Abd Almalif erft im
Sahr 86. ©. Tab. f. 149 und Abulfeda ©. 425 und 426. Nawawi
führt zwar auch (S. 395) eine Tradition an, derzufolge Abd Alaziz
auch erſt im Jahr 86 ftarb, eben fo Elmakin ©. 66, doch geht
jedenfalls aus Lesteren wie aus Tab. hervor, daß er vor Abd Al:
malif ftarb und diefer erft nach deffen Tode Welid zum Thronfolger
beftimmte. Darnach ift auch Lembke (S. 252) zu berichtigen, welder
den Ehalifen Welid dem Abd Alaziz fchreiben läßt, er follte Mufa
Son Nußeir in das mweftliche Afrika fehicen.
Abd Almalik, 477
als der Statthalter von Egypten fih weigerte, biefen Liebling
zu entjegen und Haffan Vorwürfe machte, daß er durch feine
Reife nad) Damasf den Griechen den Sieg über die Küften:
ftädte Afrifag erleichtert, Febrte er nach Damasf zurück, um
fih bei dem Chalifen zu beflagen, ftarb aber dafelbit bald
nah feiner Anfunft I. Abd Aaziz ftellte nicht lange nad
Haſſans' Abreife 2), den Mufa Ibn Nußeir (78 oder 79
1) Son Abd Alhak. S. 112, übereinftimmend mit einer alten
arabifhen Chronik, welhe dem Ibn Kuteiba, jedoch fälfchlich, zuges
fhrieben wird. Vergl. Makkari (v. Pascual de Gayangos) I. append.
©. 54 u. 55. Haſſan hatte nämlich vom Chalifen für ſich die Statt:
halterfhaft von Barfa zu der von Sfrifija erhalten. Daß Abd Alaziz
die Statthalterfhaft von Afrıfa für fih vom Chalifen begehrt, wie
Lembke ©, 252 berichtet, oder gar, wie bei Conde, um die von
Barfa andhielt und auch wirklich felbft dahin reifte, ift gewiß ein
Serthum, der daraus entitand, das Abd Alaziz den Talid nad) Barfa
ſchickte. Die ganze Scene bei Nuweiri (©. 561) zwiſchen Haſſan
und dem Chalifen Welid gehört natürlich demnach auch in das Reich
der Sagen.
2) Auch hier werden von Sbn Abd Alb. zwer Traditionen an:
geführt, man kann alſo jedenfalls annehmen, dag Muſa Anfangs
79 jhon in feiner Statthalterfhaft war. Diefes Sahr beginnt im
März 698 und ftimmt alfo vollfommen mit Theoph. überein, der
auch die leste Eroberung von Carthago durch die Mufelmänner in
das Jahr 690 (Alex.) fest. Nuweiri und Andere laffen befanntlich
Mufa erit im J. 89 nach Afrika kommen (j. Lembke ©. 252), aber
mit Son Abd Alhakam ſtimmt auch die ſchon genannte arab. Chronik
überein, wo auch erwähnt wird, dag Abd Almalik fehr aufgebracht
gegen feinen Bruder war wegen der Ernennung Mufa’s zum Statt
halter, Er wollte diefen ſchon früher (75) mit dem Tode beftrafen,
weil er angeklagt war, Bejchr, den Statthalter von Sraf, hinter:
gangen zu haben, ey verdanfte aber jein Heil fchon damals der
Fürfprache und Unterftügung des Abd Alaziz, welcher damals gerade
in Damasf war. Als jest der Chalife erfuhr, dag gegen feinen
Befehl Muſa den Dberbefehl über die afrifanifche Armee erhalten,
fagte er: „Selobt ſei Gott, der Muſa in meine Hand geliefert!“
d. h. mir eine neue Beranlafung gegeben, ihn zu züchtigen. Als
aber bald darauf unerhörte Siegesbotihaften und ein ganzes Heer
478 Neuntes Hauptſtück.
d. 9. 697—98) an die Spite der nad Afrifa beftimmten
Truppen, welcher die Griechen für immer aus Karthago und
den übrigen Küftenftädten vertrieb und auch nad und nad
Afrika in feiner ganzen Breite bis an das atlantifhe Meer
als Sieger durchzog. Auf die Züge dieſes fühnen Eroberers
werden wir unter der Regierung des folgenden Chalifen zus
rüdfommen, in welhe aud der Einfall der Araber nad)
Spanien fällt, welcher ebenfalls unter Muſa's Leitung ftatt
fand. Hier wäre nur noch einer von verfchiedenen Autoren
erwähnten Seefahrt nach Sieilien, unter Leitung des Atta
Ibn Raft zu erwähnen, welche im Jahr 82 d. 9. von Afrika
aus unternommen worden fein joll ). Aber gewiß handelte
es ſich auch nur von einer Furzen, vielleicht zu einem raſchen
Raubzuge benügten Landung, wie der, welcher fchon unter
Muawia's Chalifat, Abd Allah Ibn Keis Alfazari auf diefer
Inſel ausgeführt haben fol 2). Atta’s Flotte, welche auch
Sardinien berührt haben fol, ward auf der Heimfehr yon
einem Sturme zertrümmert, worauf dann Mufa bei Tunis
eine neue Flotte bauen ließ, deren Dberbefehl er feinem
Sohne Abd Allah übergab, Diejer fol dann nad Sicilien
hinübergefegelt fein und fih in einer im Weften diefer Inſel
gelegenen Stabt mit Beute beladen haben ?).
von Sklaven anlanate, verzieh ihm der Chalife. Conde I. ©. 22
(nach der Weberjegung von Rutſchmann) fest auh Muſa's Zug nad)
Afrika auf Befehl des Statthalter Abd Alaziz in das J. 78.
1) Hadji Chalfa bei Moller ©. 28, wo e8 zwar heißt; „Grobe:
rung Meſſina's, d. h. Siciliens, und Chami's.“
2) ©. Noveiri histoire de Sicile trad. de l’arabe par J. A. Caussin.
p. 8. Bon einer Landung Atta's in Sicilien erwähnt Nuweiri nichts,
eigentlich unterworfen ward Sicilien befanntlih erft im dritten Sahr:
hunderte der Hidjrah.
3) Makkari I. I, Appendir ©. 66 u. 67. Muja hatte zuerft die
Nachricht verbreiten laffen, er würde fich ſelbſt einfhiffen, um da:
durch mehr Leute für diefes Unternehmen zu gewinnen; in der That
meldeten fih auch die edelften und tapferſten Männer aus dem
Abd Almalik. 479
Mufa’s Freude mit der glücklichen Rückkehr feines Soh—
nes von diefem gewagten Naubzuge ward bald durch bie
Nachricht vom Tode feines Wohltbäters Abd Alaziz getrübt,
Der Tod diefes Bruders des Chalifen, der Egypten, zum
Gedeiben diejes Landes, feit deſſen Wiedereroberung durch
Merwan, verwaltete, — nad den zuverläfftgiten Berichten
bis zum %.840.9. — kam aber dem Hofe in Damasf eben
fo erwünſcht ), als er Mufa in Trauer verfeste. Abd AL
aziz ward nämlih von feinem Vater Merwan zum Thron-
erben nach Abd Almalik beftimmt, während diefer einem feiner
Söhne die Herrichaft über das islamitifhe Reich zu über-
tragen wünjchte, und ihn zu wiederholtenmalen, jedoch ohne
Erfolg, aufforderte, feinen Anfprücen auf die Nachfolge zu
Gunften Welids zu entjagen. In der legten Zeit fol fogar
der Chalife feinem Bruder mit Entfegung von feiner Statthalter:
haft und Abforderung einer ftrengen Rechenſchaft über Die
Heere, fo daß diefe Fahrt „der Streifzug der Edlen“ (Ghazwat
Aſſchurafa) genannt ward. Die Beute, melde aus Gicilien weg—
geichleppt wurde, foll jo bedeutend gewefen fein, daß jeder Krieger
— es waren ihrer zwiſchen 900 und 1000 — hundert Dinare ers
hielt.
1) Tab. f. 146— 148. Vielleicht ift Abd Alaziz vergiftet worden
was mwenigiteng aus dem Umſtande hervorzugehen jcheint, daß der
Bote, welher aus Eaypten Fam, Abd Almalik felbft und allein zu
ſprechen wünſchte und dag Abd Almalik furz vorher ihn verfluchte,
fo dag die Syrer nah feinem Tode fagten: „Er bat Abd Almalik
widerſprochen, drum ift er von ihm verwünfcht worden und Gott
hat des Chalifen Fluch erhört.” Es wird indeffen, wie fchon oft
erwähnt, den Dmejjaden fo viel Schlimmes aufaebürdet, daß wir
nicht nur nicht weiter gehen dürfen in unferm Verdachte, als die
mufelmännifhen Autoren, fondern bei fich mwiderjprechenden Tradis
tionen faft immer der minder nachtheiligen folgen dürfen. So leſen
wir auh bei Tab. nah der im Terte angeführten Tradition:
„Abd Alaziz fchrieb feinem Bruder: wir find beide in einem Alter,
das noch Wenige aus unfrer Familie überftiegen. Wer weiß, wer
von ung zuerft ind Grab fteigt, laß mich die wenigen noch übrigen
480 Neuntes Hauptſtück.
ganze Zeit feiner Verwaltung gedroht, und auf Haddjadjis )
Rath den Entſchluß gefaßt haben, ihn unter irgend einem
Borwande, auch gegen feinen Willen, von der Regierung zu
entfernen und die Nachfolge feinen Söhnen Welid und Sulei—
man zu fihern, als ein Bote aus Egypten ihm durch bie
Nachricht yon dem Tode feines Bruders, die ſchon befchloffene
Gewaltthat erſparte.
Indeſſen fand nach einigen Berichten, ſelbſt nach dem
Tode des Abd Alaziz, dem Abd Allah, ein Sohn des Cha—
lifen, in der Statthalterſchaft von Egypten nachfolgte, Abd
Almalik noch einigen Widerſtand, als er verlangte, daß man
noch bei ſeinem Leben ſeinen Söhnen Welid und Suleiman
huldige. Said Ibn Almuſejjab, einer der gelehrteſten und
angeſehenſten Männer Medina's, weigerte ſich hartnäckig, bei
dem Leben des Chalifen einem andern zu huldigen. Hiſcham
Ibn Ismail, der damalige Statthalter von Medina, ließ ihn
prügeln und wie einen zum Tode Verurtheilten in einem
haarnen Gewande nach dem Hinrichtungsplatze führen. Er
blieb aber ſtandhaft und der Statthalter wagte es nicht, ihn
hinrichten zu laffen 2), Die Oppoſition dieſes Mannes war
Tage in Ruhe genießen! Diefe Worte erweihten Abd Alma-
fit und er ließ ab von feinem Begehren.“
1) Haddjadj fandte ihm Ißam Alanazi, um ihn zu bereden, die
Thronfolge feinem Sohne zu fihern und deſſen Sohn Smran, den
Dichter, welher dem Chalifen ein Gedicht vortrug, in welchem
Welids Vorzüge und Rechte auf das Chalifat hervorgehoben werden,
die Nachfolge des Abd Alaziz aber als das größte Unglückfür die isla—
mitifchen Völker dargeftellt wird,
2) Tab. f. 148. Abd Almalik ſoll diefes Verfahren feines Statt:
halters getadelt und gejagt haben: da Suid Fein Aufrührer ift, fo
hätte er ihn in Ruhe laſſen, oder, wenn er doch einmal Gewalt
brauchte, ihn binrichten laſſen ſollen. Nach andern Traditionen hatte
fi früher Said geweigert, dem Abd Allah Son Zubeir zu huldigen
und ward darum von deifen Statthalter in Medina, Diubeir Ibn
Abd Almalik. 481
indeffen reine Glaubensſache, weil er eine folche Huldigung
bei Lebzeiten eines andern Herrſchers für eine den Eitten des
Islams widerftreitende Handlung bielt, ev dachte aber Feineg-
wegs daran, daß etwa ein anderer als Welid nad) dem Tode
des Chalifen den Thron bejteigen würde, denn alle Präten-
denten waren längft aus dem Wege geräumt, die Rebellen
allentbalben zerftreut, oder zur Ruhe zurücgefehrt und bie
Maffe des Bolfes der langen Bürgerfriege müde, Mit der
Gewißheit, für feine Nachfommen gearbeitet zu haben, ſchied
Abd Almalif den 14ten Schawwal des Jahres 86 !) (Sten
Dftober 705) aus diefer Welt, in einem Alter von 60 oder
63 Fahren 7). Die ganze Dauer feiner Regierung war,
von dem Tode feines Vaters an gerechnet, 21 Mondjahre
und etwa 11, Monate ?), yon dem Tode des Abd Allah
Alaswad auf obige Weife behandelt worden, Ueber Sad Sbn Mus
jejjab f. Nawami ©. 283. Seine Geburt fällt in das dritte Sahr
von Dmars Chalifat und fein Tod nah Nawawi in das J. 93 oder
94 2.9 Nah Andern bei Ibn Ihallifan (I, ©. 569) ein Paar
Sahre früher oder jpäter. Don feiner Weigerung, Welid oder Abd
Allah zu huldigen, ift bei feinem der beiden Biographen die Rede
welche überhaupt weniger feine Lebensſchickſale mittheilen, als feine,
Frömmigkeit, feine Traditionsfunde und fein Anjehn als Gelehter
preifen.
1) So bei Sbn Abd Alhak. ©. 112, welcher ganz richtig hinzu:
fegt: „an einem Donnerftag.” Bei Tab. f. 149 heißt ed: „Don:
neritag, Mitte Schamwal,” ebenjo im Chamis, wo jedoch hinzu:
gejegt wird: „nach Andern den 10ten Schammal.“
2) Tab. a. a. DO. Nah Andern in einem Alter von 58 oder
62 Sahren. Wenn die eine Tradition, derzufolge er am Tage von
Dthmans Tod, in einem Alter von 10 Sahren, bei jeinem Water
in Medina fich befand, wahr ift, jo erreichte er ein Alter von
60— 61 Jahren.
3) Bon Ramadhan 65 bis Mitte Schammal 86. Der Tag von
Merwans Tod wird in den meiften Quellen nicht näher angegeben,
alfo 1%, bis 1’, Monate, je nahdem Merwan Anfang oder Ende
Ramadhan geftorben., Nach Abulfeda ©. 408, welcher den öten
Ramadhan als den Todestag Merwans und der Thronbefteigung
Abd Almalifs angibt, ein Monat und 12 Tage,
31
482 Neuntes Hauptſtück.
Fon Zubeir an, durch den er eigentlich erſt Alleinherrfcher ward,
13 Mondjahre und A oder 5 Monate 9. Seine Regierung
war eine der ſtürmiſchſten in der Gefchichte des Islams, ſo
dag ihm wohl zu verzeihen ift, wenn er bei der Nachricht
som Tode feines Baters, im Vorgefühle der fchwierigen
Herrſcherpflichten, die feine ganze Aufmerffamfeit und Thätig-
feit in Anfpruch nehmen würden, das vor ihm Tiegende Exem—
plar des Korans mit den Worten ſchloß: „wir baben ung
zum lestenmale geſehen“ 2). Mebr als einmal war er dem
1) Se nahdem man annimmt, daß Abd Allah Mitte Djumadi—
l-Awwal des Sahres 73 oder Mitte Djumadi-l-Achir ftarb (f. oben
©. 422). 9. v. 9. fohreibt in feinem Gemäldefaal S. 105: „Sn
diefem Sahre (86) ſtarb Abdolmelif, ſechzig Sahre alt, im drei und
zwanzigften feiner Regierung,“ und dazu in einer Note: „Nicht im
80ten, wir es bei Abulfeda I. ©. 426 heißt, durch Schreibfehler
Afhret ftatt Sfhrin, was Reiske in der Weberfekung über:
fehen; er beftieg den Thron im J. 64 und ftarb im I. 86; (Hadji
Chalfa).” Dagegen ift erfteng zu bemerken, dag Abd Almalik nicht
im 2öten, fondern im 22ten Regierungsjahre gejtorben, denn nad)
allen Berichten ftarb Merwan nicht im J. 64, fondern im J. 69.
Zmeitend fagt Abulfeda nicht, daß er im 30ten Regierungsjahre
geftorben, fondern daß er 13 Sahre und einige Monate (nah dem
Tode des Abd Allah Ibn Zubeir) regiert, und drittens ift im Terte
fein Schreibfehler, da Aſchret ganz richtig ift, und folglich hat
Reiske auch nichts überfehen. Die Stelle lautet: »Quem in sequente
anno 86 [qui coepit ipsis Calendis Januar. A. 1. 705] secutus fratrem
eodem est ipse Abd-el-Malek, medio mense decimo aetatis annum
agens sexagesimum, Chalifatu tredecim annos et quatuor menses,
minus septem dies, gesto, si quidem numerandi exordium a caede
Zobairidae a qua contumaces plerique omnes fracti ad obsequium con-
cesserunt, facias.« Im Terte heißt ed ganz Furz wörtlih: „von der
Zeit an, wo Ibn Zubeir getödtet und das Volk fih um ihn (Abd
Almalif) vereinigte.“ Abulfeda irrt nur um 7 Tage, was wohl
daher rühren mag, daß er einer Tradition folgt, welche Ibn Zubeirs
Tod um eine Woche zu fpät fest. Er felbft gibt bei dem Tode Ibn
Zubeird (S. 420) den Tag nicht näher an, fondern nennt blos den
Monat Djumadi Adir,
2) Abulfeda ©, 408.
Abd Almalik. 483
Untergange nahe, denn im Norden bedrohten ihn die Griechen
und im Süden und Südoften die Anhänger des Abd Allah
Ibn Zuseir und die Charidjiten, Zu feinem großen Glüde
fonnten Lestere zu feinem Cinverftändniffe fommen, denn
bätten Muchtar und Mufab, ftatt fih gegenfeitig zu befeh-
den, ihre vereinten Waffen gegen ihn gefehrt, fo hätte er
wahrſcheinlich unterliegen müſſen. Der Tribut, zu dem er
fi) gegen Byzanz verpflichtete, beweift zur Genüge, wie
fritifch feine Lage war, Bis zum Jahre 82, in weldem
der furchtbare Abd Errabınan gefchlagen ward, war noch
Abd Almaliks Thron ſchwankend, darum bot er auch alle
Mittel auf und fandte feine nächften Verwandten ing feind-
liche Lager, um wo möglich nicht in einer Schlacht feine
ganze Eriftenz aufs Spiel zu ſetzen, jo wie er auch früher
Mußab fowohl als Abd Allah Fon Zubeir zu wiederholten:
malen auffordern ließ, ibn als Herrſcher anzuerfennen, bevor
er zu den Waffen griff. Abd Almalif war gewiß ein fried-
hiebender Mann, denn aud) zwifchen ihm und den Griechen
fam e8 immer nur durch den Muthiwillen Lesterer zu Feind»
feligfeiten. Er war ein Feind des Blutvergießens, obgleich
durch Männer, wie Haddjadj, die ihm aber zur Unterdrüdung
des Aufruhrs unentbehrlich waren, mander Kopf dem Hen-
ferbeil verfiel. Er fühlte allzufehr, wie ſchwer es fei, die
von feinen Vorgängern eroberten Länder zu beherrfchen, um
nad) neuen Eroberungen zu trachten, und die geringe Erwei—
terung der Grenzen des mohammedanifhen Reichs unter Abd
Almalif müffen mehr feinen Statthaltern, als ihm felbft zu-
geichrieben werden. Abd Almalif war ein erfahrener, ein-
fihtsvoller und gewandter Mann. Er befand fi als zehn-
jähriger Knabe bei feinem Bater in Medina, als Othmans
Palaft erftürmt ward ). In einem Alter von 16 Jahren
1) Diefes traurige Greigniß vergaß er nie, und man erfennt
daraus, daß zwiſchen dem Gefchlehte der DOmejjaden und allen
denen, welche bei der Ermordung DOthmans betheiligt waren, eine
31 *
484 Neuntes Hauptflüd,
leitete er in Medina das ganze Finanzweſen und während
der furzen Regierung feines Vaters war er Statthalter der
Provinz Hadjr Y, darum verbefferte er auch fpäter das ganze
Kanzleiwefen, das big zu feiner Zeit fogar in fremder Sprade
geführt wurde. Die Launen des Schiejals, aus eignen Erleb-
niffen fennend, mißbraudte er nie übermüthig feinen Gieg.
Als er nah Mußabs Tod in Kufa bei Tifche ſaß, fagte er:
„wie fchön wäre unfer Leben, wenn nur auch etwas Dauer
hätte, aber ſchon beißt es bei einem Dichter; Alles Neue,
o Umeim! wird alt, wer heute gegenwärtig, gehört morgen
der Bergangenheit an.” Als er dann in fein Gemach Fam,
warf er fih hin und ſprach folgenden Vers:
wirkliche innere Abneigung ftatt fand. Zu den Medinenfern fagte
er einft in einer Kanzelrede: Mir geht es mit euch, wie in dem
Mährhen von einer Schlange und zwei Brüdern: Zwei Brüder
kamen einft vor eine Höhle, da trat eine Schlange hervor und legte
einen Dinar hin und verfchwand wieder. Am folgenden Tage Famen
fie wieder und erhielten abermals ein Goldftüf. Dies dauerte eine
Zeit lang fo fort, bis einer der beiden Brüder mit dem Goldſtücke
nicht mehr zufrieden war und nac allem Golde gelüftete, das fi
in der Höhle befand. Gr trat eines Tages bewaffnet vor die Höhle
und ald die Schlange wie gewöhnlich mit einem Goldftüdfe an die
Deffnung Fam, fprang er auf fie zu und wollte fie tödten. Die
Schlange ward zwar verwundet, doch brachte au fie dem undanf:
baren Menihen eine Wunde bei, an der er farb. Der andere
Bruder fam nun einige Zeit noch allein vor die Höhle, aber die
Schlange fam nit mehr zum Vorſchein. Eines Tages, als er
lange fteben blieb und fie fragte, warum fie fich vor ihm nicht mehr
ſehen laffe, fagte fie: weil bei dem Grabe deines Bruders und der
Wunde, welhe mir fein Frevel zurücgelaffen, doch Feine aufrichtige
Liebe mehr zwijchen ung ftatt finden fann. So geht es nun auch
uns. Dmar war ftreng gegen euch, ihr beugtet euch in Demuth vor
ihm. Othman war mild und ihr habt ihn ermordet. Folge eurer
Undanfbarfeit war der Schlachttag von Harra, an dem ihr euern
Frevel gebüßt. Diefen Tag vergeſſet ihr eben fo wenig, ald ich den
son Dihmans Ermordung. Masudi f. 251,
1) Nawawi ©, 897,
Abd Almalik, 485
„Nur fachte, ihr Menfchen, forget nur für eure Seele,
ihr feid ja doch des Todes, die Vergangenheit fcheint als
wäre fte nie gewejen und die Gegenwart, als wäre fie fchon
vergangen‘ N),
Abd Almalif, der felöft Dichter war, verfammelte die
bedeutendften Dichter feiner Zeit an feinem Hofe und befchenfte
fie wahrhaft fürftlih, feste manchen auch beftimmte Gehalte
fell. Der Dichter Dierir erhielt für ein einziges Lobgedicht
hundert Kameele, achtzehn Sklaven und einen filbernen Becher 2).
1) Tab. f. 12. Bei einer andern Gelegenheit fagte er: „Die
Zeit erhebt den Einen und erniedrigt den Andern. Seder tadelt
feine Zeit, weil fie die Zungen alt madt, doch wenn aud) alles zu
Grunde geht, verläßt uns doch die Hoffnung nie.“
2) Sujuti zum Mughni. Dierir war ein Sohn Atijah’s, Sohn
Chatafi's, aus dem Stamme Tamim. Gr und Ferazdaf führten
einen vierzigjührigen Federfrieg gegen einander und beide ftarben
in dem 5. 110 d. 9. Spätere Kunftrichter pflegten zu fagen: Ku:
their verftand es am beiten, die Liebe zu fchildern, Ferazdaf, fi
über andere zu erheben, Djerir war der biifigfte Satyrifer und der
Sohn der Chriſtin (Achtal) der ſchönſte Panegyriker. Bon Manden
wird indeß behauptet, folgender Vers Achtals fei der befte, den je
ein Satyrifer gedichtet: „Es find Leute, die, wenn ihr Hund Gäfte
anbellt, ihrer Mutter jagen: pıffe fehnell auf das Feuer!” Ferazdaks
Name ift: Hammam Son Ghalib, aus dem Stamme Tamim. Feraz-
daE bedeutet „ein dicker Laib Brod“ und er erhielt diefen Namen
wegen feines breiten, vollen Gefihtes. Er war ein Schüler des
Dichters Tirmah und ein Lehrer Kumeitd. Er wird mit dem heid-
niihen Dichter Zuheir verglichen, Djerir mit Aaſcha und Achtal mit
Nabigha. Ald Merkwürdigkeit wird erzählt, dag Ferazdaf viel Um:
gang mit dem meibliben Geflecht pflegte und doch weder die
Liebe zu befingen, noch Frauenreize zu fchildern verftand, während
Dierir auch hierin Meifter war, obgleich er ganz keuſch und zurück—
gezogen lebte. Ferazdaf war ftolz auf feine Ahnen und tadelt fort:
während Djerir wegen feiner niedern Abkunft. Sein Großvater
Safaa war ein frommer und reicher Mann, welcher 1000 dem Tode
geweihte Mädchen von ihren Eltern Eaufte und unterhielt, denn be-
kanntlich pflegten viele arme Araber vor Mohammed ihre Töchter
bei ihrer Geburt oder bald nachher zu tödten. ©. auch über Djerir
Son Ehallifan I. ©, 294 u. ff.
486 Neuntes Hauptftüd,
Ein Beduine trug einft dem Chalifen ein Gedicht vor, das
ihm fehr wohl gefiel. Djeriv war zugegen, ohne jedoch von
dem Fremden gefannt zu fein. Als dieſer mit feinem Vor—
trage zu Ende war, fragte ihn der Chalife um fein Urtheil
über den beften in einem Lobgedichte vorkommenden Berg,
da recitirte er den yon Djerir an Abd Almalif gerichteten:
„Seid ihr nicht der Edelſte unter Allen, die auf Kameelen
reiten? Iſt eure Hand nicht die Freigebigfte in der Welt?“
Dann fragte ihn der Chalife auch nach dem beften Iyrifchen
und fatyrifchen Verſe und er recitirte wieder einige Verſe
Dierirs. Diefer war fo erfreut über das Urtheil des Be—
duinen, der felbft ein ausgezeichneter Dichter war, daß er
ihn küßte und umarmte und den Chalifen bat, ihm feinen
laufenden Jahrgehalt — er beftand aus 15,000 Dirham —
zu fchenfen, Gut, fagte der Fürft der Gläubigen, und id)
fohenfe ihm dazu nod) eine ähnliche Summe,
Einft lieg Abd Almalif ein Kameel mit Gold beladen
und bie drei Iyrifchen Dichter, Dmar, Sohn des Abd AL
lah ) Ibn Abi Rabiah, Diami Fon Mimar 2) und Kutheir
1) Sujuti a. a. O.: fchon früher heißt ed, dag Omar von dem
Ehalifen ungeheure Geldfummen erhielt. Sein Water hieß früher
Bahir, ward aber von Mohammed Abd Allah (Diener Gottes) ge-
nannt. Dmar ward nach einigen Traditionen in derfelben Nacht
geboren, als der Chalife Omar ftarb, und erhielt auch darum feinen
Namen. Ibn Abbas, der dies erzählte, fegte hinzu: „welche Wahr:
heit wurde ung enthoben und welchen Tand erhielten wir zum Er:
ſatze!“ Er farb im J. 98 d. H., und zwar nah Dfahabi Fam er
auf dem Meere in einem Brande, der auf feinem Schiffe ausge:
brochen, um.
2) Djamil war der Sohn Abd Allah’s, Sohn Mi'mars, aus
dem Stamme Udfra im Hedjad. Sein Tod fällt in das Jahr 82
dv. 9. In Egypten fragte ihn jemand, warum er denn Butheina
liebe, die fo mager, daß man mit ihren Knochen Vögel fchlachten
fonnte. Er antwortete: du fiehft fie eben nicht mit meinen Augen,
fonft würdeft du dir nichts daraus machen, um ihres Befikes willen
vor Gott als Ehebrecher zu erfcheinen, Als er auf dem Kranken—
Abd Almalik, 487
Azad) rufen und fagte ihnen, wer von euch die drei
zärtlichften Verſe über feine Geliebte improvifirt, erhält dieſes
Kameel.
bette lag, fragte er Abbas Shn Sahl, der ihn befuchte: Was glaubft
du von einem Manne, der Feine Mordthat, Feinen Diebftahl und
einen Ehebruch begangen und feinen Wein getrunken? Sch hoffe
alles Gute für ihn, antwortete Abbas. Nun verfegte der Dichter:
ih bin ein folder Mann, ich habe den legten Tag meines Lebens
erreicht und ftehe am Eingang eines andern Lebens, doch ſchwöre
ih dir bei der Fürbitte Mohammeds, daß, obgleih ih Butheina
feit dreißig Sahren liebe, ich fie doc nie auf eine unzüchtige Weiſe
berührt. Butheina war troftlos, als fie Djamild Tod vernahm.
Auch fie Fam einft vor Abd Almalif, welhem fie jo wenig gefiel,
daß er ihr fagte: was hat wohl Diamil bewogen, dir fo zärtliche
Gedichte zu widmen? Sie erwiederte: was hat wohl das Volk an
dir gefunden, daß es dich zum Chalifen erhoben? Abd Almalif lachte
und gewährte ihr, was fie verlangte.
1) Kutheir war ein ganz unpraftifher Menſch. Gr fam einft
zu Abd Alaziz, dem Statthalter von Egypten, und obgleich er von
Gefhäftsführung gar nichts verftand, hielt er doch um die Stelle
des Staatsfecretärd an, er erhielt fie natürlich nicht, doch ward er
von ihm befchenft. Kutheir war ein Sohn Abd Grrahmans Ibn
Alaswad aus dem Stamme Chuzaa, Der fromme Omar Ibn Abd
Alziz fagte einft: ich erfenne die Frommen und Gottlofen der Söhne
Haſchims an dem Grade ihrer Liebe zu Kutheir, denn er war ein
Ketzer und glaubte an die Wiederfehr des Imams und an die See:
lenwanderung. Wer mit ihm umging, ward daher von Omar für
einen Gottlofen gehalten. Der Dichter Ferazdaf traf einft mit ihm
zufammen und fagte ihm: Niemand hat wie du die Liebe befungen
in dem Berfe: „Sch wollte Leila vergeffen, aber mir ift, als ftände
fie auf jedem Wege vor mir.“ Diefer Berd war aber ein Plagiat
aus einem Gedichte Djamils. Abd Almalif wünfhte lange Zeit
feine Befanntihaft zu mahen, als er ihn aber jah, bereute er es,
denn er war bäßlih, klein und hager. Kutheir fagte aber: fachte,
o Fürft der Gläubigen! der Mann bewährt fih dur feine zwei
Eleinften Theile, durd fein Herz und feine Zunge. Mit Iegterer
drüdt er feine Gedanfen aus und mit erfterem zieht er dem Feinde
entgegen. Er improvifirte dann ein Gedicht, in welhem es unter
anderm heißt: „du fiehft manchen ſchmächtigen Mann mit Gering-
488 Neuntes Hauptſtück.
Omar ſprach folgende Berfe:
„D dürfte ich doch deine Wangen füffen, wenn meine
legte Stunde herannaht! möchte man mid dod, wenn ich
todt bin, nur mit deinem Speichel benegen und mit deinem
Dlute und dem Staube deiner Füße mid) einbalfamiren!
Wäre nur Suleima (fo hieß feine Geliebte) meine Beiſchlä—
ferin im Grabe, gleichviel, ob im Paradiefe oder in der
Hölle,”
Djamil fagte:
„O Butheina! ich ſchwöre — und gewiß, mein Schwur
ift wahr — blind will ih werden, wenn ih falſch ſchwöre!
ich ſchwöre bei den geweihten Thieren, die als Opfer ge—
fchlachtet werden, daß die Liebe mein Herz gebrochen und ich)
das Leben nimmer lang ertragez; daß aber, wenn nad) meinem
Tode mich ein Todtenbefchwörer mit einem einzigen Worte
aus dem Munde meiner Geliebten heraufbeſchwören wollte,
ich fogleich wieder ins Leben zurückkehrte,”
Kutheir ſprach:
„Bet dem Leben meines Baters und meiner Mutter!
meine Geliebte Azza befhämt alle ihre Feindinnen. Schöne
Frauen befuchen mich, um mir Azza zu verleiden; doch ihre
Wangen find nicht fo ſchön als Azza’s Fußſohlen. Gewiß,
wenn Azza der Morgenfonne den Preis der Schönheit ftreitig
machen wollte, fo müßten unparteiiihe Richter folchen ihr
zuerfennen.”
ſchätzung an, aber unter feinem Gemande ftedt ein Löwenherz.
Manche fchöne Geftalt nimmt dich ein, du mwendeft dich aber ab von
ihr, wenn es gilt, Muth zu zeigen. Nicht Körpergröße ſchmückt den
Mann, Tugend und Edelmuth find des Mannes wahre Zierde.“
Abd Almalif entfchuldiate fich bei ihm und behandelte ihn mit großer
Auszeihnung. Sn feinem Alter verftummte er und fagte: Azza ift
todt, mich begeiftert nichts mehr, meine Jugend ift dahin, mich freut
nichts mehr und Ibn Leila (Abd Alaziz) ift im Grabe, ich wünſche
nichts mehr.“ Gr flarb im J. 105 d, 9.
Abd Almalık, 489
Abd Almalif fagte dann: Freund der Hölle! (Dmar)
nimm das Kameel mit Allem, was darauf iſt ).
Selbft der chriftliche Dichter Achtal, ein Zeitgenoffe und
Wettkämpfer Dierirs und Ferazdafs, welche zufammen Das poe—
tiſche Triumvirat jener Zeit bildeten, fand bei dem Chalifen
eine freundliche Aufnahme und nahm den erften Rang unter
feinen Hofdichtern ein, denn er hatte ſchon Jezid, den Sohn
Muawia’s, gelobt und die ihm widerfpenftigen Gefährten des
Propheten verfpottet 2).
Die angefühtten Thatſachen, denen ſich noch manche ähn—
liche beifügen ließen, beweifen zugleich) au, daß Abd Almalik
feineswegs den Namen eines Geizhalfes verdiente, den ihm
fpätere Autoren beigelegt und den ihm vielleicht bei feinem
Leben jhon irgend ein alter unzufriedener Gefährte oder Ver—
wandter des Propheten gegeben. Wir glauben aber auch ſchon
darum nicht an Abd Almalifg Geiz, weil wir bei mehreren
Beranlaffungen von bedeutenden Summen Iefen, Die anges
wendet wurden, um einflußreihe Männer zu gewinnen, und
weil endlich nach einer zuverläffigen ältern Duelle, welche
gewiß nicht der Parteilichkeit für die Omejjaden angeklagt
werden fann, Abd Almalif einft fagte: „Niemand war der
Herrſchaft würdiger als ich. Abd Allah Ibn Zubeir hat zwar
viel gebetet und gefaftet, aber fein Geiz machte ihn der
1) Bergl. auch über Omars Abenteuer mit einer Tochter Abd
Almalifg, welche einen hohen Grad von Bildung gehabt zu haben
fheint, Kitab Alaghani ©. 118 und über Djamil und Kutheir, Ibn
Challik. I. ©. 331 u. ff.
2) Sujuti a.a.D. Achtals Name war: Ghijath Ibn Ghauth, aus
dem Stamme Taghlab. Suleiman, der Cohn Abd Almaliks, fragte
einft den frommen Dmar Sbn Abd Alaziz um fein Urtheil über Achtal
und Djerir, Er fagte: Erlaffe mir dies! als aber Suleiman in ihn
drang, ihm zu fagen, welchen er höher ftelle, antwortete er: „Achtal
war durch feinen Unglauben gehemmt, während der Islam dem
Djerir ein freies Feld geöffnet und doch hat Erfterer es zu einer
hohen Zollfommenheit gebracht.“ Bei Gott! rief Suleiman, du
haft Achtal über Djerir geftellt,
490 Neuntes Hauptſtück.
Herrſchaft unwürdig“ 1). Sehen wir aber hieraus, wie leicht
ein Chalife, weil er fich nicht fcheute, Mekka wie eine feind-
fihe Stadt belagern und die heilige Kaaba wie einen heid—
niſchen Tempel zerftören zu laffen, son fpätern Sanatifern
verunglimpft werden fonnte, fo dürfen wir auch mande an-
dere ihm aufgebürdete Schuld noch bezweifeln, und fann auch
feines Betters Saids Ermordung — der größte und auch in
unjern Augen unverzeihlihe Fleden feiner Regierung — als
eine biftorifhe Thatfache angenommen werden, fo folgen wir
doch Lieber den Traditionen, welche ihn als einen Ver⸗
räther bezeichnen und wenigftens nicht durch des Chalifen
eigne Hand umfommen laffen. Die oben erwähnten Streitig-
feiten mit feinem Bruder, dem Statthalter von Egypten,
ſcheinen mehr durd feine Söhne veranlaßt worden, als von
ihm felbft ausgegongen zu fein. Wenigſtens wird berichtet,
dag er, als Abd Alaziz fich weigerte, den Anfprücen auf die
Thronfolge zu entfagen, fie fragte: „habt ihr irgend ein Ver-
brechen begangen ?” und als fie diefe Frage verneinten, ihnen
fagte: „Wenn euch Gott die Herrichaft verleihen will, fo
fann fie euch niemand entreißen.“ Diefe VBorausfagung be-
währte fih auch, denn von den fiebzehn Kindern, die er
hinterließ, beftiegen vier Söhne nad ihm den Thron.
1) Zab. J. 151. Das diefer Autor im ganzen Leben Abd Al:
malifs nichts von feinem Geije erwähnt, verfteht fi von jelbft.
Auch von dem nad Abulfeva wegen feines Geizes ihm verliehenen
Spottnamen „Felſenſchweiß“ ift bei Zab. Feine Rede. Auch bei
Sujuti zum Mughni wird ein Vers des Dichters Humeid Ibn Ma—
lik Alarkat angeführt, in welhem er zu Abd Almalik fast: „Warum
foll ich den beiden Chubeib beiftehen ? ich bedarf ihrer nicht, mein
Smam (Abd Almalif) ift weder geizig noch veranlußt er die Ent:
mweihung der Heiligthümer.“ Unter den beiden Chubeib, fagt Sujuti,
ift Abd Allah Son Zubeir und fein Bruder Musab zu verfteben.
Griterer hieß Abu Chubeib, weil er einen Sohn hatte, der den Na:
men Chubeib führte und Mußab wird, in Gemeinjchaft mit feinem
Bruder, gleihfam von diefem Namen überwunden (Ala Attaghlib).
Zehntes Hauptſtück.
Welid.
Welid's Antrittsrede. — Seine Statthalter. — Omar's Verwal—
tung in Medina. — Chalid Ibn Abd Allah in Mekka. — Said's
Hinrichtung. — Jezid's Flucht zu Suleiman. — Kuteiba's Züge nach
Transoxanien. — Unterhandlungen mit Kaſchgar. — Eroberungen
Mohammed's in Indien. — Maslama's und Abbas’ Feldzüge in
Kleinaſien und Armenien, — Muſa's Züge in Afrifa. — Eroberung
von Tanger. — Tarik zum Statthalter von Weſtafrika ernannt. —
Kriege mit dem Grafen Julian. — Zuſtand Spaniens um dieſe
Zeit. — Graf Sultan verbündet fih mit Tarif. — Erſte Landung
der Mujelmänner in Spanien unter Tarif. — Ihm folgt bald Tarif
mit einem größern Heere nah. — Theodomir muß vor Tarik's Trup:
pen weichen. — Roderich fammelt ein Heer bei Cordova. — Tarif’s
Rede an feine Truppen. — Schlacht bei Feres. — Roderich ver:
ſchwindet. — Eroberung von Sidonia und Perez. — Belagerung
und Einnahme Ecija und Cordova. — Malaga wird von den Ara-
bern bejest. — Granada wird mit Sturm genommen. — Theodomir
fchliegt Frieden mit den Arabern. — Toledo capitulirt mit Tarif. —
Einnahme von Guadalarara. — Tarik's weitere Züge bis Altorga. —
Tarik's Verhältnis zu Mufa. — Mufa führt auch ein Heer nad
Spanien. — Er unterwirft Sidonia, Sarmona und Sevilla. — Me:
rida capitulirt mit Mufa. — Aufftand in Sevilla, — Mufa läßt
492 Zehntes Hauptflüd,
Tarif verhaften. — Ermird auf Befehl des Chalifen in Freiheit gefegt.—
Saragoſſa wird von Tarif belagert und nach Mufa’s Eintreffen zur
Capitulation gezwungen. — Unterwerfung von Tarragona, Barcelona
und Gerona, durch Muſa. — Tarif nimmt Tortofa, Valencia, Fativa
und Denia ein. — Mufa wird vom Chalıfen zurücgerufen. — Un—
ternimmt noch einen Feldzug nad) Galizien. — Er läßt feinen Sohn
Abd Alaziz als Statthalter zurück. — Reiſ't in Begleitung Tarik’s
über Kairamwan und Koftat nah Syrien. — Mufa wird vom Chali:
fen mißhandelt. — Sein und Tarik’s weiteres Schieffal. — Abd Alaziz
wird, wahrfheinlih auf Befehl des Chalifen, ermordet. — Welid
befördert die Cultur im Reiche. — Seine mohlthätigen Schöpfuns
gen. — Zufammentreffen mit Said Sbn Mefejjad. — Wird von
mehreren Dichtern gelobt. — Haddjadj’s Charakter. — Seine Ver—
dienfte um den Koran. — Schreiben an den Chalifen.
Welid feste das Regierungsſyſtem feines Waters fort,
und da die innern Unruhen unterdrüdt waren, fonnte er um
fo nachdrücklicher an der Vergrößerung feiner Herrfchaft nad)
Außen arbeiten. Seine erfte Kanzelrede war dem Lobe fei-
nes Vaters und der Ermahnung zum Gehorfam und zur Ei-
nigfeit gewidmet. „Wir find Gottes und Fehren einft zu ihm
zurück,“ waren feine erften Worte, „Bei Gott allein finden
wir Rraft, um den Tod des Emirs zu ertragen. Sein
Menſch kann verfchieben, was Gott für eine beftimmte Zeit
beſchloſſen, noch das von ihm Feftgefegte vorrüden. Der
Tod gehört zu den yon Gott in feiner Weisheit gefaßten Be—
fhlüffen, er hat ihn feldft über Propheten und über die fet-
nen Thron tragenden Engel verhängt. Der Herrſcher dieſes
Volks ift in die Wohnung der Neinen hinübergegangen. Er
bat fie verdient durch feine Strenge gegen Zweifler, wie Durch
feine Güte gegen ©erechte und Tugendhafte. Er hat die
Paniere und Leuchtthürme des Islams erhalten, durch feine
Pilgerfahrt wie durch feine Kriege gegen Ungläubige, Er
war weder ſchwach noch übermüthig. Bleibet jet einig und
gehorhet! Satan ift mit den Abtrünnigen, Wer feinen Be-
gierben freien Lauf vor ung läßt, den ſchlagen wir auf ben
Welid. 493
Kopf, wer ſchweigt, ſtirbt einen natürlichen Tod ). Für die
Erhaltung der Ruhe in Irak ſorgte fortwährend Haddjadj,
der auch unter Welid eine unbeſchränkte Macht behielt und
ganz nad Willführ Jezid Ibn Muhallab in ein Gefäng-
niß werfen ließ 2) und deſſen Bruder Habib der Statt-
2) Tab. f. 152. Der Sinn des legten Satzes ift mir nicht
ganz Far. Es heißt wörtlich: wer ung aufdeckt feinen eignen Willen,
ſchlagen wir das worin feine Augen, und wer fehweigt, ftirbt durd
feine Krankheit. (man abda lana dsata nafsihi dharabna alladsi fihi
ainaihu waman sakata mata bidaihi.)
2) Sezid mußte, nah Tab., bis zum J. 94 im Kerker ſchmach—
ten und allerlei Kränfungen erdulden. Seine Schwefter Hind ward
son Haddjadj, ihrem Gatten, weggeſchickt, weil fie ihn bemitleidete.
Erſt im 5. 94 entfam er mit feinen Brüdern Mufadohal und Abd
Almalif, durch Hülfe feines Bruders Merwan aus Bafra, welcher
die Gefängnißhüter bewirthete und dann mit ihm auf bereitftehen:
den Pferden davonjagte. Vor Haddjadj entfliehen, war aber nichts
Leichtes, denn Welid und alle Statthalter des Reihe waren ihm
gerwiffermaßen unterthban. Gr mußte auf Umwegen und nur des
Nachts reifen; erſt nah manchen Gefahren kam er nad Paläftina
zu Wahb Ibn Abd Errahman, der ihn dem Schuge Suleiman’s,
Bruder des Chalifen, empfahl. Einem Manne wie Haddjadj, blieb
aber Jezid's Zufluchtsort nicht lange verborgen. Er wendete ſich
daher an den Chalifen, mit der Bitte, ihm Jezid wieder auszuliefern,
da er es für gerecht und zweckmäßig halte, ihn fo lange im Gefäng:
niſſe zu laffen, bis er die von feiner Stutthalterfchaft her noch ſchul—⸗
digen 600,000 Silberftüde herausgäbe. Welid fchrieb fogleih an
feinen Bruder um die Auslieferung Jezid's. Suleiman bemühte fih
vergebens, den Chalifen zu überzeugen, daß feinem Schüglinge von
Haddjadj Unrecht gefhehen und dag es für ihn eine Schande wäre,
wenn ein Freund bei ihm feinen Schuß mehr fände. Welid beftand
auf Jezid's Auslieferung. Suleiman fandte dann feinen eigenen
Sohn Aijub in Ketten mit Sezid umd fchrieb dem Chalifen, fein
Sohn würde nicht eher die Feffeln ablegen, bis er auch Jezid wieder
in Freiheit gefegt. Diefer Brief, der Anblick des Neffen in Ketten
und Jezid's Bertheidigung bewogen endlich den Chalifen, legtern zu
begnaadigen und feinem Bruder zurüczufenden, bei welchem er als
Hausfreund bis zu deſſen Thronbefteigung lebte,
494 Zehntes Hauptſtück.
halterfchaft von Kerman entfegte, Nur in Medina ward dem
von Abd Almalik gehaßten und von deffen letztem Statthalter
Hiſcham Ibn Ismail ſchwer gedrüdten Volke einige Erleichte-
rung, weil Omar der Sohn des Abd Alaziz, welchen Welid
als Statthalter nad) Medina fandte, fehr fromm und mild
war, und gleich bei feiner Ankunft zehn gefegfundige Männer
wählte, mit denen er alle wichtigen Streitfragen berieth, und
die er auch beauftragte, feine Unterbeamten zu überwachen N).
Während feiner Statthalterfchaft wurden auf Welid's Befehl
die Mofchee zu Medina vergrößert, viele Brunnen gegraben,
1) Es heißt wörtlich bei Tab. f. 154 r. Als Omar Ibn Abd
Aaziz nah Medina Fam, ftieg er in dem Haufe Merwan’s ab, mo:
hin die Leute Famen, um ihn zu begrüßen. Nach dem Mittagsgebete
lieg er zehn Gejegfundige (Fufaha) Medina’s rufen... .. (folgen ihre
Namen.) Sie famen und nahmen Pas. Dann fagte er, nad dem
geziemenden Lobe Gottes: „Ach habe euch gerufen zu einer Sache,
die euch Lohn bringen wird, und durch die ihr Gehüffen fein follt
zum Recht. Sch will nichts entjcheiden ohne euern Rath, oder den
Rath derjenigen von euch die anmefend find. Geht ihr Jemanden,
der Gewalt übt, oder höret ihr von einem meiner Beamten ein Un,
recht, fo fordere ich euch bei Gott auf, mich davon in Kenntniß zu
fegen.“ Auf diefes Tribunal, wie ed auch Abulfeda ©. 428 befhreibt,
das nur Omar für Medina einrichtete, während Haddjadj und an-
dere Statthalter ganz nach Willkühr herrfchten, gründet fich folgen:
des bei Flügel ©. 82: „Zu eigener Ruhe und zur Befriedigung der
Anfprüce feiner Untertbanen ernannte er (Welid) fogleih nad) fei-
nem NRegierungsantritte einen Gerichtshof von zehn der ausgezeich—
netiten und redlichiten Nechtsgelehrten am Grabe des Propheten zu
Medina. Gr felbft unterwarf fi deffen Ausfprühen, ohne den
Mitgliedern diefes Rathes Willführ zuzugeftehen. Er machte es
ihnen zur ftrengen Pflicht, über das Verhalten der Unterbeamten zu
wachen, und von jeder Bedrückung, die fih einer oder der andere
erlauben möchte, ihm felbft Anzeige zu erftatten. Allen Maächtſprü—
hen und Gewaltftreichen, den gewöhnlichen Hebeln morgenländifcher
Tyrannei feste er fomit ein Ziel, und die Dankbarkeit und das Ver:
trauen feiner Völker, deren Arme und Waijen noch unter feinem
befondern Schuge ftanden, war die Belohnung.“
Welid. 495
die Straßen verbeffert und den Invaliden Penſionen ertheilt.
Aehnliche nügliche Arbeiten wurden in Meffa angeordnet, fo
dag der nachherige Statthalter Chalid Ibn Abd Allah Alfasri,
nachdem zwei Brunnen in Tawa und Hadiun gegraben wur—
den, einft den Chalifen über Abraham erhob, weil das Waffer
diefer Brunnen füßer war, als das der Semfernquelle, welche
die Sage dem Abraham zufchreibt. Dmar’s milde Herrfchaft
mißfiel aber dem Haddjadj, weil viele Jrafaner, um dem auf
ihnen laſtenden Druck zu entgehen, fih nad Meffa und Me-
dina flüchteten. Welid entfette daher (im Jahre 93) feinen
Better und ernannte, auf Haddjadj's Vorſchlag, Othman Ibn
Hajjan als Statthalter von Medina und den eben genannten
Chalid Ibn Abd Allah als Statthalter yon Mekka. Diefer
drobte gleich in feiner erften Nede jedem Hausbefiger in Mekka,
der einen der Regierung feindlih Gefinnten bei ſich aufneb-
men würde, mit der Zerftörung feines Haufes, und Tieferte
alle flüchtigen Irakaner, unter denen auch der berühmte Tra-
Ditionsgelehrte Said ) Ibn Djubeir war, dem Haddjadj aus,
der ihn binrichten ließ, weil er an der Empörung Abd Errah—
man's Ibn Aſchath Theil genommen. Auch Othman ver:
1) Als Abd Errahman zu den Türken floh, begab fih Said
nah Iſpahan. Haddjadj befahl dem Statthalter von Sipahan ihn
auszjuliefern, diefer gab aber Said Kunde von dem erhaltenen Bes
fehle und rieth ihm zur Flucht. Er blieb dann mehrere Sahre in
Adferbivjan, und begab jih unter Omar's Statthalterfchaft nad)
Mekka. Bon diefem Said, welcher im Sahre 94 hingerichtet ward,
werden viele Wunder erzählt. Nach einer, von Haddjad’s Pfortner
herrührenden Sage, (Nawawi ©. 279) fol! fein Kopf, ald er auf den
Boden fiel, noch gerufen haben: „Es gibt feinen Gott außer Gott.“
Nach dem türf. Tab. (S. 107) fogar dreimal, einmal ganz laut, fo
daß es jeder verftand, das zmweitemal etwas gebrochen und das dritte:
mal ganz leife. Haddjadj foll nur 40 Tage nad Said geftorben
fein und ihn jede Naht im Traume gefehen und die Worte ver-
nommen haben: „Feind Gottes! was habe ich dir gethan, daß du
mich hinrichten ließeſt ?“
496 Zehntes Hauptſtück.
bannte gleih alle Jrafaner aus Medina und hielt folgende
Rede auf der Kanzel: „D ihr Medinenfer! ihr waret in
früherer Zeit ſchon und feid auch jest noch gegen den Fürften
der Gläubigen übel gefinnt, Nun haben fih auch Leute zu
euch gejellt, die euch noch fehlimmer machen, Männer der
Zwietracht und Scheinheiligfeit, Bewohner Iraks, eines Lan-
des, welches, bei Gott! das Neſt der Scheinheiligfeit ift und
das Ei aus dem fie hervorgeht. Bei Gott! ich habe ftets
gefunden, daß die Jrafaner es ſich zum größten Verdienſte
anrechnen, dem Gefchlechte Abu Talib’s (Ali's) Gutes nach—
zureden, doch haben fie weder zu diefem noch zu irgend einem
Andern eine innige Anhänglichfeit, denn fie haffen die ganze
Welt; indeffen bringen fie es nad) Gottes Willen, zu nichts,
als dag ihr Blut dahin firömt. Bei Gott! wer einen von
ihnen bei fi aufnimmt, oder ihm eine Wohnung vermietbet,
dem laſſe ich fein Haus einreißen und beftrafe ihn wie er es
verdient. Schon als Dinar Ibn Chattab, der für das Wohl
feiner Unterthanen beforgte Chalife, die Mufelmänner nad)
fremden Ländern verpflanzte, und die Leute fragte, ob fie nach
Irak oder nad) Syrien wollten, hieß es immer: lieber nad)
Syrien, denn Irak ift ein ſchlimmes, verborbenes, vom Sa—
tan ausgebrütetes Land. Bei Gott! fagte er einft, alle Mittel,
die Jrafaner zu befjern, fcheitern, es bleibt nichts mehr übrig, als
fie in dem ganzen Neiche zu zerftreuen, aber dann würden
fie duch ihren Geift der Unruhe und ihre Streitfucht alle
Länder anfteefen, wo fie hinfämen, Sie fragen immer: „wie“
und „warum”, und find ftets zum Aufruhr bereit, follen fie
aber das Schwerdt ziehen, da bleiben fie zurück.“ Nachdem
er dann noch die Treulofigfeit der Jrafaner gegen Othman
und unter Muaria fchilderte, fuhr er fort: „Berharret im
Sehorfam, ihr Bewohner Medina’s! denn ich habe Erfahrung
in Bekämpfung der Widerfpenftigfeit. Seid ihr feine Männer
des Krieges, fo bleibet ruhig in euern Käufern und fchlaget
eure Augen nieder, Denn ich fende Leute in eure Gefellihaf-
ten, die mir alles, was fie hören, binterbringen. Ihr feid
Welid. 497
gewöhnt viel Ueberflüſſiges zu reden, das taugt nichts. Höret
auf, ‚die Statthalter zu tadeln, denn fo löſ't ſich nach und
nad das Band, bis endlich ein Aufruhr daraus folgt. Auf—
ruhr iſt aber ein Verderben, in welchem Glaube, Menjchen
und Güter zu Grunde geben.” Hierauf wurde in allen
Straßen der Stadt ausgerufen: „Wer einen Jrafaner beher-
bergt, fteht nicht mehr unter dem Schutze Gottes,“ das heißt
mit andern Worten, bat fein Leben verwirkt.
Diefe Strenge gegen den geringften Berfuch zum Auf
rubr, oder auch fogar gegen den, welcher Nebellen begünftigte,
ward nur in Arabien, theils aus Rückſicht für den frommen
Dmar, theils aus Rückſicht für die heiligen Städte, mit denen
ih Das Haus der Dmejjaden wieder zu verfühnen wünfchen
mußte, fo ſpät gehandhabt, in allen übrigen Theilen des
Reichs, und befonders in den unmittelbar von Haddjadj ver-
walteten Ländern, berrfchte längſt fchon ein furchtbarer Deſpo—
tismus. Jeder felbitftändige Mann fchwebte fortwährend in
Gefahr, yon irgend einem Spinne als verdächtig und gefähr-
lich angezeigt, und von der Polizeibehörde, welche in folchen
Fällen über dem gewöhnlichen Zribunale ftand, je nach Gut-
dünfen eingeferfert oder hingerichtet zu werben. Diefe Unbe-
baglichfeit und Unficherhbeit in der Heimat mochte Manchen
bewogen haben, unter das Heer zu treten, wo doc wenig-
ftens Beute oder ein ruhmvoller und feligmachender Tod zu
erivarten war. Diefem Umftande dürften vielleicht zum Theil
die großen Siege zugefchrieben werden, welche unter Welid
faft zu gleicher Zeit von Kuteiba jenfeits des Drug, von
Mohammed Fon Kaſim am Fundus, von Maslamah, dem
Bruder des Chalifen, in Armenien und Kleinaften, und von
Mufa und Tarif in Afrifa und Spanien erfochten wurden,
Wir werden auch dießmal wieder der beſſern Heberficht willen,
den Zügen dieſer ausgezeichneten Feldherrn der Reihe nad)
bis zum Tode Welid's folgen.
Sobald Kuteiba bei dem Heere anlangte, das fein Vor—
gänger Mufadhal gegen den Oxus bin führen wollte, bielt
32
498 Zehntes Hauptftüd,
er eine mit vielen Koransverfen und Sprüchen des Prophe—
ten ausgeftattete Rede, in welder der heilige Krieg als eine
der gottgefälligften Handlungen und der Märtyrertod als der
ſchönſte und rafchefte Uebergang zu den Freuden des Para—
dieſes dargeftellt wird, verfäumte Doch auch nicht, Die Truppen
nad den materiellen Vortheilen lüſtern zu machen, die fie von
der Eroberung Transoranieng zu erwarten hätten ). Sein
erfter Feldzug war indeffen von fehr geringer Bedeutung.
Im Gebiete von Talifan vereinigten ſich mehrere Häupter yon
Bald mit ihm, der Fürft von Saghan überlieferte ihm bie
Schlüffel der Stadt und die Herrn von Achzun und Schuman
in Tochariſtan erfauften einen Frieden 2). Nach andern Be-
rihten ging Kuteiba im erften Jahre feiner Statthalterichaft
gar nicht über den Drus, fondern befämpfte bloß die Bewoh-
ner von Bald), welche ſich gegen die Mufelmänner aufgelehnt
hatten. In diefem Kriege fol die Mutter Chalid's Ibn
Barmak gefangen und Kuteiba’s Bruder Abd Allah zugefallen
fein, der fie jedoch nad der Unterwerfung von Bald ihrem
Gatten Barmaf, welcher ein Arzt war, zurückgab. Aus bie-
fer kurzen Verbindung 3) foll der genannte Chalid, Stamm:
1) Son. £ In2y,
2) Ibid. f. 155 r. Kuteiba Fehrte dann nach Meru zurück und
ließ feinen Bruder Salih mit dem Heere nachfolgen. Dieß hörte
Haddjadj und fehrieb ihm: „Wenn du in Zukunft wieder in’s Feld
zieht, jo mußt du ſtets an der Spige des Heeres ftehen, Fehrft du
aber von einem Feldzuge heim, fo ift dein Pas in den hinterften
Reihen des Heeres.‘
3) Sie foll, als er fie ihrem Gatten zurüdgab, ihm erklärt
haben, daß fie ſchwanger fei und er bei feinem Tode feinen Kindern
anempfohlen haben, Chalid ald ihren Bruder anzuerkennen, was fie
jedoch nicht thaten. Tab. felbft fchreibt aber a. a. O. v.“ Die Be:
wohner Balchs fchloffen am folgenden Morgen, nahdem Kuteiba fie
befriegt, Frieden mit ihm, und er befahl alle Gefangenen zurückzu—
geben.“ Die ganze Gefchichte ift wahrfcheinfich erft fpäter erfunden
worden, um den Barmafiden eine edle Abkunft zu verfchaffen.
Welid. 499
vater der Barmakiden, welche bis unter Harun Arraſchid die
höchſten Aemter bekleideten, entſproſſen ſein. Im folgenden
Jahre, nachdem Kuteiba mit Nizek dem Fürſten von Bad
Iſa, einem Vaſallen des Königs von Tochariſtan, Frieden ge—
ſchloſſen, und von demſelben alle Muſelmänner zurückerhielt,
welche in früheren Feldzügen gefangen worden T), zog er ge—
gen Peifund, eine Stadt, weldhe jenfeits des Oxus im Ge-
biete von Buchara Tag ?). Er ward aber von zahlreichen
Bölkerfchaften, die dem Fürften von Peifund zu Hülfe kamen,
dermaffen umzingelt, daß er zwei Monate lang nicht einmal
einen Boten an Haddjadj abgehen laſſen fonnte, fo daß die-
fer in allen Mofcheen für das entfernte Heer beten ließ. Ku—
teiba gab zulest, als fein von dem Feinde beftochener
Spion, in der Hpffnung, ihn dadurch zur Rückkehr nach Meru
zu bewegen, ihm die falihe Nachricht von Haddjadj's Ent-
ſetzung bradte, den Befehl zum Angriff und brachte den
Heiden eine blutige Niederlage bei 3). in Theil des Fein-
des, der fih in die Stadt warf, Fonnte fie nicht lange ver:
tbeidigen, fie ergab fih, fobald Kuteiba mit der Zerftörung
der Mauern begann. Kaum hatte ſich indeffen Kuteiba mit
dem Hauptheere wieder entfernt, als der Kommandant und
D bid f. 155 r.
2) &3 heißt bei Tab. a. a. D. v.: Er ging von Meru nah
Merurud, dann nah Amul, dann nah Zumm, dann nach Peifund,
welche die nächte Stadt Buchara’s gegen den Strom hin und auch
Buchar heißt, an der Spige der Wüſte von Buchara. Statt „Bu:
char” lieſ't man aber bejjer im türf. Tab. S. 94: Tudjar, (Stadt der
Kaufleute, oder Handelsjtadt, die Worte Buhar und Tudjar werden
mit denjelben Buchſtaben gefchrieben und unterfheiden jih nur durch
Punkte).
3) Den Spion ſelbſt ließ er gleich enthaupten und dem Dhirar
Ibn Huſein, welcher zugegen war, drohte er mit dem Tode, wenn
er das Gehörte weiter ſagte, weil er befürchtete, daß die Truppen,
ſobald ſie Haddjadj's Entſetzung erfahren, ſich nicht mehr ſchlagen
würden.
32*
500 Zehntes Hauptftüd,
die Feine Befagung die er zurüdgelaffen, verrätherifchermwerfe
überfallen, und viele von ihnen niedergemeßelt wurden. Jetzt
fehrte Ruteiba wieder, erftürmte die Stadt und erbeutete darin
mehr Gold und Edelfteine als in ganz Chorafan bisher ge-
funden worden "), denn Peikund war eine der größten Hans
belsftädte Buchara's.
Im Jahre 88 ſchloß Kuteiba Frieden mit Nu Mafchfat und
und Ramithunh 2), zwei Städte, welche ebenfalls zu Buchara
gehörten, und in den beiden folgenden Jahren eroberte er die ganze
Provinz nebft der Hauptftadt Buchara ?), worauf Tardun,
der König von Sogd, auch wieder Frieden mit ihm ſchloß 9.
Als Nizek fah, daß Tarchun, troß feiner wiederholten Empö—
rung, doch wieder Gnade gefunden, fagte er: diefe Araber
gleihen Hunden, weldhe bellen wenn man fie ſchlägt, dann
1) Einer der Häupter wollte fein Leben mit 5000 Stück dine-
fifher Seidenftoffe, welche 1,000,000 werth waren, losfaufen, ward
aber auf Kuteiba’d Befehl hingerichtet. Verſchiedene goldene und
filberne Gefäße und Götzen, welche Kuteiba jchmelzen lieg, follen
50,000 nad) andern 150,000 Mithfal gewogen haben. Ibid. f. 156 v.
Nach einer andern Tradition im türf. Tab. ©. 95 fanden fie ein
goldenes Götzenbild, das 250,000 Mithkal fhmwer war. Daran
waren zwei Verlen von nie gefehener Größe. Man fragte
den Mubed, aus welchem Lande diefe Perlen gefommen, und er
fagte: Zwei Vögel haben fie in den Schnäbeln gebraht und im
Tempel niedergelegt. Auch behaupten mande, der größte Theil der
Einwohner waren auf Reifen als die Mufelmänner Peifund überfies
fen und ausplünderten.
2) Ibid. f. 159 r.
8) Ibid. f. 160 v. und 161 r. und v. Sm Sabre 89 wollte er
Buchara nehmen, 309 fih aber vor dem Könige Wardan Hadfah
zurüd. Haddjadj machte ihm Vorwürfe deßhalb, worauf er im J.
90 aufs Neue gegen Buchara aufbrah. Auch dießmal blieb der
Kampf lange unentjchieden, fchon flohen die Mufelmänner, wurden
jedoch von den Frauen wieder auf das Schlachtfeld getrieben und
die Benu Tamim trieben dann den Feind aus der feiten Stellung,
die er eingenommen,
4) Ibid. f. 162 v.
Welid. 501
aber wieder ſtill ſind und einem nachlaufen, wenn man ihnen
etwas zu eſſen hinwirft. Er wagte es, ſich ſelbſt noch ein—
mal gegen die Araber aufzulehnen, mit der Zuverſicht, ſie
jedenfalls nach einer Niederlage wieder durch Geld zufrieden
ſtellen zu können ). Er ging daher nad Tochariſtan, Tief
den König, ſeinen Oberherrn, in Ketten legen, erklärte ſich
unabhängig von Kuteiba und forderte die Fürſten von Balch,
Merurud, Talikan, Djusdjan und Kabul auf, gemeinſchaftlich
mit ihm die Muſelmänner zu bekämpfen. Da der Winter
ſchon vor der Thüre war, konnte Kuteiba nur noch Balch
mit 12,000 Mann durch ſeinen Bruder Abd Errahman be—
fetzen laſſen. Im Frühling 91 aber züchtigte er die rebelli—
ſchen Städte und verfolgte Nizek bis gegen Ferghana, doch
gelang es ihm nur durch Verrath, ihn gefangen zu nehmen,
und nur mit Wortbruch ihn aus der Welt zu ſchaffen 2).
Noch in demfelben Fahre ward Schuman aufs Neue erobert,
ebenjo Keih und Nafaf 3). Im Fahre 92 ging Kuteiba nad)
Sedjeftan und rüftete fich zu einem Feldzuge gegen Zenbil,
der es aber zu feinem Kriege fommen ließ %). Im Jahre
93 ward Kuteiba von dem König von Chowaresm, den fein
1) Ibid. £. 163 r.
2) Ibid, f. 168 u.ff. Er ſandte Suleim, einem früheren Freund
Nizek's zu ihm, um ihn zu bereden, fich zu ergeben. Nizek hatte aber
in einem engen Thale eine fefte Stellung, fo daß er von Kuteiba nichts
mehr fürdtete. Suleim ließ ihn indeſſen glauben, Kuteiba würde
ihn auch den ganzen Winter hindurch belagern und auf fo lang war
Nizek nicht mit Lebensmitteln verjehen. Nizek entſchloß fich indeffen,
nicht eher Suleim zu begleiten, bis ihn diefer der Begnadigung Ku—
teiba's verficherte, der ihn jedoch gleich einfperren und fpäter, troß
der Fürbitte mancher Mufelmänner, die einen ſolchen Verrath und
Wortbruch nicht billigen konnten, hinrichten ließ. Andere Trapditio-
nen, zu Kuteiba’s Rechtfertigung erdichtet, verdienen Feine Er:
wähnung.
3) Ibid. f. 172.
4) Ibid, f. 175 v.
502 Zehntes Hauptſtück.
jüngerer Bruder der Herrſchaft beraubt hatte, aufgeforbert,
diefe Provinz zu befegen. Nachdem dieß vollbracht war 1),
überfiel er die Provinz Sogdiana, die auch von einem Uſur—
pator beherricht war, führte feine fiegreichen Truppen in bie
Hauptitadt Samarfand 2), und ließ, gegen ben Friedensſchluß,
eine Befasung von 4000 Mann zurüd, Im Jahre 94 wur:
1) Ibid. f. 176 r. Kuteiba verbreitete die Nachricht, als ziehe
er gegen Sogd, dann überfiel er plöglich Chumaresm, als die Trup-
pen des Uſurpators zerftreut waren. Die drei Städte Chumaresm’s
heißen bei Tab.: Medinat Elfil (Elephantenftadt), Farikein und
Hezareft.
2) Ibid. £. 177,u. ff. Die Truppen, welche von Schaſch den
Sogdiern zu Hülfe famen, wurden von den Mufelmännern über:
fallen, dann Samarfand fo lange befihoffen, bis der König um Fries
den bat. Kuteiba forderte 2,200,0009 Mithkal jährlihen Tribut (2)
und für diefes Sahr noch befonders 30,000 männliche Sklaven, da—
gegen follten feine Truppen in der Stadt bleiben, die anfäfligen
Mufelmänner jedoch die Befugnig haben, eine Mofchee in der Stadt
zu erbauen. Als ihm aber alles dieß gewährt worden, zog er doc)
mit feinen Truppen nicht mehr ab, fo daß, er fich abermals des
Wortbruchs ſchuldig machte. Von den Gögenbildern, die Kuteiba
verbrannte, follen 50,000 Mithkal Gold übrig geblieben fein, Unter
den Gefangenen war eine Tochter Sezdedjerd’s, die Kuteiba dem Had:
djadj und diefer dem Chalifen fchicfte, welchem fie feinen Sohn Se:
zid gebar. Tardhun, welcher mit den Mufelmännern Frieden ge
fchloffen, war damals nicht mehr auf dem Throne von Samarfanpd,
fondern Ghuref, der jenen eben darum ftürzte, weil er den Mufel-
männern Tribut gewährt. Aus allem geht hervor, daß Kuteiba von
den Anhängern Tarchun’s begünftigt ward, und daß die Bewohner
von Samarfand, um Feiner längeren Belagerung ausgeſetzt zu fein,
ihm große Summen boten, die er annahm, dann aber doc) verräthe-
rifher Weife die Stadt befekte. Auch heißt es bei Tab. f. 181 v.
„als die Nachricht von der Eroberung von Samarfand nah Damask
fam, fagte ein Syrer: „Bei Gott, ihr habt Samarfand nur dur
Berrath genommen, Bevor Kuteiba von Samarfand abzog, befahl
er, daf Niemand in der Stadt Waffen trage, daß jedem Fremden, der
in die Stadt komme, die Hände zufammengefiegelt werden, und daß
des Nachts Niemand, bei Todesftrafe, fein Haus verlaffe. Bid. f. 182 r.
Welid. 503
den die Städte Schaſch (Taſchkend) Chochand oder Djuchand
und Kaſan in der Provinz Ferghana eingenommen I), Im
folgenden Jahre ftand er ſchon wieder in Schafch, um von dort
aus feine Eroberungen fortzufegen, als ihm die Kunde von
Haddiadis Tod zufam, die ihn bewog, wieder nach Meru zu—
rüdzufebren, und die Befehle des Chalifen abzuwarten 2).
Im Jahre 96 endlich z0g er aufs Neue nad Ferghana und
fhon waren feine Borpoften, oder wenigſtens feine Gefandten
in Kaſchgar 3), als er den Tod des Chalifen vernahm und
feine Entfegung befürchtete, weil er ed mit denen gehalten,
1) Ibid. f. 184 r. und v.
2) Ibid, f. 188 v. im Schawal des J. 95 nah Andern fturb
Haddjadj den 25. Ramadhan, in einem Alter von 54 Sahren, Seine
Statthalterfchaft dauerte zwanzig Jahre nah Wakidi. Nach f. 167
v. ftarb er Freitag den 23. Ramadhan. Shm folgen Sezid Son Abi
Kebihan für den Krieg und Zezid Ibhn Abi Muslim, oder nad Be:
ladori, Salih Sbn Abd Errahman über die Finanzen.
3) Ibid. ©. 192 u. ff. Der König von Shina, heißt es, ver:
langte, ald Kuteiba’s Truppen nad Kaſchgar (mahrfcheinlich nach
dem Gebiete von Kaſchgar) kamen, zu unterhandeln. Kuteiba fandte
ihm zwölf Mann, an deren Spitze Hubeira. Gie gingen den erften
Tag an den Hof in weißem Hausgewande mit Sandalen, und zogen
fid; wieder zurüd, ohne ein Wort zu fprechen. Den zweiten Tag
legten fie foftbare und reich verzierte Kleider an, fprachen aber wie:
der Fein Wort. Am dritten endlich erfchienen die Gefandten in voller
Kriegsrüftung mit Helm und Panzer bededt. Als der König über
diefe dreifahe Erfcheinung Aufichluß verlangte, fagte Hubeira: Das
erfte Mal famen wir in einem Aufzjuge, als hätten wir es nur mit
Frauen und Kindern zu thun, das zweitemal, als hätten wir gegen
vornehme Herrn zu Fämpfen, und das drittemal wollten wir zeigen,
mie mir gegen deine Krieger auftreten würden. Nach Kuteiba’s Ver:
langen gefragt, fagte Hubeira: „er hat geſchworen dein Land mit Füßen
zu treten, deine Bafallen in Ketten zu legen und dich zu einem Tribut
zu verpflichten. Gut, fagte der König, ich fende ihm Geld mit etwas
Erde aus meiner Stadt, durch vier meiner Großen. Er mag ihnen
Ketten anlegen, das Geld nehmen und die Erde mit Füßen treten.
Dies gefhah und Kuteiba drang nicht weiter vor gegen China???
504 Zehntes Hauptſtück.
welche an Suleiman’s Stelle Welid's Sohn Abd Maziz zum
Thronerben erheben wollten,
Mit dem Regierungsantritte Welidg wurde aud wieder
an bie ſüdöſtliche Gränze des Reichs, wo unter Abd Alma—
lik nur einige unbedeutende Streifzüge I) ftatt gefunden hatten,
eine, größtentheis aus Syrern zuſammengeſetzte Armee ?) ge:
gefchieft, um auch auf Diefer Seite dem Islam eine weitere
Ausdehnung zu geben. An die Spise diefer wohlausgerüfte-
ten Armee ftellte Haddjadf, zu deffen Statthalterfchaft alle
öftlih von Irak gelegenen mufelmännifchen Provinzen gehör—
ten, feinen Better Mohammed Jon Kaſim. Diefer augge-
1) Reinaud fragmens arabes etc. p. 165. Da heißt es bei Be-
fadori, dem wir hier folgen, daß Said Ibn Aslam, der erfte von
Haddjadj ernannte Statthalter von Mefran, mit eiferfüchtigen Ara-
berhäuptlingen zu kämpfen hatte. Madiaa, fein Nachfolger, machte
eine Gaziah in dad Gebiet von Candabyl. Diefer ftarb nad einem
Sahre, und ihm folgte Mohammed Ibn Harun. Diefem fihenfte
der Fürft von Ceylan mufelmännifche Frauen, die fich auf feiner Sn-
fel befanden, aber das Schiff ward von Seeräubern aus der Gegend
von Daybal genommen. Haddjadj wendete fih an den Fürften von
Daybal wegen der Zurücgabe diefes Schiffes, und da er ihm Feine
Genugthuung gab, fendete er zuerft Ubeid Allah Son Nabhan mit
Truppen gegen Daybal. Da diefe Erpedition mißlang, follte Bo:
dal von Oman aus zu Waſſer gegen Daybal vorrüden, aber auch
Bodail fällt fo bald er landet, und num folgt Mohammed Sbn Kafım.
Hauptfache ift wohl, daß unter Abd Almalif nicht viel Truppen nad)
fo entfernten Ländern gefchiett werden konnten. Dieß lieſ't man
auch bei Abulfeda Annott. p. 107: »Hegagus ergo veniam rogabat ab
Abd Al Maleco Jndiam armis impetendi. Sed Abd Almalee negabat
praetendens nimis remota esse loca, neque debere moslemos pericu-
lis temere objectari. Quum autem eo mortuo succederet Valid, roga-
bat Hegagus et impetrabat ab eo veniam Indos invadendi.«
2) Die Armee, heißt es im Terte, war mit allem verfehen, was
zu einem folhen Zuge nöthig war, felbft Faden und Madeln waren
nicht vergeffen worden. Haddjadj ließ auch Baumwolle in Eſſig tau-
chen, dann im Schatten trocknen, und jandte fie diefen Truppen, damit
fie bei Mangel an Eſſig mit diefer Baumwolle dem Waffer einen
Eſſiggeſchmack geben könnten.
Welid. 505
zeichnete Feldherr befand ſich, als er zum Befehlshaber der
indiſchen Armee ernannt ward, in Fars, und zog von hier
nah Mekran, wo er fo lange blieb, bis dieſe Provinz voll-
ftändig unterworfen war )Y. As Mohammed feinen Rüden
von Feinden befreit hatte, brach er gegen Daybal auf umd
nabm diefe Stadt mit Sturm ein, nad einer langen und
fhwierigen Belagerung. Die befiegte Stadt wurde drei Tage
lang der Wuth der Soldaten preis gegeben, dann lieg Mo—
bammed den Mufelmännern, die er als Beſatzung zurückließ,
ein eigenes Stadtviertel einräumen und Darin eine Miofchee
bauen. Diefer glänzende Sieg der Araber verbreitete einen
ſolchen Schreden, dag Mohammen, ohne große Schwierigfeit
bis an den Indus vordringen fonnte, denn die meiften Städte,
welche auf feinem Wege lagen, unterwarfen ſich ohne Schwerbt-
ftreich, und verfaben ihn noch mit Lebensmitteln. Erſt als
Mohammed auf einer Schiffbrüdfe den Indus überfchritten
hatte, begegnete er einem indilchen Deere, an deſſen Spike
Daber ftand. Nach einer mörberifhen Schlacht, in welcher
Daber felbft umfam, und feine Truppen theils niedergemacht
theils in die Flucht gefchlagen wurden, bemächtigte fih Mo—
hammed der ganzen Provinz Sind. Daur und Bahman-
Abad 2) die alte Brahmanenftadt, wohin fih die Flüchlinge
von Daher's Armee geworfen hatten, wurden mit Sturm ge—
nommen, Alor, Savendary und andere Städte ergaben ſich
unter der Bedingung, daß ihre Tempel nicht weniger als bie
Kirhen der Chriften und Synagogen der Juden verfchont
blieben 9. Jetzt feste Mohammed über den Beyasflug
1) Es werden befonders zwei Städte genannt, Kyzebu und Ar:
manl oder bejier Armabyl.
2) Dieje Stadt lag zwei Pharafangen von der fpätern Stadt
Manßurah.
3) Der Krieg hörte um dieſe Zeit auf ein heiliger zu ſein, denn
der Hauptzweck deſſelben, Bekehrung der Heiden ward verfehlt. Ne—
ben Allah durften Götzen angebetet werden, wenn nur Tribut be—
zahlt wurde,
506 Zehntes Hanptftüd.
(Hyphasis) und griff Multan an. Die Belagerung dieſer
Stadt z0g fih in die Länge, und die Mufelmänner Titten
große Noth, bis es ihnen gelang, den Belagerten das Waffer
abzufhneiden, fo daß fie genötbigt waren, fi auf Gnade und
Ungnade zu ergeben. Ungebeure Schätze wurden in Multan,
wohin viele Indier wegen eines uralten Götzen wallfahrten D),
erobert; alle waffenfähigen Männer wurden niedergemeselt,
Frauen und Kinder als Sklaven verfauft.
1) Der in Multan verehrte Götze foll nah Beladori den Pro:
pheten Hiob (?) vorgeftellt haben. Bei Albiruni heißt es nah Rei:
naud’8 Ueberſetzung: Gbid. p. 141) L’idole de Moultan, une de celles
qui ont ete les plus celebres, etait appelee Aditya a cause qu'elle
etait consacree au soleil. Cette idole etait en bois, mais enveloppee
d’une peau d’antilope de couleur rouge. Ses deux yeux consistaient
dans deux rubis eic. Befonders merkwürdig und das in der vorher-
gehenden Note beftätigend, iſt folgendes: »Lorsque Mohammed fils
de casem fils de Monabbah fit pour la premiere fois la conquete de
moultan, il reconnut que la presence de cette idole et l’affluence des
pelerins qu’elle attirait, etaient une source de prosperite pour le pays,
il laissa done l'idole debout: seulement pour montrer son mepris pour
la superstition des Indiens, il fit attacher au cou du Dieu un morceau
de viande de vache.« Erſt fpäter als fih die Karmaten der Stadt
Multan bemeifterten, ward der Götze zerftört und der Tempel in
eine Mofchee verwandelt. Die in Sndien gemachte Beute foll
120,000,000, und die Koften des Feldzugs follen nur 60,000,000
Diahren betragen haben. Tab. faßt den ganzen indifhen Krieg in
folgenden wenigen Zeilen zufammen: „Sm Jahre 90 tödtete Mo-
hammed Ibn Kaſim, mwelhen Haddjadj an die Spike eines Heeres
ftellte, den König von Sind, Daß Sbn Saßah Cl. 161). Sm J.
94 eroberte Mohammed Son Kafim Indien, (f. 18%. Sm Sahre
95 wurde Hinterindien (achir alhind) erobert mit Ausnahme von
Kiredj und Almandel (I. 189). Bei Beladori aber heißt es
(p. 172) ausdrüdlich, daß Kiredj fih untermwarf, nachdem Duher ge:
fchlagen, nad einigen fogar getödtet ward. Auch heißt es bei dem-
felben, die Bewohner von Kiredj haben Mohammed Ibn Kaſim, ale
er abgerufen ward, bemeint und fein Bild aufbewahrt.
Welid. 507
Wie Kaſchgar für Kuteiba’s Züge gegen China, jo war
Multan für die Mobammeds in Indien, das durch Haddjadj's
und Welids Tod geftedte Ziel. Schon nad) dem Tode des
Erjteren zog jih Mohammed wieder nad) Sind zurüd, wo
er mande aufrübrerifche Stadt und Völkerſchaft aufs Neue
befämpfen mußte. Nach dem Tode des Chalifen warb er
von feinem Nachfolger Suleiman, wie Kuteiba und andere
Günftlinge und Berwandte Haddjadj's, nicht nur entjeßt, fon-
dern auch wie ein gemeiner Verbrecher behandelt. Auf Ku—
teiba, der jih nicht, ohne wenigſtens mit den Waffen in der
Hand für feine Freiheit zu fechten, in fein Schickſal fügte ),
müſſen wir unter Suleimans Regierung zurüdfommen. Mo-
hammed aber, welcher feine politiihe Rolle mehr fypielte,
fönnen wir bier ſchon bis an das Grab begleiten, denn er
hatte nad) dem Tode Welids, als mit Suleiman’s Herrichaft
die von Haddjadj unterdrüdten und mißbandelten Söhne Mu:
ballabs wieder zu Macht und Anfehen gelangten, nur nod)
eine kurze martervolle Zeit zu leben. Muawia, ein Sohn
Muhallabs, führte ihn in Ketten nach Waftt, wo Salih Ibn
1) Auch ihm wäre es leicht geweien, an der Spitze der ihm er-
gebenen Truppen, fich gegen den Chalifen aufzulehnen; dies ſprach
er au in folgenden Verſen Beladori’s aus, weiche nad) Reinaud’s
Ueberjegung lauten:
»Si Javais voulu opposer de la resistance, il ne tenait qu’ä moi
de monter sur le dos de jumeaux et de chevaux dresses an combat.
Les cavaliers de la famille de Sakasak n’auraient pas penetre
sur le territoire qui m’etait confie, et aucun emir de la famille d’Akk
n’aurait mis Ja main sur moi.
Je ne serais pas ä la merci d’esclaves acharnes contre moi. C’est
bien mal a toi, o fortune, de t’attaquer ainsi aux nobles coeurs.«
Safafaf it der Name eines Fleinen jemenidijchen Stammes,
welcher, nah dem Kamuß, von Sakſak Ibn Afchrab, oder Ibhn Waila
abftammt. Auch Akk ift ein jemenidifcher Stamm, welher von Azd
abftammt, zu welhem Muhallab gehörte. Der Nachfolger Moham-
meds mußte natürlich, um nöthigenfalls ihn mit Gewalt vertreiben
zu können, jemenidifche Truppen mit fich führen,
508 Zehntes Hauptſtück.
Abd Errabman, deffen Bruder einft auf Haddjadjs Befehl
hingerichtet worden war, ihn mit andern Verwandten Had—
djadjs zu Tode foltern ließ. Haddjadj's Freunde mußten dann
für die von ihm verübten Graufamfeiten büßen und der Cha-
life duldete diefe neuen Abfcheulichfeiten, weil zur Zeit ale
Welid, gegen den legten Willen feines Vaters, ftatt Sulei-
man feinen eignen Sohn Abd Alaziz zum Nachfolger bejtim-
men wollte, Haddjadj und fein ganzer Anhang ihn in diefem
Borhaben beftärkten . Wie Abd Almalit feinen Bruder
Abd Alaziz, fo Tieg auch Welid feinen Bruder Suleiman auf-
fordern, den Anfprüchen auf die Nachfolge zu entfagen, und
als diefer fich weigerte, wurden dennoch die Statthalter be-
auftragt, Abd Alaziz, dem Sohne des Chaliten, huldigen zu
faffen. Da aber nur Haddjadf und feine Greaturen diefen
Befehl vollzogen, ward Welid gerathen, Suleiman zu ſich zu
berufen und nöthigenfalls zur Entfagung zu zwingen. Welid
befolgte diefen Rath. Suleiman, welcher des Chalifen Ab-
fihten abnte, erſchien aber nicht in Damasf und zu feinem
Glücke ftarb bald darauf der Chalife, noch ehe die ſchon zu
Suleimansg Ausihliefung von der Nachfolge befchloffenen
Zwangsmaßregeln ausgeführt werden fonnten.
Wir baben oben gejehen, dag in Zurfiftan die innern
Streitigfeiten um die Herrfchaft dem Feldherrn Kuteiba feine
Siege fehr erleichterten. Auch Maslamah's und anderer ara—
bifcher Feldherrn Erfolge in Armenien und Kleinaften, unter
1) Tab. f. 195. Auch der Dichter Djerir fuchte den Chalifen
zu beftimmen, feinen Sohn Abd Alaziz zum Nachfolger zu ernennen,
Gr richtete folgende Berfe an ihn:
„Nach Abd Alaziz erheben fich die Augen der Heerde, wenn ſich
ihe Hirt verirrt, auf ihn blicken fie, wenn durch des Schickſals Tücke
die Pfeiler der Herrihaft zufammenftürzen. Wenn die Noth auf's
Höchſte geftiegen, Tagen die Befonnenften Kureiſch's: Dem Abd Ala—
ziz wollen wir huldigen und mit vollem Rechte nennen fie ihn jetzt
fhon ihren Thronerben u. f. m.“
Welid. 509
der Regierung Welids, fallen in eine Zeit, wo die byzanti—
niſchen Kaiſer mehr auf Erhaltung ihres Thrones und Ver—
folgung der Rebellen, als auf Beſchützung des Reichs gegen
äußere Feinde bedacht waren. Juſtinian II. erlangte den Thron
wieder, als Welid das Chalifat übernahm und weibte feine
Regierung durch die Hinrichtung der beiten Offiziere, welche
es mit den beiden Gegenfatfern gehalten, ein. Später unter-
nabm er einen Feldzug gegen die Bulgaren, welcher für feine
Armee ein trauriges Ende nahm und wenig fehlte, hätte er
feine Undanfbarfeit, — denn er verdanfte feinen Thron den
Bulgaren, — mit dem Leben gebüßt. Der Feldzug gegen
die Bewohner von Cherfon foftete Zuftinian zuerft eine Flotte
mit 70,000 Mann und endete mit feiner Hinrichtung. Phi—
lippicus, welcher ibn geftürzt hatte und fein Nachfolger ward,
fonnte fih nur zwei Jahre auf dem Throne behaupten. Sein
Staatsfeeretär Artemius, der jest den Thron beftieg, war big
zu Welids Tod zu fehr mit den Römern beichäftigt, um ener—
giihe Maßregeln gegen die Araber zu ergreifen. Wir dür—
fen ung daher nicht wundern, wenn wir fowohl bei byzanti-
niſchen als bei arabijchen Autoren, während der ganzen Dauer
von Welids Chalifat, Kleinafien und Armenien mufelmanni-
[hen Raubzügen ausgefest finden. Schon im J. 86 d. 9.
machte Maslamah, der Bruder des Chalifen, mit einigen an—
dern Feldherrn, einen Einfall auf griechiihes Gebiet in Klein—
aften und zog mit Beute beladen wieder ab 1). Im folgenden
Jahre (Dechr. 705— 706) follen mehrere Gefechte in ber
Gegend von Mopjueitia und Tyana vorgefallen fein 2), in
1) Tab. f. 153 v.
2) Ibid. f. 155 r, „Im J. 87 fiel Maslamah mit Sezid Son
Djubeir in das Gebiet der Griechen ein und er traf die Griechen in
großer Anzahl in Saufanah (oder Sufanah) in der Gegend von Ma:
ßißah (Mopſueſtia). Wakidi berichtet: Maslamah ftieß in diefem
Sahre bei Tumanah (Tyana) auf Meimun Aldjarhani, Diefer wurde
von Maslamah, der ohngefähr 1000 Krieger bei fih hatte, gejchla-
510 Zehntes Hauptftüd,
deren Folge einige befeftigte Pläbe in die Hände der Araber
fielen und die abtrünnigen Mufelmänner, die fi) wieder den
Griechen angejchloffen, ſchwer gezüchtigt wurden. Im fünften
Monate des J. 83 (April oder Mai 707) nach arabifchen,
oder zwei Jahre fpäter nach byzantinifhen Quellen, warb
endlich die fefte Stadt Thana von den Mufelmännern einge-
nommen und beſetzt. Zwar gelang es den fchon gefchlagenen
Chriften noch einmal, den Feind in die Flucht zu treiben, aber
Abbas, ein Sohn des Chalifen, brachte die Truppen durch
den Ruf „Herbei ihr Männer des Korans!’ wieder zum
Stehen. Die Griechen wurden mit erneuter Wuth angegriffen
und in die Stadt zurücdgefchlagen, welche nach einer längern
Belagerung eingenommen ward I). Im folgenden Jahre (708)
gen und mehrere Feftungen fielen in die Gewalt Maslamah’e. Wach
andern Berichten befriegte Hiſcham Ibn Abd AlmaliE in diefem
Sahre die Griehen und eroberte die Feftung Bulif, Alachrim, Balis
und Kamkam (9). Er tödtete auch von den Moftaribah gegen 1000
Soldaten und nahm ihre Frauen und Kinder gefangen.“ Tuwanga
bei den Arabern, it offenbar die griechiiche Stadt Tüana, die nach
Arrian urfprünglih Thoana hieß. Sie lag nah Mannert (Geogr.
der Grieh. u. Rom. VI, 2. 263.) an der Stelle des jegigen Kara-
higar. Tovin, die armenijche Reſidenz, war fehon längft in den
Händen der Araber und heißt nicht Tumana, fondern Dumin oder Debil.
©. Kamuf. Die Vebereinftimmung der Griechen mit den Urabern in
Betreff der Einnahme Tyana’s, obgleich mit einiger chronologifcher
Abweichung, beweift übrigens fchon zur Genüge, dag unter Tuwana
hier Tyana in Cappadocien und nicht Tovin zu verftehen ift.
1) Ibid. f. 157 v. „Die Mufelmänner, unter dem Dberbefehle
Maslamah’s Ibn Abd Almalif und Abbas Ibn Welid, fchlugen den
Feind in die Flucht, aber er fammelte ſich wieder in einer Kirche
und erneuerte den Angriff mit folhem Ungeftüm, dag die Mufel:
männer weichen mußten. Abbas blieb jedoch mit wenigen Leuten
auf feinem Poſten und fagte zu Sbn Muhriz Adjamhi, der ebenfalls
das Schlachtfeld nicht verlaffen hatte: „wo find denn die Männer
des Korans, die fih nach dem Varadiefe fehnen? Son Muhriz ev:
wiederte: „rufe fie zurück! fie werden dir folgen.“ Abbas rief: „Her:
bei ihr Männer des Korans!“ Da Fehrten fie alle wieder auf das
Welid. 511
ſchlugen die beiden Feldherrn ein griechiſches Heer bei Amo—
rium und eroberten Heraclea und einige andere feſten Plätze.
Abbas blieb dann mit einem Theile des Heeres in Kleinaften,
während Maslamab feine Eroberungen nad Nordoften gegen
den Raufafus bin ausdehnte ) und noch im J. 91 Novbr.
709 — Det. 710) finden wir ihn bei Derbend kämpfend 2),
Im 3. 93 ward Samofate von Abbas und Amaſia von Mer:
wan Jon Maslamab genommen, welcher auch noch andere
Schlachtfeld zurüch und Gott fchlug den Feind aufs Neue in die
Flucht, bis er fih in Tumana einfchlog. Bei diefem Heere waren
1500 Medinenjer von den 2000, die fie auf Welid’s Befehl ins Feld
fhiden jollten, fie braten dann den Winter in (der Provinz) Tuwana
zu und eroberten diefe Feftung. In denfelben Sahre eroberte Mas:
lamah ferner die drei Fejtungen: Konftantin, Ghazale und Alahrim.
Auch tödtete er gegen 1000 Moftaribah und 309 ihre Güter ein.“
Bei Theoph. S. 577 wird der Verluft von Tyana der Uneinigfeit
der beiden Feldheren, welche die Stadt entjegen follten, und dem
Mangel an Disciplin und Kriegstaftif unter ihren Truppen zuges
fhrieben und in das Jahr 701 (Alex.) geſetzt.
1) Ibid. f. 160 u. 161: „Sm J. 89 zogen, nah Wakidi, Mass
lamah und Abbas vereint gegen die Griehen, dann trennten fie
ih, Maslamah eroberte die Feſtung Suriieh und Abbas Adrulia
und ſchlug ein griechifches Heer in die Flucht. Andere berichten
aber: Maslamah wendete ſich gegen Amuria, wo er ein ftarfeg grie:
hifhes Heer ſchlug, dann eroberte er Heraflea und Kamudia,
Abbas aber befämpfte die Griechen von der Geite von Be:
dendun. Zn demjelben Sahre befimpfte auch Maslamah die Tür—
fen, bis er von Adjerbidjan her nach Derbend drang, und er eroberte
in jener Gegend Städte und Citadellen. Im J. 90 zog Maslamah
gegen das Gebiet von Suriah und nahm dafeldit fünf Feftungen
ein, Auch Abbas machte Streifzüge, nah Einigen bis Suriah, nad
Andern bis Arzan; erftere Tradition ift aber die richtigere.
In diefem Jahre nahmen auch die Griehen den mufelmännifchen
Admiral (Sahiba-1-bahri) Chalid Son Keifan gefangen und brachten
ihn dem Katfer, aber diefer jandte ihn dem Chalifen wieder zurück.“
2) Ibid. f. 167 v. Bei ihm war in diefem Sahre Abd Aaziz
Son Welid,
512 Zehntes Hauptſtück.
feften Pläbe in der Gegend von Malatia den Griechen ent-
riß D. Im J. 94 waren vier Truppenabtheilungen gegen
die Griechen thätig. Abbas unterwarf dag pifidifche Antio-
chien 2), Abd Maziz, ein Sohn des Chalifen, machte Streif-
züge in der Gegend yon Malatia, Welid Ibn Hiſcham gegen
Burdj Alhamam (Taubenburg) und Jezid Ibn Abt Kabſcha
gegen Erzerum hin. Im folgenden Fahre (Sept. 713—714)
wird, nad) einigen Berichten, Heraklea, das ſich wahrſcheinlich,
wie manche andere Grenzftädte, wieder von mufelmänntfcher
Herrfchaft befreit hatte, abermals unterworfen, ebenfo Die
Stadt Kinesrin (Chaleis) I. Noch im Todesjahre Welids
joll endlih, nah byzantinischen Berichten, Maslamah einen
Streifzug nad Galatien unternommen und Artemius den Cha-
lifen, welcher eine Armee zur Belagerung der Hauptftabt des
byzantinischen Reichs ausrüftete, um Frieden gebeten haben ?).
Veberrafchender und dauerhafter als alle genannten, une
ter Welids Negierung yon Mohammed Ibn Kafım, Kuteiba
und Maslamah gemachten Eroberungen, find die Mufa’s und
Tarik's in Afrika und Spanien. In Afrifa Scheint Mufa eine
— — —
1) Ibid. f. 175: „Abbas eroberte Samoſata, Merwan Ibn We:
lid machte eine Ghaziah gegen die Griechen und drang bis Chan—
chara vor, während Merwan Son Maslamah Amafia, Hußn Alhadid
(die eiferne Feftung), Shazale und Tirahma in der Gegend von
Malatia einnahm.
2) Ibid. f. 183 v. Das J. 94 beginnt mit dem 7. Oft. 712
und endet mit dem 26. Sept. 713. Hier ftimmen alſo Araber und
Byzantiner jo ziemlich mit einander überein, denn auch Theoph.
©. 587 fest die Einnahme von Antiochien in das J. 705 (Alex.).
Ebenſo wird auch von Theoph. ©. 585 die Befekung Amafia’s in
das 5. 104 gejekt.
3) Ibid, fol. 188 u. 189.
4) Theoph. ©. 588. Bei Tab. f. 189 v. heißt es bloß: „Im
3.96 machte, nach Wafidi, Beſchr Son Alwelid einen Streifzug nad)
Griechenland und überwinterte dafelbft. Ber feiner Heimkehr war
der Chalife ſchon todt.“
Welid. 513
wahre Menfcheniagd veranftaltet zu haben. Noch unter Abd
Almalik's Regierung unternahm er und feine beiden Söhne
Merwan und Abb Allah mehrere Streifzüge gegen die Ber-
ber, von welchen fie 300,000 Menfchen erbeutet haben follen,
jo dag der Antheil des Chalifen an diefer Beute 60,000
Köpfe betrug I). Sp drang denn Mufa immer weiter gegen
Weiten, indem er den einen Berberftamm ausrottete, den ans
dern vertrieb, den dritten unterwarf und ſich durch Geißeln
vor Berrath fiherte, bis er an den Fluß Mulwija, weftlich
von Tlemſen fam, wo fich ein zahlreiches Heer von Berbern
ibm entgegenftellte. Aber auch diefes ward gefchlagen, nach—
dem Merwan, Mufa’s Sohn, den Anführer in einem Zwei—
fampfe getödtet. Das Gebiet von Fez und Maroffo lag nun-
mehr offen vor Mufa’s Truppen ?).
1) Son Abd Alba, S. 112, Makkari Append. ©. 58 u. N.
Es waren vermuthlich größtentheils Frauen und Kinder, denn die
erwachfenen Männer wurden, wenn fie fich nicht zum Islam bekehr—
ten, größtentheild niedergemegelt, Mit diefen Zahlen darf man es
übrigens nicht zu genau nehmen, obgleich fie fchon darum mehr
Glauben verdienen, als in den älteſten Quellen ſelbſt angegeben
wird, dag Mufa’s Beriht an Abd Alaziz, über den Erfolg jeiner
und feiner Söhne Züge, für übertrieben gehalten wurde, bis der
fünfte Theil der Gefangenen anlangte. Bei Makkari heißt es fo-
gar, Muſa's Secretär habe aus Verſehen 30,000 ftatt 60,000 ge—
fehrieben. Abd Alaziz fand auch diefe Zahl fo unglaublich, daß er
Muſa jchrieb: er habe entweder den fünften Theil der Beute zu
hoch angegeben oder fein Secretär müſſe fih geirrt haben in ter
Zahl 30,000. Darauf erwiederte nun Mufa, daß allerdings ein Irr—
thum vorgefallen, indem der Fünfttheil der Gefangenen nicht 30,000
fondern 60,000 betrage. Bei Ibn Abd Alb. heißt es ftatt „Muſa's
Sohn Abd Allah” bloß „feinen Neffen.“
2) Als Abd Almalit Nachricht von diefen Siegen erhielt, fagte
er: „Sch wünfche dir Glück zu diefem Siege, Abu-l-Aßbagh.” Dann
fagte er: „DBielleiht findet ihr etwas unangenehm, das doc zu
euerm Beiten iſt.“ Abu-l-Aßbagh it der Zuname des Abd Alaziz,
dur deffen Vermittlung Mufa zum Feldherrn ernannt worden und
dem Chalifen die Siegesbotſchaft zufam. Die folgenden Worte find
33
514 Zehntes Hauptſtück.
Die nähften Bemühungen Mufa’s waren nunmehr auf
das Seewefen gerichtet und wir haben fchon „oben von ben
Fahrten nad) Sieilien und Sardinien geredet, welche von ihm
angeordnet worden.
Die erfte Schlacht, welche unter der Negierung Welids
in Afrika gefochten worden, fand in dem Lande Sus ftatt,
Merwan Ibn Mufa gewann fie und fein Sieg hatte die frei-
willige Unterwerfung aller berberifchen Stämme jener Gegend
zur Folge I). Mufa felbft brach dann wieder gegen Weft-
afrifa auf und eroberte Tanger, wohin vor ihm noch fein
aus dem Koran und Abd Almalif bezog fie auf fich felbft, weil er,
wie wir oben gefehen, über Muja’s Ernennung erzürnt war, Sn
dem Worte »lijuhnikan bei Makk. Append. 64 fehlt ein Hamza oder
ein ja. (S. den Kamuß Ausg. v. Bulaf I, 68.) Pascual de Ga-
yangos überfegt unrichtig: »Victory has rendered thy vain, o Abul-
Asbagh« und bemüht fich vergebens in dem Folgenden »lahume für
»lakum« zu lefen, gefteht übrigens felbft, daß ihm auch dann noch
der Sinn nicht klar.
1) Wie viel Aehnlichfeit die Berber in ihrer ganzen Lebens:
weife mit den Arabern hatten, geht am Beſten aus einer Unterre—
dung Mufa’s mit dem fpätern Chalifen Suleiman hervor. Da fagt
Mufa, nach der Ueberſetzung von Pascual de Gayang. (I. Append. 89)
»The Berbers,« Commander of the faithful, are of all foreign nations
the people who resemble most the Arabs in impetuosity, corporal
strength, endurance, military science, generosity, only that they are,
o Commander of the faithful! the most treacherous people on earth.«
Die Schilderung, die er von dem Charakter anderer Völfer entwirft,
liefert einen Beweis von feiner Menſchenkenntniß. »The Greeks,«
fagt er, »are lions within their castles, eagles on their horses, wo-
men in their ships; if they see an opportunity, they immediately seize
it, but if the day turns against them, they are goats in ascending their
mountains, and so swift footed in their flight, that they scarcely see
the land they tread.e Won den Spyaniern ſagt er: »They are luxu-
rious and dissolute lords, but knights who do not turn their faces
from the enemy.« Endlich noch über die Franfen befragt, antwortet
er: »The Franks, o Commauder of the faıthful! have numbers, re-
sources, strength and valour.«
Welid. 515
arabiſcher Feldherr gedrungen. Hier ließ er einen Statthalter
zurück, welcher verſchiedene Stämme der Landſchaft Sus, die
ſich gegen die Araber aufgelehnt, wieder zum Gehorſam zwang.
Muſa kehrte wieder nach Cairawan zurück, und verlieh bald
den Oberbefehl über Tanger und die im Weſten Afrika's er-
oberten Länder feinem Freigelaffenen Tarif Jon Zejfad N.
Diefer ſuchte fih nah und nach in den Beſitz der ganzen
Nordweftküfte Afrika's zwifchen Tlemfen und Tanger zu fegen,
fand aber an dem Grafen Julian, welcher im Namen ver
Könige von Spanien Ceuta und die umliegende Gegend ver-
waltete, einen Gegner, der nicht fo leicht wie die Berber zu
befiegen war. Doch wurden auch bier die Araber, wie früher
in Egypten, von innern Spaltungen unter der hriftlichen Be—
völferung Spaniens begünftigt. Um dieje Zeit wurde nämlich
Witiza, welcher ſich einen Theil feiner Unterthanen durd) ſei—
nen Kampf mit der römifchen Geiftlichfeit und dem römiſchen
und fpanifchen Adel zu Feinden gemadt, vom Throne ver-
drängt, Seine Söhne Eva und Siſebut fämpften vergebeng
für den Thron ihres Vaters gegen Roderich, welcher denfel-
ben ufurpirte, obgleich ihr Anhang noch immer fehr ftark war.
Zu den Freunden des geftürzten Königshauſes gehörte auch)
der Graf Julian, welhem Roderich um fo verhaßter fein
mußte, als er deſſen Tochter entehrt hatte). Der Haß gegen
1) Sh bin hier Ibn Abd Alb. ©. 113 gefolgt, welcher Mufa
den eriten nennt, der nach Tanger gefommen und Tarif erit fpäter
Walt von Tanger werden läßt. Nach einer andern Tradition (©.
112) jandte Muja feinen Sohn Merwan in das Gebiet von Tanger,
mwelher nad einigen Gefechten ſich zurüdz;og und Tarif Sbn Amru
den Dberbefehl über das Heer ließ, das nach einigen aus 12,000
Berbern, nad) andern nur aus 1700 beitand, Mac andern Autoren
bei Maff. I, ©. 253 ward Tanger auch von Tarif erobert, während
mande fogar die Eroberung von Ceuta dem Mufa zujchreiben,
2) Auch bei Ibn Abd Alh. 1. 1., der älteften arabifchen Quelle
über die Eroberung Spaniens, findet fich die befannte von Manchen
für Sage gehaltene Geſchichte son Zulian und feiner Tochter, doch
33*
516 Zehntes Hauptſtück.
Roderih, und vielleicht die Hoffnung, mit Hülfe der Araber
den unterdrüdten Prinzen wieder ihr Necht zu verichaffen,
ohne alle fpäteren Zufäge, welche fie erjt unwahrſcheinlich machen.
Die ganze Stelle lautet wörtlih: „Tarif Fämpfte einige Zeit dorf
(im Gebiete von Tanger) und dies war im Sahre 92. Auf dem
Veberfahrtsorte zwiihen ihm und Andalus, war ein Mann von den
Adjam, welcher Bilian hie und Herr von Sebta war, aud war er
über eine Stadt gejest an dem Weberfahrtsplas nad Andalus, welche
Alchadhra hief, nah der Seite von Tanger hin. Bilian war dem
Loderif, dem Herrn von Andalus, welcher in Tuleitala wohnte, uns
terthan. Tarik ſetzte jih aber in brieflichen Verkehr mit Biltan und
ſchmeichelte ihm, bis fie fih mit einander befreundeten. Bilian
hatte nämlich eine feiner Tochter dem Loderif, Herrn von Andalug,
geſchickt, damit er für ihre Bildung und Erziehung forge, er aber
hatte fie geſchwängert. Biltan jagte daher, als er davon Nachricht
erhielt: ich kann ihn für diefe Schandthat nicht anders beftrafen,
ald wenn ich die Araber in fein Sand führe. Sp fandte er dann
zu Tarif und bot ihm an, ihn nah Andalus zu bringen.“ Anda—
lus it befanntlich der arabiihe Name für Spanien und wäre nad)
Nuweiri (journ. asiat. Ser. II. T. I. p. 564) von den Vandalen ab-
zufeiten. Adjam ift ein Wort, das Verfer, Fremde und Bar:
baren bedeutet, Alchadhrah, oder Djeziret Alhadhrahb (die arüne
Inſel) iſt das jegige Algeſiras. Bilian tt bloß durd einen weg—
gelajfenen Punkt aus Ilian oder Jilian entitanden. Eben fo Fonnte
leiht aus Rodrich ein Lodrich werden, dadurd daß das r über die
Zeile gefegt wurde. Man fieht nicht ein, warum die Araber das
Vergehen Roderihs gegen Julians Tochter erdichtet haben follten.
Höchſtens mochten fie fih darin irren, daß fte die Entehrung diefes
Mädchens als den einzigen Beweggrund zu Julians Verrath betrac:
teten. Mas Lembke (Geih. v. Spanien I, 258) gegen die Wahr:
fheinfihfeit diefer Erzählung anführt, ift auf Sbn Abd Alhakams
Tradition nicht anwendbar. Hier ift nicht ausdrücklich gefagt, daß
Roderih ſchon König war, als Sultan ibm feine Tochter fhicte, er
wird nur ald „Herr von Andalus“ bezeichnet, weil er es fpäter ge
worden, vielleiht erſt nachdem er ſie entehrt. Auch ift bier von
vielem Anfragen Peine Rede, denn die Eroberung Spaniens unter
günftigen Umftänden mußte ſchon längſt, was jogar von einigen
Autoren ausdrücklich erwähnt wird, zwiſchen dem eroberungsfüchtigen
Chalifen und feinem Statthalter in Afrika zur Sprache gekommen
Welid, 517
veranlaßte daher Julian mit Tarif zu unterhandeln und ihn
zu ‚bewegen, ein Heer nach Spanien überzufegen. Tarik be-
gab jih nah Ceuta, um ſich mit dem Grafen zu befprechen,
doch nicht eher als bis er feine beiden Töchter als Geißeln
nad Tlemſen geſchickt I. Sobald Tarif fid) überzeugt hatte,
dag mit Hülfe Julians und der vielen fpanifihen Flüchtlinge,
jo wie der in Spanien felbft gebliebenen Feinde Roderichs,
diefes reiche und fruchtbare Land erobert, oder wenigftens eine
reihe Beute aus demfelben entführt werden fünnte, traf er
die nöthigen Anftalten zur Ueberfahrt. Tarif Abu Zu’ra 2) ward
fein. Die hier angeführte Stelle aus Ibn Abd Alhak. ift um fo
wichtiger, als Pascual de Gayangos 1. 1. p. 513 ſchreibt: Die Hifto-
rifer, welche über das I1te Sahrhundert hinauf reichen, »if they
mention Uyan at all, say nothing about his misunderstanding with
Roderic.«
1) Sbn Abd Alt. 1.1. Dies macht die von Maffari (9. 264)
erzählte Fahrt Sultans nad) Algefiras, um Bemerfe feiner Aufrichtig-
feit zu geben, unwährſcheinlich. Dagegen fpriht auch noch, außer
dem Schweigen der gleichzeitigen chriftliben Quellen und vieler ara>
biihen, die angegebene Zeit, nämlih das 3. 90 Mor. 708 — 709),
wo Rodrich wahrſcheinlich noch aar nicht König war.
2) Bekanntlich ift von Affemani und Andern Tarifs Erpedition
beftritten und Tarif als eine Verwechslung mit Tarif angefehen wor:
den. Dies ift aber nicht anzunehmen, denn auch die Namen ihrer
Väter, mwelhe immer bei Arabern mit genannt werden, find gunz
verfhieden. Gegen diefe Landung als eine von der Tarifd gejon-
derte fpriht aber erftens das Stillſchweigen der älteiten Quellen
und zweitens die Zeit, in welcher diefe Landung vorgenommen wor—
den fein fol. Als ſolche wird nämlich der Namadhan des S. 91
genannt, welcher dem Suli 710 entipricht, da doc immer wieder
Roderihs Regierungsantritt, welcher der Bemweggrund von Julians
Bündnig mit den Mufelmännern fein joll, fhon in das Jahr 709
gefegt werden müßte, während feine ganze Herrfchaft nur ein Jahr
gedauert haben foll. (S. Aſchbach Geſch. der Omejjaden in Span.
I. 26.) Pascual de Gay. hat im Terte S. 265 für den Monat Ra—
madhan »Aug.— Sept. A. D, 710. Dann fohreibt er in einer Note
p. 518: »Ramadhan being the last month of the Mohammedan year,
518 Zehntes Hanptflüd,
zuerft, wahrscheinlich nur um den Zuftand der Küfte zu unter-
fuchen, mit vier hundert Mann Fußvolf und hundert Reitern
in vier fleinen Schiffen nad der ſpäter fo genannten Halb-
inſel Tarifa übergefest und ald er nirgends Widerſtand
fand, folgte Tarif Fon Zejiad mit einem Heere, das von
manden Autoren auf 12,000 Mann angegeben wird und
befeftigte fih auf der Anhöhe, welde fpäter Tarifs-Berg
(Diebel Tarif-Gibraltar) genannt ward, Daß diefe Landung
im Jahre 92 der Hidjrah ftatt fand, unterliegt faum einem
Zweifel, ungewiß ift aber der Monat und der Tag derfelben,
doch wahrfheinlich wurden die erften Trupyen am 5. Radjab
ausgeſchifft, Tarif felbft aber erft am Sten, welcher dem erften
Mat 711 entfpriht ), auf fpanifchen Boden gebracht, Spä-
Tarif's invasion must have taken place between the 29th September
and the 27th October 710, which date must be substituted for the
August or September A. D. 710, as in my translation.«a Ein auffal-
lendes Berfehen von einem fo gelehrten Drientaliften. Ramadhan
ift nicht der legte, jondern der Yte Monat des mohammedanifhen
Sahres und beginnt mit dem 3. Suli 710, Das wahrſcheinlichſte ift,
und damit ftimmt auch Sbn Chaldun (bei Makk. ©. 268) überein,
dag Tarif eines der erften Schiffe beftieg, Tarif aber das legte,
mas Ibn Abd Alb. ausdrücklich bemerkt und daß vielleicht nur einige
Tage zwijchen der Landung der beiden genannten Generäle lagen.
Die Stelle bei Ibn Abd Alh. Tautet: „Zwifchen den beiden Webers
fahrtsorten, nämlich zwiihen Sebta und Andalus, lag ein Berg,
welcher jest Djebel Tarif heißt. Als es Abend war, Fam Bilian
mit Schiffen und befud fie (mit Soldaten) nah diefem Landungs—
plage. Er blieb dann den Tag über verborgen und des Abends
fandte er die Schiffe wieder zurück, um die Andern zu holen, bis
feiner mehr übrig blieb. Die Bewohner von Andalus merkten nichts,
fie glaubten, die Schiffe gingen wie immer des Handels willen hin
und her. Tarif war bei der legten Abtheilung die hinüberfegte, und
aud Bilian mit den ihm befreundeten Kaufleuten blieb in Alhadhra,
um feinen Gefährten und Tandsleuten guten Muth zu madhen.“
1) Sp nad) dem Art de verifier les dates. Auch bei Lembke
©. 259 jtimmt der 5. Radjab mit dem 28. April überein, der Ste
alfo mit dem 1. Mai. Bei Pasc. de Gay, ©. 522 den 30, April,
Welid. 519
tere Data, welche noch bei muſelmänniſchen Autoren vorkom—
men, beziehen fi gewiß nur, wenn fie nicht ganz irrig find,
auf andere, von Tarif bald nach feiner Landung noch herbei-
gerufenen Truppen, zur Verſtärkung feiner Armee, welche bet
feiner Ueberfahrt fchwerlich noch die oben erwähnte Stürfe
von 12,000 Mann erreiht haben modte M.
Theodomir, ein fpanifcher General, welcher fih den dag
ganze Küftenland ausplündernden Mohammedanern zu wider:
fegen wagte, ward zurüdgeichlagen und fah fi, bei der im—
mer” wachjenden Zahl des Feindes, genöthigt, Noderich felbft
zu Hülfe zu rufen, welcher mit den Nebellen von Navarra
und Biscaya bejhäftigt war 2). Roderich brach fchleunig
nad dem bedrohten Süden feines Landes auf und zog in ber
Nähe von Cordova ein großes Heer zufammen 3). Tarif,
der durch zahlreiche, von der Regierung aufs graufamfte ver:
folgte Juden, jo wie dur die mit Julian und der geftürzten
Dynaftie verbündeten Chriften, von Allem unterrichtet ward,
rief nun auch feine zerftreuten Truppen zufammen und Tieß
noch einige taufend Mann aus Afrifa hberüberfommen %),
*
nach den chronologiſchen Tafeln von Masden. Damit ſtimmt auch
der von Manchen angegebene Wochentag (Donnerftag) überein,
U So ließen fih die mwiderfprechenden Angaben über die Trup—
penzahl am beften vereinigen. Mit Tarif mochten etwa 7000 und
im Laufe des folgenden Monats noch 5000 gelandet fein. ©. die
verichiedenen Angaben bei Lembfe ©. 258.
2) Makkari ©. 268.
3) Ibid. p. 269. Bon Cordova aus foll auch Roderich die Söhne
Witiza's aufgefordert haben, mit ihm den gemeinjamen Feind zu
befämpfen.
4) Wahrfheinlih aus den unter feiner Verwaltung ftehenden
Provinzen von Tlemfen bis Tanger oder gar bis Sus. Daß er
aber, wie Maffari ©. 270 berichtet, Mufa erft um Beiftand bat,
ald Roderih heranrüdte, und Mufa ihm noch 5000 Mann vor der
Schlacht ſchickte, kann niht angenommen werden, denn da Mufa in
Kairaman war, hätte eine folhe Sendung viel mehr Zeit erfordert,
520 Zehntes Hauptftüd,
In der Nähe des Fluffes Gundelete ), zwiſchen dem
fpätern Xeres und dem Meere, ftiegen die beiden Deere auf
einander. Das chriftliche war dem mohammedaniſchen an Zahl
wenigftens doppelt überlegen ?), es fehlte aber demfelben an
Einigfeit und Vertrauen 3), welche bei den Mufelmännern in
fo großem Maaße vorhanden waren. Schon bald nad) der
Landung hatte Tarif, um feinen Truppen Muth einzuflößen,
denfelben erzählt: der Prophet fei ihm, von den Hülfsgenoſſen
als zwifhen Roderich's Zug nad dem Süden und der Schlaht von
Xeres liegen konnte.
1) Dieſer Fluß oder eigentlich dieſes Thal heißt bei den Ara—
bern Wadi Lekah oder Lekeh. Nach Pasc. de Gay. (S. 525) fand
die Schlacht, nicht wie man bisher glaubte, in der Ebene von FZeres,
fondern mehr in der Nähe des Meeres, nicht weit von Medina
Sidonia ftatt. Es mwird nämlich von einigen Autoren ausdrüclich
das Schlachtfeld in die Mähe eines Sees gejekt, worunter der von
La Janda in der Nähe von Sidonia gemeint ıft. Da indeffen die
Schlacht mehrere Tage dauerte und von manchen Autoren auch der
Fluß von Bejer genannt wird, fo mochte die Schlaht zwifchen Bejer
und Sidonia begonnen und in der Nähe letzterer Stadt aufgehört
haben.
2) Es zählte nah Ibn Challifan 70,000, nah Ibn Chaldun
40,000, nad Andern 90,000 Mann. Maffari ©. 524. Turif’s Heer
war wenigſtens 12,000 Mann ftarf, ohne Julian's Truppen und
eine Anzahl chriftlicher Heberläufer, deren Zahl fih nicht genau be-
ftimmen läßt.
3) Es heißt bei Makkari: Viele von Roderich's Leuten äußer—
ten fih: „Warum folgen wir dem Roderih, dem Thronräuber ? war
er nicht ein Vaſall wie wir und fteht doch jest über ung? wozu
wollen wir jene fremden Abkömmlinge befämpfen ? ihre Abficht ift
nur, fih mit Beure zu beladen und dann wieder abzuziehen. Beſſer
ift ed, wir vereinigen ung mit ihnen, und wenn fie ung wieder ver-
laffen haben, fünnen wir dem den Thron geben, welchem er gebührt.
Lembke ©. 261. Nach Pafcua’s Ueberſetzung fagen fie von Roderich:
„not only he does not belong to the royal family, but he was once
one of our meanest menials, we do not know how far he may carıy
his wicked intentions against us.«
Welid. 521
und Auswanderern umgeben, und mit Schwert und Bogen
bewaffnet, erſchienen und habe ihm zugerufen: „Schreite vor—
wärts, Tarik, und führe dein Unternehmen aus! ſei mild ge—
gen die Muſelmänner und bleibe deinem Worte treu!“ Dann
habe er geſehen, wie der Prophet und alle, die ihn umgaben,
ihm vorangingen nach Andaluſien ).
Bor der Schlacht ſoll Tarif feine Soldaten folgender—
weiſe angeredet haben: „Wohin wollt ihr fliehen? Das Meer
ift hinter euch, der Feind fleht vor euch. Bei Gott! ihr fin-
1) Makkari und Numeiri. Ber Sbn Abd Alhakam ift davon
feine Rede, wohl aber auch von dem verfchloffenen Palafte und dem
gekochten Menjchenfleifche, um den Feind zu fehreden. Gritere Sage
lautet (S. 114): E8 war in Andalus ein Haus (oder Gemach), vor
welhem Schlöſſer lagen. So oft ein König die Regierung antrat,
legte er ein neues Schloß davor, bis der König den Thron beftieg,
unter deffen Herrichaft die Mufelmänner einen Einfall in Andalus
machten. Als man diefem zuredete, gleich feinen Vorgängern, aud)
ein Schloß vor diefes Haus zu legen, weigerte er ſich und fagte: ich
lege Fein Schloß vor, bis ich gefehen, was darın ift. Er ließ das
Haus öffnen und fiehe da! ed war ein Gemälde darin, welches Ara:
ber vorftellte und dabei war gefchrieben: „wenn diejed Haus geöffnet
wird, wird das Volk in das Land dringen, welches auf diefem Ge—
mälde dargeftellt ift.” Die zweite Sage lautet: „Tarif ging über
eine Brücke vom Berge nah einer Stadt, welche Cartagena hieß,
dann wendete er fih nad der Richtung von Cordova und fam an
einer Snfel vorüber, auf welcher er eine feiner Sklavinnen ließ, die
Umm Hafım hieg. Er lieg auch eine Abtheilung Truppen auf diefer
Snjel, welhe den Namen Umm Hakim erhielt. Als die Mufelmän:
ner fich auf diefer Inſel niederliegen, fanden fie bloß einige Wein-
gärtner darauf. Sie nahmen fie gefangen und fahlachteten einen
derfelben, dann zerfchnitten fie ihn und Fochten ihn im Beifein ſei—
ner Gefährten. Ste hatten aber in einem andern Topfe Fleifch ge:
kocht, das fie dann aßen, während fie das Menfchenfleifch wegwarfen,
ohne das die Gefangenen es bemerften, Dieje glaubten daher, die
Mufelmänner jeien Menſchenfreſſer.“ Bei Maffari thut dies Tarif
vor den Augen eines riftlihen Spions, welcher fib in fein Heer
gefchlichen.
922 Zehntes Hauptftüd,
det euer Heil nur in Muth und Ausdauer, zwei Tugenden,
mit denen man nie unterliegt, und die ſelbſt zwei fliegenden
Heeren gleichen. Mit ihnen trägt auch ein Fleines Heer den
Sieg davon, ohne fie vermag aud eine große Schaar nichts,
befonders von Männern, wie fie euch entgegentreten, entfräftet
durch Wolluft, gefhwächt durch Zwiefpalt, und befleckt durch
Feigbeit und Eitelfeit. Folget meinem Beifpiele, ihr Männer!
thut immer, was ihr mich thun ſehet, dringe ich auf den
Feind ein, fo folget mir, bleibe ich ftehen, fo machet auch ihr
Halt! Bringet Einheit in alle eure Bewegungen, als wäret
ihr nur ein Mann. Was mich betrifft, ich werde den Ty-
rannen auffuchen und ihn verfolgen, bis ich fterbe oder ihn
erreiche. Falle ich, fo öffnet doch euer Herz nicht der Furcht,
und laffet eure Reihen nicht aus Mangel an einem Ober:
haupte in Berwirrung gerathen. Hat fich einmal der Schreden
eurer bemächtigt und der Siegeswind euch verlaffen, jo daß
ihr dem Feinde den Nüden fehret, dann ift entweder Tod
oder Gefangenfchaft euer Loos. Liebt ihr diefe Welt, fo werfet
nicht mit eigner Hand den günftigen Augenblick weg, der euch
unzäblbare Schäte bietet, die euch für die Zufunft ein ange-
nehmes forgenlofes Leben fichern, oder einen noch ſchönern Lohn:
die Krone des Märtyrertbums. Thut ihr Dies — was Gott
verhüten möge! fo wird euer Name in Zufunft mit Schmad
und Schande bededt und euer Andenken nur ein Gegenftand
des Spottes und der Verachtung bei euern Glaubensgenoffen
bleiben. Folget mir! ihr Männer, ich werde nicht ruhen, big
ih den Tyrannen mitten unter feinen bewaffneten und be—
panzerten Kriegern erreiche ).“
Trotz der größten Entjchloffenheit und Verwegenheit auf
der einen und ver bedeutenden Leberlegenbeit an Zabl und
fhwerer Rüftung auf der andern Seite, foll doch der Kampf
zwifchen dem Islam und dem Chriftenthume mehrere, nad)
1) Maffari Append. ©, 70 u. 71.
Welid. 523
einigen Berichten ſogar ſieben Tage lang unentſchieden ge—
blieben fein ). Erſt am 5. Schawwal (26. Juli 711) ward
die Schlacht von den Ilrabern gewonnen, und zwar den meis
ften Duellen zufolge, durch Verrath der Befehlshaber der
2) JIbn Abd Alh, ift hier gar nicht ausführlich, doch iſt er auch
für die Ortsbeftimmung wichtig. Man lieſt ©. 114: Als Tarif lan—
dete, famen ihm Truppen von Cordova entgegen, welche vernommen,
daß er mur wenig Leute bei fih hätte. Nach einem heftigen Ge-
fechte wurden fie aber zurückgeichlagen und von Tarif big nad Cor:
dova verfolat. Als Loderif dies hörte, brach er von Toledo auf,
und fie (die beiden Heere) ftiegen auf einander an einem Orte, wel:
her Schiduna (Sidonia) hieß, an einem Thale (oder Flug), welches
heut zu Tage das Thal Umm Hafim heißt. Es entitand ein bus
tiger Kampf, bie Gott, der Erhabene und Gepriefene, Loderif und
die Seinigen tödtete.” Dann heißt es f. 115: „Mande berichten:
Loderik 309 gegen Tarif, als er noch auf dem Berge (an der Küfte)
war, und als Loderik anrüdte, trat ihm Tarif entgegen. Loderik
befand fih damals auf einem königlichen Throne, welcher von zwei
Maultbieren getragen wurde, er hatte eine Krone auf und ein Schirm
bedeckte fein Haupt, au hatte er allerlei Shmud an, wie die Kö—
nige vor ihm trugen. Tarif und feine Genojjen rückten alle zu Fuß
gegen ihn vor — es war fein einziger Reiter unter ihnen — und
fämpften von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und glaubten,
es fei ihr Untergang. Aber Gott todtete Foderif und die Seinigen,
und verlieh den Mufelmännern den Sieg. Es war im Welten nie
eine jo mörderifhe Schlacht mie diefe, und die Mufelmänner hoben
drei Tage lang das Schwert nicht von ihnen (den Chriften) weg.
Dann braden fie nah Cordova auf.“ Auch Tab. f. 175 hat nur
folgende wenige Zeilen über die Eroberung Spaniens: „Sm J. 92
unternahm Tarif Ibn Zejjad, ein Freigelafiener des Mufa Ibn
Nußeir, einen Kriegszug nah Andalus mit 12,000 Mann, und er
ftieß auf den König von Andalus. Wafidi glaubt, diefer König habe
Idrinijuk geheißen. Er war ein Mann von den Bewohnern Ißba—
hans (Spaniens) und diefe waren die Könige der Fremden von An»
dalus. Sorinijuf ſaß auf dem foniglihen Throne, hatte eine Krone
auf dem Haupte und ein Zelt und allerlei Schmuck. Es entipann
fih eine blutige Schlaht, bis Gott (Roderich) todtete. Andalus
ward noch im J. 92 erobert,“
524 Zehntes Hauptſtück.
beiden Flügel von Roderich's Armee I). Roderich felbft iſt
entweder ertrunfen, oder vom Kampfplage verſchwunden. Seine
Leiche ward nicht gefunden, wohl aber fein Pferd, und einer
feiner Sandalen oder Stiefel. Sobald Roderich vermißt wurde,
trat unter feinem Deere die größte Verwirrung ein, und wer
nicht die Flucht ergriff, ward ein Raub der arabifhen Waffen.
Unermeßlihe Beute fiel in die Hand der Sieger, welde in-
deffen auch auf 9000 Mann zufammengefhmolzen fein follen.
Die Kunde von Tarifs Sieg gegen den König von An-
dalus und fein ganzes Heer lockte neue kampf- und raub-
luftige Schaaren aus Afrifa berüber, während unter den
3) Sch finde Pascual’s Zweifel (S. 528) gegen die bis auf Afıh-
bach und Lembfe geglaubte Nachricht von dem DVerrathe der beiden
Söhne Witiza's vollfommen gegründet. 1. wird von mehrern Au—
toren, worunter auch Dſahabi, behauptet, Witiza’s Söhne feien nad)
Afrika hinübergefegelt, um die Araber (wahrfcheinlich durd Wermitt-
fung des Grafen Zulian) zu bewegen, Roderih vom Throne zu
ftürzen, weil fie hofften, daß fie fih mit reicher Beute begnügen
würden. 2. wird berichtet, fie feien noch Kinder gewefen, als ihr
Vater vom Throne geftürzt wurde, d. h. im J. 709 oder 710, folg-
fih im J. 711 gewiß nicht fähig, die beiden Flügel einer Armee von
90,000 Mann zu befehligen. 3. ift e8 ganz unmahrfceinlih, daß
Roderich den Prinzen, die er vom Throne verdrängt und denen fein
Fall erwünfcht fein mußte, jo wichtige Voften in feinem Heere an:
vertraute. Sch vermuthe daher, daß bei irgend einem alten Hiftorifer
nur das Wort Freund, Anhänger oder ein Aehnliches ausgefallen,
daß es etwa hieß: die Befehlshaber der beiden Flügel, welche (ge-
heime) Anhänger Evas und Siſibuts waren, übten Verrath. Weber
das angegebene Datum vergl. auh Makk. a. a.D. In Betreff Ro-
derich's glaube ih auch, daß er entweder ertrunfen, oder daß er,
weil er bemerfte, dag Tarif ihn befonders verfolgte, fich verfleidete
und dann unerfannt mit andern Leichen beerdigt ward. Daß fein
Kopf nach Damask gefchicft worden, fcheint eine Erfindung arabıfcher
Hiftorifer, weldhe dem Siege dadurd die Krone aufſetzen wollten,
fo wie die Behauptung: Noderich fei glücklich entfommen und habe
fein Leben in einem Klofter in Portugal vollendet, der Phantafie
eines frommen Mönchs entjprungen zu fein feheint.
Welid. 525
Chriſten Beftürzung und NRatblofigfeit in demfelben Maaße
zunahbm. Das flahe Land blieb ohne Schus den Plünderuns
gen des Feindes ausgejegt, jeder fuchte hinter feiten Mauern
oder in unzugänglichem Gebirge fein Leben vor den ale
Menfchenfreffer geltenden Arabern zu fichern.
Die Stadt Sidonia, vielleicht auch Xerez I), in deren
Nähe die Schlacht vorfiel, ward zuerft, wahrſcheinlich ohne
MWiverftand, von Tarif genommen. Moror, das jetzige Mo-
ron, und Carmona folgten bald nad und erboten fih gern
zu einem Tribut, Erft die Bewohner von Ecija verſchloſſen
dem Sieger die Thore ihrer befeftigten Stadt, in welder
auch die Trümmer von Roderichs Heer eine Zuflucht gefucht.
Die Belagerten wagten es fogar auszurüden und Tarif ein
Treffen zu liefern, in welchem viele Mufelmänner erfchlagen
wurden. Tarik hob indeſſen die Belagerung nicht auf, denn
er erbielt täglich neue Verftärfung aus Afrifa und bald nach—
ber gelang e8 ibm, den Gouverneur der Feftung, als er im
Fluſſe badete, gefangen zu nehmen, welcher, um fein Leben
zu erhalten und feine Freiheit wieder zu erlangen, die Stadt
übergab 2).
Nach dem Falle von Ecija wendete fih Tarif mit dem
Kern feiner Truppen nad dem nahen Corbova 3), während
1) Der Name Schidunia, welher im Terte vorfommt, ward
nämlib jpäter auch Zerez beigelegt. Wahrfcheinfich wurden beide
Städte genommen, ehe Tarif gegen Ecija vorrüdte. S. Makk.
©. 529. GSidonia und Carmona mußte jedoh Mufa zum zweitens
male nehmen.
2) Makk. ©. 275. Sch weiß nicht, warum Lembfe, der doch
auch dieje Quelle benügte, von der Gefangennahme des Gouverneurs
nichts erwahnt. Die Mufelmänner erdichten gewiß nichts, was ihre
Berdienfte ſchmälert und hätten die Hebergabe der Stadt lieber ihrer
Furcht vor einer Einnahme durd Sturm zugefchrieben.
5) Nah einigen Berichten fam Tarif gar nicht nad) Cordova,
fondern brach unmittelbar nad Toledo auf, da indeffen Cordova auf
dem Wege lag, jo ijt dies nur fo zu verftehen, daß er nicht fo fange
926 Zehntes Hauptſtück.
er Fleinere Heeresabtheilungen, um feinen Feind im Rüden
zu baben und die Verbindung mit Afrifa ftets frei zu erhal-
ten, gegen Malaga und Granada ziehen ließ. Der größte
Theil der Bewohner Corbova’s hatte bei dem Herannahen
des Feindes die Flucht ergriffen, aber eine, zwar an Zahl
ſchwache, jedoch fehr entichloffene Beſatzung, war in der
wohlbefeftigten Stadt zurüdgeblieben, fo daß fie förmlich be—
lagert werben mußte. Tarif, welcher wohl einfahb, daß das
Schidjal feiner Waffen davon abhinge, daß er die Haupt-
ftadt Toledo einnehme, ehe die Chriften fih von ihrem
Schrecken erholt und durch eine neue Königswahl ſich wieder
vereinigten, ließ einen feiner Generäle, Mughith Arrumt, zur
Belagerung von Cordova zurüd, während er felbft gegen
Zoledo vordrang. Die Stadt Cordova fiel indeffen bald nach
Zarifs Abzug, denn ein Schäfer, welcher son den Mufel-
männern gefangen genommen wurde, zeigte ihnen eine zu—
gänglihe Stelle an den Mauern, welche ſie unbemerkt in
einer dunfeln regnerifchen Nacht erreichten. Es gelang ihnen,
die Mauer zu überfteigen, die Thorwachen niederzumeseln
und den Truppen, welche außen barrten, das Thor zu öffnen.
Die Befasung zog fi) aber in eine befeftigte Kirche zurüd,
in welcher fie fi drei Monate behauptete, bis endlih Mughith
die Mittel fand, ihnen das Waffer abzufchneiden ). Er ließ
—
vor Cordova blieb, bis die Stadt eingenommen ward. Ber Sbn
Abd Alh- 1. 1. heißt es indeſſen ausdrüdlih: „Mu’tib Arrumi war
über der Reiterei Tariks, und es brach auf Mu'tib Arrumi und
wollte nach Cordova und Tarif ging nad Toledo.” Mu'tib iſt offen—
bar £ein Anderer, ald Mughith, auch lieſt man in dem einen Pariſer
Codex Mughib. Wer die arabifhe Schrift Fennt, weiß, dag Mu'tib und
Mughib ganz gleich geihrieben find, wenn die diafritiihen Punkte
fehlen. Maffari läßt Tarif (S. 237) über Saen nad) Toledo gehen.
Bergl. auch Pascuals Note ©. 530.
1) So bei Maffari ©. 278 u. 279. Bei Lembfe, welcher auch diefe
Duelle (S. 266) anführt, lieft man: „der gothifche Befehlshaber flüchtete
mit der Befasung in eine von Waffer umgebene Kirche und
Welid. 527
dann nach einigen Berichten, als die Beſatzung ſich noch
immer nicht ergeben wollte, die Kirche in Brand ſtecken.
Nach Andern ergab ſie ſich jetzt auf Gnade und Ungnade,
ward aber, mit Ausnahme des Befehlshabers, welcher erſt
ſpäter umkam, zuſammengehauen.
Nicht minder glücklich, als die unter Mughith ſtehende
Heeresabtheilung, waren die beiden andern, welche nach Südoſt
ſich gewendet. Malaga war von ſeinen Bewohnern verlaſſen,
als die Muſelmänner einzogen. Granada mußte aber von
den nach der Beſetzung von Malaga vereinten Truppen mit
Sturm genommen werden. Die Citadelle von Granada, ſo
wie überhaupt die Bewachung der von den Muſelmännern
eroberten Städte wurde größtentheils den Juden überlaſſen,
welche durch ſie von der grauſamſten Unterdrückung erlöſt
worden, ſo daß an ihrer Treue und Hingebung nicht gezwei—
befeſtigte ſich darin. Drei Monate hielt er ſich tapfer und viele der
Araber fielen, bis es ihnen gelang, das Waſſer abzuleiten.“ Nach
Pascuals Ueberſetzung iſt nicht nur nicht geſagt, daß die Kirche von
Waſſer umgeben war, ſondern es heißt ſogar: »As water was con-
veyed under ground to this church from a spring at the foot of a
neighbouring mountain, the besieged defended themselves some time.«
D. h. fie Eonnten fich halten, weil fie feinen Waffermangel hatten,
die Kirche oder das Klofter war aber wahrfcheinlih durch Wälle
befeſtigt. Daß hier nur von Waſſer zum Trinken die Rede ift, geht
noch deutlicher aus der Stelle hervor, wo es heißt: „fie wufchen den
fhwarzen Sklaven am unterirdifhen Kanale, durch welchen die Bes
fasung mit Waffer verjehen wurde.“ Mach Pascuals Berfion kann
man auch noch die Tradition annehmen, daß die Kirche in Brand
aufging, weil die Beſatzung, als fie waſſerlos blieb, die Brenn:
materialen, welche von den Arabern hineingefchleudert wurden,
nicht mehr löſchen konnte. Doch paßt diefe Tradition beffer zu
Lembkes Ueberſetzung. Auch über die Flucht des Gouverneurs weichen
die Traditionen von einander ab, ob fie vor oder nach der Weber:
gabe der Kirche ftatt fand. Gewiß ift, daß er wieder eingeholt und
verfhont ward, um lebendig dem Chalifen gefchicft zu werden. Doch
erfchlug ihn fpäter Muſa.
528 Zehntes Hauptſtück.
felt werden konnte). Nach dem Falle von Granada griff
nun, nad einigen Quellen, biefelbe Heeresabtheilung das
Gebiet yon Murcia an, welches unter der Herrichaft Theo—
domirs ftand, Nach tapferer, doch unglüdlicher Gegenwehr,
war Theodomir gendthigt, ſich mit der geringen Mannfchaft,
die ihm übrig blieb, in die fefte Stadt Drihuela zu werfen.
Da es ihm indeffen an Mitteln fehlte, Eräftigen Widerftand
zu leiften und Feine Hoffnung auf Entfag haben fonnte, über-
gab er fie, erlangte jedoch durch biefelbe Lift, welche die
Anhänger Muferlama’s gegen Chalid gebraucht 2), günftige
Bedingungen.
Während diefe Städte im Süden gewonnen wurden, rückte
Tarik felbft gegen Toledo vor und fand zu feinem großen Erftau-
nen wenig oder gar feinen Widerftand, denn die Mächtigen
und Reichen hatten ſchon vor feiner Ankunft, der Biſchof an
ihrer Spige, die Stadt verlaffen und fi mit ihren Habfelig-
feiten nach Galicien geflüchtet. Die geringe Befasung, welche
1) Herr Pascual glaubt, die meiften Berberftimme des nörd—
lichen Afrika's haben fih zum Sudenthume befannt und fieht in den
Berbern, welche bei Tarif Armee waren, jüdiihe Renegaten, welche
natürlich mit ihren zur Befenntnig des Chriſtenthums gezwungenen
Brüdern in Spanien fompathtfirten. Es bedurfte aber, wenn man
weiß, wie die Suden damals in Spanien behandelt wurden, Feiner
Slaubensverwandtfchaft zwifchen ihnen und den Arabern, welde
ihnen volle Gemwiffensfreiheit geitatteten, um die Sympathie der
Suden für Legtere zu erklären, die dann das Vertrauen der Muſel—
männer erzeugte. Nach den Befchlüfen einer VBerfammlung zu
Toledo unter Egica wurden die Juden aller Güter beraubt nnd wie
Sklaven guten Ihriften zur Aufiiht übergeben. Jüdiſche Kinder
wurden nach dem fiebenten Sahre von ihren Eltern getrennt, jüdiiche
Sungfrauen an chriftfihe Männer und jüdiſche Zünglinge an chrift:
lihe Frauen gewaltfam verheirathet u. dergl. mehr. S. Lembfe
©, 117.
2) ©. oben ©. 26. Nach andern Berichten wurden diefe Städte
erft fpäter, nah Mufa’s Landung, unterjocht. Das glaube ich auch
in Betreff Murcia's und Orihuela's, aber Malaga und Granada
wurden wahrfcheinlich fhon von Tariks Generälen genommen.
Welid. 529
zurückblieb, ſah die Unmöglichkeit ein, ſie lange zu vertheidi—
gen, ſuchte ihr daher das traurige Schickſal einer mit Sturm
eroberten Stadt zu erſparen und übergab ſie lieber, nachdem
Sicherheit des Lebens und Eigenthums, mit Ausnahme der
Pferde und Waffen, für die Zurückbleibenden, freier Abzug
für die, welche auswandern wollten, zugeſagt worden. Auch
ungeſtörte, nur nicht öffentliche Ausübung des Gottesdienſtes,
Erhaltung der Kirchen und ein eigenes Tribunal für Strei—
tigkeiten unter Chriſten wurde von Tarik, wie von allen ihm
vorangegangenen Eroberern in chriſtlichen Ländern, natür—
lich gegen Entrichtung eines Tributs, den Beſiegten zuge—
ſtanden N).
Tarik hielt ſich nicht lange in Toledo auf. Er wollte
nicht nur Städte erobern, ſondern auch Reichthümer ſammeln,
und ſuchte daher die Flüchtigen, welche alle Habſeligkeiten
des Staats und der Kirche fortgeſchleppt, einzuholen. Er
1) So bei Conde ©. 41, Bei Makkari iſt gar Feine Rede von
einer Befasung, noch von einer Capitulation. Da heißt es blos:
„die Stadt war ganz leer, die Bewohner hatten fih in eine Stadt
enfeit3 der Gebirge geflüchtet.” Aus chriftlihen Quellen wiffen wir,
dag der Biſchof Sindered die Koftbarfeiten der Kirche nach Galicien
rettete und daß die meiſten Bewohner der Stadt feinem Beifpiele
folgten. Darum glaube ich auch nicht, dag die große Beute, von
welcher bei den Arabern fo viel erzählt wird, wie Conde und nad
ihm Aſchbach und Lembfe berichten, in Toledo gemacht wurde, Wenn
man die Kirchen leerte, fo ließ man gewiß auch nicht beim Heran-
nahen des Feindes den Foniglihen Palaft mit Gold und Edelfteinen
gefüllt. Bei Ibn Abd Alh., den wir weiter unten anführen werden,
fo wie bei dem Autor in Makkari's Apvend. ©. 48 heißt es übrigend
ausdrüklih, daß die vielen Schäge, worunter auch die 25 Kronen,
nicht in der Reſidenz, fondern in einer Stadt hinter Toledo gefun:
den wurden, mo auch der goldene Tiſch fi befand, von dem ſogleich
die Rede fein wird. Das Datum der Einnahme von Toledo wird
bei den arabifhen Autoren niht näher angegeben. Lucas Zudenfis
nennt den Yalmfonntag 712 als den des Ginzugs der Araber, ©.
Mark, notes 532,
34
530 Zehntes Hauptſtück.
lieg eine Beſatzung zurüd, welche, im Verein mit den Juden
Toledo's, die entvölferte Stadt bewachte, und brach in der
Rihtung von Guadalarara nad einer zwei Tagereifen von
Toledo gelegenen Stadt auf), mo er einen Theil der Schäbe
Toledo's fand, darunter einen goldenen, mit Perlen und Edel-
fteinen befegten Tiſch. Nachdem er zum Befise diefer Hab-
feligfeiten gelangt, bemächtigte ſich wahrfcheinlich einer feiner
ji) Es heißt wörtlih bei Shn Abd Alh. ©. 114: „Als Tarit
nah Toledo Fam, fragte er nah dem Tifhe — er hatte fein wich:
tigeres Anliegen — ed war der Tifh, von welhem die Männer der
Schrift (Zuden und Chriften) behaupteten, er habe Salomon, dem
Sohne Davids, gehört, über den Gottes Segen! Man fagte zu
Tarif: diefer Tiſch befindet fi in einer Veſte, welche Feras (kann
auch fa, fi, fo und fu gelejen werden) heißt, zwei Tagereifen von
Toledo, und diefe Veſte befehligt ein Schwefterfohn Loderiks. Tarif
fandte zu ihm und ließ ihm und feinen Verwandten Sicherheit zus
fagen. Der Gouverneur Fam zu Tarif herab, der ihm aud, feinem
Verſprechen gemäß, Sicherheit gewährte, Tarif fagte ihm dann:
gib den Tiſch heraus! da gab er ihn heraus. An diefem Tifche
waren Gdelfteine und Gold, wie man noch nie gefehen. Tarıf ri
einen Fuß heraus mit dem Golde und den Gdelfteinen, die daran
waren und feste einen andern Fuß ein. Der Tifh wurde auf
200,000 Dinare gejchäßt, wegen der Edelfteine, die daran waren,
Tarif nahm auch, was er fonft an Waffen, Gefäßen, Gold, Silber
und Goelfteinen fand, und erbeutete außerdem noch beifpiellofe
Schäge und brachte alles zufammen nad Cordova. Da blieb er
und gab Mufa Nachricht von der Eroberung Andalufiens und der
gemachten Beute.“ Diefe kurze Notiz ift in fofern von großer
Bedeutung, ald man noch immer über den Drt, wo diefer Tiich
gefunden worden, fo wie überhaupt über die Richtung und Ausdeh-
nung der Züge Tariks, nach der Eroberung von Toledo, in Zweifel
ift, und fo viel ich glaube, die Entfernung des Ortes, welcher wegen
des Dafelbft gefundenen Tiſches Medinet Almaida genannt ward,
von Toledo, in feiner andern Quelle fo beftimmt angegeben ift.
Pasceual hat ©. 554 eine lange Note über diefen Gegenftand, in
weldher er die verfchiedenen fich widerfprechenden Berichte und Ans
fihten der Araber und Spanier zufammenftellt. Am Schlufe fagt
er, und das ift mir auch um fo wahrfcheinlicher, ald der Ort, wo
Welid. 531
Generäle der Stadt Guadalarara, während er felbft mehrere
Städte jenfeits der zwiſchen Alt- und NeusCaftilien fich er—
bebenden Berge unterwarf und nach einigen Berichten vor
feiner Rückkehr nah Toledo, ſogar bis Aftorga drang und
diefe Stadt einnahm.
Alle diefe Feldzüge hatte Tarif, obgleich er unter dem
Befehle Mufa’s, des Statthalters von Afrika, ftand, welcher
felbft in wichtigen Angelegenheiten bei dem Chalifen anfragen
mußte, ganz eigenmächtig unternommen. Nach mehreren Be-
richten foll er fogar gegen den ausdrüdlichen Befehl Mufa’s
gehandelt haben, welcher ihm nach den eriten Siegesnachrich-
ten fchrieb, er folle bis zu feiner Anfunft Cordova nicht über-
ſchreiten. Mufa zürnte dem fühnen Tarif, trotz dem glüdlichen
Erfolge feines Ungehorfamg, als ihm die Einnahme von Toledo
gemeldet ward, denn er gönnte ihm nicht den Ruhm, die
Hauptftadt Andalufiens unterworfen zu haben, und fürchtete
auch, es möchte ihm der fchünfte Theil der Beute entgehen,
Er beichleunigte daher feine Abfahrt, nachdem er die Negie-
rung von Afrifa feinem älteften Sohne Abd Allah übergeben
und fegelte mit einem Deere, an deſſen Spite viele ber älte—
ften und angefehenften Araber und Berber ftanden, nad) Spa—
nien hinüber, Die Zahl der Truppen, fo wie die Zeit ber
der Tifch gefunden worden, mit der von Ibn Abd Alh. bezeichneten
Lage übereinftimmt: »there is only one way of reconciling the
different statements of these autors, which is to suppose that Tarik
on his way to Amayas, or Moya (either town will do for my con-
jecture), went first to Alcala, where he met with a party of fugitives
and seized upon the table of Salomon, and that on his return from
his expedition he crossed ihe mountains at Buitrago, and proceeded
to Galicia-Guadalaxara being, during this interval, reduced by a party
of his men, under the orders of his lieutenants.« Letzteres ift Feine
Bermuthung, denn Alfaft fchreibt ausdrüdklih die Eroberung von
Guadalurara dem Mohammed Son Slias Almugheili zu. ©. Ibid,
©. 583, daß es nicht Medinaceli ift, wie Marina und Andere wollen,
kann mit Gewißheit behauptet werden, R
34
532 Zehntes Hauptftür,
Landung Mufa’s in Alchadhra I) wird verfehteden angegeben.
Er Hatte nad Einigen 10,000 Mann bei fih und landete
ſchon im zweiten Monate des Jahres 93 (Novemb. — Dez.
711) nad) Andern führte er 18,000 mit ſich und betrat erſt
im April oder Mai oder gar im Juli den fpanifchen Bo—
den?). Statt aber auf dem von Tarif eingefchlagenen Wege
nad) Toledo zu ziehen, ließ er fi) von den mit ihm verbün-
beten Chriften eine andere Richtung vorzeichnen, die auch ihm
Ausfiht auf Kriegsruhm und Reichthümer öffnete. Sidonia
ward von ihm duch Sturm genommen, dann griff er Car—
mona und Sevilla an. Erftere Stadt fiel durch Verrath der
Soldaten Julians, die als Chriften in die Stadt eingelaffen
wurden, dann aber in ber Nacht den Arabern die Thore
öffneten ). Sevilla, einft die Dauptitadt des Reichs, und
1) Makkari und nad ihm Lembke fchreibt: „Muſa landete an
einer Stelle, welche nady ihm dann den Namen Djebel Mufa (Mu:
fa’8 Berg) erhielt.“ Aber Pascual hat ©. 536 nachgemwiefen, daß
diefer Name nicht von diefem Mufa, fondern von dem Biblifchen
herrübren foll, welcher, einer mufelmännifchen Legende zufolge, einft
mit Sofua und Elias an der Meerenge von Gibraltar eine Zufam:
menfunft hatte, daß aber nicht auf fpanifchem, fondern auf afrifa-
nifhem Boden, zwifchen Ceuta und Tanger, ein Berg und ein Hafen
nach Mufa benannt wurden,
2) ©. Pascual ©. 535 u. 536. Sn Betreff der Zeit habe ich
die nicht zu verwerfende Meinung Son Abd Alhafams (S. 115) hin-
zuzufegen, welher Mufa’s Ueberfabrt in den Monat Radjab fest
(April — Mai 712) und auch ausdrücklich Alchadhra (Algeſiras) als
den Landungsplag nennt. Auch Tab. f. 182 v. fett die Ueberfahrt
Mufa’s nah Spanien in den Monat Nadjab. Derfelbe fpriht auch
nur von 10,000 Mann. Statt Habib Son Abda Alfıhri, welchen
Mufa mit fit) nahm, heißt es bei Ibhn Abd Alb. „Son Abi UÜbeida“
und bei Tab. „Habib Sbn Okba Ibn Nafi.“ Beide Stellen werde
ich weiter unten wörtlich anführen.
3) Makk. ©. 284. Carmona foll zuerft genommen worden fein;
der Lage nad follte man es nicht glauben. Wahrfheinlih ward
Carmona von einer Fleinen Heeresabtheilung, die unter einem von Mus
fa’8 Generalen ftand, genommen, während er felbft vor Sevilla lag.
Welid. 533
noch jetzt mächtig und ſtark bevölkert, widerſtand einige Zeit
den Angriffen der Muſelmänner, dann ergab ſie ſich aber,
nach einigen Berichten auf Zurathen des Erzbiſchofs Oppas.
Merida, wohin Muſa jetzt ſein Heer führte, mit Aus—
nahme einer kleinen Beſatzung, der er im Vereine mit Juden
die Bewachung der Citadelle von Sevilla auftrug, vertheidigte
ſich länger und ſchlug die Muſelmänner zu wiederholtenmalen
von ihren hohen und feſten Mauern zurück. Muſa ließ ſich
daher gern in Unterhandlungen ein und gewährte den Ab—
geordneten der Stadt, welche in ſein Lager kamen, Sicherheit
des Lebens und Eigenthums für alle Bewohner derſelben D.
Nur das zurüdgebliebene Gut der Geflüchteten, fo wie das ver
während der Belagerung Gefallenen, nebft den Kirchengütern,
follte ihm ausgeliefert werden 2). Urfache der Lebergabe war
1) Makk. ©. 285. Mehrere Quellen erzählen, dag Roderichs
Wittwe, Eailone (bei den Arabern Eylah), ſich auch in Merida be=
fand, als diefe Stadt fih dem Mufa ergab. Pascual bemerft
(S. 543): »Egilona must on this occasion have become Musa’s slavc,
Since two years after she married his son Abdu-l-Aziz.« Ich weiß
nicht, warum fie nicht auch zum Islam übergetreten fein konnte,
menigftens zum Scheine, damit Mufa fie gejesmäßig heirathen
fonnte. Bei Sbn Abd Alb. ©. 118 heißt es ausbrücklich: „Abd
Alaziz heirathete (tazawwadja — ein Ausdruck, der nur bei wirf:
fiher Ehe vorfümmt —) eine Chriſtin,“ aber nidt eine Wittme,
fondern eine Tochter Roderichs.
2) Nah Mafkari 1. I. fand die Hebergabe von Merida am erften
Schammal des 3. 94 (30te Suni 713) ftatt. Nah Numeiri (journ.
asiat, II, 11. 572) einen Tag früher. Nach Conde’s Quellen und
einer andern von Lembfe (S. 270) angeführten Handſchrift, im
5.9. Lembfe nimmt ohne Bedenfen legteres Datum an. Thut
man dies, jo muß man Mufa’s Ueberfahrt nicht, wie Lembfe, in
den Monat Suni 712 fegen, fondern fpätefteng in den Xpril, was
auch mehrere Wutoren, worunter Zab. und Sen Abd Alh., thun,
denn in einem Monate fonnte doch unmöglih Mufa Sidonia, Car:
mona, Sevilla und Merida, legtere „nach einer längern Belagerung,“
nehmen. Daß 94 unrichtig ift, geht auch aus Sbn Abd Alb. hervor,
534 Zehntes Hauptſtück.
wahrfheintih Die Rückkehr der Truppen, welche Mufa nad)
Sevilla geichieft hatte, wo eim Aufftand ausgebrochen war,
in welchem ein Theil der arabiihen Befasung umfam. Sein
Sohn Abd Maziz hatte bald die aufrührerifche Stadt, fo wie
Niebla und Beja, die an der Empörung theilgenommen, ge—
züchtigt und dem wieder vereinigten Heere Mufa’s fonnte die
hülflofe Feftung nicht länger widerftehen Y.
Einige Wochen nad der Uebergabe von Meriva nahm
endlich Mufa die gerade Richtung nah Toledo, und Tarif
ging ihm bis Talavera entgegen, wo er wegen feines Unge-
horſams mit Härte angeredet, nach einigen Berichten fogar
thätlich mißhandelt wurde. Durch Darlegung der Gründe
feines Handelns und mehr noch durch Herausgabe aller
eroberten Schäße, befonders auch der foftbaren Tafel, welche
unter dem Namen Salomons-Tafel befannt war, gelang eg
jedoch Tarif, feinen Seren zu befänftigen. Nach andern
glaubwürdigeren Duellen hatte das erfte Zufammentreffen
Tariks mit Mufa bald nach deffen Landung zwifchen Algefiras
und Cordova ftatt, Es fam eine Verſöhnung zu Stande,
ein zweites ung jedoch unbefanntes Vergeben bracdte aber
der ©. 117 berichtet: „Mufa blieb nur einen Monat vom 3. 95 in
Spanien,“ es blieben alfo nach der Ginnahme von Merida nur noch
4 Monate für alle folgenden Unternehmungen.
1) Makk. Ibid. Was Conde ©, 45 von der Ankunft von 7000
Mann unter Abd Al Aziz berichtet, ift wahrfcheinlich fo zu verftehen,
daß diefer während der Belagerung von Merida, nachdem er Sevilla
wieder bezwungen, zur Belagerungsarmee zurüdfehrte und dieſe
Rückkehr veranlaßte vielleicht die Bewohner von Merida, zu capitu-
liren. Aſchbach irrt daher, wenn er (©. 37) fchreibt: „Mufa mußte
erft die Verftärfung neuer Truppen aus Afrifa abwarten,“ und
glaubt, daß fein Sohn Abd Alaziz aus Afrika kam. Makk. fagt
ausdrüdlih (S. 285), dag Abd Alaziz gleich mit Mufa in Spanien
landete, fo wie feine beiden Brüder Merwan und Abd Alala. Diefe
Stelle Conde’s beitimmt mich aber zu glauben, daß die Wiederunter-
johung Sevilla's vor der Einnahme von Merida ftatt fand,
Welid. 535
Muſa aufs Neue gegen Tarik auf, ſo daß er ihn feſſeln und
in einen Kerker ſperren ließ D. Der ſchon oben genannte
Mughith Arrumi reifte daher fchleunigft nah Damask und
1) Hier weiche ih von Makkari und Conde, denen Afchbadı
und Lembfe folgen, ab. Man lieft bei Jon Abd Alb. ©. 115:
„Mufa hatte dem Tarif gefchrieben, er follte Cerdova nicht über:
fhreiten, als er daher Nachricht von der Groberung von Toledo
erhielt, war er fehr erzürnt über ihn und fuhr ſelbſt im Radjab des
3. 9 nab Alhadhra hinüber, nahdem er feinen Sohn Abd Allah,
welcher fein ältefter war, über Cairawan gejegt, und bei ihm mar
Habib Ibn Abi Ubeidah Alfihri. Er landete in Aldhadhra, dann
ging er nah Cordova. Tarif Fam ihm entgegen und fuchte ihn
zufrieden zu ftellen und fagte ihm: bin ich doch dein Sklave und
was ich erbeuter, gehört dir. Tarif gab ihm dann heraus, was er
erbeutet hatte und Mufa fammelte unbefchreiblihe Reichthümer ....
Nach einigen Berichten hatte Mufa den Tarif nad) feiner Landung
nach Toledo geſchickt, und diefe Stadt liegt in der Mitte zwiſchen
Cordova und Arbuna. (Narbonne) S. 117 heißt es dann, nad mehs
reren Grzählungen von Leuten, melde von der Beute geraubt und
dann mwunderbarerweije beftraft worden: „Mufa Ibn Nußeir ergriff
den Tarif Ibn Amru und feifelte ihn und fperrte ihn ein, und hatte
im Sinne, ihn umjubringen. Da fandte Tarik zu Mughith Arrumi,
welcher ein Sklave des Welid Ibn Abd Almalit war [und fagte ihm]:
wenn du meine Angelegenheit vor Welid brinaft [und ihm fagft]:
dag Andalus dur mich erobert worden und dag Mufa mic ein:
gefperrt und» mih umbringen will, gebe ich dir hundert Sklaven.
Mughith ging diefe Bedingung ein und vor feiner Abreije, als er
fi) bei Mufa verabfchiedete, fagte er diefem: „Webereile dich nicht
mit Tarif, denn du haft Feinde; ſchon hat der Fürft der Gläubigen
von ihm gehört und ich fürchte für dich.” Mughith reifte dann ab
und Mufa blieb in Andalus. Als Mughith zu Welid kam, gab er
ihm Nachricht, wie ed zugegangen bei der Eroberung von Andalus
durch Tarif und wie Mufa diefen eingeferfert und ihn umbringen
gewollt. Da fchrieb Welid dem Mufa und ſchwur bei Gott: mahr:
ih, wenn du ihn (Tarif) fchlägft, fo fchlage ich dih, und wenn du
ihm tödteft, fo tödte ich deinen Sohn für ihn. Diefen Brief fandte
er durh Mughith Arrumi, melher ihn dem Mufa nad) Andalus
brachte. Als diefer ihn gelefen, ließ er Tarif aus dem Kerfer holen
und frei ziehen. Tarif hielt fein Verfprehen gegen Mughith in
336 | Zehntes Hauptflüd.
klagte Mufa’s ungerechtes und graufames Verfahren gegen
einen Mann, dem der Islam fo glänzende Waffenthaten ver:
danfte, bei dem Chalifen an, der auch ſogleich Befehle zu
deſſen Befreiung ertheilte,
Tarif warb wieder an die Spise einer Heeresabtheilung
geftellt, welche gegen Norboft in gerader Richtung nad Sa-
ragoffa bin marfchirte, während Mufa auf dem großen Um:
Betreff der hundert Sklaven.” Auch bei Tab. f. 182 v. heißt es:
„Mohammed Sbn Omar erzählt: „Mufa zürnte im J. 93 dem Tarif
und er ging zu ihm im Radjab diefes Sahres und bei ihm mar
Habib Ibn Okba Ibn Nafi Alfihri. Er ließ feinen Sohn Abd Allah
als Statthalter von Afrifa zurück und feste mit 10,000 Mann zu
Tarif hinüber. Tarif fuchte Mufa zufrieden zu ftellen; diefer nahm
feine Entfchuldigung an und fandte ihn nad Toledo, welche eine
der größten Städte Andalufiens ift, 20 Tagereifen von Cordova.
Dort fand er Suleimand Tifh, an welhem fo viel Gold und Silber,
als nur Gott weiß.” Auch in der Handfchrift, welche Pascual als
Appendix D mittheilt, heißt es (©. 49): »After penetrating far into
the country of the Rum, Tarik returned to Cordova and fixed his
abodes in that eity.« Dann weiter unten: »Musa landed at Algesiras
and took the road to Cordova; he was met by Tarik, who treated
him with respect and submission, but Musa, raising his staff, gave
hin a blow on the head and continued marching until he reached
Cordova.« Aus allen diefen Berichten geht hervor, daß Tarif nicht
zwiihen Meriva und Toledo, fondern zwijchen Algefiras und Cor:
dova feinen Herrn empfing. Mufa fohnte ſich mit ibm aus und
fandte ihn wahrjcheinlih nach Toledo zurück, während er über Me:
rida fih dahin begab. Auf dem Wege mochte Mufa erfahren haben,
daß Tarif entweder ihm einen Theil der Beute vorenthalten, oder
vielleiht gegen feinen Befehl aud noch Toledo überfchritten habe,
und ließ ihn darum, als er ihm nach Talavera entgegenfam, fefleln
und einfperren, Dies glaube ich nicht blos, weil die drei angeführ:
ten Quellen mehr Bertrauen verdienen, als Maffari und andere
Menere, denen Conde folgte, fondern weil ed mir auch ganz um:
glaublih fcheint, daß Mufa wenigſtens fünf Monate, nad) vielen
Berichten neun Monate und noch darüber, in Spanien gewefen fei,
ehe Tarif fich zu ihm begab, oder der auf Beute fo erpichte Mufa
ihn zu fich berief und Rechenſchaft von ihm verlangte,
Welid. 537
wege über Salamanca und Aſtorga die Mauern von Sara—
goſſa erreichte. Tarik hatte mit ſeinen ihm übrig gebliebenen
Leuten, denn viele mußte er als Beſatzung in den auf ſeinem
Marſche eroberten Städten zurücklaſſen, die befeſtigte und tapfer
vertheidigte Stadt nicht einnehmen können. Erſt als Muſa
anlangte, ward ſie zur Uebergabe genöthigt, und zwar wegen
ihres langen Widerſtandes, unter härteren Bedingungen. Wie
überall ließ ſich auch hier Muſa Geißeln ausliefern und legte
eine ſtarke Beſatzung in die Stadt. Die beiden Feldherren
trennten ſich dann wieder. Muſa unterwarf die öſtlich und
nordöſtlich von Saragoſſa gelegenen Städte Tarragona, Bar-
celona, und bis über Gerona hinaus, Tarif folgte aber dem
Laufe des Ebro, nahm Tortofa ein und eroberte dann die
füdlicheren Städte Balencia, Kativa und Denia, Manche Au:
toren laffen fogar Mufa die Pyrenden überfteigen und bis
Narbonne, ja fogar bis Avignon und Lyon vordringen, darauf
den Entſchluß faſſen, das byzantinifche Reich von Weften her
anzugreifen. Alle diefe übertriebenen Berichte rühren aber
wahrſcheinlich daher, daß die Provinz Catalonien, weil fie
mehrmals von den Franfen unterjocht war, damals auch von
den Arabern das Franfenland (Ardh-Alfarandj) genannt warb,
und daß dann fpätere Autoren, welche von Mufa’s Eroberun-
gen in Catalonien hörten oder laſen, dabei an Frankreich
dachten und darum ſchon Mufa die Einfälle in Gallien zu-
Schreiben, die erjt unter fpäteren arabifchen Feldherren unter-
nommen wurden 7), Folgende Infchrift einer Statue foll
— — —
1) ©. Pascual ©. 545. Ohnehin haben wir übrigens oft ſchon
gefehen, daß es in der Art arabifcher Hiftorifer liegt, die Eroberun—
gen fremder Länder bedeutend vorzurücen. Sm Append. ©. 76 heißt
es fogar: »He (Mufa) then took the route of the country of the
Frank, until he reached Saragossa « Dann erzählt Abd Allah Ibn
Mughirah: »I was in the number of these who accompanied Musa
in the conquest of Andalus and i wäs with him when he arrived in
the sight of Saragossa which was with the exception of some light in-
538 Zehntes Hauptſtück.
Mufa zum Rückzuge bewogen haben: „Söhne Ismaels! bier
ift das Ziel eures Vordringeng, drum fehret um! Wollt ihr
wiſſen, was ihr bei eurer Rückkehr findet? ich will es euch
jagen: innere Zwiftigfeiten, in denen ihr euch unter einander
den Kopf abjchneidet 1).” Den Sinn diefer Inſchrift mochte
Muſa in feinem Herzen getragen haben, denn er mußte wiffen,
daß fein Benehmen gegen Tarif, welcher einflußreiche Freunde
am Hofe Welid’s hatte, und feit feiner Befreiung auf Befehl
des Chalifen, ziemlich eigenmächtig handelte, auch in unmittel-
barem Berfehr mit Damasf ftand, ihm feine guten Früchte
bringen würde, In der That traf er auf feinem Rückzuge
einen Boten des Chalifen, welcher ihm den Befehl brachte,
nah Afrifa zurüdzufehren 2).
Mufa beſtach jedoch den Boten, der ihm das Schreiben
des Chalifen brachte und bewog ihn, noch einige Zeit bei ihm
zu verweilen, bis er noch einen Feldzug nad) Galicien unter=
nommen. Diesmal foll er bis Lugo und feine Vorpoften
fogar bis an die nordweftliche Küfte Spaniens gedrungen fein,
als ein zweiter Bote des Chalifen, mit der Weifung, ihn
cursions in the district beyond it, the farthest limit of our conquests
under him.«
D) So nah Numeiri a. a. D. ©. 575. Wach Pascual’s Weber:
fegung heißt es bei Maff. ©. 289: O sons of Ismael, hither you
will arrive, hence you must return, for if you go beyond this stone
you will return to your country to make war upon one another and
consume your forces by dissensions and civil wars.
2) Der Chalife traute Mufa fchon anfangs nicht ganz, wie aus
Append. ©. 72 hervorgeht. Mufa fcheint ohne Erlaubnis Welid’s
nah Spanien hinüber gejegelt zu fein. Auch ließ er ihn bie zu
feinem Einzug in Toledo ohne Nachricht, fo daß der Chalife fürch—
tete, Muja möchte in Spanien ein unabhängiges Reich gründen.
Der Kadhi von Damasf flehte fogar fchon, auf Welid's Befehl,
Öffentlich in der Moſchee, Gottes Schus gegen Muſa's ehrgeizige
Abfihten an, als fein Bote anlangte und ihm fagte: betet für und
nicht gegen Muſa, denn er hat nie den Gehorfam gegen feinen Ge:
bieter vergeifen, noch) das Wohl feines Volkes vernachläſſigt u. ſ. w.
Welid. 539
ohne Verzug zurückzubringen, ihn in feinem weitern Sieges-
laufe, oder eigentlich Raub⸗ und Zerſtörungszuge, hemmte H.
duſa theilte, wahrſcheinlich um dadurch den Chalifen zu
nöthigen, ihn mit Schonung zu behandeln, die Herrſchaft über
Spanien und Afrika unter feinen Söhnen und nöthigte Tarif 2),
bei deffen Rückkehr aus Aragonien, mit ihm das Land zu
verlaflen, dag fie gemeinschaftlich erobert. Seinen Sohn Abd
Alaziz ernannte er zum Statthalter von Spanien, und wies
ihm Sevilla, wegen der Nähe diefer Stadt von den mufel-
männifhen Befigungen in Afrifa, als Reſidenz an. Sein
Sohn Abd Almalik follte das weftlihe Afrifa, mit Ausnahme
der Küftenftädte, welche deifen Bruder Abd Alala übergeben
wurden, verwalten, und Abd Allah, wie bisher, Statthalter
son Kairawan und dem öftlihen Afrifa bleiben ). Mufa
1) Makk. ©. 291 u. 292, Der erfte Bote war der uns fchon
befannte Mughith Errumi, derfelbe, der nah Abd Alh. den Befehl
zu Muſa's Befreiung gebraht und folglich ınzwifhen nod einmal
die Reife nach Syrien und zurücd gemacht haben müßte. Der zweite
Bote wird Abu Naßr genannt, allerdings wie Pascual ©. 546 richtig
bemerkt, nur ein Beiname. Mir ift aber unbegreiflich, wie Pascual
dann hinzufegt: »I suspect that Mugheyth and Abu Nasr are one and
the same person, as that general might well have received, on his
return to the east, the honorific surname of »father of victory« which
is the meaning of those words.« Crftens heißt ed im Terte, daß
Mughith bei Mufa blieb und ihn nad) Lugo begleitete und dann
heißt es ausdrüdlih bei Muſa's Rückkehr, daß er die zwei Boten
des Chalifen, Mughith und Abu Nafr, mit fih nahm.
2) A. a.D. und bei Numeirt ©. 524. Auch bei Ibn Abd Alh.
©. 117 lief man, daß Tarif mit Mufa von Kairaman aufbrad, ihn
folglich auf der ganzen Reife menigftens bis dahin begleitete. Nicht
mie bei Conde und den ihm folgenden fpätern Hiftorifern, welcher
auch Tarif vom Chalifen zurüdrufen und vor Mufa von Spanien
abreifen läßt. ©. auch Append. ©. 50,
3) So bei Makk. ©, 292. Nah Numeiri ©. 574 erhielt Abd
Almalif den Dberbefehl über Ceuta, Tanger und die umliegenden
540 Zehntes Hauptſtück.
verließ Spanien, nad den älteften Quellen I), im zweiten Mo-
nate des 3. 95 (Okt. — Nov. 713), alle erbeuteten Koft-
barfeiten und eine große Anzahl Gefangener mit fich führend.
Da er den Weg von Qeuta bis Damasf zu Land machte,
theils weil er noch Manches in Afrifa zu ordnen hatte, theils
weil es wahrſcheinlich an Schiffen fehlte, um ihn mit dem
Heere von Sklaven und Gefangenen, deren Zahl von Man-
chen auf 30,000 ?) angegeben wird, aufzunehmen, mußte über
Orte, Abd Allah aber die Provinz Afrika mit allen davon abhängen:
den Ländern, von Abd Alala tft gar Feine Rede.
1) Son Abd Alb. S. 117: „Mufa’s Aufenthalt in Afrifa war
im 3. 93 und 94 und noch während eines Monats vom J. 95. Als
Mufa in die Provinz Afrika Fam, fchrieb ihm Welid, der Sohn Abd
Almalik's, er jolle vor ihm erjheinen. Mufa ernannte jeinen Sohn
Abd Allah zu feinem Stellvertreter und verlief die Provinz Afrika
und zog mit aller Beute und allen Gefchenfen nad) Egypten. Welid,
der Sohn Abd Almalik's, ward aber frank und fchrieb daher dem
Mufa, er jollte feine Reife beichleunigen. Suleiman fchrieb ihm
aber, er follte einhalten, damit Welid inzwifchen fterbe und das, was
Mufa mitgebracht, ihm zufalle. Mufa zog weiter bis nach Tiberiag,
wo er die Nachricht von Welid’s Tode erhielt und er brachte dann
alle Geſchenke dem Suleiman, der fehr erfreut darüber war.“ Auch
bei Tab. f. 188 v. heißt es: „Sm 3. 95 kehrte Mufa wieder von
Andalus nah Afrika zurüd. Nah Maff. ©. 292 verlief Mufa
Afrifa im legten Monate des 3. 94. Nach Append. E. ©. 78 ſchon
gegen Mitte 94. Append. D. ©. 50 aber lautet übereinftimmend
mit Sbn Abd Alb. Ber Makk. felbft II. 30 heißt es ſogar, Mufa
verließ Spanien im Dfu-l-Hudjah 95, was indejfen vielleicht nur ein
Schreibfehler ift. Sch hätte es für einen Drudfehler gehalten, wenn
nicht Pascual, ohne an den Widerſpruch zu denken, hinzugefest hätte:
„Aug. Sept. 714.”
2) Maff. ibid, Ber Numeirt, der immer mehr weiß ald An-
dere: „30,000 Sunafrauen, Töchter gothiiher Fürften und Großen.“
Bei Append, D. ©. 50: „1100 Gefangene, Männer, Frauen und
Kinder, worunter 400 Prinzen von königlichem Geblüte.“ Bei Ap-
pend. E. ©. 78: »Musa then began his march taking along with him
the sons of the Gothic kings and the sons of the Frankish kings and
an immense booty, consisting of gold diadems, of the famous table,
Welid. 541
ein Jahr vergehen, bevor er in Damask anlangte. Er ward
allenthalben auf ſeiner Durchreiſe wie ein Triumphator empfan—
gen und alle Araber, welche von ſeiner Ankunft hörten, dräng—
ten ſich herbei, um die gothiſchen Gefangenen und andaluſiſchen
Merkwürdigkeiten zu ſehen, welche Muſa in dreißig Wagen
und auf zahlloſen Kameelen nachſchleppte. Erſt gegen Ende
des dritten Monats des J. 96 (Dez. 714) kam er in Foftat
oder Altfabira an !), wo er auf Befehl des Chalifen von
Kurrad Jon Scherif, dem damaligen Gouverneur von
Foftat, empfangen und von allen Edlen Egyptens bewill-
fommt ward. Er brachte drei Tage in Foftat zu, befchenfte
alle die ihn befuchten, beſonders veichlid) aber die Söhne
feines Wopltbäters Abd Alaziz Jon Merwan ?). In klei—
nen Tagereiſen bewegte er fih nun gegen Syrien, jo daß
nah einigen Berichten er ſchon in Tiberias den Tod deg
Chalifen vernahm, welcher erft Mitte Djumadi-LF-Adir, alfo
zwei und ein halb Monate nad) feiner Abreife von Foftat er—
folgte 9. Wahrfcheinlicher ift jedoch eine andere Tradition,
and the rich vases of gold and silver, and many thousands of male
and female slaves and jewels beyond computation and all sorts of
novelties.«
I) Nah Son Abd Alb. 1. 1. „Donnerftag den 24. Rabia-l-Aw-
wal“, Nach dem Art de verifier les dates wäre der 24, ein Freitag.
Uebrigens ift befannt, dag das mufelmännifhe Sahr und befonders
der Anfang der Monate de facto oft von der Theorie abweicht, was
fhon häufig dur den Anfang und das Ende des Ramadhan ver:
anlaßt wird, jo dag man bei Nichtübereinftimmung eines Wochen:
fages mit dem Datum des Monates nach unferer Berechnung das
Datum nicht gerade als falfch erfliren Fann, wenn es fih nur um
einen oder zwei Tage handelt. Der 23, Rabia-l-Awwal entipricht
dem 6. Des. 714.
2) Makk. Append. ©. 80.
3) Bei Tab. f. 190. Samftag den 15. Auch dieſes Datum
ſtimmt, in Betreff des Wochentages, mit dem obigen von Ibn Abd
Alh. nicht überein, nad) dem art. de verif, les dates wäre der 15.
542 Zehntes Hauptftüd,
derzufolge er bier nicht Nachricht vom Tode, fondern bloß
von der Krankheit des Chalifen befam, der ihm auch, um
fein Leben mit einem glänzenden Triumphe zu befchließen, den
Defehl ertheilte, feine Reife nad) Damasf zu befchleunigen.
Suleiman, der Thronfolger Welid's hingegen, foll, um feinen
Regierungsantritt mit bem Einzuge des Eroberers von Spas
nien verherrlichen zu können, Mufa gebeten haben, feine Reife
jo viel als möglich in die Länge zu ziehen. Mufa, der ent
weder die Krankheit des Chalifen nicht für Tebensgefährlich
hielt, oder von Welid eine beffere Aufnahme als yon feinem
Nachfolger erwartete, gab Lesterem fein Gehör, z0g fi) aber
durch feinen Ungehorfam nur Unannehmlichfeiten zu, denn
Welid, welcher in den Testen Zügen lag, Fonnte nichts mehr
für ihn thun.
An einem Borwande zur Mißhandlung Mufa’s fehlte
es nicht, Er ward angeflagt, nicht den gefeßmäßigen fünften
Theil der Beute ausgetheilt zu haben, und es ward ihm von
Zarif und feinen Freunden bewiefen, daß er in feinen Be—
richten nicht wahr gewefen, indem er fih mande Waffenthat
zufhrieb, welche Tarif ausgeführt, unter Andern auch die,
welche die Erbeutung des Eoftbaren Tifches zur Folge hatte).
Djumadi-l-Ahir ein Montag. Nimmt man alfo wirklich einen Sams:
tag als den Todestag an, fo entfpräche er dem 23. und nicht dem
25. Febr. 715,
1) Nach einigen Berichten fiel auch diefes noch unter Welid
vor. As Mufa nämlich dem Welid die goldene Tafel fchenfte, be:
hauptete Tarif, er habe fie erbeutet, und da Mufa ihn Lügen ftrafter
bat Tarik den Chalifen, Mufa zu fragen, warum ein Fuß fehle?
Mufa antwortete: er habe die Tafel fo gefunden. Tarif holte aber
dann den Fuß herbei, den er vor Muſa's Landung in Spanien, wahr:
fheinlih in der Vorausficht eines folchen Vorfalld, von der Tafel
genommen, und der Chalife ward überzeugt, daß Mufa ihn belogen.
J. Abd Alb. ©. 118 u. a. Vorher heißt ed (S. 117): Als Suleiman
die von Mufa ihm gemachten Gefchenfe in die Hand nahm, (nad
der Tradition, die Welid vor Mufa’s Ankunft fchon fterben läßt),
Welid. 543
Obgleich Muſa's ferneres Schickſal eigentlich in das
folgende Hauptſtück gehört, wollen wir doch, um nicht noch
einmal auf ihn zurückzukommen, da er ſchon im folgenden Jahre
ſtarb, ihn hier noch bis zu ſeinem Ende begleiten. Gewiß
iſt, daß er in der erſten Zeit von dem Chalifen Suleiman,
es ſei nun wegen ſeines Ungehorſams, oder wegen wirklicher
Vergehen, mit vieler Härte behandelt ward. Nach einigen
Berichten ſoll er in einen Kerker geworfen, aller ſeiner Gü—
ter beraubt und noch zu einer Geldſtrafe von 100,000 Dina—
ren verurtheilt worden ſein ). Suleiman ſoll ſogar die
Grauſamkeit ſo weit getrieben haben, daß er ſich in Muſa's
Gegenwart den Kopf ſeines Sohnes Abd Alaziz bringen ließ,
der in einer, wahrſcheinlich vom Chalifen ſelbſt angeſtifteten
Verſchwörung, in Spanien umkam, und ihn fragte, ob
er ihn kenne? Worauf der achtundſiebenzigjährige Greis, der
nichts mehr zu verlieren hatte, antwortete: „Allerdings kenne
ich ihn als einen Mann, der früh zum Gebete ſich erhob und
viel gefaſtet. Gottes Fluch möge ihn treffen, wenn ſein
ſprang ein Medinenſer hervor, von den Gefährten Muſa's, der über
die Beute geſetzt war und Iſa Ibn Abd Allah Attawil (der Lange)
hieß und ſprach: O Fürſt der Gläubigen! Wahrlih, Gott hat dir fo
viel erlaubtes Gut geichenft, dag du Unerlaubtes entbehren Fannft.
Sch bin der Verwalter der zu vertbeilenden Beute, und weiß,
das Mufa von dem mag er dir hier fchenft, nicht das Fünftel herz
gegeben hat. Suleiman ftand erzürnt von feinem Throne auf und
ging in fein Gemach. Dann trat er zu den Leuten heraus und
fagte: Gewiß! Gott hat mir fo viel erlaubtes Gut gefchenft, daß ich
Berbotenes entbehren kann und ließ alles in den dffentlihen Schak
der Mufelmänner bringen.
1) Son Abd Alb. ©. 119 erwähnt nur die Geldftrafe, dann
aber auch, das ihn der Chalife dem Habib Ibn Abt Ubeida übergab,
der ihn nad der Provinz Afrika bringen follte.e Durch Ajjub Son
Suleiman’s Fürbitfe durfte er jedoch in Syrien bleiben, Nach
Matt, S. 294 ward er in der Sonne dffentlich ausgeftellt.
544 Zehntes Hauptſtück.
Mörder beſſer ift als er war I.’ Er ftarb bald darauf als
Bettler unter feinen Stammverwandten, bei denen er bie ihm
auferlegte Geldbuße zufammenzubringen hoffte. Nach anderen
1) Derfelde ©. 118, Urſache und Verlauf des Aufruhrs er-
zählt er folgenderweife: „Abd Alaziz hatte nach der Abreife feines
Vaters eine chriftlihe Prinzeffin geheuratbet, von den Bewohnern
Andaluftens, nämlich die Tochter Loderik's, König von Andalufien,
welhen Tarif erſchlagen, und fie brachte ihm unbefchreiblich viele
Güter mit. Als fie zu ihm Fam, fagte fie: warum verehren dich
deine Untergebenen nicht auch durch eine WVerbeugung wie es die
Unterthanen meines Vaters vor ihm gethan? Da er ihr nichts zu
antworten wußte, ließ er an einer Seite jeines Schloffes eine nies
dere Thüre machen, fo daß, wer zu ihm Fam, ſich bücen mußte. Als
fie dies fah, fagte fie zu Abd Alaziz: jest bift du erjt Herr meines
Volkes. Als aber die Leute hörten, zu welhem Zwecke er diefe
Thüre hatte machen laffen, während auch manche behaupteten, feine
Gattin habe ihn zum Chriftenthume befehrt, verſchworen ſich Habib
Son Abi Ubeida der Fihrite und Zijad Sbn Alnabigha der Tamimite
und einige ihrer Freunde von andern Beduinenftämmen, gegen ihn
und befchloßen ihn zu tödten. Sie begaben fich daher zum Muads
dfin CGebetrufer) und fagten ihm: rufe zum Gebete wenn es noch
Nacht ift! Der Muaddfin that dies und wiederholte den Ruf: „Be:
ten iſt beffer ald Schlafen.“ Abd Alaziz kam heraus und fagte zum
Muaddfin: du haft heute zu früh zum Gebete gerufen, es ift noch
Naht. Er ging jedoch in die Mofchee, wohin fich auch die genann:
ten Berfchworenen und einige Andere, welche beten wollten, begaben.
Abd Alaziz trat hervor und fing an (im Koran) zu lefen. „Wenn
die Auferftehung gekommen, dann wird fie niemand läugnen, fie ers
niedrigt und erhebt.“ Bei diefen Worten hob Habib fein Schwerdt
gegen Abd Alaziz's Haupt auf. Diefer entfloh aber in fein Haus
und verbarg fich unter einen Baum feines Gartens. Habib, der
Sohn des Abu Ubeida und feine Gefährten entflohen auch, aber Zi:
jad Ibn Ulnabigha verfolgte den Abd Alaziz und fand ihn unter dem
dem Baume. Da fagte Abd Alaziz: O Sohn Nabighas! rette mich!
du folljt haben was du verlangft, Gr erwiederte: du darfit nicht
Länger feben, fiel über ihn her und enthauptete ihn. Als Habib und
feine Gefährten dieß hörten, Famen auch fie wieder herbei, dann
reif’ten fie zufammen, mit Abd Alaziz’s Kopf, zu Suleiman Ibn Abd
Almalik, und festen über Andalus den Ajjub, einen Neffen Mufa’s
Welid. 545
Berichten ward er durch die Fürbitte Ajjabs, eines Sohnes
des Chalifen, oder durch die Jezid's Ibn Muhallab, deſſen
Günſtling, wieder begnadigt, und beſchloß, ſein Leben auf
einer Pilgerfahrt, in Begleitung des Chalifen,
Bon feinem Waffengefährten Tarif weiß man nur, daß
Suleiman ihn zum Statthalter von Spanien ernennen wollte,
es aber dann wieder unterließ, als er hörte, daß er alleg über
feine Truppen vermochte und daher Leicht fie zum Abfalle
vom Chalifate bewegen fünnte, Ueber fein weiteres Schicfal
verlautet nichts mehr, woraus ſich fchließen Yäßt, daß er in
das Privatleben zurückzutreten gendthigt war. Das islamiti-
ſche Reich hatte jest eine ſolche Ausdehnung erreicht, daß die
Chalifen es nicht mehr wagen durften, die entferntern Pro—
vinzen Männern anzuvertrauen, deren Perfünlichfeit und mili-
tärifcher Ruf groß genug war, um die ihnen untergebenen
Truppen unbedingt an ſich zu feffeln. Indeſſen machten die
fortwährenden Neibungen zwifchen den verfchiedenen Stamm:
Son Nußeir.“ Hätte Suleiman nicht diefen Mord befohlen, jo würde
man ihm den Kopf des Grmordeten nicht gebracht haben. Seine
riftlihe Gattin und vielleicht eine aus andern Gründen angebrachte
fleine Thüre wurden ald Vorwand gebraucht, um die Mörder vor
einem VBolfsaufftande zu jchügen. Uebrigens wird von mehreren
Autoren, auf die wir fpäter zurückkommen werden, ausdrücklich ge—
ſagt, Abd Alaziz fei auf Befehl des Chalifen Suleiman ermordet
worden, weil er ihn, wegen feiner Undanfbarfeit gegen feinen Vater
offen tadelte, und Suleiman befürdhten mußte, er möchte nah unab»
hängiger Herrihaft ftreben. Den Tod des Abd Alaziz fegen die
meiften Autoren in den legten Monat des 3. 97 (S. Makk. I. ©,
404). Da aber nad) Makk. I. ©. 297 allgemein angenommen wird,
dag Mufa im Sahre 97 ftarb, und zwar nach einigen Berichten auf
der Pilgerfahrt, die er doch gegen Ende des Monats Diusl-Raadah hant.
treten mußte, fo kann er unmöglid; den Kopf feines Sohnes ge:
fehen haben. Nuweiri a. a. D. ©. 578 fest gar Abd Alaziz’8 Tod
in das Ende des 3. 99 und läßt doch auch Muja noch feinen Kopf
fehen, Muſa müßte demnach erft im Jahre 100 geftorben fein.
35
546 Zehntes Hauptſtück.
genoſſen, welche von Damask aus genährt wurden, es den
Statthaltern ſchwierig, ſich lange in ihrer Unabhängigkeit zu
behaupten, weil, wie wir in der Folge häufig ſehen werden,
es den Chalifen immer wieder gelingt, mit Hülfe der Stämme,
welche dem Rebellen feind ſind, ihn wieder zu ſtürzen. Dieſe
Kämpfe gegen empörte Statthalter und die Nothwendigkeit,
die Statthalterſchaften entweder Gliedern aus der Familie des
Chalifen oder willenloſen Geſchöpfen zu übergeben, ſchwächte
das Reich nicht weniger, als die innern Zerwürfniſſe und
Fehden, namentlich die große Spaltung zwiſchen den Jeme—
niden und den Abkömmlingen Adnan's, welche, da der Hof
bald die eine, bald die andere Partei begünſtigte, einem an—
dern Geſchlechte den Weg zum Throne bahnte. Schon Su—
leiman, welcher die Jemeniden an die Spitze der Regierung
ſtellte, ließ, wie ſchon erwähnt, den Eroberer Indiens wie
einen gemeinen Verbrecher behandeln, mußte gegen den Sieger
in Transoxanien, wie wir bald ſehen werden, förmlichen Krieg
führen und den Sohn des Zerſtörers der gothiſchen Herrſchaft
in Spanien, welcher, da er nach den meiſten Quellen gar
nicht yon arabiſcher Abkunft war I), auch keine Partei ent—
1) Man lieſt darüber bei Makk S. 297: »As to his ancestors
there are various opinions; some authors make him the son of Nosseyr,
son of Zeyd, of the tribe of Bekr; others of Nosseyr son of Abdu-r-
Rahman, son of Zeyd, of the same tribe. Ibn Khallekan following
al-Homaydi and other ancient historians, calls him Musa, son of Nos-
seyr, a Mauli of the tribe of Lakhm. Some go so far as to say
that he was a Berber of mixed blood. Those who incline to the
former opinion say that his father, Nosseyr, drew his origin from
those Barbarians who, when defeated by Khaled Ibnu-lI-Welid near
Aynu-n-Namar (the fountain of the panthers) pretended to be hostages
and descendants of Bekr Ibn Wayil. Nosseyr became at the time
the slave of Abdul-Aziz Ibn Merwan of the family of Umeyyah, who
in the course of time gave hım liberty and promoted his son Musa
in the army, until he bestowed on him the governement of Africa
proper ... Be it as it may in one thing we find all historians agree,
namely, that Musa was a Mauli of Abdu-l-Aziz Ibn Merwan u. f. w.“
Welid. 547
ſchieden gegen ſich hatte, ermorden laſſen. Welid allein wußte
noch durch Umſicht und Klugheit, durch unerbittliche Strenge
auf der einen und die größte Wohlthätigkeit auf der andern
Seite, mit ſeinen mächtigen Armen ein Reich zuſammenzu—
halten, das ſich jetzt von Kaſchgar und Multan bis an das
atlantiſche Meer erſtreckt. Mögen ihn daher auch die ortho—
doxen muſelmänniſchen Hiſtoriker, wahrſcheinlich weil er, wie
ſein Vorgänger, dem Haddjadj volles Vertrauen geſchenkt und
eine unbegrenzte Macht gelaſſen, einen Tyrannen nennen 7),
Maula eines Stammes heißt, von demſelben adoptirt und Maula
eines Einzelnen, wie z. B. Muſa als Maula des Abd Alaziz ge—
nannt wird, meiſtens Freigelaſſener. Statt Ein Namr muß Ein
Tamr (Dattelnquelle) geleſen werden. ©. oben ©. 36.
1) & bei El Mafin ©. 73. (Djabbar) Reiske in den Noten
zu Abulfeda I ©. 108, nachdem er die Stelle aus Theophanes an:
führt, wo vom Bau der Mofchee zu Damasfus die Rede ift und
MWelid ein wArrroros genannt wird, fchreibt: » Epitheton 6 aAvriguos
scelestis, exprimit cognomen Validi arabicum Alfadjir, quod ei
inde additum, quia, Muslemorum quamvis princeps, tamen ejus fidei
articulos pro veris non reputabat, a precibus, jejuniis, lotionibus
abstinebat, Corani codicem cuspidibus sagittarum destruebat, al.« Sch
vermuthe, daß Reiske diefen Welid mit dem fpätern Chalifen Welid
Son Sezid, der wegen feines Unglaubens ermordet ward, verwechfelt.
Bei feinem Araber habe ich gefunden, dag Welid Fadjir genannt
worden jei. Daß er den Koran verehrte, wird man gleich aus einer
Erzählung im Terte fehen, daß er betete, geht aus folgendem bei
Maff. I. Append. ©. 68 hervor: They relate that a servant of Walid
Ibn Abdi-I-Malik told them, »i was close to the Khalif, who was
performing his ablutions in a vessel of gold that was before
bim, when in came a messenger from Koteybah Ibn Moslem, announ-
eing the conquest of some districts in Khorassan. Der Chalife ließ
fih nun den Brief vorlefen und ehe der Diener damit zu Ende
war, Fam ein anderer Bote, welcher ein Schreiben von Muſa brachte,
das einen Bericht über die Eroberung von Sus enthielt. Nachdem
auch diejer Brief gelefen war, »my master praised God, and returned
thanks and went upon his knees and prayed.« Dann fam
noh ein Bote von Mufa, der Chalife fchiekte feinen Diener weg
und hieß ihm vor der Thüre warten; nun erzahlt der Diener: »There
35*
548 Zehntes Hauptflüc,
fo ift er doch in unfern Augen der größte und jedenfalls der
mächtigfte Herrſcher unter allen fogenannten Fürften der Gläu—
bigen. Er war nicht blos ein Länder-Eroberer, wie Dmar,
fondern er bemühte ſich auch, in den unter feiner Herrichaft
ftehenden Ländern einige Cultur zu verbreiten. Er gründete
Schulen, Tieß überall Straßen anlegen, Brunnen graben,
große und Funftreihe Mofcheen bauen, von denen die zu Da-
masfus noch bis zum heutigen Tage Zeugniß ablegt !). Er
lieg KRranfenhäufer einrichten, in denen auch alterſchwache und
durch fonftige Gebrechen zur Arbeit unfähige Leute aufge-
nommen wurden, und hatte eine bejondere Eorgfalt für Blinde
und Lahme, welde vom Staate befoldete Diener erhielten.
Er ging, trog allem Glanze, den er um fic) verbreitete, doch
auf den Marft und erfundigte fih nad dem Preiſe der
Lebensmittel. Ohne ein Fanatifer zu fein und an alten Ge—
bräuchen, blog weil fie herkömmlich waren, feftzuhalten, war
ihm doch der Koran heilig, und wir finden mehrere Beifpiele,
dag er fogar Stammverwandten, die Unterftügung von ihm
was at the time in the room a young infant, a son of Al Walid, who
was crawling on the fioor, and who, while his father was ab-
sorbed in his prayers and returning thanks to the Almighty for
the favours received, approached the vessel, and fell inside of it.
Che child being hurt by the fall, screamed ont for help, but, although
i saw his danger, i could not run to his assistance, since i had been
ordered to stand by the door; the prayer was a long one, and so
was the prostration, and the child ceased to cry; the Khalif then
raised his head and cried out to me to come in; i entered and took
the child out of the vessel, but he was senseless.« Daß Theophanes
son feinem Standpunkte als chriftlicher Berichterftatter bei der Er:
zählung, wie Welid eine Kirhe in eine Mofchee verwandelt, ihn
einen @Fırmaos nennt, Fann doh gewiß nicht auffallen und bemeift
keineswegs, daß er auch bei den Mohammedanern für gottlos galt.
1) ©. eine ausführlihe Geſchichte diefer berühmten Mofchee,
fo wie deren Bejchreibung und die Händel mit den Chriften wegen
Zerftörung ihrer Kirche, bei Macrizi hist. des sultans Mamlouks par
Quatremere II. 1. p. 262—288,
Welid. 549
begehrten, dieſelbe verſagte, bis ſie bei einem Lehrer, den
er ihnen ſelbſt anwies, im Koran Unterricht genommen N),
Auf einer Pilgerfahrt nah Mekka befuhte er auch Medina,
um bie dafeldft gebaute Mofchee zu befichtigen. Die ganze
Bevölferung von Medina ftrömte ihm entgegen, nur ber
fromme und gelehrte Said Ibn Mufejjab wid nicht von
feinem Plage in der Moſchee. Welid bemerkte ihn und fragte
feine Umgebung, wer er fe. Omar Jon Abd Alaziz fagte:
es ift ein alter ſchwacher Mann, deifen Gefiht auch geſchwächt
ift, fonft würde er bir entgegengefommen fein, um dich zu
begrüßen. Gut, fagte Welid, jetzt fenne ich ihn und werde
ihn Morgen befuchen. Am folgenden Tage begab ſich der
Chalife in Said's Wohnung und begrüßte ihn. Said erwie-
berte ganz troden des Chalifen Gruß, ohne fi) weiter viel
um ihn zu kümmern. Da fagte Weltd zu Dmar, der ihn
begleitete: „Dies ift ein Ueberbleibfel von den wahren Män—
nern 2).“
Mohammed Ibn Juſuf, der Statthalter von Yemen,
bradte ihm einft foftbare Geſchenke. Cine feiner Frauen bat
ihn darum, und er gab fie ihr. Später brachte fie ihm
Alles wieder zurüd und ſagte ihm, fie habe gehört, Moham-
med habe Alles den Unterthanen erpreßt. Welid lieg ihn
rufen, und drohte ihm, bis er in der Mofchee ſchwur, daß
er die dem Chalifen geſchenkten Koftbarfeiten auf rechtlichem
Wege erworben. So war der Mann, welden darum aud)
die Syrer für den größten unter allen Dmejjaden halten und
deffen angeblihe Härte, worüber von Seiten der Frafaner
geflagt wird, durch ihren Geift des Aufruhrs und der Wider:
fpenftigfeit hervorgerufen ward. Haddjadj bleibt immer ein
Sleden in der Regierung Welid's, aber gewiß nicht fo groß,
1) Tab. 1. 190.
2) Ibid. f. 191.
550 Zehntes Hauptflüd,
das haben wir an mehreren Beifpielen nachgewiefen ), als
uns orthodoxe Mufelmänner glauben laſſen möchten, denen
die Zerftörung des Tempels dur) ihn fchwer auf dem Herzen
liegt, und die überhaupt gerne bie Dynaftie der Dmejjaden,
deren Etifter den Tochterfohn des Propheten vom Throne
verdrängt, fo viel als möglich in den Schatten ftellen., Der
Dichter Adi Ibn Errafa ?) fagte von Welid:
„Ich babe zu Welid meine Zuflucht genommen, er genügt
mir, wer ihn zum Beichüger erwählt, bereut es nit. Wer
ihn Toben wollte, fände fein Ende, feine Tugenden überragen
alle Andern. Seine Gaben befhämen alle Freigebigfett. Sein
ehrfurchtgebietendes Antlig verbreitet Schrecken unter den Uebel—
thätern, und beglüdt die, denen es fich freundlich zuwendet.“
Auch Ferazdaf lobte diefen Chalifen und ward in einem
Hungerjahre von feinen Stammgenoffen, die ihn den beften
der Menfchen nennen, zu ihm gefandt, um einige Unterftügung
1) Bergl. oben S 431u. 458. Nach jenem Mufter der Uebertreibung
fpäterer Autoren muß wohl auch die Zahl 120,000 reducirt werden,
die für die Opfer der Tyrannei Haddiadj’s angegeben wird; von der
aber auch Tab. nichts weiß. Er foll übrigens denen, die ihm Bor:
würfe darüber machten, daß er fo viel Blut vergiefe, geantwortet
haben: Klaget nur euch jelbft an, ihr Eonntet vor mir nur durch
die härteften Strafen im Zaume gehalten werden und erhaltet viel-
lfeiht nah mir noch einen ftrengeren Herrn. Betrachtet eure Statt:
halter nur wie euer Bild im Spiegel, wie ihr euch darin zeiget, fo
findet ihr auch euer Bild wieder. Zu-Haddjadj's Graufamkeiten,
allerdings auch wieder gegen einen Straßenräuber und Mörder,
welcher den Tod verdiente, gehört auch, daß er demfelben die Wahl
ließ zmwifchen Hinrichtung und einem Kampfe mit einem ausgehun-
gerten Löwen, bei gefejjelter Rechten, Der Verbrecher zog lekteres
vor und durchbohrte den Löwen mit der Linken unter den Augen
Haddjadj’s, der ihn dann nicht nur begnadigte, fondern auch noch
reichlich beſchenkte. Sujuti.
2) Adij war eigentlich Sohn Zeid's, Sohn Malik's, Sohn
Adij's, Sohn Raka's, wird aber gewöhnlich nur Sohn Raka's ge—
nannt. Ibid.
Welid. 551
zu fordern ). Am ſprechendſten für die Vorzüge Welid's find
aber die nach feinem Tode, wo fein Lob feinen Lohn mehr
brachte, von Djerir gedichteten Verſe:
„Die Erinnerung an Welid entloct unftillbare Thränen
meinen Augen, alle feine Vorzüge liegen unter Erdenftaub
begraben. Als er feinen Söhnen entriffen ward, glichen fie
Sternen vom Monde verlaffen. Sie waren alle vereint, aber
feiner fonnte den Tod von ihm abwenden, weber Abd Alaziz,
noch Rub, nod Omar ?).
Auch Haddjadj's Tapferfeit und militärifches Talent
wird von Djerir und feine heilfame Strenge von der Dichterin
Leila Alachjaliah gelobt, welche unter Anderm fagt: „Sobald
Haddjadj ein Franfes Land befucht, bringt er ihm Genefung,
wenn jeder andere Arzt verzweifelt )Y.“ Selbft fpätere Bio-
graphen, welche alle gegen Haddjadj *) erbichteten Mähren
D) Tbid.
2) Tab. f. 191.
3) Sujuti a.a.D. Sie hieß Achialifah, nad dem Namen ihres
Vaters. Achjal, Sohn Ukeil's.
4) Wir haben oben fchon erzählt, was über feine Geburt ges
fabelt wird, Seine Mutter war nach Masudi zuerft mit Harith Ibn
Kalda, einem Gefährten des Propheten und Richter der Stadt Taif,
verheirathet. Er fand fie eines Morgens mit einem Zahnftocher in
der Hand und frennte fih von ihr. Als fie ihn fragte, was fie ver-
fchuldet, fagte er: „Entweder du haft fhon gefrühftückt und bift eine
Freſſerin, oder du haft noch eine Speiſe von geftern zwifchen den
Zähnen und riechft aus dem Munde. Sie verfegte: ich habe Feine
der beiden Untugenden, fondern ed blieb mir ein Splitter vom Zahn-
ftoher zwiſchen den Zähnen, den ich herausjtogen wollte, doch ver:
fie fie ihn und heirathete Juſuf Ibn Ukeil, welcher Schulmeifter in
Taif war. Als er erwahfen war, ließ ihn fein Vater in die Schaar-
mwache des Chalifen treten, welche unter dem Befehle des Ruh Ibn
Zinba ftand. Eines Tages Flagte der Chalife dem Ruh den Mangel
an Disciplin und gleihmäßiger Bewegung feiner Truppen, Ruh
empfahl ihm Haddjadj als einen guten Offizier und er füyrte bald
eine ftrenge Ordnung im Heere ein. Ibn Challitan. Ueber feine
552 Zehntes Hauptftüd.
als geihichtlihe Thatjachen wiedergeben, erzählen doch manche
edle und großmüthige Züge aus feinem Leben, welche bewei-
jen, daß er auch zu verzeihen wußte und überhaupt, daß er
zwar bis zur Graufamfeit ftreng fein fonnte, doch nie unge—
recht war. Während andere Statthalter es fih zur nächften
Aufgabe machten, fi zu bereichern, binterlieg Haddjadj, wel—
her zwanzig Sabre lang unumfchränfter Herr der öſtlichen
Provinzen des Islams war, nur einige hundert Dirhem, einen
Koran und einige Waffen. Um den Koran bat er fich viele
Berdienfte erworben, er verfertigte felbft viele Abfchriften da—
von und fandte fie allen Statthaltern des Reichs zu ), was
gewiß auch von. einem gottvergeffenen Menſchen, wie ihn
mande fchildern, nicht zu erwarten war. Aucd erfand er ge—
wiffe Zeichen 2), um viele Irrthümer zu verhindern, welche
ih in Folge der mangelhaften Schrift der Araber in den
Koran eingefchlichen hatten, Als fein Bruder Mohammed,
Statthalter von Jemen, farb und Welid ihm ein Trofifchrei-
ben jandte, antwortete er: „Fürft der Gläubigen! ich war
lange Zeit von meinem Bruder getrennt und nur ein Jahr
mit ihm vereint. Sch hatte wenig Hoffnung, ihn bald wie-
derzufehen, während ich jest die Gewißheit habe, ihm in einer
Wohnung zu begegnen, wo zwei aufrichtige Mufelmänner nie
mehr getrennt werden.’ Während feiner Krankheit — er
farb an einem Magenfrebs — ſchloß er ein Schreiben an
den Ehalifen mit folgenden Worten: „Wenn ich vor Gott
trete und bet ihm Gnade finde, ift meine Seele frob. Gottes
Ewigkeit genügt mir, darum feße ich mein Vertrauen nicht
auf Sterbliche. Unfere Vorgänger fielen dem Tode anheim,
Großmuth gegen mehrere Araber, die ihn fchwer beleidigt und ver:
wünjcht, f. auch Herbelot bibl. orientale.
1) Son Abd Alh. ©. 55.
2) Ibn Challifan. Vergl. dazu auch Slane’s Anmerf. I. ©. 364
N. 13, 14 und 15 und ©. 666 NR. 6 im Leben des Abu-l-Aswad
Addumali, 3
Welid. 553
auch uns verſchont er nicht.“ Zu ſeinem Glücke ſtarb er
noch ein Jahr vor Welid, ſeinem Beſchützer, ſonſt hätte er
wohl auch unter Suleiman das Loos der Eroberer von In—
dien, Spanien und Turkiſtan getheilt ).
1) Das wußte Haddjadj auch recht gut, und konnte nicht daran
zweifeln, da der Sohn Muhallab’s, den er verdrängt, wie fchon er:
wähnt, Suleiman’s Liebling war. Auch erzählt Tab.: „Einft war
Welid fehr frank und lag einen ganzen Tag bewußtlos da, jo daf
man ihn jchon für todt hielt. Als Haddjadj dies erfuhr, warf er
fih auf die Knie und betete: „Herr! gib mir feinen Herrfcher, der
ohne Erbarmen gegen mich verfahren wird, ich habe dich ſtets ans
gefleht, mich vor dem Fürften der Gläubigen fterben zu laſſen.“ Als
er ſich wieder erhob, Fam ein zweiter Bote, welcher Welid’s Wieder:
genefung meldete. Als Welid fih wieder vollfommen erholt hatte,
fagte ihm Dmar Ibn Abd Alaziz: „Niemand wird fih mehr mit
deiner Genejung ald Haddjadj freuen, er wird Sklaven befreien und
Danfgebete verrichten laffen.” Kaum hatte Omar dies gejagt, als
ein Brief von Haddjadj anlangte, worin es hieß: „Als ih Nachricht
von der Geneſung des Fürſten der Gläubigen erhielt, warf ich mich
danfend vor Gott nieder und fchenfte allen Sklaven, die ich befaß,
die Freiheit“ und fo beftätigte Haddjadj’s Brief Alles, was Omar
vorhergeſagt.
Elftes Hauptftück.
Suleiman.
Sezid Sen Muhallab wird zum Statthalter von Sraf ernannt. —
Benehmen des Chalifen gegen Kuteiba.— Kuteiba’s Briefe an Sulei-
man. — Er wird in feiner Statthalterfchaft beitätigt. — Er empört ſich
gegen den Chalifen. — Wird von feinen Truppen verlaffen und ent:
hauptet. — Sezid wird Statthalter von Choraſan. — Seine Kriege in
Dehiftan und Tabariftan. — Eroberung von Djordjan oder Gorgan. —
Klagen der Chorafaner gegen ihn. — Der Chalife will ihn entfegen. —
Krieg mit den Byzantinern. — Belagerung von Konftantinopel,— Ver:
hältnig der Araber zu Leo dem Sfaurier. — Masdlama wird von ihm
htntergangen. — Zuftände in Transoranien, Spanien und Indien
unter Suleiman. — Seine Grauſamkeit gegen Gefangene. — Seine
Schmelgerei und Eiferfucht. — Wie Omar Ibn Abd Alaziz zum Nach:
folger beftimmt worden.
Suleiman, der Bruder Welid's, ſchon von feinem Water
Abd A Malik zu Welid's Nachfolger beftimmt, Iebte in
Ramla, als er die Nachricht vom Tode des Chalifen befam
und begab ſich alsbald mit feinem Günftling Jezid Ibn
Suleiman, 555
Muballab nah Damask. Da Suleiman faft in jeder Be—
ziehung das Entgegengefeßte von feinem Bruder war, fo
mußte auch mit feiner Thronbefteigung eine gänzliche Um—
wälzung im Reiche vorgenommen werden. Suleiman's Re—
gierung wird von den Orthodoxen hochgepriefen, obgleich er
feine befte Zeit den Freuden der Tafel und feine größte Auf-
merfjamfeit denen des Harems weihte. Man nennt ihn den
Schlüffel des Guten, weil er den frommen und ſchwachen
Dmar Fon Abd Alaziz zum Nachfolger ernannt, was jedoch,
wie wir in der Folge fehen werden, noch bezweifelt werden
darf. Man preift feine Milde, weil er den von Haddjadj
Eingeferferten die Freiheit fchenfte, obne zu bedenken, daß
Andere, welche zur Partei Haddjadj's gehörten, von dem,
bald nad Suleiman’s Thronbefteigung zum Statthalter von
Irak ernannten Fezid Jon Muhallab verdammt wurden, ihren
Pas einzunehmen oder auf deffen Befehl zu Tode gefoltert
wurden.
Selbft Männer wie Mufa und Mohammed Ibn Kaſim
erndteten nur Undanf für ihre geleifteten Dienfte und ein
äbnlihes Schickſal ftand Kuteiba, dem Eroberer yon Samar-
fand, bevor. Mufa hatte ſich aber felbft thörichterweife von
jeinem Deere getrennt und ward wahrfcheinlih in Syrien
vom Tode Welid's überrafht. Mohammed ward entweder,
nod ehe er den Tod des Chalifen wußte, plötzlich verhaftet
oder es fehlte ihm an Mitteln zur Empörung, auch Fonnte
eine von dem Herzen des Neichs abgefchnittene Armee fich
ſchwerlich zu jener Zeit in Indien lange behaupten. Kuteiba
aber, der Statthalter von Chorafan, einem Lande, das ohne-
bin ftetS bereit war, die Fahne des Aufruhrs aufzupflanzen,
an der Spige vieler Truppen, welche nicht zu der jebt herr—
jhenden Partei der Jemeniden gehörte und felbft ein eben
fo gewandter Staatsmann, als waderer General, war nicht
fo leicht zu ftürzen. Gegen diefen mußte man mit Borficht
verfahren und zur Lift feine Zuflucht nehmen. Auf Jezid's
Anrathen fandte ihm der Chalife ein Schreiben, in welchem
556 Elftes Hauptftüd.
er ihm, ohne ihn gerade ausdrüdlich in feiner Statthalter
haft zu bejtätigen, befahl, einen Feldzug nad Ferghana zu
unternehmen, wo noch mande Feltung zu unterwerfen war.
Zugleih ward aber auch dem Boten ein zweites Schreiben
an die Armee mitgegeben, in welchem verjelben ein erhöhter
Sold zugefagt, und jedem Soldaten, der den Feldzug nad)
Ferghana nicht mitmachen wollte, die Erlaubniß ertheilt ward,
in feine Heimat zurüdzufehren. Auf diefe Weife wurden,
noch ehe Kuteiba einen Entſchluß gefaßt, und während er
mit dem vom Chalifen erhaltenen Auftrage ſich freute, die
Truppen für den Chalifen günftig geftimmt und alle diejenigen,
welche, des Krieges in fernem Lande müde, fih nah Ruhe
oder nach ihrer Familie fehnten, fogleih von ihm losgeriffen.
Dies fah Kuteiba indeffen ein, fobald er von dem zweiten
Briefe Suleiman’s Kenntniß erhielt und erflärte daher das
zweite Schreiben für falfh und den Boten als einen Ver—
räther, welcher das Heer des Chalifen ſchwächen wollte. Dann
fhrieb er dem Chalifen drei Briefe, welche er einem und
demfelben Boten mitgab, Im erſten Briefe fchilderte er feine
Treue und feine Hingebung für Abd Almalif fowohl, wie
für Welid, und bat um die Beftätigung in feiner Statthalter-
Ihaft, indem er die Verficherung hinzufügte, dag er ihm eben
fo gehorfam und eifrig wie feinen beiden Vorgängern dienen
würde. Im zweiten Briefe fchilderte er feine Kriegsthaten
und ihre glänzenden Erfolge, ſprach mit Verachtung von dem
Geſchlechte Muhallab’S und erklärte, daß wenn Jezid zum
Statthalter von Chorafan ernannt würde, er genöthigt wäre,
fih ihm mit Gewalt der Waffen zu widerfegen. Im dritten
Briefe fündete er ganz einfach dem Chalifen den Gehorfam
auf. Dem Sklaven, welder dieſe drei Briefe dem Chalifen
überbringen follte, fagte er: gib den erften Brief allein ab,
wenn du aber fiehft, daß Suleiman ihn dem Sohne Muhal-
lab's mittheilt, fo überreiche ihm den zweiten! läßt er Jezid
auch dieſen Iefen, fo ftelle ihm den dritten zu! Falls aber
der Chalife den erften Brief für ſich behält, fo verbirg bie
Suleiman. 557
beiden andern und zeige fie Niemanden Y.“ Der Bote fand
Jezid bei dem Chalifen, als er ihm Kuteiba’s erften Brief
überreichte, und wie Kuteiba vermutbet, ließ er ihn Sezid
lefen. Das Gleiche tbat der Chalife mit dem zweiten Schrei-
ben Kuteiba’s. Das dritte verliegelte er aber wieder, als
er es gelefen hatte ?), fagte fein Wort und befahl, den Bo—
ten in das zur Aufnahme von Gefandten beftimmte Haus zu
bringen, Am folgenden Morgen ließ er ihn wieder rufen,
befchenfte ihn und befahl ihm, in Begleitung eineg andern
Boten, weldher der Träger eines Diploms war, das bie
Beltätigung Kuteiba’s als Statthalter von Chorafan enthielt,
wieder nad Meru zurüczureifen, wo diefer ſich aufhielt. Alg
die beiden Boten aber nah Hulwan famen, hörten fie yon
Reijenden, die aus Chorafan famen, Kuteiba babe ſich gegen
den Chalifen aufgelehnt. Dies veranlaßte den Boten des
Chalifen wieder nad) Damasf zurüdzufehren und den Kutei—
bas allein mit dem Diplome Suleiman’s zu feinem Herrn
zurüdfehren zu laſſen. Jetzt bereute Kuteiba feine Heftigfeit
und ließ feine Brüder zu fih fommen, um ſich mit ihnen
über fein weiteres Berhalten gegen Suleiman fowohl, als
gegen die ihm untergebenen Truppen zu berathen ?). Sein
1) Bermuthlich gab er ihm noch andere ähnlihe Snftruftionen.
Denn er konnte doch nicht wiſſen, ob gerade Zezid zur Zeit, wo die
Briefe dem Chalifen übergeben werben, gerade anwefend fein würde.
2) ©o bei Tab. f. 196 v. Dann heißt es aber: „nad einer
andern Tradition warf er den Brief zmwifchen zwei Betten (oder
Sofa, mithalein), welche vor ihm ftanden.” Sm türf. Tab. ©. 110
fieft man: „Kuteiba warf auch den dritten Brief, nachdem er ihn
gelejen hatte, vor Sezid bin und fagte: „wir haben nicht aut gegen
Kuteiba gehandelt, er war ein brauchbarer Mann und wir haben
ihn gekränkt.“
3) Ein gewiſſer Bohtari, der auch um Rath gefragt ward, fagte
zu Kuteiba, Suleiman würde, in Betradht feiner großen Eigen:
fhaften und militäriihen WVerdienfte, ihn gewiß begnadigen, darauf
antwortete er aber: „Sch fürdte keineswegs den Tod, fondern nur,
daß Zezid zum Statthalter von Chorafan ernannt und ich vor den
558 Elftes Hauptſtück.
Bruder, Abd Errahman, rieth ihm, die Unzuverläſſigen unter
ſeinem Heere nach verſchiedenen Theilen ſeiner Provinz in's
Feld zu ſchicken, den übrigen freie Wahl zu laſſen, ob ſie
ihn nach Samarkand begleiten oder in ihre Heimat zurück—
kehren wollten. Auf dieſe Weiſe, ſagte er, kannſt du dich
gegen Verräther ſichern, denn nur treue, ergebene Freunde,
werden dir freiwillig folgen, du gründeſt dann in Transoxa—
nien ein unabhängiges Reich, das du mit zuverläſſigen Trup—
pen leicht gegen den Chalifen vertheidigen kannſt. Kuteiba,
der, wie es ſcheint, von der Anhänglichkeit ſeiner Soldaten
zu ihm eine zu hohe Meinung hatte, befolgte, zu ſeinem Un—
glück, dieſen Rath nicht, ſondern ſtimmte ſeinem Bruder Abd
Allah bei, welcher ihm rieth, geradezu die Truppen aufzu—
fordern, ſich von Suleiman loszuſagen. Er hielt vor dem
verſammelten Heere eine Rede, in welcher er den ſchlechten
Zuſtand Choraſan's unter ſeinen Vorgängern Omejja Ibn
Abd Allah, Muhallab und Jezid ſchilderte, die das Land
ausgepreßt, ſtatt es Durch Beute und Tribut zu bereichern U).
—
Augen des ganzen Volkes von ihm mit Verachtung und Gering—
ſchätzung behandelt werde, was für mich ſchlimmer als der Tod
wäre.“
1) Omejja, ſagte er, hat weder gegen die Ungläubigen Krieg
geführt, noch irgend etwas erbeutet, man wußte nicht, was Gehor—
ſam, was Ungehorſam unter ihm, dem Abd Almalik ſchrieb er aber
einſt, der Ertrag von Choraſan genüge für die Ausgaben ſeiner
Küche nicht. Unter Muhallab lebtet ihr drei Jahre in größter Rath:
fofigkeit, ev nahm euch nur Geld und zog euch eure Kleider vom
Leibe aus. Was Zezid angeht, fo ift euch feine Herrfchaft befannt,
hat er je Recht und Gerechtigkeit unter euch gehandhabt?” Ganz
anders wird Muhallab von dem Dichter Nahhar Son Taufaa in
folgenden Verſen (bei Tab. 1.115) gefchildert; „Tugend, Ruhm und
Reichthum it dahin, Wohlthätigkeit und Freigebigkeit ift verſchwun—
den, feit Muhallab's Tod. Wenn gefragt wird, welcher GSterbliche
hat den Menſchen am meiften Gutes erwiefen, fagen wir ohne
Scheu: er. Er hat uns offenes und befeftigtes Land unterworfen,
mit Reitern, deren Pferde wie Kata dahinfliegen,“
Suleiman, 559
Er ging dann auf die von ihm erfochtenen Siege und er-
beuteten Schäge, fo wie auf feine heilfame Verwaltung im
Innern über und fragte, ob er wohl einem Manne, wie
Jezid, der lieber rauen verführt, als Feinde unterjocht,
wieder feine Stelle einräumen follte,
Kuteiba’s Rede mochte wohl einen günftigen Eindruck gemacht
baben, da indeffen die Zeit der Empörung und des Aufruhr
längft vorüber war, mußte jeder fich fcheuen, zuerſt wieder
öffentlich den Gehorfam gegen den Chalifen abzufchütteln, und
fo fam es, daß Niemand antwortete. Den übermüthigen und
beftigen Ruteiba beleidigte aber diefes Schweigen dermaßen,
daß er fihb in Schmähungen erging, befonders gegen die
Beduinen oder Wüftenbewohner, die er „als Bettler in fein
Heer aufgenommen und mit ben Koftbarfeiten türfifcher und
perfiicher Fürften bereichert.“ Mit vdiefen Worten, welche
ihm einen Theil feiner Truppen entfremdeten und die eben=
falls ohne Erwiederung blieben, verließ er die Verſammlung.
Bald rotteten fih alle feine Feinde zufammen, und ein Theil
des Heeres verlangte auf ihr Anftiften feinen Abſchied. Ibad
Sen Jjas rieth Kuteiba, entweder das Heer durch Geld zu
gewinnen zu fuchen, oder denjenigen, die ihn verlaffen woll-
ten, den Abſchied zu gewähren oder fogleih die Däuptlinge
der Unzufriedenen binrichten zu laffen. Kuteiba befolgte aber
diefen wohlgemeinten Rath wieder nicht, fondern feßte aber-
mals fein Vertrauen auf eine Rede I), die nicht mehr Er-
folg als die frühere hatte und nur die Thätigfeit der gegen
ihn Verſchworenen noch mehr anfpornte. An ihrer Spike
ftand Hajjan Jon Ijas und Waki' Fon Abi-l-Aswad, welche
1) Sn diefer Rede fagte er unter anderm aud) feinen Truppen,
fie möchten bedenken, daß er fie nah Abd Errahman Son Afchath’s
Niederlage gegen den Zorn Haddjadj’s gefhügt, da, wie wir ſchon oben
erwähnt, alle Rebellen, die bei Kuteiba Zufluht juchten und in
feine Dienfte traten, von Haddjadj begnadigt wurden.
560 Elftes Hauptftüd,
Kuteiba ihrer Nemter entfeßt hatte )). Kuteiba ward vor
ihnen gewarnt, aber er glaubte nicht daran, weil Waki' ſchlau
genug war, jeden Abend in Gefellfchaft Abd Allah’s, des
Bruders Kuteiba’s, zuzubringen. Endlich überzeugte fich je-
doch Kuteiba durch einen Spion, daß Waki' fi) oder viel-
mehr dem Chalifen Suleiman heimlich huldigen Yaffe, und
faßte den Entihluß, ihn fowohl als Hajjan aus der Welt
zu jchaffen. Aber beide waren auf ihrer Huth und Tießen
fih, als fie zu Kuteiba gerufen wurden, franf melden. Da
jedoh Kuteiba drohte, fie in ZTragfeffeln holen zu laſſen,
riefen fie alle, die ihnen gehuldigt hatten, zufammen und
überfielen Kuteiba, der gar feinen Angriff erwartete und
darum auch nur wenig Truppen bei ſich hatte, auf die er
zählen fonnte 2). Mehrere feiner Brüder fielen im Gefechte
an der Spitze der Getreuen, welche fi zur VBertheidigung
des Schloffes, das er bewohnte, einftellten. Als er ſelbſt
dann zu Pferd fteigen wollte, um gegen die Treulofen zu
fämpfen, war ſchon fein Stall in Brand geſteckt und das
Schloß von den Feinden erftürmt, unter welchen befon-
ders die Benu Ad, die Stammgenoffen Jezid's, thätig
waren. Auch fiel er einem Manne aus diefem Stamme, dem
Saad Jon Bahr, in die Hand, der ihn fogleich enthauptete
1) Die Unzufriedenen hatten fich vorher an einige Andere ge-
wendet, aber feiner wagte es, fih an ihre Spitze zu ftellen „wegen
der Söhne Mudhar’s, welche Kuteiba’s Freunde waren.“ Waki'
war aber auch ein Beduine und es ward ihm leicht nach Kuteiba’s
Rede alle Beduinen für fi zu gewinnen und Hajjan hatte auch
arofen Einfluß auf einige von Mudhar abftammende Truppenab-
tbeilungen und war Anführer von 7000 Freigelaffenen. Die Statt:
halterfhaft von Chorajan ward ſchon im voraus von Ddiefen Beiden
getheilt. Waki' follte alle diefjeits und Hajjan die jenfeitd des Drug
gelegenen Provinzen verwalten.
2) Die Benu Keis ftanden Kuteiba bei, fahen aber bald ein,
das fie den zahlreihen Truppen unter Waki' und Hajjan nicht wider:
ſtehen konnten.
Suleiman. 561
und den Kopf dem Waki' brachte, welder ihn alsbald dem
Chalifen nad) Damask fandte (97 d. 9. N).
Sobald Kuteiba geftürzt war, bemühte fich Jezid, der
Sohn Muballab’s, um die Statthalterfchaft von Chorafan.
Die von Jraf fonnte ihm nicht behagen, denn ein Land, in
welhem Haddjadj zwanzig Jahre gehauft, bot Feine Gelegen-
heit zur Bereicherung dar. Jezid war aber ein größerer
Berfhwender als Haddjadj, und Suleiman verlangte diefelben
Abgaben, die feinem Vorgänger entrichtet wurden. Schon
batte Jezid, bald nad feiner Ernennung, um nur die Früchte
der Bedrückung der Irakaner zu genießen, ohne den daran
baftenden Fluch auf fih zu laden, den Chalifen gebeten, ihm
noch Salih Jon Abd Errahman zuzugefellen, damit dieſer
das ganze Finanzwefen, alfo auch die Einforberung der
Steuern leite, er felbit aber nur den Oberbefehl über die
Truppen behalte, eine Theilung, wie wir fie ſchon in Egyp—
ten unter Omar's Chalifat gefunden. Das gute Bernehmen
zwifchen Jezid und Salih dauerte aber nur fo lange, ale
diefer jenem alle von "ihm eingetriebenen Summen zur Ver—
fügung ftellte, als er aber, wahrfcheinlih auf Suleiman’s
Befehl, Jezid in feiner alles Maaß überfteigenden Verſchwen—
dung zu befchränfen fuchte, fehnte er fih von Irak weg
und bot alle Mittel auf, um die feinem Bruder Abd Almalif
ſchon zugedachte Statthalterichaft von Chorafan zu erhalten ?).
1) Wie wir in der Folge fehen werden, in den erften Monaten
des Jahres, alfo noh im Sahr Chr. 715.
2) Da hier ſowohl ald oben bei Kuteiba’d Sturz, der türf.
Zab. mit dem Urterte im Wefentlichen übereinftimmt, will ich fegtern
eitiren, weil er gedrudt vorliegt. ©. 115 wird berichtet: Als Sezid
vernahm, dag jein Bruder Abd Almalif die Statthalterfchaft von
Chorafan erhalten follte, bat er Abd Allah Son Ahtam, einen Mann,
der die Zuftände in Chorafan genau Fannte und dejien Rath daher
auch von großem Gewichte fein mußte, nah Damasf zu reifen, um
Suleiman zu bewegen, ihn zum Statthalter von Chorafan zu er:
nennen. Abd Allah mwilligte ein und empfing von Jezid 30,000 Dir:
36
562 Elftes Hauptftüd.
Sobald ihm feine Ernennung zufam, fandte er feinen Sohn
Machlad mit Truppen voraus nad Meru, wo er mit ber
ihm als Sohn des neuen Statthalters gebührenden Auszeich-
nung aufgenommen ward. Nur Waki', welcher feit Kutei-
ba’s Sturz den Dberbefehl in Chorafan geführt, und wahr:
fcheinlich gehofft hatte, ihn auch zu behalten, erwies ihm
nicht die übliche Chrerbietung, ward aber dafür, nebft allen
feinen Anhängern, ſchwer gezüchtigt 1). Jezid, der bald nach—
folgte und Djarrah Ibn Abd Allah an feiner Stelle in Waſit
ließ, weihte auch fein neues Amt durch allerlei Graufamfeiten
gegen Kuteiba’s Verwandte und die yon ihm eingefeßten
Beamten ein.
Jezid mußte indeffen, nachdem feine Herrfchaft in allen
Theilen Chorafang anerfannt war, um nicht vor Suleiman
zu Schanden zu werden, fein der Sinnlichkeit und Schwelgeret
gewidmetes Leben ändern, und unter Anderm auch einen Kriegs-
zug gegen die füdöftlich vom kaspiſchen Meere gelegenen Län—
der unternehmen, weil er früher fortwährend die Unterjochung
berfelben als höchſt wichtig gefchildert und oft Kuteiba 2)
getadelt hatte, dag er feine Waffen nicht nach dieſer Seite
hin gewendet. So lange Djordjan und Tabariftan, überhaupt
die ganze Strede zwifhen Rei, Nifabur und dem faspifchen
hem. Suleiman beſprach ſich mit ihm über den zu erwählenden
Statthalter, aber Abd Allah wußte an Allen, die er nannte, etwas
zu tadeln, bis er endlich auf Sezid Fam,
1) Ibid. ©. 116. Man ritt ihm entgegen und ftieg dann beim
Zufammentrefien ab, Waki' und einige Andere aber blieben figen.
Zwiſchen Kuteiba’s Sturz und Jezid's Ankunft in Meru waren 9
oder 10 Monate vergangen. Leptere fand auch noch im Sahr 97
ftatt, woraus fi alfo mit Gewißheit fchliegen läßt, daß Kuteiba
in den erften Monaten des Zahres enthauptet ward.
2) Kuteiba foll mehrmals vergebens Haddjadj um Erlaubniß
gebeten haben, einen Feldzug gegen Djordjan zu unternehmen. Diefe
Feftung foll fogar gegen die mäctigften Saffaniden ihre Unabhän—
gigfeit behauptet haben.
Suleiman. 563
Meere bis über die Bucht von Aftrabad hinauf nicht unter:
jocht war, mußten die Araber, die von Irak nach Chorafan
wollten, den großen Umweg über Fars und Kerman maden.
Nur dem Said Ibn Aaß war es unter dem Chalifate Oth—
man’s gelungen, bis nad) Gorgan oder Djordjan, der Haupt-
feftung des Landes, in der Nähe von Aftrabad, vorzudringen,
aber auch er batte fie nicht eingenommen, fondern bloß ge—
brandfchatt. Seit jener Zeit hatte fih Fein arabifcher Feld—
berr mehr dahin gewagt, oder war wenigſtens Feiner mehr
vom Chalifen dahin gefandt worden. Jezid brach mit 100,000
Mann von Meru auf. In Dedeftan foll er ein Heer von
200,000 Mann, unter der Führung eines Türfen mit Namen
Sol, gefhlagen und dann die Hauptitabt diefer Provinz zur
Uebergabe genöthigt haben ?). Bon Deheftan wendete er fi)
über Djordjan gegen Tabariftan, wo Gil Gilan herrſchte.
Djordjan hatte er eigentlich nicht unterworfen, fondern er war
bloß Durchgezogen und hatte fid) gegen eine Summe von
300,000 Dirbam jeder Gewaltthätigfeit enthalten. Nur 4000
Mann ließ er unter der Führung des Abd Allah Ibn Afad
in diefer Provinz zurüd, Der Herr von ZTabariftan mußte
troß den Hülfstruppen des Königs von Deilem in offener
Schlacht unterliegen, als aber die Mufelmänner die Flüchtigen
ins Gebirge verfolgten, erlitten fie großen Verluft und waren
genöthigt, fi wieder in die Ebene zurüczuziehen. Diefe
Schlappe veranlaßte auch die Bewohner yon Djordjan, den
Frieden zu brechen und Afad’s Truppen zu überfallen, Jezid
war jest genöthigt, mit dem Herrn von Tabariſtan Frieden
— —
2) Die Türfen, welche in der Stadt waren, heißt es bei Tab,,
hatten feine Lebensmittel mehr, darum fnüpfte Col Unterhandlungen
an. Sezid geftattete ihm und feinen Angehdrigen freien Abzug mit
all ihrer beweglihen Habe. Für die übrigen Bewohner der Stadt
ward nichts beftimmt, darum lieg auch Sezid 14,000 Menjchen über
die Klinge fpringen und betrachtete Alles, was fih in der Stadf
fand, als Beute,
36 *
564 Eiftes Hauptftüd.
zu fchliegen, den der ſchlaue Hajjan noch unter günftigen Ber
dingungen zu Stande brachte ) und nad) Djordjan zurüczus
fehren. Er gelobte, für das vergoffene Blut feiner Truppen
fo viele Ungläubige zu ſchlachten, bis ihr Blut eine Mühle
berumtreiben würde. Jezid löſte fein Gelübde, indem er nad
Einnabme der Stadt und Gitadelle, welche letztere auf einem
fteilen Berge lag, fo daß fie erft nach einer Belagerung von
fieben Monaten erftürmt werden konnte ?), alle Gefangenen
am Ufer eines Baches ſchlachten ließ, fo daß ihr mit dieſem
Waſſer vermifchtes Blut in der That eine Mühle trieb, Trotz
diefem Siege, welcher in Damasf großes Auffehen erregte,
fiel doch Jezid bald in Ungnade bei Suleiman, weil viele
Bewohner Chorafans fi) über feine Bedrückung beflagten und
behaupteten, er habe fo große Summen erpreßt, daß er das
mit die ganze Welt erobern und fi) leicht unabhängig machen
könnte. Suleiman foll daher kurz vor feinem Tode befchloffen
—
1) Dem Hajjan, der, wie oben berichtet worden, einer der
Häuptlinge der Verſchworenen gegen Kuteiba war, war es nicht
beffer gegangen als War’, feinem Mitverfchworenen. Sezid hatte
ihn mißhandelt und ihm 200,000 Dirhem ausgepreßt. Sekt wendete
fich Sezid an ihn, weil er felbft ein Deilemit und wie es feheint, mit
dem Herrn von Tabariftan näher befannt war. Seine Worte muß—
ten um fo mehr Glauben finden, ald er ale Feind Sezid’8 befannt
war. So ließ fih denn Gil Gilan leicht zu einem Friedensfchluffe
überreden, weil Hajjan ihm fagte, Sezid würde bald Verftärfungen
erhalten und dann größere Forderungen ftellen. Sezid, welcher glaubte
feloft den Frieden erfaufen zu müſſen, erhielt noch 100,000 Dirhem,
409 Ladungen Safran und 400 Sflaven, deren jeder eine filberne
Shüffel, ein Stück Seidenftoff und einen goldenen Ring mitbrachte.
% a. D. ©. 119. Andere Nachrichten über diefen Krieg ſowohl
als über frühere in Tabariftun, nah Ihn Kethir und Munadjimbafci,
hat Kraft in den Wiener Sahrbücern Bd. 106 ©. 4 u. ff. des
Anz.Bl. mitgetheilt. Der Herr von Tabariftan heißt dort Ferchan.
2) Sie entdeckten zulest einen Pfad, der zur Citadelle führte,
und überfielen fie ganz unerwartet, während die Beſatzung nach der
entgegengefesten Seite hin einen Ausfall machte,
Suleiman. 565
haben, Jemanden aus feiner Familie nach Chorafan zu fenden,
um von Jezid Rehenfchaft zu fordern, nad) einigen Berichten
feinen Bruder Maslama, und zwar um als Statthalter an
Jezid's Stelle in Chorafan zu bleiben N).
Maslıma lag um diefe Zeit noch vor Konftantinopel
und fämpfte gegen die Byzantiner, welche den Arabern unter
Suleiman’s Regierung zehnmal größern Berluft zufügten, als
durch Jezid's Siege am kaspiſchen Meere gewonnen ward,
Schon Welid hatte im legten Jahre feiner Regierung (714)
eine Flotte ausgerüftet, um die Hauptftadt des griechifchen
Reichs, gegen welche die Araber von Kleinafien und Armenien
aus vorrüdten, auch zugleih Yon der Seefeite her anzugreifen.
Suleiman fonnte anfangs unter fehr günftigen Umftänden den
Krieg gegen die Griechen fortführen, denn die byzantinifche
Slotte, welche (715) die feinige zerftören follte, empörte ſich
gegen ihren Admiral Johannes und gegen. den damaligen
Kaifer Anaftafius und belagerte ihre eigene Hauptftadt, ftatt fie
vor den Angriffen der Feinde ihres Glaubens und ihres Vol—
fes zu ſchützen ?). Als in Folge diefes militärifchen Aufruhrs,
jedoch erft nachdem Konftantinoyel fih ſechs Monate lang
vertheidigt hatte, Anaftafiug entthront und Theodofius (716)
zum Kaifer ausgerufen ward, fanden die Araber an Leo, dem
Saurier, dem General des Dftens, welcher dem neuen Kaiſer
feine Anerfennung verfagte, mehr einen Verbündeten als einen
Feind. Alfe errungenen Vortheile gingen aber wieder für fie
verloren, als Leo den Thron beftieg (März 717) und fie
plöglih in ihm einen erfahrenen und entfchloffenen Gegner
1) Ibid. p. 120.
2) Theophanes I. p. 590 u. fi. Die Flotte follte von Rhodus
aus nach der phönizifhen Küfte fegeln, wo die Araber große Holz:
vorräthe aufgefchichtet hatten, aus denen in den egyptiſchen Häfen
Schiffe gebaut wurden. Diejes auf dem Libanon gefüllte Bauholz
follten die eingefhifften Truppen, melche größtentheils aus der Fai-
ferlihen Garde beftanden, verbrennen.
566 Eiftes Hauptſtück.
faben, wie fie feit dem Beginn des Islams Feinen gehabt.
Wie überall, wo feine Lorbeeren geerntet worden, find auch
bier die arabifhen Hiftorifer ziemlich einfylbig und ihre Be—
richte um fo dunfler, als fie von den byzantinifchen Thron-
ftreitigfeiten feine genügende Kenntnig haben. Das Eine gebt
jedoch far aus ihren Traditionen hervor, daß fie Konftantinopel
wenigſtens ein Jahr Yang vergebens belagert, daß fie von Leo
hintergangen worden und in der legten Zeit namentlich große
Noth litten, jedoch bis zum Tode Suleiman’s feine Erlaubniß
zum Abzuge erhielten, In allen diefen Punkten ftimmen die
byzantinifyen Quellen mit ihnen überein und geben ung nähern
Aufſchluß über die einzelnen Partien diefes großen Trauer—
ſpiels, das damit endete, daß die mufelmännifche Flotte zer—
trümmert oder verbrannt und eine über 100,000 Mann ftarfe
Armee durch Hunger, Veit und Krieg aufgerieben ward.
Bei Amorium, fo erzählt Theophanes, ftieß Leo auf die
Borpoften der Araber unter Spliman Y), welcher ihm, wahr-
fcheinlih in der Hoffnung, in diefe Feſtung eingelaffen zu
werden, feinen Beiftand gegen Theodofius verſprach. Da aber
Amorium feine Thore nicht öffnete und Leo dem Bifchof von
Amorium, welchen die Araber in ihr Lager gelodt, zur Flucht
verhalf, fuchte fih Spliman durch Lift der Perfon Leo’s zu
bemädtigen, was ihm jedoch nicht gelang. Bald darauf langte
1) p. 593. »Hoc anno Masalmas in Cplim expeditionem suscepit,
ac ideo Sulimanem terra, Umarum vero mari datis utrique exereitibus
praemisit, ipse amplo belli apparati coacto retro sequutus est etc.«
Daß hier unter Suliman nicht der Chalife gemeint ift, verfteht
fih von ſelbſt. Sch vermuthe, daß dieſer General Muslim bief,
eigentlih Muslimun, woraus leicht ein Suliman werden Fonnte,
denn auch bei Tab. f. 204 wird berichtet, daß im 3. 97 (Sept. 715
— Aug. 716) Dawud, ein Sohn des Chalifen und Muslim in Klein:
afien Krieg führten. Der von Theoph. genannte Umar ift ohne
Zweifei Amru Son Hubeira Alfazari, der nad) Tab, die Flotte be-
fehligte und den Winter auf byzantiniihem Gebiete, wahrſcheinlich
in Eilieten, wie Theoph. ©. 599 berichtet, zubrachte. }
Suleiman. 567
Maslama vor Amorium an, Er fchlog mit Leo einen Ver—
trag, in welchem höchſt wahrscheinlich eine Theilung des byzan-
tiniſchen Reichs verabredet und feftgefegt ward, daß fie, ftatt
fih in Galatien zu befehden, gemeinschaftlich, Leo von der
aftatifchen Seite und Maslama von Thracien ber, die Haupt—
ftadt angreifen follten ). Leo überfiel dann in Nicomedien
den Sohn des Kaiſers und feste ſich in Chryfopolis feft,
worauf Theodofius bald genöthigt war, ihm den Thron ein-
zuräumen. Maslama erwartete jest von Leo die Erfüllung
des Bertrags, da diefer aber fein Wort brach 2), ward Kons
2) Maslama wendete fich zuerft gegen Acroinum, dann be—
lagerte er aber Pergamos, das er auch ſpäter einnahm. Der
Bertrag Maslama’s mit Leo wird auch von Tab. erwähnt, doch
wird auch deſſen Snhalt nicht näher mitgetheilt. Sn einer Tradition
wird jedoch gefagt, Leo habe den Arabern verfprochen, ihnen Kon-
ftantinopel zu überliefern.
1) Die Araber liegen ihn wahrfcheinfih ganz ungeftort mit
Tıuppen in die Hauptitadt einziehen, was fie vielleicht hätten hindern
können. Das Maslama hintergangen worden, geht auch aus Theoph.
hervor, wo ed (p. 607) heißt: »Caeterum Masalmas in Asia hiematus,
ibi Leonis promissorum solutionem expectabat, qui cum nihil a Leone
accepisset, illusum se sentiens, Abydum profectus, copiosum exercitum
in partes Thraciae navibus transmisit et in urbem imperii reginam arma
movit etc.«a Nach Tab. wurden die Araber fogar treuloferweife ihrer
Vorräthe beraubt, oder fie felbft zu zerjtören veranlaßt. Die Stelle
lautet (f. 208): „Sm J. 98 jandte Suleiman feinen Bruder Mas—
fama nah Konftantinopel und befahl ihm, nicht zu weichen, big er
die Stadt eingenommen. Maslama brachte einen Winter und einen
Sommer dajelbft (in der Gegend) zu. Jeder Reiter mußte zwei
Mudd Korn mitnebmen, der ganze Vorrath ward aufgefpeichert, denn
die Truppen follten auf Streifzügen ihren Unterhalt ſuchen, audy
follten fie Hütten bauen, das Land beſäen und die mitgebradte
Frucht liegen laffen. Maslama blieb mit andern Häuptern Syriens
bis zum Tode Suleiman’s vor Konftantinopel liegen. Es wird er
zählt: Als Suleiman Chalife wurde zog er gegen die Griechen auf,
dann ließ er fi in Dabif nieder und fandte Maslama voraus. Da
Fam Sliun (Leon) aus Armenien und forderte von Maslama einen
568 Elftes Hauptftüd,
ftantinopel u Waffer und zu Land noch enger eingefchloffen.
Heftige Stürme und das griechiiche Feuer zerftörten aber einen
Theil der vor Anfer Tiegenden Flotte fowohl als die Trans:
portichiffe, welche die Landarmee mit Lebensmitteln verfehen
follten, auch gingen viele hriftlihe Matrofen, welche ſich auf
arabifhen Schiffen befanden, zu ihren Glaubensbrüdern über.
Die Truppen, welde in Afien, in der Gegend von Nicome—
bien und Nicea umberftreiften, wurden von Griechen und bie,
welde von Thracien aus in der Bulgaret Lebensmittel er-
beuten wollten, von den Bulgaren gefchlagen. Mehr als das
tobende Meer und das feindlihe Feuer und Schwert raffte
noch Hunger und Pelt dahin. Man begreift nur nicht, wie
es, wenn dieſe Berichte nicht übertrieben find, noch den arm—
feligen Trümmern der mufelmännifchen Armee möglich ward,
nah Suleiman’s Tod in ihre Heimath zurüchzufehren, ohne
daß Leo es verfucht hätte, fie in offener Schlacht gänzlich zu
Mann (d. h. einen Gefandten zum Unterhandeln) und Maslama fandte
ihm Ibn Hubeira.” Nun bietet, nach einigem unbedeutenden Wort:
wechfel, Leon dem Maslama einen Dinar für jeden Soldaten, wenn
er abzieht. Dies nimmt Maslama nicht an, dann fährt Tab, fort:
„Die Patrizier fagten dann zu Stiun: wenn du Maslama von uns
entfernft, jo ſchwören wir dir, daß wir dich zum Kaifer erwählen.
Iliun begab fich hierauf zu Maslama und fagte ihm: Die Leute wiffen,
daß, fo lange du Lebensmittel haft, du feinen Sturm auf die Stadt
machen wirft, drum verbrenne deinen Vorrath, dann wird ſich die
Stadt (aus Furcht vor einem Sturme?) dir ergeben. Maslama ver:
brannte alle Lebensmittel, aber dies erhöhte den Muth des Feindes
und verjeßte die Mufelmänner in Noth. Eine andere Tradition
lautet: Nach dem Tode (?) des Königs der Griechen Fam Stun zu
Maslama und verfprah ihm, die Stadt zu überliefern. Er ging
hinein und fchrieb Maslama, er möchte ihm feine Lebensmittel fchicken,
damit die Griechen jehen, daß er mit ihm befreundet und fich ihm
ohne Furcht vor Plünderung und Gefangenfchaft ergeben, Maslama
erlaubte ihm, Früchte in Schiffen zu holen, Jliun hinterging ihn
aber und befümpfte ihn am folgenden Morgen. Die Mufelmänner
geriethen in Noth und Fonnten Feine Hülfe befommen, doc blieben
fie bis zu Suleiman’s Tod.“
Suleiman, 569
zernichten. Wenn aber in den wefentlichiten Punften I) zwi:
fchen Theophanes und Tabari Uebereinftimmung herrſcht, fo
daß Erfterer nur als eine Ergänzung des Lestern betrachtet
werden kann, fo findet in Betreff der Zeit der Belagerung
Konftantinopels und deren Aufhebung eine große Verſchieden—
beit flatt. Während nämlich Jener die Belagerung erft im
Auguft 717 deginnen und ein ganzes Jahr dauern Yäßt, fesen
die Araber diefelbe in das J. 98, welches im Auguft 716
beginnt, Maslama’s Rückkehr aber bald nach Suleiman’s Tod,
welcher den meiften Berichten zufolge den 22. Sept. 717)
in Dabif bei Chaleis ftatt fand, wohin der Chalife fchon im
vorhergehenden Sabre feine Reſidenz verlegt hatte, um dem
Kriegsfhauplage näber zu fein, Ohne Zweifel verdienen aber
bierin die Byzantiner, welhe den Tag der Aufhebung der
Belagerung lange Jahre hindurch gefeiert, den Vorzug. Die
Araber, welche, wie wir bald fehen werden, Suleiman’s Nach—
folger, Omar Jon Abd Alaziz, wie einen Heiligen, dem zwei—⸗
ten Chalifen Omar gleich, verehren, mochten wohl abfichtlich
mit dem Negierungsantritte deffelben den Sammer ihrer Glau—
1) Aud die Kimpfe gegen die Bulgaren, von denen Theoph.
©. 611 fpricht, erwähnt Tab. f. 209 nad) feiner Art. Da heißt es:
Sn diefem Sabre (98) wurde auch die Stadt Safalie erobert.
Mohammed Son Omar erzählt: Sm 3. 98 fielen die Burdjan
über Maslama her, welcher nur wenig Leute bei ſich hatte. Sulei—
man fandte ihm Masada oder nach Andern Amru Ibn Keis mit
vielen Truppen zu Hülfe, aber die Safalie gebrauchten Lift gegen
ihn. Doc trieb fie Gott in die Flucht, nachdem fie Schurahbil Son
Abdah getödtet. Statt Safalie muß Safalibe gelefen werden,
ein Wort, das wie Burdjan die (jlavifchen) Länder weitlih und
nordweftlih von Konftantinopel gegen die Donau hin bezeichnet.
Die Grenze beider Länder ijt unbeftimmt. ©. den Kamuß über
Bedeutung und Abftammung beider Wörter, Gine Stadt Safalibe
fommt im Kamuß nicht ver.
2) Den 10. Safar 99. Nach Andern den 19. oder 20., alfo
den 1. oder 2. Dft. Tab. f. 216. Nach Theoph. p. 609, der aber
hier nicht in Betraht fommen fann, den 8. Dft.
970 Eiftes Hauptſtück.
bensbrüder enden Yaffen, der eigentlich um diefe Zeit, im un-
gewöhnlich firengen Winter 717 nämlich, erft recht begann 1).
1) Sch Fann nicht umhin, aud noch in Kürze wenigſtens das
mitzutheilen, was man im türf. Tab. ©. 122 über Maslama's Abzug
fieft, obfhon im Urterte Feine Spur davon zu finden ift, wäre ed
auch nur, um einen neuen Beweis von der Unzuverläſſigkeit der
Ueberſetzungen Tabari's zu geben. Da wird num zuerft wiederholt,
daß Suleiman vor feinem Tode dem Maslama befahl, fi nad)
Chorafan zu begeben, um Jezid Ibn Muhallab die Statthalterichaft
abzunehmen. Maslama wollte vorher die Stadt erftürmen, die Grie:
chen machen einen Ausfall, werden aber gejchlagen. Am folgenden
Tage fchreibt ihm Leon, er folle entweder die Stadt Mefihije (9)
befegen oder nah Syrien zurüdfehren, er wolle ihm 600,000,000
Silberftüde, 1000 Off Gold, 5000 Ochfen, 5000 Stück Kleinvieh
und 1000 Pferde geben. Maslama antwortet, er habe gefchworen,
nicht zu weichen, bis er in die Stadt gedrungen, in der Sophienfirche
gebetet und etwas erbeutet habe, Leon verfammelt feinen Rath und
befchlieft, Maslama Alles zu gewähren, um ihn zum Abzug zu bes
wegen. Maslama foll dann allein in die Stadt Fommen, feine
Truppen jedoh an den offen bleibenden Thoren ftehen, um ihm
nöthigenfalls zu Hülfe fommen zu können. Maslama ftellt Amru
Albattal an die Spike feines Heeres und fagt ihm: wenn ich bie
zum Nachmittaggebete nicht zurücgefehrt bin, fo haben mich die
Unglaubigen getödtet, du rächft dann meinen Tod durch die Ver:
wüftung der Stadt. Gr ging dann in voller Kriegsrüftung, Die
Hand am Griffe des Schwertes, durd die Reihen der Ungläubigen,
welche ihn ehrfurchtsvoll anftaunten, in den Faiferlihen Palaſt und
ließ fih von Leon in die Sophienfirche begleiten. Hier nahm er
ein goldenes, mit vielen Gdelfteinen verziertes Kreuz, obgleich Leo
ihm fagte, das Volk könnte wegen der Verehrung, die fie diefem
Kreuze zollen, fich gegen ihn erheben und ihm gern den Werth des:
felben erfesen wollte. In der That entftand auch ein Tumult, den
Leo nur mit großer Mühe befcbwichtigte. Maslama verließ dann
die Stadt wieder und wartete in Kehreh (2), bis Leo den verfpro:
chenen Tribut fandte, dem er noch viele Gefchenfe beifügte. Dann
zog Maslama nah Mefihije. Hier bracd die Peſt unter dem Heere
aus und raffte viele weg. Auch erklärten die Bewohner von Mefihije
den Mufelmännern den Krieg, wurden jedoch gefchlagen und die
Stadt Meſihije ward zerftört, Don hier begab fih Maslama nad)
Suleiman. 571
Wenn aber dem Suleiman vielleicht von feinen Glau—
bensgenoffen eine Schlappe angerechnet wird, welche der Re—
gierung feines Nachfolgers angehört, fo wird er doch auf der
andern Seite wieder gerade des von ihm, gegen alle Erwar—
tung, zum Chalifen beftimmten Omar willen, mehr als er es
verdiente, gelobt. Für die Ausdehnung oder auch nur Er-
- haltung der mufelmännifhen Beftgungen hat er gar nichts
gethan, denn die beften Feldherrn, weldye in Spanien, Indien
und an der Grenze von China ftanden, wurden von ihm ent:
fest, zum Theil auch zu Tode gefoltert oder gemeuchelmorbdet.
Jezid, welder des tapfern Kuteiba Stelle eingenommen, blieb,
nach der Zerftörung einiger Feftungen in Djordjan und Ta—
bariftan, in Meru Liegen, nur nach Genuß und Reichthum
firebend. Jezid's Bruder Habib, welcher Mohammed Ibn
Kafim in Indien erfegen follte I), fonnte nur mit Mühe wies
der das Land dieffeits des Indus behaupten. In Spanien
wurde unter Suleiman, wegen der Ermordung des eben fo
tapfern als ftantsflugen und gerechten Abd Mlaziz, und der
baldigen Entjegung feines Vetters Ajjub 2), nicht nur jede wer-
Taffurije. Hier erhielt er einen Brief von Omar, in welchem er
ihm anzeigte, daß er zum Chalifen erwählt worden und ihn auffor-
derte, ihm zu huldigen und mit der Armee nicht nach Chorajan zu
ziehen, jondern fie nah Syrien zjurüdzubringen. Maslama’s Gene:
räle erklärten fih Alle für Omar, er buldigte ihm daher und brach
dann nah Amoria auf und von hier über Tarfus nad) Damask.
Bon 180,000 Mann, die er bei fich hatte, waren nur noch 30,000
übrig.
1) Zuerft ward Jezid Ibn Abi Kabiha als Statthalter von
Sind ernannt, er ftarb aber 18 Zage nach feiner Ankunft. Dann
kam erft Habib. Inzwiſchen hatten die indifchen Fürften wieder Be-
fig von ihren Ländern genommen. Gin Sohn Dahers bemächtigte
fih wieder der Stadt Bahman Abad. Reinaud fragmens p. 198.
2) Von Abd Alaziz war oben die Rede. Ajjub Son Habib, wel:
her an der Ermordung feines Vorgängers Theil genemmen, blieb,
nad) einigen Berichten, nur fehs Monate Statthalter, Ihm folgte
572 Elftes Hauptſtück.
tere Eroberung unmöglich, fondern diefer Wechfel der Statt-
balter und die damit verfnüpften Unruhen bereiteten den Wi-
derftand der Chriften in den Gebirgen von Afturien, Galicien
und Navarra vor, welder unter Pelagius Führung nach
manchen Berichten fhon im J. 99, alfo kurz nach Suleimans
Tod begann N).
Bon innern PVerbefferungen unter Suleiman gefchieht
auch Feine Erwähnung. Wir haben gefehen, dag Jezid darum
nicht in Irak bleiben wollte, weil der Chalife immer diefel-
ben Abgaben forderte, wie fie unter Haddjadj's Verwaltung
eingetrieben worden, folglich Feineswegs daran dachte, Die
Untertbanen von den Laften zu befreien, die ihnen der als
Tyrann verfchrieene Welid aufgebürdet. Für feine gefühllofe
Graufamfeit fpricht außer der Mißhandlung der tüchtigiten
Feldherrn feiner Zeit noch eine von Tabari erzählte Gefchichte,
derzufolge er einft, bei feiner Rückkehr von der Pilgerfahrt
nad Meffa, in Medina 400 Gefangene traf, die er alle in
feiner Gegenwart zufammenhauen lieg. Er betrachtete dies als
ein Schaufpiel und befahl mehreren Dichtern ?), die fein Ge-
folge bildeten, auch Gefangene zu erfchlagen. Es wird noch
hinzugefest, daß der Dichter Farazdaf, der auch zugegen war,
fein Schwerdt trug, fo daß er das eines Andern zu nehmen
genötbigt war, Das entliehene Schwerdt war aber fo fchlecht,
Al Horr, der von dem Chalifen, oder wenigftens von feinem Statt:
halter in Afrifa Mohammed Ibn Zezid ernannt wurde, der an Abd
Allah Son Mufa’s Stelle in Kairaman refidirte. Nach Andern blieb
Ajub ein ganzes Jahr Statthalter, wird jedoch nicht als ſolcher be:
trachtet, weil er nur von der Armee zum Oberhaupte erwählt wor:
den. ©. Lembke ©. 278 und Makkari IL. ©. 32 u. 406. Bon AU
Horrs Zügen über die Pyrenäen wird unter Omar die Rede fein.
1) Ibid. ©. 467. n. 16. Nach Ibn Hajjan ein Paar Sahre ſpä—
ter, aber nad chriftlihen Quellen noch etwas früher.
2) fol. 217 v. Außer Farazdaf wird noch Djerir und Ruba Ibn
Aladdjadj genannt. Auch Abd Allah, ein Enkel Ali's, war daber und
mußte die Rolle eines Henfers übernehmen.
Suleiman., 573
dag er lange einbauen mußte, bis er den Gefangenen tödten
fonnte. „Alle Umftebenden verfwotteten ihn und Suleiman
lachte.” Suleimans Lebenswandel wird gepriefen 1), doch
wird nicht geläugnet, daß er ein Wollüftling war, daß er
häufig feine Gattinnen entließ und wieder andere beirathete,
und daß er troß feiner Krone, feiner Eitelfeit und wirklicher
förperlichen Schönheit 2), doch aus Eiferfucht, der Erfte unter
allen Chalifen, feinen Harem bloß von Eunuchen bewachen
lieg. Auch wird von feiner Völlerei Unglaubliches erzählt,
er foll ſich ſogar durch feine Gefräßigfeit den Tod zugezogen
haben 9. Tabari berichtet ), daß fo wie zur Zeit Welids
yon nichts Anderm als von Bauten und unter Omar Ibn
1) Abulfeda ©. 486 u. 488. Elmakin ©. 75. Hier hat Erpe—
nius in der Weberfekung die Hauptſache ausgelaſſen, dag nämlich
Suleiman dem Aliden Abd Allah Son Mohammed Sbn Alt viele
Ehre erwies und ihn dann bei feiner Heimkehr vergiften Tief.
Sh würde diefen Fehler jo wenig als zahlreiche andere gerügt
haben, da ohnehin die ganze Stelle auch im Terte corrupt ift, wenn
nicht das Factum einen Beweis mehr für die Abjcheulichkeit von
Suleimang Charakter lieferte und Erpenius' Ueberſetzung Schloſſer
(Beltgeih. II, 1. ©. 330) irre geleitet Hätte, fo daß er glaubte, Su:
lfeiman habe die Nahfommen des Abbas begünftigt. Sm Terte ift
3. 2 u. 5 Aba-l-Abbas und Son Abd Allah Ibn Alabbas
zu ftreihen und 3. 4 juridu ftatt Jezidu zu leſen. Vergl. Na—
wawi ©. 369 und Schehreftani S. 112,
2) Tab. erzählt f. 217 und nah ihm Elmakin ©. 74: Er fah,
nicht lange vor feinem Tode, mit folbem Selbftgefallen in den Spie-
gel, dag er fih „König der Jugend“ nannte, worauf eine feiner
Sflavinnen ein kleines Gedichten vortrug, das ihn an feine Vers
gänglichfeit erinnerte. Weber feine Neuerung in Betreff der Eunu:
hen, die jhon Muamwia eingeführt haben foll, mug man Reiske's
Mote zu Abulf. J. ©. 109 u. ff. nachleſen.
3) Sowohl die von Abulfeda als von Elmafin angegebene Quan—
tität mag übertrieben fein, findet fidy auch nicht bei Tab.; dag er
aber für die Freuden der Tafel befondere Vorliebe hatte, geht auch
aus dem gleich im Terte Folgenden hervor.
4) p. 108 des türf. Tab, übereinftimmend mit dem Urtexte.
574 Elftes Hauptflüd,
Abd Alaziz von Koran und Religionsfachen die Nede war, fo
bildete unter Suleimang Herrfchaft die Kochfunft und der Um—
gang mit dem fchönen Gefchlechte das allgemeine Volksgeſpräch.
Es bleibt demnach an Suleiman nur die Beftimmung Omars
zum Chalifen zu loben übrig, die aber felbft von den Arabern
auf eine Weife erzählt wird, dag daraus hervorgeht, daß dies
fes Verdienſt nicht ihm gebührt und daß felbft einiger Ver—
dacht gegen die Rechtmäßigkeit diefer Nachfolge entitehen muß.
Wir wollen den ganzen Dergang der Sache wörtlich über-
fegen und nur bemerfen, daß Radja, welder die Hauptrolle
in diefer Geſchichte Spielt, als Schriftgelehrter und Gefesfun-
Diger fehr berühmt ift, alfo natürlich wünſchen mußte, einen
Mann wie Dmar auf den Thron zu bringen.
„Als Suleiman frank war,” fo erzählt Nadja Ibn Ha—
jat I), „befahl er, dag man eine Urfunde auffese, in welcher
einer feiner noch minderjährigen Söhne zum Thronfolger er-
nannt werde. Da fagte id: willft du das Wohl der Mu-
felmänner in die Hände eines Knaben legen, der noch nicht
das Mannesalter erreicht hat? Suleiman erwiederte: im
Wahrheit, das thu ich nicht, hier muß mit Bedachtſamkeit zu
Werke gegangen werden. Nach zwei Tagen ließ er mic)
rufen und jagte: was bältft du davon, wenn ich meinen Sohn
Davud zum Nachfolger beftimme? ich antwortete: der ift ab-
wefend 2) und du weißt nicht, ob er noch lebt oder nicht.
„Und wen bältft du denn des Chalifats würdig?“ „Das
weiß der Fürft der Gläubigen beffer.“ „Was denfjt du von
Dmar Ibn Abd Alaziz?“ „Fürft der Gläubigen! ich fenne
feinen würdigeren Mufelmann, er tft befannt durch feine Tu—
gend, Enthaltfamfeit und Gottesfurcht und befist jede gute
Eigenſchaft.“ „Wenn ich aber ibm die Herrfchaft übergebe
und meine Brüder übergehe, fo werden Unruhen entſtehen
1) Tab. t. XL. 1u. ff. Türk, Zab, ©. 128.
2) Er war bei dem Heere vor Konftantinopel,
Suleiman. 575
und fie werden ihm den Gehorſam verweigern, Darum will
ih meinen Bruder Jezid (er war damals in Meffa) als
Nachfolger Omars beftimmen, jo wird jedem Aufruhr vorges
beugt werden.” „Du weißt es beffer, Fürft der Gläubigen,”
Er ließ dann folgende Urfunde fchreiben :
„Im Namen Gottes des Allbarmberzigen, des Allgnädi—
gen. Diefes ift ein Schreiben von dem Diener Gottes Sur
feiman, dem Fürften der Gläubigen, an Omar, den Sohn
des Abd Alaziz. Ich übertrage dir das Chalifat nach mei«
nem Tode und ernenne Jezid, den Sohn Abd Almalifs, zu
deinem Nachfolger. Gehorchet ihm und ſeid ihm unterthan,
fürchtet Gott und werdet nicht uneinig, damit nicht eure Feinde
nad) euch gelüſten.“
„Er ließ dieſes Schreiben verſiegeln und Kaab Ibn
Hamid, den Reichsverweſer herbeirufen, dann ſagte er uns
beiden: Dieſes Schreiben enthält meinen letzten Willen in
Betreff der Thronfolge, zeiget es dem Volke an! Ich nahm
das Teſtament, zeigte es dem Volke und ſagte: Dieſes Schrei—
ben enthält den letzten Willen des Fürſten der Gläubigen,
huldiget dem, welcher darin als Thronfolger genannt iſt! Die
Leute ſagten: laßt uns ſelbſt zum Fürſten der Gläubigen gehen
und ſehen! Suleiman deutete auf das Schreiben, das in
meiner Hand war und ſagte: dieſes Schreiben enthält mein
Teſtament, gehorchet demjenigen, den ich in dieſer Urkunde
bezeichnet habe und ſchwöret ihm Treue! Ich hob dann das
verfiegelte Schreiben in die Höhe, bis ſich das ganze Volk
damit einverftanden erflärte. Als die Leute ſich wieder ents
fernt hatten, trat Omar Ibn Abd Alaziz zu mir und fragte
mid: bat der Fürft der Gläubigen in Betreff meiner etwas
verfügt? ſage mir es, damit ich mich von diefem Uebel Ios-
made und fchon jest meine Vorfehrungen treffe zu dem, was
ih nachher zu thun gefonnen bin. Ich erwiederte: bei Gott!
ich fage dir fein Wort und er verließ mid in übler Laune,
Hierauf fam Hıldam Ibn Abd Almalif zu mir und fagte:
du weißt, daß zwilchen ung das Necht des Brodes und Sal-
576 Elftes Hauptftüd.
zes (der Gaftfreundfchaft) beftehtz bei dieſem heiligen Rechte
beſchwöre ich dich, mir dies Geheimnig zu offenbaren, damit
ih meine Anftalten treffe, für den Fall dag die Herrſchaft
mir zuftele jowohl, als für den andern Fall; ich ſchwöre dir,
das Geheimnig Niemanden zu offenbaren. Ich fagte:- bei
Gott, ich theile dir dieſes Geheimniß nicht mit. Hiſcham
verlieg mich dann und fagte, die Hände über einander fchla-
gend: „die Herrichaft ift einem Andern übertragen worden,
fonft hätte er mir nichts verſchwiegen.“ Ich begab mid) dann
wieder zu Suleiman, den ich fterbend fand, und wollte ihn
gerade Tegen und feinen Mund und feine Augen fchliegen.
Er fagte aber: es iſt noch nicht Zeit, Radja. Ich wartete
ein wenig und wollte dann wieder daſſelbe thun, aber er
wiederholte diefelben Worte. Nah einer Weile fagte er :
jest ift Zeit, Nadja, tbu was du willſt, ich befenne daß Gott
einzig ift, ohne Genoffen, und dag Mohammed fein Diener
und Gefandter war. Hierauf fchloß er den Mund und ver-
fhied. Ich drückte ihm die Augen zu, warf einen Schleier
über fein Gefiht, ging hinaus, verfchloß die Thüre daß nie-
mand hinein Fonnte, begab mih zu Kaab Ibn Hamid und
fagte ihn: verfammle die ganze Familie des Fürften der Gläu—
bigen und die Emire! Kaab ließ fie in die Mofchee von
Dabif rufen und ich forderte fie zur Huldigung auf. Sie
fagten: wir haben ja ſchon einmal gehuldigt I)! ic) erwiederte;
huldiget noch einmal demjenigen, welcher im Teftamente des
Fürften der Gläubigen als Thronfolger genannt ift. Erft als
alle der Neihe nach gehuldigt hatten und die Sache abgethan
1) Hier heißt es im türk. Tab. „Denn früher hatten fie einem
Sohne Suleimand gehuldigt.“ Diefe Worte find aber vom Weber:
feger zugefest und bilden einen Widerjpruch mit dem vorher gefag-
ten, daß fie fhon bei Suleimang Krankheit dem im Teftamente ge:
nannten gehuldigt. Früher war allerdings ein Sohn Guleimans
(Ajjub) als Nachfolger anerkannt worden, er ftarb aber vor feinem
Vater.
Suleiman. 577
war, machte ich fie mit dem Tode des Chalifen befannt, in-
dem ich ihnen fagte: begebet euch zum Fürften der Gläubigen,
denn er ift heute aus der vergänglihen Wohnung in die ber
Ewigkeit übergegangen. Dann nabm ic dag Siegel vom
Zeftamente weg und las es vor. Als id Omar Ibn Abd
Alaziz nannte, vief Hiſcham, der Sohn Abd Almalifs: dem
werden wir niemals huldigen. Ich fagte aber: bei Gott!
wenn dur nicht huldigft, fo fchlage ich dir den Kopf herunter,
Der unglüdlihe Hiſcham befänftigte fih und ich faßte Omars
Hand und führte ihn auf die Kanzel, bemerfte aber, dag er
durchaus nicht Herrichbegierig war, während Hiſcham fehr be—
trübt darüber war, daß er nicht zur Regierung gelangt.”
Aus diefer Erzählung Radja's T) ergibt ſich jedenfalls,
dag Suleiman bis zu feiner legten Kranfheit einen feiner
Söhne zum Nachfolger ernennen wollte und nur von Nadja
überredet ward, das Chalifat dem Omar zu übertragen. Da
aber aud der Erzähler felbft fein Geheimnig daraus macht,
daß er die Ernennung Omars gewünfcht und gewiffermaßen
erwirft babe, fo mochte er vielleicht gar, fei es nun aus
Freundfchaft für Omar, oder aus religiöfem Eifer, als Su-
leiman auf dem Todtenbette Tag, Omars Namen an die Stelle
Jezids oder eines feiner Söhne gefegt haben. Die bisher
ungewöhnlihe Huldigung einem noch ungenannten Thronfol-
ger, die Wahrfcheinlichfeit, dag Nadja felbft das Zeftament
geichrieben, das Geftändnig, dag er allein beim Chalifen
war, als er ftarb, folglich auch Herr feines Siegelrings war,
geben wenigftens zu folhem Verdachte Veranlaffung genug.
Wie dem auch fer, fo fteht der gepriefene Suleiman feinem
1) Bergl. über Radja Nawawi ©. 245. Er ſcheint fhon früher
Einfluß auf den Chalifen gehabt zu haben, denn auch bei Sen Abd
Alb. S. 319 heißt ed, dag Suleiman an Abd Allah Son Mufa’s
Stelle, auf den Rath des Radja Ibn Hajat, Mohammed
Son Zezid den Kureifhiten zum Statthalter von Afrifs ernannte,
37
578 Eiftes Hauptſtück.
son Manchen getadelten Vorgänger Welid in jeder Beziehung
nad und wir fünnen ihn nur im buchftäblichften Sinne des
Wortes mit feinen mufelmännifchen Panegyrifern „Schlüffel
des Guten” nennen, in fo fern fein wirklicher oder angeb-
licher Tester Wille wenigftens das Thor zum Beffern öffnete,
Zwölftes Hauptſtück.
Omar II.
Züge von Omar's einfachem Leben und Humanität. — Ein
Sohn Welid's will den Thron beſteigen. — Jezid Ibn Muhallab
wird entſetzt und eingekerkert. — Auch Jezids Sohn wird zurückgeru—
fen und Djarrah nach Choraſan geſchickt. — Jezid ſoll auf eine In—
ſel des rothen Meeres verbannt werden. — Omar ſucht Proſelyten
zu machen. — Sendet Abd Errahman Alkuſcheiri nach Choraſan. —
Bekehrung indiſcher Fürſten. — Seine Statthalter in Afrika und
Spanien, — Omar's Religioſität. — Auszug aus einer Predigt. —
Aufftand der Eharidjiten. — Unterhandlung mit Omar über den
Thronfolger. — Emiſſäre der Abbafiden in Sraf und Chorafan, —
Ob Dmar den Fluch gegen Ali aufgehoßen. — Legenden und Sagen
über Dmar. — Seine Gerechtigfeitäliebe auch gegen Nichtmoham—
medaner. — Dmar und die Dichter. — Stirbt wahrfheiniih an
Gift.
Omar ſoll gleich nach der Wahl gezeigt haben, daß er
das luxuriöſe Leben feiner Vorgänger keineswegs nachzuahmen
gefonnen fei, indem er ſich weigerte, eines der ihm vorgeführ-
ar
580 Zwölftes Hauptſtück.
ten Prachtpferde feines Vorgängers zu befteigen ”). Beweiſe
son Menſchlichkeit und Zartgefühl foll er dadurch gegeben ha-
ben, daß er das Schloß des Chalifen nicht eher bezog, bis
die Familie des Verftorbenen es verlaffen hatte. eine Herr-
fhaft ward im ganzen Reiche anerfannt, nur Abd Alaziz, ein
Sohn des verftorbenen Chalifen Welid, welcher nicht in Da-
bif war, ließ fih, bei der Nachricht vom Tode Suleiman’s
huldigen und zog nad Damasf 2). Er foll jedoch, als er
erfuhr, dag Omar zum Chalifen ernannt worden, fi ald-
bald unterworfen baben. Auch Jezid Jon Muhallab, der
Statthalter von Chorafan, Leiftete feinen Wiederftand, obſchon
er Omar für einen Heuchler hielt 3), und fein Freund Abu
Otba ihm vorausfagte, daß ihn Omar nit nur entjegen,
fondern auch mißhandeln würde. Er war faum in Syrien
angelangt ), als Dmar ihn in ein Gefängniß werfen ließ
1) So bei Tab. ©. 122, wo er fagt: mein Pferd genügt mir
Bei Nawawi ©. 467 fordert er ein Maulthier, was in hiftorifcher
Beziehung zwar höchft gleihgültig ift, jedoch bemeißt, daß alle der:
artigen an Omar gepriefenen Züge mit ihren Belegen mehr als
Anekdoten denn als geichichtlihe Thatfachen zu betrachten find.
2) Tab. ar. t. XL f. 3.
3) Ibid. fol, 5. Omar's Brief an Sezid lautet, nad) der ge:
wöhnlihen Gingangsformel: „Suleiman war ein Diener von den
Dienern Gottes, dem Gott Reihthum und Herrichaft gejchenft. Er
ift nun aus der Wohnung der Vergänglichfeit in die der Dauer
übergegangen und hat mich zu feinem Nachfolger beftimmt und nad
mir Sezid, den Sohn Abd Almalifs, wenn er mich überlebt. Diefes
Vermächtniß ift Fein Leichtes für mich, denn das Mohl vieler Mus:
felmänner ruht auf meinen Schultern. Da mir das ganze Volk ges
huldigt hat, fo huldige auch du mir und nimm auch den Leuten, die
bei dir find, den Huldigungseid ab! Ernenne dann einen Stellver:
treter über Chorafan und verfüge dich hierher zu mir!“
4) Nah Tab, a. a. O., auch im türk. ©. 132 ward er von
Adij Son Urta, Statthalter von Baßra, verhaftet und dem Chalifen
gefickt. Darnach ift wohl Reiske I. ©. 115 zu berichtigen, mo er,
wahrſcheinlich nach einem fehlerhaften Texte des Ibn Kuteiba, fchreibt;
Omar II. 581
und von ihm die Summen forderte, welche er, nad einem
früher an Suleiman gefchriebenen Briefe, in Tabariftan und
Diordjan erbeutet hatte. Vergebens erflärte Fezid, fein Ver—
hältniß zu Suleiman ſei der Art gewefen, daß er wußte, es
werde von ihm feine Rechenſchaft gefordert und er habe dieß
nur gethan, um dem Chalifen eine Freude zu machen. Mach—
lad, ein Sohn Fezid’s, welchem diefer den Dberbefehl in Cho-
rafan gelaffen, ward aud alsbald abgerufen und die Gtatt-
balterfchaft von Chorafan dem Djarrah Ibn Abd Allah über:
geben. Machlad wollte ſchwören, daß fein Vater nicht fo
viel erbeutet, als er in feinem Briefe angegeben, und erbot
fi, alles, was er beſaß, für die Befreiung beffelben hinzu—
geben, aber Omar war unerbittlich, und beftand auf der Rück—
erftattung der ganzen Summe, welche Jezid entweder wirflich
nie bejeflen oder bald wieder verfchwendet hatte ). Dmar
trieb fogar die Härte fo weit, daß er Jezid ein wollenes
Kleid anziehen ließ, wie es die Sträflinge trugen, und ihn
nad Dablaf, einer kleinen Inſel auf dem rothen Meere
ſchicken wollte, wo die gemeinften Verbrecher ihr Leben zu—
bringen mußten. Er nahın jedoch diefen Befehl wieder zurüd,
als man ihm fagte, Jezid's Stammgenoffen würden fich erhe-
»Post mortem Suleimani tandem, fili Abd-al-Maleki, petebat Jazid
filius Muhallabi Basram capiebatque (qui tum ibi prefectus erat) adium
filium artati, eumque in vinculis ad omarum fillum Abd-el-Azizi mit-
tebat, a quo custodia mandatus fuit.«
1) Sn feinem Briefe an Suleiman hatte er gefchrieben, er habe
fo viel erbeutet, daß ‘er 600,000 Dirhem ald den dem Chalifen ge:
bührenten Fünftheil davon abgejondert. Sein Sekretär Mughira
Son Abi Farma hatte ihm damals ſchon gerathen, Feine Summe zu
nennen und ihm gefagt, entweder Suleiman wird diejed Geld von
dir fordern, oder wenn er dir es läßt, Gefhenfe von dir erwarten,
die, fo bedeutend fie auch fein mögen, ihm doc immer gering fchei-
nen merden, übrigend weißt du nicht, mas zmwifchen heute und mors
gen fi ereignen fann. Tab, ©. 120,
582 Zwölftes Hauptſtück.
ben, wenn er auf beffen Vollzug beftände 1). Das Gefäng-
niß durfte aber Jezid nicht verlaffen. Erft als Dmar auf
dem Kranfenbette lag, nach einigen Berichten fogar erſt nach
deifen Tode, gelang es ihm zu entkommen und, wie wir in
der Folge fehen werden, unter dem Chalifen Jezid noch ein-
mal eine politifhe Rolle zu fpielen., Djarrah Ibn Abd Allap
ward indeffen auch bald wieder feiner Stelle entſetzt, weil er
fih mande Ungeredhtigfeiten gegen freigelaffene Sklaven ſo—
wohl als gegen Neubefehrte zu Schulden fommen ließ. Er—
ftere wurden angehalten, ohne Sold zu dienen, und Lettere
mußten no immer Abgaben zahlen, zu denen nur befreundete
Richtmohammedaner verpflichtet waren 2). Der fromme Dmar
war in biefer Beziehung größer, als alle feine Vorgänger,
felbft Omar der Erfte nicht ausgenommen, indem er weniger
darnach ftrebte, den Islam auf Koften der Ungläubigen zu
vergrößern oder zu bereichern, als die Zahl der Mufelmän-
ner zu vermehren, ohne jedoch irgend Jemanden durch Ges
1) Nah andern Berichten follte er nad der Feſtung Ein Tamr
gebracht werden und zwar durch Waki Sbn Hafan. Die Benu Ad,
Sezid’8 Stammgenoſſen, rotteten fich aber zufammen um ihn zu be-
freien. Waki fchwur, daß wenn fie fich nicht entfernen, er augen:
blieklih Sezid erfchlagen würde. Davon hat der türk. Tab. nichts,
Das Weitere im arab. Tab. f. 5 iſt aber verwifcht.
2) Dmar fohrieb an Djarrah: „wer, wie wir, mit dem Geftchte
nah Meffa gerichtet, betet, ift von der Kopffteuer befreit. Darauf
befannten ſich viele zum Islam. Man fagte dann zu Djarrah: diefe
Meubefehrten find Feine Gläubigen, fie wollen fih nur vonder Kopf:
fteuer befreien, fege fie dur die Bejchneidung auf die Probe!
Djarrah fragte bei Omar an, welder ihm erwiederte: „Gott hat
mich gefandt, um meine Untertbanen zum Glauben aufzufordern,
nicht um fie bejchneiden zu laffen.” Bekanntlich gehört die Beſchnei—
dung nicht zu den eigentlihen WVorjchriften des Islams, fondern ift
nur ein herföümmliches Gebot (Sunnah), Sn diefer Stelle bei Tab,
f. 6 wird das Wort Djezieh (Kopfiteuer) und Charadj (Grundfteuer)
ganz gleihbedeutend gebraucht, was ich auch an andern Orten fchon
gefunden habe.
Omar Il. 583
walt befehren zu wollen. Dem neuen Statthalter von Cho-
rafan Abd Errabman Alfufcheiri fchrieb er: „reißet Feine Kirche
um und feine Synagoge und feinen Feuertempel, welche ver-
tragsmäßig beſtehen dürfen, gejtattet aber auch nicht, daß neue
Kirchen oder Tempel auf euerm Gebiete gebaut werden.‘
Auch in Indien ſuchte Omar, oder vielmehr fein Statt
halter Amru Ibn Muslim Albahili, nicht die Herrichaft des
Islams durch das Schwerdt auszudehnen, fondern vielmehr
die ſchon unterworfenen Länder für den neuen Glauben zu
gewinnen, indem er allen indischen Fürften, welche ſich zum
Islam befannten, gleiche Rechte mit den Mufelmännern ein-
räumte N).
Aehnlihen Miffiongeifer bethätigte Omar in Afrifa und
Spanien. Afrifa ward zu feiner Zeit von Ismail Ibn Abo
Allab verwaltet, dem es durch feine Milde und Gerechtigkeits—
liebe gelang, die Berber für den Islam zu gewinnen 2).
Nach Spanien wurde an die Stelle des Al Horr, der ſich
durch feine Tyrannei verhaßt gemacht, der trefflihe Al Sa-
mah gefandt 3), ein eben jo weiler Staatsmann als ausge:
D Beladori bei Reinaud a. a. O. p. 174. Zu den Profelyten
gehörte auch der oben genannte Sohn Daher’8 und andere Prinzen,
welche auch arabifhe Namen annahmen.
2) Ibn Abd Alb. ©.119, wo es fogar heißt: und es blieb un-
ter feiner Statthalterfhaft Fein einziger Berber, der fih nicht
zum Islam befannte.
85) Nah Son Hajjan und Ibn Chaldun bei Makfari ©. 32.
Sm Ramadhan des 5. 100 d. H. März-April 719, nicht April-Mai
718 wie bei Pascual. Hebrigens weichen befanntlich die Nachrichten der
Araber ſowohl ald der Chriften über die Dauer der Statthalterfchaf:
ten von Abd Alaziz bis Al Samah von einander ab. Daß indeffen
legterer noh unter Dmar zum Statthalter von Spanien ernannt
murde, unterliegt feinem Zweifel. Seine Kriege in Gallien fallen
aber unter Jezid's Chalifat, wo wir darauf zurückkommen werden.
Vergl. Lembfe S. 279 und Aſchbach S. 54. Conde's Chronologie
im 20. Kapitel ift von Anfang bis zu Ende unrichtig.
984 Zwölftes Hauptſtück.
zeichneter Feldherr, denn feine Croberungen in Gallien waren
von Dauer, während Al Horr nur der Beute willen mehrere
Fahre hintereinander in dieſes Land einfiel. A Samah
follte au Ordnung in die Finanzen bringen, die Länder nach
mufelmännifhem Kriegsrechte vertheilen und, da Dmar wohl
einfab, daß die fpanifchen Chriften nicht fo Leicht zum Islam
zu befehren, wie die Völker Indiens und Transoxaniens,
ihnen befondere Länder einräumen, was jedoch nicht bewerf-
ftelligt wurde.
Dmar fah wohl ein, daß ſchon die Staatsflugheit erfor-
derte, mehr für die Erhaltung des bereits eroberten Gebiets
als für weitere Ausdehnung zu forgen. ine noch größere
Zerfplitterung der Kräfte fonnte dem Reiche nur verderblich
werden, fein Hauptftreben ging daher dahin, durd Einheit des
Glaubens die unterjochten Völker jich zu befreunden, und wo
dies nicht auszuführen war, fie zu ifoliren. So foll er aud)
an der nordöſtlichen Gränze des Neihs die Eroberungen in
Transoranien aufzugeben gefonnen geweſen fein und allen
dortigen mufelmännifchen Coloniften geftattet haben, nach Cho-
rafan herüber zu fommen Y. Dmar war übrigens aud zu
gleichgültig für irdifhe Größe, als dag er auf großen Befts
oder Siegesruhm einigen Werth gelegt hätte. Sein wahrhaft
religiöfer Sinn ſpricht fih am Klarften in folgender Stelle
einer Predigt aus, die er kurz vor feinem Tode hielt:
„O ihr Leute, ihr feid nicht zwecklos geichaffen, höret
nicht auf Gutes zu üben, denn ihr werdet einft wieder auf-
erftehen, da wird Gott als Richter unter euch erſcheinen und
die Guten von den Schlimmen fondern. Wehe dem, welder
von Gottes Barmherzigkeit, die Alles umfaßt, ausgefchloffen
1) Tab, fol. 20. Den Bewohnern von Samarfand, welche bei
ihm Plagten, daß fie von Kuteiba hintergangen worden, foll er es
frei geftellt haben, wieder ihre frühere Stellung einzunehmen, was
jedoch natürlich unausführbar war.
Dmar II. 585
wird, webe dem, der feinen Eingang in dag Paradies findet,
deffen Raum fo groß ift wie der des Himmels und der Erde,
Wiffet, daß Morgen nur derjenige Gnade findet, welcher
Gott fürchtet, Vergängliches ewig Dauerndem, Geringes Gro-
ßem und Unficheres Sicherem opfert. Seht ihr nit, daß
ihr einft all’ euern Befig wieder Andern überlaſſen müſſet,
die fih aber dann auch wieder wie ihr gegen ihren Willen
davon trennen werden ? Gebt ihr nicht jeden Morgen und
jeden Abend das letzte Geleite denen, deren Lebenszeit abge-
laufen und verberget fie in den Schooß der harten, nadten
Erde, fern von allen Freunden? Sie ruhen dann im Staube
bis fie vor das Gericht treten, wo ihnen nur die vorausge—
fhieten guten Handlungen und nicht ihr früherer Befts von
Nutzen if. Fürchtet Gott, bevor eure Zeit abgelaufen und
ihr dem Tode anheimfallet, ich ſchwöre euch aber, daß, indem
ih euch predige, wohl weiß, daß ich ſchwerer ald einer von
euch mit Sünden beladen bin, aber ich flehe Gottes Gnade
an und befehre mich zu ihm u. f. w.“ N).
Dmar’s Regierungspauer war indeffen zu kurz, um ir-
gend heilfame Früchte zu tragen, fie fonnte nur Mande fei-
ner Vorgänger noch mehr in den Schatten ftellen und den
muthmaßlihen Thronerben, welcher ihm feineswegs ähnlich
war, im voraus verhaßt machen. Auch hören wir, daß unter
Dmar die Charidjiten in Irak, unter Führung Boftamg, wel-
her auch Schaudſab hieß, ſich wieder erhoben, und die Trup-
pen des Statthalter von Kufa in die Flucht fehlugen, fo daß
Dmar genöthigt war, Maslama, den Sohn Abd Almalikg,
den er von Konftantinopel zurüdgerufen, an der Spige fyri-
fher Truppen, gegen die Rebellen in’s Feld zu fchiden.
Dmar foll jedoch mit den Rebellen unterbandelt und zwei Ge—
fandte Boftams in Damasf aufgenommen haben, welche als
2) Tab. T. 2.
886 Zwölftes Hauptftüd,
Grund ihres Aufftandes die Nachfolge Jezid's angaben N).
Der Aufftand nahm dann dermaßen überhand, daß fein Nach—
folger 10,000 Mann brauchte, um ihn zu unterdrüden 2).
Nach einigen Berichten follen auch um diefe Zeit fehon 3)
bie Nachkommen des Abbas Emiffäre nad) Irak und Chora=
jan gejandt haben, welche im Stillen Haß und Verachtung
gegen die Omejjaden predigten und Stimmen für einen Nach-
folger aus ihrem Gefchlechte warben. Oberhaupt der Familie
des Abbas war Mohammed Ibn Ali Fon Abd Allah Ibn Abbas,
alfo ein Urenfel des Abbas, welcher bekanntlich Mohammeds
Sheim war. Um diefe Zeit waren übrigens, wenn überhaupt
ſchon förmlich für einen Chalifen aus dem Haufe Hafchim
1) TIbid, fol. 4 Dmar erklärte, er könne an der Beftimmung
Suleimansd nichts ändern. Darauf ermwiederten die Gefandten: was
mwürdeft du thun, wenn dir Semand irgend ein Gut anvertraute, mit
der Weifung, ed nach deinem Tode einem Andern zu übergeben, von
dem du mwüßteft, daß er es fchlecht verwalten würde? Darauf jol
Dmar drei Tage Bedenfzeit gefordert haben, ehe fie aber abgelaufen
waren, vergiftet worden fein, weil die Söhne Merwan's fürchteten,
er möchte einen andern als Zezid zum Thronfolger beftimmen.
2) Ibid, fol. 24. Drei Truppenabtheilungen, welhe Abd Alha-
mid gegen fie fchickte, wurden vorher gejchlagen. Der Anführer des
legten Heeres hie Amru Ibn Said,
3) So im türf. Tab. S. 126. Der erfte, der nach Sraf ging,
hieß Meifara. Nah Chorafan gingen Mohammed Ibn Habib, Abu
Ikrima, Hajjan Alattari und Abu Mohammed Ibn Sadik. Sie
fammelten Interfchriften und fandten fie dem Meijara, welcher fie
an Mohammed Ibn Ali beförderte. Später ernannten fie dann
zwölf Apoftel oder Stellvertreter Mohammeds, welche das ganze
Miffionswefen, — denn Wiederherftellung des reinen Glaubens war
der Hebel ihrer Umtriebe — leiteten. Auch im Urterte werden diefe
Miffionen der Abajliden erwähnt. Indeſſen wird fpäter ausdrücklich
gefagt, dag die erften Miffionäre der Abaffiden unter der Statthal:
terfchaft des Afad Ibn Abd Allan nach Chorafan (107 oder 109)
famen. Auf diefe Stelle des Urtertes (S. 60) werden wir an feinem
Drte zurückkommen.
Dmar U. 587
geworben ward, doch gewiß die Anhänger der Nachkommen
Als und die der Söhne des Abbas noc) vereint und zunächft
nur auf den Sturz der Omejjaden bedacht. Die Hoffnungen
der Lestern foll Dmar felbft wieder dadurch belebt haben,
daß er aufbörte, Ali von der Kanzel berab zu ſchmähen, wie
dies feit Muawia in allen Mofcheen üblih war, Statt deffen
las er den Koransvers: „Gott befiehlt Gerechtigfeit und Güte
und Wohlthätigfeit gegen Berwandte, und. verbietet Gewalt:
that, Gebäffigfeit und Schledhtigfeit, er warnt euch, damit
ihr es bedenfet.” Sp gerne wir indeſſen auch Diefe, Dem
Charafter Dmars vollfommen zufagende Neuerung glauben
möchten, müffen wir fie doch bezweifeln, weil nur fpätere Duel-
len!) ihrer erwähnen, welche, fich nicht mehr damit begnügen,
1) Abdulfeda, Elmakin und Abul Faradj. Tabari, der mande
Anefvoten und Legenden von Omar erzählt, hätte gewiß eine fo
fromme und bedeutungsvolle Handlung Dmars nicht verfchmwiegen,
wenn fie ihm befannt gemwefen wäre, Nicht nur im Urterte, fondern
auch in der Ueberſetzung, wo noch mancher Zufas aus fpätern Quel-
fen jih finder, wird davon mit feiner Sylbe erwähnt. Hingegen
lieft man bei Tab. im Urterte f. 54: „Der Chalife Hiſcham pilgerte
(im J. 106) und weigerte fih nad damaliger Sitte Ali zu ver:
fluben, trogß dem Verlangen Saids Ibn Abd Allah, eines Urenkels
Othmans.“ Auch ſagt Zeid Ibhn Alt zu Zufuf Son Amru, dem
Statthalter von Irak, welcher Geld von ihm zurüdforderte, das ihm
fein Vorgänger Chalid Ibn Abd Allah gegeben haben follte: „wie
fannft du glauben, daß Chalid mir Geld gab, während er meine
Bäter auf der Kanzel befjhimpfte? (aschtumu abai ala-l-
minbari. Tab, f. 122 v.), Um feinen Staatsrath von der Nothwen—
digfeit der Abjchaffung diefes Fluches zu überzeugen, foll, nad) vor-
ausgegangener Berabredung mit Omar, ein Jude dffentlih um feine
Tochter angehalten haben. Dmar fragte ihn: wie er ald Zude eine
folhe Bitte ftellen Fonne. Darauf verjegte der Zude, Mohammed
habe doch auch feine Zochter Fatima dem Ali zur Frau gegeben,
Als Dmar darauf ermwiederte, Ali fer ein Mufelmann geweſen, fagte
ter Zude: wenn ihr ihn als einen Gläubigen anfehet, warum rufet
ihr denn öffentlich auf der Kanzel Gottes Fluch auf ihn herab?
Dmar verftummte und auch Feiner der Anmejenden wußte darauf zu
588 Zwölftes Hauptftüd.
und Omar als einen gerechten und gottesfürdhtigen Dann zu
fhildern, fondern ihn fogar zu einem Heiligen und Wunder:
thäter erheben, deffen Erfcheinen fhon Omar der Erfte, von
bem er yon mütterlicher Seite her abflammte, prophezeit
baben fol. Gewiß ift jedenfalls, dag nad) Omars Tod die
Aliden wieder gefhmäht und verflucht wurden und daß der
Chalife Hiſcham ſich weigerte, das Beifpiel feiner Vorgänger
zu befolgen. Omar hatte eine Narbe im Gefichte — fo Tautet
eine auch in ältern Quellen vorfommende Sage, die wir, fo
wie mande Andere, bier aufnehmen müffen, um zu zeigen,
wie leiht man geneigt fein mochte, ihm fpäter auch Tugenden
feiner Nachfolger zuzufchreiben — die ihm von dem Tritte
eines Maultbieres fam. Als dies Unglück gefhah und er
mit bfutigem Geſichte feiner Mutter gebracht ward, machte
fie ihrem Gatten Abd Alaziz Vorwürfe über feine Unachtſam—
feit. Er aber fagte: beruhige dih, Glückliche, dies wird der
Narbige fein, von dem Omar, der Sohn Chattabs, gefagt:
antworten, daher Dmar diefe Veranlaffung ergriffen haben fol, um
diefen fündhaften Gebrauch abzufchaffen. Herbelot. Diefe Anekdote
bemweift aber eben jo wenig etwas gegen Tabari, als die wahrſchein—
lih erft fpäter gedichteten Verſe, welhe El Makin ©. 76 u. Abul-
feda ©. 438 anführt. Legterer irrt jedenfalls, wenn er behauptet,
„Alt fei nachher nie mehr verflucht worden.” Bei Nam. &. 471
fieft man: „wenn Omar über die Kameeljchlaht (zwiſchen Alt und
Yfha) und über die Schlaht bei Siffin Gmifchen Alt und Muawia)
gefragt wurde, fagte er: das find blutige Händel, vor denen Gott
meine Hand bewahrt hat, darum möchte ich auch jest nicht meine
Zunge hineintauchen.“ Bon der Abfhaffung des Fluches gegen Alt
erwähnt er aber auch nichts. Auch bei Tab. t. XI. f. 105 fchreibt
Abu Djafar an den Aliden Mohammed, der ſich gegen ihn empörte:
„Hamza und Abbas find in Frieden und von der ganzen Gemeinde
des Islams geehrt aus der Welt gefchieden, dein Stammpater (Ali)
aber in Fehde und Krieg, verflucht von den Söhnen DOmejja’d, wie
Unaläubige, im vorgefchriebenen Gebete, bis wir (Abbafiden) ung
feiner annahmen” u, f. w.
Dmar II. 589
„einer meiner Enfel, mit einer Narbe im Gefichte, wird bie
Erde mit Geredhtigfeit erfüllen“ N).
„An dem Tage, als Omar die Regierung antrat, famen
die Hirten vom Gebirge herab und fragten: wer ift der
fromme Chalife? Als man fie fragte, woher fie etwas von
ibm wüßten, antworteten fie: wenn ein frommer Regent auf-
fteht, jo greifen weder Löwen noch Wölfe unfre Heerde an.”
„Sufuf Ibn Mahak erzählt: Als wir die Erde auf
Dmars Grab ebneten, fiel ein Pergament vom Himmel herab,
auf dem gefchrieben war: „Im Namen Gottes, des Allbarm-
berzigen, des Allgnädigen. Sicherheit von Gott für Omar
Fon Abd Alaziz vor dem Feuer der Hölle” 2).
Konnte es aber auch Dmar vielleicht aus politifchen
Gründen nicht wagen aufzuhören, Ali's Gedächtniß zu ver:
wünfchen, fo gebt doch aus Allem, was von Omar erzählt
wird, hervor, daß er ein äußerſt gerechter und milder Mann
war 3), der wohl nicht ohne Grund gegen Jezid Ibn Muhallab
mit Härte verfuhr, und noch weniger, wie uns Theophanes
berichtet *), die Chriften mit Gewalt zum Islam befehren
1) Tab. T. ©. 127. Ar, f. 20 u. 9.
2) Nawawi ©. 472.
3) Abu Zanad erzählt: Ald wir in Sraf waren, befahl uns
Dmar, alles von früheren Statthaltern dem Volfe gewaltfamerweife
entriffene Gut wieder zurüd zu erftatten. Um diefen Befehl zu voll:
ziehen, mußten wir nicht nur die aanze Staatsfaffe leeren, fondern
aud noch Geld aus Syrien kommen Iajfen. Omar ſchrieb Eeinen
Brief an Abu Bekr Son Mohammed, welher nicht die Weifung
enthielt, eine Ungerechtigkeit gut zu machen, einen religiöfen Ge
brauch wieder einzuführen, eine Neuerung abzufchaffen, Geſchenke
auszutheilen, Gehalte auszufegen, oder jonft eine fromme That zu
üben. Namami.
4) ©. 614. Auch bei Nawawi heißt es: „Abu Bekr Ibn Mos
hammed berichtet: Omar ſchrieb mir: unterfuche die öffentlichen
Bücher und ijt vor mir einem Mufelmanne oder einem verbün»
deten Ungläubigen Unrecht gefchehen, fo erftatte ihm zurüd, was
ihm gebührt.”
590 Zwölftes Hauptftüd,
wollte, wenn fih aud nicht läugnen läßt, daß er die Proſe—
lyten mehr als feine Vorgänger begünftigte. Das oben ange-
führte Schreiben Omars an den Statthalter yon Chorafan
fowohl, als die von den Chriften Damasfs an ihn geftellte
Bitte um die Zurücdgabe der von Welid in eine Moſchee
verwandelten Johannesfirche beweift, daß er auch gegen An-
dersgläubige gerecht war, und wenn aud) Omar die Yebte
Bitte nicht gewährte, fo entfchädigte er die Chriften doch
durch andere, den DBerträgen gemäß ihnen nicht gehörende
Kirchen MR
Auch Dmars Privatleben, befonders feine Enthaltfamfeit
und Genügjamfeit, fowohl bei der Tafel als in feiner Woh—
nung und Kleidung, wird nicht weniger als die feines Urs
großvaterg Omar gepriefen, obgleich behauptet wird, er habe
vor feiner Thronbefteigung 2) nicht weniger luxuriös als an—
dere Prinzen aus dem Haufe Omejja gelebt.
1) ©. Elmakin ©. 77.
2) Radja Son Hajat, freilich eine nicht unparterifche Quelle,
erzählt: „Omar Son Abd Alaziz war, ehe er die Regierung antrat,
einer derjenigen, welche die fchönften Kleider trugen und von den
beiten Räucherwerken Gebrauh machten. Als Ihalife aber trug er
ein Gewand, das nur 12 Dirhem werth war. Ein gewiffer Haddjadj
Aſſawwaf erzählt: Omar Ibn Abd Alaziz befahl mir einft, zur Zeit,
als er Statthalter von Medina war, ihm ein Stück Zud) zu Faufen.
Als ic) es ihm brachte, betaftete er es, und obgleich ed 400 Dirhem
aefoftet, fagte er doch: wie grob und wie rauh! Als Chalife aber
lieg er fih ein Stüf Tuh für 14 Dirhem Faufen und als er es in
die Hand nahm, rief er: gepriefen fei Allah: wie fein und wie
zart! — — „As Omar Chalife wurde, verkaufte er alle feine
überflüffigen Sklaven und Kleidungsftüde und Räucherwerf. Der
Erlös betrug 23,000 Goldſtücke, die er für fromme Zwede verwen-
dete.” — — „Meimun Ibn Mihran erzählt: ich vermweilte ſechs
Monate bei Omar und ſah ihn immer in demfelben Gewande, das
jede Woche gewafchen ward, Er trug ein Hemd, berichtet Said Ibn
Sumeid, das sornen und hinten gefliit war 16,” Nawawi—
Dmar I 591
Daß ein Mann, wie Omar, fein großer Freund ber
Dieter feiner Zeit fein konnte, welche die Liebe und den
Wein nicht weniger als den Propheten und fein Gefchlecdht
befangen, und die für feinen leichtgläubigen Vorgänger nicht
weniger Weihraud gehabt, als für ihn, ift höchſt wahrjchein-
lid. Darum mag auch folgende, für ihn und feine Zeit
charakteriſtiſche Erzählung als eine hiſtoriſch begründete ange-
feben werden und bier an ihrem Plage fein:
Als Dmar die Regierung antrat, reiften die Dichter zu
ihm, um ihn zu begrüßen, Sie brachten aber mehrere Tage
vor feiner Thüre zu und Fonnten nicht vorgelaſſen werben.
Sie hatten im Sinne fi wieder zu entfernen, als Adij Ibn
Urta Der fpätere Statthalter von Baßra) an ihnen vorüber
fih zum Chalifen begab. Der Dichter Derir fagte ihm:
„Slüdliher, der du furchtlos einherfcheiteft, deine Zeit
ift gefommen, die meinige aber war längft da, Sage dem
Chalifen, wenn du ihn fiehft, ich ftehe hier vor feiner Pforte,
wie an einem Stride feftgehalten. Vergiß ung nicht! Gott
wird dir auch gnädig fein, denn fchon lange weile ich fern
yon meiner Famlie und yon meiner Heimat.’
Als Adij vor Omar fam, fagte er ihm: die Dichter
ſtehen vor deiner Pforte, ihre Pfeile find giftig und ihre
Worte gehen tief. Omar ſagte: wehe dir! Adij, was habe
ich mit den Dichtern gemein? Adij erwiederte: Gott verherr-
lihe den Fürften der Gläubigen! Folge dem Beifpiele des
Gefandten Gottes! Ihn Hat Abbas Ibn Mirdas gelobt und
er bat ihm ein Kleid gefchenft und damit feine Zunge, (vom
Tadel) abgefhnitten. Der Chalife fragte dann, wer denn
von ihnen vor der Thüre ftehe? Adij nannte Farazdaf, Omar
Son Rabia, Mahwag, Machtal und Djamil. Da fagte
Dmar: bat diefer nicht dieſen und biefer nicht jenen Vers
gedichtet ? — Dabei recitirte er von einem Jeden Berfe,
welche feinen hohen Grad von Religiofität verriethen. — Bei
Gott! es fol mir feiner von ihnen hereinfommen. Iſt außer
diefen noch einer da? Adij nannte noch Dieriv. Wenn ich
592 Zwölftes Hauptftüd.
doch einen vorlaffen muß, fo fei es diefer, denn er hat
gejagt:
„Sie befuchte dic; des Nachts, um dein Herz zu unters
jochen, das ift aber feine Zeit des Befuchens, fehre zurüd in
Srieden !”
Dierir ward eingelaffen und er ſprach:
„Derjenige, der Mohammed als Propheten gefandt, bat
die Herrichaft einem gerechten Jmam verliehen. Seine Ge—
vechtigfeit und Treue umfaßt die ganze Welt, er führt jeden
Schwanfenden zum Guten zurüd. Ich erwarte, dag du mir
alsbald Unterftügung gewähreft — welches menſchliche Herz
liebt nicht irdifches Gut! Auch die göttliche Schrift fichert ja
dem Armen und Wanderer Hülfe.“
Wehe dir! Dijerir, unterbrah ihn Omar, fürdte Gott
und halte dih an der Wahrheit! Dierir fuhr fort:
„Spt ich erzählen von dem Unglück und der Noth, die
ung getroffen, oder genügt das, was du ſchon davon gehört?
Wie manche gebeugte Wittwe in Jemama, wie mande hülf-
Iofe Waife ruft dich um Beiftand an, als wären fie von
Diinn oder fonftigen böfen Geiftern geplagt. Stellvertreter
Allah’s! was verfügeft du über uns, wenn wir weder bei Dir
noch in der Heimat Troft finden? Schon lange wandere ich
unter meinen Stammgenoffen bin und ber, von ſchwerem
Kummer gedrüdt, bis ich hierher Fam. Unfere Wüfte nüst
nichts den bedürftigen Stadtbewohnern und die Beduinen
fliehen uns. Wir hoffen aber, daß, wenn der Regen uns
getäufcht, der Chalife ung deffen Segen erfegen wird” u. ſ. f.
Dmar fagte zu Djerir: ich finde nicht, daß du auf das
mir anvertraute Gut gerechte Anfprüche hätteſt. Warum nicht,
verfegte Djerir, bin ich nicht ein bedürftiger Neifender? Als
ich Chalife ward, ermwiederte Dmar, befaß ich nur dreibun-
dert Dirhem. Abd Allah nahm hundert davon, feine Mutter
auch hundert, nun bleiben mir nur noch hundert, die foll dir
mein Diener geben. Djeriv nahm das Geld und fagte: bei
Gott! nie hat mir ein Geſchenk fo viele Freude gemadht.
Omar I. 593
Als er wieder berausfam, fragten ihn die Dichter: was
bringft du? Er antwortete: nichts Angenehmes für euch. Der
Fürft der Gläubigen bejchenft die Armen, aber den Diptern
gibt er nichts, doch bin ich mit ihm zufrieden D).
Omar war in jeder Beziehung, fowohl in feinem Pri—
vatleben als in feinen Negierungsprineipien, fo verjchieden
von feinen Borgängern und den ihn umgebenden Omejjadifchen
Prinzen, daß wir gerne glauben, daß er von feiner eignen
Familie, wahrfcheinlih von feinem Nachfolger Jezid, vergiftet
ward, welcher fürchtete, er möchte einen andern Nachfolger .
beftimmen 2). Man fol ihn zur Borfiht ermahnt und vor
Gift gewarnt, er aber erwiedert haben: „wo find meine
Vorgänger troß aller ihrer Vorſicht? Gott! fürdte ich einen
andern Tag als den des Gerichts, jo wende das, was ich
fürchte, nicht yon mir ab! Auch jedes Heilmittel foll er von
fih geftoßen haben aus reiner Hingebung in den Willen
Gottes. Er ftarb nach zwanzigtägigem Leiden, den 20ten
oder 25ten Radjab des Jahres 101 3) (Öten oder 1Oten Fe—
bruar 720), von feinem Bolfe tief betrauert, in Chanaßira
1) Sujuti a. a. ©.
2) Tab. u. 4. Auch Elmakin S. 76, aber freilich nur im Terte
wo es heißt: „fein Lebenswandel war ganz verfchieden von dem fei:
ner Familie und nichts halt ab zu alauben, daß fie ihm Feine lange
Friſt geitattete, ſondern ihn vergiftete;”“ wofür aber Erpenius über:
fest: »natura ejus contraria erat naturae populi ejus neque vetuit ne
se vocarent et moram non concederent. «
3) Tab. f. 9 führt beide Data an, Son Abd Alb. p. 119 nur
Erfteres. Sn der türkifhen Ueberfegung, fo mie bei Nawawi und
Abulfeda nur Lestered. Ber Elmafin den 24ten. As Wochentag
wird von den Einen Mittwoch, von Andern Freitag angegeben.
Nah dem Art de verifer les dates war der erſte Radjab ein Mitt:
woch, demnah ftimmte Elmakins Datum am beiten mit Freitag
überein. Der 20te paßt weder zu Freitag noch zu Mittwoch.
38
394 Zwölftes Hauptflüd,
und ward in Deir Saman, in der Nähe yon Himß, be
graben. Die Dauer feiner Regierung war nicht ganz zwei
und ein halbes Jahr und er hatte noch nicht dag vierzigfte
Lebensjahr zurüdgelegt, als er den Thron feinem Better Jezid
einräumte.
Dreizehntes Hauptftüd.
Je;t> IL
Sezids Verwandfchaft mit Haddjadj. — Flucht des Sezid Ibn
Muhallad. — Er bemädhtigt fih der Stadt Baßra. — Erftürmt die
Eitadelle und nimmt des Chalifen Statthalter gefangen. — Berfchie:
dene Parteien in Baßra. — Widerfpruch des Hafan Albafri. —
Huldigung der Baßrenſer. — Sezid unterwirft die öftlihen Provin:
zen und Waſit. — Der Shalife fendet Maslama nach Irak. — Habib
rathet feinem Bruder Sezid, fih nah Fars zurückzuziehen. — Er
bricht gegen das Heer des Chalifen auf. — Gefecht zwijchen Abbas
und Abd Almalit. — Schlaht bei Afr. — Tod Jezids. — Flucht
feiner Brüder und Söhne nad Sind. — Shr Tod. — Empörung
und Krieg in Ferghana. — Miederlage der Araber in Armenien. —
Djarrah’8 Zug gegen den Kaufafus. — Ginnahme von Balandjar.,
— Rüdzug der Araber. — Kämpfe in Kleinafien und Weftarmenien.
— Dmar Ibn Hubeira, Statthalter don Irak. — Jezid Ibn Abi
Muslim, zum Statthalter von Afrika ernannt, — Wird ermordet. —
Berfchiedene Veranlafjungen zum Aufftande. — Statthalterfchaft des
Mohammed Ibn Aus und Beihr Sbn Safman. — Abd Allah, der
Sohn Mufa’s, wird hingerichtet. — Allgemeine Zuftände in Spa:
nien. — Zug des Alhorr nah Franfreich. — Zweifelhafte Einnahme
son Narbonne. — A Samah nimmt die Stadt wieder ein, —
35 *
596 Dreizehntes Hauptftüd,
Schlacht bei Touloufe. — Abd Errahman wird Statthalter. — Unge—
wißheit über den Beginn von Andafas Statthalterfchaft. — Aufftand
der Gothen in Afturien. — Alkama's Tod. — Zezids Sorglofigfeit.
— Geine Liebe zu Hababa. — Seine Verfügungen über die Nach—
folge. — Sein Tod.
Jezid hatte fo wenig Aebnlichfeit mit Omar, als biefer
feinem Borgänger Suleiman in irgend einer Beziehung gleich
gewejen wäre. Zwiſchen Suleiman und Jezid fand aber der
Unterfchied ftatt, der auch noch erklärt, warum er ihn nicht
zum unmittelbaren Nachfolger beftimmt, dag Erfterer, aus
oben angegebenen Gründen, ein Feind Haddjadj's und feines
ganzen Anhangs, während Jezid mit demfelben befreundet
und verſchwägert war. Jezid's Gattin, die Mutter des ſpä—
tern Chalifen Welid, war nämlich eine Nichte des Haddjadj,
Tochter des Mohammed Jon Juſuf. Mit der Thronbeftei-
gung Jezid's gelangte daher auch dieſes Gejchlecht wieder zur
Macht und die Jemeniden, welche feit Suleiman die erften
Aemter im Staate eingenommen, mußten nun ihrerfeits wie-
der auf diefelbe Behandlung gefaßt fein, welche die Thafifi-
ten durch fie erlitten, Dieg wußte Jezid, der Sohn Mubal-
lab's recht wohl 1), und deßhalb entfloh er aud aus feinem
Gefängniffe, fobald Dmar auf dem SKranfenbette Tag. Er
foll jogar einen Brief an Dmar binterlaffen haben, in welchem
er erklärte, daß wenn er die Geneſung des Chalifen voraus—
1) Tab. f. 9. Seid Son Muhallab fürchtete fih vor Sezid
Son Abd Almalıf, weil er feine Schwäger, die Familie des Abu
Ukeil geveiniat hatte. Umm Albaddjadj, Tochter des Mohammed
Ibn Zufuf, eines Bruders des (berühmten) Haddjadj Ibn Zufuf, war
die Gattin des Jezid Son Abd Almalik und fie gebar ihm den We-
id Son Sezid, welcher (in einem Aufftande) getödtet ward. Wahr:
fheinlih gebar fie vorher auch einen Sohn, der Haddjadj hieß, weß—
halb fie Umm-Alhaddjadj (die Mutter des Haddjadj) genannt ward,
Jezid I. 597
gefeben hätte, er in feinem Gefängniffe geblieben wäre. Ser
zid hatte aber auch, fobald er den Thron beftieg, Fein wichti—
geres Anliegen, als die Verfolgung der ganzen Familie Mu-
ballab's. Er befahl fogleih dem Statthalter von Baßra,
Adij Ibn Urta, die dort lebenden Brüder Jezid's einzufer-
fern und dem Abd Alhamid, Statthalter von Kufa, gab
er den Auftrag, dem flüchtigen Jezid nachzufegen. Er bes
feste die ganze Strede bis gegen Udſeib hin, aber Jezid, um
den ſich viele Freunde gefammelt, war fchon vorüber als die
Kufaner anlangten, und fam unangefochten bis nad) Baßra.
Adij Ibn Urta wollte ihm den Eingang in die Stadt nicht
gewähren, aber ein großer Theil der Bafraner gingen zu
ihm über, die einen aus Stamm- und Bundesgenofjenfchaft,
bie andern aus beleidigtem Ehrgeize, Manche aus Haß gegen
Adi, der wegen feines Geizes zum allgemeinen Gefpötte ges
worden ). Nur der Thakifite Mughira Jon Abo Allah, der
für die feinem Stamme früher angethane Unbill fih rächen
wollte, griff Jezid an, ward aber mit Berluft zurüdgefchlagen.
Indeffen gab doch Adif, auf die erwarteten fyrifchen Hülfs—
truppen feine Zuverfiht fegend, den Friedensvorfchlägen Je—
zid's, welcher nur feine Verwandten auf freien Fuß gefegt
haben wollte, fein Gehör. Es fam zu einem zweiten Ge—
fechte zwifchen den Anhängern Jezid's und den Truppen Adij's,
welches abermals zum Nachtheile des Lertern endete. Er
mußte in die Citadelle fliehen, aber auch diefe ward erftürmt.
Jezid befreite feine Brüder, welche die Thüre ihres Gefäng-
niffes verrammelt hatten, um nicht, wie es wirklich verſucht
2) Ibid. fol. 27. „Sezid fchenfte viel Geld her, während Adij
ein Geizhald war. Er gab feinen Truppen nur einen Sold von zwei
Dirhem (monatlih?) weßhalb er auch von dem Dichter Farazdaf
verjpottet ward. Amru Son Amir ging zu Sezid über, weil er
nicht zum Anführer der Benu Befr erwählt worden. Auch die
Stämme Rabıa und Keis hielten es mit ihm,“
598 Dreizehntes Hauptſtück.
ward, vor beffen Ankunft ermordet zu werden, und an ihrer
Stelle ward Adij eingeferfert Y.
Trotz diefem Siege ſchloßen ſich jedoch dem Jezid mehr
die niedern Klaffen des Bolfs an, die leichter, weil fie weni-
ger zu verlieren hatten, an jedem Aufitande ohne Bedenken
Theil nahmen, als die angefehenern Bewohner Baßra’s,
Diefen waren die fhlimmen Folgen der frühern Empörungen
gegen die Chalifen in zu friihem Andenken noch, als daß fie
ihr Leben und ihr Gut aufs Spiel festen, um fi einem
Manne in die Arme zu werfen, den felbft der fromme und
milde Omar feiner Freiheit beraubt hatte. Biele flohen nad
Kufa, andere nad Syrien. Zu Lestern gehörte auch Hawari
Ibn Zeifad, welcher auf dem Wege den Gefandten. des Cha-
Iifen begegnete, die zu fpät die Begnadigung Jezid's und
aller feiner Angehörigen brachten, und bei der Nachricht von
dem ftattgehabten Kampfe und der Erftürmung der Gitadelle
von Baßra, wieder umfehrten. Selbft unter den in Baßra
Zurüdgebliebenen waren noch immer viele Stimmen für den
Chalifen, welche verlangten, daß Jezid mit feinen Verwandten
fih entferne. Doc wurden fie von der Gegenpartei, welche
Jezid Ibn Abd Almalif gar nicht mehr als Chalifen aner-
fennen wollte, nicht angehört. Ein gewiffer Sameida ?), ein
1) As er in Ketten vor Sezid geführt wurde, lachte er. Sezid
munderte fich darüber, da ihn doch fein Vertrag hinderte, ihn auf
der Stelle enthaupten zu laſſen. Adij fagte aber; mein Leben ift
mit dem deinigen eng verknüpft, tödteft du mich, fo ift auch für
dih Feine Hoffnung auf Gnade übrig. Er ermahnte ihn dann
noch, feinen weitern Aufruhr zu ftiften und des Chalifen Vergebung
anzuflehen. Darauf erwiederte Zezid: Möge Gott mich nicht mehr
fo lange leben laſſen, als ein fcheuer Vogel Zeit zum trinken nimmt,
wenn meine Lebensdauer von der deinigen abhängt, Meine Empö—
rung ift den Syrern ſchon ärgerlicher, als wenn ich Taufende auf
einem Fleck ſchlachtete. Man würde mir gerne ihr Leben und Gut
fchenfen, wenn ich nur die Waffen niederlegte.
2) Ibid. £. 29. Gr wird auch von Farazdaf verfpottet.
Jezid I. 599
ſehr frommer aber ſchwacher und unerfahrner Mann, welcher
zum Schiedsrichter erwählt wurde, erflärte fih zu Gunſten
Jezid's Jon Muhallab, der fih nun förmlich als Oberhaupt
buldigen ließ. „Ich fordere euch auf,“ fagte er in feiner
Kanzelrede, „bei der Beobachtung der göttlichen Schrift und
der Erhaltung der Vorfchriften des Propheten, gegen die Sy-
ver in’s Feld zu ziehen. Der Kampf gegen diefe Gottlofen
ift nicht minder heilig als der gegen ungläubige Türfen und
Deilamiten, Haben fie nicht die Nachfommen des Propheten
genöthigt, nach Hinduftan und Turfiftan zu fliehen? Haben
fie nicht Hufein, den Sohn Ali's enthauptet und felbft Alt
unzäblbare Dualen bereitet? Darum gehorchet mir!” Diefe
Worte Fangen freilich fonderbar in dem Munde eines Man»
nes, welcher fein ganzes Leben hindurch der Schwelgerei und
Böllerei ergeben war, und während feiner Statthalterfchaft
fih allerlei Ungerechtigfeiten fchuldig gemacht hatte Auch
rief Hafan der Baßrenfer, einer der frömmften und gelehrte-
ften Männer feiner Zeit ): ©epriefen fei Allah! Jezid be-
1) ©. über Hafan, Nawawi und Ibn Challikan. Hier nur eine
Geſchichte oder Anefoote über den Charafer dieſes Mannes. Als
Dmar Ibn Hubeira (unter Sezid Ton Abd Almalif) Statthalter von
Irak ward, lieg er Haſan Albagri, Schabi und Mohammed Ibn
Sirin rufen und fagte ihnen: Jezid ift Gottes Stellvertreter, Gott
hat ihm über feine Diener gefegt, und ihnen die Pflicht auferlegt,
ihm zu gehorhen. Auch ich habe ihm Folgfamfeit und Gehorfam
gelobt. Nun hat er mir dieſes Amt anvertraut, und endet mir
fhriftlih feine Befehle zu, muß ich ihm unbedingt in Allem gehor:
hen? Ibn Sirin und Schabi antworteten mit Behutfamfeit, Hafan
fagte aber geradezu: Gott fteht über Zezid, er Fann dich gegen Jezid
in Schug nehmen, Sezid Fann dich aber nicht gegen Gott jhüsen.
Er kann bald einen Engel fenden, und dich aus diefem geräumigen
Yalafte in ein enges Grab bringen laffen, dann können dich nur
deine (guten) Handlungen retten. Sohn Hubeira’s! Bedenke, wenn
du je gegen Gottes Befehle handeln follteft, daß er die Herrihaft
nur zum Schutze des Glaubens und der Gläubigen gefchaffen. Der
wechsle nicht irdifhe Macht, die von Gott eingefest ift, mit der
600 Dreizehntes Hauptftüd.
ruft ſich jest auf die göttliche Schrift und die Lehren bes
Propheten, er, den wir fowohl als Machthaber wie alg Un—
terthan ganz anders gefunden. Nur Aufruhr will er predi-
gen, und verdient daher, daß man ihn wieder gefeffelt in den
Kerfer werfe, in welchen ihn Omar gefperrt. Jezid that, als
hörte er nichts, einige feiner Freunde, worunter auch Alnadhr,
Sohn des berühmten Traditionsgelehrten Anas Ibn Malik D),
überfchrieen ihn und das Volk huldigte. Sobald Fezid Herr
von Baßra und feinem Gebiete war, fel es ihm nicht ſchwer,
die öftlih von diefer Stadt gelegenen Provinzen Fars und
Kerman aufzumiegeln und alle Unzufriedenen aus biefen Län—
dern an fich zu zieben. Sein Heer vermehrte fi dermaßen,
dag fih ihm auch Waftt bald unterwarf und felbft Kufa nur
mit Mühe von dem Statthalter des Chalifen in Zaum ge-
halten werden fonnte ?). Es dauerte indeffen nicht lange, fo
rücte eine Armee aus Syrien unter dem Befehle des Mag-
lama Ibn Abd Almalif und Abbas Fon Welid heran, welche
unter Jezid's Anhängern große Beftürzung verbreitete, und Ha—
göttlihen Religion. Gin Geſchöpf, das gegen feinen Schöpfer un-
gehorfam ift, kann feinen Anſpruch auf Gehorfam madhen.” Seine
Geburt fällt in das Sahr 21 und er ftarb im J. 110 d. 9. Weber
Son Sirin ©. auh Son Thallifan I. 585.
1) Auch über Anas S. Nawawi. Er war 10 Sahre im Dienfte
Mohammeds und ward über 100 Sahre alt. Sein Todesjahr it
ungemwiß, doch wird gewöhnlich das J. 93 angenommen,
2) Der Chalife fandte mehrere Leute dahin, um die Bewohner
zu beruhigen, unter Andern auch den Dichter Kutami. Diefer hatte
aber früher, ald Jezid mächtig war, ihn gelobt. Gr fagte daher,
ald er hörte, daß Kutami das Volk für den Chalifen bearbeitete:
welch’ ein Unterfchied zwifchen den Worten und den Thaten Kutamis!
Kutami's Lobgedicht beginnt: „Könnte mein Aug’ Sezid fehen, wie
er ein mächtiged Heer anführt, und dem Lande Beiftand verleiht!
Er tft nicht geizig und nicht neidisch, auch gehört er nicht zu den
Feigen im Schlachtgetümmel. Tu fiebft, wie Fürften fib vor ihm
beugen und mit Demuth feine Gnade anflehen, während andere ihn
durch Abgeordnete begrüßen laffen u, f. mw.“ Ibid. f. 29,
Jezid IL 601
bib, ein Bruder Jezid's, welcher damals bei ihm in Waſit
war, rieth ihm, Irak zu verlaffen und mit feinen Truppen
die verfchiedenen Feitungen und Engpäſſe in Fars zu befegen,
indem er dort eher den Syrern würde Widerftand Teiften
fünnen als in Irak. Sezid hörte aber nicht auf diefen Rath ”),
ernannte feinen Bruder Merwan als Statthalter von Baßra,
lieg feinen Sohn Muawia in Waſit und zog felbft mit Ha—
bib und Abd Almalif den Truppen des Chalifen entgegen 2).
Diefe ſchlugen unterhalb Anbar eine Brüde über den Euphrat
und es fam bald zu einem Gefechte zwiſchen Abbas und Abd
Almalif, der gegen Kufa ziehen wollte, um die Bewohner
diefer Stadt zum Aufftande zu bringen. Abd Almalif ward
zurüdgefchlagen, und er begab fi zum Hauptheere unter Je—
zid, das unterhalb Afr, nicht weit von Kufa, doch auf dem Iinfen
Euphratufer, lagerte. In der Nacht vor der Schladht wollte
Jezid plötzlich das feindliche Lager von 12,000 Mann ans
greifen laffen. Sie follten die ſyriſchen Truppen bie ganze
Naht durh in Schady halten, fo daß fie mit Tagesanbruch
erliegen müßten, wenn er mit den übrigen ausgeruhten Trup-
pen den 12,000 Mann zu Hülfe käme. Derjelbe Sameida
1) Er fagte: ich will nicht wie ein Vogel die Städte meiden
und von einem Berge zum andern fliegen. Ibid.
2) Man lieft im Urterte f. 32: „SZezid zog an Fum Alnil
vorüber bis nah Ar, Maslama längs dem Guphrat bis Anbar,
dann ſchlug er eine Brücke bei dem Städtchen Farit, dann bracd er
gegen Sezid auf. Der Kampf zwiſchen Abd Almalif und Abbas,
welder 4000 Mann bei fid) hatte, fand in Sura ftatt.” Sura ıft
nah dem Kamuß der Name eines Drtes in Sraf, der früher zu
Syrien gehörte, und eines andern zur Provinz Bagdad gehörenden
Ortes. Hier ift ohne Zweifel lekterer Drt gemeint, Afr ift nad)
dem Kamuß ein häufig vorfommender Ortsname, unter andern auch
in der Nähe von Kufa. Nach Abulfeda hieß diefer Drt Afr Babel
und lag im Diftrift Kufa, nicht weit von Kerbela. ©. auch Reisfe’s
Noten zu Abulfeda I. ©, 118. Im türf. Tab. find alle diefe Eigen:
namen entitellt.
602 Dreizehntes Hauptflüd,
aber, welhem Jezid die Huldigung der Stadt Baßra ver-
danfte, widerfeste fih der Ausführung dieſes Kriegsplaneg,
indem er vorher Maslama auffordern wollte, nach der gött—
lihen Schrift und den Lehren des Propheten zu handeln, und
dann erft als Ungläubigen befriegen. Wie Hafan zu den Baß—
ranern, ſo fagte jest Jezid zu Sameida und feinen Anhängern:
wie könnt ihr glauben, daß diefe Leute je fih der Schrift
Gottes und den Lehren des Propheten unterwerfen, fie, welche
den Tempel Gottes zerftört und den Sohn eines Gefährten
des Propheten erfchlagen? Aber auch er ward jest nicht ge-
hört. Maslama hielt Sameida mehrere Tage mit Unterhand-
lungen bin und verftärfte inzwifchen täglich fein Heer mit
neuen Truppen aus Syrien und Kufa, während Jezid hülf-
los blieb, weil es nad feinem Abzune doch dem Haſan ge-
lang, die ruhigen Bewohner Baßra's, die fih auf den Kampf-
plas begeben wollten, abzuhalten. Am 14, Safar des Jahres
102 (24, Auguft 720) kam es endlich, nach mehreren Zwei:
fämpfen, zu einer allgemeinen Schlacht, welche Maslama da-
durch gewann, daß er die hölzerne Brüdfe hinter fi in Rau
aufgehen ließ. Denn da den Syrern hiedurch jede Flucht
unmöglich geworden, mußten fie fiegen oder fterben. Die Jra-
faner aber verloren den Muth und wichen ſogleich zurüd, be-
troffen von Maslama’s Kühnheit. Alle Ermahnungen Jezid's
zur Fortſetzung des Kampfes, der nichts weniger als verloren
war, blieben fruditlos, nur wenige Getreue und Stammge-
noſſen harrten bei ihm aus. Er lieg nun Maslama zu einem
Zweifampfe herausfordern, als diefer aber die Herausforde—
rung ablehnte, ftürzte fih Jezid, welcher durch den Tod fei-
nes Bruders Habib in einen Zuftand der Naferet gerieth Y,
1) Man rieth ihm, fib nach Waſit zu werfen und dort wieder
feine Leute zu jammeln, er wollte aber nicht die Schmad einer
Flucht auf fi laden, auch erklärte er, fein Leben habe nah dem
Tode Habib’s feinen Werth mehr für ihn. Als man Maslama jei-
nen Kopf brachte, war er dermaßen von Wunden entftellt, daß er
ihn gar nicht Fannte. Tab.
Jezid M. 608
in die Mitte des Feindes, und drang, Maslama ſelbſt auf—
ſuchend, immer vorwärts, bis er von Pfeilen und Lanzen durch—
bohrt zu Boden ſank. An ſeiner Seite fiel auch ſein Bruder
Mohammed und ſein Freund Sameida, der, als er einſah,
wie wenig er die Syrer gekannt, doch wenigſtens mit dem
ſterben wollte, den er in den Untergang geſtürzt.
Nach Jezid's Tod konnten ſich ſeine Brüder weder in
Waſit noch in Baßra behaupten, ſie ſchifften ſich daher, nach
Ermordung der Gefangenen, die in ihrer Gewalt waren 1),
nad Kerman ein und begaben ſich dann nad Kandabil, weil
fie hofften, Wadda Ibn Hamid, der noch von ihrem Bruder
eingefegte Gouverneur diefer Stadt, würde fie aufnehmen und
bei dem Chalifen um ihre Begnadigung anhalten. Der Un-
dankbare ließ aber die Thore der Stadt jchliegen und griff fie
im Rüden an, während fie fih mit ben fie verfolgenden
Truppen des Chalifen fohlugen, Ihren vereinten Bemühungen
gelang es, fämmtliche Brüder Jezid's zu tödten, und fi) aller
ihrer Frauen und Kinder zu bemächtigen, die ald Sklaven
verfauft wurden ?).
Nach Unterdrüdung eines Aufftandes, welcher dem Cha-
lifate der Omejjaden ſehr gefährlich hätte werden fünnen, und
darum aud alle feine Kräfte in Anfpruc nahm, wurde den
unter Omar vernachläßigten Orenzgebieten des Reiche wieder
mehr Sorgfalt geſchenkt. An allen Seiten waren Unruhen
ausgebrochen, wahrfcheinfih in Folge der Härte der neuen
von Jezid ernannten Statthalter, jo daß die Länder, welche
1) Die Unmenfhlichfeit war auf beiden Seiten gleich. 800
gefangene Irakaner wurden auf Befehl des Chalifen in Kufa ermor:
det. Muamia, der Sohn Jezid's, ließ vor feinem Abzuge von Waſit
32 Gefangene hinrichten, unter denen auch Adij Ibn Urta und fein
Sohn ſich befanden.
2) Muamia Sbn Zezid foll erft fpäter umgefommen fein. ©.
Reinaud fragm. ©. 205. Reiske's Noten a. a. D., und Elmakin ©.
78, der ganz mit Tab, übereinftimmt.
604 Dreizehntes Hauptſtück.
unter Welid längſt erobert worden, auf's neue mit großen Opfern
wieder unterworfen werden mußten.
Said Fon Amru, der Statthalter von Chorafan und
Zransoranien unternahm einen Streifzug nad) Samarfand
und brad dann gegen Ferghana auf. Der Fürft von Ferghana
machte ihm Sriedensanträge, die auch angenommen wurden.
Auf dem Rückwege nad) Samarfand aber, als die Mufel-
männer, feines Krieges gewärtig, des Abends forglos umher—
lagen, wurden fie von den Truppen Ferghana’s überfallen
und größtentheils niedergemegelt. Der Krieg gegen Ferghana,
wohin ſich nad und nad alle mit den Mufelmännern unzu—
friedenen Bewohner von Buchara und Samarfand flüchteten,
ward dann, ohne dag wir von großem Erfolge der moham—
medaniihen Waffen hören, bis zum Tode Jezid's fortgefest N),
Gleiches Schiefal, wie das Heer in Transoranien, traf
auch das in Armenien, in Adferbidjan und am Kaufafug
fämpfende. Schebib Nahrawani ward in Merdj Alhidjara,
im nördlichen Armenien, von den Chofaren, das heißt, von
den zwifchen dem Faipifchen und fehwarzen Meere wohnenden
Bölferfchaften überfallen und mußte mit den wenigen Trup-
pen, die entfamen, fih nad) Syrien zurüdziehen 2). Jezid
ließ ein neues ftarfes Heer ausrüften, welches dann Djarrah
Fon Abd Allah gegen den Kaufafus führte. Nach mehreren
fiegreichen Gefechten drang er bis Balandjar, Hauptfig der
Chofaren, vor und nahm diefe Stadt. Aber auch ihn nöthigte
ein allgemeiner Aufftand unter den Gebirgsvölfern zum Rück—
zuge 3).
1) Tab. ar. f. 16 u, ff., türk. f. 182.
2) Ibid. ©. 133.
8) Ibid. Balandjar ift das, was bei Elmakin (S. 79) Meltahar
genannt wird. Die Miederlage bei Ardebil, welhe Elmafin hier
erzählt und Djarrah's Tod fällt aber erft in das Sahr 112. ©.
Tab. ar. fol. 70 v. Weber diefen Zug Djarrah’8 hat Zab. folgende
Einzelnheiten. „Sobald Djarrah nad) Armenien gelangte, floh der
Jezid M. 605
Dmar Ibn Hubeira machte im Jahr 102 nah Weftar-
menien einen glüdlichen Streifzug ) und ward dafür mit
der Statthalterfihaft von Irak belohnt, welche vor ihm zuerft
Maslama Jon Abd Almalif, dann Said Jon Amru, dann
Abd Errahman Jon Salman und zulest Abd Almalif Ibn
Beſchr erhalten hatte. Auch Abbas Ibn Welid Fämpfte nicht
ohne Erfolg in Kleinafien ?). ine andere Truppenabtheilung
aber, die im Jahre 105 von Said Jon Abd Almalif auf
feindliches Gebiet gefchieft ward, ward gänzlich aufgerieben 9).
Auch in Afrika erzeugte Jezid's Vorliebe zu den Ans
hängern des Haddjadj große Unzufriedenheit, welche mit ber
König der Chofaren nah Bab Alabwab. Diarrah rüdte bis Ber
daah vor, ruhte einige Tage aus, ging dann über den Kur und
fegte feinen Marſch bis Ruhbafch, zwei Pharafangen von Bab Alabwab
fort. Von hier ging er nah drei Tagen nach Bab Alabwab (Pforte
der Pforten, Derbend), wo er gar feinen Feind fand. Er fandte
dann Fleine Truppenabtheilungen auf Raubzüge aus, die mit vielen
Gefangenen und reiher Beute, befonders an Vieh, zurücdkamen.
Er felbft ging mit 20,000 Mann bi Nahraman, ſechs Pharafang
über Bab Alabwab. Hier Fam ihm Nardjil, König der Chofaren,
Sohn des Chafans, mit 40,000 Mann entgegen, ward aber ges
fhlagen. Hierauf belagerte Djarrah die Feftung Haßin (die Fefte),
welche fih bald ergab. Von hier brad er nach einer Stadt auf,
melhe Barghud hieß; fie unterwarf fih auch nach einem feche-
tügigen Widerftande. Hierauf ward Balandjar mit Sturm genom:
men, und der König von Balandjar flüchtete fih mit 50 Mann
nad der Feftung Samandar, feine ganze Familie fiel aber in die
Hand Djarrah’d. Diefer war grogmüthig gegen den Beftegten
und fchenkte ihm alle Angehörigen wieder zurück, Gr wollte dann
bis Samandar vorrüden, ald er einen Brief von dem König von
Balandjar erhielt, welcher ihm aus Dankbarkeit anzeigte, daß alle
Chofaren und Gebirgsvölker im Aufftande begriffen, und ihm rieth,
ſich zurüdzuziehen, ehe fie alle Päſſe befegt haben würden. Djurrah
309 fih nun bis Kefch (am Oxus?) zurück und bat den Chalifen um
Berftärkung.
1) Ibid. f. 16. Er machte 700 Gefangene.
2) Ibid. Er erobert im Sahr 103 die Stadt Ghaslah (?)
3) Ibid. f. 46 v.
606 Dreizehntes Hauptſtück.
Ermordung des Statthalters endete, Bald nad) Omar’s Tod
ward nämlich der befonders gegen die Berber fehr milde Is—
mail Ibn Abd Allah entfegt und Jezid Fon Abi Muslim,
ein ehemaliger Sefretär des Haddjadj, zum Statthalter von
Afrifa ernannt. Seine erfte Handlung war, Abd Allah, dem
Sohne Mufa’s, welcher zu jener Zeit aus dem Dften wieder
nah Afrifa zurückkam, ungeheure Summen auszupreffen N).
Dann behandelte er die von Mufa Ihn Nußeir freigelaffenen
Berber wie Sklaven, brandmarfte fie an beiden Händen und
eignete fich auch den fünften Theil ihrer Güter zu. Endlich
mißhandelte er Mohammed Ibn Jezid, welcher unter Sulei-
man Afrifa verwaltet hatte, auf eine fchauderhafte Weife.
Er ward in eine oben verfiegelte, ganz rauhe, wollene Kutte
gefteet, in eine enge, eigens für ihn gebaute Zelle gefperrt
und erhielt nur Aſchwaſſer zu trinfen. Es fam nun wahr:
ſcheinlich eine Verſchwörung zu Stande, an welcher alle Un-
zufriedenen Theil nahmen und Jezid ward, nach einigen Be—
richten bei der Tafel, yon einem Soldaten aus feiner Leib-
wache, nad andern von DBerbern ?) in der Mofchee beim
1) Son Abd Alb. ©. 119. Es ſcheint, daß er befonders eifers
füchtig auf die gute Aufnahme war, die Abd Allah gefunden. Es
heißt: „Mit Sezid Son Abi Muslim Fam auch Abd Allah Son Mufa
aus dem Dften nad Sfrikijje. Als er (wahrſcheinlich Abd Allah)
in der Nähe war, gingen ihm Leute entgegen. Als Jezid Son
Abi Muslim nah Kairaman Fam, hieß er Abd Allah in feine Woh—
nung gehen und befahl den Leuten, ihm zu folgen, fo daß fie
glaubten, er fei fein Freund. Als fih aber Abd Allah entfernt hatte,
fandte ihm Zezid einen Boten mit dem Befehle, fo viel von feinem
Vermögen herzugeben, als der Sold der Truppen auf fünf Jahre
erfordere. ”
2) Ibid. ©. 120. Die Stelle ift nicht ganz Elar und lautet
wörtlih: „Manche behaupten: die Wachen des Zezid Ibhn Abi Mus-
lim, als er (nach Afrika) Fam, waren Berber, worunter feine andere
als (aus dem Stamme) Bitr; fie waren aud die Wachen der Statt:
halter vor ihm; Bitr ausfchließlih und Fein Einziger von den Ba—
ranus. Jezid Son Abi Muslim fagte in feiner Kanzelrede: wenn
Jezid I. 607
Abendgebete ermordet. Das Volk erwählte nun Mughira Ihn
Abi Burdab zum Statthalter, er lehnte aber die Wahl ab, aus
Furcht der Theilnabme an der Verſchwörung beſchuldigt zu
werden, worauf dann der Anßar Mohammed Jon Aus gez
wählt ward H, welcher ſich damals in Tunis aufhielt. Der
Chalife mußte zuerft die Wahl beftätigen und das Geſchehene
gutbeigen. Doch in demfelben Jahre noch ernannte er den
Behr Ibn Safwan Alfelbi, welcher bisher Statthalter
von Egypten war, zum Statthalter von Afrika und befahl
ihm, Abd Allah Ibn Mufa Hinrichten zu laſſen, weil er als
Anfifter der Verſchwörung angeklagt ward 9).
ih fromm bin, fo zeichne ich meine Wache an den Händen, wie es
die Griechen vor mir gethanz ich werde auf ihre rechte Hand ihren
Namen zeichnen laffen und auf die Linfe „meine Wache,“ damit
fie als folhe erfannt werden. Sie wurden aber böſe darüber und
fie verabredeten fih unter einander, ihn zu ermorden u. f. m.”
Statt Bitr oder Batr ift vielleicht Tier oder Tabr zu lefen, mie
diefes Wort S. 110 vorfümmt, wo, bei dem Kampfe Hafan’s mit
der Kahinab, es heißt: „mit Hafan war eine Abtheilung Berber
von Tibr oder Tabr.“ Weber die Baranus, d. h. foldhe, die einen
Burnus tragen, und zwiſchen Sus, Aghmat und Fetz wohnen, ©.
journ. asiat. ser. III, t. 13 p. 256,
D) %. a. 9. Musgbira wollte eigentlich Statthalter werden,
aber fein Sohn Abd Allah rieth ihm, aus angegebenem Grunde,
ab. Es heißt hier im Terte, nicht blos in der Abfchrift des 9.
Ewald, fondern au in den Varifer codd. fakatala dsalika As-schei-
chu, wahrſcheinlich für »fakabala« und er nahm dies (diefe Mahnung)
an. Sezid ward im Sahr 102 ermordet, wahrfcheinlich Anfang des
Sahres, denn auch Beſchr kam noch in demfelben Sahre nah Kai:
raman.
2) Abd Allah wurde durch die Vermittlung des Siegelbewahrerg
Jezid's, deſſen Gattin die Mutter oder die Schwefter Abd Allah’s
war, begnadigt. Beſchr hatte aber, dies befürchtend, die Hinrichtung
befchleunigt und die Begnadigung traf erft nach derfelben ein.
Ibid. ©. 121. Tab. weicht ſowohl über den Grund der Ermordung
Jezid's, als über defien Nachfolger von Ibvn Abd Alh. ab. Er be:
richtet; (fol. 16) Sn diefem Sahre (102) ward Zezid Sbn Abi Mus:
608 Dreizehntes Hauptftüd.
In Spanien fiheint man unter dem Chalifate Jezid's
nicht weniger ald in Afrifa, nach Unabhängigfeit vom Djten
geftebt zu haben, und dies war um fo leichter, als die Statt-
balterfchaft von Spanien unmittelbar von der von Afrifa ab-
ding und diefe in ihrem- eigenen Lande für die Erhaltung
des Gehorfams gegen den Chalifen zu forgen hatte. Bei
dem Wechfel aller böhern von Suleiman und Omar ange-
ftellten Beamten und den Damit fich ändernden Regierungs—
prinzipien, befonders was die Behandlung der nicht moham-
mebanifchen oder neubefehrten Untertanen und Schußgenoffen
angeht, läßt fich die Fortdauer der Statthalterfchaft Samah’g,
welhen Omar nad Spanien gefchidt, nur der Schwäche der
Regierung Jezid's zufchreiben, und der ihm folgende Statt-
halter Abd Errahbman Ibn Abd Allah ward geradezu nur
vom Heere zu diefer Würde erhoben. Diefe Schwäche des
Chalifats, oder vielmehr die allgemeine Unzufriedenheit mit
dem Ghalifen und feinen Beamten wirfte indeffen auch höchſt
nachtheilig auf die Zuftände Spaniens. Es fehlte auch hier
unter der gemifchten Bevölferung von befehrten und nicht
befehrten Juden und Chriften, von DBerbern, yon Arabern
aus jemenidiſchem und ismaelitiihem Gefchlechte, an einem
lim in Afrika erfchlagen, weil er die (früheren) Schutzgenoſſen, deren
Uriprung aus Sawad war (d. h. befehrte Zuden oder Chriſten) wie:
der in ihre Heimat zurücichiefen und zur Kopfiteuer verpflichten
wollte, wie zur Zeit ihres Unglaubengd. Sie ernannten wieder ihren
frübern Statthalter Mohammed Ibn Jezid, und der Chalife geneh:
migte es.“ Bei Nuweiri lieſt man, nach der Weberiegung von
Slane: (journ. as. III. 9. 580.); Jezid arriva dans la province d’Afrique
Van 102, et il voulait y tenir la m&me conduite qu’el-Heddjadj avait
tenue envers les habitants du Sewad (la Babylonie) qui descendaient
d’ancetres tributaires. El-Hedjjadj les envoyait dans leurs villages
pour les obliger à payer la capitation (djezija) comme ils le faisaient
avant leur conversion ä l’Islamisme. Yezid voulait suivre le m&me
systeme dans la province d’Afrique, mais les habitans d’un commun
accord le firent perir et se mirent de nowveau sous la conduite de
leur ancien gouverneur Mohammed Ibn Yezid. «
Jezid IL 609
feften Bande, um Einheit in allen Unternehmungen hervor—
zurufen. Die nötbigen Berftärfungen der Heere aus Afrifa
und dem Mutterlande blieben aus, die Feldherrn waren mehr
auf augenblicklichen Gewinn, als auf dauerhafte Bortheile
für den Staat bedacht. So ward es den Chriften in Gallien
möglich, ihr Land vom Feinde eben fo fchnell wieder zu ſäu—
bern, als es befegt worden, und denen Spaniens, ein neueg
Königreich zu gründen, das einft wieder der Herrichaft des
Korans in Andalufien ein Ende fegen follte.
Mas zuerft die Züge der Araber über die Pyrenäen
betrifft, jo übergehen wir als fabelhaft die von manden Ara—
bern jchon dem Muſa zugejchriebenen und glauben, daß der
erfte Einfall der Araber in das fünlihe Franfreic gegen
Ende des erften Jahrhunderts der Hidjrab (718 n. Chr.),
unter Führung des Alhorr ftatt fand Y. Franfreih war
um dieſe Zeit eben fo in fich felbft zerfallen, wie Spanien
und Egypten, als fie von den Arabern unterjodht wurden,
Eudo, der Herzog von Aquitanien, kämpfte für Chilperic,
einen angeblichen oder wirklihen Sohn Childerich's II., gegen
Clotar IV., oder eigentlich) gegen Karl Martell, der in feinem
Namen berrfchte 2). Die Bewohner der ſüdlichen Provinzen
Frankreichs zerfielen außerdem noch in zwei fi einander
feindlih gegenüberftehende Theile, in Gothen, welche lange
im Beſitze der Macht und der Neichthümer gewefen, und in
Abkömmlinge der Römer und Gallier, welchen ihre norbifchen
Zyrannen nicht weniger verhaßt waren, als die fie von
Dften ber bedrohenden *), Darum ift es nicht unwahrfchein-
lich, das Alborr, ohne großen Widerftand zu finden, dag
ganze Land von Carcaffone bis Nismes durchftreifen und mit
vieler Beute beladen und zahlreiche Gefangenen entführend,
wieder nach Spanien zurüdfehren fonnte. Zweifelhaft bleibt
1) Conde ©, 69 Makk. ©. 407. Rod, Tolet, cap. X u. &
2) Vergl. Schloffer Weltgeſch. II., 1 ©. 168 u. ff.
8) ©, Reinaud. Invasions des Sarrazins en France p. 14 et sqg.
39
610 Dreizehntes Hauptſtück.
es indeffen, ob er auch die größeren Städte, namentlich Nar-
bonne ”) wirklich einnahm, und gewiß ift, daß er, ohne eine
Beſatzung zurüdzulaffen, fih wieder entfernte, fo daß fein
Nachfolger Samah, nahdem er zuerft die inneren Angelegen-
heiten der Halbinfel geordnet, unter Jezid's Chalifat die ganze
narbonenfifhe Provinz aufs Neue unterwerfen mußte. Im
Fahre 720 oder 721 führte diefer trefflihe Statthalter ein
ftarfeg Heer über die Pyrenden, nahm die fefte Stadt Nar-
bonne nad hartnädiger VBertheidigung ein und Tieß fie nod
beffer befeftigen, um den Mohammedanern einen großen Waf-
fenplag jenfeitS der Pyrenden zu fihern 9). Das Schidjal
1) Die Gründe gegen die Einnahme von Narbonne unter Al
Horr findet man in der hist. de Languedoc t. I. not. 82 p. 688,
Aſchbach ſchreibt ©. 55: Die hist. de Langued. ſucht vergeblih zu
beweifen, daß Alahor niht nah Narbonne gefommen ſei.“ Wenn
Isid. Pac. von Alhorr fagt, daß er »debellando et pacificando pene
per ires annos Gallianı Narbonensem petit,« fo läßt fih, wie in der
hist. de Lang. bemerft ift, allerdings nicht daraus fchließen, daß er
Narbonne eingenommen. Faft eben fo unbeftimmt lautet Roder.
Tolet: Misit (Suleiman) Alahor quem Hispanie prafecerat, ut Nar-
bonensem Galliam devastaret, et citeriorem Hispaniam, in qua Chris-
tiani aliqui rebellaverant subjugaret, qui et prædictam Galliam et
utramque Hispaniam, vi, fraude et deditione receptans, vectigali sub-
didit servituti.« Bei den arabifchen Autoren ift jedoch mach Conde
S. 69 ausdrücklich die Rede von der Einnahme von Narbonne unter
A Horr. Auch bei Son Abd Alb. heißt ed ©. 115, wo von Tarif
Zug nad Toledo die Rede ift: „Toledo liegt in der Mitte zwifchen
Marbonne und Cordova. Narbonne iſt die legte Grenzfeftung von
Andaluftieen. Omar's Befehl gelangte bis Narbonne. Später
eroberten die Ungläubigen diefe Stadt wieder und fie befindet fich
jest in ihrer Gewalt.” Daraus geht jedenfalls hervor, dag Nar—
bonne fpäteftens Anfang 720 fchon eingenommen war, ob aber dur
Al Horr oder Al Samah bleibt dabingeftellt. Wenn Isid. Pac. unter
Al Samah die Unterwerfung der narbonenfiihen Provinz wiederholt,
fo mwiderfpriht er fih darum nicht, da fie nah Al Horr’s Abzug
ſich wahrfcheinfich wieder gegen die Araber erhob,
2) Reinaud a. a. O. ©, 18, Aſchbach ©. 55, wo auch die
Duellen angeführt find.
Jezid IL 611
wollte aber, daß alle unter Jezid mit fo großem Erfolge
begonnenen Kriegsoperationen ein unglüdliches Ende nahmen.
Samah wendete fi nämlich nach der Einnahme von Narbonne
gegen Dften und rüdte bis Touloufe vor. Die Belagerung
diefer Feſtung hatte fchon begonnen, und ihr Fall war nicht
mebr fern, als der Herzog Eudo mit einem ftarfen Heere
zum Entfate berbeifam und die hartbebrängte Stadt rettete,
Die Schladht zwifchen den Befennern des Korans und des
Evangeliums war eine der blutigften und ward erft, als
Samah entweder todt oder fchwer verwundet vom Kampfplatze
getragen ward, gegen erftere entchieden, weil fie nad) dem
Falle ihres Anführers in Unordnung die Flucht ergriffen D.
Indeſſen ſammelten fih die Flüchtlinge bald um Abd Errah-
man Ibn Abd Allah Alghafiki, der fid) während der Schlacht
dur feine Tapferfeit ausgezeichnet, auch früher ſchon als
frommer ZTrabitionsgelehrter in hohem Anfehen ftand, und
in Narbonne fanden fie einen fejten Punft, den Eudo nicht
einmal anzugreifen wagte. Wie lange nun Abd Errahman,
1) Makk. ©. 83. »Ibnu Hayan relates that having invaded the
land of the infidels, he (Samah) was surrounded by their forces, who
poured on him on all sides, and that not one Moslem (?) escaped
that disastrous affair.« Diefe Wiederlage erlitten die Araber nad)
Son Chaldun u. X. den ten Diusl-Hudja 102 (Iten Zunt 721, nicht
10ten Mai, wie bei Pascual ©. 40%). Diejes Datum entipricht den
chriſtlichen Quellen (S. hist. de Longued, a. a. DO.) Andere Araber
fegen aber die Schlacht bei Touloufe erft ein Zahr fpäter. Einige
laſſen aub Samah niht in diefer Schladht, fondern in einem
Treffen gegen Pelagius, in der Nähe von Leon, umfommen, Sch
ffimme in Betreff der Schlacht von Toulofe den riftlihen Quellen
bei. Samah ward wahrfheinlih in diefer Schlacht verwundet, wie
auch ein Araber bei Borbon ausdrücklich erzählt, jo dag Abd Errah:
man den DOberbefehl übernehmen mußte, fpäter focht er wieder gegen
Pelagius und fiel. Mid beitimmt befonders für eine längere Dauer
son Samah’s Statthalterfchaft, daß, wie wir gleich fehen werden,
Son Abd Alhak. Andafa erft unter Hiiham nach Spanien kom—
men läßt.
39*
612 Dreizehntes Hauptflüd,
der mit einem Theile des Heeres nah Spanien zurüdzog,
Statthalter blieb, ift ungewig. Manche berichten, er fei erft
im folgenden Jahre durch Anbafı oder Ambafa erfegt wor:
den, Andere, fhon nah einigen Monaten. Nah einigen
Duellen folgte ihm zuerft noch Alhorr bis zum Tode des
Chalifen Jezid ). Dem fer, wie ihm wolle, fo gehört jeden-
1) Bei Son Abd Alb. ©. 121 lieft man: „Beihr Ihn Safwan
(Statthalter von Kairawan) reifte mit Geſchenken nad Syrien zum
Chalifen Sezid. Auf dem Wege dahin vernahm er Sezid’d Tod,
welher in der Nacht auf Freitag den 26ten Schaban 105 ftarb.
Beihr brachte die Gefchenfe dem Hıfbam Ibn Abd Almalit, welcher
ihn wieder nach Afrika zurückſandte. Er bemächtigte fih der Güter
Mufa’s Son Nußeir und mißhandelte deffen Interftatthalter und
feste über Andalus den Anbafa Ibn Suheim Alfelbi und
entieste den Alhorr (es heißt Al Djorr, aber wahrfcheinlich ift
der Punkt zu ftreihen). Ibn Abd Errahman Alabſi (ſoll vielleicht
Althakifi heißen, in arabifcher Schrift leicht mit Alabit zu verwechſeln).“
Auch Conde ©. 76 läßt Anbafa erft unter Hiſcham Statthalter wer-
den, obgleih er ſchon früher an der Spige der Armee gejtanden.
Auch bei Numeiri 1. 1. S. 581 wird zwar Anbafa fhon im Sahr 103
Statthalter von Spanien, aber jein Vorgänger wird auch Alhorr
Son Abd Errahman genannt. Bei Maff. ©. 31 heißt es nah Ibn
Hajjan, Anbafa ſei im Safar 103 (Auguft 721) von Sezid Ibn Abi
Muslim zum Statthalter von Spanien ernannt worden. Dies ift
aber offenbar faljh, da ja, wie wir aus Son Abd Alb. gefehen, der
doc gewiß über egyptiſche Angelegenheiten am Zuverläffigften if,
Behr Son Safwan jhon im Sahr 102 Statthalter von Afrika
war. Sc glaube daher, ohne Bedenken annehmen zu dürfen, daß
Anbafa erft unter Hiſcham wirfliher Statthalter geworden, daß er
aber jhon früher, jogar vor Al Samah’s Tode, in fo großem Ans
fehen ftand, daß leicht manche Autoren den Beginn feiner Statt:
halterjchaft früher fegen Fonnten. Zmwifchen ihm und Al Samah
mar gewiß einige Zeit Abd Grrahman und vielleicht auch wieder Al
Horr Statthalter, oder mwenigftens der That nad Befehlshaber in
Epanien. Beide werden in dem Verzeichniſſe der Statthalter gar
nicht genannt (S. Makk. ©. 405 u. append. ©, VI), weil ihre Er:
nennung nicht von SKairaman oder Damasf ausging und daher
kömmt es wohl, das Anbafa’d Statthalterfchaft zu weit vorgerückt
ward,
Jezid II 613
falls der Zug des Stattbalters Anbafa über die Pyrenden
bem folgenden Chalifate an,
Ohne Einfluß blieb aber gewiß die von den Moham-
medanern erlittene Niederlage bei Touloufe, die erfte, welche
ihnen europäische Chriften beigebracht, nicht auf die chriftliche
Bevölferung Spaniens und die Lleberbleibfel des königlichen
Haufes, welche in den Gebirgen von Afturien und Biscaya
eine Zuflucht gefucht.
Schon einige Jahre früher, unter der Statthalterichaft
des Alhorr, während er jenfeitS der Pyrenäen Streifzüge
machte, batten ſich die Chriften, unter Anführung des Pela-
gius, in den Gebirgen Afturiens erhoben. Dieſer Aufftand,
von Alhorr's graufamer Herrihaft begünftigt, ſchien dieſem
Statthalter fo bedenflih, daß er Alfama mit einer Truppen-
abtheilung gegen diefelben ſandte. Die Araber wurden
aber im Thale Cangas gejchlagen und Alfama felbft verlor
das Leben ). In der eriten Zeit der Statthalterichaft des
1) Dfahabi u. A. bei Makk. ©. 260 u. ©. 407 N. 16. Aus
Alkama baten die hriftlihen Chronifer Alraman gemacht. ©. auch
Lembke ©. 321 und Aſchbach ©. 147 u. ff., welcher, da ihm die
arabiihen Nachrichten nicht befannt waren, die von Velagius’ Er-
hebung unter Al Horr und Anbafa fprechen, auch Isidor. Pac. davon
fhmeigt, den Quellen beiftimmt, weldhe die Regierung des Pelagius
um etwa 16 Sahre jpäter beginnen laſſen. Da mande von einem
Aufſtande unter Al Horr und Andere unter Anbafa fprechen, fo läßt
fih wohl annehmen, daß verfhiedene Kämpfe vorfielen. War Al
Horr wirklich nod einmal Statthalter unmittelbar vor Anbafa, fo
ift die Meinungsverfchiedenheit der Quellen um fo leichter zu er:
Flären. Nur müßte dann der Aufftand etwa gegen die Mitte des
Sahres 105 (Ende 723) gefest werden. Noch ijt endlich zu erinnern,
dag Anbafa, nah einigen Berichten bei Zbn Abd Alb. (S. 122)
noch einmal bis zum Sahr 116 Statthalter war. Die YUutoren, die
Pelagius’ Zug unter Anbaſa's Statthalterfchaft angeben, meinen
wahrfcheinlic die zweite, denn die erfte endete fchon im Sahr 107,
Pelagius’ Tod wird aber in das Sahr 183 (750) gefegt und doch
feiner Regierung nur eine Dauer von 19 Sahren gegeben. Indeſſen
mochte Pelagius erft nah dem Kampfe zum König gewählt worden
614 Dreizehntes Hauptſtück.
Al Samah wagte es wahrfcheinlich Pelagius nicht, wieder
aus den Gebirgen berporzutreten und jener hielt es entweder
nicht der Mühe werth, ihn zu befämpfen oder fürchtete, der
für ein größeres Heer unzugänglichen Dertlichfeit willen, dag
Schickſal Alkama's. Nach feiner Niederlage oder nad feinem
Zode aber hören wir aufs Neue von dem Widerftande der
Gothen unter Pelagius, welche zwar Anbafa wieder in bag
Gebirge zurüctrieb, doch nicht zu befiegen vermochte,
Während aber, wie wir der Neihe nad gejehen, das
große NReih des Islams in allen feinen Theilen, im Innern
ſowohl wie an den Grenzen, durch Emporung von Stattz
haltern und Bolfsbewegungen, durch offenen Krieg und heim:
liches Miſſionsweſen tief erfchüttert ward, gab fich der Chalife
Jezid ungeftört den Freuden der Liebe und des Gefanges hin,
Seine Liebe fcheint zwar reiner und tiefer gewefen zu fein,
als die Euleiman’s, aber feine Sorglofigfeit um den Staat
aud um fo größer. Er foll eine feiner Sflavinnen fo heftig
geliebt haben, daß er, gegen alle mufelmännifche Sitte, fe drei
Zage unbeerdigt und auch fpäter noch einmal ihr Grab öffnen
lieg. Auch foll der Schmerz um ihr Dahinfcheiden wenige
Tage nachher feinem Leben ein Ende gemadt Haben. Er farb,
noch nicht vierzig Jahre alt, in der Provinz Balfa, nad einer
fein, Das Wahrfcheinlichfte in diefer viel beftrittenen Frage ift, daß
allerdings fchon unter Al Horr Bemegungen der Gothen gegen die
Araber in den Gebirgen Afturiens ftatt fanden und fich oft wieder—
holten, daß fie aber Feinesmegs fo bedeutend waren, mie es die
fpanıfchen Chroniken fchildern, darum auch leicht von Isid. Pac. über:
gangen werden Fonnten. Bei der hier obmwaltenden Verfchiedenheit
der Quellen, ift es fehr leicht, für und gegen jede Behauptung Bes
weiſe zu finden. Man nehme z. B., daf die Araber erzählen: Pe—
lagius verhungerte mit den Seinigen in den Gebirgen bis auf 30
Mann, welche die Araber nicht der Mühe werth hielten, länger zu
verfolgen, während die Spanier im Kriege mit Pelagius 124,000
Mufelmänner umfommen laffen.
Jezid. 615
unheilvollen Regierung von vier Jahren und einem Monate
in der Nacht des 26ten Schaban des Jahres 105 N).
Zu feinen Nachfolgern hatte Jezid ſchon gleich bei feinem
Regierungsantritte feinen Bruder Hiſcham und feinen damals
elfiäbrigen Sohn Welid beftimmt, der auch wirflih nad
Hiſcham Chalife wurde, As Welid das fünfzehnte Jahr er-
reicht hatte, joll Fezid, wie fo manche Andere vor ihm, den
Entfhlug gefaßt haben, feinen Sohn zum nächften Thron-
erben zu beftimmen, aber fein baldiger Tod geftattete ihm
nicht mehr die Abänderung feiner früheren Verfügungen 2).
1) Dies entipriht der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 724.
Somohl bei Ibn Abd Alb. als bei Tabari wird Freitag Nacht ge
nannt, d. h. die Nacht von Donnerftag auf Freitag. Der erfte
Sanuar des Sahres 724 war ein Samftag.
2) Tab. fol. 144.
Vierzehntes Hauptftüd.
Hifdam.
Hiſchams Charakter. — Umtriebe der Hafhimiten. — Chalid
Son Abd Allah Statthalter von Irak. — Er mißhandelt feinen Vors
gänger. — Verſchwörung in Kufa. — Kämpfe gegen den Rebellen
Bahlul. — Chalid begünftigt die Ehriften. — Will den Aufrührer
Alfachtajani begnadigen. — Hiiham entiegt Chalid. — Berjchiedene
Gründe feiner Ungnade. — Sufuf Ibn Omar Statthalter von Sraf.
— Chalid wird eingeferfert. — Hifham befreit ihn. — Empörung
des Zeid Ibn Ali in Kufa. — Wird von den Kufanern verlaſſen.
— Rampf in den Straßen Kufa’s. — Zeid wird erjchlagen. — Die
Abbafiden werden fühner. — Vorfälle in Choraſan. — Emiffäre der
Abbafiden und Bürgerkrieg. — Aſad Ibn Abd Allah’ Statthalter:
fhaft. — Kriege gegen Ghorat. — Aſchras wird Statthalter. —
Aufftand in Transoranien. — Djuneid's Statthalterfchaft. — Zug
gegen Samarfand. — Niederlage der Araber unter Saurat. — Aßim
wird Statthalter. — Harth Son Schureih empört fih gegen ihn, —
Gr verbündet fih mit den Ungläubigen. — Afad kommt wieder nach
Chorafan. — Statthalterfchaft des Naßr Ibn Sejjar. — Er unter:
wirft Ferghana. — VBerderbliche Lehren eines Emiſſärs der Abbas
fiven. — Kriege Djuneidd in Indien. — Seine Treulofigkeit. —
Abfall der Indier. — Gründung mufelmännifcher Städte am Indus.
— SFriedenefhlug mit den Alanen. — Maslama’d Kriege in Ad:
Hiſcham. 617
ferbidjan. — Niederlage der Araber unter Djarrah. — Said Ibn
Amru's Zug gegen die Chofaren. — Maslama's Tod. — Merman
wird Statthalter von Armenien. — Neuer Krieg gegen die Alanen,
— Maslama's und Muamia’s Feldzüge in Kleinafien. — Belages
rung von Nycea. — Niederlage der Araber unter Abd Allah Albat-
tal. — Befhr Son Safmans Statthalterfchaft von Afrifa. — Raub»
zug einer arabiihen Flotte nah Sicilien. — Aufitand der Berber
in Weftafrifa. — Ermordung des Präfeften von Tanger, — Verei—
nigung der Berber mit den Charidjiten, — Niederlage der Araber
unter Chalid Son Abi Habib. — Kolthum fommt mit einem zweiten
Heere um. — Sein Neffe Baldj flüchtet fih nah Spanien. — Hans
zala Ibn Safwan Statthalter in Afrifa. — Kimpfe gegen Berber
und Charidjiten bei Kairaman. — Niederlage der Charidjiten. — Zu:
fände in Spanien unter Anbafa. — Seine Einfälle in Gallien. —
Udfrah’8, Jahja's und Hudfeifa’s Verwaltung. — Othman, Alheis
thbam und Mohammed Son Abd Allah. — Abd Errahman's zweite
Statthalterihaft. — Feldzüge jenfeits der Pyrenäen. — Schlacht bei
Tours zwifhen Abd Errahman und Karl Martell. — Tod des Er:
ftern. -— Abd Almalif Son Katan folgt ihm. — Aufftand der Chri—
ſten im nördlihen Spanien. — Okba's Statthalterfchaft. — Bündnif
zwiihen Maurontius und den Arabern. — Marbonne von Karl
Martell belagert. — Unruhen in Spanien. — Abd Almalıf wird
wieder Statthalter. — Wird von Baldj erfchlagen. — Empörung
gegen Baldj und fein Tod. — Anarchie in Spanien. — Hifhams
Gerechtigfeitsliebe. — Sein Geiz und fein enthaltjames Leben. —
Berhältnig zu feinem Nachfolger. — Sein Sohn Maslama, — Der
Dichter Kumeit. — Hiſchams Tod.
—
Hiſcham hatte feines der Lafter feines Vorgängers. Er
betrachtete den Beſitz der Krone nicht bloß als ein Mittel,
fih alle irdifhen Genüffe zu verichaffen, fondern als eine
Berprlihtung, jih gänzlich dem Wohl des Staates zu opfern.
Er verbannte alle, mit den alten Sitten des Islams nicht
barmonirenden, aus Griehenland und Perſien entliehenen
Bergmügungen von feinem Hofe T), lebte fo einfach und fo
1) Einft brachte man einen Mann vor ihn, bei dem man einen
MWeinfrug und einen Tamburin gefunden, Er nannte den Tamburin
618 Vierzehntes Hauptſtück.
fireng ortbodor wie Omar und forderte einen ähnlichen Les
benswandel von feiner Umgebung ). Demohngeachtet hat
auch er während feiner zwanzigjährigen Regierung nicht nur
gegen Äußere Feinde und empörte Grenzprovinzen, fondern
auch gegen innere Unruhen zu kämpfen. in Theil der
Stürme, welche Hiſchams Chalifat bewegen, mag wohl feinen
Statthaltern zugefchrieben werden, die nicht immer in feinem
Einne bandelten, er felbft hatte aber auch zwei Untugenden,
welche in einer verdorbenen Zeit, wie die feinige war, und
unter einem Bolfe, bei dem Habgier und Rachſucht fo viele
Gewalt ausübten, höchſt nachtheilig wirfen mußten. Hifcham
war geizig und verfäumte daher, durch Gefchenfe feine Feinde
zu gewinnen und feine Freunde zu erhalten. Er war ferner
zum Argwohn geneigt, glaubte daher leicht mandes Sch limme,
das nur perfönliher oder Stammhaß eines Verläumders er-
fann, und dies trieb ihn zu manchen Gewalttbaten fo wie
auch zu häufigem Wechfel feiner Statthalter. Beſonders
fhwierig ward aber dem Hiſcham das Negieren, weil bie
Haſchimiten durd ihre Emiffäre fortwährend feine Mängel in
ein grelles Licht ftellen, feine Tugenden verbeimlichen, fein
ganzes Gefchleht als ein gottlofes und das ihrige ale das
allein beglückende darftellen liegen. Einen fehr günftigen Bo»
den fanden diefe Emiffäre in Chorafan, wo die gemifchte
mufelmännifche Bevölkerung ohnehin fortwährend in Unfrieden
unter ſich ſelbſt und mit ihren Statthaltern lebte und in Irak,
wo von der frübeften Zeit ber es jedem Prätendenten leicht
eine Trommel und faate: zerfchlaget diefe Trommel an feinem Kopfe.
Tab. f. 141.
1) Einer feiner Söhne fam einft Freitags nicht zum Gebete in
die Moſchee. Hiſcham ftellte ihn darüber zur Rede und jener ents
fhuldigte fih damit, dag fein Maulthier fo Schlecht gelaufen fei, daß
er zu fpät fam. Hifbam ſagte ihm aber: wäreſt du abgeftiegen
und zu Fuß gelaufen. Zur Strafe entjog er ihm einen ganzen Jah—
reögehalt, Ibid,
Hiſcham. 619
ward Anbänger zu finden, die ihn freilich auch im Augenblide
der Gefahr eben fo ſchnell wieder aufgaben. Da Hiſcham
die Statthalterfhaft von Irak und Chorafan wieder mit Je—
meniden befeste, fo war dies ſchon Grund genug für mande
aus Mudhar entfuroffene Stämme, um fi) denen anzuſchlie—
fen, welche an dem Sturze der Dynaftie der Omejjaden ar:
beiteten, und darum feben wir aud, daß den Emiffären unter
Hiſcham befonders aufgetragen ward, fi bei den Nachkommen
Mudhar’s einzufchmeicheln Y. Manche diefer Unrubeftifter
wurden freilich entdeckt und auf graufame Weife hingerichtet,
aber es finden fi) immer wieder Menihen, die, entweder
aus Liebe zu dem Gefchlehte Mobammeds, oder aus Haß
zur herrſchenden Dynaftie, vielleicht auch von dem Gelde der
1) Wir haben fhon oben bemerkt, das, nad) einigen Berichten,
die eriten Emiffäre der Abbafiden erft unter Hiſcham nah Chorafan
famen. Die Stelle bei Tab. T. XL f. 60 lautet: „Der erfte Mifs
fionär (fo werden fie genannt, weil die Religion ihrer Herrfchjucht
zum Derfmantel dienen mußte) der Abbafiden nach Chorafan war
Zijad Abu Mohammed, ein Maula (Adoptirte) ded Stammes Ham
dan unter der erften Statthalterfchaft des Ajad Sen Abd Allah. Er
war abgejandt von Mohammed Ibn Ali Son Abd Allah Ibn Abbas,
welcher ihm fagte: reife über Semen und ſchmeichle dem Stamme
Mudhar, mweihe aber einem gewiſſen Ghalib aus Srihehr aus,
weil er zu große Liebe für die Söhne Fatima’s (Ali's) heat. (Nah
Andern war der erite Weberbringer eines Briefes von Mohammed
Son Ali nah Choraian, Harb Son Dthman aus Bald, ein Maula
der Benu Keis Son Thalaba.) Zijad warb für die Abbafiden, er:
zählte von dem ungerechten Lebenswandel der Dmejjaden, und fpeifte
das Volk. Ghalid aus Irſchehr fam auch zu ihm, fie entjweiten
ſich aber bald wieder, weil Ghalib das Geichleht Abu Talibs (Ali's)
erhob, mährend Zijad die Söhne des Abbas pried. Zijad brachte
einen Winter in Meru zu und gewann dajelbft mehrere Anhänger.
Ajad ward von feinen Umtrieben in Kenntniß gefegt, da er fih aber
für einen Kaufmann ausgab, begnügte jener fih damit, ihn aus der
Stadt zu verweifen. Erſt ald er zum zmweitenmale in der Stadt ge:
funden ward, lieg ihn Aſad nebit acht feiner Genoſſen hinrichten.
Vergl. auch Abu⸗l-Faradj. S. 108.
620 Bierzehntes Hauptftüd,
Abbaftden verführt, das Volk gegen die Omejjaden reizte und
von der Rechtmäßigkeit der Anfprüche der Haſchimiten I) auf
das Chalifat zu überzeugen fuchten,
Die Statthalterfhaft von Irak ward bald nad Hiſchams
Thronbefteigung dem Chalid Ibn Abd Allah Alkasri 2) über-
tragen, der ſchon unter Welid einige Zeit Statthalter von
Mekka gewefen und die von Chorafan und Transpranien fei-
nem Bruder Aſad. Chalid machte fich gleich durch Mißhand—
lung feines Vorgängers Dmar Ibn Hubeira verhaßt. Der
Chalife Hatte ihn freilich beauftragt, von Omar firenge Re—
henfchaft zu fordern, das heißt mit andern Worten, ihm alles
Geld abzunehmen, das er während feiner Berwaltung gefam-
melt. Chalid gebrauchte aber, um ficher zu fein, daß auch
alles ausgepreßt wird, die fhwerften Foltern und finfterften
Kerfer, und als e8 Omar durch Beftehung der Kerfermeifter
gelang zu entfommen, ließ ihn Chalid verfolgen und umbrin-
gen. Hiſcham ließ freilich aud) den Mörder Omars zu Tode
foltern, dem Chalid, der wahrfcheinlih den Mord befohlen,
gab er aber nur einen Verweis und ließ ihn in feinem Amte ?),
Chalid wird zwar als ein fehr freigebiger Mann gepriefen 9),
1) Hafchimiten find fomohl die Aliden als die Abbaftden, weil
beide von Hafhim, dem Urgroßvater Mohammeds, abftamımen, die
Dmejjaden aber von Hafhims Bruder Abd Schemd. ©. Leb. Moh.
©. 11.
2) Sp richtig bei Abulf. S. 458 und Ibn Challifan I. 484, wo
die ganze Genealogie bis Kahtan angegeben ift. Bei Tab. heißt es
überal Alkuſcheiri. Der Stamm Kuſcheir entfpringt von Kaab
Son Rabia, der Stamm Kafr aber durd Badjilah von Saba und
Kahtan, gehört alfo zu den Zemeniden.
5) Tab. auch in der türf. Heberf. ©. 134.
4) Son Challik. a. a. O. Einer feiner Günftlinge fagte ihm
fogar einſt: „Gott ift wohlthätig und fo bift auch du, Gott ift frei:
gebig und jo bift auch du,” und fo ftellte er ihn in zehn Eigen:
jhaften neben Gott. Hiſcham madte ihm Vorwürfe darüber, daß
er fo gottesläfterifhe Schmeichelei duldete. Darauf foll Chalid ers
wiedert haben, daß er (der Chalife) weit Schlimmeres geduldet, in«
Hifcham. 621
aber nicht felten findet man, nicht bloß im Driente, die größte
Habgier auf der einen mit grenzenlofer Verſchwendung auf der
andern Seite gepaart.
Indeſſen bören wir in den dreizehn erften Jahren der
Statthalterſchaft Chalids von feinen ernten Unruhen im ei—
gentlihen Zraf, was theilg feiner Strenge und Umficht, theils
auch feiner Popularität bei der Maſſe des Volkes zugefchrie-
ben werden mag, bei dem immer ein Jemenide größern An—
bang fand, Erft in den legten zwei Jahren mußte er gegen
eigentliche Nebellen fämpfen. In Kufa hatte der Zauberer
Mughira Ibn Said eine Verſchwörung angezettelt, an welcher
befonders die dienende Klaffe Theil genommen. Chalid ent:
deefte fie jedoch noch zur rechten Zeit und lieg Mughira und
fieben andre Rädelsführer öffentlich) verbrennen ). In Ba—
bylonien ftreifte ein gewiſſer Bahlul mit einer Bande umher,
mordete die Beamten Chalidg und forderte das Volk auf,
fih gegen einen Statthalter zu erheben, „der Mofcheen ein-
reißen, Kirchen und Synagogen aufbauen, Magier über
Mufelmänner berrichen läßt und Gläubigen geftattet, ſich mit
Ungläubigen zu verheirathen, Vorwürfe, die zum Theil darin
ihren Grund hatten, dag Chalids Mutter eine Chriftin war
und er ihre wirklich eine Kirhe bauen ließ, vielleicht ihret=
willen auc überhaupt die Chriften begünftigte. Bahlul ftand
wahrfcheinlich auch mit den Abbafiden in Verbindung, wenig-
ftens trug er auch wie fie eine ſchwarze Sahne D). Chalid
— — —
f
!
dem ihn einft jemand fragte, ob er feinen Gefandten oder Stellver
treter (Chalife) vorziehe und er antwortete: meinen Stellvertreter,
worauf dann jener verjegte: nun du bift Gottes Stellvertreter und
Mohammed war fein Gefandter, folglih ihn über den Propheten
erhob,
1) Tab. fol. 101.
2) Ibid. fol. 102. Er pilgerte nah Mekka, wo fih ihm Gleich—
gefinnte anſchloſſen. Sie geben ſich überall ald Gefandte Hifhams
aus umd laſſen fih Poftfameele geben, Sn einem Städtchen in Sa:
622 Vierzehntes Hauptſtück.
fandte zuerft 800 Mann gegen ihn, worunter 600 Syrer,
welche nach Indien beftimmt waren, aber ihr Häuptling ward
getödtet und die Soldaten in die Flucht gefchlagen. Eine
zweite von Chalid gegen ihn geſchickte Truppenabtheilung hatte
ein gleiches Schiefal. Bahlul unterlag erft, als zu gleicher
Zeit drei Heere gegen ihn ausrüdten, eines von Kufa, eineg
aus Syrien und. eines aus Moßul. Nun folgen nod drei
andere Aufftände unter Amru Aljafchfart, unter Manazi und
unter Alſachtajani. Lesterer ward lebendig gefangen, zeigte
aber, als er vor Chalid gebracht wurde, eine fo tiefe Kennt—
nig des Korans und fo glänzende Beredfamfeit, daß er ihm
gerne das Leben fchenfen wollte. Hifham machte ihm
Vorwürfe über feine Schwäche gegen einen Rebellen, welcder
fih mehrerer Mordthaten und Brandftiftungen fchuldig ge-
macht und befahl, daß er hingerichtet werde, obgleich Chalid
nochmals um deffen Begnadigung anhielt. Er ward nebft
allen feinen Mitſchuldigen verbrannt, ftarb jedoch mit der
Hingebung eines Heiligen und ftatt, wie feine Genoffen,
Jammertöne auszuftoßen, fuhr er unter den gräßlichften Feuer-
qualen fort, Sprühe aus dem Koran herzufagen 2).
wad wollte Bahlul Efftg Faufen und erhielt Wein. Er verlangte
fein Geld zurück und da er es nicht erhielt, klagte er beim Präfek—
ten, aber auch diefer ſprach ihm kein Recht, weshalb er mit deſſen
Ermordung begann, gegen den Rath feiner Genoſſen, die bis Kufa
ihre Rolle fortfpielen wollten, um Chalid todten zu können. Weber
Shalids Ruf als ſchlechter Mufelmann lieſt man auch bei Ibn Chal-
lifan ein Gedichtchen von Farazdaf, in welchem er das Kameel ver-
fluht, das Chalid nach Irak getragen. Wie kann ein Mann, fagt
der Dichter, deffen Mutter nicht an die Ginheit Gottes glaubt, ein
guter Imam fein? hat er nicht feiner Mutter ein Klofter mit einem
Kreuze errichtet und aus Haß gegen den Islam Minarete der Mo—
ſcheen zerftört ?
1) Ibid. fol. 105. Sie wurden in der Moſchee in Rohr einge:
bunden, das man mit Pech befchmierte und dann auf einem freien
Pape anzündete,
Hiſcham. 623
Bald nad diefem Borfalle ward Chalid entfegt, und eg
ift nicht unwahrſcheinlich, daß das Mitgefühl, dag er für Als
fachtajani gezeigt, den Chalifen bewog, ihm einen fo wichtigen
Poften nicht länger anzuvertrauen, obgleih die arabiſchen
Duellen andere Gründe angeben I), worunter au) feine Liebe
zu den Nachfommen Ali's genannt wird ?). Die unermeß-
lihen Reichthümer, die er befaß, waren indeffen für den hab-
füchtigen Chalifen auch ſchon Grund genug zu deffen Entfegung,
bei der ihm natürlich alles abgenommen ward. Der Thafi-
fite Jufuf Jon Omar, der bisher Statthalter in Jemen ge:
wejen, warb zum Statthalter von Irak ernannt. Schon
als Thakifite glübte ev von Haß und Nahe gegen Chalid,
der Dmar Jon Hubeira Alfazari foltern und morden ließ,
welcher au zu den Stämmen Mudhar's gehörte. Er hatte
fhon Proben von feiner Unmenfchlichfeit bei der Empörung
des Ibad Alraſi in Südarabien abgelegt. Hiſcham geftattete
1) Bei Tab. f. 115 u. ff. wird unter andern auch erzählt, was
man bei Reiske in den Noten zu Abulf. S. 127 aus Nuweiri findet,
er habe fih über Hiſcham luſtig gemadt und ihn „Sohn der Blöd—
finnigen“ genannt. Seine Mutter war nämlich, fo erzählt Tabari
f. 48, ganz kindiſch, fo dag fie mit Puppen fpielte, weshalb ſich auch
Abd Almalif, nah Hiſchams Geburt, von ihr fheiden lief. Dann
führt aber Tab. auch andere Berichte an, denen zufolge Hiſcham
neidifch auf Chalids große Einfünfte war. Der Erlös feines Korns
allein foll jährlich 20,000,000 Dirhem betragen haben. Bei Ibn
Challifan wird als Grund feiner Entjegung angegeben, daß er einer
Frau, welcher einer feiner Beamten Gewalt angethan, eine unan—
ftändige Antwort fratt einer Genugthuung gab. Abulf. erwähnt nur
Chalids Tod, unter Welid, Nuweiri aber deſſen Entiegung unter
Hiſcham, fie widerfprechen ſich nicht, wie Reiske a. a. D. glaubt.
2) Noch ein Grund liege fih vermutben, denn Tab. berichtet
fol. 145, daß, als Hiibam feinen Sohn an Welids Stelle zum Nach—
folger ernennen wollte, wovon weiter unten die Rede fein wird,
Chalid ihn in diefem Vorhaben nicht unterftügte, Auch fandte His
fhams Sohn deshalb dem Thalid, als fein Bruder Afad farb, eine
Satyre ftatt eines Beileidſchreibens.
624 Vierzehntes Hauptſtück.
indeſſen dem rachſüchtigen Juſuf diesmal nicht, ſein Opfer
nach Herzensluſt zu peinigen; nur einmal durfte er Chalid
foltern laſſen, weil der Chalife, trotz den großen bei ihm
vorgefundenen Schätzen und Gütern, doch noch hoffte, mehr
yon ihm zu erpreſſen I). Nachdem er 18 Monate in Juſufs
Kerker zugebracht, Tieß ihn Hiſcham fogar wieder in Freiheit
feßen und troß wiederholter Anklagen Juſufs, an einem Feld—
zuge gegen die Griechen Theil nehmen 2). Wir werden auf
Chalid's weiteres Schidfal unter dem folgenden Chalifate
zurüdfommen. Sp viel mußte aber bier mitgetheilt werben,
weil Chalids Entfegung, wenn aud nicht Urfache, doch Ver—
anlaffung eines fehr bedenklichen Aufftandes ward, welcher in
dem Jahr 122 der Hidjrah (740 n. Chr.) in Kufa ausbrad).
Bei der von Jufuf über Chalid's Verwaltung angeftellten
Unterfuhung ergab fi) nämlich, oder nad andern Berichten
1) Einer von Chalids Freunden, Aban Ibn Welid, hatte gleich
mit Sufuf ausgemaht, Chalid würde 9,000,000 Dirhem bezahlen.
Als er dies Chalid fagte, bemerkte ihm diejer, er hätte nicht gleich
fo viel verfprechen follen, denn nun würde Sufuf noch mehr begeh-
ren. Aban ging wieder zu Sufuf und fagte ihm, Chalid Fünne nicht
fo viel bezahlen, als er geglaubt habe. Gut, fagte Sufuf, der ins
zwifchen vernommen hatte, wie reich Chalid war, ich nehme alfo
auch mein Wort zurück und fordere 100,000,000. Diefe Summe
fheint nicht zu groß, wenn die oben für den jährlichen Erlös der
Frucht angegebene richtig ift. Ibid. fol. 114.
2) Ibid, f. 169, wo Chalids Tod berichtet wird. Seine Befrei-
ung fand im Schammwal 121 ftatt. Sufuf klagte ihn auch an, die
Aliden bereichert zu haben, aber Hifham glaubte es nicht, dann wur-
den feine Freigelaffenen als Brandftifter in Damask angeklagt, wor:
auf Hifham alle Verwandten Chalids einferfern ließ, fpäter ward
aber der wirkliche Brandftifter entdect und Chalids Familie wieder
in Freiheit gefegt. Er und fein Sohn Jezid wurden indeffen noch
einmal verhaftet, weil er angeklagt ward, den Entfchluß geäußert
zu haben, bei der nächſten Kränfung ſich den Abbafiden anzufchlie-
hen, auf Verwenden feines Bruders Ismail ward er aber auch dies—
mal wieder von Hiſcham frei geſprochen.
Hiſcham. 625
erklärte Chalid unter der Folter, als er über einige im Staats—
ſchatze fehlende Summen keine Rechenſchaft zu geben wußte,
er habe ſie dem Zeid Ibn Ali, einem Urenkel des Chalifen
Ali, in Verwahrung gegeben, welcher unter feiner Statthalter—
haft einige Zeit in Kufa zugebracht hatte. Hiſcham ließ Zeid
Fon Alt verbören, und da er, nad einigen Berichten Alles, -
nad andern einen Theil der Forderung Chalid's Täugnete,
ward er nah Irak gefickt, um mit Chalid vor Gericht zu
fteben Y. Diefer Prozeß entzweite Zeid Ibn Ali ſowohl mit
dem Chalifen 2) als mit feinem Statthalter Juſuf und brachte
ihn nach Jrak, wo er einige Zeit öffentlich leben durfte. Dann
bielt er fich verborgen in Kufa, heirathete ein Mädchen aus
dem Stamme Azd, wodurd) er mit den Jemeniden, welche
den thafifitifchen Stattbalter verabfcheuten, in noch nähere Ver—
bindung fam 3), und lieg fi heimlich Huldigen, troß aller
Warnungen #) feiner Freunde, vor dem Wanfelmuthe der Ku—
faner. Zehn Monate trieb er fih in Kufa, bald bei diefem,
bald bei jenem Verwandten oder Schiiten, herum und fanbte
V Es kommen bei Tab. verfchiedene Traditionen vor. Einige
behaupten, Zeid geftand ein, Geld empfangen zu haben, nicht aber,
wie Chalid angab, au ein Gut von 10,000 Dinaren. Nach Andern
machte Zezid Son Chalid eine Forderung an Zeid. Hier fümmt f. 122
die ſchon oben angeführte Stelle vor, wo Zeid zu Juſuf jagt: wie
kannſt du glauben, dag mir ein Mann Geld gibt, der meine Väter
auf der Kanzel ſchmäht? Einige berichten, Chalid geftand zulegt
ein, er habe dies nur ausgefagt, um einige Zeit von der Folter be-
freit zu werden.
2) Tab. f. 121 führt auch noch einen andern heftigen Wort⸗
wechſel zwiſchen Zeid und Hiſcham an.
8) Das er nichts Anderes bei dieſer Ehe beabſichtigte, als ſich
einen größern Anhang zu ſichern, geht daraus hervor, daß er zuerft
die Mutter diefes Mädchens heirathen wollte.
4) Salma Son Kuheil fagte ihm: war nicht Hufein’s Zeit beſſer
als die unfrige und doch hatten von 80,000 Menfchen, die ihm ge-
huldigt, nur einige hundert bei ihm ausgeharrt. Ibid. £. 124.
40
626 Vierzehntes Hauptſtück.
Emiſſäre durch ganz Irak, um alle Anhänger ſeines Hauſes
für ſich zu gewinnen. Es dauerte indeſſen nicht lange, ſo
ward Juſuf von Zeid's Aufenthalt in Kufa in Kenntniß ge—
ſetzt und Alhakam Ibn Alßalt, Präfekt von Kufa, ward von
ihm aufgefordert, Zeid's Verſteck ausfindig zu machen.
Sobald aber die Regierung ernftlihe Schritte zur Ber:
haftung Zeid's that, wendete fih ſchon ein Theil derjenigen
von ihm ab, die ihm vor Kurzem, ohne ſich weiter um fein
Urtheil über eine längft vergangene Zeit zu kümmern, geſchwo—
ren batten, bis zum Tode für ihn zu fämpfen. Statt wegen
der ihm drohenden Gefahr entdeckt zu werden, den Aufitand
zu befchleunigen, richteten num manche Schiiten biftorifch dog—
matifche Fragen an ihn und fagten fih von ihm los, weil er,
der Enfel Hufein’s und Urenfel Alt’s, fein ganz fanatifcher
Schiite war. Ste fragten ihn nämlich um fein Urtheil über
Abu Bekr und Omar. Zeid antwortete ihnen, das Chalifat
habe zwar fogleih Ali gebührt, doch feien diefe beiden Cha-
Iifen vom DBolfe gewählt worden und haben nad Net
und Gefes regiert, Die Schiiten begnügten fi) mit diefer
Antwort nicht, denn fie verlangten von ihm, dag er Abu Bekr
und Omar geradezu als Ufurpatoren erkläre und erfannten
daher ftatt feiner einen Enfel Ali's, Diafar Jon Mohammed,
als Imam an, obgleich diefer fie felbit früher an Zeid ge-
wiefen hatte), Die Zahl der Schiiten, welche mit Zeid's
—
1) Sp wörtlich im Wrterte f. 130. Dafür hat der türf, Tab.
S. 143: „Die Schiiten gingen (nach dieſer Unterredung mit Zeid)
zu Djafar nach Medina und berichteten ihm Zeid's Worte, in Betreff
Abu Bekr's und Omar's. Djafar fagte: auch ich würde mich fo
ausdrüden, drum fürchtet Gott und wenn ihr meinem Better Treue
geſchworen, fo erfüllet auch euern Schwur! er ift des Smamats wür:
diger als ich. Die Leute Fehrten hierauf wieder nach Jrak zurüc,
entichuldigten fih bei Zeid Son Ali und wollten ibm aufs Meue
huldigen. Er fagte aber; eure Huldigung ift noch vollfommen, es
bedarf feiner Erneuerung derſelben.“ Man fieht aus diefem Zuſatze
die Abſicht eines Halbſchiiten glauben zu Taffen, auch der fromme
Hiſcham. 627
Anſicht übereinftimmten, war indeffen noch groß genug, um
ihm Hoffnung zu geben, jobald er öffentlich als Prätendent
in Kufa auftreten würde, fogleich die Regierung der Omej—
jaden flürzen zu fünnen. Als er aber am verabredeten Tage,
Neumond Safar 122 (6. Januar 740), die Fahne des Auf-
rubrs erbob, ward die Mofchee, in welcher ein Theil der
Verſchworenen verfammelt war, auf Befehl des Statthalters,
den feine Spione von Allem unterrichtet hatten, yon Truppen
umzingelt und von den Tauſenden, die Zeid gehuldigt hatten,
folgten nur einige Hundert I) feinem Rufe. Indeſſen foll er
fih doch einige Zeit in den Straßen Kufa’s gegen die fyri-
fhen Soldaten mit Erfolg gefchlagen haben und zulest fogar
bis vor die Mofchee gedrungen fein, in welcher feine Anhän—
ger eingeichloffen waren, um ſie zu befreien, als er von einem
Pfeile getroffen ward, der ihn zu Boden ftürzte. Es gelang
zwar den Schüten noch, ihn wegzubringen und, als er nad)
einigen Stunden an feiner Wunde ftarb, heimlich in der Nacht
zu beerdigen, aber auch fein Grab blieb dem Statthalter nicht
verborgen. Es ward geöffnet, Zeid's Leiche ward verftümmelt
und fein Haupt dem Chalifen nah Damasf geſchickt. Juſuf
foll bei dem Chalifen hierauf um die Erlaubniß gebeten haben,
die Stadt Kufa, diefen Heerb des Aufruhrs zu verwüſten 2).
Hiſcham ſchrieb ihm aber, daß dieſer Aufftand ihm einen neuen
Beweis von der Treue der Kufaner gegeben habe, indem er
nicht jo leicht zu dämpfen geweſen wäre, wenn. fich die Maffe
des Volkes dem Rebellen angefchloffen hätte,
Obgleich diefe Empörung in Irak zunächſt feine weitern
Folgen hatte, ward fie doch der berrfchenden Dynaftie ſehr
verderblih. Das unternehmende Haupt der Familie Ali's war
Djafar habe die Chalifen Abu Ber und Omar ald rehtmäßige
Herriher angejehen:
1) Nach Tab. f. 183 nur 218 Mann, gehuldigt follen ihm aber
15,000 haben,
2) Ibid. f. 135,
40 *
628 EN Vierzehntes Hauptſtück.
gefallen, auch Zeid's Sohn, Jahja, auf den wir fpäter
zurüdfommen müffen, verlor das Leben in Folge dieſes Auf-
ftandes und mit ihm alle diejenigen, welche Anhänglichfeit für
das Haus Alt’s bei diefer Veranlaſſung an den Tag gelegt.
Es zeigte ſich abermals, daß diefes Haus troß feiner Nechte
und Vorzüge doch nicht zum Herrfchen beftimmt fei. Das
Mißgeſchick der Aliden erhöhte aber den Muty und das Ber:
trauen der Abbaſiden, denen bisher die Anfprüche und zahl:
reichen Freunde derfelben ein Hinderniß gewefen. Jetzt ver-
fuchten es die Abbafiden, auch Irak mit Eifer für fid) zu be-
arbeiten und im Gefängniffe von Kufa machte Bufeir Ibn
Mahan, einer der thätigften Emifjäre für das Haus Abbas,
die erſte Befanntichaft Abu Muslim's 1), welcher fpäter den
Abbafiden den Weg zum Throne babnte.
Weit ftürmifher als in Irak ging es unter Hifcham’s
Chalifat in Chorafan her. Gleih im J. 106 (724—725),
als Chalid's Bruder, Aſad, Statthalter ward, fand in ber
Gegend von Balch ein fürmliher Krieg unter den Abkömm—
1) Bei Bufeir fand fih, nad Tab. f. 139, noch Sfa Son Makal
und Sunus Abu Aaßim im Gefängniffe, welche er für die Abbafiden
gewann. Don Erſterem Faufte Bufeir den Abu Muslim für -400
Dirbem und fandte ihn dem Shrahim, einem Sohne Mohammed’s.
Ibrahim fandte ihn in die Schule zu Mufa Aſſaradj und als er das
Mannesalter erreichte, nad) Chorafan. Nach einigen Berichten ward
er fhon im Gefängniffe für die Hafchimiten gewonnen und bis zu
Thränen gerührt, als er von der ungerechten Zurückſetzung der Fa—
milie des Propheten hörte. Nach andern Berichten (f. 135) zeigte
Abu Muslim, noch während er bei Iſa Son Makal war, fo ent:
fhiedene Liebe für die Hafhimiten, daß Mohammed Son Alt, der
davon hörte, ihn von Iſa Faufen ließ, welcher ihn ale Sklaven be-
handelte, obgleich er felbft behauptete, als Freier und von gutem
Haufe geboren zu fein. Letzteres ift wahrfcheinlich erſt fpäter er:
dichtet worden, weil die neue Dynaftie ihre Eriftenz nicht gern einem
Sklaven verdanfen wollte, fo auch wahrfcheinlich die andere f, 232
und bei Abulf. ©. 474 angeführte Tradition, derzufolge er aus der
Provinz Kufa und Hausmeifter des Idris Son Mafal war. ©. aud)
3. Chal. I. 100,
Hiſcham. 629
lingen von Mudhar und denen von Rabia und Kahtan ſtatt D),
den er nur mit Mühe ſtillen konnte. Im Sabre 107 wird
Chorafan von Emiffären der Abbafiden durchſtreift 2). Zwei
derfelben werden gefangen und gräßlich verftümmelt, Aſad
batte um dieſe Zeit die Bölferfchaften am Paropamyfus zu
befimpfen, das ganze Land zwifchen Herat und Bald war
in Aufruhr und letztere Stadt hatte in diefen Kriegen fo viel
gelitten, daß fie unter der Leitung eines Barmafiden ganz neu
aufgebaut werden mußte ?). Sowohl Aſad's Kriege gegen
Ghorat als das Miffionswefen der Abbafiden dauerte auch
noch in den beiden folgenden Jahren fort und der geringe
Erfolg feiner Unternehmungen geht aus feiner Entfegung (109)
bervor.
Aſchras Fon Abd Allah, aus dem Stamme Suleim,
der an Ajad’s Stelle Fam, weihte feine Verwaltung durch
Wortbruch ein und bewirkte dadurch den Aufftand von ganz
Transoxanien, dag nur mit fhweren Opfern und nad) meh—
rern Niederlagen der Mufelmänner wieder unterworfen wer-
den fonnte ). Aſchras ward daher im J. 111 zurüdgerufen
und Djuneid Jon Abd Errahman erhielt, durch die Fürfprache
einer Gattin des Chalifen 5), die Statthalterichaft von Cho—
rafan. Diefer war noch unglüdlicher als feine Vorgänger,
denn er ward auf einem Zuge nad Samarfand, im Thale
Sogd, vom Feinde umzingelt und er fonnte fih nur Dadurch
1) Ibid. f. 50.
2) Ibid. f. 55. Den Gefangenen Abu Serima und Abu Mo-
hammed lieg Afad Hände und Füße abhauen.
3) Ibid. f. 56,
4) Ibid. f. 62. Er verſprach allen ungläubigen Schußgenoffen
Befreiung von den Steuern, wenn fie fich zum Islam befehren, for:
derte fie aber dann doch wieder mit Gewalt ein.
5) Ihid. f. 69, Er hatte ihr, um ihre Gunft zu erlangen, einen
foftbaren Schmud geſchenkt, den er wahrfcheinlich aus Sndien mit
gebracht, wo er früher Statthalter war.
630 Vierzehntes Hauptſtück.
retten, daß er Saurat Ibn Abd Allah, den Präfeften von
Samarfand, mit einem Deere von 12,000 Mann opferte )
und allen Sklaven, die bei feinem Heere waren, um fie zum
1) Ibid. f. 71. Wie es eigentlich dabei zuging, würde wahr:
fcheinlich auch ein bejferer Taktifer aus dem Terte nicht erfehen können.
„Saurat war in Samarfand, Djuneid ftand, als ihn der Chafan mit
feinem Heere umzingelte, nocd vier Pharaſangen von Samarfand.
Er jandte einen Boten an Saurat, welcher mit 12,000 Dann her
beieilte. Als der Chafan davon Nachricht erhielt, wartete er, bis die
Mittagshige und der Marfch die Truppen Saurat's ermattet hatte,
dann ließ er Gefträiuche anzünden, fo daß fie fich nicht dem Waſſer
nähern Eonnten, dann griff er fie an und es entfamen nur 1000 bis
2000 Mann. Djuneid feste inzwijchen feinen Marfh nah Samar:
fand fort, ehe er indefien die Stadt erreichte, ward auch er wieder
angegriffen und verdanfte feine Rettung nur den Sflaven u. |. w.
Nach einer andern Tradition war Saurat felbft an feinem Unglüd
fhuld, weil er dem Thale hätte folgen follen, ftatt deifen aber über
das Gebirge Fam,” In beiden Füllen fieht man nicht recht ein, warum
Djuneid ihm nicht zu Hülfe kam, und den Chafan im Rücken angriff,
während er mit Saurat Fämpfte. Wahrfcheinlich hatte Djuneid nur
wenig Leute bei fih. Der türf. Tab. ift bei allen diefen Vorfällen
in Chorafan fehr ungenau und vom Texte verfhieden. Sein Bericht
über diefen Zug lautet (S. 141): „Während Saurat in Samarfend
war, zog der Chakan mit 50,000 Mann gegen ihn. Als Djundub
(jo heißt bei ihm Djuneid) dies hörte, wollte er zuerft Naßr Ibn
Sejjar zum Entfage ſchicken, dann entſchloß er fih, ſelbſt dahin zu
ziehen. Der Chakan erhielt aber Kunde davon und ließ alle Päjfe
befegen. Mit vieler Mühe gelangte indeffen Djundub dod auf Um—
wegen zu dem Heere des Chafans und ſchlug es in die Flucht. Der
Chafan griff jest, ehe Djundub ſich mit Saurat vereinigen Eonnte,
legteren in Samarfand an. Saurat, an der Spike von 20,000 Mann,
lieferte ihm eine Schlacht, in welcher viele Gläubige umkamen, dod)
fhlugen fie die Türfen fchon zurüd, als Saurat fiel. Da die Mufel:
männer nicht fliehen wollten, ftürjten fie fich aufs Neue in die feind»
lihen Reihen und ftarben bis auf den legten Mann als Märtyrer.
Der Chafan belagerte hierauf die Citadelle von Samarkfand, in welche
fih die übrigen Araber zurüdgezogen hatten, aber Djundub fammelte
ein neues Heer von 43,000 Mann und fehlug den Chafan.“
Hiſcham. 631
Kampfe anzuſpornen, die Freiheit ſchenkte. Hiſcham war ge—
nöthigt, wenn nicht alle Eroberungen jenſeits des Oxus ver—
loren gehen ſollten, Djuneid mit 20,000 Mann zu verſtärken.
Als indeſſen Djuneid wieder allenthalben die Ordnung hergeſtellt
hatte, ward er entſetzt, weil er eine Tochter des oben erwähn—
ten Rebellen Jezid Jon Muhallab geheirathet, doch ſtarb er,
ebe fein Nachfolger Aßim Ibn Abd Allah in Chorafan ans
langte I. Aßim mißhandelte, nad üblicher Weife, alle von
feinem Borgänger angeftellten Präfekten, dies bewirfte einen
Aufftand, an dem alle Anhänger des verftorbenen Statthalters
Theil nahmen. An ihrer Spige ftand Harth Ibn Schureih,
der auch unter Djuneid eine hohe Stellung bei dem Heere
eingenommen hatte. Darth bemächtigte fih, im Namen der
göttlichen Schrift und der heiligen Gebräuche Aufruhr predi-
gend, der Städte Bald, Djusdjan, Farijat, Talifan und
Merwerud, und zog mit 60,000 Mann gegen die Hauptftabt
von Chorafan. Aßim brachte ihm zwar in der Nähe von
Meru eine Niederlage bei, doc fonnte er ihn nicht befiegen,
und auch Aſad, der im J. 117 zum zweitenmale von feinem
Bruder als Statthalter von Chorafan angeftellt ward, hatte
noch ſchwere Kämpfe gegen Harth zu beftehen ?). Zulest,
was bis jest in der Gefchichte des Islams nie vorfam, ging
Harth zu dem Feinde über und griff, vereint mit dem Chafan,
ein islamitifches Heer hinter Bald) an, das nur dur un-
glaublihe Anftrengung, nachdem es ſchon die Flucht ergriffen
und alles Gepäck in Stich gelaffen, zulegt doch wieder den
Sieg davon trug ?). Endlich gelangte, als Aſad im J. 120
1) Ibid. f. 82 im $. 116.
2) Did. f. 86 u. ff.
8) Ibid. f. 92. Aſad hatte einen Streifzug gegen Chotal unter:
nommen, ein and, nach Abulfeda, hinter Bald, zwifchen dem Sluffe
Badahihan und Wahfchab. (S. Chorasm. et Mawaralnaharae des-
eriptio etc, Lond. 1650. p. 61.)
632 Bierzehntes Hauptſtück.
ftarb, der tapfere und Fluge Naßr Ibn Sejjar zur Statthal-
terfchaft von Chorafan. Durch eine allgemeine Begnadigung,
die er felbft den abtrünnig gewordenen Bewohnern des Lan-
des zu Theil werden ließ, gewann er bie Liebe der Bewohner
von Sogd und er fonnte, durch fie verftärft, das längſt ab-
gefalfene Ferghana wieder unterwerfen ). Vergebens fuchte
Sufuf, der Statthalter von Irak, welder gern eines feiner
Geſchöpfe, wie Chalid früher feinen Bruder Afad, in Chora=
jan haben wollte, Naßr bei dem Chalifen zu verbäcdhtigen 2).
Hiſcham durchſchaute den niederträchtigen Thafifiten und ließ
Napr, zum Wohl der Bewohner von Chorafan und Trans—
pranien, an feiner Stelle. Die Miffionäre der Abbafiden festen
indeffen auch unter Naßr's Statthalterfchaft ihre Thätigfeit
fort, obgleich ihr Anfehen durch einen gewiffen Chadaſch, wel-
cher ihre Rechte verfocht, Dabei aber die frechfte Sittenlofigfeit
und Srreligiöfität predigte, fehr gelitten hatte, bis endlich Mo—
hammed Jon Alt ihn öffentlich verläugnete und denen, bie ihn
für feinen Agenten gehalten, einen Verweis gab ?).
—
1) Wid. f. 107, 126 u. ff, u. 136. Zwiſchen Aſad und Naßr
war Djafar Albahranı 4 Monate lang Statthalter.
2) Sufuf verfpradh dem Muiz; Son Ahmar, weldhen Naßr zu
dem Chalifen fchiefte, um ihm Nachricht von feinem Siege in Fer:
ghana zu geben, die Statthalterfchaft von Sind, wenn er Naßr des
Hochmuths ankflagte, eine Untugend, welche der argwöhniſche Chalife
am mwenigften duldete. Ihbid. f. 137.
8) Ibid, f, 91, wo erzählt wird, daß Chadaſch im J. 118 Frauen:
gemeinſchaft erlaubte, dann auf Befehl Afad’8 gehängt ward, ferner
f. 109, wo es heißt: Mohammed Ibn Ali ſchickte Bufeir Ibn Mahan
nad) Chorafan, um die Irrlehren Chadafch’s zu verläugnen, als man
ihm aber feinen Glauben fchenfte, fandte er ihnen Stäbe, von denen
ein Theil mit Eifen und ein Theil mit Mefjing befchlagen war, fie
erkannten daraus, daß fie von feinem Lebenswandel abgemwichen und
befehrten fih. Sollten die Abbafiden es wirklich gewagt haben, auch
auf diefem Wege ihr Glück zu verfuchen, oder war Chadaſch ein
Abtrünniger? Letzteres ift doch wahrfcheinlicher, Nach Abulfaradi
Hiſcham. 633
Die mufelmännifchen Befisungen in Indien wurden unter
Hiſcham zuerft von Djuneid verwaltet, den ſchon Jezid N.
zum Statthalter von Sind ernannt hatte. Er fämpfte in
Indien mit mehr Glück, als fpäter in Transoranien, doch fo
wie er bier, um fich zu retten, gegen Saurat Verrath übte,
jo griff er auch wahrfcheinlich verrätherifcher Weiſe mitten im
Frieden den Sohn Daher’s am Indus an und mordete meuch—
leriſch deſſen Bruder, welcher fi über feine Treulofigfeit bei
Chalid oder dem Chalifen jelbft beflagen wollte ). Die von
Djuneid wieder unterworfenen Provinzen und Städte ?) gin-
gen unter feinem freigebigen, aber ſchwachen Nachfolger Temim
Fon Zeid Alotbi wieder verloren und die Indier, welche ſich
unter Omar Jon Abd Mlaziz zum Jslam befehrt hatten, fielen
wieder von einem Glauben ab, den Männer wie Djuneid
predigten, die fi) durch DVerrath, Raub ) und Mord verhaßt
©. 209 hatte Chadaſch auch Gebet, Pilgerfahrt und Faften mie die
frätern Batiniten als unmefentlich erklärt und die darauf bezüglichen
Koransftellen allegorifch gedeutet. Daß der Koran von den Abba:
fidven auf eine eigene Weiſe interpretirt wurde, geht auch aus einem
Briefe Abu Muslim's an den Chalifen Abu Djafar bei Tab. AII.
©. 60 hervor. Vergl. auch Schehreft. S. 109.
1) Beladori bei Renaud fragmens p. 175 u. ff. Nach einer Tra-
dition griff der Sohn Daher’s zuerft zu den Waffen, nach einer an-
dern wollte ihm Djuneid einen Tribut auferlegen, was einen Auf:
ftand der Indier verurfahte. Für Djuneid's Verrath jpricht erftens
der Umftand, dag arabiihe Quellen felten ihre Feldherren grundlos
anflagen, und zweitens die unbeftrittene Thatjache, daß er einem
andern Sohne Daher’8, welcher nach Sraf reifen wollte, jo lange
fhmeichelte, bi8 er fih mit ihm verfühnte und ihn dann meuchel—
mordete.
2) Es werden Kyredj, Barus und Albayleman genannt und
noch einige Andere, die aber wahrfcheinlich fo fehlerhaft gefchrieben
find, daß fie fih nicht näher beftimmen laſſen.
3) Seinen Gefährten foll Djuneid 40,000,000 Dirhem geſchenkt
und eben jo viel mitgenommen haben. Gr verließ Indien gegen dad
3,108 d. 9.
634 Bierzehntes Hauptſtück.
gemacht, Der Haß, welcher aufs Neue die Indier gegen bie
Mufelmänner entflammte, nöthigte Hafım Jon Awana, der
nah Temim’s Tod Statthalter von Sind ward, fefte Städte
anzulegen, in welchen fie eine fichere Zuflucht fänden. So
ward zuerſt Mahfuza (die gefhüste) von Hakim felbft und
dann Deanfura (die fiegreihe) von feinem Emir, Amru Ibn
Mohammed, gegründet, welche lange Zeit Hauptftadt der Statt-
halter von Indien blieb. Bon diefen feften Punften aus un—
ternahmen die Araber weitere Streifzüge und unterwarfen
wieder einige verlorene Provinzen, doch eigentliche Fortſchritte
wurden unter den Omejjaden feine mehr gemacht.
Auh an der nördlichen und norbwetlichen Grenze des
Reichs fiel es den Waffen des Islams fehwer, die früher
eingenommene Stellung zu behaupten, obgleich wir auf diefer
Seite nichts von inneren Unruhen vernehmen. Die Macht
des Chalifen war zu fehr zerfplittert, als daß auf irgend
einem Punfte bedeutende Bortheile errungen werben fonnten,
und die ſchon in früheren Feldzügen reich gewordenen Araber
fehnten ſich jest mehr nad Ruhe und Genuß, als nach neuen
Entbehrungen und Kriegsftrapazen. Der religiöfe Eifer hatte
abgenommen, das Verlangen nad Ruhm und nationaler Größe
ward weder durch innere Cinigfeit, noch durch Liebe zu dem
Dberhaupte genährt.
Mit den Alanen im Norden Armeniens fhloß Haddjadj
Fon Abd Almalif gleich im erften Negierungsjahre Hiſchams
einen Frieden I), und wir hören yon feinem andern Zuge
der Araber nad) dieſer Seite hin, bis zum Jahre 110, unter
Leitung des Maslama Ibn Abd Almalik ). Im folgenden
1) Tab. f. 50. Es heißt im Terte „Allan” Im Kamuß Tieft
man: „Allan ift der Name eines Volkes und eines Königreichs auf
der Seite von Armenien. Es ift das Fand, das jest Taghiftan
heißt und defien Hauptftadt Kuimuf ift.“
2) „sm 5. 110 (728 — 729) unternahm Maslama einen GStreif:
zug gegen die Türken, gegen die Pforte der Allan (bäb Allan),
Hiſcham. 635
Fahre wurden die Mufelmänner in Adferbidjan von den Türken
und Alanen angegriffen ) und im Jahre 112 ward ihr ganzes
Heer fammt feinem Anführer Djarrab Ibn Abd Allah bei Ardebil
aufgerieben 2). Said Ibn Amru Aldjuraſchi führte ein neues
Heer nach Adferbidjan und drang” fiegreich gegen die Chofaren
vor, eben jo fein Nachfolger Maslama Ibn Abd Almalif,
der wieder Streifzüge bis über Balandjar hinaus machte 3) und
Derbend befeftigte. Doch fiel er im Jahr 114 in einem
Treffen gegen die Choſaren und an feine Stelle fam der
fpätere Chalife, der Leste der Dmejiaden, Merwan Ibn
Mohammed, ein Enfel Merwans I. *), als Statthalter von
welcher einen ganzen Monat dauerte. Nach einem heftigen Regen
ergriff der Chafan die Flucht. Maslama Fehrte dann zurüc nad)
Masdjad Diusl-Karnein. (Mofchee Aleranders des Zweihörnigen,
fo heißt Alerander der Große bei den Arabern).” Nah Theoph.
©. 626 ſcheint doch Maslama auf diefem Zuge auch bedeutenden
Berluft erlitten und darum den Rüdzug angetreten zu haben. Gr
feßt diefen Zug in das J. 721. AM.
1) Ibid. f. 69.
2) Ibid. f. 70. Auch im türf, Tab., der die Einzelnheiten näher
angibt. ©. 131 u. 1855. ©. auch Theoph. ©. 626, wo Djarrah
Garahus heißt und die Niederlage in das J. 120. Al., alſo ohnge-
fähr zwei Jahre zu früh gefegt wird.
3) Ibid. f. 80. Maslama erfchlug in der Gegend von Balandjar
den Sohn des Chakans und unterwarf das Land hinter dem Ge-
birge Balandjar. Im Kamuß kommt Balandjar nur ald Name
eines Drtes im Lande der Chofaren, aber nicht ald Gebirg vor.
4) Ibid. f. 81. Dies ftimmt fo ziemlih mit Theophanes p. 680
überein, welcher unter dem $. 723 (Alex. 731 n. Chr. = 118 — 114
d. 9.) berichtet: »Hoc anno Masalmas in Turciam exereitum eduxit, et
cum jam Caspias portas attigisset, metu correptus, retro cessit.« Bei
Abulf. S. 452 fommt er noch im 3. 121 gegen die Griechen käm—
pfend vor. Es iſt aber wahrfcheinlich eine Verwechslung mit Mas—
lama Ibn Hiſcham, wie er bei Tab. f. 121 genannt wird. Elmakin
©. 81 fest Maslama's Tod in das 3. 122. Ibn Kuteiba in das
3.123. Vergl. Reisfe’s Nott. S. 124.
636 Vierzehntes Hauptſtück.
Armenien und Adferbidjan. Diefer nahm im Jahr 117 die
Stadt Tumanfchah und machte im Jahr 121 das Land des
Fürſten der Alanen zwifchen dem fchwarzen und kaſpiſchen
Meere tributpflichtig ). Gegen die Chofaren am Kaufafus
1) Tab. f.117 u. 1.118. „Sn diefem Sahre machte Merwan eine
Ghaziat in das Land des Herrn des goldenen Thrones und nöthigte
ihn, jährlich 1000 Köpfe (Stück, Sklaven) als Tribut zu entrichten.
Bei Abulf. ©. 452 70,000 Köpfe. Nah dem Kamuf ift das Land
des Thrones (Serir) das zwifhen Allan und Derbend gelegene Land,
welches jeinen eignen Padiſchah hat und deſſen Bewohner ihren
eignen Glauben haben. Nach den geographifhen Büchern, jo fährt
der Kamuß fort, ift Serir Allan das Königreih, das jekt Ta-
shiftan heißt und deſſen Hauptitadt Kuimuk if. Es wird Gerir
genannt, weil Nufchirman einen feiner Verwandten mit vollfomme:
ner fönigliher Gewalt als Statthalter dahin fjandte, fo dag er
gleihfam wie auf einem Throne ſaß. Vergl. auch Reiske's Noten
©. 123, wo aus der Geogr. Nub. ein anderer noch unmwahrjchein-
liherer Grund für diefen Namen angegeben wird. Sm türf. Tab.
©. 135 — 140 findet man mehr Einzelnheiten über Amru’s, Masla:
ma’s und Merwand Züge, es find aber mehr Sagen als gejhicht:
fihe Thatfahen, Gott weiß, aus welchen Quellen gefhöpft. Der:
felbe läßt Maslama nah der Ginnahme von Derbend nad) Syrien
zurüdfehren und feine Statthalterfchaft dem Merwan Sbn Mohams
med übergeben. Merwan mußte gleich wieder bei Balandjar Krieg
führen, weil die Chofaren wegen Maslama’s Rückkehr neuen Muth
fhöpften. Diefer Feldzug heißt der Kothfeldzug (Ghazwat Altın),
mweil es fo viel regnete, daß der Boden überall ſchlammig ward.
Nach - feiner Rückkehr wird Merwan entfegt und Said Sbn Amru
kömmt an feine Stelle, der fein Lager in Derbend aufihlug und
von da aus weitere Streifzüge machte. Amru ward aber blind, er
ward abgerufen und Merwan erhielt feine Statthalterfchaft wieder.
Gr bricht mit 120,000 Mann aus Syrien auf, untermwirft ganz Ar-
menien, dringt dann in das Land der Chofaren, läßt es hinter fic
und madht Streifzüge bis in die Bulgarei (?), umgeht alſo ganz
Südrußland (Chozarilerden gudjub ssakalibehjeh gidub u. f. w.). End
lich befehrt fich der immer flüchtige Chafan zum Islam und Mer-
wan ehrt nah Derbend zurüd. Statt Serir kömmt dann eine
Feftung Sermez vor, in mwelhe Merwan als Gefandter eindringt,
um ihre Blöße zu erfpähen.
Hiſcham. 637
ſcheint aber Merwan unter Hiſcham nicht mehr ins Feld ge—
zogen zu ſein, oder wenigſtens keine bedeutenden Siege errun—
gen zu haben, ſondern ſeine Thätigkeit mehr der vollſtändigen
Unterwerfung der unmittelbaren Grenzprovinzen zwiſchen Te—
bris, Eriwan und Erzerum zugewendet zu haben.
Trotz der großen Verluſte, welche zu wiederholtenmalen
die Araber am Kaukaſus und in Transoxanien erlitten, ward
doch unter Hiſchams Regierung der Krieg gegen die Byzan—
tiner keinen Augenblick unterbrochen. Leo, der Iſaurier, war
zu ſehr mit ſeinen eignen Unterthanen beſchäftigt, die ihn
wegen feiner Edikte gegen die Bilderverehrung als einen gott-
lojen Menſchen verabfcheuten, als daß er gegen die von allen
Seiten ber. in fein Neich eindringenden Mufelmänner die
nötbige Aufmerffamfeit und Macht hätte aufwenden fönnen,
darum find aud bier die Waffen des Jslams glüdlicher als
an andern Theilen des Reichs, obgleich die Araber auch bier
zulest fchwere Niederlagen erleiden.
Im Jahre 107 (Mai 725— 726) drangen zwei ara-
biſche Heere nad Kleinaften unter der Führung Maslama’s
Fon Abd Almalif und Muawia's Ibn Hiſcham und erfterer
nahm im folgenden Jahre wieder von Cäſarea in Cappado—
eien Beſitz ). Nach griechiichen Berichten drangen fie dann
bis Nycea vor, belagerten diefe Stadt, welche aber Conftan-
tin jo tapfer vertheidigte, daß fie, jedoch mit reicher Beute
beladen, wieder in ihre Heimath zurückfehrten 7).
Die Raubzüge der Araber zu Land und zu Waſſer wie-
derholen fih nun mit jedem Jahre, die Flotte befehligte zuerft
Abd Allab, ein Sohn des tapfern Okba Ibn Naft, fpäter
Abd Alla Fon Abi Mariam, und das Landheer Muawia
Ibn Hiſcham, ein Sohn des Chalifen und fein Bruder Su:
leiman. Außer der Eroberung und Berheerung einiger Orte
1) Tab. f. 55 u. 57. Ibrahim Ibn Hiſcham, heißt ed an leß-
terer Stelle noch, nahm eine andere griehifhe Feftung.
2) Theoph- ©, 621 u. 624,
638 Vierzehntes Hauptſtück.
in der Nähe von Malatia durch Muawia im J. 112),
melden die Araber nichts von Bedeutung bis zum Jahre 114
(732 — 733), in weldem Abd Allah Albattal, einer von
Muawia’s Generälen, Konftantin gefangen genommen haben
fol). Damit ift wahrſcheinlich Tiberius aus Pergamos ge-
meint, welden, nad griechiſchen Quellen, die Araber für
einen Sohn Juftinians ausgaben oder hielten, als Faiferlichen
Prinzen nah Ferufalem fandten und zur Bewunderung aller
Syrer im Lande herum reifen ließen ?). Eine Niederlage des
arabifchen Heeres unter Abd Allah Albattal, welcher felbft
auf dem Kampfplage blieb, wird von den Arabern ſowohl,
als von den Byzantinern in das Jahr 739 gefegt ), Ein
Theil des Heeres war unter Abd Allah gegen Acroinum
und ein anderes unter Suleiman gegen Tyana vorgerüdt.
Legterer fehrte mit unermeßlicher Beute und vielen Gefange—
nen nad Syrien zurüd, Abd Allah ward aber von dem Kaifer
und feinem Sohne Conftantin aufs Haupt geſchlagen, und mit
1) Tab. f. 70.
2) Ebendaf. f. 80.
3) Theoph. S. 632. Die Zeit ftimmt freilich nicht überein, denn
Theoph. berichtet dies unter dem J. 729 (Al), alſo etwa vier Sahre
fpäter, als nad) arabifhen Angaben. Bei El Mafin S. 80 wird
fogar die Gefangennahme Conftantins in das J. 113 gefest, Wäre
Konftantin wirffich gefangen worden, fo hätten die ihn verabſcheuen—
den Byzantiniſchen Hiftoriker es gewiß nicht verjchwiegen.
4) Bei Tab. wird der leßte Zug Abd Allah's und der Gulei:
mans getrennt angegeben. Erfterer im Jahre 122 (Tten Dec. 739 —
26ten Nov. 740), wo es heißt (dd. 185): „in diefem Sahre wurde
Abd Allah Albattal in Rum mit feinem Heere gejchlagen und ge:
tödtet.“ Letzterer im J. 124 mit folgenden Worten (f. 189): „In
diefem Sahre kämpfte Suleiman Ibn Hifham gegen die riechen.
Leo, der Kaifer der Griechen, rücte gegen ihn heran, er entkam
aber glücklich und trug Beute davon.“
Hifcham. 639
Mühe gelang es einigen taufend Flüchtlingen, nad Synnada
zu entfommen ?).
Am deutlichiten zeigt ſich jedoch die Ohnmacht der Re—
gierung und die immer lockerer werdenden Bande des Gehor-
fams und der Unterwürfigfeit in Afrifa und Spanien.
Behr Ibn Safıvan Alfelbi, der fchon unter Jezid zum
Statthalter von Afrifa ernannt worden, warb von Hiſcham
betätigt und blieb in diefem Amte bis zu feinem Tode im
Sabr 109. Es wird aber nichts anderes von ihm erwähnt,
als daß er einige unglüdlihe Raubfahrten gemacht und alle
ehemaligen Beamten und Freigelaffenen Mufa’s Ibn Nußeir
gepeinigt 2). Unter der Statthalterfchaft feines Nachfolgers
Ubeida Fon Abd Errahman Hatte abermals die afrifanifche
Flotte, welche die Hafenftädte Sieiliens ausplündern wollte,
fein Glück. Ein Sturm zertrümmerte die meiften Schiffe, ber
Anführer Muftanir ®), deffen Schiff nah Tripoli verfchlagen
wurde, ward eingeferfert, weil er nicht vor der flürmifchen
Jahreszeit heimgefegelt. Im Sabre 116 ward der bisherige
Statthalter von Egypten, Ubeid Allah Ibn Alhabhab nad
1) Theoph. ©. 633. Der von Theoph. genannte Feldherr Me:
lich iſt vielleicht Said Son Abd Almalit, der auch bei Tab. vor:
fommt. Gamer iſt ein Sohn des Chalifen Sezid IL, Bruder des
folgenden Chalifen Welid und kommt bei Tab. f. 154 als Anführer
eines Heeres gegen die Griechen im J. 125 vor,
2) Son Abd Alh. ©. 121.
3) Ebend, er heißt in der einen Handfchrift Muftanir und in
der andern Muftatir. Ubeida fchrieb feinem Präfekten von Tripoli,
Sezid Son Muslim Alkindi, ihn feft zu nehmen und in Ketten unter
fiherer Bedeckung nah Kairaman zu ſchicken. Bei feiner Ankunft
in Kairawan lieg ihn Ubeida zuerft prügeln, dann auf einem Efel
in der Stadt herumführen und in der Folge ward er jede Woche
aufs Neue geprügelt u. f. w.
640 VBierzehntes Hauptſtück.
Afrika verfegt D. Unter feiner Berwaltung machte Abd Allah
Ibn Habib Ibn Abi Ubeida einen Streifzug in das Land
Sus und Sudan. Bald nachher empörten fi die Berber
und erfchlugen zuerft ven Präfeften von Tanger, Omar Ibn
Abd Allah Almuradi, der fie in Betreff ihrer Abgaben wie
Ungläubige behandelte, dann Ubeid Allah's eigenen Sohn,
Ismail, welcher in Sus Unterftattbalter war. Ubeid Allah
fandte Chalid Ibn Abi Habib Alfibri gegen die Rebellen mit
den angefehenften Männern Arabiens, fie wurden aber ſämmt—
ih von den Berbern erfchlagen. An der Spige diefer Berber,
welchen fih auch Araber anfchloffen, die zur Sefte der Cha-
ridjiten gehörten, alfo wahrfcheinlih mit den Empörern im
Mutterlande, oder vielleicht mit den Abbaftden in Verbindung
waren, ftand Meifara 2), Habib Ibn Abt Ubeida, der jest
gegen die Rebellen gejchieft wurde, Fonnte um fo weniger
etwas ausrichten, als er felbft den treugebliebenen Truppen,
die fih um Mufa Jon Abi Chalid in Tlemſen gereiht, nicht
traute und diefem Hände und Füße abbauen ließ. Der Chalife
fandte jest Koltbum Ihn Jjjadh Alkuſcheiri“) (123) nach Afrika,
—
1) Ebendaf. ©. 122. Nach einigen Berichten verließ Ubeida
Afrika fhon im NRamadhan 114. Proviforifch war von ihm Okba
Son Kudama Altadjibi zum Statthalter eingefegt. Ubeida war in
Ungnade beim Chalifen gefommen, aber fein Vergehen wird nicht
näher angegeben. Die vielen Gefchenfe, die er dem Chalifen an
Sflaven, Sklavinnen (700), Pferden, Gold und Silber machte,
fiherten ihm jedoch eine freundlihe Aufnahme.
2) Ebend. ©. 123. Meifara, oder nad dem andern Cod. Ma:
fira Alfakir. Er nannte fih Chalife und ließ ſich als ſolchem huldi—
gen. Die Araber, welche ſich dem Aufftand anfchloffen, ihn vielleicht
anftifteten, gehörten, nadı Son Abd Alh., zur Sefte der Spfarijje
oder Sifarijje, die nach) dem Kamuß einen Zweig der Harurije bil:
deten. Shr Oberhaupt war entweder Abd Allah Ibn Soffar, oder
Bijad Ibn Alaßfar. Lesterer Anfiht ift Schereftani I. ©. 102, wo
man Mäheres über diefe Sefte findet.
3) Sp bei Tab. f. 185 u. A., der jedoch Kolthums Tod in das
3.122 fest, Bei Iom Abd Alh. a a. D, heißt er Alfeifi. Seine
Hiſcham. 641
Kolthum ſandte ſeinen Neffen Baldj Ibn Beſchr voraus gegen
die Rebellen, er ſelbſt folgte nach. Kaum hatte aber Kolthum
mit ſeinem Heere Kairawan verlaſſen, als der von ihm zu—
rückgelaſſene Statthalter von den Charidjiten angegriffen ward.
Akuſcha Ibn Ajjub Alfazari, aus der Gegend von Kabis,
fandte nämlich einen Bruder, an der Spite vieler von ihm
zufammengebrachten Berber aus dem Stamme Zenata, gegen
die Stadt Sabra. Er warb zwar von dem Emir von Tri-
polis geichlagen, als aber hierauf Maslama, der Gouverneur
von Kairawan H, Ukaſcha felbft in Kabis angriff, ward er
in die Flucht getrieben und genöthigt, fih in Kairawan zu
verſchanzen. Koltbum rückte inzwifchen gegen die Berber vor,
die fich in der Gegend von Tanger gefammelt und ein neues
Oberhaupt gewählt hatten 2) und ließ fie, gegen den Rath
des Habib Ibn Abi Ubeida 3), von Baldj's Reiterei angrei-
Sendung nah Afrika wird in den Monat Djum. Achir des J. 123
gefest, fein Tod nach einigen Berichten (S. 124) ſogar erft in das
Sahr 124.
1) Maslama Ion Sawada, ein Kureifhite, ward von Kolthum
über das Heer gejegt und die eigentlihe Verwaltung dem Abd Er:
rabman Ion Okba Alghifari anvertraut. Ibn Abd Alb. ebend.
2) Der neue Häuptling hieß Chalid Ion Homeid Alzinati und
feine Leute gehörten auch, fo berichtet abermals Ibn Abd Alh., zur
Sefte der Sofarijje. Meifara war nämlich von feinen eignen Leu:
ten umgebracht worden. Dies erzählt aud Ibn Abd Alh. ©. 123.
Dann heißt es aber: „und fie übertrugen die Herrichaft dem Abd
Almalit Ibn Katan,“ während doch S. 124 Chalid Ibn Homeid
als ihr Anführer genannt wird. Hier ift offenbar eine Lücke in der
Handfarift, die fih aus Numeiri (journ. as. Ser. II. Bd. 12. ©. 445)
leicht ergänzen läßt, wo es heißt, daß die Spanier, als fie Ubeid Allah’s
Niederlage erfuhren, den von ihm eingefegten Statthalter Okba Ibn
Alhaddjadj entjegten und Abd Allah Ibn Katan ftatt feiner er—
nannten.
3) Diefer ward von Baldj und Kolthum verhöhnt und mißhan-
delt, bei ihm war fein Sohn Abd Errahman, der natürlich gegen
Baldj fehr erbittert ward, was, wie wir in der Folge fehen werben,
viele Unruhen in Spanien veranlaßte, Ebend. ©. 124.
41
642 Vierzehntes Hauptftüd.
fen, welde, von den Bogenſchützen der Berber zurüdgewor-
fen, auch das Fußvolf in Unordnung bradte. Sekt wollte
Koltbum den Dberbefehl dem Habib übergeben, es war aber
zu fpät, die halbnackten Berber folgten der flüchtigen Reiterei
auf den Ferfen nach und richteten unter den ſchon gebrochenen
Reihen des Fußvolfs ein furdhtbares Blutbad an. Kolthum
jowohl als Habib famen in der Schlacht um. Baldj gewann
aber die Küfte und rettete fich mit den fyrifchen Truppen durd)
die Flucht nad) Spanien.
Im Safar des Jahres 124 fandte Hifham den Han
zala Ibn Safwan, welder bisher Statthalter yon Egypten
war, nah Afrika. Diefer Tieg Okba Ibn Abd Errahman
an der Spike eines Heeres gegen den noch immer nicht be-
fiegten oben genannten Charidjiten Ukaſcha ziehen. Ukaſcha
ward gefchlagen, fammelte aber bald wieder ein neues Heer
und vereinte fih mit einem andern Charidjiten, Abd Alwahid
Son Jezid Alhawwari. Den verbündeten Rebellen gelang eg,
den Truppen Dfba’s wieder ihren Sieg zu entreißen, ihn
felbft zu tödten und Tunis zu nehmen. Beide Rebellen rück—
ten nun, an der Spike zahlreicher Berber, die, felbft nad)
Unabhängigfeit ſtrebend, jedem Aufrührer willig folgten,
von verichiedenen Seiten her, gegen die Hauptftadt Kairawan.
Hanzala war in der größten Noth, aber die Raubfucht feiner
Feinde rettete ihn. Statt gemeinfchaftlich zu operiren, wollte
Abd Alwahid fowohl als Ukaſcha allein und zuerft von ber
reihen Stadt Kairawan Befis nehmen, und beide forderten
Hanzala zur Uebergabe derfelben auf, Diefer verfprad wahr-
fcheinlich jedem von Beiden, fie zu überliefern, fo daß fie in
ihrer Zvennung verharrten, fchlug aber den einen nad) dem’
andern in die Flucht, weil diesmal die Erhaltung des Gutes
und des Lebens alle Bewohner Kairawans zu einem Ausfalle
anfpornte N).
1) Dies gefhah nah Son Abd Alb. ©. 126 im Sahr 125, alfo
im Todesjahre Hiſcham's. Abd Alwahid, welcher in Aßnam, nur
Hiſcham. 648
Der häufige Statthalterwechſel in Afrika, die inneren
Kriege zwiſchen einem Theile der Araber unter ſich ſelbſt und
zwiſchen dieſen und den Berbern, mußte natürlich auch auf
die Verhältniſſe der Araber in Spanien großen Einfluß üben,
einmal, weil Kairawan gewiſſermaßen das Verbindungsglied
zwiſchen Damask und Cordova bildete und die meiſten ſpa—
niſchen Statthalter von denen von Afrika ernannt wurden,
noch mehr aber, weil der größte Theil der islamitiſchen Be—
völkerung der ſpaniſchen Halbinſel von afrikaniſcher Herkunft
war, darum auch die dortigen Händel ſie als Stammgenoſſen
nahe berührten.
Hiſcham's erſter Statthalter in Spanien war Anbaſa
Ibn Suheim Alkelbi, der nach einigen Quellen ſchon von
ſeinem Vorgänger dazu ernannt war. Seine Bemühungen,
mehr Ordnung in die Verwaltung zu bringen, werden von
arabiſchen Autoren gelobt, von den ſpaniſchen aber, weil er
die Abgaben der Chriſten vermehrte, getadelt. Schon im
zweiten Jahre von Hiſcham's Regierung (725 n. Chr.) ver—
ließ aber Anbaja die Halbinfel, um die unter Al Samah
erlittene Niederlage in Frankreich zu rächen, Carcaſſone ward
noch eine Tagreife von Kairawan, fein Lager hatte, fiel im Kampfe.
Ukaſcha, welher mit feinen Truppen bis Karn vorgedrungen, nur
noch ſechs Milien von Kairawan, entfam, ward aber fpäter von
Berbern gefangen und dem Statthalter gebracht, der ihn hinrichten
lieg. Abd Almahıd und feine Sofarijje waren befonders gefürchtet,
heißt es bei Sbn Abd Alh., weil fie es für erlaubt hielten, die
Frauen und Kinder ihrer Feinde gefangen zu nehmen und als Skla—
ven zu behandeln. Daß Hanzala dem Ukaſcha Verfprehungen ge—
macht, um ihn dadurdh abzuhalten, fih mit Abd Alwahid zu vers
einen, wird ausdrüdlid von Son Abd Alb. erwähnt. Nuweiri
a. a. D. hat davon nichts. Nach diefem Autor ward Ukaſcha zuerft
angegriffen, nadı Sbn Abd Alh. aber Abd Alwahıd, dann brach Hanzala
noch in der Nacht, ehe Ukaſcha etwas von der Niederlage Abd Al:
wahid’s erfuhr, gegen Karn auf und überrumpelte Wkafcha mit
Tagesanbruch, der wahrfheinlich, ftatt eines feindlichen Heeres, eine
friedlihe Geſandtſchaft erwartete.
4 *
644 Vierzehntes Hauptſtück.
mit Sturm genommen und der Wuth der Soldaten preis
gegeben. Nimes übergab ſich und ſtellte Geiſeln, die nach
Barcelona geſchickt wurden und das ganze mittägliche Frank—
reich ward von arabiſchen Horden durchſtreift, welche beſon—
ders gegen Klöſter und Kirchen wütheten ). Anbaſa ſoll
indeſſen, nach einigen Berichten, ſchon im Jahr 107 (125
— 126) umgekommen fein und Udſrah Ibn Abd Allah AL
fihrt einen Theil des Heeres über die Pyrenden zurüdgeführt
haben. Obſchon Udſrah fowohl wegen feiner Tapferkeit alg
Diederfeit in Spanien fehr beliebt war und das Volk ihm
gern gehorchte, mußte er doch auf Befehl des Statthalters
von Afrika nad einigen Monaten feine Stelle dem Jahja
Ibn Salma abtreten, wahricheinlih nur, weil er auch ein
Kelbite war, wie Beſchr Ibn Safwan, der um diefe Zeit
noch Afrifa verwaltete, Jahja blieb bis zum Tode feineg
Protectors Statthalter von Spanien, als aber im Safar des
Jahres 110 (Mai — Juni 728) Ubeida Jon Abd Errah—
man Alfeifi die Statthalterfchaft von Afrika erhielt 7), ward
auch ein Keifite, Hubdfeifa Jon Alahwaß, über Spanien ges
fegt 9). Diefer blieb nicht ganz ein Jahr Statthalter und
ihn folgen in den nächften zwei Jahren, ohne daß man weder
ihre Reihenfolge, noch die Dauer: ihrer Verwaltung, ja nicht
einmal die Art ihrer Ernennung mit Beftimmtheit anzugeben
vermöchte, Othman Jon Abi Nefa, Alheitham Ibn Ubeid
1) ©. Reinaud Invas. des Sarr. en France. p. 22 u. ff.
2) Son Abd Alh. ©. 121.
3) Maffar, ©. 36. Im Rabia Awwal des Jahres 110. Diefes
Datum ftimmt mit dem von der Ernennung Ubeida’s fo gut überein,
dag nicht zu zweifeln ift, daß Hudfeifa feine Statthalterfhaft ihm
verdanfte. Jahja wäre demnah, was auch von Ibn Chaldun an-
genommen wird, 2", Zahre Statthalter geweſen. Zwiſchen Sahja
und Hudfeifa fällt, wie Pasc, ©. 408 N. 20 u. 21 richtig bemerkt,
die von Ginigen erwähnte Statthalterfhaft Othman's Ibhn Abi
Uberda, der fih gegen Jahja empörte und mit Hülfe der Berber
der Stadt Cordova bemächtigte.
Hiſcham. 645
und Mohammed Ibn Abd Allah Y. Innere Unruhen, wäh—
rend derer die Herrſchaft getheilt war, Kriege zwiſchen Jeme—
niden und Abkömmlingen Mudhar's, zwiſchen Arabern und
Berbern, ſind der Grund dieſer Ungewißheit und Verſchie—
denheit der Angaben. Gewiß iſt, daß im Jahr 113 (731)
Abd Errahman Ibn Abd Allah, der ſchon einmal an der
Spitze des Heeres geſtanden, wieder Statthalter war, und
auch diesmal ſich die Liebe des Volks durch ſeine Gerechtig—
keit und Unparteilichkeit und die der Truppen durch genaue
Vertheilung der Beute ?) erwarb. Abd Errahman züchtigte
zuerft, nad einigen Berichten, den frühern Statthalter Abu
Nesa, von den chriftlichen Chronifen Munuza genannt, der
fih gegen ihn empörte und mit Herzog Eudo in ein Bündnig
getreten war 3). Im Jahr 132 überftieg er felbft an ver
Spige eines furdtbaren Heeres die Pyrenden und drang,
1) ©. Lembfe ©, 285 N. 2 und Pasc. a a D.
2) Ibn Abd Alb. erzählt ©. 122: „Ubeida hatte Abd Errahman
Ibn Abd Allah Alakfı über Andalus gejegt, er war ein frommer
Mann und mabte einen Feldzug gegen Afrandja, welde die ent-
fernteiten Feinde von Andalus; er beſiegte fie und nahm viele Beute
weg, darunter war auch ein goldener Mann, mit Perlen, Hyacinten
und Smaragd verziert. Er ließ ihn (den Mann, die Statue) zer:
fhlagen, fonderte den fünften Theil davon (für den Staatsſchatz
oder den Chalifen) ab, und theilte das Webrige unter den Truppen
aus, die mit ihm waren. Als Ubeida dies hörte, gerieth er in
heftigen Zorn und ſchrieb ihm einen drohenden Brief. Abd Errah—
man ermiederte darauf: wahrlich, wäre der Himmel und die Erde
verfohlofien, fo würde der Barmherzige, zum Segen ter ihn Fürch—
tenden, fie au öffnen. Dann unternahm er einen zweiten Feldzug
und ftarb als Märtyrer mit allen feinen Gefährten. Gein Tod
war im Jahr 115. Ubeida feste dann Abd Almalit Ibn Katan über
Andalus, und reifte zu Hiſcham Ibn Abd Almalit mit vielen Ge—
fchenfen und zwar im Ramadhan 114, Jahja Son Bukeir berichtet
aber, nad) Leith Son Saad: Ubeida Fam im Sahr 115 von Afrifa
und feste in diefem Sahre Abd Almalif Ibn Katan zum Statthalter
von Spanien.“
3) ©. Conde ©, 84—86,
646 Bierzehntes Hauptſtück.
ohne auf großen Widerftand zu flogen, big Bordeaux vor,
welche Stadt er auch nad) einiger Gegenwehr einnahm. Eudp,
welcher ihm den Mebergang über die Dordogne freitig machen
wollte, ward gefchlagen, Libourne und Poitiers wurden ver-
mwüftet. Schon richteten die Araber ihre Schritte gegen Tours,
als endlih Karl Martell, dem Nothrufe Eudo’s gehorchend
und für feine eigenen Länder beforgt, über die Loire feste
und dem Vordringen Abd Errahman’s in feinen Kriegern
einen eifernen Damm entgegenitellte. Nach mehreren Schar-
müseln fam es zwifchen Tours und Poitiers zu einer allge-
meinen Schlacht, welche mit gleicher Tapferkeit gefochten warb,
bis eine Abtheilung der Franken in das feindliche Lager drang
und die Araber, aus Furcht, die bisher gemachte Beute zu
verlieren, in Unordnung gerietben. Bald fiel Abd Errahman
felöft, mit ihm feine tapferen Gefährten, verlaffen von einem
Theile des Heeres, dem die Rettung des Lagers theurer war,
als Ehre und Kriegsruhm. As Karl am folgenden Morgen
die Schlacht erneuern wollte, waren die Araber mit ihren
leicht beweglichen Habfeligfeiten fchon wieder, theils gegen
Narbonne, theild gegen die Pyrenäen hin verfchwunden 2).
1) Die arabifhen Quellen find auch hier, wie überall, wo es
fih von Niederlagen der Mufelmänner gegen Chriften handelt, fehr
kurz, die chriftlihen find aus Aſchbach, Lembfe und Reinaud be-
fannt. Mit den Zahlen nehmen diefe ed nicht genauer, als jene,
fonft würden fie die in diefer Schlacht gebliebenen Mufelmänner
nicht auf 375,000 angeben, In Betreff der Zeit fchwanfen die Tra—
ditionen, wie fchon aus obiger Anmerfung erfihtlih, auch bei Mak—
fari ©. 37, zwifchen dem Sahr 114 und 115. Ibn Chaldun nennt
ausdrüdlih den Monat Ramadhan 114, welcher den 25. Oft. 732
beginnt und diefes Datum ift befonders darum für das richtige zu
halten, weil aud die chriftlichen Chronifer diefe Schlaht in den
Okt. 732 feren. Vergl. Lembfe ©. 288 und über den Ort der
Schlacht Reinaud ©, 44, Die fid) widerfprechenden Nachrichten
laffen fich dadurd vereinen, daß man annimmt, das erfte Zuſam—
mentreffen babe bei Tours ftatt gefunden, die Mufelmänner wichen
aber und erft bei Poitiers lieferten fie die Hauptfchlacht,
Hiſcham. 647
Abd Almalif Ibn Katan, Abd Errahman's Nachfolger
in ber Statthalterihaft von Spanien (733 7), jollte auf den
Befehl des Chalifen den Ruhm der arabiſchen Waffen in
Gallien wieder beritellen, er mußte aber vorher das nördliche
Spanien, Catalonien, Aragonien und Navarra, das feit Abd
Errahman’s Niederlage in Aufruhr war, wieder unterwerfen.
Auf einem diefer Züge gegen die chriftlichen Gebirgsbewohner
ward er geichlagen. Diefe Schlappe und die Klagen der
Spanier über feine Härte und Bedrückungen veranlaßten den
neuen Statthalter von Afrifa, ihn gegen Ende des Jahres
116 (734) zu entjfegen und die Statthalterfchaft dem Okba
Ion Al Haddyadi zu übergeben.
Unter Okba, welcher als ein vortrefflicher Statthalter
geichildert wird, dehnten Die Araber ihre Beſitzungen in Gal-
lien wieder weiter aus. Die Grafen und Herzöge von Sep-
timanien und der Provence zogen ein Bündnig mit den Ara—
bern der Herrichaft Karl Martell’s und Eudo’s vor. Mau—
rontius, der Herzog von Marfeille, überlieferte Jufuf, dem
Statthalter von Narbonne, noch im Jahr 134 die Städte
Arles, Fretta (St. Remi) und Avignon. Später Tegten fie
fefte Waffenpläge bis an die Ufer der Rhone an, befesten
Balence und Lyon, und durchzogen raubend und zerfiörend
einen Theil yon Burgund und Dauphine. Erſt im J. 737,
als Karl den Sachſenkrieg beendigt hatte, traf er Anftalten
zur Rettung Galliens. Luitprand ward mit Lombarden aus
Stalien herbeigerufen und Childebrand voraus an die Rhone
geſchickt. Diefer batte ſchon die Belagerung von Avignon
1) Nah der oben angeführten Stelle aus Sbn Abd Alb. im
Sahr 115, das mit dem 21. Febr. 733 beginnt. Ber Maff, ©. 87
heißt es: im Ramadhan 114 (Okt. Nov. 732). Er rechnet nämlich
son dem Tode des Abd Errahman, der um diefe Zeit ftatt fand,
die eigentlihe Ernennung dur den Statthalter von Afrifa Fonnte
aber wohl erft einige Monate fpäter erfolgt fein. Lembke hätte
daher nicht (S. 288) jhreiben follen, daß der Statthalter von Afrifa
den Abd Almalif im Ramadhan 114 ernannte.
648 Bierzehntes Hauptſtück.
begonnen, als fein Bruder fam und beide drangen dann ver-
eint nah Erftürmung der Stadt, die Araber vor ſich ber
treibend, bis nach Narbonne. Obgleich aber Karl die Araber,
welche Dfba zum Entfage der belagerten Stadt ſchickte, voll-
fommen aufs Haupt fchlug I), behauptete fi doc der Gou—
verneur von Narbonne gegen ihn. Er zog wieder ab, ohne
die Stadt eingenommen zu haben und begnügte fi damit,
die übrigen Feftungen zu zerflören und Geifeln von ben
Chriften mitzuführen, die mit den Arabern gemeine Sade
gemacht hatten. Maurontius fam indeffen bald wieder zum
Borfhein und die Araber beraubten aufs Neue die Ahoneufer,
fo daß Karl Martell (739) einen neuen Feldzug gegen fie
unternehmen mußte, um fie bis Narbonne zurüdzubrängen.
Okba felbft war bei diefen Borfällen nicht zugegen 2).
Er war entweder ein befferer Verwalter als Feldherr und
verließ darum Spanien nicht, oder fürchtete, daß bei feiner
Entfernung in Spanien ſelbſt Unruhen ausbrechen möchten,
denn auch bier waren viele Berber anfäßig, die es fchon
früher verſucht hatten, das Joch der arabifchen Herrfchaft
D) Da der Uebergang über die Pyrenäen nicht fiher und auch
langmwierig war, fandte Dfba die Truppen zur See. Aber die Ufer
des Andefluffes, durch welchen fie in die Stadt gelangen follten,
waren von Franken bejegt. Sie mußten daher in einiger Entfer-
nung vor der Stadt landen. ©. Reinaud a. a. D.
2) Conde und nad ihnen Aſchbach und Lembfe, berichtet, Okba
ſei ſchon bis Saragoſſa gefommen, dann aber vom Chalifen nad
Afrika berufen worden, um den Aufruhr der Berber zu unterdrücken,
was ihm auch vollfommen gelang, nocd ehe die Hülfstruppen aus
Rairaman und Barka anfamen. Dies widerfpricht aber allen oben
mitgetheilten Nachrichten aus Sbn Abd Alh., demzufolge der Auf:
ftand der Berber erft im Sahr 123 ftatt fand und der noch aus—
drücklih dazu bemerft (S. 123): „dies war der erfte Aufruhr der
Berber in Afrifa.” Sest man auch mit Tabarı den Aufruhr der
Berber und Kolthum’s Tod um ein Sahr früher, fo fonnte immer:
bin Okba nicht im Sahr 737 Schon nah Afrika gerufen worden
fein, ald er den Narbonenfern ein Heer zum Entjage ſchickte.
Hiſcham. 649
abzuſchütteln und ſich als die Herren des Landes zu erklären,
zu deſſen Eroberung ſie am meiſten beigetragen. Ueberhaupt
herrſcht ſowohl über die Dauer von Okba's Statthalterſchaft,
als über die Art ſeiner Entſetzung die größte Ungewißheit.
Nach Einigen blieb er fünf Jahre lang Statthalter, dann
kam er um und Ubeid Allah ernannte wieder feinen Vorgänger
Abd Allah Ion Katan. Nach Andern behielt er die Statt-
balterichaft bis zum Jahre 123 (740 — 741) wo, wahr—
fheinlih in Folge der Empörungen in Afrifa, auch in Spa—
nien Unruben ausbradhen, welde dem Abd Almalik wieder
zur Statthalterfchaft verhalfen Y. Diefer blieb aber nicht lange
im Genuffe der ufurpirten, und nad) einigen Berichten, mit
Vergiftung Dfba’s erfauften Herrſchaft. Baldj, der Neffe
Kolthum's, der, wie oben erwähnt, nad) der unglüdlichen
Schlacht bei Zanger, mit einem Theile der mit ihm aus
Syrien gefommenen Truppen, nad Spanien hbinüberfegelte ?),
1) Man lieft bei Tab. ©. 122: „Er (Ubeid Allah) ſetzte über
Andalus den Dfba Ibn Alhaddjadj und entfegte den Abd Almalik
Son Katan. Manche berichten, Anbafa Son Suheim Alfelbi war
damald Walt von Andalus, ihn entjeste Sbn Albabhab und gab
feine Stelle dem Okba Ibn Alhuddjadj. Diefer fam um (halaka)
in Undalus, da feste Ubeid Allah wieder Abd Almalif Son Katan
darüber.” (Das Wort halaka wird gewöhnlih von einem jhlimmen
Tode gebrauht, weder auf dem Krankenbette, noh im heiligen
Kriege). Nah der fhon oben angeführten, lückenhaften und aus
Numeiri zu ergänzenden Stelle, fheint es, dag Abd Almalif erſt
in Folge des Aufruhrs in Afrika (123), als Ubeid Allah, welchem
Okba feine Stelle verdanfte, abtrat, wieder zur. Statthalterichaft
gelangte, Damit ftimmt Arrazi bei Makk. ©, 38 überein, während
Andere Abd Almalik's Empörung gegen Okba fchon in das S. 121
fegten. DBergl. auch Lembfe ©. 298 N. 4 über die verfchiedenen
chriſtlichen und arabifhen Berichte in Betreff der Todesart Dfba’s.
2) Alles Folgende ift nad Sbn Abd Alh. (S. 124), den ich
wörtlid; anführen will, weil er von Conde's und anderen Berichten
abweicht: „Baldj und Thalaba Cein anderer fyrifcher Feldherr)
gingen nad) Andalus. Kolthum hatte den Andalufiern, deren Statt:
650 Vierzehntes Hauptſtück.
machte Anſprüche auf die Statthalterſchaft, ließ Abd Almalik
einferfern, und da er nicht freiwillig abtreten wollte, ent-
halter Abd Almalit Ibn Katan war, befohlen, ihm zu Hülfe zu
fommen und fie waren ſchon an die Meberfahrt von Alchadhrah ges
langt, als Baldj ihnen entgegenfam. Abd GErrahman Son Habib,
der vor Baldj in Andalus landete, befahl dem Abd Almalif Ibn Katan,
dem Baldj nicht zu gehorhen. Baldj fchrieb aber dem Abd Almalik
von Aldjefira aus, er fei Kolthum’s Chalife, Thalaba Aldjudami und
feine Gefährten bezeugten ed ihm, und der Kadhi von Andalus war
der Bote zwifchen ihnen. Abd Almalit trat dem Baldj die Statt:
halterfchaft ab, zum großen Aerger des Abd Errahman Ibn Habib,
der auch aus Haß gegen Baldj Cordova verlief. Bald lieg, fobald
er nach Cordova Fam, den Abd Almalif Ibn Katan einfperren, Aber
fein Sohn Omejja vereinte fidy) mit Abd Errahman Son Habib gegen
Baldj. Diefer lieg Abd Almalit Son Katan aus dem Gefängniffe
holen, und fagte ihm: geh in die Mojchee und verfünde dem Volke,
Kolthum habe dir gejchrieben, ich ſei fein Chalife. Abd Almalik
fagte aber in der Mofchee: D ihr Leute! ih bin von Kolthum zum
Statthalter ernannt und Baldj hat mid) ungerechtermeife in ein
Gefängnis geworfen. Baldj lieg ihn hierauf enthaupten, aber Abd
Errahman Son Habib z0g mit einem großen Heere heran. Baldj
303 ihm mit den Syrern entgegen und ein Fluß (der Quadalquisir)
trennte die beiden Heere. Zn der Nacht feste Abd Errahman über
den Fluß nad Cordova, wo in Baldj’s Abweſenheit der Kadhi
herrfhte. Da diefer im Verdachte ftand, die Ermordung Abd Al:
malik's bewirft zu haben, ergriff ihn Abd Errahman Son Habib,
ftah) ihm die Augen aus, ſchnitt ihm Hände und Füße ab, ent:
hauptete ihn und hing ihn auf einen Baum, nahdem er feinem
Rumpfe einen Schweinsfopf aufgefegt hatte. Hierauf verließ er die
Stadt wieder und Baldj wußte von Allem nichts. Dann befümpfte
ihn Baldj und trieb ihn in die Flucht. Er fammelte aber ein neues
Heer und erfhlug Baldj und die mit ihm waren. Nach einigen
Berichten ward Baldj nicht getödtet, fondern er ftarb einen natür:
fihen Tod. Jahja Fon Bukeir erzählt nad Leith's Bericht: Baldj
ftarb im Sahr 125, einen Monat nachdem er Abd Almalif Ibn
Katan erfhlagen. Dann fpalteten fid) die Bewohner Andaluſiens
unter vier Emiren, bis Hanzala Sbn Safwan Alfelbi den Ibn Al-
chattab Alkelbi fandte, der fie wieder vereinte. „Nach Makk. ©. 89
ward Abd Almalif gehängt mit einem Schweine in der rechten und
Hiſcham. 651
haupten. Aber Omejja, der Sohn Abd Almalik's, vereint
mit Abd Errahman, dem Sohne Habib's, der von Baldj
und feinem Dbeime Kolthum mifbandelt worden, erfannte
den neuen Herrſcher nit an. Alle Feinde der Syrer unter-
ftüsten fie und nach mebreren Gefechten unterlag Baldj. Nun
folgt eine gänzliche Anarchie in Spanien. Die Berber ers
boben ſich aufs Neue und verbanden ſich mit der Partei des
Add Almalif, an die Spike der Syrer ftellte fih Thalaba
Ibn Salama, der mit Baldj aus Afrifa gefommen und erft
nad Hiſcham's Tod ward die Ruhe wieder durch Aburl-Chattab
Fon Dhirar bergeftellt, den Hanzala zum Statthalter von
Spanien ernannte.
Nach diefer Darftellung der wichtigften, während ber
zwanzigjährigen Regierung Hiſcham's, in allen Theilen des
Reichs vorgefallenen Begebenheiten, wird es ung um fo leich—
ter, diefen Chalifen richtig zu beurtheilen und einzufehen, daß
zwar fein Geiz und feine Habgier manches Uebel hervorge—
rufen, daß aber die Wurzel des Verderbens in den Umtrieben
einem Hunde in der linken Hand. Aus obiger Stelle ergibt fi,
dag Pac. ©. 412 M. 13 mit Unrecht Conde tadelt, daß er von
Omejja, dem Sohne Katan’s, ftatt von zmei Söhnen Omejja und
Katan fpriht und dag Abd Errahman Son Habib und nicht Ibn
Alfama den Baldj getödtet. Das Baldj mit Gewalt nah Spanien
übergefegt, iſt nicht Flar gefagt, doch fcheint, daß Abd Almalik ihm
zu ſpät umd gezwungen den Plag räumte, darum auch glei ein-
geferfert ward. Der wahre Name ift Baldj, obſchon aud bei Abd
Alb. einigemal Balch vorfümmt (der Unterjchied liegt blos in der
Stellung eines Punktes) Feinesfalls Balik, obgleich Aſchbach nicht
nur jo ſchreibt — dag würden wir nicht rügen — fondern auch nod)
hinzufegt: „So muß der Name nah dem Arabifchen gejchrieben
werden.” Andere Einzelnheiten über diefe Unruhen findet man bei
Aſchbach und Lembke. Ein Fehler muß aber beſonders gerügt mer:
den, der nämlih, daß Baldj in Afrifa unter Hanzala die Berber
befriegt, während er nah Kolthum's Tod nah Spanien hinüber:
fegelt und Hanzala um diefe Zeit in Kairaman mit den Sofariden
beſchäftigt war.
652 Vierzehntes Hauptſtück.
der Abbaſiden Yang, welche überall Zwietracht fäten und Haß
und Mißtrauen gegen die Regierung einflößten. Im Often,
wo viele Anhänglichfeit zu dem Haufe des Propheten berrfchte,
wurde das Bolf fortwährend an das von den Omejjaden ihm
widerfahrene Unrecht erinnert und angeftachelt, diefem Haufe
wieder den Weg zum Throne zu bahnen, Im Weften, wo
die neubefehrten Mauren und Berber vorherrfchend waren, die
feine Erinnerung an Ali fnüpfte, denen aber die Herrichaft
der fremden Araber drüdend war, wurden die revolutionären
Grundfäge der Charidjiten von Männern gepredigt, die aus
Syrien famen und denen jogar Hiſcham eine Feldherrnftelle
anvertraut I). Sämmtliche Seften, in welche die Charidjiten
zerfallen und zu denen auch die Sofariden gehören, welche
an der Spise der Rebellen in Afrifa fanden, hielten fih ja
befanntlih für verpflichtet, Othman fowohl als Ali wegen
ihrer Fehler zu verdammen, und fich gegen jedes Oberhaupt
zu empören, das vom Gefege und dem Herfommen abweicht,
erfannten alſo dem Bolfe eine fortwährende Aufficht und Macht
über die Chalifen zu. Hiſcham hätte übrigens, wenn wir
einige, vielleicht wohlverdiente Härte und Strenge gegen ver-
ſchwenderiſche und doch wieder habgierige Statthalter abrech—
nen, aud) Das unparteiifchte Volksgericht nicht zu fürdten
gehabt. Er war gerecht, mild und tugendhaft, drüdte vielleicht
feine Unterthanen nicht mehr als feine Borgänger, hinterließ
aber größere Schäße, weil er nichts verpraßte und an Günft-
linge verfchenfte, wie fie. Selbſt feine nächften Verwandten
erhielten nichts aus dem Staatsfhase, wenn fie nicht irgend
ein Amt ausübten ?). Seine Weigerung während einer Pil-
gerfahrt in Meffa öffentlich Ali zu verfluchen, wie eg big zu
1) Nuweiri a. a. D. ©. 446 berichtet, daß der oben genannte
Sofarite Ukafcha, der fi gegen den Statthalter von Kairawan em:
pörte, die Vorpoften der Syrer befehligt hatte, welche mit Ubeid
Allah nah Afrika famen.
2) Tab. f. 141
Hiſcham. 658
feiner Zeit Sitte war, ſpricht für feine humanen Geſinnungen )).
Seine Liebe zur Gerechtigkeit fpiegelt fi in folgender Ge—
ſchichte: Mohammed, ein Sohn Hifcham’s, Fam einft ſehr auf-
gebracht nach Haufe und erzählte, ein Chrift habe feinen Jun—
gen geichlagen und erging fi in Schmähungen über den
Chriften. Hiſcham bieg ihn fchweigen. Mohammed fragte
bierauf, wie er den Chriften beftrafen folle? — „Gar nicht.”
— „Was foll ich denn thun? zum Kadhi gehen 2” — „Sonft
nichts?“ — „Nein.” Ein Berfchnittener Mohammed’s fagte
bierauf zu feinem Herrn: ich will den Ungläubigen fchon
beftrafen und er ging und fohlug den Chriften. Als aber
Hiſcham davon benachrichtigt ward, ließ er den Verfchnittenen
rufen, züchtigte ihn troß der Kürbitte Mohammed's und ſchmähte
dieſen, obgleich er behauptete, ihn nicht geheißen zu haben ?).
Daß der Erzähler diefer Gefhichte dem Chalifen nicht ſchmei—
delt — was übrigens ohnehin bei denen aus dem Haufe
Dmejja nicht zu befürchten ift — fieht man aus den grellen
Farben, mit denen er Hiſcham's Geiz malt, die größte Une
tugend in den Augen eines Morgenländers, beſonders wenn
fie einem Negenten anhaftet: „Einer feiner Pächter ſchickte ihm
einft zwei ſehr fchöne Vögel und erbat fi ein Gefchenf, Was
foll ich dir geben? fragte der Chalife. — Was dir beliebt,
antwortete der Pächter. — Nun, verfegte jener, fo nimm
einen biefer beiden Vögel für dih! Der Pächter fuchte den
ſchönſten der beiden heraus und wollte ihn wieder mitnehmen,
As Hiſcham dies ſah, fagte er: fo, du willft mir den fchledh-
tern laffen, ich will doc Fieber beide behalten und dir AO
oder 50 Dirhem geben ?).” Trotz dieſem Geize, der fo weit
1) Ibid. f, 54 Dies war im J. 106, alfo bald nad feinem
Regierungsantritt. Zijad Ibn Abd Allah, ein Urenkel Othman's,
drang in ihn, aber er gab nicht nad.
2) Ibid. f. 140.
8) Ibid, f. 142.
654 Vierzehntes Hauptſtück.
ging, daß er während feines ganzen Chalifats daffelbe Ober—
fleid trug Y, obgleich er viele Kiften voll Kleider befaß, foll
er doch, fo wird wenigftens von Theophanes berichtet, nicht
nur für den Feldbau, fondern auch für Gartenanlagen und
Architektur viel aufgewendet haben 2), fo daß man annehmen
müßte, er ſei mehr aus Grundſatz, als aus niederer Leiden-
ſchaft geizig gewefen. Auch fcheint er überhaupt ein höchſt
einfaches frugales Leben wirklich geliebt zu haben. Einft ging
er zu feinem Sefretär Mabrafih, half ihm feine Ziege melfen,
zündete felbft Feuer an, um einige Kuchen zu baden, die er
dann mit ihm unter einem Zelte verzehrte 3).
Nicht wenig mochte indeffen auch die Ausfiht auf Wer
lid's Chalifat dazu beigetragen haben, das Haus Dmejja, trog
vielen guten Eigenschaften Hiſcham's, aller Bolfsthümlichfeit
zu berauben, denn diefer, ſchon von dem Chalifen Jezid be—
ſtimmte Nachfolger glich in vielen Beziehungen feinem Oheim
Suleiman und feinem Vater Jezid, war nur nod) ein größe—
rer Verſchwender und nahm in feinen zügellofen Leidenschaften
und Laftern, fo wie in manchen antiislamitifchen Neigungen
nod weniger Rückſicht auf die Hffentlihe Meinung. Schon
als Kronprinz gab er fi, trog allen Mahnungen Hifcham’s,
der ihn mit väterlicher Liebe behandelte, einem höchſt aus-
fhmweifenden Leben hin und verböhnte Gefeße und Sitten in
folhem Grade, daß er fogar Wein und Hunde mit ſich führte,
ein verbotenes Getränfe und unreine Thiere, als er im J. 116
nah Meffa pilgerte 2). Hıldam ging damit um, feinen Sohn
1) Ibid. f. 140. Ikal betrachtete einjt lange fein grünes Ober:
Eleid, da fagte ihm Hifham: es ift immer noch daſſelbe. Was ich
gejammelt, it für euch.
2) Successit Ameras Isam, frater ejus, qui passim per provincias
et urbes palatia construere agros serere, hortos plantare, conquirere
aquas et deducere caepit. Theoph. ©. 620.
8) Tab. f. 142,
4) Ibid, f. 144,
Hiſcham. 655
Maslama an Welid's Stelle zum Nachfolger zu ernennen.
ChHalid, der damals noch mächtige Statthalter von Irak, rieth
aber davon ab und Hiſcham gab feinen Plan um fo eher auf,
als er erfuhr, daß fein eigener Sohn nicht beffer war als
Welid. Später aber, als Maslama, durd) eine gebeuchelte
Frömmigfeit, feinen Vater und einen Theil des Volfes beſtach,
fo dag felbft der fromme Dichter Rumeit feine Tugend bes
fang Y), boffte Hifcham, ihm das Chalifat übertragen zu fün-
1) Ebend. f. 145. Kumeit Ibn Zeid war ein Kufaner und
gehörte zum Stamme Afad. Er war als Dichter fo berühmt, daß
Abu Ubeida fagte: hätten auh die Benu Afad feinen andern Vorzug
als Kumeit erjeugt zu haben, fo wurde der ihnen genügen. Er war
im 5. 60 der Hidjrah geboren und ftarb im J. 126. Kumeit hatte
zehn Eigenjhaften, welche den Dichtern feiner Zeit fremd waren:
Er war ein guter Prediger, der Geſetzkundigſte unter den Schüten,
fannte den Koran auswendig, war ruhig und befonnen, fchrieb eine
ſchöne Hand, war bewandert in der Genealogie, ein guter Schüge,
Reiter und tapferer Kämpfer, freigebig, religids und der erfte, der
tiefer einging in die Lehren der Schiiten. Er meigerte ſich lange,
als Dichter aufzutreten, bis ihn fein Oheim, Oberhaupt der Benu
Aſad, zwang, da ließ er feine Stammgenofjen zufammenrufen und
trug ihnen ein Gedicht zu Ehren Mohammed’s und feines Haufes
vor, in welhem es unter Anderm heißt:
„Mich beglückt nicht die Liebe zu zarten Frauen; mein graues
Haar findet feine Freude an Scherz und Spiel. Nicht das Zelt oder
die Spuren der ehemaligen Wohnung der Geliebten rühren mich;
fhön gefärbte Finger haben feinen Reiz für mid. Sch gehöre nicht
zu denen, deren Unternehmung von dem Fluge eined Vogels ab-
hänat; ich frage nichts darnach, ob ein Rabe Fräht, oder ob mir
ein Fuchs quer über den Weg läuft; ich befümmere mic nicht dar-
um, ob Abends die Vögel von der Rechten zur Linken, oder von
der Linken zur Rechten ziehen; auch nicht ob ein Wild mit ganzen
oder zerbrohenen Hörnern an mir vorüberftreift. Sch fehne mid
nur nadı den Frommen und Gottesfürdtigen; nur nach den Edeliten
der Söhne Eva’d geht mein Verlangen, nad dem reinen Stamme,
durch deſſen Liebe ih mich Gott nähere, nad den Söhnen Haſchim's,
der Familie des Propheten. Nur ihretwillen Bann ich bald Freude
656 Bierzehntes Hauptftüd.
nen, aber Chalid verharrte in feinem Widerftande, der fpätere
Chalife Merwan fprach ſich entfchieden zu Gunften Weliv’s )
aus und Hiſcham felbft mochte zuletzt einfeben, daß er durch
eine Aenderung in den Beftimmungen feines Vorgängers nur
den Keim zu Zwieſpalt in feiner eigenen Familie ausftreuen
würde. Hiſcham hoffte jest, Welid durch Strenge zu beffern,
aber diefer verließ den Hof und ftreifte mit feinen Zechge-
noffen im Lande umher. Einer derfelben, Abd Affamd, trieb
die Ausgelaffenheit fo weit, daß er in einem Gedichte, das
bald unter das Bolf fam, unverhohlen den Wunſch ausſprach,
Welid möchte doch bald auf den Thron gelangen. Eine ſolche
Srechheit konnte der Chalife nicht dulden, er entzog daher fei-
nem Neffen jede Unterftügung, bis er Abd Affamd fortiagte 2).
Welid Hatte indeffen mehrere Freunde am Hofe, Darunter auch
feinen Sefretär Jjadh Ihn Muslim, welche dafür forgten, daß
er in feiner Beziehung verfürzt wurde, Diefer Jjadh Tief,
noch ehe Hiſcham fein Auge geichloffen, im Namen Welid’s
—
empfinden, bald Aerger . . . Nur dem Haufe Ahmad's (MMohammed's)
kann ich anhänglich ſein, zu ihm führt allein der Weg des Rechts.
Nach welcher Schrift und nach welchem heiligen Gebrauche kann
meine Liebe zu demſelben als ein Verbrechen angeſehen werden?..
Aus Anhänglichfeit zum Gefchlechte des Propheten muß ich Morgens
und Abends meine Späher fürchten, die Ginen nennen mid einen
Ungläubigen und die Andern einen Sünder und Lebelthäter.“ Su:
juti zum Mughni, der dann noch hinzufest, der Prophet fei dem
Dichter im Traume erfchienen und babe ibm für dieſes und jenes
Leben Sicherheit zugefagt, hier gegen die Omejjaden und dort gegen
die Hölle. Merkwürdig und bezeichnend für jene Zeit ift, daß dieſer
Dichter doch ſowohl an dem Hofe Jezid's IL, ald an dem Hiſcham's
erſchien und zwar, wie nah Sujuti ſcheint, wie andere Dichter, um
ihnen feine Aufwartung zu machen (walada ala ete.),
1) Tab. f. 148. Maslama ſelbſt fcheint auch feine Rolle als
Frömmler nicht lange fortgefpielt zu haben, denn Tab. berichtet, daß
Welid fpäter ihn allein mit Schonung behandelte, weil er feinen
Vater Hiſcham fortwährend zur Milde gegen ihn ftimmte.
2) Ebend. f. 146.
Hiſcham. 657
Alles verfiegeln, fo dag man felbft einen Keffel entlebnen
mußte, um das zur Wafchung des Chalifen nöthige Waffer
zu wärmen D. Hiſcham ftarb, 56 Jahre alt, den 6. Rabia
Achir 1252) (6. Februar 743) an der Bräune in feinem
Schloſſe zu Rußafa in der Nähe von Kinesrin, wo er aud),
wegen der in Damasf häufig wüthenden Peft, den größten
Theil feines Lebens zugebracht batte.
D Ebend. f. 147, auch Abulf. u. A. Sogar als er noch lebte
und etwas begehrte, ward es ihm verjagt. Sjadh war fehr erbittert,
weil er die legte Zeit, wegen feines Einverftändniffes mit Welid, im
Gefängniſſe zugebract hatte.
2) So bei Tab. f. 139, wo noch ganz richtig der Wochentag
Mittwoch) angegeben wird, nicht wie bei Abulfeda im Rabia Amwal,
42
Fünfzehntes Hauptftück.
MWeliv IL
Welid's Verfehmendung, Graufamfeit und Tafterhaftes Leben. —
Er ernennt feine Söhne zu Nachfolgern. — Sein Rundfchreiben an
die Statthalter. — Widerftand gegen diefe Verfügung. — Unzufrie-
denheit eines Theiles der Omejjaden. — Er liefert Chalid Ibn Abd
Allah dem Statthalter von Irak aus. — Rachedurft der Semeniden
darüber. — Aufftand des Sahja Sbn Zeid. — Sein Krieg gegen den
Statthalter von Chorafan. — Sein Tod. — Zezid ftellt fih an die
Spitze der Unzufriedenen. — Sein Bruder Abbas ermahnt ihn. —
Schreiben Merwan’s an Said Ibn Abd Almalik. — Sezid läßt fi
in Damask huldigen. — Sendet Truppen gegen den Chalifen. —
Welid wird enthauptet.
Welid's Thronbeſteigung ftieß auf feinen Wiverftand, ob-
gleich Jedermann wußte, daß er weder zum Negieren fähig
war, noch um die Angelegenheiten des Staats fih fümmern
würde. Man wußte aber auch, daß Hiſcham unermeßliche
Schätze hinterlaffen, Die der verfchwenderifche Welid nicht lange
in den Kiften würde liegen laffen und jeder drängte ſich zur
Beglückwünſchung herbei, um aud feinen Antheil von ben
Erfparniffen des verftorbenen Chalifen zu erhalten. Welid
Welid I. 659
täufhte die Erwartungen feiner Schmeichler nicht, er vermehrte
den Sold des Heeres und die Apanage aller Großen deg
Reichs, obgleich er auf der andern Seite, doch wahrscheinlich
mehr aus Rachegefühl als aus Habgierde, Hifcham’s Verwandte
und Freunde aller ihrer Güter beraubte . Auch ließ er
Ibrahim und Mohammed, die Söhne des frühern Statthalters
von Medina, Hiſcham Ibn Jsmail, in der Hoffnung, ihnen
nod immer mehr Geld auszuprefien, zu Tode foltern. Nach—
dem er durch feine Freigebigfeit das Heer gewonnen, glaubte
er, fih ohne Scham feinem frühern Yeichtfinnigen Leben hin-
geben zu fünnen, doch wollte er auch vorher noch die günftige
Stimmung benügen, um feinen Söhnen die Nachfolge zu
fihern. Der ungläubige Welid, der nicht nur feine ganze
Zeit auf der Jagd, oder bei Wein, Mufif, Gefang und Tanz
zubrachte, fondern fih auch noch — fo wird mwenigftens von
feinen Feinden erzählt — allerlei unnatürlichen Laftern hingab
und ſogar mit Blutſchande befleckte, erfrechte fih, alle Statt
balter aufzufordern, folgendes Nundfchreiden befannt zu mas
hen und feinen unmündigen Rindern huldigen zu laſſen 2),
„Gott, deffen Namen wir preifen, deffen Lob wir ver-
fünden, den wir nicht ohne Verherrlichung erwähnen, hat den
Islam als feinen Glauben erwählt und ihn den Edelſten
feiner Geſchöpfe beftimmt, dann erfor er Engel und Menfchen
als feine Boten, um ihn zu verbreiten. Viele Jahrhunderte
find vergangen, in denen er dahingeſchwundene Völker auf
den geraden Weg leiten und zum jchönften Glauben auffor=
dern ließ, bis endlich feine Gnade durd den Propheten Mo-
hammed ihre Vollendung erhielt, zu einer Zeit, wo die Wiſ—
fenfchaft brach) Tag, wo die Menfchen im Dunklen, nur von
ihren Leidenfchaften getrieben, umberirrten, wo die Zeichen
der Wahrheit verwifcht waren und jeder feinen eignen Weg
1) Tab. f, 148,
2) Ebend. S, 154.
42 *
660 Fünfzehntes Hauptſtück.
wandelte, Durch diefen Propheten, über den Gottes Seg—
nungen! ward die Peitung offenbar und die Finfterniß ver-
ſcheucht, Irrthum und Schlechtigfeit hinweggeräumt und die
Religion verberrlicht. Durch ihn fandte Gott der Welt Barm—
berzigfeit, mit ihn befchlog er feine Dffenbarung und in ihm
vereinigte er alle Gnade, welche frühern Propheten zugeftrömt.
Er folgte ihren Spuren, beftätigte was ihnen geoffenbart
worden, und forderte feine Zeitgenoffen auf daran zu glauben
und darnach zu handeln. Wer ihm Gehör fihenfte und den
Glauben annahm, den ihm Gottes Gnade gefchenft, vertheidigte
die Offenbarung früherer Propheten gegen die Ungläubigen,
heiligte und verehrte was Frevler entweihten, und empfahl
das Gute, das Nuchlofe verwarfen, Wer den Worten der
frühern Propheten Glauben gefchenft, der beftätigte auch die
Sendung Mohammeds und nur Ungläubige nannten ihn einen
Lügner und feindeten ihn an, darum erlaubte auch er, das
Blut diefer Gottlofen zu vergießen und zerriß jedes Verhält-
niß zwifchen ihm und den Ungläubigen, ohne Rückſicht auf
Blut- und Stammverwandtfchaft. Als Gott feinen Prophe—
ten, durch den die Offenbarung befiegelt worden, zu ſich nahm,
ernannte er einen Nachfolger, um feine Satungen zu voll
ziehen, um feine Borfchriften in Ausführung zu bringen, um
feine Gefege aufrecht zu halten. Sein Nacdyfolger follte den
Islam ftärfen und befeftigen, er follte von dem Berbotenen
abhalten und durch feine Wachfamfeit über das Geſetz die
Menfchen beglüden und über Gottes Land Wohlſtand ver-
breiten, denn fo hat auch Gott der Erhabene (im Koran) ge—
fagt: „Hätte Gott nicht die Menfchen einen durch den Andern
befhüst, fo würde die Erde zu Grunde gehen, aber Gott ift
gütig gegen die Welt.” Man huldigte den Stellvertretern
Gottes und erfannte ihre Nechte, als Erben feiner Propheten,
an; wer fie ihnen jtreitig machte, den beftrafte Gott, wer
fih von ihnen trennte und gegen ihre Herrfchaft auflehnte,
den lieferte Gott in ihre Gewalt und fie wurden zum war-
nenden Beifpiele für Die Zufunft, So verfährt Gott immer
Welid I. 661
gegen diejenigen, welche fih von der Gemeinde Yosfagen, an
welche jedermann fich anfchliegen foll, weil nur durd Untere
werfung Himmel und Erde beiteben, wie es beißt: „Dann
wendete fih der Herr gegen die Himmel — fie waren Raud)
— und ſprach zu ihnen und zur Erde: füget euch in Gehor-
fam oder geziwungen! und fie riefen: wir fügen ung unter-
würfig.“ Ferner beißt es: „Und als dein Herr zu den En—
geln ſprach: ich will einen Stellvertreter auf die Erde fegen,
fagten fie: willft du jemanden einfegen, der fie verdirbt und
Blut darauf vergießt? unbefleckt bleibe dein Lob und gehetligt
dein Name! er aber erwiederte: ich weiß, was ihr nicht
wiſſet.“ Durch das Chalifat erhält Gott die Menfchen auf
der Erde, und durch den Gehorfam gegen Diejenigen, denen
er die Herrſchaft verliehen. Gott weiß, daß nichts ohne Un-
terwerfung befteht, nur durch fie werden feine Befehle voll-
zogen und feine Verbote heilig gehalten. Der Gehorfame
ift Gottes Freund, er fügt fich feinem Willen und wandelt
auf dem von ihm vorgezeichneten Pfade, fein Lohn ift Glück
in diefem Leben und Verherrlichung in der zufünftigen Welt.
Der Empörer verliert fein irdifches Glück und feinen Antheil
bei Gott, denn er ift auch zugleich gegen feinen Herrn wider-
ſpenſtig; Bedrängniſſe jeder Art ftürmen gegen ihn herein,
die er nicht abzuwenden vermag, bis er in Erniedrigung und
Schmad die Erde verläßt und ewiger Höllenpein entgegen-
gebt. Nah dem Glauben an Gott und feinen Gefandten,
durch welchen Gott unter feinen Sklaven unterfcheidet, ift Ge—
borfam die Stüge und der Grundpfeiler der Religion. Un—
terwerfung fihert den Frommen das Paradies und Aufruhr
belaftet den Ruchloſen mit Gottes Zorn, Drum fuchet durch
sollftändige Unterwerfung Gottes Nähe und nehmet euch ein
Beifpiel an den Rebellen, welche Gottes Licht auslöfchen
wollten, die er aber in Schmach und Elend untergehen ließ,
Gott, der Gepriefene, bat fein Volk geleitet und ihm aus
Liebe für daſſelbe Stellvertreter gegeben, als Stüge und Zu—
fluchtsort in der Noth, als Bereinigungspunft in ber Ent-
662 Fünfzehntes Hauptftüd,
zweiung, darum gehört auch Treue gegen den Chalifen zu
den Grundpfeilern des Jslams....
Der Fürft der Gläubigen hat, nachdem ihm Gott bie
Herrichaft verliehen, Fein wichtigeres Anliegen, als dieſes
Vermächtniß, weil davon das Wohl der Mufelmänner ab-
hängt, darum fleht er auch Gottes Beiftand dazu an, daß es
zum Heil der Gläubigen vollzogen werde. Er fordert von
euch, daß ihr feinem Sohne Hafam und nad ihm feinem
Sohne Othman huldiget; er hofft, daß fie von Gott zu euern
Herrihern beftimmt worden und daß ihr ihm für diefe Gnade
danfen werdet. Jedoch behält fi der Fürft der Gläubigen
vor, falls einer dieſer beftimmten Nachfolger fich irgend ein
Vergehen zu Schulden fommen laffe, einen andern feiner
Söhne oder fonft einen Gläubigen an feine Stelle zu ernennen
und je nad Gutdünfen den einen dem Andern vorzufegen.
Wiffet und erfennet dies, Gott der Allwiffende und Einzige
möge den Fürften der Gläubigen und euch durch dieſen Be—
ſchluß fegnen und ein glüdliches Ende herbeiführen, wozu er
allein die Macht hat. Friede über euch und Gottes Barm—
berzigfeit! Gefchrieben am 28ten Radjab 125 ).“
Diefes Rundſchreiben des Chalifen erregte Unzufrieden-
heit unter dem Volke, das zwar längft daran gewöhnt war,
fih von der Willführ des Chalifen auch feine zufünftigen
Herrſcher vorfchreiben zu laſſen, big jest aber doch nicht un-
mündigen Knaben als unmittelbaren Nachfolgern gehuldigt
hatte. Noch größere Unzufriedenheit brachte aber dieſe Ver-
fügung unter den omejjadifchen Prinzen hervor, da ſeit Abo
Almalif fein Chalife feine eignen Söhne allein zu Nachfolgern
beftimmt hatte. Zu den vielen Stürmen, denen das Fürften-
haus ausgefegt war, Fam alfo jest noch der bedrohlichſte hinzu,
es ward unter ſich felbft uneinig. Die Söhne Hiſchams
und Welids I. verbündeten ſich mit den Feinden der Omej—
1) Zab, f. 150— 158,
Welid H. 663
jaben und Flagten den Chalifen als einen Ungläubigen, als
einen Freigeift und Blutfhänder an. Welid hatte fie übrt-
gens nicht nur durch feine Beftimmung über die Erbfolge,
fondern auch noch perfünlich gefränft, Suleiman Ibn Hiſcham
lieg er prügeln, jcheeren und in ein Gefängnig in Oman
fperren. Einem Sohne Welids I. raubte er eine Sklavin.
Andere, die ihm riethen, einem Enfel Welids I. ) als Thron-
erben buldigen zu laſſen, wurden eingefperrt. Da indeffen
Welid die Truppen für fi hatte, würden feine Feinde wenig
gegen ihn vermocht haben, wenn er fi nicht mit allen Je—
meniden, durch die graufame Behandlung Chalids Ibn Abd
Allab und anderer feines Stammes, verfeindet hätte. Chalid,
welcher in den legten Jahren von Hiſchams Regierung wies
ber auf freiem Fuße in Damasf gelebt hatte, weigerte fi
auch, zwei Kindern zu huldigen, „die noch nicht beten fonnten
und nicht einmal als Zeugen gültig waren; doch wies er
die Anträge der Verſchworenen mit Entfchiedenheit zurüd, und
als fie ihn fragten, ob er denn das Zeugniß eines Mannes
wie Welid für gültig halte, antwortete er: „das habe ich
nicht zu unterfuchen, es find Gerüchte gegen ihn im Umlauf,
über die es aber fchwer ift Gewißheit zu erlangen.” Er
rieth fogar Welid, welcher nah Meffa pilgern wollte, zu
Haufe zu bleiben, weil er befürchtete, man möchte ihm auf
der Reife eine Falle legen. Da er aber Welid Feine nähere
Ausfunft über die ihm bevorftehende Gefahr geben wollte,
weil er den Aufrührern Verfchwiegenbeit geſchworen, ward er
in ein Gefängniß geworfen. Bald naher fam Juſuf Ibn
Dmar, der Statthalter von Jraf, nah Damasf, der ſchon
lange nad) Chalids Blut dürftete ). Diefer bot dem Cha-
Iifen 50,000,000 Dirhem für Chalids Perfon und Güter.
Welid ließ den unglücklichen Chalid aus dem Kerfer holen
1) Er hie Atif Son Abd Alaziz Son Welid. Ebend, f. 156.
2) Ebend, f. 157.
664 Fünfzehntes Hauptflüd,
und fagte ihm: kannſt du Bürgfchaft für 50,000,000 ftellen,
fo bift du frei, wo nicht, fo liefere ih dih aus, Der ent-
rüftete Chalid eriwiederte, indem er ein Stückchen Holz auf-
bob: feit wann werden Araber verfauft? Bei Gott, auch
nicht diefes Stückchen Holz gebe ih, um mich Ioszufaufen.
Nah andern Berichten, ward Chalid bald nad Hiſchams
Tod zu dem neuen Chalifen gerufen. Seine Freunde riethen
ibm, ſich entweder zu empören oder die Flucht zu ergreifen,
weil fie von dem Sohne einer Thakifitin ) nur Schlimmes
für ihn befürchten fonnten. Chalid wollte weder einen
Bürgerkrieg anfahen, noch wie ein feiger Miffethäter ſich
verbergen, und begab ſich zum Chalifen, der ihn auf's Neue
wegen der im Staatsichage fehlenden Summen zur Rede
ftellte. Da aber um dieſe Zeit in Chorafan Jahja, der Sohn
des oben genannten Zeid Jon Mt, fih empörte, wagte es
Welid nicht, dur die Mißhandlung Chalidg die Jemeniden
zu reizen 2), aus Furcht, ihre Bereinigung mit den Aliden
zu veranlaffen. Erft als jene Empörung durch Naßr Ibn
Sejjar, den Statthalter yon Chorafan, unterdrüdt war 3) und
1) Seine Mutter mar die Tochter des Mohammed Ibn Zufuf
Althakifi, alfo eine Nichte des berühmten Haddjadj. Ebend. f. 168.
2) Ebend. f. 172,
3) Das Nähere über diefen Aufftand gibt Tab, f. 155 folgen-
dermeife an: „Sahja war in Bald, ale Hiſcham ftarb. Schon unter
Hiſcham wollte fih Naßr feiner Perſon bemächtigen, aber er war
nirgends zu finden. Man fchicte fein Signalement allen Präfekten
in Choraſan zu und endlich entdeckte man, daß er bei Hureiih Ibn
Amru in Bald verborgen. Diefer ward zum Statthalter gerufen
und nad Jahja gefragt, er läugnete aber, ihn gefehen zu haben,
geftand auch, ſelbſt ald man ihn zu foltern anfing, nichts ein, aber
fein Sohn Kureifch verrieth Sahja, um feinen Vater zu retten. Naßr
fragte beim Chalifen an, was mit Sahja geſchehen follte und erhielt
zur Antwort, er möge ihn in Freiheit fegen. Naßr bejchenfte ihn,
ermabnte ihn zur Ruhe und rieth ihm, fich zum Shalifen zu begeben.
Zugleich fihrieb er an die verfchiedenen Präfekten der auf dem Wege
Welid I. 665
Jahja's Haupt in Damasf anlangte, nahm Welid die Masfe
berunter. Er faß bei Tifche und hatte Jahja's Haupt vor
fih, als Chalid abermals vor ihm erfcheinen mußte, Dieg-
mal forderte er von ihm feinen Sohn Yezid, der als Pfand
feiner Treue nach Irak geſchickt werden follte, und da er fih
weigerte, feinen Sohn auszuliefern, ward er eingeferfert, bis
Juſuf nah Damasf fam und ihn faufte. Der unmenfchliche
nah Syrien gelegenen Städte und beauftragte fie, dafür zu forgen,
dag Sahja feine Reife nah Damasf auf geradem Wege fortfege
und nicht zu lang an einem Ort in Chorafan vermweile. Als aber
Sahja an der Grenze von Choraſan und Kumis war, Fehrte er plöß:
ih um und griff Amru Ibn Zurara, den Statthalter von Niſabur,
an, Naßr befahl dann mehreren Feldherrn, gegen ihn zu ziehen.
Es vereinigen ſich 10,000 Mann unter dem Oberbefehle Amru’s Ibn
Zurara. Sahja jhlägt aber dieſe Truppen und tödtet Amru, obgleich
er nur 70 (9 Mann bei fih hatte und begab fih nach Herat. Naßr
zog dann felbft mit einigen andern Feldheren gegen ihn und lieferte
ihm ein Treffen bei Djusdjan. Jahja fiel von einem Pfeile getroffen
und feine Leute ergriffen die Flucht. Jahja's Kopf ward nah Da—
mask gefickt, der Rumpf zuerft gehängt, dann verbrannt und die
Aſche ind Waffer geftreut.” Man fieht aus diefer Darftellung Ta:
bari's vollfommene Unvartheilichfeit, indem er uns geradezu Sahja
als einen undanfbaren Verräther fehildert. Nur in der Angabe der
Zahlen war er faljch berichtet, oder war vielleicht Amru von Trup-
pen umgeben, die fih nicht gegen Jahja fchlagen wollten. Hier fieht
man auch wieder Plar die abfichtlihe Verfälſchung des türfifchen
oder perjiichen Heberjegerg, den alle jpätern Quellen folgen. Diejem
zufolge (S. 145) kam Jahja mit 109 Mann nah Niſabur und wollte
feinen Weg nad) Syrien ruhig fortjegen, als Amru ihm mit 20,000
Mann entgegen zog und ihn gefangen nehmen wollte, weil er glaubte,
er ſei Nafr entfloben. Sahja verficherte ihn vergebens, daß er be-
gnadigt worden und mit Naßr's Einmilligung reife, auch fchlug er
ihm vor, er wolle fo lange in Nifabur bleiben, bis er bei Naßr an-
gefragt. Amru beftand auf deffen Verhaftung und griff ihn an,
ward aber getödtet. Erſt nach diefer Schlaht Fehrte dann Sahja
um und ward von Magr’8 Truppen, 12,000 Mann ftarf, geichlagen.
Er hatte in diejer zweiten Schlaht 700 Mann bei fih. Wielleicht
ift im Urterte auch 700 ftatt 70 zu leſen.
666 Fünfzehntes Hauptftüd,
Juſuf ließ dann Chalid in einem wollnen Hemde auf einem
ungefattelten Kameele nad Kufa bringen und ihm ein Glied
nad dem andern zerquetichen, bis er unter feinen Qualen
erlag N.
Noch mehr als Chalid’s fehauderhafte Ermordung em-
pörte die Jemeniden ein Gedicht, das nad) einigen Berichten
Welid felbft, nach andern wahrfcheinlihern aber, einer feiner
Feinde in feinem Namen verbreitete, um die Jemeniden zur
Rache anzuftaheln. In diefem Gedichte werden die mit Cha-
id verwandten Stämme verhöhnt, weil fie zu ſchwach und
zu feig waren, ihren Häuptling zu ſchützen. Sie werben als
niedrige und gemeine Sflaven dargeftellt, die Fein Gefühl
mehr für Ehre haben und fo tief gefunfen find, daß fie fich
jede Demüthigung gefallen laſſen müffen 2).
Als Fezid Jon Welid, ein Enkel Abd Almaliks, der an
der Spise der Omejjaden ftand, welche ſich gegen den Chas
lifen verfchworen, des DBeiftandes der Jemeniten ficher war,
berietb er fi) mit feinem Bruder Abbas, Diefer ermahnte
ihn aber an feinen, dem Chalifen gefchworenen Eid, und
machte ihn auch auf die verberblichen Folgen aufmerffam, Die
eine folhe Empörung für ihr ganzes Haus haben würde,
Da indeffen immer mehr Unzufriedene dem Jezid Huldigen
wollten, fehrte er wieder zu Abbas, der fich auf dem Lande, einige
Milten von Damask, aufhielt und fuchte ihn zu überreden,
an ber Verſchwörung Theil zu nehmen. Abbas wies ihn
wieder ab und drohte ihm fogar, ihn beim Chalifen als Re—
belfen anzuflagen, wenn er nicht zum Gehorfam zurückkehre.
Er beſchwor ihn, nicht mit eigner Hand einen Brand zu ftif-
ten, der zulebt fie alle verzehren würde und nur ben Feinden
ihres Haufes Nutzen bringen könnte ?). Später ließ er ihn
1) Ebend. f. 178. Abulf. ©. 458.
2) Tab. f. 158.
5) Ebend. f. 159.
Welid I. 667
noch einmal rufen und tbeilte ihm folgendes Schreiben mit,
das Merwan, der Statthalter von Armenien und fpätere Cha—
life, an Said, den Sohn Abd Almaliks, gerichtet:
„Bott hat jedem Haufe Pfeiler eingeſetzt, auf das“ es
fih fügt, wenn ftürmifhe Tage eintreten; du bift, durch
Gottes Gnade, ein folder Pfeiler für die Glieder deineg
Geſchlechts. Ich habe vernommen, daß mande Thoren aus
deiner Familie damit umgehen, ihren Huldigungseid zu brechen;
führen fie diefe verrätherifchen Pläne aus, fo öffnen fie ein
Thor, das Gott nicht mehr hinter ihnen fchließen wird, big
viel Blut gefloffen. Mich hält die Vertheidigung der wich—
tigften Grenze des mufelmänniichen Neichs hier gefeffelt, wäre
ich in der Nähe diefer Berräther, fo würde ich ihr verbreche-
riiches Unternehmen mit Hand und Zunge zerftören, denn ich
würde Gottes Zorn fürchten, wenn ich anders handelte, weil
ih weiß, wie fowohl diesfeitiges als jenfeitiges Glück durch
folhe Spaltungen zerftört wird. Ich weiß, daß fein Volk
feine Macht verliert, jo lange eg einig ift, wo aber Zwie-
tracht berricht, wird der Feind kühn und lüſtern. Da du
diefen Leuten näher bift, als ich, fo bemühe dich, in ihre
Geheimniffe einzubringen und made fie auf die Folgen ihres
Borhabens aufmerffam, vielleicht wird ihnen Gott den ver-
lorenen Berftand und Glauben wiederfchenfen, denn ihr Un—
ternehmen zieht Verluſt des Wohlftandes und der Herrfchaft
nach fih. Beeile dih, fo lange das Band der Freundfchaft
noch befeftigt, das Volk ruhig ift und Die Grenzen gut ver-
theidigt find. Sei wachſam, denn jeder Vereinigung droht
Zwietracht, jedem Wohlftande Armuth und jeder noch fo großen
Zahl Abnahme, nichts in dieſer Welt ift vor dem wechjelnden
Schickſale fiher. Alle Glieder unferer Familie find von Wohl:
thaten überjchüttet worden, die Reichthümer aller Nationen,
die wir ihnen geſchenkt, haben jedoch nur ihren Neid erregt,
und durch den Neid des Iblis ıft Adam des Paradiefes ver-
luftig geworden. Diefe Aufrührer geben ſich Hoffnungen hin,
vor deren Erfüllung fie felbft untergehen mögen! Jedes
668 Fünfzehntes Hauptſtück.
Geſchlecht hat kranke Glieder, durch die Gott ihm ſeine Gnade
entzieht. Gott halte dich fern von ihnen und ſetze dich in
den Stand, mir genaue Nachricht über ſie zu geben! Gott
bewahre deinen Glauben und befreie dich von dem, was du
etwa ſchon begonnen und laſſe das Rechte und Wahre in dir
den Sieg davon tragen!“ N)
Der Herrfchfüchtige Jezid 2) war taub für alle diefe Er-
mahnungen und fuhr fort, hinter dem Rücken feines Bruders,
im Namen Gottes und der verlegten Religion Aufruhr zu
predigen und fih von allen Feinden des Chalifen huldigen
zu laſſen. Als er den größten Theil der Bevölferung von
Damasf gewonnen hatte, jo wie die von Mizzat, ein Städt:
hen, das nur eine Milie von der Hauptſtadt lag, begab er
fih des Nachts mit einigen Bertrauten nad) Damasf und.
nahm, mit Hülfe feiner Getreuen, eine Mofchee, in welcher
viele Waffen aufbewahrt waren 3). Seinen bewaffneten An-
bängern ſchloß fi bald viel Volk an, auc aus der Um—
gegend ftrömten alle Berfchworenen herbei, und in Damasf
jeldft ftieß er auf feinen Widerftand, denn Abu-l-Adj, der
Dberfte der Wachen, ward fogleich ergriffen und bald darauf
der Gouverneur der Stadt, Abd Almalif Fon Mohammed,
der fid) wegen der Peft auf dem Lande aufhielt. Jezid ließ
dann befannt machen, wer mit ihm gegen Welid ziehe, erhalte
1000 Dirhem. Aber die Damascener, obgleich bereit, ſich
gegen den Chalifen aufzulehnen, waren doch zu feig, um
gegen feine Truppen fih zu fihlagen. Nur taufend Mann
fammelten fih um Jezids Fahne, bis er jedem Soldaten
1500 Dirhem verſprach, da ftellten fih noch 1500 Mann
1) Tab. f. 160,
2) Ein Geitenftüc zu obiger Fälfchung liefert der türk. Tab.
gleih auf der folgenden Seite, indem er Welids Härte gegen die
Söhne Ali's ald den Grund der Empörung Jezids angibt.
3) Ebendaf. fol. 162. Suleiman Sen Hifchum hatte fie aus
Mefopotamien gebracht.
Welid I. 669
ein. Später bezahlte er fogar 2000 Dirhem I) für jeden
Mann und nur fo gelang es ihm, fünf bie fechs taufend
Mann, unter der Führung des Abd Alaziz Jon Haddjadj Jon
Abd Almalik gegen den Chalifen zufammenzubringen, Diefer
befand fih, als er die erfte Kunde von einem Aufftande ers
bielt, nur mit einigen hundert Mann in Nadfaf, einem Dorfe
im Lande Amman 2), Nach einer längern Berathung mit
feinen Freunden, von denen die Einen ihn beftürmten, ſich
nad Palmyra zu flüchten und die Andern nach Himß, beſchloß
er, fih in das Schloß Nadjra 3) zu werfen und bier, in ber
Hoffnung, eiligft Truppen zufammenziehen zu können, Jezid
zu erwarten. Aber Abbas, der ihm zu Hülre fommen wollte,
ward mit feinen Leuten von Jezids Truppen in einem engen
Thale überfallen und gezwungen, Jezid zu huldigen. Zwölf:
hundert Mann, welde in der Nähe von Nadjra ihr Lager
hatten, wurden durch Jezids Geld zu Verräthern 2). Ber:
gebens pflanzte Welid die Fahne feines Urgroßvaters Merwan
auf, mit welcher er bei Djabia die Zubeiriden befiegt, feine
1) Ebendaſ. I. 163.
2) So bei Abulf. ©. 460. Bei Tab. lieft man einmal Aadſab,
dann Aadfaf, dann Aadaf, Lag diefer Ort wirklih im Lande Am-
man, das heißt in der Gegend von Balka, nordöftlih vom todten
Meere, fo begreife ich nicht, wie man ihm rathen Fonnte, fich
nah Himß zu flüchten.
3) Sp bei Tab. a. a. D. und auh im Kamuß, mo ed ausdrück—
fih heißt, Nadjra ift der Name des Schloſſes, in welhem Welid
ermordet wurde, alfo nicht Bahara, wie bei Abulfeda. (Der Unters
ichied befteht nur in der Stellung eines Punktes und dem leicht zu
verwechſelnden Endbuchſtaben) Die Lage diefed Ortes gibt aber
auch der Kamuß nicht näher an und die bei Tabart genannten Sta-
tionen zwifhen Damasf und Nadjra find nicht bekannt. Sie heißen:
Bureina, Lulua und Melifa (f. 166). Bei Edrifi (par Jaubert II,
155) kömmt Nadjra als der Name eines Ortes 12 Milien von
Harran vor.
4) Ebend, f. 168.
670 Fünfzehntes Hauptſtück.
eignen Leute, welche tros ihrer geringen Zahl den Zugang
zum Schloffe tapfer vertheidigten, legten die Waffen nieder,
als fie auch Abbas in den Reihen des Feindes faben, Welid
ſelbſt kämpfte indeffen mit einem Mutbe, den ihm niemand
zugetraut, bis er von einem Steine an der Stirne getroffen
ward, Er zog fih dann in das Schloß zurüd und verlangte
zu unterhandeln, ſprach zu den von ihm abgefallenen Truppen
von dem vermehrten Solde und zu den Leuten aus dem Volke
von den verminderten Abgaben und feiner Wohlthätigfeit gegen
die Armen. Als man ibm fagte, nicht materielle Intereſſen,
fondern reiner Glaubenseifer babe das Volk gegen ihn be-
waffnet, berief er fi auch auf Gottes Schrift ) und verlangte,
dag eine neue Chalifenwahl, nad den Beftimmungen des
Geſetzes, ftatt finde, da aber Feiner feiner Vorſchläge ange-
hört ward, und auch Welid Ibn Chalid, welcher den Abd
Alaziz beftechen follte, felbft zu Jezid überging, 309 er fi
in ein Gemach zurück mit den Worten: „ein Tag, wie der
Othmans,“ und las im Koran, bis die Nebellen, welde das
Schloß erftürmten, ihn enthaupteten. Dies gefhah am 27Tten
Djumadi-[-Ahir des Jahres 126 (16ten April 744 2) ).
1) Eben». f. 166.
2) Als noch zwei Nähte vom Monat Djumadi-I-AUhir übrig
waren, der 29 Tage hat, alfo am 2dten, ein Donnerftag, wie Tab,
f. 168 ausdrücklich bemerft, nach einer Regierung von einem Sahre,
zwei Monaten und 22 Tagen, was ebenfalls richtig ift, wenn man
den Todestag Hiſchams und den Welids mitrechnet. Abulfeda ift
jedenfalld ungenau, indem er die Negierungsdauer auf 3 Monate
angibt, denn da er Hiſchams Tod in den Rabia Ammal fest, fo
wären es 3 Monate und 22 Tage. Ganz falich ıft Flügels Angabe
(S. 97) „Juni 744.” Diumadi-l-Achir ift der fechfte Monat des
Sahres und der erfte beginnt mit dem 25ten Okt. 745. Bei Theoph.
p- 644 wird auch Donnerftag der 16te April als der Todestag We:
lid8 angegeben, Auch bei Abu-I-Faradj heißt ed ©. 211: als noch
zwei Nächte von Djumadi-l-achir übrig waren.
Welid I. 671
Am folgenden Tage ward fein Haupt auf einer Lanze in den
Straßen Damasfs berumgetragen und fein eigner Bruder
Suleiman, dem man ihn nachher zur Beerdigung brachte,
weigerte fih, ihm die Teste Ehre zu erweiſen D).
1) Eben». f. 167.
Sechzebntes Hauptitück.
Jezid IM.
Gründe des Widerftandes gegen Sezid. — Aufruhr in Himß. —
Kampf bei Adsra. — Sezids erfte Predigt. — Aufruhr in Valeftina.
— Die Srafaner wollen Mangur nicht als Statthalter. — Abd Allah
Sen Dmar wird dahin geſchickt. — Naßr wieder zum Statthalter
von Choraſan ernannt, — Merwang Brief an Omar Ibn Zezid. —
Sein Zug nah Harran. — Thabit Son Nueims Empörung gegen
ihn. — Merwan huldigt und wird Statthalter von Mejopotamien.
— Sezid ernennt Sbrahim und Abd Alaziz zu Nachfolgern. —
Sein Tod,
In einem Lande, wie Syrien, wo feit Muawia's Cha-
lifat das monarchiſche Prinzip feinen Stoß erlitten und das
Bolf in den fchwierigften Zeiten fih gegen feine Herrſcher als
treu und gehorfam bewährt, war nicht zu erwarten, daß, trotz
der Berachtung, die ſich Welid durch feinen leichtſinnigen und
gottlofen Lebenswandel zugezogen, Jezids Handſtreich überall
gut geheißen würde, Auch war es fchon binreihend, daß
Jezid IM. 673
Jezid mit Hülfe der Jemeniden fih auf den Thron gefchwun-
gen, um ihn bei den Abfömmlingen Mudhars verhaßt zu
maden, um fo mehr, da der ermordete Chalife von mütter-
licher Seite diefen angehörte. Dazu fam noch, daß Jezid,
obgleich in feinem Leben ftreng religiös, doc den Drthodoren
ein Gräuel war, weil er zu den Befennern der Lehre des
freien Willens gebörte, eine Lehre, welche feine Vorgänger
verdbammten. Die Stadt Himß verfagte zuerft dem Chalifen
die Huldigung. Das Haug feines Bruders Abbas ward zer-
ftört und weheklagende Frauen forderten das Volk auf, das
Blut Welids zu rädhen. Statt aber, nad dem Rathe des
Statthalters Merwan Jon Abd Allah Fon Abd Almalik U),
in der feiten Stadt ſich zu vertheidigen, bis noch mehr Unzu—
friedene berbeigezogen werden fünnten, rüdten die Bewohner
von Himß gegen Damasf, unter Führung des Abu Moham—
med Affofiani. Jezid fandte ihm zwei Heeresabtheilungen ent-
gegen, die eine unter Suleiman Jon Hiſcham, die andere
unter Abd Alaziz Ibn Haddjadj, welde die Aufrührer bet
Thaniat Alikab, hinter Adfra ?), ohngefähr zwölf Mitten von
Damasf fchlugen, den Anführer gefangen nahmen und fodann
die Stadt zur Huldigung zwangen.
Als diefer Aufftand glücklich unterbrüdt war, hielt Jezid
folgende Predigt:
„O ihre Leute! Ich habe mich nicht aus Uebermuth und
Undanfbarfeit aufgelehnt, weder Habgier noch Herrſchſucht wa—
1) Tab. f. 114. Samat Ibn Thabit, fein Feind, Flagte ihn
als Verräther beim Volke an und fagte, er halte es mit Zezid, weil
auch er ein Kadarij (Befenner der Lehre des freien Willens) ift.
2) Ebendaf. Suleiman eröffnete die Schlaht, die aber unent-
fhieden blieb, bis Abd Alaziz, der bei Thaniat Alifab gelagert war
auch hinzufam. Adira lag nah Tab. 14 Milien von Damasf, nad)
dem Kamuß ein Berid, d. h. 12 Milien. Der Ort felbft, wo die
Schlacht ftatt fand, heißt bei Tab. Suleimanije. Abu Mohammed
ward auf die Eitadelle gebracht und zu den Söhnen Welids einge:
iperrt.
43
674 Sechzehntes Hauptſtück.
ren die Triebfedern meines Unternehmens, auch halte ich mich
nicht für den Würdigſten, denn ich weiß, daß ich ein Sünder
bin, wenn ſich Gott meiner nicht erbarmt. Nur aus Eifer
für Gott, ſeinen Glauben und ſeinen Geſandten habe ich mich
erhoben und zum Glauben an Gott, an ſeine Schrift und an
die Satzungen ſeines Propheten, über den Gottes Segnungen!
aufgefordert; denn das Panier der Leitung war umgeworfen,
das Licht der Gottesfurcht war ausgelöſcht, ein gewaltthätiger
Tyrann war aufgeſtanden, der alles Heilige entweiht und den
keine ſündhafte Neuerung zurückgeſchreckt, ein Mann, welcher
weder an die göttliche Schrift, noch an den Tag des Gerichts
glaubte. Ich wendete mich darum von ihm ab, zu Gott, ob⸗
gleich er ein Glied meiner Familie, obgleich er mein Vetter
war, und forderte alle Gleichgeſinnten auf, ſich mir anzuſchlie—
ßen, und bekämpfte ihn, bis Gott der Welt und den Menſchen
Ruhe vor ihm gefchafft, durch feine Macht und feine Kraft,
nit durch die Meinige. D ihr Leute! ich verfprede euch
feinen Stein auf den andern zu fesen, feinen Kanal zu gras
ben, fein Geld für mich oder für meine Frauen und Kins
der zu fammeln, nod von einem Lande in das andere zu
fhaffen, bis ich die Grenzen des Reichs befeftigt, für das
Wohl aller Unterthanen geforgt und überall Hülfe geleiſtet,
wo die Noth am größten. Ferner verfpreche ich eu, eure
Krieger nit in die Gränzfeftungen einzufperren, wodurd
fie und ihre Familie zur Unzufriedenheit gereizt werben,
auch werde ih euch nie meine Thüre verjchliegen, damit
nit der Starfe unter euch den Schwachen unterdrüde, auch
will id die Kopfiteuerpflichtigen mit Milde behandeln, damit
fie nicht zur Auswanderung genöthigt werden, und ihr Ge—
ſchlecht ausſterbe. Cure Gefigenfe follt ibr jedes Jahr von
mir erhalten, und euern Lebensbedarf jeden Monat, damit
alle Mufelmänner nahe und fern an Lebensmitteln Leberfluß
haben. Erfülle ih was ich euch verheiße, fo dienet mir treu
und gehorfam, wo nicht, fo entihronet mich, doch warnet mic)
vorher und verfühnet euch wieder mit mir, wenn ich mich
Jezid I. 675
beffere. Kennet ihr aber Jemanden, der durch Rechtſchaffen—
beit ſich ausgezeichnet, von dem ihr eben fo viel als von mir
zu erwarten babt und den ihr mir vorziehet, fo will ich der
erfte fein, der ihm buldige und Gehorfam leiſte. O ihr Leute!
wer dem Schöpfer ungehorfam ift, Fann von den Gefchöpfen
feinen Gehorfam fordern, wer den göttlichen Bund zerreißt,
fann feine Treue fordern. Nur wer fich felbft Gott unter:
wirft, Fann von Andern Unterwerfung fordern, wer ihm aber
widerfpenftig tft und zur Sünde verleitet, verdient, dag man
fih gegen ihn empöre und ihn aus der Welt fhaffe. Das
iſt's was ich euch zu fagen babe. Gott fei mir und euch
gnädig !
Trotz dieſer volfsthümlichen Kanzelrede, hörte doch der
Widerftand gegen Jezid nicht auf, er ward vielmehr bald noch
ftärfer, als er den Sold der Soldaten wieder verminderte,
wie er vor Welid gewefen, wozu ihn die erichöpfte Staats—
kaſſe nöthigte. Die nächften Unruben brachen in Paläftina
aus, wo Jezid Jon Suleiman Jon Abd Almalif fih die Herr-
haft anmaßte, und den Mohammed Fon Abd Almalik, an der
Spise der Bewohner des öftlichen Jordanufers unterftügte.
Aber au diefe wurden von Suleiman Ibn Hiſcham geſchla—
gen, nachdem es Jezid gelungen war, die Häupter des Volks,
Said und Dhoban Ibn Ruh, zu beftechen 2).
Die Srafaner freuten fih zwar, von ihrem Statthalter
Sufuf Fon Dmar erlöft zu werden, welchen natürlich der von
Semeniden beherrſchte Chalife gleich entſetzte, und einferfern
ließ 3), doch waren fie mit feinem Nachfolger Manßur Ibn
Diumbur, wegen feines irreligiöfen Lebens und feiner freien
Grundfäge nicht zufrieden *). Eben fo wenig warb er in
1) Zab. f. 178.
2) Ebend. f. 177. Abulf. ©. 464.
3) Er flüchtete fib, in Frauenfleidern, nach Balfa, ward aber
doh erkannt, und nah Damask gebracht und blieb im Kerker bis
Merwan nah Damask kam. Tab. f. 181.
4) Ebend. f. 179.
43*
676 Sechzehntes Hauptftüd.
Chorafan anerkannt, das er von feinem Bruder Manzur ver-
walten laffen wollte. Der Chalife fah ſich genöthigt, Naßr
Ibn Sejjar I) in der Etatthalterfchaft von Chorafan zu be-
ftätigen und die von Irak Abd Allah, einem Sohne des Cha—
Iifen Omar Fon Abd Alaziz zu übergeben. Mit diefem un—
partetifchen Statthalter waren die Syrer unzufrieden, weil
fie gewöhnt waren, in vielen Beziehungen vor den Srafanern
bevorzugt zu werden, und es kam zu einem Handgemenge
zwijchen den fyrifchen und irafanifchen Truppen. Auf der an—
dern Seite liebten mande Kufaner den Statthalter nicht,
weil er feinerlei Gewaltthätigfeit duldete, und die Beamten
des frühern Statthalters gegen den Pöbel ſchützte . Auch
in Chorafan braden, felbit als Naßr wieder als Statthalter
nah Meru zurücdfehrte, neue Unruhen aus, denn Naßr be-
günftigte die Stämme Mudhars, zu denen au er gehörte,
während die Jemeniden von Welid einen Statthalter aus
ihrem Gefchlechte erwartet hatten, und fi daher dem Ker-
mant, auf den wir in der Folge zurüdfommen werden, ans
fhloffen. Dazu famen noch die fortwährenden Umtriebe ber
Abbafiden, die nad dem Tode des Mohammed Ibn Ali für
feinen Sohn Ibrahim warben ?).
1) Wir haben oben berichtet, daß Sufuf der Statthalter von
JIrak fih ſchon unter Hiſcham, jedoch vergebend, bemühte, auch die
Statthalterfhaft von Shorafan zu erhalten. Unter Welid erfaufte
er fie aber. Naßr erhielt den Befehl, nad) Damasf zu fommen und
allerlei Saadoogel und Muftfinftrumente aus Perſien mitzubringen.
Naßr, der vielleicht eine baldige Umwälzung vorausjah, zögerte aber fo
lange, daß er die Gränze von Sraf noch nicht erreiht hatte, als
Melid umfam, worauf er dann wieder nach Chorafan zurückkehrte.
Tab. fol. 153.
2) Gbend, f. 187.
8) Ebend. f. 193. Es wird in Chorafan auch Geld für Ibra—
him gefammelt, mit dem diefer wahrjcheinfich in Meſopotamien Sraf
und Syrien die Unruheftifter bezahlte,
Jezid II. 677
Der gefährlichfte und machtigfte Feind Jezid's war aber
Merwan Ibn Mohammed, der Statthalter yon Armenien und
Adjerbidjan, der vergebens die Empörung gegen Welid zu
verhindern gefucht hatte. Diefer fchrieb, fobald er von den
Borfällen in Damasf Kunde erhielt, folgenden Brief an Omar
Fon Jezid, Bruder des ermordeten Chalifen:
„Wiſſe, daß die Herrfchaft von Gott fümmt, nad den
Lehren feiner Propheten und Gefandten; durch ihren Beruf
über die Beobachtung der religiöfen Vorſchriften und Gefege
zu wachen bat fie Gott geehrt, und erhebt er auch diejenigen,
welche fie ehren, während er diejenigen, welche ſich von ihnen
Yosfagen und einen andern Weg wandeln, erniedrigt. Dieß
erfannten die Völker, unter welche Gott Chalifate einge-
ſetzt zu jeder Zeit, indem fie ſich fortwährend zum Schutze
der Rechte ihrer Chalifen erhoben. Die treuejten Untertha-
nen waren aber ſtets die Syrer, fie befhüsten und verthei-
digten was ihren Herrfchern heilig war und fämpften mit
Eifer gegen abtrünnige Aufrührer, welche das Recht umgefto-
fen; darum floß ihnen aud Gottes Gnade zu, denn der
Islam ift durch fie gediehen, und der Unglaube warb durch
fie verdrängt; nun haben fie aber felbft Gottes Befehl über-
treten und den Eid der Treue gebrochen, die Flamme des
Aufruhrs ift unter ihnen angefacht worden, obgleich ihr Herz
ſolchem Unternehmen fremd if. Dod darf das Blut des
Chalifen nur von einigen Häuptern aus dem Haufe Dmejja
gefordert werden, und gewiß, es bleibt nicht ungerädt, wenn
auch jest der Aufruhr niedergedämpft und die frühere Ord—
nung zurüdgefehrt ift, denn was Gott beſchloſſen, kann nichts
abwenden. Sch bin tief beftürzt über deinen Zuftand und
entfchloffen, die mit Füßen getretene Religion und dag ver-
legte Gefes zu rächen, denn ich habe Truppen bei mir, in
deren Herz Gott Gehorfam gelegt, Männer, welche mutbig
vorwärts fehreiten, wohin ich fie führe und deren Herz für
Thaten erglüht. Auch die Rache kömmt von Gott und hat
ihre beftimmte Zeit. Ich gliche weder mir felbft noch mei-
678 Sechzehntes Hauptftüd,
nem DBater Mohammed, wenn ih nicht mit Schwert und
Lanze gegen dieſe Defenner des freien Willens aufträte D),
Gott mag zwifchen mir und ihnen entfcheiden! Doc; werde
id mid noch ruhig verhalten, bis ih Nachricht von dir er:
halte, hoffe aber, daß du nicht fäumen wirft, dich und deinen
Bruder zu rächen. Gott ift mit dir und befhüst dich, wir
bedürfen feiner andern Hülfe als der des Herrn“ 2).
Auf die Nachricht von Jezid's Sieg über die Bewohner
von Himß und die ganze Partei Welid's, brach er mit einem
Theile feines Heeres vom Kaufafus auf?) und fiel in Mefopo-
tamien ein, wo fein Sohn Abd Almalif, ſchon vor feiner An-
funft, fih mit Dülfe einiger Truppen, die er in Chorafan
eommandirt, der Stadt Harran bemächtigt hatte. Hier ward
fein Heer durch 20,000 Freiwillige aus Mefopotamien ver:
ftärft, und er war ſchon im Begriffe, gegen Jezid nad) Da-
mask zu ziehen, als diefer ihm gewiffermaßen eine Theilung
des Reihe vorihlug, indem er ihn nicht nur als Statthalter
von Armenien und Adferbidfan beftätigte, fondern ihm aud)
noh ganz Mefopotamien dazu gab. Da Jezid unmittelbar
nah der Huldigung Merwan’s farb, (Ende Dfu-L-Hudjah
1) Diefe und andere ähnliche Stellen beftimmen mich nah A
Mafin ©. 89 anzunehmen, daß Merwan den Beinamen Djadi we:
gen eined Dheims diefes Namens befam, nicht wie bei Abulf. S.490
weil er der Sefte Djaad's angehört2, welcher die Prädeftination und
die Ewigkeit des Koran’ läugnete. Man müßte denn wie Reiske
das Wort kadar durch Prädeftination überfegen, Diefe Bedeutung
hat es aber gewöhnlich nicht, auch halten meiftens nur die, welche
die Prädeftination läugnen, den Koran für gefhaffen. S. de Sacy
hist des Druzes I. p. 28 und Scehreft. ©. 30.
212.906, 22185;
8) Ebend. f. 194, Merwan war fchon auf dem Wege nad)
Mefopotamien, als er erfuhr, daß Thabit Jon Nueim, den er als
Gouverneur von Derbend zurücgelaffen, die Truppen anftiftete, fich
gegen ihn zu empören, weil er ja nur von Welid zum Statthalter
ernannt worden, der nun todt wäre, Merwan Fehrte um, und führte
Thabit gefangen mit fih nah Mofopotamien.
Jezid I. 679
126 = 12. Oft. 744) D), fo wiffen wir nicht, welche geheime
Bedingungen noch bei diefer Lebereinfunft feftgefegt wurden,
wir können aber nicht zweifeln, daß fowohl in Betreff des
Schickſals der beiden eingeferferten Söhne Welid's, als in
Betreff der Nachfolge, Jezid auch Zugeftändniffe gemacht, und
- dag Merwan feineswegs damit einverftanden war, daf es
zid's Bruder Ibrahim und nad) ihm Abd Alaziz Ibn Had—
diad Ibn Abd Almalik als Nachfolger beftimmt würden.
Sp viel man nad der halbjährigen Regierung Jezid's
urtheilen kann, war er feineswegs der Mann, der nad) einer
blutigen Revolution wieder den wanfenden Thron zu befefti-
gen im Stande gewefen wäre. Er wollte um jeden Preig
berrfhen, wenn aud nur dem Namen nad, daher feine Nach—
giebigfeit und Schwäche ſowohl gegen Naßr als gegen Mer-
war und Andere, die er gegen feinen Willen in ihrem Amte
lieg, obgleich fie fi gegen ihn aufgelehnt hatten, und ber
Partei der Jemeniden, der er den Thron verbanfte, feind
waren,
1) So bei Tab. f.195, nach Andern den 20. Dſu⸗l-Hudjah. Auch
über fein Alter find die Berichte verfchieden, manche behaupten, er
ward nur 30 Sahre alt, Andere 37, einige fogar 46. Die Dauer
feiner Regierung war entweder 6 arabiihe Monate und einige Tage,
oder 5 Monate und 22 oder 23 Tage, nicht 12 mie bei Abulf. ©. 464.
Siebzehntes Dauptitüc.
Merwan I.
Merwan erfennt Ibrahim nicht an. — Schlägt feine Truppen
bet Ein Altjarr. — Nimmt Damask. — Ermordung der Söhne
Welid's. — Merwan mird Chalife. — Ibrahim entfagt und wird
beanadigt. — Aufruhr in Himß und in der Gegend von Damask. —
Himß wird gejchleift und Mizza verbrannt. — Gmpörung in Palä-
ftina und Tadmor. — Ein Alide erhebt fih in Kufa. — Wird vom
Statthalter von Irak vertrieben. — Er bemädtigt ſich mehrerer per-
fiihen Städte. — Bürgerkrieg in Irak. — Dhahbaf der Charidjite
fhlägt Merman’s Statthalter. — Nimmt Kufa und Hira. — Relu:
gert Waſit. — Abd Allah Ibn Omar verbündet fih mit ihm. — Su:
leiman Son Hiſcham mwird von einem Theile der Truppen zum Cha:
lifen ausgerufen, — Mermwan fchlägt ihn bei Kinesrin. — Belages
rung von Himb. — Ibn Hubeira nimmt Kufa wieder. — Schlacht
bei Kafr Tutha zwiſchen Merwan und Dhahhak. — Belagerung von
Moßul. — Die Eharidjiten fliehen nach Perſien. — Die Charidjiten
in Adferbidjan. — Krieg mit den Brzantinern. — Abd Trrahman
Son Habib Statthalter von Afrika. — Kriege gegen Berber und
Sharidjiten. — Zuftände in Epanien, — Abu:l:Chattab’8 Gtatt:
halterfhaft. — Zumeil empört fih gegen ihn. — Thuaba kömmt
an feine Stelle. — Krieg mit Abusl-Chattab. — Thuaba’g
Tod. — Juſuf wird Statthalter von Spanien. — Aufruhr
und Krieg in Arabien. — Krieg in Verfien mit den Aliden, —
Zuftände in Chorafan, — Mufa’s Kriege mit Kermani und Harth.
Merwan II. 681
— Abu Muslim kämpft für die Abbaſiden. — Ibrahim wird einge-
Eerfert. — Abu Muslim nimmt Meru und andere Städte in Cho:
rafan. — Schlaht bei Tus und in Djordjan. — Nafr’d Tod. —
Kabtaba nimmt Hamadan und Nehawend. — Krieg in Sraf zwis
fhen Kahtaba und Ibhn Hubeira. — Kahtaba’d Tod. — Sein Sohn
Hafan nimmt Kufa. — Abu-l:Abbas wird Chalife. — Schlaht am
Zab zwifhen Merwan und Abu Aun. — Die Abbaftden nehmen
Damask. — Merwan's Fluht nah Egypten. — Sein Tod, —
Manche arabiſche Autoren nennen Ibrahim, den Jezid zu
feinem Nachfolger beftimmt, als den nächiten Chalifen, da die—
fer aber fo ſchwach und unbedeutend war, daß er ſelbſt nicht
einmal dieſen Namen zu führen den Muth hatte, ſondern ſich
blos Emir nannte I), übrigens auch höchſtens in der Haupt—
ftadt einige Monate als Herriher anerfannt ward, fo ver—
dient er auch gar nicht unter den Chalifen gezählt zu werben.
Sobald nämlich Merwan von dem Tode Jezid's Kunde er-
bielt, brach er von Harran mit einem ftarfen Deere auf, angeb-
fih um im Namen der beiden in Damasf eingeferferten Söhne
Welid's die Regentichaft zu übernehmen, In Kinesrin ſchlug
er zuerft Beichr, einen Bruder des legten Chalifen Fezid, und
nahm ihn fowohl als feinen Bruder Masrur gefangen 2).
Bon bier wendete er fih, durch viele Araber aus dem Ge—
ſchlechte Mudhars verftärft, an ihrer Spitze der fpätere Statt-
halter von Jraf, Jezid Ibn Omar Ibn Hubeira, gegen Himß.
Diefe Stadt hatte fih ſchon vor feiner Anfunft geweigert,
Ibrahim zu Huldigen 3), und ward deshalb von Abd Alaziz
1) Abulf. ©. 466 u. U. Seine nur von einer Fleinen Partei
anerkannte Herrihaft dauerte nach einigen 4 Monate, nah andern
nur 70 Tage, nah Sbn Kuteiba nur 1, Monate.
2) Tab. f. 19, Elmaf. ©. 87.
3) Ebend.
682 Siebzehntes Hauptſtück.
Fon Haddjadj belagert, Diefer zog fih aber, fobald Mer-
wan beranrüdte, gegen Damasf zurück und Himß öffnete
dem Merwan feine Thore. Ohne Aufenthalt rüdte er dann
gegen Damasf vor, bis nah Ein Aldjarr, einem Fleinen Drte
zwifchen dem Libanon und Antilibanon, auf dem Wege von
Balbef nah Damasf, Hier fand Suleiman Jon Hifcham,
welcher alle Jemeniden und fonftige Anhänger des verftorbe-
nen Chalifen um fi verfammelt hatte. Suleiman’s Heer
fol 120,000 Dann, das Merwan’s nur 80,000 gezählt ha=
ben. Jenes war aber mehr ein zufammengerafftes Volk, die
fes beftand größtentheils aus alten Kriegern, die viele Feld—
züge gegen Armenier, Griechen und Türfen mitgemacht. Wegen
des engen Thales, in welchem die beiden Deere auf einander
fliegen, war die numerifche Ueberlegenheit von Suleiman’g
Zruppen ohne große Bedeutung, während Merwan Gelegen-
heit fand, durch beſſere KRriegstaftif den Sieg zu erringen,
Nachdem nämlich eine mörderiſche Schlacht von Tagesanbrud)
bis gegen drei Uhr des Nachmittags ohne Erfolg geblieben,
fandte Merwan eine Abtheilung Truppen über den Fluß Li—
tani, welche den am Djarrfluffe ftehenden Feind umging und
ihn im Rüden angriff, worauf die Niederlage Suleiman’s
entihieden war I). Er lieg 17,000 Mann auf dem Schladht-
1) Tab. Ebend. Ein Aldjarr (die Quelle des Djarr) kommt
auh im Kamuß jomohl als bei Abulf. (ed. Schier ©. 130) vor. Der
ame diefes Drtes fommt wohl von der Quelle oder den Quellen
her, die in der Nähe entipringen, welhe den Fluß bilden, welder
bei Tab. Djarar heißt, und der fi einige Stunden ſüdweſtlich von
Ein Aldjarr mit dem Litani verbindet, welcher durd das Thal Bekaa
fließt und weiter unten den Namen Kafimijjeh (Leontes) führt. Mit
diefer von Tab. angegebenen Lage des Kampfplages ftimmt auch
Theoph. ©. 645 überein, wo ausdrüdlich die Schladt in Die Ebene
Garis am Fluffe Lita gejegt wird. Daß Theoph. diefen Fluß
auch den Schlimmen (zuxos) nennt, Fommt vielleiht von dem Ginne
des Wortes Djarr her, weldyes unter Andern auch „ein Unrecht bes
gehen‘ bedeutet. ©. Kamuf. Sowohl der Drt ald der Fluß Al
Merwan II. 683
felde, eine gleiche Zahl fiel in die Hände Merwan’s, das
übrige Heer zerftreute fih in Unordnung, fo daß aud bie
Hauptftadt nicht mehr vertheidigt werden konnte. Ibrahim
und Suleiman entfloben aus Damasf, nachdem fie vorher Die
Söhne Welid’s, fowie Jufuf Ion Omar, den ehemaligen
Statthalter von Jraf ermorden und den Staatsihat ausplüns
bern ließen. Merwan, der bisher nur als Bluträcher We:
lid's und Beſchützer feiner Söhne aufgetreten war, konnte
fi) jest ohne Scheu ſelbſt als Chalifen huldigen Yaffen. Um
indeffen das Volk glauben zu laffen, Merwan verbanfe den
Thron nicht bloß feinem Schwerdte, fondern ſei auch ein
Djarr kommt noch jegt unter dem Namen „Andſchar“ vor. Man
lief't bei Burckhardt (Ausg. v. Gefenius I. ©. 47 u. 48). „Sch ritt
(von Zahleb) nah Andjar an der öftlihen Seite von Bekaa, Süd:
oft gegen Süd, ein Weg, den man von Zahleh etwa in dritthalb
Stunden mabt... Der Plas, welher Andjar heißt, liegt nahe bei
dem Anti-Fibanus und befteht aus einer verfallenen Stadtmauer...
Sndem ih dem Berge füdlih von diefen Ruinen folgte, Fam ich
nad ungefähr 20 Minuten an den Fleck, wo der Mojet Anpfhar
oder der Fluß Andſchar feinen Urſprung in mehreren Quellen hat.
Diefer Fluß hatte, als ih ihn fah, dreimal fo viel Wajler als der
Siettani; aber, obwohl er fih mit dieſem in Befaa nahe bei Dichiffr
Temmir verbindet, behält der vereinigte Fluß dennoh den Namen
Liettani.“ Am folgenden Tage legte dann (S. 49) Burdhardt die
Reife von Andjar nah Baalbek in fieben Stunden zurüd, was aud)
mit Abulf. a. a. O. übereinftimmt, der die Entfernung zwifchen dies
fen beiden Orten auf eine Tagreife angibt. Daß DI, Dſch und ©
nur verfchiedene Schreibart eines und deſſelben arabıfhen Buchſta—
ben (Djim) ift, wiffen auch manche Nichtorientaliften und fo unters
liegt es feinem Zweifel, daß Al Djarr, Andjar und Garis (ohne Ar:
tifel) identifch find. Aus der Vergleihung des Theoph. mit Tab,
ergibt fih aud, dag die Schlacht in der Ebene zwifhen dem Fluſſe
Andjar und Litani ftatt fand und daß Merwan fie dadurch gewann,
daß er einen Theil feiner Truppen unterhalb des Zujammenfluffes
des Al Djarr und des Litani über den Fluß ſetzen und den Feind,
der am Aldjarr ftand und ihm mwahricheinlih den Webergang über
diejen Fluß ftreitig machte, im Rüden angriff.
684 Siebzehntes Hauptſtück.
legitimer Chalife, bezeugte der oben genannte Abu Mohammed
Afoftani, der mit den Söhnen Weliv’s eingeferfert war, Ha—
fam, der Aeltefte der Beiden, habe ihm vor feinem Tode feine
Rechte auf das Chalifat übertragen Y. |
Trotz diefer wirklichen oder erdichteten Sanction und ob—
gleih Ibrahim felbft auf alle feine Rechte verzichtete, auch
er ſowohl als Suleiman Ibn Hiſcham fih, dem Scheine nad)
wenigftens, mit ihm ansfühnten, und Merwan fogar, um bag
Bündniß zu befeftigen, feine Söhne mit Suleiman’g Schwer
ftern verheurathete, fand doch feine Herrſchaft an feinem
Drte volle Anerfennung. Die Schlaht von Ein Djarr
hatte fo viele Menſchen gefoftet, dag bei einem Volke, dem
Blutrache noch immer ein natürliches Gefühl und ein Ehren-
punft war, feine aufrichtige Unterwerfung ftatt finden konnte.
Die befiegten Jemeniden waren feine natürlichen Feinde,
welche, mo fie es vermochten, fich felbft gegen ihn erhoben,
1) Dieß beftärft mich in meiner Vermuthung, daß noch ge:
heime Bedingungen, namentlich in Betreff der Nachfolge, zwiſchen
Sezid und Merwan feſtgeſetzt wurden, die Sezid auf dem Kranfenbette
nicht erfüllt, fonft würde man nicht begreifen, da ja Merwan felbft
dem Sezid gehuldigt, welchen Werth noch eine Verfügung Hakams
haben Fonnte. Daß aber Merwan gleich anfangs von Harran aus
gegen Ibrahim aufbrah, um felbft nah Hakam's Beftimmung Cha:
life zu werden, wie Reisfe in feinen Noten zu Abulf. (S. 130) aus
Son Kuteiba berichtet, ift falfih, denn aus den von Ibn Kuteiba
felbft angeführten Verſen Hakam's geht hervor, daß er nur nad)
feinem Tode Merwan zum Chalifen beftimme, feine Ermordung
fand aber erft nah der Schlaht von Ein Djarr ftatt. Reiske felbft
bemerkt übrigens ſchon »postrema (bei Sbn Kuteiba) superioribus non
congruunt.« Die Ermordung Juſufs ward nad arabifchen Sitten,
von Sezid, dem Sohne Chalide, welchen er zu Tode gefoltert, voll:
brabt. Die Söhne Welid’8 wurden von Abd Alaziz Sbn Had:
djadj erdolht. Bei Tab. f. 197 wird als Grund ihrer Ermordung
angegeben, weil Merwan fie zu Chalifen erheben wollte, und die
Anhänger Zezid’8 ihre Rache fürchteten, Abd Alaziz wird nad Tab,
f. 203 von den freigelaffenen Welid's ermordet, der Chalife Sezid
enterdigt und gehängt,
Merwan IL 685
und wo fie nicht ftarf genug waren, die Unternehmun-
gen der Hafıhimiten ſowohl als der Charidjiten unterftügten,
Merwan’s ganzes Chalifat ift daher eine Neihe von Kämpfen
gegen Empörungen jeder Art, die er trog feinem militärifchen
Talente und feiner unermüdlichen Thätigfeit, die ihm den
Spottnamen Eſel zuzog, doch nicht unterdrüden fonnte, weil
fie an allen Enden des Reichs zumal ausbracdhen und die Sy-
rer feldft, die bisherige zuverläßige Stüße der Omejjaden, ſich
zum Theil feinen Feinden anfchloifen.
Kaum drei Monate nad) der Huldigung Merwans pflanzte
die Stadt Himf die Fahne des Aufruhrs auf, angeftachelt von
Thabit Ibn Nueim, der fih ſchon in Adferbidjan gegen Mer-
war aufgelehnt hatte, doc nachher wieder von ihm begnadigt
und zum Statthalter von Paleftina ernannt ward ) ‚(ite
Schawwal 127 = bte Juli 745). Merwan, welder damals
in Hama war, rüdte mit einem Deere heran, die Stadt un-
terwarf fih, als aber einige taufend Mann von Mermang
Truppen eingezogen waren, ward das Thor geſchloſſen und
die Rebellen fielen verrätherifchermweife über die Truppen ber.
Merwan hatte indeffen bald wieder dag Thor erftürmt, doch
gelang es den Rebellen durdy ein anderes Thor zu entfom-
men und nur fünf bis fehs hundert Mann fielen in die Ges
walt Merwans, der jest aber auch mit aller Strenge gegen
fie verfuhr, indem er fie ringe um die Stadt herum hängen
ließ, deren Mauern auf feinen Befehl gefchleift wurden. Von
Himß mußte Merwan gegen die Hauptftabt aufbrechen, in
welcher fein Statthalter von den fie umgebenden Landbewoh—
nern belagert war. Diefe Dörfer und Städtchen waren größ—
tentheil8 von Jemeniden bevölfert, befonders Mizza, das
zuerft dem Chalifen Jezid gehuldigt hatte. Darum ward aud),
nahdem Merwan die Rebellen gefchlagen, dieſes Städtchen
1) Tab. f. 204. Ihnen ſchloſſen fich auch 1000 Mann aus Tad-
mor an, welche zu dem Stamme Kelb gehörten, aljo auch wieder
Semeniden,
686 Siebzehntes Hauptſtück. 5
den Flammen preis gegeben und Jezid Ibn Chalid, der Anz
flifter des Aufruhrs, gehängt Y. Ein ähnliches Schiefal traf
bald darauf Thabit Fon Nueim und feine Söhne, melde fi)
in Paleftina gegen den Chalifen aufgelehnt und deſſen Statt—
halter von Tiberias, Welid Jen Muawia Jon Merwan,
angegriffen hatten 2). Merwans Energie und Strenge gegen
die Empörer bradte endlih auch die aufrührerifhe Stadt
Tadmor zur Interwerfung, doch wurden auch ihre Mauern
gefchleift ?).
Während diefer Vorfälle in Syrien waren auch andere
Provinzen des Chalifats der Schauplag ähnlicher Empörun—
gen. Die Charidjiten erhoben fih überall, vom Kaufafus an
bis an den Meerbufen von Aden herab, während in den öſt—
lichen Provinzen die Haſchimiten die Statthalter des Chalifen
in Schach hielten. Schon im Anfang des Jahres 127
(Dftober 744) empörte fih Abd Allah Ibn Muawia t), ein
Abkömmling Djafars, in Kufa, Wie immer, liegen ihn aber
die Rufaner ohne Beiftand, als der Statthalter yon JIrak
Trupppen gegen ihn ſchickte, doc entfam er mit feinen An-
hängern nady Perfien und bemächtigte ſich der Städte Hulwan,
Iſpahan, Hamadan, Nei und anderer Fleinerer Pläge °), denn
1) Ebend.
2) Ebend. f. 205. Einer der Rebellen ward lebendig in eine
hohle Säule geftekt, die dann zu einem Gebäude verwendet ward.
Auch Theoph. S. 649 erwähnt-den Rebellen Thebit.
3) Ebendaf. Merwand Truppen waren jhon im Kaftel, als
endlich die Stadt den Ermahnungen des Abraſch zum Frieden Ge
hör gab.
4) Ebend. f. 198: Abd Allah Son Muawia, Ibn Abd Allah,
Son Djafar, Son Abu Talib, alfo ein Sprögßling von Mohammeds
Dheim. ©. Leben Moh. ©. 11.
5) Ebend., auch Elmak. S. 90, wo es heißt: Abd Allah zog
fih nah Djabal zurüd und nahm von den dortigen Plätzen Beſitz.
Unter Djabal (Gebirgsland) verfteht man nah dem Kamuß das
Merwan II. 687
viele Jemeniden, an ihrer Spige Jsmail, ein Bruder des
Chalid Ibn Abd Allah Alfasri, fchloffen fih ihm. an. Bald
darauf brachen in Irak neue Unruhen aus, Hira erflärte fi
für Abd Allah Ibn Omar, den bisherigen Statthalter von
Irak, und Kufa für Nafr Ibn Said Aldjoraſchi, welchen
Merwan an Abd Allah's Stelle ernannt hatte, Es fam zum
förmlihen Kampfe zwifchen beiden, und alle Feinde des Cha—
lifen hielten es jest mit dem entfegten Statthalter ). Nur
das Herandringen eines gemeinfamen Feindes veranlaßte Abd
Allah und Naßr zu einem Waffenftillftande, ja fogar zu einem
Bündniffe. Diefer neue Feind war der Charidjite Dhahhak
Fon Keis Afcheibani. Er war aus Mefopotamien gefommen
niit Said Ibn Bachdal Alcheibari, welcher an der Spite von
etwa 3000 Mefopotamiern 2) ftand, und ward nad deſſen
Tod zum Häuptling erwählt. In Irak vermehrte fih wahr:
fheinfih fein Anhang, denn er fhlug Abd Allah und Nafr,
deren Truppenzahl auf 30,000 Dann angegeben werden, und
bemädhtigte fi der Stadt Kufa 3). (Radjab 127 = April —
Mai 745.) Bald darauf nahm er aud) Hira ein und bes
lagerte Abd Allah Ibn Omar, welcher fih nad Waſit zurüd-
gezogen hatte. Abd Allah hielt fi) mehrere Monate in Waflt,
ward aber zulest (im Schawwal) von feinen Leuten genöthigt,
mit Dhahhak einen Frieden zu fchliegen ?).
ganze Gebiet zwifchen Adferbidjan und dem arabifhen Irak. Erpe—
nius überfeßt: »unde in montes confugit,« was freilich Nichtorien«
taliften irre führen mußte.
1) Ebend. f. 206,
2) Ibid. Das Folgende auch in Kürze bei Ibn Kuteiba. ©.
Reiske annott. ©. 132.
3) Nah andern Berihten nahm er Kufa ohne Kampf, denn
Abd Allah lag mit feinen Leuten in Hira und Naßr in der Gegend
von Baßra. Ibid. f. 208,
4) Ebend. f. 209. Zuerft ging Manfur Sbn Djumhur, der von
Sezid ernannte Statthalter von Sraf, zu den Charidjiten über und
fagte zu Abd Allah: wozu Fämpfen wir länger gegen Dhahhaf,
688 Siebzehntes Hauptſtück.
Merwan hatte diefem Kriege nicht müßig zugefehen.
Sobald er Nachricht von Dhahhafs Sieg über Naßr erhielt
und ſich von der Unfähigfeit diefes Statthalters überzeugte,
fandte er Jezid Ibn Omar Ibn Hubeira nad) Irak, den wir
in der Folge, damit er nicht mit Abd Allah Ibn Omar ver:
wechfelt werde, blos Ibn Hubeira nennen wollen. Dieſem
follte zur Bekämpfung Dhahhafs ein Heer von 10,000 Mann
folgen. Als diefe Truppen aber nah Rußafa famen, riefen
fie den von Merwan begnadigten Suleiman Ibn Hiſcham
zum Chalifen aus. Suleiman, der bisher in der Nähe
Merwans gelebt, kurz vorher aber unter irgend einem
Borwande fich entfernt hatte, ftellte fih an ihre Spike
und führte fie nad Kinesrin, welches bald der Sammelplag
aller mit der Negterung Unzufrievdenen ward, Merwan mußte
daher Irak fi felbft überlaffen und alle feine Streitkräfte
gegen Suleiman richten. Er brachte ihm zwar in Chufaf,
nicht weit von Kinesrin, eine furchtbare Niederlage bei, aber
bie Flüchtlinge warfen fid) in die Stadt Himß, die erft nad
blutigen Kämpfen und einer längeren Belagerung ſich ergab 1).
wir wollen Sieber Frieden mit ihm fchliegen und ihm gegen Merwan
Krieg führen laffen. f. 213 werden dann die Bedingungen des Frier
dens angegeben. Dhahhaf behielt Kufa, Hira und das ganze am
Gupbrat liegende Land, Abd Allah aber Kaskar, Meifan, das Land
am untern Tigris, Fars und Ahwaz.
1) Ebend. f. 211 und 212. Abulf. ©. 470 u. Elmafin ©. 9%.
Der Ort, wo die Himfer noch ein Treffen liefern, heißt bei Tab,
Tel Mid, auf dem Berge Sammaf, Suleiman entfloh nach Tad-
mor, fein Bruder Said aber nah Himß und ward bei Webergabe
derfelben hingerichtet. Nach andern Berichten begab ſich Suleiman
nach der Niederlage bei Chufaf zu Abd Allah Son Omar und hul-
digte mit ihm dem Dhahhaf. Unter den Xulßavovg bei Theophanes
©. 649 find wahrſcheinlich Kelbiten oder Kalbiten, d. h. Araber aus
dem jemenidifben Stamme Kelb zu verftehen, melde, wie fchon
oben berichtet, Merwans bitterfte Feinde waren. Auch von der Hin:
rihtung und Verftümmelung eines Aethiopiers fpricht Tabari wie
Theoph. a. a. D. Er hatte während der Belagerung von Himß
Merwan II. 689
Erft gegen Ende des Jahres 128 (September 746) war es
Merwan möglih, den Jon Hubeira nad) der Provinz Irak
zu fhiden, deren größten Theil Muldjan im Namen Dhahhaks
beberrichte, während Lesterer felbft mit dem Hauptheere am
obern Tigris ftand.
Es war die höchſte Zeit, dag Merwan frei wurde, um
den Fortſchritten Dhahhaks einen Damm zu fegen, denn Moßul
war ſchon in feiner Gewalt, Nißibin ward belagert, während
ein Theil von Dhahhaks Heer, das auf 120,000 Mann an-
gegeben wird, ſchon, unter Führung des Abd Allah Ibn Beſchr,
gegen Raffa, nad) dem Euphrat hin aufbrach. Merwan fchlug
zuerft diefes Corps in der Nähe des Testgenannten Drteg,
dann lieferte er Dhahhak ſelbſt in der Gegend von Kafr Tutha
eine Schlacht, welche von Morgens bis Abends währte und
erft mit dem Tode Dhahhaks gegen die Charidjiten entfchieden
ward. Zwar griff Cheibari, der jeßt den Oberbefehl führte
und bei dem fih aud Suleiman Jon Hiſcham befand, dag
feindliche Centrum, welches Merwan felbft anführte, mit fol-
chem Ungeftüm an, daß es weichen und der Chalife die Flucht
ergreifen mußte, da er aber nicht unterftügt ward und nur
Merwan verhöhnt. Die Belagerung von Himß dauerte nah Theo:
phaneg vier Monate, nad) Elmafin 10 Monate, Abulfeda und Tas
bart beftimmen Feine Zeit. Grfterer fest aber die Einnahme gewiß
mit Unredht noh in das Sahr 127. Bei Tabari f. 124 heißt es:
„Wakidi beribtet: Merwan nahm Himk im Schammwal ded Jah:
res 128 und jchleifte die Maugrn und ließ Nueim Son Thabit ent—
baupten.“ Lesterer darf nicht mit Thabit Son Nueim verwechſelt
mwerden, der in Paleftina gefangen und verftümmelt wurde, Mit
Unrecht verbeflert daher Reiske in den amnott. ©. 130 den Div: “
nyſius, welcher fdhreibt, Daß, als Merwan, nach Jezids Tod, gegen
Ibrahim zog, »necaimns lius Tebit Ibrahımi jussu cum exercitu ei
oceurrit.« und glaubt, ed müſſe „Ihabit Ibn Nueim“ heißen. Leg:
terer Fonnte um fo mweniger gegen Merwan kämpfen, da er ja,
wie oben erwähnt, mit Merman aus Armenien kam und als diefer
Ehalife ward, die Statthalterihaft von Paleſtina erhielt und erft
fpäter fi wieder empörte.
44
690 Siebzehntes Hanptftüd,
400 Mann bei fi) hatte, warb er bald von ben beiben
Flügeln des fyrifchen Heeres umzingelt und getödtet ). Nach
diefer Schlacht zogen fich die Charidjiten nah Moßul zurüd
und verfhanzten fih auf dem öftlichen Tigrigufer, während
Merwan das ganze Land dieffeits des Stromes wieder befete,
Erft nad) der Einnahme von Kufa (Ramadhan 129 = Mai—
Juni 747), als ihm Ibn Hubeira Berftärfung ſchicken fonnte ?),
vertrieb er die Charitjiten, die nad Cheibari's Tod Sceiban
Fon Abd Maziz Ajafchfari zu ihrem Dberhaupte erwählt
hatten, aus Mogul und ließ fie fogar nad) Fars, wohin fie
ſich flüchteten, verfolgen und nochmals fchlagen.
Trotz diefem Siege über die Charidjiten, deren Führer
Scheiban bald nadher, nach einigen Berichten in Bahrein
oder Dman, nad andern in Sedjeftan, umfam, und obgleich
Son -Hubeira nah der Einnahme von Kufa aud über Abd
Allah Ibn Omar fiegte und ihn in Waſit gefangen nahm,
war doc Merwan von andern Seiten her dermaßen bedrängt,
daß er genöthigt war, Naßr Ibn Sejjar, der dringend um
Hülfe bat, fich felbft zu überlaffen. Adſerbidjan war ganz
in den Händen der Charidjiten, weldhe Merwans Statthalter
Aßim Fon Jezid tödteten, feinen Cohn Zufr in die Flucht
trieben, und aud Abd Almalif Ibn Muslim fhlugen ?), den
Merwan zur Herftellung der Ruhe mit Truppen nad) Arde—
bit ſchickte. Im nördlihen Syrien und in Kleinafien machten
1) Tab. f. 224, auch Theoph. 1. 1. und Ibn Kuteiba bei Reiske
a.a.D., wo aber die Schladht in den 2ten Monat des 5.128 gefest
wird, ftatt Ende 128 oder Anfangs 129, wie bei Tab, mas zur
Einnahme von Himß im Schamwal fehr gut paßt.
2) Er fandte ihm Amir Son Dhabara mit 6 oder 8000 Mann,
welche Scheibans Truppen unterhalb Moßul ſchlugen. Tab. f. 226.
3) Das Nühere über diefe Kämpfe in Adferbidjan findet man
auch im türt. Tab, S. 147. Häuptling der Charidjiten war Mufafir
Son Kethir,
Merwan I. 691
die Byzantiner Einfälle in das islamitifhe Gebiet und rich—
teten auch die arabifche Flotte bei Eypern zu Grunde N).
In Afrifa hatte Abd Errahman Yon Habib, nachdem
alle feine Bemühungen, Spanien zu beberrihen, fruchtlos
geblieben, den dortigen Statthalter Hanzala vertrieben (Diu-
madiel-Amwwal 127). Merwan mußte ihn zum Statthalter
ernennen, aber auch er batte fortwährend fowohl gegen em-
pörte Berber als gegen Charidjiten zu fämpfen 2).
In Spanien hatte Abu-I-Chattab einen Augenblid bie
Ruhe Hergeftellt, bald aber durch feine Vorliebe zu den Je—
meniden, feinen Stammgenoffen, die Abfümmlinge Mudhars
gegen fich erbittert und Bürgerfriege hervorgerufen 3), welde
ber neue Statthalter von Afrifa gerne gegen den von feinem
Vorgänger Hanzala ernannten Abu-l-Chattab unterftügte,
Zumeil Ibn Hatim ftellte fih an die Spise der Mubhariten
1) Theoph. S. 650 und 653.
2) Son Abd Alb. ©. 127. Er hatte feinen Bruder nah Tripoli
als Unterftatthalter geichitkt, der aber den dortigen Kadli, welcher
ein Sbadhij war, hinrichten ließ, worauf die Sbadhije ſich empö—
ren und auch Humerd Ibn Abd Allah, den Abd Errahman an feines
Bıuders Stelle ernannte, nicht anerkennen, Häuptling der Zbadhije
ift Abd Aldjabbar Son Keis Almuradi und ihm gehorchen die Berber:
fämme Zenata und Hawara. Mehrere Feldherrn Abd Errahmans
merden von Abd Aldjabbar geihlagen, doch zufegt entzweite er ſich
mit Harith Sbn Telid Alhadhrami, mit dem er bisher gemiffermagen
die Herrjchaft getheilt hatte. Cie befämpften ſich und beide blieben
auf dem Schlahtfelde. Die Berber ermwählten dann Ismail Ibn
Zijad Alnafuft zu ihrem Häuptling, welcher aber von Abd Grrahs
mans Truppen gejchlagen wird. Vergl. auh Nuweiri a, a. D.
©. 451 u. 452. Die Sefte der Ibadhije geh rt auch zu den Cha:
ridjiten, ihr Stifter hieß Abd Allah Son Ibadh. ©. Schehreftani
©. 100, aub im Kamuß unter Ibadh.
8) Die Beranlaffung zum Ausbruch der Unruhen gab eine Ents
fheidung des Stutthalters zum Nachtheile eines Mannes aus dem
Stamme Kinana und zu Gunjten eines Semeniden, der offenbar im
Unrehte war. Makkari ©, 46,
44 *
692 Siebzehntes Hauptſtück.
und verband fi mit Thuaba Ibn Jezid, der zwar ein Je-
menide, aber ein yperfönlicher Feind Abu-l-Chattabs war.
Lesterer ward an den Ufern des Guadalete gefchlagen und
als Gefangener nad; Cordova gebracht, (Radjab 127 — April
— Mai 745). Er ward aber aus dem Kerfer befreit und verfuchte
aufs Neue, mit Hülfe der Jemeniden, ſich zum Statthalter
emporzufchwingen, doc verlichen ihn feine Anhänger wieder,
weil Thuaba, wenigftens dem Namen nad), regierte ?). Nach
Thuaba’s Tod (Ende 128 — September 746) entbrannte
der Bürgerfrieg auf's Neue, bis endlih die Muthariten und
Jemeniden dahin übereinfamen, daß ein Jahr ein Mudharite
und ein Jahr ein Jemenide Statthalter fein follte. Sufuf,
Sohn des Statthalters von Afrifa, ward zuerft (Nabia-[-Adir
129 — Der. 746 — Yan. 747) von den Mudhariten gewählt;
wie vorauszufehen war, wollte er aber, nach Berlauf des
Jahres, der Herrfhaft nicht entfagen, was neuen Aufruhr
veranlaßte, den Juſuf nur durch) Verrath und raufamfeit
unterdrüdte 2).
1) So bei Maff. ©. 48. Nach Sonde u. N. fiel Abu-l:Chattab
in einem Ausfalle, den er von Cordova aus gegen Zumeil madte.
Vergl. Lembfe S. 303. Weber die Dauer der Statthalterfchaft von
Abul:Chattab und Thuaba f Pascual. ©. 414. n. 32. Wenn er aber
die von Maff. angegebene zu lange Dauer der Verwaltung Abu—l—
Shattabs dadurch rechtfertigen will, daß er die von Afrika mitrechnet,
fo ift dies eine faljhe Vermuthung, da weder bei Numeiri noch bei
Son Abd Ah. Abusl-Chattab unter den Statthaltern von Afrika ges
nannt wird, fondern Ubeid Allah, Kolthum und Hanzala unmittelbar
auf einander folgen.
2) Makk. S. 49 und 50 viel wahrfcheinlicher als Conde's und
Andrer Berichte, denen zufolge Juſuf einitimmig, ohne Vorbehalt,
aud von den Semeniden gewählt murde. Gewiß war auch fein Va:
ter, von dem Conde gar nichts jagt, nicht untpätig bei diefer Wahl,
und bei Nuweiri a. a. D. ©. 453 heißt ed ausdrüclich, Daß Abd
Grrahbman vom Chalifen Merwan zum Statthalter von Afrika und
Epanien ernannt wurde, aljo waährſcheinlich letzteres Land durch
feinen Sohn verwalten ließ.
Merwan II. 693
Die weitere Gefhichte der Statthalterfchaft Juſufs ge—
hört nicht mehr der Regierung Merwans an, da nur noch
feine Ernennung zum Statthalter nady einigen Berichten vom
Chalifen ausging. Wir haben auch überhaupt, weil fie zur
eigentlichen Geſchichte des Chalifats in Feiner fo engen Bezie—
hung mehr jtehen, alle Vorfälle in Spanien, von Hiſchams
Tode an, nur furz berührt, indem wir bloß zeigen wollten, daß
daffelbe Grundübel, welches im Diten blutige Bürgerfriege
verurfadhte, au im Außerften Weſten vorhanden war, ob—
gleich es hier ganz entgegengefegte Nefultate herbeiführte, Die
wir in der Folge näher erörtern werden.
Sn Arabien wurde Merwans Statthalter, fowohl in
Mekka als in Medina und Sanaa, von Rebellen angegriffen
und diefes Land, die Wiege des Islams, der Sammelplag
aller Pilger, durfte Merwan nicht ſich felbjt überlaffen. In
Meffa erfchienen plöslih 700 Mann in ſchwarzem Gewande,
der Farbe der Abbafiven, und erflärten den Chalifen als ent-
thront. Abd Alwahid Fon Euleiman, der Statthalter von
Arabien, mußte mit ihnen capituliven und fie durch Gefchenfe
zum Abzuge bewegen ). Medina ward bald darauf von
den Charidjiten unter dem Befehle des Abu Hamza ange-
griffen und Abd Alwahid mußte, nad dem Treffen bei Ku—
deid, zwiſchen Meffa und Medina, die Flucht ergreifen und
die Stadt den Charitjiten überlajfen, bis Merwan ihm den
Abd Almalif Fon Mohammed Ibn Atijjah mit 4000 Mann
zu Hülfe ſchickte. Diefer ftellte die Ordnung, in den beiden
heiligen Städten fowohl, als in Sanaa wieder her, wo Abd
Allah Ibn Jahja fih gegen Merwan aufgelehnt hatte. ALS
er aber dann zur Pilgerfahrt, nur von zwölf Mann begleitet,
nad Meffa reifte, ward er von Arabern aus dem Stamme
Murad ermordet 2).
1) Zab. f. 240 im Sahre 129.
2) Ebend. T. XI. f. 6—10. Auch hier fchloffen fi die Cho—
zaiten, ein aus Jemen nah Hidjas ausgemwanderter Stamm, den
694 Siebzehntes Hauptftüd,
In dem weftlichen Perfien hatte Merwan nad) der Ver:
treibung der Charidjiten aus Moßul fortwährend gegen bie
Aliden zu kämpfen, die feit dem mißglücten Aufftande in Kufa
immer feitern Fuß in den bedeutenditen Städten von Iſtachr
bis herauf nach Rei faßten. Abd Allah Ibn Muawia hielt
ſich abwechſelnd in Rei und Ispahan auf, feinen Bruder Je—
zid ſchickte er nach Fars und ſeinen Bruder Haſan in die
Provinz Djebel und bei Letzterem hielt ſich auch häufig des
Chalifen bitterſter Feind Suleiman Ibn Hiſcham auf N).
So war der Zuſtand des Reichs, als Naßr, der Statt—
halter von Choraſan, um Hülfe bat und dem Chalifen ſchrieb:
„Ich ſehe glühende Kohlen unter der Aſche glimmen, die bald
zur hellen Flamme auflodern werden, die, wenn ſie nicht die
Klugen erſticken, Kopf und Rumpf verzehren wird. Wie
Holz das Feuer zur hellen Flamme anfacht, ſo entzündet ſich
Krieg aus aufrühreriſchen Reden und ſtaunend frage ih 2):
„wacht das Haus Dmejja oder ſchläft es?”
In der Provinz Chorafan, von deren Zuftänden wir
abfichtlich bisher geichwiegen, weil fie von der größten Be—
deutung für den Sturz der Dmejjaden und darum auch ohne
Unterbrechung Ddargeftellt werben müſſen, berrichte feit der
Thronbefteigung Merwans eine wahre Anardyie, welche bie
Abbafiden, deren Emiffäre ſchon feit zwanzig Jahren dieſes
Land bearbeiteten, ſehr gut zu benugen verftanden.
Rebellen an. Das Treffen von Kudeid fest Tab. in den Monat Safar
130. Abu Hamza blieb nah Mafidi drei Monate in Medina. Mer:
mwan mußte jedem Soldaten, der mit Abd Almalif nah Arabien 309,
100 Dinare, ein Pferd und einen Maulefel geben (2). Merman’s
Truppen verfjpotten alles, was nicht nur den Charidjiten, fondern
überhaupt den Mohammedanern heilig ift. Die Predigten und Ers
mahnungen der Charidjiten find aus frühern Mittheilungen befannt.
1) Tab. T. XI f. 289.
2) Ebend. f. 237. Der zweite Vers fehlt bei Abulfeda und der
dritte bei Elmafin. Xehnlihe Verfe fchidte er auch an Ihn Hubeira,
der ihm aber eben ſo wenig Truppen ſchicken Fonnte,
Merwan II. 695
Wir haben ſchon unter Jezids II. Chalifat gefehen, daß
Nafr, aus dem Stamme Kinana, die Söhne Mudhars bes
günftigte und daß darum die Jemeniden fi) dem Chadia Ibn
Alt Alfermani anfchloffen. Unter Merwan, als die Mudhas
riten überall die Oberhand hatten und auch der Statthalter
von Irak, von dem Chorafan mehr oder weniger abhing,
wieder ein Mudharite war, lieg Naßr den Kermant, wie wir
ihn der Kürze wegen nennen wollen, einferfern. Nach einem
Monate ward er aber wieder durch eine unterirdifche Oeff—
nung befreit und Naßr genöthigt, ihn zu begnadigen I). Ker—
mani war indeffen auf feiner Hut und leiftete der wiederholten
Aufforderung Naßr's, fih zu ibm zu begeben, feinen Gehor-
ſam. Nah langen Gefandtfchaften zwifchen Naßr und Ker-
mant, welcher nunmehr in einem von Jemeniden wohlbewach-
ten Schloffe wohnte, verlangte diefer, daß ein Mann vom
Stamme Befr ?), das heißt ein Mann aus dem Gefchlechte
Rabia's, das weder zu Mudhar nod zu Jemen gehörte und
eine gewiffe Neutralität beobachtete, bis auf weitern Befehl
Merwang, die Herrichaft übe. Naßr vertraute dem Schwerbte
und lieferte Kermani mehrere Treffen, die jedoch zu feiner
Entfheidung führten. Naßr's Lage war um fo bedenflicher,
als er neben Kermani auch noch immer den abtrünnigen und
mit Ungläubigen verbündeten Harth Ibn Schureih zu befäm-
pfen hatte. In der Hoffnung, von diefer Seite her frei zu
werden, erwirfte er beim Chalifen des Letztern Begnadigung.
Harth begab fih nah Meru, doch weigerte auch er 3) fic,
1) Tab. f. 190.
2) Ebend. f. 192. Auch im türk. Tab. ©. 147—149 findet ſich
vieles über tie GStreitigfeiten zwiſchen Nafr und Kermani, doch
nicht gan; übereinflimmend mit dem Urterte, dem ich bier folge.
3) Auch Harth, ein Mann, der 12 Zuhre unter den Türfen ges
lebt und gegen feine Glaubensgenoffen gefochten, wagte es Naßr zu
fagen: handelft du nad der göttliben Schrift, fo bin ich mit dir,
wo nit, fo wende ih mid von dir ab. Ebend. f. 202,
696 Siebzehntes Hauptftüd,
Naßr als Statthalter anzuerkennen, fondern nahm zuerft an
der Spige einiger taufend Freunde und Stammgenoffen eine
neutrale Stellung ein, dann unterhandelte er bald mit den
Anhängern der Abbafiden, bald mit Kermant. Als feine
Truppen zahlreicher wurden, verlangte auch er von Naßr,
daß er der Statthalterichaft entfage und die Wahl des Statt-
halters einem Schiedsgerichte überlaffe. Naßr willigte ein,
als er aber von den beftimmten Richtern entjeßt ward, er—
fannte er ihren Ausfprucd nicht an und es kam zu einer
Schladt in und bei Meru (End Djumadi-l-Achir 123) zwi—
fhen ihm und Harth. Letzterer ward gefchlagen und da er
fih nicht länger allein gegen Naßr behaupten Fonnte, verband
er fih mit Kermani und beide vereint bracdten dann Naßr
eine Niederlage bei, Sobald indeffen Naßr befiegt war, ent—
zweiten fih Harth und Kermant 1) und befämpften fich felbft
unter einander bis zu Hartbs Tod (Radjab 128 — April
746). Naßr und Kermant fuhren dann fort, fi) mit wech—
felndem Glück zu befehden, ganz Chorafan ftand unter den
Waffen, jeder friedlich Gefinnte fehnte fih nad) einer Regie—
rung, welche Ruhe und Ordnung zu erhalten im Stande wäre
und fühlte, Daß dies von dem in fich felbft zerfallenen und
auf feinem religiöfen und gefeßlihen Boden fußenden Haufe
Dmejja nicht mehr zu erivarten wäre.
Diefe Zerrüttung und allgemeine Unbehaglichfeit benütten
die Abbafiden, um ihre längft im Stillen gepredigten Lehren
von den Rechten der Familie des Propheten öffentlich zu ver-
fünden und gegen die Omejjaden ihre Anſprüche mit bewaff-
neter Hand geltend zu machen. Zu den Emiffären, welche
fhon Yängft in Chorafan für die Abbafiden warben, kam im
1) Nah Tab. f. 218 fagte fib Harth von Kermani los, weil er
zu graufam war. Er ließ 300 Gefangenen Hinde und Füße ab»
hauen und 50 Andern den Leib aufichneiden und in den Fluß Balch
werfen.
Merwan II, 697
Sabre 128 der oben genannte Abu Muslim 1). Er machte
mehrmals die Reife von Chorafan nad Syrien zu Ibrahim,
um ibn von der Fritiihen Lage Naßr's zu unterrichten und
im Ramadhan des J. 129 (Mat — Juni 747) erhielt er
endlich den Auftrag, die Feindfeligfeiten gegen Naßr zu bes
ginnen. Ibrahim mußte freilich feine Herrfhjuht mit dem
Leben büßen, denn als Merwan von feinen Umtrieben in
Kenntniß gejegt ward, ließ er ihn verhaften und nach einigen
Berichten durch Gift tödten. Seine Familie aber, worunter
feine beiden Brüder Abd Allah Abu-l-Abbas und Abu Diafar,
entfamen glüdlih nad Irak, wo fie fo lange verborgen leb—
ten, bis ihre Partei die Oberhand bekam.
Nahdem Abu Muslim ale, die ihm längſt gebuldigt
hatten, zu ſich gerufen, pflanzte er, dem erhaltenen Befehle
gemäß, die fchwarze, von Ibrahim empfangene Fahne auf und
vertrieb Yezid, einen Freigelaffenen Naßr's aus Lin, ein Etädt-
hen in der Gegend von Meru. Bald darauf flug er fein
Lager in Machuan, nicht weit von Meru, auf. Chazim Ibn
Chuzeima, einer feiner Feldherren, bemächtigte fid) der Stadt
Merurud und Nadhr Ibn Nueim, ein anderer Emiſſär der
Abbafiven, vertrieb Naßr's Präfeft aus Herat. Mit Abu
Muslim vereinigte fih Kermani’s Sohn, Ali, nahdem Naßr,
nad einigen Berichten durch Verrath, nad andern im offnen
Kampfe feinen Vater erfchlagen hatte, und ſchon im Monat
Djumadi-I-Ammwal 130 (Januar 748) mußte Nager Meru
dem Feinde überlaffen 2). Da noch immer die Emiffäre ber
Abbafiden nur im Allgemeinen die Anfprühe der Familie
1) Auch er erhielt die Weifung, den Jemeniden zu fchmeicheln,
den Arabern aus Rabia Miftrauen gegen die Regierung eınzuflößen,
die Söhne Mupdhar’s aber auf den geringften Verdacht hin auszus
rotten. Tab. f. 222,
2) Nach einer Tradition nahm Abu Muslim den 9. Djumadis
LAmmal die Stadt Meru, während Nafr dem Kermani eine Schlacht
lieferte, Ibid, f. 242,
698 Siebzehntes Hauptſtück.
Mohammed’s auf das Chalifat begründeten und manche darunter
die Nachkommen Ali's im Auge hatten, lieg Abu Muslim die
Bewohner von Meru nur einem Chalifen aus dem Haufe des
Propheten Treue fehwören, ohne irgend eine Perfon näher zu
bezeichnen. Naßr, welcher wohl einfah, daß die legte Stunde
ber Dmejiaden nicht mehr fern, ließ fich jest mit Abu Mus—
lim in Unterhandlungen ein und war auf dem Punfte, fi
zu ihm zu begeben, als einer der Boten Abu Muslim’s, welche
ihn abholen follten, ihm zu verftehen gab, daß er dem Sichern
Tode entgegengehe ). Er flüchtete fi mit wenig Getreuen
nach Serachs, wo er aber, da diefe Stadt in den Händen ber
Charidjiten war, ſich nicht aufhalten fonnte, er ging daher big
Zus, wo er 14 Tage blieb, hierauf, von Abu Muslim
verfolgt, nad Nifabur. Hier lieferte er den Truppen Abu
Muslim’s, welche Kahtaba befehligte, eine Schlacht, in welcher
fein Sohn Temim blieb und als er fie verlor, flüchtete er
fih nad) Djordian, wo Nabata Ibn Hanzala an der Spiße
eines Heeres fand, das ihm endlich Ibn Hubeira aus Jraf
zu Hülfe geſchickt. Kahtaba verfolgte ihn auf dem Fuße
und am 1. Dſu-l-Hudjah 130 (1. Auguft 748) fam es zu
einer Schladt, in welcher Nabata mit 10,000 Syrern fiel 2).
Naßr zog fih, nad Nabata’s Niederlage, nad Rei zurüd,
da ihn aber Kabtaba durch feinen Sohn Hafan verfolgen ließ,
1) Ibid. T. X. f. 1. Abu Muslim übertraf alle DOmejjaden
an Grauſamkeit. Kein Gefangener murde begnadigt. Er erhielt die
MWeijung, das Schwert ald Ruthe und das Grab als Gefängniß für
alle nicht zu feiner Partei Gehörigen zu gebrauchen. Auch die Söhne
Kermani’s wurden verrätherifher Weife von ihm ermordet, fobald
er ihrer nicht mehr bedurfte. Ibid. f. 3.
2) Kahtaba's Heer war bei weitem nicht fo zahlreich wie das
Nabata's. Sein Sieg ward ihm dadurdy erleichtert, Daß einige
Stämme, welche mit Nabata fochten, auch ſchwarze Fahnen hatten
und im Schlahtgetümmel für Abbajiden gehalten wurden, fo daß
die Syrer felbft fih unter einander bekämpften. Ebend. f. 6.
Merwan II. 699
wollte er nach Hamadan fliehen und ftarb auf dem Wege dahin,
in Sawa (Rabia⸗l-Awwal 131 — November 748). Hafan
verfolgte die Trümmer der Truppen Nafr’s, die fich zuerft
nad) Hamadan und dann nad Nehawend zurüczogen, während
Kabtaba mit 20,000 Mann ein ftärferes ſyriſches Heer unter
dem Befehle des Amir Ibn Dbhabara, das von Kerman ber-
fam, wo eg den Aliden Abd Allad Fon Muawia befämpft,
bei Iſpahan auf's Haupt flug. Als diefes Heer zernichtet
war, brach auch Kahtaba gegen Nehawend auf und nad) einer
dreimonatlihen Belagerung ergab ſich Malif Jbn Adham, der
an Naßr's Stelle gefommen war, unter der Bedingung, daß
er und alle Syrer begnadigt würden )., (Schawwal 131
— Mai — Juni 749.) Sobald Nehawend genommen war,
fandte Kabtaba den Abu Aun mit einem Theile der Armee
voraus nah Schehrzur, während er felbft die Richtung von
Hulwan und Chanifin nahm und Ibn Hubeira, der ihm mit
20,000 Mann entgegen zog, geihidt umging. Ohne ein
Schwert zu ziehen gelangte er über den Euphrat und Tigrig,
während Ibn Hubeira noch bei Djalula lag. Indeſſen fehrte
diefer mit feinen Truppen noch raſch genug um, um vor Kah—
taba in Kufa einzutreffen, wo bie Verfchworenen nur der An-
funft der Abbafiden harrten, um ſich von den Dmejjaden los—
zuſagen. Nach furzer Ruhe brah dann Ibn Hubeira gegen
Kerbela auf und lieferte dem von Norden her fommenden
Kahtaba, nicht weit von diefem Orte, eine Schlacht. Kahtaba
fiel im Gefechte oder ertranf, aber fein Eohn Hafan übers
nahm den Dberbefehl, brachte Ibn Hubeira eine vollftändige
Niederlage bei und nöthigte ihn, nah Waſit zu fliehen, denn
gleid am folgenden Tage, nah der Schlacht bei Kerbela,
(10. Muharram 132 — 29. Auguft) brach in Kufa die längft
1) Die Truppen aus Chorafan, welche von diefer Gapitulation
nichts wußten und auch auf freien Abzug rechneten, murden alle dem
Schwerte preidgegeben. Ibid, f. 14.
700 Siebzehntes Hauptſtück.
vorbereitete Empörung unter Leitung des Mohammed Ibn
Chalid Fon Abd Allah Alfasri aus, der fich ſogleich der Cita-
belle bemädhtigte. Hauthara, welcher einen Theil der Truppen
Ibn Hubeira's befehligte, verfuchte es zwar noch den Aufruhr
zu unterdrüden, aber Ibn Hubeira unterftügte ihn nicht und
die erften Truppen, welche Mohammed angreifen follten —
fie waren aus dem Stamme Bahdal — gingen zum Feinde
über, fo daß auch er fi, wie Ibn Hubeira, nad Waſit zurück
zog und Kufa dem Hafan überlich, wo bald nach feinem Ein-
zuge dem Abu⸗l-Abbas gehuldigt ward I). Ibn Hubeira hielt
fi freilich noch faft ein ganzes Jahr in Waflt, doch hätte
er viel beifer gethan, wenn er, ftatt ſich hier mit feinen Trup—
pen einzufchliegen, fie dein Chalifen zugeführt hätte, der um
diefe Zeit ein Heer gegen Abu Aun rüftete,
Als nämlid Abu Aun, nad) einigen Berichten mit 30,000
Mann, in Schehrzur lag, zog Merwan alle feine Truppen
zufammen und lagerte am großen Zab. Abu Aun war in-
zwifchen immer weftwärts gedrungen, denn Abu Salama, einer
der thätigften Emiffäre der Abbafiden in Chorafan, fandte ihm
nod eine Berftärfung von 9000 und Abd Allah Fon Alt, ein
Dheim des Abu: Abbas, führte ihm 6000 Mann von’ Kufa
zu. Noch immer war Merwan, deffen Armee 120,000 Mann
gezählt Haben foll, dem Feinde an Zahl um das Doppelte
überlegen, darum ſchlug er eine Brüde über den Zab und
griff Abu Aun an, in der Hoffnung ihn zu Schlagen, ehe er
noch weitere Verſtärkungen erhielte, aber das Glück hatte ſich
von ihm gewendet und mande ungünftige Umftände vereinten
fih, um ihm den fchon erfochtenen Sieg wieder zu entreißen.
(11. Diumadi-l-Adir — 25. Januar 750.) Hauptgrund ſei—
I) Nah einigen Traditionen den 13. Rabia 1. (30. Okt. 749)
nach andern Rabia II. So bei Tab. f. 22. Da er Donnerftag nennt,
fo fcheint eriteres Datum richtiger, das auch Abulf, ©. 482 annimmt,
der jedoch den 12. ftatt des 18. hat,
Merwan II. 701
ner Niederlage war der Verrath und Ungehorfam bes Theiles
feines Heeres, der aus Charitjiten und Jemeniden beftand,
Dazu fam noch, daß während der Schlacht Geld ing Lager
fam, das die Soldaten plünderten. Merwan fandte feinen
Sohn Abd Allah mit einigen Negimentern ins Lager, um das
Geld zu retten. Sobald Abd Allah, der bisher in den vor—
deriten Reihen kämpfte, umfehrte, glaubte man, er fliehe vor
dem Feinde und das ganze Heer ergriff die Flucht in größter
Unordnung I). Ein großer Theil ward von Abu Aun’s
Schwert ereilt, Andere ertranfen im Zab, denn Merwan
mußte, um feinen Rüdzug zu fihern, die Brüde hinter ſich
abbreden. Merwan brachte zwanzig Tage in Harran zu, da
er aber fein neues Heer zufammenbringen fonnte und Abb
Allah Ibn Ali heranrüdte, floh er nach Kinefrin, von hier nad
Himß und dann nad) Damasf, wo er, vor feiner weitern Flucht,
feinen Schwiegerfohn Welid Jon Duawia ?) als Statthalter
1) Ebend, f, 30 u. 31, Dies ift wohl wahrfcheinlicher als das
son Herbelot, nad perfiihen Quellen mitgetheilte Mährchen, dems
zufolge Merwan einen Augenblik abfteigen mußte und fein Pferd
die Reihen der Syrer durchlief, fo daß fie glaubten, er fei getödtet
worden. Die Truppen aus den jemenidifhen Stämmen Kudhaa,
Sakaſik und Sufun vermweigerten ihm, nach Tab., fürmlih den Ges
horfam. Unter den Charidjiten, die bei feiner Armee waren, werden
Raſchidije und Muhammira genannt. Vergl. über Erftere Schehreft.
©. 98, über die Muhammira den Kamuß. Sn diefer Schlacht fam
auch der von Sezid ernannte Chalife Ibrahim um, der feit feiner
Abdanfung Merwan nicht verlaffen hatte.
2) Entweder ed gab zwei Welid Son Muawia oder bei Abulf.
©. 484 fomohl als bei Tab. f 30 ift eine Lücke, denn beide nennen
Welid Jon Muamia ald Anführer des linfen Flügels des fyriichen
Heeres. Mir fbeint, daß der Name des Befehlshabers der Finfen
von den Abbaſiden und der Rechten von den Syrern im Abjchreiben
ausgefallen ift, denn weiter unten beißt es bei Tab.: Melid Ibn
Muawia Ibn Mermwan, der Schwiegerfohn Merwan’s, griff die Rechte
ded Feindes an, woraus hervorgeht, daß er die Linke der Syrer bes
fehligte.
®
702 Siebzehntes Hauptſtück.
einſetzte. Alle Städte zwifchen Damasf und Moßul, wo Mer-
warn gar nicht eingelaffen ward, ergaben fid) dem Sieger und
in Damask felbit brad, als Abd Allah Ibn Ali Heranzog,
ein Aufftand aus. Die Nebellen fiegten, Welid ward getötet,
und die fhwarze Fahne zog im Triumphe durd die Thore
der Huauptftadt der Omejjaden ein. (10. Ramadhan 132 N),
Abd Allah verfolgte den flüchtigen Chalifen noch nad
Paläftina, bis an den Fluß Abu Fotros oder Audja, nördlich
von Ramla, dann fandte er ihm feinen Bruder Salih mit
Abu Aun und Amir Ibn Ismail nah Egypten nad, wo er
eine legte Zuflucht fuchte. Aber felbft in das friedliche Nil-
thal war Aufruhr und Empörung eingezogen, ev mußte auch
bier zuerit die Rebellen befämpfen, ward dann felbft von
Salih gefhlagen und endlid in einer Kirche in Bußir ?) ges
tödtet. (26. Dfu-l-Hudjah 132 = 5. Aug. 750.)
Die Darftellung der Abfcheulichkeiten, welche gegen ſämmt—
fiche, felbft Längft verftorbene Dinejjaden verübt wurden, fo
wie der weitern Kriege der Abbajiven gegen Ibn Hubeira
und andere Feloherren, welde fih der neuen Dynaftie noch
nicht ergeben hatten, gehört in den folgenden Band, wo aud)
ein tiefereg Eingehen in die Zerwürfniffe unter den Hafchte
miten felbft und in die Händel, welde der Huldigung des
Aust: Abbas vorangingen, eher an feinem Plage fein wird,
— [2
1) Nicht den 5. wie Abulf. ©. 486, wie fhon der auch von
ihm — Wochentag (Mittwoch) beweiſt, da der erſte Ramadhan
ein ontag war.
2) Wahrſcheinlich in Oberegypten. ©, die verſchiedenen An⸗
ſichten, ſelbſt unter den Arabern, bei Quatremere mem. sur VEgypte
L 112 und über den Aufftand der Kopten um diefe Zeit, Makrisi
hist. Copt. ed. Wetzer p. 98 u. Renaud. hist. patr. p. 126. Elmafin
fegt Merwan's Tod unrichtigerweife in den Monat Djumadi-l:Abir.
Sch folge Abulfeva und Tab., obgleich Letzterer einen Sonntag ans
gibt, während der 5. Auguft ein Mittwoch war. Der türk. Tab.
©. 155 iſt hier wieder ganz verfchleden vom Urtexte.
——
Anhang zum erften Bande.
Die wichtigiten Rriege und Groberungen der
Araber nah Beladori.
Das erite Treffen, das die Moslimen den Chriften
in Shrien lieferten, noch ehe Chalid Jon Welid den Ober
befehl übernahm, war in dem Städtchen Dair (oder
Dathir) in der Nähe von Gaza, nach Andern gieng jedoch
der Schlachttag von Arabat voraus. Die folgende
Schlacht fand bei Adjnadein ftatt, dann fammelten ſich
die Griechen wieder bei Bakußah (oder Nakußah), ein
Thal, das fih an Ghur anſchließt, wo fie abermals ge=
fhlagen wurden. Hier erhielten die Moslimen Nachricht
son dem Tode Abu Bekrs. Hierauf folgte die Schlacht
bei Fachl, den 28. Dſu-l-Kaadah, fünf Monate nad) dem
Regierungsantritte Omars. In diefer Schlatht führte
Abu Uberdah den Dberbefehl. Hierauf fam die Schlacht
bei Merdj Alfofar, Anfangs Muharram des Jahres iA,
worauf die gefchlagenen Griechen nad SJerufalem und
Damasf flohen. Nach der Tradition des Abu Muhnif
fand die Schlacht bei Merdj Afjofar 20 Tage nach der
von Adjnadein ftatt, dann ward Damasf erobert und
während der Belagerung der Oberbefehl dem. Abu Ubeidah
übertragen und dann kam erſt Die Schlacht bei Fachl.
Nach Andern aber kehrten die Moslimen 14 Tage nach
der Schlacht von Merdj Aſſofar zur Belagerung von
21
1 Anhang zum erſten Bande,
Damasf zurück und drangen big an die Thore der Stadt
vor (16. Muharram des Jahres 14). Nach) Ginigen
leitete Chalid nod) die Belagerung von Damasf, und führte
den Oberbefehl bis zur Ginnahme diefer Stadt, welche
Wakidi in den Radjab des Jahres 14 fett. Auf die Er—
oberuug von Damask, das nach Ginigen mit Abu Ubeida
Frieden ſchloß, während Chalid von einer andern Seite
ber die Stadt erjtürmte, folgte die der Küftenftädte Bei—
rut, Seida, Jrfab und Diubeil, die zwar zu Ende
der Regierung Omars wieder verloren giengen, unter
Dthman aber durch Muawia aufs Neue, nebit Tripoli,
unterworfen wurden. Auch Haleb und Antiochien
nahm Abu Ubeida, bald nach der Uebergabe von Himß.
Balbek ergab fi) den Moslimen, au) Himß, nad) ei=
ner furzen Belagerung, ebenfo Hamah und Kinesrin.
Die Schlaht am Jarmuf ward im Nadjab des Jahres
15 gefochten, Serufalem erft im Jahre 17 erobert und
Cäſarea nach einigen Traditionen im Jahre 18, nach
Andern erft im Schamwal des Jahres 19. Als Muawia
legtere fefte Stadt mit Sturm nahm, fand er darin 700000
ftreitbare Männer, 30000 Samaritaner, 200000 Juden,
300 Bazare. Die Mauern der Stadt waren jede Nacht
von 100000 Kriegern bewacht. in Jude zeigte den Be—
lagerern einen unterivdifchen Weg, der fie in das Innere
dev Stadt führte. Askalon ward nach Ginigen von
Muawia, nad) Andern von Amru Son Mlaap erobert,
aber diefe Stadt fowohl als Gäfaren wurde während der
Empörung des Abd Allah Son Zubeir, von den Griechen
zerftört. Im Jahre 28 oder nad) Andern im J. 29 lan—
deten die Araber in EHpern und die Inſel unterwarf
fi) gegen einen jährlichen Tribut von 7200 Dinaren. Da
fie aber, von den Griechen unterftüßt, fi im Jahre 32
wieder empörte, fuhr Muawia im Jahre 33 aufs Neue mit
500 Schiffen nach Cypern, unterwarf die ganze Inſel mit
Gewalt und Tieß eine arabifche Beſatzung zurück. Nach
Anhang zum erften Bande. II
Ginigen fand jedoch diefe zweite Grpedition erſt im Jahre
35 ftatt.
Meſopotamien ward erjt nach dem Tode des Abu
Ubeida durch Jjjadh Ibn Ghanim erobert. Rakkah cas
pitufirte im Jahre 18, nach einer fünftägigen Belagerung,
dann Roha, Harran, Sumeifat, Menbidj, Kir-
Fifia, Amid und Niſibin. Alle diefe Städte ergaben
fih noch im Jahre 19. Im folgenden Jahre unterwarf
ſich auch Arzen und Zijjadh drang bis Bedlis vor.
Umeir Ibn Saad eroberte hierauf Ein Alward, Nas
Alein und das Chaburgebiet. (Diep fpricht gegen
Abulf. Geogr. p. 278, demzufolge Nas Gin und Ein
Wardah ein und diefelbe Stadt wären).
Die Städte am obern Euphratgebiete hatten viel von
den Ginfällen dev Griechen zu leiden. Im J. 133 308
Konftantin gegen Malatia und zerftörte die Stadt, nach—
dem die Araber fich geflüchtet hatten. Manßur ließ fie
aber im J. 140 wieder aufbauen und Konftantin, der einen
zweiten Feldzug unternahm, kehrte wieder um, als er bie
Stärfe des arabifchen Heeres vernahm. Marafch fol
nach Ginigen, noch unter Abu Ubeida’s Oberbefehl, Chalid
Son Welid unterworfen haben. Auch diefe Stadt ward
von den Griechen unter dem Chalifate Merwan's verwüſtet,
aber unter Manfur wieder aufgebaut und von Iſa Ibn
Ali gegen ein 80000 Mann ftarfes griechifches Heer unter
Michail vertheidigt. Hadath, eine Stadt, von welcher
der Name Darb Alhadath (der Engpaß von Hadath)
herkömmt, ward ebenfalls unter Merwan von den Griechen
zerftört und erft unter Mahdt durch Hafan Jon Kahtaba
im Sabre 161 wieder hergeftellt.
Nach dem Berfalle des Perſerreichs nahmen die Grie—
hen von Armenien Beſitz, doch befreite fid) ein großer
Theil diefes Landes unter Armeniafus von der Herrichaft
der Griechen. Nach Armeniafus beherrjchte eine Frau bie
Armenier. Sie hieß Kalt und baute die Stadt Ralifala,
IV Anhang zum erften Bande.
welches „Kali's Wohlthat“ bedeutet. Diefe Stadt ward
unter Othman von Habib Ion Maslama Alfihri belagert
und zur Uebergabe genöthigt. Habib hatte nach einigen
Berichten nicht mehr als 8000 Mann bei fi), er forderte
daher DBerftärfung, weil die Armenter ein großes Heer
gegen ihn zufammenzogen. Muawia fandte ihm von Syrien
aus 2000 Mann und der Statthalter von Kufa 6000
unter dem Oberbefehle des Salman Ibn Nabia Albahili,
der auch Salman Mlcheil genannt wird. Habib hatte
aber die Armenter fchon beſiegt als Salman heranrückte
und die beiden Generäle entzweiten fich fowohl wegen der
Vertheilung der Beute, als wegen des Oberbefehls. Ka—
lifala blieb in den Händen der Mufelmänner bis zum $.
133, wo fie von dem Armenier Kufan genommen und zer=
ftort ward. Aber auch diefe Stadt ließ Manfur wieder
aufbauen, und Mutaßim, bei einem abermaligen Aufftande
dev Armenier, aufs Neue befejtigen. Habib belagerte und
nahm auch Debil, er drang dann bis Tiflis vor, das
fich gleichfalls unterwarf. Salman wendete fich gegen
Arran und Beilekfan und drang, mach der Groberung
mehrerer Städte, worunter auch Bardaah, bis über den
Fluß Belendjer vor, wo er vom Chakan getödtet und fein
auf 4000 Mann zufammengefchmolzenes Heer aufgerieben
ward. Unter dem Ghalifate Jezids Fam dev Statthalter
Dijarrab, der in Bardaah vefidirte, auf einem Ötreifzuge
in der Gegend von Ardebil um. Weitere Groberungen in
Armenien und Adferbeidjan machte Maslama Ibn
Abd Almelit, der Bab Alabwab nahm und Merwan
Son Mohammed, der in das Land der Chozaren bis
Schirwan vordrang. Gr fehrte erſt um, als er bie
Ermordung Welid's vernabm und überließ die Statthal-
terfchaft dem Thabit Ibn Nueim Aldjudſamij. Unter
Manfur war Jezid Ibn Uſeid Statthalter diefer Provin-
zen, welcher Bab Allan eroberte und auf Befehl des
Shalifen fich mit dem König der Chozaren verfchwägerte,
Anhang zum erften Bande, Y
Ihm folgte Hafan Ion Kabtaba, unter deffen Verwaltung
die Armenier fich gegen den Ghalifen auflehnten und Mu—
fchafil zum Häuptling erwählten. Manßur jandte ihm
Amir Ibn Iſmail zu Hülfe, er ward des Aufitandes
Meiiter und tödtete Mufchafil.
Amru's Zug nah Egypten fand im $. 19 ftatt.
Gr hatte urfprünglih nur 3500 Mann bei fi), dann
führte ihm aber Zubeir noch 10—12000 Mann zu. Foftat
bieß damals Aliun Babylon), die Hauptſtadt des Landes,
(Memphis), ward im J. 20 unterworfen und im folgenden
Sabre z0g Amru nad) Alerandrien und nahm diefe
Stadt nach einer Belagerung von drei Monaten. Sm J.
23 oder nach Andern im J. 25 landete Manuel mit 300
Schiffen vor Alerandrien, die Griechen empörten ſich und
die Stadt mußte zum zweitenmale erftürmt werden, Manche
behaupten, die Alerandriner haben fich zweimal gegen die
Herrichaft der Araber aufgelehnt, einmal im J. 23 und
einmal im 3. 25. (Ueber die Namen und Reihefolge der
Statthalter von Egypten [S.Bd. I. ©.239 u. 283] ließt
man: Nach der Gntjegung des Keid ward Mohammed,
der Sohn des Chalifen Abu Befr, als Statthalter nad)
Egypten gefandt. Auf diefen folgte Malik Mafchtar, der
vergiftet ward, worauf dann der genannte Mohammed
zum zweiten Male die Statthalterfchaft erhielt. Amru
blieb dann Statthalter von Egypten, big zu feinem Tode,
ihm folgte zuerft fein Sohn Abd Allah, dann Muawia
Son Hudeidj, vier Jahre lang, dann Okba Ibn Nafi, der
Sfrikija eroberte). Okba wurde unter Jezid wieder
zum Statthalter ernannt und er machte einen Streifzug
gegen Sus Aladna (die Nähere), welche hinter Tanger
liegt, und z0g im Lande umher, ohne daß fi ihm ein
Feind entgegenftellte, dann fehrte er wieder um. Tanger
eroberte Mufa und er tft der Erfte, der fich) hier niederließ.
Nach der Schlacht son Kadeſia blieben die Araber
nach Ginigen 9, nah Andern 18 Monate in Nahrichir
VI Anhang zum erſten Bande.
liegen. Die Schlacht bei Djelula war gegen Ende des J. 16.
Kufa ward nach Einigen im J. 17, nach Abu Ubeida aber erſt
im J. 18 erbaut. Statthalter von Kufa waren zuerſt Saad
Ibn Wakkaß, dann Amir Ibn Jaſir, hierauf Mughira Ibn
Schuba, dann nochmals Saad Ibn Wakkaß, Welid Ibn Okba
und Said Ibn Alaaßi Ibn Said Ibn Alaaßi. Der Bau von
Bagdad, wo auch früher fchon ein Ort lag, ward im
$. 145 begonnen. Der vöftlihe Theil hieß Nußafa, aud
Aſkar Almahdi, (Heer oder Lager Mahdi's) weil Mahdi
dafelbjt fein Lager auffchlug, als er nach Chorafan 309.
Sein Schloß hieß Kafr Alwaddhah, nah dem Namen
eines Baumeifters aus Anbar, der den Plan entwarf und
den Bau leitete, e8 lag am Karchthore. Mahdi hielt fi)
meiftens in Mafabadfan auf, und Harun in Rafifah.
Holmwan capitulirte nach der Flucht Jezdedjerd's, Saad zog
dann nach Deinemwr, das er jedoch nicht zu nehmen ver—
mochte, aber Kirmaſin ergab fi im J. 19. In demfelben
Jahre, nad) Andern im Jahr 20 oder 21, fand die Schlacht
bei Nehawend ftatt, in welcher Numan Ibn Mufarrin um—
fam, Hudſeifa Son Jemen aber doch den Sieg davon
trug. Nach der Schlacht ward Nehamwend belagert, die
Stadt capitulirte und da der Unterhändler Dinar hieß,
ward fie zuerft Mah Dinar genannt, fpäter aber Mah
Baßrah, und Deinewr, welche fih nad) einer fünftägt-
gen Belagerung dem Abu Mufa ergab, der Numan neue
Truppen zuführte, erhielt den Namen Mah Kufa. Dann
capitulirte Mafabadfan, dann Sirawan, Grfteres
jedoch nad) Ginigen fehon vor der Schlacht von Nehawend,
(Nach einigen Geographen bei Abulf. p. 415 war Sirawan
dev Name des Bezirks und Mafabadfan der Name der
Hauptitadt, nad Andern führte die Stadt beide Namen).
Hamadan ward durch Djeriv Ibn Abd Allah gegen
Ende des Jahres 23 erobert, uach Andern erſt im folgen
den Jahre, 6 Monate nach dem Tode des Chalifen Omar.
Ißpahan eapitulirte aber noch unter Omar im $. 23.
Anbang zum eriten Bande. VII
Kaſchan ward durch Ahnaf Ibn Keis, nach einigen im
J. 23, nach Andern im folgenden Jahre, erobert. Ißtachr,
wohin Jezdedjerd floh, ward vergebens von Abu Muſa
und nach ibm von Othman Ibn Abi-l-Aaß belagert, jelbft
als Abd Allah Son Amir im J. 29 nach Baßrah fam
und ſchon ganz Bars in den Händen der Mufelmänner
war, widerftand Iſtachr noch. Von Iſtachr floh Jezdedjerd
nach Kerman, wohin ibn Mudjafcht verfolgte, dev aber
in diefem Lande fein Heer verlor, Als dev Marzaban von
Kerman Sezdedjerd mit Geringſchätzung behandelte, flüchtete
er fih nah Sedjeſtan, wo er eine gute Aufnahme fand,
doch weigerte fich dev Fürft diefes Landes ihm Steuern zu
bezahlen, er begab fih daher nach Choraſan. Neizef
Terhan warb hier um feine Tochter und da fie ihm
verfagt ward, unterjtügte ev den Marzaban von Meru,
der fich gegen Jezdedjerd aufgelehnt und geweigert hatte,
über feine Verwaltung Nechenichaft abzulegen. Sezdedjerd
ward in der Nähe von Meru gefchlagen und dann auf dev
Flucht, nach einigen von einem raubjüchtigen Müller, nach
andern von den Leuten des Marzaban von Meru, getödtet.
Rei ward zwei Monate nach der Schlacht von Ne-
hawend durh Urwa Ibn Zeid erobert, welchen Amir
Ibn Jaſir auf Befehl Omars gegen die Deilemiten fandte,
Kumis ergab fi) bald darauf, aber Dameghan mußte
mit Sturm genommen werden. Rei empörte ſich jpäter
wieder, ward aber aufs Neue unterworfen, dann von
Mahdi erweitert und befeftigt. Während Mugbira
Statthalter von Kufa war, wurden Hanzala Ibn Zeid
und Bara Ibn Azib gegen Kaswin gefandt. Die
Stadt rief die Deilemiten zu Dülfe, ward aber demohnge-
achtet bald zur Uebergabe genöthigt. Auh Ghilan ca-
pitulirte, aber Zengan mußte mit Gewalt erobert wer-
den und mehrere andere Plätze diefer Provinz wurden erft
unter Othman genommen.
Nah Adfjerbeidjan zog Hudfeifa Ihn Aljemen
VIII Anhang zum erſten Bande.
auch noch unter dem Chalifate Omars, zur Zeit als Mus
ghira Statthalter von Kufa war. Der Marzaban ergab
fich ihm nach kurzer Gegenwehr, er befette dann Ardebil
und machte Streifzüge nah Mokan und Ghilan, die
auch Frieden mit ihm fchloffen. Omar rief dann Hudfeifa
zurück und ſandte Otba Ibn Farkad nach Adferbeidjan.
Nah Wakidi fand die Groberung diefer Provinz im $.
22, nach Ibn Kelbt ſchon im 3. 20 ftatt, dann empörte
fie fih aber wieder und ward durh Aſchath Ibn Keis
aufs Nene unterworfen, Unter Othman brach abermals
ein Aufftand aus, den Welid Ibn Otba dämpfte.
Moßul ward im J. 20 von Otba Ibn Farkad
genommen. Derjelbe unterwarf auch noch unter Omar's
Regierung Schehrzur, Samighan (mit Sad) und
Derabads, welches zu Moßul gehörte.
Nah Tabariftan unternahm, unter Othman's Cha—
lifate, Said Ihn Alaaßi einen Feldzug. Der Fürft von
Djordjan unterwarf ſich ihm, ev eroberte die Ebenen von
Zabariftan und Rujan und die Gebirgspälfer machten
fich ihm tributpflichtig. Unter Muawia gieng Maßkalah
Son Hubeira mit allen feinen Truppen in Tabariftan zu
Grunde. Ein zweites mufelmännifches Heer unter Ubeid
Allah Ibn Zijad ward aud in Tabariftan aufs Haupt
gefchlagen. Unter dem Ghalifen Suleiman kämpfte
Jezid Ibn Muhallab mit Erfolg gegen Ghilan, De—
biftan, Sarta und Djordjan, auch unterwarf fich ihm
der Fürſt Sol Alturfi. Tabariſtan brad) oft den
Frieden, zulegt noch unter Manfur, welcher Abu=l-
Haßib Marzuk, Chazim Ibn Chuzeima und Ruh Ibn
Chatim gegen die Rebellen ſandte. Unter Mamun erſtürmte
Mohammed Ibn Muſa Ibn Hafß den Berg Scherwin.
Obolla, der Hafen von Oman, Bahrein, Indien
und China, ward von Otba Ibn Ghazwan genommen,
dann Furat, Abarkubad und Doſtmeiſan. Mus
ghira eroberte Meifan und unter dieſem Namen wer—
Anhang zum erften Bande. IX 4
ben zuweilen auch die vorgenannten Plätze verftanden.
Der Bau von Baßrah ward im J. 14 begonnen, Z
lagerte Otba in Hureibah.
Suf Alahwas ward von Mughira gegen Ende
des J. 15 oder nach Andern zu Anfang des J. 16 erobert.
Dieſe Stadt empörte ſich aber wieder und Abu Muſa
ward gegen dieſelbe geſandt, der ganz Chuzijtan,mit
Ausnahme von Sus, Ram Hormuz und Tuſter un—
terwarf. Die beiden erſten Plätze ergaben ſich erſt nach
einer längern Belagerung und Tuſter, wo die Hauptmacht
des Feindes lag, ward durch Verrath eines Perfers genom-
men. In Sus fand man das Grabmahl des Propheten
Daniel, das in einem Hungerjahre von Babel dahin ge-
Ichafft worden war. Nam Hormuz empörte fich wieder
und ward zum zweitenmale durch Abu Marjam unterwor=
fen. Der Einnahme diefer Pläse folgten die von Djun-
dDifabur, Zenbil, Gulbanijeh, Zut und Serru.
Othman Ion Abi-1-Aaß fandte noch unter Omar
feinen Bruder Alhakam nad der Inſel Ka wan, dann
nach Tudj, in der Provinz Ardichir, nach Ginigen ward
Tudj von Othman ſelbſt erobert, der auch Darabgerd
und Faſa unterwarf. Im Jahre 23 oder nach Andern
im $. 24 unterwarf derfelbe auch Sabur, das aber im
J. 26 zum zweitenmale befriegt werden mußte. Auch Da—
rabgerd empörte fich, ward aber im J. 28 durch Abd Allah
Son Kureiz, der auch Iſt achr nahm, aufs Neue unter-
worfen.
Nach der Eroberung von Fars und der Inſel Kawan
ward das Land Kerman durd Mudjafcht Ibn Masud
erobert. Er nahm zuerft Beimend, dann Sirdjan,
die Hauptftadt von Kerman, dann Djireft.
Abd Allan Ibn Amir fandte im 3. 30 Rabia
Fon Zijad nah Sedjeftan. Gr gieng nach Fehredj,
durchfchnitt die Wüſte von Kerman und gelangte nach dem
Drte Zalik, der nur noch drei Pharafangen von Sedje-
*1
X Andang zum erften Bande.
ftan liegt. Der Fürft diefes Landes unterwarf fich ihm
und gab ihm Führer mit nah Zufcht, das noch 30 Mi-
lien von Zerendj entfernt ift. Letztere Stadt capitulirte.
Abu Samrah eroberte dann das Land zwifchen Zerendj
und dem Lande des Dawer in Indien, derjelbe unterwarf
auh Boſt und Zabul, und unter Muawia's Chalifat
drang Abd Errahman Ion Samrah bis Kabul vor
Unter Omar’s GChalifate fandte Abu Mufa den Abd =
Allah Ibn Budeil nach den beiden Beiten Tebefein, an
ber Grenze von Choraſan, welche mit ihm Frieden
ſchloſſen.
Im J. 30 ſandte Abd Allah Ibn Amirden Ahnaf
Ibn Keis nach Kuhiſtan. Nach mehrern kleinern Plätzen
nahm Adham Ibn Kolthum Beihak, dann Ibrſchehr,
dann Nifabur Abd Allah Ibn Chazim unterwarf
Serachs, dann Tus Abd Allah Ibn Amir fandte
dann Hamza nah Herat, Badis oder Badsghis
und Bufchendj, worauf Meru Frieden ſchloß. Ahnaf
Ibn Keis unterwarf Tohariftan und Merurud. Der—
jelbe jchloß einen Frieden mit Talikan und eroberte
Farjab. Abd Allah drang bis an den Orus vor, nach
einigen Traditionen überfchritt er fogar diefen Strom und
fchloß Frieden mit Transoranten. Unter Alis Chali=
fate vebellirte Chorafan wieder. Ubeid Allah Ihn Zijad
eroberte Beifend und fchloß Frieden mit Buhara und
Zamin Said Ibn Dthman Ibn Affen unterwarf
Kefh und Nafaf oder Nachſchab, und fehloß Fries
den mit Tirmeds und Samarfand, Kuteiba
nahm Buchara und Samarkand dur Verrath, auch
unterwarf er wieder zum zweitenmale Peikend, Keſch und
Nafaf und eroberte Sahaſch, einen Theil von Fer—
ghbana, Soghd und Osruſchana.
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l. bewachten ft. bewacht hatten.
„ Dman ft. Omman.
. „vor nah dem W. er.
. „ Ufer nah dem W. Jordan,
iſt zu zu ſtreichen.
[. Dſu-l-Hadjib ft. Djaban.
„Iſtachr ft. Iſtache.
„deſſen ſt. deren.
„Geſandten ft. Geſandte.
„Ubeid ſt. Abd.
„Hudeidj ft. Chudeidj.
. 163 ft. J. 34.
» Bezier ft. Vizier.
„ thäte ft. that.
„ rein ft. reine,
„25 ft. 24.
„24 ft. 23.
„19 ft. 18,
„28 ft. 20.
„ 26. 27. 28. ff, 12, 18. 14.
„ 2te Auguft 657 ft. 19te Suli 637,
„ Dierir ft. Djeria.
„ Mohammeds ft. Mahommeds,
.„» Aromal ft. Amal.
„Abi ft. Ali.
er BASIt:2H;
„ einer und derfelben ft. eine und diefelbe.
„Zijad ft. Ziad.
7) Yjjub ft. Ajub.
„ sten ft. 8ten.
„ Freitag ft. Donnerftag.
„» Bureira ft Burira.
„» Ausmwanderern ft. Auswanderer.
„ſelbſt vor tem Wort aber,
„ Hanafije ftatt Hanifije.
f. über ft. gegen.
„ großen ft. großer.
„ weißer ft. meijer-
Seite 385 Zeile 5 v. o. lefe um fi. und.
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„ diejem ft. diefen.
. „ Statthaltern ft. Statthalter.
. {ft Son Ubeid Allah zu ftreichen.
. Ubeid ft. Abd.
.„Ahwas ft. Ahmas.
.„dieſe ft. diejer.
. it das zweite ihn zu freichen.
l. Allah ft. Allab.
„ welde ft. welches.
« „ demander ft. demandes.
. » Mutarrif fi. Mutrif.
„Zagroß ft. Zagrrß.
„„und“ vor befahl.
.„’ mit fi. in.
.„Zuheir ft. Zubeir.
„vor nah tem Wort Wint,
. „ die, welde ft. der, welder.
u „ Zerez ft. Perez.
. „von vor dem Wort Ecija.
„ Mujejjab ft. Mefejjab.
. „ Mufaddhal ft. Mufadhal.
„Kebſcha ft. Kebſchan.
„geſagte vor d. W. Note,
.„Dinare ft. Diahren.
„er nach d. W. und.
„zum ft. zur.
„ Ajubs ft. Ajjabe.
. it das, vor d. W. fein zur ftreichen.
. ft das Wort gerade zu ftreichen.
„ die ft. der,
I. Chunaßira ft. Chanaßira.
„ reiten ft. reizte,
„325 ft. 125.
„ 332 ft. 132.
„334 ft. 134.
„ ihm ft. ihnen.
„ er ft. dieſer.
„ in ft. im.
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483945
Weil, Gustav
Geschichte der Chalifen. vol.]l
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